Quellen der Menschheit

Prakāśa-Saṃhitā

Paṭala 5: Pañcamo 'dhyāyaḥ (Paratattvanirṇaya, Prathamaparicchedaḥ) Fünfter Adhyāya – Die Sinne und ihre Fehler, die dreifache ewige Seelenklasse, und die fünf Formen der Unwissenheit

Fünfter Adhyāya der Prakāśa-Saṃhitā (Pāñcarātra), gelehrt von Śrī Haṃsa. Ausführliche, physiologisch-technische Durchmusterung aller zehn Sinnesorgane (Tastsinn, Sehen, Schmecken, Riechen, Sprache, Hände, Füße, After, Geschlechtsorgane) jeweils mit ihren spezifischen Krankheits-/Fehlerkatalogen, unter der Leitunterscheidung von grobstofflicher Hülle (golaka) und übersinnlichem, wesenseigenem 'wahren' Organ (svārūpendriya); eingebettet die für diese Saṃhitā charakteristische Lehre einer ewig-feststehenden dreifachen Seelenklasse (zur Erlösung befähigt / in ewiger Wiedergeburt / zur Finsternis befähigt, V.6-23, 69-73), sowie die Lehre von Viṣṇus und Ramās alleiniger echter Unabhängigkeit gegenüber der beginnungslosen Abhängigkeit aller anderen Wesen von göttlicher Gnade. Zum Schluss die klassische, aus dem Sāṅkhya bekannte Fünfheit der Unwissenheitsformen (tamas/moha/mahāmoha/tāmiśra/andhatāmisra, V.58-65, vgl. Sāṅkhyakārikā 48), den fünf Sinnesbereichen zugeordnet, sowie die Lehre von der atomaren Größe (aṇutva) der Einzelseele und ihrer ewigen Wiederkehr innerhalb von Haris Leib von Kalpa zu Kalpa. Quelle: GRETIL prakassu.htm (Sansknet-Projekt, keine benannte moderne kritische Edition – gemeinfrei nutzbar).

jñānendriyāṇi pañcāni pañcakarmendriyāṇi ca / rajobhāgagatānyeṣu śrotramā(traṃ)dyaṃ viśiṣyate // śrāvaṇāsyādyabhaktestu sādhakatvādguṇādhikam / tvakcarmagolake sarvadehage samupāśritāpasthitā

Die fünf Erkenntnissinne und die fünf Handlungssinne gehören zum Rajas-Teil; unter ihnen zeichnet sich das Gehör als das Erste aus, da es Mittel zur Hingabe des Hörens und dergleichen ist, mit vorzüglicher Eigenschaft. Der Tastsinn ist in der Haut-Hülle angesiedelt, die den ganzen Körper überzieht.

Wort für Wort
jñāna-indriyāṇi pañca
die fünf Erkenntnissinne
pañca-karma-indriyāṇi ca
und die fünf Handlungssinne
rajaḥ-bhāga-gatāni
zum Rajas-Teil gehörig
eṣu śrotram ādyam viśiṣyate
unter ihnen zeichnet sich das Gehör als das Erste aus
śrāvaṇa-āsya-ādi-bhakteḥ tu sādhakatvāt guṇa-adhikam
da es Mittel zur Hingabe des Hörens u.a. ist, mit vorzüglicher Eigenschaft
tvak carma-golake sarva-deha-ge
der Tastsinn in der den ganzen Körper überziehenden Haut-Hülle
samupāśritā upasthitā
angesiedelt, befindlich

[?] Verse 1-2 im Quelltext teils lückenhaft/unsicher, sinngemäß zusammengefasst.

kuṣṭhabhaṅurapāmādyāḥ tvakdoṣāḥ parikīrtitāḥ / avyaktādi sparśadoṣaśūnyāḥ śītoṣṇapūrvakāḥ // sparśāstadviṣayāḥ proktāḥ vāyutejombubhūmayaḥ / padārthāḥ kecanaguṇāḥ satvagindriyagocarāḥ // tvaksparśau prakṛtisthau dvau nityau sthūlāvanityakau / tajjanyau prākṛtau vāyusaṃśrayau naśvarau matau

Hautkrankheit, Geschwüre und dergleichen werden als Fehler des Tastsinns benannt; frei von solchen Tastfehlern sind [die reinen Empfindungen] Kälte und Wärme, [als Grundqualitäten] vorausgehend. Die Berührungsempfindungen werden als dessen Gegenstände bezeichnet: [die Elemente] Wind, Feuer, Wasser, Erde – manche [dieser] Dinge sind Eigenschaften, [andere] fallen in den Bereich des Tastsinns. Haut und Tastsinn, in der Urnatur gegründet, sind ein ewiges Paar; das grobstoffliche [Paar] ist unbeständig; dieses aus jenem entstandene, natürliche, im Wind-Element wurzelnde [Paar] gilt als vergänglich.

Wort für Wort
kuṣṭha-bhaṅura-apāma-ādyāḥ
Hautkrankheit, Geschwüre und dergleichen
tvak-doṣāḥ parikīrtitāḥ
werden als Fehler des Tastsinns benannt
avyakta-ādi sparśa-doṣa-śūnyāḥ
frei von Tastfehlern [sind]
śīta-uṣṇa-pūrvakāḥ
Kälte und Wärme vorausgehend
sparśāḥ tad-viṣayāḥ proktāḥ
die Berührungsempfindungen werden als dessen Gegenstände bezeichnet
vāyu-tejaḥ-ambu-bhūmayaḥ
Wind, Feuer, Wasser, Erde
padārthāḥ kecana guṇāḥ
manche Dinge sind Eigenschaften
tvak-indriya-gocarāḥ
fallen in den Bereich des Tastsinns
tvak-sparśau prakṛti-sthau dvau nityau
Haut und Tastsinn, urnaturgegründet, ein ewiges Paar
sthūlau anityakau
das grobstoffliche [Paar] unbeständig
tat-janyau prākṛtau vāyu-saṃśrayau naśvarau matau
das daraus entstandene, natürliche, windgegründete Paar gilt als vergänglich

indriyāṇāntu viṣayāḥ guṇāmātrāḥ prakīrtitāḥ / jñānātmakānāṃ te sarve dvividhāḥ parikīrtitāḥ // viṣṇuvaiṣṇavasevāyai anukūlāḥśubhā matāḥ / aśubhāḥ pratikūlāśca punaste trividhā matāḥ // muktiyogyāśritā nityāḥ nityasṛtiṣu madhyamāḥ / tamoyogyāśritā nīcāstattadyogyasusādhanaiḥ // nīcamadhyottamasthānaprāpakāḥ kramayogataḥ

Die Gegenstände der Sinne sind als bloße Eigenschaften erklärt; sie alle, in Bezug auf die Erkenntnissinne, werden als zweifach verkündet: dem Dienst an Viṣṇu und den Vaiṣṇavas förderlich – als heilvoll geltend; und ungünstig, entgegenwirkend – als unheilvoll geltend. Und wiederum werden [die Seelen] als dreifach gehalten: die zur Erlösung Befähigten, ewig [dieser bestimmt]; die mittleren, in ewiger Wiedergeburt [verbleibend]; die zur Finsternis Befähigten, die niedrigsten – [jede Klasse] mit den ihr jeweils zukommenden Mitteln. [Diese drei Klassen] gelangen der Reihe nach zur niedrigsten, mittleren [und] höchsten Stätte.

Wort für Wort
indriyāṇām tu viṣayāḥ
die Gegenstände der Sinne aber
guṇa-mātrāḥ prakīrtitāḥ
sind als bloße Eigenschaften erklärt
jñāna-ātmakānām te sarve dvividhāḥ parikīrtitāḥ
in Bezug auf die Erkenntnissinne werden sie alle als zweifach verkündet
viṣṇu-vaiṣṇava-sevāyai anukūlāḥ śubhāḥ matāḥ
dem Dienst an Viṣṇu und den Vaiṣṇavas förderlich, als heilvoll geltend
aśubhāḥ pratikūlāḥ ca
und ungünstig, entgegenwirkend, als unheilvoll
punaḥ te trividhāḥ matāḥ
und wiederum werden [die Seelen] als dreifach gehalten
mukti-yogyāḥ āśritāḥ nityāḥ
die zur Erlösung Befähigten, ewig [dieser bestimmt]
nitya-sṛtiṣu madhyamāḥ
die mittleren in ewiger Wiedergeburt
tamaḥ-yogyāḥ āśritāḥ nīcāḥ
die zur Finsternis Befähigten, die niedrigsten
tat-tad-yogya-su-sādhanaiḥ
mit den ihnen jeweils zukommenden Mitteln
nīca-madhya-uttama-sthāna-prāpakāḥ kramayogataḥ
gelangen der Reihe nach zur niedrigsten, mittleren, höchsten Stätte

[Anm.] Beginn der für diese Saṃhitā charakteristischen Lehre einer dreifachen, ewig-feststehenden Seelenklasseneinteilung (muktiyogya/nityasṛti-madhyama/tamoyogya-nīca), vergleichbar der späteren traividhya-Lehre mancher Vaiṣṇava-Schulen.

jīvasvarūpabhūtāni manomātrendriyāṇi ca / tatsvarūpāṇi nityāni uttameṣu śubhānyapi // uttamā muktiyogyāstu nityabaddhāstu madhyamāḥ / adhamāstu tamoyogyāḥ manomātrādayastathā // svārūpikāścaliṅgasthāḥ anityāḥ sthūladehagāḥ / viṣṇoramāyābrahmādi muktānāṃ kramayogataḥ // manomātrendriyajñānasukhadhairyabalādayaḥ

Geist, feinstoffliche Elemente und Sinne sind der Wesensnatur der Seele zugehörig; ihre wesenseigenen Formen sind ewig, bei den Höchsten auch heilvoll. Die Höchsten sind zur Erlösung befähigt, die Mittleren ewig gebunden, die Niedrigsten aber zur Finsternis befähigt – ebenso [ihr jeweiliger] Geist, Elemente und so fort: wesenseigen, im feinstofflichen Leib wohnend, [doch] unbeständig, sobald sie in den grobstofflichen Körper eingehen. Von Viṣṇu, von Ramā, von Brahmā und den anderen Befreiten, der Reihe nach – Geist, feinstoffliche Elemente, Sinne, Erkenntnis, Glück, Standhaftigkeit, Kraft und dergleichen –

Wort für Wort
jīva-svarūpa-bhūtāni
der Wesensnatur der Seele zugehörig
manaḥ-mātra-indriyāṇi ca
Geist, feinstoffliche Elemente, Sinne
tat-svarūpāṇi nityāni
ihre wesenseigenen Formen sind ewig
uttameṣu śubhāni api
bei den Höchsten auch heilvoll
uttamāḥ mukti-yogyāḥ tu
die Höchsten sind zur Erlösung befähigt
nitya-baddhāḥ tu madhyamāḥ
die Mittleren ewig gebunden
adhamāḥ tu tamaḥ-yogyāḥ
die Niedrigsten aber zur Finsternis befähigt
manaḥ-mātra-ādayaḥ tathā
ebenso Geist, Elemente und so fort
svārūpikāḥ ca liṅga-sthāḥ
wesenseigen und im feinstofflichen Leib wohnend
anityāḥ sthūla-deha-gāḥ
unbeständig, sobald im grobstofflichen Körper
viṣṇoḥ ramāyāḥ brahma-ādi-muktānām kramayogataḥ
von Viṣṇu, Ramā, Brahmā und den anderen Befreiten der Reihe nach
manaḥ-mātra-indriya-jñāna-sukha-dhairya-bala-ādayaḥ
Geist, Elemente, Sinne, Erkenntnis, Glück, Standhaftigkeit, Kraft und dergleichen

svarūpāṇyevaviṣṇostu nityavyāptāni kṛtsnaśaḥ / svatantrāṇi svatantrasya (karmāṇi tu)puruṣasya mahātmanaḥ // svasvarūpasthitau yasya jñānekarmaṇyapi sphuṭam / sarvasvarūpaceṣṭāsu parāpekṣā na yasya hi // sa svantantra iti proktaḥ sa viṣṇurnetaraḥ kvacit / avyaktatatkāryamaya dehaśūnyāramāpi hi // taccittendriyamātrāstu nityā vyāptā svarūpakāḥ / viṣṇvaikavaśagāstasyāḥ haryapekṣāsadasti hi

– sind allein bei Viṣṇu gänzlich seine eigenen ewigen, alldurchdringenden Wesensformen; unabhängig, [wie es sich für] die Taten des unabhängigen großen Selbst (Puruṣa) [gehört]. Wer in Erkenntnis und Handlung gleichermaßen offenkundig im eigenen Wesen gegründet ist, und wer in allen Betätigungen seiner eigenen Wesensform keine Abhängigkeit von einem anderen [Wesen] hat – der wird 'unabhängig' genannt; das ist Viṣṇu, kein anderer, nirgends. Selbst Ramā, obgleich [ihr Körper] frei vom Unentfalteten und dessen Erzeugnissen [erscheint] – auch ihr Citta, ihre Sinne und feinstofflichen Elemente sind zwar ewig, alldurchdringend, wesenseigen, [doch] allein Viṣṇu unterworfen; sie hat nämlich fürwahr Abhängigkeit von Hari.

Wort für Wort
svarūpāṇi eva viṣṇoḥ tu
allein bei Viṣṇu seine eigenen Wesensformen
nitya-vyāptāni kṛtsnaśaḥ
gänzlich ewig, alldurchdringend
svatantrāṇi svatantrasya puruṣasya mahātmanaḥ karmāṇi tu
unabhängig, wie es die Taten des unabhängigen großen Selbst [gehört]
sva-svarūpa-sthitau yasya jñāne karmaṇi api sphuṭam
wer in Erkenntnis und Handlung offenkundig im eigenen Wesen gegründet ist
sarva-svarūpa-ceṣṭāsu parāpekṣā na yasya hi
und keine Abhängigkeit von anderem in allen eigenen Betätigungen hat
saḥ svatantraḥ iti proktaḥ
der wird 'unabhängig' genannt
saḥ viṣṇuḥ na itaraḥ kvacit
das ist Viṣṇu, kein anderer, nirgends
avyakta-tat-kārya-maya-deha-śūnyā ramā api hi
selbst Ramā, obgleich frei vom Unentfalteten und dessen Erzeugnissen
tat-citta-indriya-mātrāḥ tu nityāḥ vyāptāḥ svarūpakāḥ
auch ihr Citta, Sinne, Elemente ewig, alldurchdringend, wesenseigen
viṣṇu-eka-vaśagāḥ
allein Viṣṇu unterworfen
tasyāḥ hari-apekṣā sat asti hi
sie hat fürwahr Abhängigkeit von Hari

parāpekṣayutatvātsā asvatantrā prakīrtitā / brahmādimuktāmuktānām asvatantryamanāditaḥ // siddhameva svarūpe ca jñāne karmaṇyapi sphuṭam / nīcānīcasvarūpāṇām uttamottamacetasām

Wegen dieser Abhängigkeit von einem anderen wird sie [Ramā] als 'nicht unabhängig' bezeichnet; die Nicht-Unabhängigkeit Brahmās und der anderen befreiten wie unbefreiten [Wesen] ist [gleichfalls] anfangslos. Dies ist offenkundig feststehend, sowohl hinsichtlich der Wesensnatur als auch hinsichtlich Erkenntnis und Handlung, für [Wesen] niedrigster wie höherer Wesensart, [und] höchsten wie höheren Geistes.

Wort für Wort
parāpekṣā-yutatvāt sā asvatantrā prakīrtitā
wegen dieser Abhängigkeit wird sie als nicht unabhängig bezeichnet
brahma-ādi-mukta-amuktānām asvatantryam anāditaḥ
die Nicht-Unabhängigkeit Brahmās und der befreiten/unbefreiten Wesen ist anfangslos
siddham eva svarūpe ca jñāne karmaṇi api sphuṭam
dies ist offenkundig feststehend in Wesensnatur, Erkenntnis und Handlung
nīca-anīca-svarūpāṇām uttama-uttama-cetasām
für Wesen niedrigster/höherer Wesensart und höchsten/höheren Geistes

prasādataḥ pravṛttirhi jñānabhaktyādi cākhilam / jñānājñānatamomokṣāḥ nityānityajaḍasya ca // notpattināśau jīvānāṃ trividhānāṃ samastaśaḥ / svarūpaduḥkhadveṣerṣyā cintāsantāpapūrvakāḥ // na muktānāṃ dehayogo yāvatteṣāṃ bhayādikam / bhayādīni ca yogyebhyaḥ uttameṣvalpameva ca // jñānaṃ muktirayogyasya na ca svapnepi dṛśyate / svarūpājñānatamasī yogyānāṃ na kadācana // sṛṣṭiṃ sthitiṃ saṃhṛtiṃ ca niyatiṃ jagatosya tu / jñānājñāne tamomokṣau viṣṇunaiva vido viduḥ

Denn [alle] Betätigung – Erkenntnis, Hingabe und alles Übrige – geschieht allein aus Gnade, ebenso Erkenntnis, Unwissenheit, Finsternis und Erlösung, [sei es] für das Ewige, das Unbeständige oder das Leblose. Es gibt weder Entstehen noch Vergehen der Seelen, aller drei Klassen insgesamt; [ihrer Wesensnatur fremd sind] Leid, Hass, Eifersucht, [von] Sorge und Qual [begleitet]. Für die Befreiten gibt es keine Körperverbindung, insofern ihnen Furcht und dergleichen [fremd ist]; Furcht und dergleichen [gibt es] für die [bloß] Befähigten, doch bei den Höchsten [unter ihnen nur] wenig. Erkenntnis [und] Erlösung werden beim Unbefähigten nicht einmal im Traum gesehen; Unwissenheit über die eigene Wesensnatur und Finsternis [befallen] die Befähigten niemals. Schöpfung, Erhaltung und Auflösung, sowie die feste Ordnung dieser Welt, ebenso Erkenntnis, Unwissenheit, Finsternis und Erlösung – all dies erkennen die Kenner als allein durch Viṣṇu [gewirkt].

Wort für Wort
prasādataḥ pravṛttiḥ hi
denn [alle] Betätigung geschieht aus Gnade
jñāna-bhakti-ādi ca akhilam
Erkenntnis, Hingabe und alles Übrige
jñāna-ajñāna-tamaḥ-mokṣāḥ
Erkenntnis, Unwissenheit, Finsternis, Erlösung
nitya-anitya-jaḍasya ca
für das Ewige, Unbeständige, Leblose
na utpatti-nāśau jīvānām tri-vidhānām samastaśaḥ
kein Entstehen noch Vergehen der Seelen aller drei Klassen
svarūpa-duḥkha-dveṣa-īrṣyā
[fremd sind] Leid, Hass, Eifersucht der Wesensnatur
cintā-santāpa-pūrvakāḥ
von Sorge und Qual begleitet
na muktānām deha-yogaḥ
keine Körperverbindung für die Befreiten
yāvat teṣām bhaya-ādikam
insofern ihnen Furcht und dergleichen [fremd]
bhaya-ādīni ca yogyebhyaḥ
Furcht und dergleichen für die Befähigten
uttameṣu alpam eva ca
bei den Höchsten nur wenig
jñānam muktiḥ ayogyasya
Erkenntnis, Erlösung beim Unbefähigten
na ca svapne api dṛśyate
nicht einmal im Traum gesehen
svarūpa-ajñāna-tamasī yogyānām na kadācana
Unwissenheit/Finsternis befallen die Befähigten niemals
sṛṣṭim sthitim saṃhṛtim ca niyatim jagataḥ asya tu
Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, feste Ordnung dieser Welt
jñāna-ajñāne tamaḥ-mokṣau
Erkenntnis, Unwissenheit, Finsternis, Erlösung
viṣṇunā eva vidaḥ viduḥ
erkennen die Kenner als allein durch Viṣṇu [gewirkt]

brahmādīnāṃ svarūpantu atyantāṇutamaṃ matam / tadindriyāṇi sūkṣmāṇi sūkṣmāṇyeva sthirāṇi tu

Die Wesensnatur Brahmās und der anderen [Befreiten] gilt als überaus atomklein; ihre Sinne sind feinstofflich, ja feinstofflich und zugleich beständig.

Wort für Wort
brahma-ādīnām svarūpam tu
die Wesensnatur Brahmās und der anderen aber
atyanta-aṇutamam matam
gilt als überaus atomklein
tat-indriyāṇi sūkṣmāṇi
ihre Sinne sind feinstofflich
sūkṣmāṇi eva sthirāṇi tu
feinstofflich und zugleich beständig

cakṣurgolakagaṃ netraṃ rūpagrāhyamatīndriyam / nityamavyaktagaṃ sthūlamanityaṃ janyamakṣi ca // svarūpanetrakalitaṃ nityānitye akṣiṇī ubhe / jñānaprade sākṣisaṃjñe sarvasvārūpakendriyam // uktānāṃ vakṣyamāṇānām indriyāṇāṃ samagraśaḥ / svārūpendriyasāhāyyaṃ vinā śaktirnavidyate // vṛddhiṃ hāniṃ ca labhate guṇairdeṣaiḥ svarūpataḥ / sākṣīndriyantu yogyānāṃ svottamadrohatāṃ vinā

Das im Augapfel sitzende Auge [ist die äußere Hülle]; das [wahre,] Form erfassende Auge ist übersinnlich: [es gibt] ein ewiges, dem Unentfalteten zugehöriges, [und] ein grobstoffliches, unbeständiges, [bei der Geburt] entstandenes Auge. Von dem wesenseigenen Auge durchdrungen sind beide Augen, das ewige wie das unbeständige; sie heißen 'Zeuge' (sākṣi), Geber der Erkenntnis – so [gilt es] für jeden wesenseigenen Sinn. Von allen genannten und noch zu nennenden Sinnen gibt es ohne den Beistand des wesenseigenen Sinnesorgans keine [wirksame] Kraft. [Der grobstoffliche Sinn] erfährt Zunahme und Abnahme durch gute Eigenschaften und Fehler, ausgehend von der Wesensform; das Zeugen-Organ aber [bleibt] bei den Befähigten [unversehrt], außer durch Verrat am eigenen Höchsten.

Wort für Wort
cakṣuḥ golaka-gam netram
das im Augapfel sitzende Auge
rūpa-grāhyam atīndriyam
das formerfassende [wahre Auge] ist übersinnlich
nityam avyakta-gam sthūlam anityam janyam akṣi ca
ein ewiges dem Unentfalteten zugehöriges, und ein grobstoffliches unbeständiges, entstandenes Auge
svarūpa-netra-kalitam nitya-anitye akṣiṇī ubhe
von dem wesenseigenen Auge durchdrungen beide Augen, ewig und unbeständig
jñāna-prade sākṣi-saṃjñe
Geber der Erkenntnis, 'Zeuge' genannt
sarva-svārūpaka-indriyam
für jeden wesenseigenen Sinn [gilt dies]
uktānām vakṣyamāṇānām indriyāṇām samagraśaḥ
von allen genannten und noch zu nennenden Sinnen
svārūpa-indriya-sāhāyyam vinā śaktiḥ na vidyate
ohne den Beistand des wesenseigenen Sinnesorgans gibt es keine Kraft
vṛddhim hānim ca labhate guṇaiḥ doṣaiḥ svarūpataḥ
erfährt Zunahme, Abnahme durch Eigenschaften, Fehler, von der Wesensform ausgehend
sākṣi-indriyam tu yogyānām
das Zeugen-Organ aber bei den Befähigten
sva-uttama-drohatām vinā
außer durch Verrat am eigenen Höchsten [bleibt unversehrt]

tatrāpīṣatkutaścittu tatsarvaṃ kuṇṭhitaṃ bhavet / paṭalaṃ kāmilā kācaḥ pratidīdhiti saṅgatiḥ // netrarogaṃ vraṇādyāśca paityapratihatāstathā / akṣibhramaṇaśaityādyāḥ netradoṣāḥ prakīrtitāḥ // ārasthatvaṃ dūragatvaṃ saukṣmaṃ ca vyavadhānataḥ / sthitiḥ samānābhighātaḥ arthadoṣāḥ prakīrtitāḥ

Doch selbst dort kann all dies, aus irgendeiner [äußeren] Ursache, beeinträchtigt werden: grauer Star, Gelbsucht, Katarakt, Doppelbilder. Augenkrankheit, Geschwüre und dergleichen, sowie durch Galle bedingte Störungen, Augenschwindel, Kälte und dergleichen werden als Augenfehler benannt. Zu-Nahe-Sein, Zu-Ferne-Sein, [übermäßige] Feinheit durch Verdeckung, Stillstand, gleichzeitiger [widersprüchlicher] Eindruck werden als Fehler des Gegenstandes benannt.

Wort für Wort
tatra api īṣat kutaḥ cit tu
doch selbst dort, aus irgendeiner Ursache
tat sarvam kuṇṭhitam bhavet
kann all dies beeinträchtigt werden
paṭalam kāmilā kācaḥ pratidīdhiti-saṅgatiḥ
grauer Star, Gelbsucht, Katarakt, Doppelbilder
netra-rogam vraṇa-ādyāḥ ca
Augenkrankheit, Geschwüre und dergleichen
paitya-pratihatāḥ tathā
und durch Galle bedingte Störungen
akṣi-bhramaṇa-śaitya-ādyāḥ netra-doṣāḥ prakīrtitāḥ
Augenschwindel, Kälte und dergleichen werden als Augenfehler benannt
āra-sthatvam dūra-gatvam saukṣmam ca vyavadhānataḥ
Zu-Nahe-Sein, Zu-Ferne-Sein, Feinheit durch Verdeckung
sthitiḥ samāna-abhighātaḥ artha-doṣāḥ prakīrtitāḥ
Stillstand, gleichzeitiger Eindruck werden als Fehler des Gegenstandes benannt

nirdeṣaviṣayā ye ca nirdeṣekṣaṇagocarāḥ / śuklaṃ raktaṃ śvetapītaharitādīni kṛtsnaśaḥ // citrādīni svarūpāṇi cakṣuṣo viṣayāṇi ca / udbhūtarūpasaṃyuktāḥ tejovārbhūmayātmakā // cakṣuṣo viṣayāḥ proktāḥ kecinasūryodayo 'marāḥ / jihvā golakagaṃ prāhuḥ rasanendriyamuttamam

Die fehlerfreien Gegenstände, die in den Bereich fehlerfreien Sehens fallen, sind: Weiß, Rot, hellgelb-Weiß, Grün und dergleichen, insgesamt, sowie Buntes und andere Wesensformen – [dies alles sind] die Gegenstände des Auges, verbunden mit manifester Gestalt, bestehend aus Feuer, Wasser und Erde. Dies sind die Gegenstände des Auges; manche [erblicken] sogar Sonnenaufgang [oder] die Unsterblichen [selbst]. Die im Zungen-'Ball' sitzende [Zunge] nennt man [die äußere Hülle]; das [wahre] Geschmacksorgan ist erhaben.

Wort für Wort
nirdeṣa-viṣayāḥ ye ca
die fehlerfreien Gegenstände, die
nirdeṣa-īkṣaṇa-gocarāḥ
in den Bereich fehlerfreien Sehens fallen
śuklam raktam śveta-pīta-harita-ādīni kṛtsnaśaḥ
Weiß, Rot, hellgelb-Weiß, Grün und dergleichen, insgesamt
citra-ādīni svarūpāṇi cakṣuṣaḥ viṣayāṇi ca
Buntes und andere Wesensformen, die Gegenstände des Auges
udbhūta-rūpa-saṃyuktāḥ
verbunden mit manifester Gestalt
tejaḥ-vāḥ-bhūmi-ātmakāḥ
bestehend aus Feuer, Wasser, Erde
cakṣuṣaḥ viṣayāḥ proktāḥ
dies sind die Gegenstände des Auges
kecit sūrya-udayaḥ amarāḥ
manche [erblicken] Sonnenaufgang, die Unsterblichen
jihvā golaka-gam prāhuḥ
die im Zungen-Ball sitzende [Zunge] nennt man [die Hülle]
rasana-indriyam uttamam
das [wahre] Geschmacksorgan ist erhaben

atīndriyamarucyādyāstaddhoṣāsphoṭakādayaḥ / kaṣāyaśca kaṭustiktaḥ lavaṇo madhurāmlakau // tathā citrarasaśceti rasanendriyagocarāḥ / doṣahīnasya ca rasajñānaṃ janayati sphuṭam // jñānaṃ janayati kṣipraṃ prākṛtaṃprakṛtisthitam / duṣṭā paryuṣitā yāmahīnā pūtiyutā rasāḥ // sadoṣā rasasambandhe rasanā jñānadā na hi / bhūmayāṃmayā arthāḥ rasanendriyagocarāḥ

[Das wahre Geschmacksorgan ist] übersinnlich; Appetitlosigkeit und dergleichen, Bläschenbildung und so fort sind seine Fehler. Herb, scharf, bitter, salzig, süß und sauer, sowie gemischter Geschmack – dies sind die Bereiche des Geschmacksorgans; und [dieses,] frei von Fehlern, erzeugt offenkundig rasch Geschmackserkenntnis, wenn [die Speise] naturgemäß, in ihrem rechten Zustand ist. Verdorbene, abgestandene, [ihre] Zeit überschrittene, faulige Geschmäcker – bei solchen fehlerhaften Geschmacksverbindungen verleiht der Geschmackssinn keine [wahre] Erkenntnis. Die aus Erde und Wasser bestehenden Dinge fallen in den Bereich des Geschmacksorgans.

Wort für Wort
atīndriyam arucī-ādyāḥ
übersinnlich; Appetitlosigkeit und dergleichen
tat-doṣāḥ āsphoṭaka-ādayaḥ
seine Fehler, Bläschenbildung und so fort
kaṣāyaḥ ca kaṭuḥ tiktaḥ lavaṇaḥ madhura-amlakau
herb, scharf, bitter, salzig, süß, sauer
tathā citra-rasaḥ ca iti
und ebenso gemischter Geschmack
rasana-indriya-gocarāḥ
dies sind die Bereiche des Geschmacksorgans
doṣa-hīnasya ca rasa-jñānam janayati sphuṭam
und dieses, fehlerfrei, erzeugt offenkundig Geschmackserkenntnis
jñānam janayati kṣipram
erzeugt rasch Erkenntnis
prākṛtam prakṛti-sthitam
wenn [die Speise] naturgemäß, im rechten Zustand
duṣṭā paryuṣitā yāma-hīnā pūti-yutā rasāḥ
verdorbene, abgestandene, zeitüberschrittene, faulige Geschmäcker
sa-doṣā rasa-sambandhe
bei solchen fehlerhaften Geschmacksverbindungen
rasanā jñāna-dā na hi
verleiht der Geschmackssinn keine Erkenntnis
bhūmi-vāṃmayāḥ arthāḥ
die aus Erde und Wasser bestehenden Dinge
rasana-indriya-gocarāḥ
fallen in den Bereich des Geschmacksorgans

ghrāṇagolakagaṃ proktaṃ nāsikendriyamūrjitam / pīnasādyāḥ ghrāṇadoṣāḥ gandhagrāhendriyaṃ matam // vyāmiśrādyāḥ doṣabhāgāḥ gandhadoṣāḥ prakīrtitāḥ / vaktragolakagaṃ proktaṃ vāgindriyamatīndriyam

Die im Riech-'Ball' sitzende [Nase] wird als die kräftige Nasen-Hülle bezeichnet; Schnupfen und dergleichen sind die Fehler des Riechvermögens, welches als das den Duft erfassende Organ gilt. Vermischtes und dergleichen, in ihrem fehlerhaften Anteil, werden als Geruchsfehler benannt. Die im Mund-'Ball' sitzende [Zunge/Mund] wird [als Hülle] bezeichnet; das [wahre] Sprachorgan ist übersinnlich.

Wort für Wort
ghrāṇa-golaka-gam proktam
die im Riech-Ball sitzende [Nase] wird bezeichnet
nāsika-indriyam ūrjitam
als die kräftige Nasen-Hülle
pīnasa-ādyāḥ ghrāṇa-doṣāḥ
Schnupfen und dergleichen sind die Fehler des Riechvermögens
gandha-grāha-indriyam matam
das den Duft erfassende Organ gilt [als das wahre]
vyāmiśra-ādyāḥ doṣa-bhāgāḥ
Vermischtes und dergleichen in ihrem fehlerhaften Anteil
gandha-doṣāḥ prakīrtitāḥ
werden als Geruchsfehler benannt
vaktra-golaka-gam proktam
die im Mund-Ball sitzende [Hülle] wird bezeichnet
vāk-indriyam atīndriyam
das [wahre] Sprachorgan ist übersinnlich

nityānityavacāṃstasya satyāsatyavacāṃsi ca / vacāṃsi yuktāyuktāni gīrvāṇaprākṛtāni ca // mūkatvādi mahādoṣahīnavāggocarāṇi ca / gadgadatvāspaṣṭatādyāḥ vāgdoṣāḥ parikīrtitāḥ

Dessen Bereiche sind ewige und unbeständige Worte, wahre und unwahre Worte, passende und unpassende Worte, göttliche und weltliche Worte – [all dies,] erfasst durch von großen Fehlern wie Stummheit freie Sprache; Stottern, Undeutlichkeit und dergleichen werden als Fehler der Sprache benannt.

Wort für Wort
nitya-anitya-vacāṃstasya
dessen Bereiche sind ewige und unbeständige Worte
satya-asatya-vacāṃsi ca
wahre und unwahre Worte
vacāṃsi yukta-ayuktāni
passende und unpassende Worte
gīrvāṇa-prākṛtāni ca
göttliche und weltliche [Worte]
mūkatva-ādi-mahā-doṣa-hīna-vāk-gocarāṇi ca
erfasst durch von großen Fehlern wie Stummheit freie Sprache
gadgadatva-aspaṣṭatā-ādyāḥ vāk-doṣāḥ parikīrtitāḥ
Stottern, Undeutlichkeit und dergleichen werden als Sprachfehler benannt

hastagolakagaṃ prāhuḥ pāṇīndriyamatīndriyam / vyaṅgulatvādayastasya doṣāḥ nirdeṣāmindriyam // gṛhṇātī(va)ha paratrāpi yaddhitaḥ svātmanaḥ sadā / bhūmayāratnahemādyā bahvarthā viṣayāmatāḥ // aśmayāśca tathābhāvāḥ hastayorviṣayāmatāḥ / kaṇṭakocchiṣṭapāṣāṇavṛścikādyā aniṣṭadāḥ // heyā arthāśca hastābhyāṃ parityājyāḥ sadā matāḥ / sāniṣṭadaṃ hitakaraṃ hastayorhitadaṃ matam

Die in der Hand-'Hülle' sitzende [Hand] nennt man [die äußere]; das [wahre] Handorgan ist übersinnlich; Fingermissbildung und dergleichen sind seine Fehler; [das wahre Organ ist] fehlerfrei. Es ergreift gleichsam, hier wie im Jenseits, stets das, was dem eigenen Selbst zuträglich ist; seine Gegenstände sind die vielen Dinge aus Erde – Juwelen, Gold und dergleichen. Und ebenso Dinge aus Stein gelten als Gegenstände der Hände; Dornen, Speisereste, [ungeeignete] Steine, Skorpione und dergleichen bringen Unheil. Solche zu meidenden Dinge sind stets von den Händen zurückzuweisen; was, im Gegensatz zum Unheilvollen, Nutzen bringt, gilt als das den Händen Zuträgliche.

Wort für Wort
hasta-golaka-gam prāhuḥ
die in der Hand-Hülle sitzende [Hand] nennt man
pāṇi-indriyam atīndriyam
das [wahre] Handorgan ist übersinnlich
vyaṅgulatva-ādayaḥ tasya doṣāḥ
Fingermissbildung und dergleichen sind seine Fehler
nirdeṣam indriyam
[das wahre Organ ist] fehlerfrei
gṛhṇāti iva iha paratra api
es ergreift gleichsam hier wie im Jenseits
yat hitaḥ svātmanaḥ sadā
stets das dem eigenen Selbst Zuträgliche
bhūmi-ratna-hema-ādyāḥ bahv-arthāḥ viṣayāḥ matāḥ
die vielen Dinge aus Erde, Juwelen, Gold und dergleichen gelten als Gegenstände
aśmayāḥ ca tathā bhāvāḥ hastayoḥ viṣayāḥ matāḥ
ebenso Dinge aus Stein gelten als Gegenstände der Hände
kaṇṭaka-ucchiṣṭa-pāṣāṇa-vṛścika-ādyāḥ aniṣṭadāḥ
Dornen, Speisereste, Steine, Skorpione und dergleichen bringen Unheil
heyāḥ arthāḥ ca hastābhyām parityājyāḥ sadā matāḥ
solche zu meidenden Dinge sind stets von den Händen zurückzuweisen
sa-aniṣṭadam hitakaram hastayoḥ hitadam matam
was im Gegensatz zum Unheilvollen Nutzen bringt, gilt als den Händen Zuträgliches

aṅghrigolakagaṃ prāhuḥ pādendriyamalaṃ budhāḥ / paṅgutvādyāḥ aṅghridoṣāḥ nirdeṣagatisādhanam

Die im Fuß-'Ball' sitzende [Hülle] nennen die Weisen das [bloß] hinreichende Fußorgan; Lahmheit und dergleichen sind die Fehler der Füße; [das wahre Organ ist] das fehlerfreie Mittel der Bewegung.

Wort für Wort
aṅghri-golaka-gam prāhuḥ
die im Fuß-Ball sitzende [Hülle] nennen
pāda-indriyam alam budhāḥ
die Weisen das hinreichende Fußorgan
paṅgutva-ādyāḥ aṅghri-doṣāḥ
Lahmheit und dergleichen sind die Fehler der Füße
nirdeṣa-gati-sādhanam
[das wahre Organ ist] das fehlerfreie Mittel der Bewegung

svārūpigaṃ prakṛtigaṃ prākṛtaṃ trividhaṃ matam / yenendriyeṇa yatkarmakriyate sādhubhiḥsadā // tattasya viṣayaḥ proktaḥ tannāmendriya gocaram / pakvāpakvaṃ ca bhuktaṃ ca vātaṃ jīrṇaṃ ca kukṣigam // kālena viparītantu śakṛdityucyate budhaiḥ / tādṛgarthotsargasaṃjño pāyorviṣayamīritam // bhagandharādayo mūlavraṇādyāḥ pāyusaṃsthitāḥ / doṣāḥ nirodhātisārāḥ pāyorna yadi kāryakṛt

[Jedes Sinnesorgan] gilt als dreifach: als wesenseigenes, als naturhaft-feinstoffliches, [und] als grobstofflich-materielles; womit auch immer ein Werk von den Rechtschaffenen stets verrichtet wird, das gilt als dessen Gegenstand, genannt der Bereich jenes Organs. Gekochtes und Ungekochtes, Gegessenes, Wind und Verdautes, im Bauch Befindliches – wenn dies, mit der Zeit, umgewandelt [ausgeschieden wird], nennen es die Weisen 'Kot'; das so benannte Ausscheiden solcher Stoffe wird als der Gegenstand des Afters erklärt. Fistel und dergleichen, Geschwüre an der Wurzel und so fort, im After angesiedelt, sind seine Fehler; Verstopfung und Durchfall [treten auf,] wenn der After nicht seine Funktion erfüllt.

Wort für Wort
svārūpigam prakṛtigam prākṛtam trividham matam
[jedes Organ] gilt als dreifach: wesenseigen, naturhaft-feinstofflich, grobstofflich
yena indriyeṇa yat karma kriyate sādhubhiḥ sadā
womit auch immer ein Werk von den Rechtschaffenen stets verrichtet wird
tat tasya viṣayaḥ proktaḥ
das gilt als dessen Gegenstand
tan-nāma indriya-gocaram
genannt der Bereich jenes Organs
pakva-apakvam ca bhuktam ca vātam jīrṇam ca kukṣi-gam
Gekochtes, Ungekochtes, Gegessenes, Wind, Verdautes, im Bauch Befindliches
kālena viparītam tu śakṛt iti ucyate budhaiḥ
wenn dies mit der Zeit umgewandelt wird, nennen es die Weisen Kot
tādṛk-artha-utsarga-saṃjñaḥ pāyoḥ viṣayam īritam
das so benannte Ausscheiden wird als Gegenstand des Afters erklärt
bhagandhara-ādayaḥ mūla-vraṇa-ādyāḥ pāyu-saṃsthitāḥ
Fistel und dergleichen, Geschwüre an der Wurzel, im After angesiedelt
doṣāḥ nirodha-atisārāḥ
sind seine Fehler, Verstopfung und Durchfall
pāyoḥ na yadi kārya-kṛt
wenn der After nicht seine Funktion erfüllt

strīpuṃsorbhagameḍhrādi golakasthaṃ hyatīndriyam / upasthaśiśnasaṃjñe dve indriye doṣavarjite // ratyutsṛtau prabhavataḥ asṛkśuklāśrayau matau / mehavraṇādyāḥ taddhoṣāḥ nirdeṣaṃ svārthasādhakam // prakṛtaṃ prākṛtaṃ caiva svarūpendriya saṃyutam / arthakriyākāri taddhi nānyathā bhavati dhruvam

Von Frau und Mann sind Vulva, Penis und dergleichen, in ihrer '[Organ-]Hülle' sitzend, fürwahr übersinnlich; die beiden 'Upastha' [weiblich] und 'Śiśna' [männlich] genannten Organe sind [ihrer wahren Natur nach] fehlerfrei, wirksam für Geschlechtsakt wie für Ausscheidung, gegründet, wie man annimmt, in Blut beziehungsweise Samen; Harnleiden, Geschwüre und dergleichen sind ihre Fehler; das fehlerfreie [Organ] erfüllt seinen eigenen Zweck. Das naturhafte und das grobstoffliche [Organ], verbunden mit dem wesenseigenen Organ, wirken tatsächlich ihre [jeweilige] Funktion – gewiss nicht anders.

Wort für Wort
strī-puṃsoḥ bhaga-meḍhra-ādi golaka-stham hi atīndriyam
von Frau und Mann Vulva, Penis und dergleichen, in ihrer Hülle sitzend, fürwahr übersinnlich
upastha-śiśna-saṃjñe dve indriye doṣa-varjite
die beiden Upastha- und Śiśna-genannten Organe sind fehlerfrei
rati-utsṛtau prabhavataḥ
wirksam für Geschlechtsakt und Ausscheidung
asṛk-śukla-āśrayau matau
gegründet in Blut bzw. Samen, wie man annimmt
meha-vraṇa-ādyāḥ tat-doṣāḥ
Harnleiden, Geschwüre und dergleichen sind ihre Fehler
nirdeṣam sva-artha-sādhakam
das fehlerfreie [Organ] erfüllt seinen eigenen Zweck
prakṛtam prākṛtam ca eva svarūpa-indriya-saṃyutam
das naturhafte und grobstoffliche, verbunden mit dem wesenseigenen Organ
artha-kriyā-kāri tat hi
wirken tatsächlich ihre Funktion
na anyathā bhavati dhruvam
gewiss nicht anders

jñānendriyāṇi pañcāpi pañcakarmendriyāṇi ca / rajaḥ paricchedagāni bhinnaśaktiyutāni ca // jñānendriyāṇāṃ viṣayāḥ kramācchabdādayomatāḥ / śabdasparśārūparasagandhāste ca guṇāmatāḥ // mātrātamaḥ pariccheda pañcabhūtāntarāmatāḥ / bhūtāni mātrā garbheṣu līnāhurmanīṣiṇaḥ // bhāvarūpājñānagataṃ pañcakaṃ guṇagarbhakam / mātrāsu līnabhūteṣu saṃsthitaṃ bhāvapañcakam

Die fünf Erkenntnissinne und die fünf Handlungssinne gehören, mit je eigener Kraft ausgestattet, zur Rajas-Abteilung. Die Gegenstände der Erkenntnissinne gelten der Reihe nach als Klang und so fort: Klang, Tastempfindung, Form, Geschmack, Geruch – diese gelten als Eigenschaften (guṇa). Die feinstofflichen Elemente, zur Tamas-Abteilung gehörig, gelten als den fünf [grobstofflichen] Elementen zugrundeliegend; die Weisen sagen, dass die [grobstofflichen] Elemente die feinstofflichen Elemente in ihrem Schoß aufgelöst enthalten. Die zur positiv-geformten Unwissenheit gehörige Fünfheit, die Guṇas in sich bergend, ist die in den [dann] in den feinstofflichen Elementen aufgelösten [gröberen] Elementen ruhende Fünfheit der [Bewusstseins-]Zustände.

Wort für Wort
jñāna-indriyāṇi pañca api pañca-karma-indriyāṇi ca
die fünf Erkenntnissinne und die fünf Handlungssinne
rajaḥ-paricchedagāni bhinna-śakti-yutāni ca
zur Rajas-Abteilung gehörig, mit je eigener Kraft
jñāna-indriyāṇām viṣayāḥ kramāt śabda-ādayaḥ matāḥ
die Gegenstände der Erkenntnissinne gelten der Reihe nach als Klang und so fort
śabda-sparśa-rūpa-rasa-gandhāḥ te ca guṇāḥ matāḥ
Klang, Tastempfindung, Form, Geschmack, Geruch gelten als Eigenschaften
mātrā tamaḥ-paricchede pañca-bhūta-antarā matāḥ
die feinstofflichen Elemente, zur Tamas-Abteilung gehörig, gelten als den fünf Elementen zugrundeliegend
bhūtāni mātrā garbheṣu līnā āhuḥ manīṣiṇaḥ
die Weisen sagen, die Elemente enthalten die feinstofflichen Elemente in ihrem Schoß aufgelöst
bhāva-rūpa-ajñāna-gatam pañcakam guṇa-garbhakam
die zur positiv-geformten Unwissenheit gehörige Fünfheit, die Guṇas bergend
mātrāsu līna-bhūteṣu saṃsthitam bhāva-pañcakam
die in den in den feinstofflichen Elementen aufgelösten Elementen ruhende Fünfheit der Zustände

[Anm.] Vorbereitung der folgenden fünfgliedrigen Unwissenheits-Lehre (V.59f.), die dem klassischen Sāṅkhya-Schema der fünf viparyaya (Sāṅkhyakārikā 47f.) entspricht.

tamomohamahāmohatāmiśrāndhatāmisrakāḥ / tamaḥ śabdagataṃ prāhuḥ mohaḥ sparśagato mataḥ // mahāmoho rūpagataḥ tāmiśro rasagomataḥ / gandhe andhatāmisrākhyasta ete bhāvarūpakāḥ

Tamas, Moha, Mahāmoha, Tāmiśra [und] Andhatāmisra – [dies sind die fünf Formen der Unwissenheit]: Tamas, so sagt man, gehört zum Klang; Moha gilt als zur Tastempfindung gehörig; Mahāmoha gehört zur Form; Tāmiśra gilt als zum Geschmack gehörig; und das 'Andhatāmisra' genannte [gehört] zum Geruch – diese sind die [fünf] Zustände der [positiv geformten Unwissenheit].

Wort für Wort
tamaḥ-moha-mahāmoha-tāmiśra-andhatāmisrakāḥ
Tamas, Moha, Mahāmoha, Tāmiśra, Andhatāmisra
tamaḥ śabda-gatam prāhuḥ
Tamas gehört, so sagt man, zum Klang
mohaḥ sparśa-gataḥ mataḥ
Moha gilt als zur Tastempfindung gehörig
mahāmohaḥ rūpa-gataḥ
Mahāmoha gehört zur Form
tāmiśraḥ rasa-gaḥ mataḥ
Tāmiśra gilt als zum Geschmack gehörig
gandhe andhatāmisra-ākhyaḥ
zum Geruch das Andhatāmisra genannte
te ete bhāva-rūpakāḥ
diese sind die Zustände [der positiv geformten Unwissenheit]

[Anm.] Entspricht wörtlich der klassischen Sāṅkhya-Fünfheit der viparyaya/Unwissenheitsformen (Sāṅkhyakārikā 48), hier den fünf Sinnesbereichen zugeordnet.

etāni prakṛtisthāni nityāṇyaṇutarāṇi ca / sthūlāni bhūtavyaktāni anityānyāmananti hi // jīvasvarūpaṃ naivate tadvibhinnaṃ liṅgadehagam / jīvasvarūpavijñānācchādakaṃ parikīrtitam // tatsādhanādvyañjamānasvarūpajñānabādhakam / tamaḥ svarūpajñānasya viparītapravartakam

Diese, in der Urnatur gegründet, sind ewig und überaus feinstofflich; die grobstofflichen, manifesten Elemente hingegen erklärt man fürwahr als unbeständig. Diese [fünf Unwissenheitsformen] sind keineswegs die Wesensnatur der Seele; von ihr verschieden, im feinstofflichen Leib wohnend, werden sie als das erklärt, was die [wahre] Erkenntnis der Wesensnatur der Seele verhüllt. Durch ihr Wirken [werden sie] zum Hindernis für die sich [eigentlich] offenbarende Erkenntnis der Wesensnatur; Tamas setzt eine der Erkenntnis der Wesensnatur entgegengesetzte [Bewegung] in Gang.

Wort für Wort
etāni prakṛti-sthāni nityāni aṇutarāṇi ca
diese, in der Urnatur gegründet, ewig und überaus feinstofflich
sthūlāni bhūta-vyaktāni anityāni āmananti hi
die grobstofflichen, manifesten Elemente erklärt man fürwahr als unbeständig
jīva-svarūpam na eva te
diese sind keineswegs die Wesensnatur der Seele
tad-vibhinnam liṅga-deha-gam
von ihr verschieden, im feinstofflichen Leib wohnend
jīva-svarūpa-vijñāna-ācchādakam parikīrtitam
werden als das die Erkenntnis der Wesensnatur der Seele Verhüllende erklärt
tat-sādhanāt vyañjamāna-svarūpa-jñāna-bādhakam
durch ihr Wirken zum Hindernis für die sich offenbarende Erkenntnis der Wesensnatur
tamaḥ svarūpa-jñānasya viparīta-pravartakam
Tamas setzt eine der Erkenntnis der Wesensnatur entgegengesetzte Bewegung in Gang

yo mohaḥ sa upadeśepi mahāmoho 'nivartayet / vidveṣakāraṇaṃ prāhuḥ tāmiśramupadeṣṭṛṣu // kuyuktibhiḥ kvāgamyaiśca gāḍhājñānaikasādhanam / andhatāmiśrasaṃjñākhyam anādyajñānamīritam

Was Moha ist, das wird, [wirkend] selbst innerhalb [empfangener] Belehrung, zu Mahāmoha [und] führt nicht [aus dem Irrtum] zurück; Tāmiśra, so sagt man, ist die Ursache von Feindseligkeit gegenüber den Belehrenden. Durch schlechte Scheingründe und [Behauptungen,] die keiner [echten] Schrift entstammen – [dies ist] das alleinige Mittel tiefer Unwissenheit; das 'Andhatāmisra' genannte wird als anfangslose Unwissenheit erklärt.

Wort für Wort
yaḥ mohaḥ saḥ upadeśe api mahāmohaḥ anivartayet
was Moha ist, wird selbst in Belehrung zu Mahāmoha und führt nicht zurück
vidveṣa-kāraṇam prāhuḥ tāmiśram upadeṣṭṛṣu
Tāmiśra, sagt man, ist die Ursache von Feindseligkeit gegenüber den Lehrern
kuyuktibhiḥ kva agamyaiḥ ca
durch schlechte Scheingründe und [Behauptungen] die keiner Schrift entstammen
gāḍha-ajñāna-eka-sādhanam
das alleinige Mittel tiefer Unwissenheit
andhatāmiśra-saṃjñā-ākhyam anādi-ajñānam īritam
das Andhatāmisra genannte wird als anfangslose Unwissenheit erklärt

anādikālamārabhyānantānantāṇumātrakāḥ / keśādyāyutatulyālpasvarūpāhyātmagocarāḥ // tattatsvarūpakākāra hariṇābimbarūpiṇā / rakṣitāḥ pralaye sṛṣṭā nityaṃ tadanapāyinā // etatkalpādibhāvīnāṃ tattakalpeṣu vai kramāt / sṛjyāḥ vilakṣaṇāstulyāḥ atulyāstrividhātmakāḥ

Seit anfangsloser Zeit, endlos an Zahl, atomklein bemessen, an eigener Winzigkeit einem Zehntausendstel eines Haares und dergleichen vergleichbar – so beschaffen ist der Bereich der [individuellen] Selbste. Diese, jeweils mit ihrer eigenen Wesensgestalt, werden von Hari, der die Form ihres Urbildes trägt, bei der Auflösung behütet [und] bei der Schöpfung [wieder] erschaffen, ewig, [wobei Hari] niemals von ihnen weicht. Diese, für den Beginn dieses [und jedes künftigen] Kalpa bestimmten [Seelen], werden im jeweiligen Kalpa der Reihe nach [wieder] erschaffen: unterschiedlich [voneinander], [doch jeweils sich selbst] gleich, [untereinander] ungleich, von dreifacher Wesensart.

Wort für Wort
anādi-kālam ārabhya ananta-ananta-aṇu-mātrakāḥ
seit anfangsloser Zeit, endlos an Zahl, atomklein bemessen
keśa-ādi-ayuta-tulya-alpa-svarūpāḥ hi ātma-gocarāḥ
an Winzigkeit einem Zehntausendstel eines Haares vergleichbar, so der Bereich der Selbste
tat-tat-svarūpaka-ākāra hariṇā bimba-rūpiṇā
diese, mit je eigener Wesensgestalt, von Hari, der die Form ihres Urbildes trägt
rakṣitāḥ pralaye sṛṣṭāḥ nityam tad-anapāyinā
bei der Auflösung behütet, bei der Schöpfung erschaffen, ewig, [Hari] niemals weichend
etat-kalpa-ādi-bhāvīnām tat-tat-kalpeṣu vai kramāt
diese, für den Beginn dieses Kalpa bestimmten, im jeweiligen Kalpa der Reihe nach
sṛjyāḥ vilakṣaṇāḥ tulyāḥ atulyāḥ tri-vidha-ātmakāḥ
erschaffen, unterschiedlich, [sich] gleich, [untereinander] ungleich, dreifacher Wesensart

[Anm.] Klassische Lehre von der atomaren Größe (aṇutva) der Einzelseele, hier verbunden mit der ewigen Wiederkehr derselben, individuell unterscheidbaren Seelen von Kalpa zu Kalpa.

jīvāḥ anāditaḥ sarvepyasvatantrā ramāvaśāḥ / prakṛtyātmakaliṅgena baddhāḥ śrīharikukṣigāḥ // laye sṛṣṭau hariḥsṛṣṭāḥ aṇḍādbahirathāntare / sātvikānīcamadhyāśca antaḥ sṛjyā atātvikāḥ

Die Seelen sind, von anfangsloser Zeit an, allesamt nicht unabhängig, Ramā unterworfen; durch den aus der Urnatur bestehenden feinstofflichen Leib gebunden, weilen sie im Schoße Śrī Haris. Bei der Auflösung [bleiben sie darin]; bei der Schöpfung, von Hari erschaffen, [erscheinen sie] außerhalb des Welteneis oder in seinem Innern: die Sattvigen, die Niedrigen und die Mittleren – die nicht [wahrhaft] sattvigen werden [dabei] im Innern [des Welteneis, d.h. in der gewöhnlichen verkörperten Welt] erschaffen.

Wort für Wort
jīvāḥ anāditaḥ sarve api asvatantrāḥ ramā-vaśāḥ
die Seelen sind von anfangsloser Zeit an allesamt nicht unabhängig, Ramā unterworfen
prakṛti-ātmaka-liṅgena baddhāḥ śrī-hari-kukṣi-gāḥ
durch den urnaturhaften feinstofflichen Leib gebunden, im Schoße Śrī Haris weilend
laye sṛṣṭau hariḥ sṛṣṭāḥ
bei der Auflösung [bleibend], bei der Schöpfung von Hari erschaffen
aṇḍāt bahiḥ atha antare
außerhalb des Welteneis oder in seinem Innern
sātvikāḥ nīca-madhyāḥ ca
die Sattvigen, die Niedrigen und Mittleren
antaḥ sṛjyāḥ atātvikāḥ
die nicht wahrhaft sattvigen werden im Innern erschaffen

niraṃśāmartyagandharvapūrvāḥ sarve tṛṇāntikāḥ / yogyā nityasṛtisthāśca tamo yogyāśca kṛtsnaśaḥ // sarvepi liṅgasambaddhā ye te jīvā na cānyathā / tepi pūrvānantakālpeṣvevaṃ svocita sādhanaiḥ // muktāḥ madhyāstamaḥ prāptāḥ santi śrīharigarbhagāḥ / naiṣāṃ kvāpi kvacitpūrtirbhavitā niyamāddhareḥ

Ohne [je einen] Anteil [an Erlösung, reichend] von den unsterblichen Göttern und Gandharven bis hinab zum Grashalm, alle: die Befähigten, in ewiger Wiedergeburt Befindlichen, und die zur Finsternis Befähigten, insgesamt – all diese, an den feinstofflichen Leib gebunden, sind Seelen, und nicht anders. Auch sie [durchliefen] bereits in den unendlichen früheren Kalpas, je mit den ihnen zukommenden Mitteln, [ihr Schicksal]: die einen befreit, die mittleren [noch dabei], die [dritten] zur Finsternis gelangt – [doch] alle weilen sie im Schoße Śrī Haris; für keine von ihnen wird es je, irgendwo, eine [endgültige] Erschöpfung [dieses Kreislaufs] geben – so ist Haris feste Regel.

Wort für Wort
niraṃśāḥ amartya-gandharva-pūrvāḥ sarve tṛṇa-antikāḥ
ohne Erlösungsanteil, von den Göttern und Gandharven bis zum Grashalm, alle
yogyāḥ nitya-sṛti-sthāḥ ca
die Befähigten, in ewiger Wiedergeburt Befindlichen
tamaḥ yogyāḥ ca kṛtsnaśaḥ
und die zur Finsternis Befähigten, insgesamt
sarve api liṅga-sambaddhāḥ ye te jīvāḥ na ca anyathā
all diese, an den feinstofflichen Leib gebunden, sind Seelen und nicht anders
te api pūrva-ananta-kalpeṣu evam sva-ucita-sādhanaiḥ
auch sie [durchliefen] in den unendlichen früheren Kalpas mit ihnen zukommenden Mitteln [ihr Schicksal]
muktāḥ madhyāḥ tamaḥ prāptāḥ santi śrī-hari-garbha-gāḥ
befreit, mittlere, zur Finsternis gelangte, [doch alle] im Schoße Śrī Haris weilend
na eṣām kvāpi kvacit pūrtiḥ bhavitā niyamāt hareḥ
für keine wird es je irgendwo eine Erschöpfung [des Kreislaufs] geben, nach Haris fester Regel

[Anm.] Abschließende, theologisch markante Formel: die dreifache Seelenklasse (befreit/mittel/finster) bleibt endgültig und unveränderlich – eine der ältesten belegten Formulierungen einer ewig-feststehenden Seelenhierarchie in der Pāñcarātra-Literatur.

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