Paṭala 15: vaikuṇṭha-virāḍrūpa-varṇanam
Vaikuṇṭha: Aufbau, Ringmauern, vierfache Befreiung und Haris kosmischer Virāṭ-Körper (Abschluss von Teil 1)
PS_1,15.1-84. Letzter Adhyāya des ersten Paricchedas (Teil 1) der Prakāśa-Saṃhitā (Kolophon: 'prathamaparicchede pañcadaśo 'dhyāyaḥ sampūrṇaḥ'). Ausführlichste kosmographisch-soteriologische Beschreibung Vaikuṇṭhas im bisherigen Textverlauf: Lage und Maße, siebenfache Ringmauer-Struktur, Grenzfluss Virajā, die Begriffe 'Pradhāna-Parama-Vyoman', die vierfache Befreiungslehre (Sāyujya/Sālokya/Sāmīpya/Sārūpya) mit Rangordnung, der Torhüter-Katalog (Jaya/Vijaya u.a.), und abschließend die Entsprechung von Haris kosmischem Virāṭ-Körper mit der gesamten Weltgeographie sowie die Erzählung von Brahmās vergeblicher Suche nach dem Anblick Haris. Zahlreiche Verse (v.a. 9, 12, 21, 28, 42, 46, 54, 66, 77, 84) enthalten unsichere oder im Quelltext selbst mit alternativen Lesarten in Klammern vermerkte Stellen und wurden entsprechend [?] markiert statt geglättet.
satyāt koṭirdvādaśordhvaḥ loko vaikuṇṭhanāmakaḥ / durgābhāgastvadhodeśaḥ bhūkando daśalakṣakaḥ // tasyopariṣṭādbhūbhāgaḥ śrībhāgastu tadūrdhvataḥ / bhūkandena trayastulyā triṃśallakṣonnataṃ mitam // śikharaṃ tatribhāgeṣu mahāharmyāṇyanekaśaḥ / maṇyātmakāni vaidvyaṣṭasaṃkhyāni ca śubhāni ca // madhye vajramayāneko paryāvaraṇamāni ca / maharādīni catvāri hayajataṃ vistarāṇi ca // bhuvanāni yathā bhāgatraye vaikuṇṭhabhūmayaḥ / ajāṇḍakharparaspṛṣṭāḥ madhye prākārasaptakāḥ //
Zwölf Crore [Yojanas] oberhalb Satya[lokas] [liegt] die Welt namens Vaikuṇṭha; die 'Durgā-Region' [ist] der untere Bereich, [mit einem] Erdknollen von zehn Lakh. Oberhalb davon [liegt] die 'Erd-Region' [Bhūbhāga], die 'Śrī-Region' [aber] darüber; im Erdknollen [sind] diese drei einander gleich, [insgesamt] dreißig Lakh an Höhe bemessen. Der Gipfel [erhebt sich] in jenen drei Regionen; große Paläste, vielfach, / aus Juwelen bestehend, von achtfacher Art [?] und heilvoll. In der Mitte [gibt es] viele aus Diamant bestehende, und Umfriedungen; / die vier [Welten] beginnend mit Mahar[loka, sind] von tausendfacher [?] Ausdehnung. Wie die Welten [angeordnet sind], so [sind es] in der dreifachen Region auch die Vaikuṇṭha-Länder, die Schale des Eis des Unerschaffenen berührend; in der Mitte die sieben Ringmauern.
Wort für Wort
satyāt koṭirdvādaśordhvaḥ vaikuṇṭhanāmakaḥ
zwölf Crore über Satya: die Welt Vaikuṇṭha
durgābhāgastvadhodeśaḥ bhūkando daśalakṣakaḥ
die Durgā-Region unten, Erdknollen von zehn Lakh
bhūbhāgaḥ śrībhāgastu tadūrdhvataḥ
die Erd-Region, darüber die Śrī-Region
triṃśallakṣonnataṃ mitam
dreißig Lakh an Höhe bemessen
mahāharmyāṇyanekaśaḥ maṇyātmakāni
viele große, aus Juwelen bestehende Paläste
vajramayāneko paryāvaraṇamāni
viele aus Diamant, Umfriedungen
maharādīni catvāri
die vier [Welten] beginnend mit Maharloka
ajāṇḍakharparaspṛṣṭāḥ
die Schale des Weltenis berührend
madhye prākārasaptakāḥ
in der Mitte die sieben Ringmauern
Beschreibung der Lage Vaikuṇṭhas (12 Crore Yojana über Satyaloka) und seiner dreifachen Gliederung in Durgā-, Bhū- und Śrī-Region. Einzelne Komposita (V.3 'vaidvyaṣṭa', V.4 'hayajataṃ') sind lexikalisch unsicher und wurden wörtlich, mit [?], wiedergegeben.
Versehen mit Toren in Osten und den anderen Richtungen, je sieben, golden, / mit Türflügeln aus Topas-Farbe und Rubin. Umschlossen von Saphir, mit großen strahlenden Diamantbändern, / rechts und links leuchtende Juwelen-Altäre, an den Rändern erhöht. An jedem einzelnen Tor prächtig errichtete Versammlungshallen mit Juwel-Lotos-Sitzen, / geschmückt mit Zierrat, leuchtend wie das Licht endloser Sonnen. In diesen drei Regionen [weilt] Ramā [Lakṣmī], in einer Gestalt, die über den Endlosen [Ananta] herrscht, / gemeinsam mit allen [?, 'vipeśānām' unsicher] und mit Brahmā, gelegentlich. Ein sicherer Anblick der drei Regionen, beginnend mit Vaikuṇṭha, ergibt sich [für sie]; ihr [eigentlicher] Aufenthalt ist [aber] nicht dort – ihr Aufenthalt [ist] in [den Welten] beginnend mit Mahar[loka].
Wort für Wort
saptasapta hiraṇmayaḥ
je sieben, golden
puṣkarāgāvarṇayuktapadmarāgakavāṭakāḥ
Türflügel aus Topas-Farbe und Rubin
indranīlaniroḍhoruvajrapaṭṭasabhāsurāḥ
umschlossen von Saphir, mit Diamantbändern strahlend
dedipyanmaṇi vedī taṭonnatāḥ
leuchtende Juwelenaltäre, an den Rändern erhöht
dvāri dvāri ratnakañjāsanā sabhāḥ
an jedem Tor Hallen mit Juwel-Lotos-Sitzen
ramānantānantādhirūpiṇī
Ramā, in über Ananta herrschender Gestalt
darśanaṃ bhavati dhruvam
ein sicherer Anblick ergibt sich
na tatra saṃsthitisteṣāṃ maharādiṣu saṃsthitiḥ
ihr Aufenthalt ist nicht dort, sondern ab Maharloka
V.9 ('vipeśānām') sprachlich unsicher [?]. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem bloßen Anblick der drei Vaikuṇṭha-Regionen und dem tatsächlichen Aufenthaltsort der Wesen, der erst ab Maharloka beginnt (weiter ausgeführt in den folgenden Versen).
Gräser und dergleichen [gibt es] in Maharloka, Menschen und dergleichen darüber; / Könige [wohnen] in Tapoloka, in Satyaloka die [göttlichen] Sänger unter den Menschen [?]. Nur der Befreiten, der Gebundenen, der 'Ausgetretenen' [utkrānta, alt. 'Befreiten'] ist hier ein Aufenthalt [?, Vers sehr unsicher]; von Menschen und Gandharvas bis zu den 'Ajāna'-[Wesen, ?] sind die Ausgetretenen [aber] in Tapo[loka] ansässig. Die Karma-Götter [Götter kraft Verdienst], aufgestiegen, wohnen tatsächlich in Satyaloka; die 'nicht-wesenhaften' [atāttvika], vom Feinstoffkörper befreiten [Wesen sind] ebenfalls in die drei Orte gegangen. Auch in den drei Regionen [gibt es] keinen festen Aufenthalt innerhalb der Ringmauern; oberhalb davon liegen die Ringmauern außerhalb der Śrī-Region. Von vierfacher Crore-[Ausdehnung], sie ringsum [umgebend], wallartig, / mit zwölffacher [dviṣaṭ] Crore, mit Zurückhaltung [?] versehen, wird die äußere Ringmauer genannt. Sechs Ringmauern liegen innerhalb davon, mit je einem Crore [Yojana] Zwischenraum; / von achtfacher Crore-[Ausdehnung ist] oberhalb davon die äußere Umhüllung. Śrī, gemessen zu einem Crore Yojana, [ist] der heilvolle Fluss namens Virajā, / durch dessen Wasserberührung [Wesen] sogleich vom Feinstoffkörper befreit werden.
Wort für Wort
tṛṇādayo maharloke mānuṣādyāstadūrdhvataḥ
Gräser usw. in Maharloka, Menschen usw. darüber
rājānastu tapoloke satyaloke nṛgāyakāḥ
Könige in Tapoloka, [göttliche] Sänger in Satyaloka
karmadevāḥ satyaloke vasanti
die Karma-Götter wohnen in Satyaloka
atātvikā liṅgamuktā sthānatrayagatā
die nicht-wesenhaften, vom Feinstoffkörper befreiten, in die drei Orte gegangen
prākārāḥ śrībhāgasya bahisthitāḥ
die Ringmauern liegen außerhalb der Śrī-Region
catuṣkoṭyātmakaḥ parighātmikā
von vierfacher Crore-Ausdehnung, wallartig
ṣaṭprākārāstadantasthā koṭyantaravakāśakāḥ
sechs Ringmauern innen, mit je 1 Crore Abstand
virajākhyā nadīśubhā
der heilvolle Fluss namens Virajā
yadambhaḥsparśanālliṅgamuktāḥ sadyo bhavanti
durch dessen Wasserberührung sogleich vom Feinstoffkörper befreit
V.11-12 gehören zu den unsichersten dieses Kapitels (u.a. 'nṛgāyakāḥ', 'ajānajāntā' lexikalisch unklar) und wurden [?] markiert statt geglättet übersetzt. Die Passage beschreibt eine gestufte Hierarchie von Aufenthaltsorten für verschiedene Klassen befreiter und gebundener Wesen, mit dem Fluss Virajā als abschließender Reinigungsgrenze vor Vaikuṇṭha selbst – ein zentrales Motiv der Pāñcarātra-Kosmologie.
janāstatra harirnityaṃ jalakrīḍārataḥ śritāḥ / bhūbhārordhvāvaraṇagā bhūrevāvarāṇātmikā // tanmadhye tu tato lakṣonnata śrībhāgabhūtale / virajā tatra dvau bhāgau muktāmuktāśrayau śubhau // evaṃ durgābhāgagato paryāvaraṇasaṅgatā / bhūbhāgadurgā bhāgau dvau madhyo bhūrunnatākṛti // tayorūrdhvāvaraṇatatsandhigeraṇyanāmake / nadyau durgābhūmayāmbusamite śrīharipriye // na tatra liṅgabhaṅgādi hariṇā cintitaṃ kvacit / pradhānaparamovyomnorantarā virajā nadī // pradhānātmakadehau tau brahmavāyū sabhāryakau / bhūbhāgordhvāvaraṇago laye sarvasuraiḥ saha //
Die Menschen dort, stets an Haris Wasserspielen erfreut, halten sich [bei ihm] auf; / [sie gelangen] in die Umhüllung oberhalb der Erdenlast; die Erde selbst ist von der Natur einer Hülle [?]. In dessen Mitte, dann, um ein Lakh erhöht, auf dem Boden der Śrī-Region, / [fließt] dort die Virajā; [es gibt dort] zwei heilvolle Regionen, den Aufenthaltsort der Befreiten und Unbefreiten. Ebenso, in die Durgā-Region gelangt, mit der Umfriedung verbunden, / [liegen] die Bhū- und die Durgā-Region als zwei Teile, mit der Erde in erhöhter Gestalt in der Mitte. An deren oberer Verbindungsstelle der Umhüllungen, am [Ort] namens 'Araṇya' [Wald, ?], / [fließen] zwei Flüsse, erfüllt mit dem Wasser der Durgā-Erde, Śrī-Hari lieb. Dort wird von Hari niemals irgendeine Auflösung des Feinstoffkörpers o.ä. beabsichtigt; / zwischen Pradhāna [der Urmaterie] und dem höchsten Äther [fließt] der Fluss Virajā. Jene beiden, Brahmā und Vāyu, mit ihren Gattinnen, haben Körper von der Natur des Pradhāna; / sie gelangen bei der Auflösung, zusammen mit allen Göttern, in die Umhüllung oberhalb der Erd-Region.
Wort für Wort
janāstatra harirnityaṃ jalakrīḍārataḥ śritāḥ
die Menschen dort halten sich bei Haris ewigen Wasserspielen auf
lakṣonnata śrībhāgabhūtale virajā
um ein Lakh erhöht, auf dem Boden der Śrī-Region, die Virajā
dvau bhāgau muktāmuktāśrayau
zwei Regionen, Aufenthalt der Befreiten und Unbefreiten
bhūbhāgadurgā bhāgau dvau madhyo bhūrunnatākṛti
Bhū- und Durgā-Region, dazwischen erhöhte Erde
nadyau durgābhūmayāmbusamite
zwei Flüsse, erfüllt vom Wasser der Durgā-Erde
na tatra liṅgabhaṅgādi hariṇā cintitam
dort wird keine Auflösung des Feinkörpers beabsichtigt
pradhānaparamovyomnorantarā virajā nadī
zwischen Pradhāna und höchstem Äther der Fluss Virajā
brahmavāyū sabhāryakau pradhānātmakadehau
Brahmā und Vāyu mit Gattinnen, Körper aus Pradhāna-Natur
Feingliedrige Grenzgeographie zwischen den Regionen Vaikuṇṭhas, mit der Virajā als wiederkehrender Reinigungs-/Übergangsgrenze. V.21 ('Araṇya'-Ort) bleibt unsicher [?].
surān vināvatārāṇām ārambhe ca samāptike / kāle bhūbhāgordhvagatau syātāṃ kvāpi harīcchayā // ato bhūbhāgordhvadeśaḥ pradhānamiti kīrtitam / yadadhīnā yasya sattā tattadityeva bhaṇyate // tādṛkpradhāna saṃsṛṣṭaḥ śrībhāgaḥ paramāmbaram / ataḥ pradhānaparamo vyomagetyabhidhīyate // niraṃśatātvikānāṃ ca hyaṇḍāntastannimajjanam / tātvikānāṃ tu sarveṣām aniruddhāvṛti sthite // satvāraṇatastūcca pradeśe saṃsthite male / śvetadvīpasvadhāmabhyo ekībhūteti(tvānti)(tvānte) śobhane // śrīdurgābhyāṃ ca bhūmyā ca ekībhūte vilakṣake / śrībhāge tatrage tasya parighā virajā nadī // tajjale tu tataḥ snātvā liṅgabhaṅgaḥ pradṛśyate / laye pṛthivyāvaraṇaṃ vyutkrāmadgacchatāṃ satām //
Ohne die Götter, zu Beginn und am Ende der Inkarnationen, / mögen die beiden [Brahmā und Vāyu] zu [gewisser] Zeit irgendwohin in die Umhüllung oberhalb der Erd-Region gelangen, nach Haris Willen. Daher wird die Region oberhalb der Erd-Region 'Pradhāna' [die Urmaterie] genannt; / wovon die Existenz von etwas abhängt, das wird eben danach benannt [Anm.: erklärendes Benennungsprinzip]. Mit einem solchen Pradhāna verbunden [ist] die Śrī-Region, der höchste Himmel; / daher wird [sie] 'Pradhāna-Parama-Vyoman' [Urmaterie-höchster-Äther] genannt. Und der 'anteillosen, wesenhaften' [Wesen] Eintauchen [geschieht] innerhalb des [kosmischen] Eis; / aber aller 'wesenhaften' [Wesen, ist der Aufenthalt] in Aniruddhas Umhüllung befindlich. Von der Sattva-Umhüllung her, in der höher gelegenen Region, im [verbleibenden] Rest [befindlich], / mit Śvetadvīpa und den eigenen Wohnstätten vereint [?, mehrere alternative Lesarten im Quelltext], im herrlichen [Ort]. Mit Śrī, Durgā und der Erde vereint, im ausgezeichneten [Ort], / in der dorthin führenden Śrī-Region [ist] deren Umfriedungsfluss die Virajā. In dessen Wasser gebadet, dann, wird die Auflösung des Feinstoffkörpers sichtbar, / bei der Auflösung, der Umhüllung der Erde, für die guten [Wesen], die hinausgehen.
Wort für Wort
ārambhe ca samāptike kāle harīcchayā
zu Beginn und Ende [der Inkarnationen], nach Haris Willen
bhūbhāgordhvadeśaḥ pradhānamiti kīrtitam
die Region über der Erd-Region wird 'Pradhāna' genannt
yadadhīnā yasya sattā tattadityeva bhaṇyate
wovon etwas abhängt, danach wird es benannt
pradhānaparamo vyomagetyabhidhīyate
wird 'Pradhāna-Parama-Vyoman' genannt
niraṃśatātvikānāṃ aṇḍāntastannimajjanam
der anteillosen Wesenhaften Eintauchen im Weltenei
tātvikānāṃ aniruddhāvṛti sthite
der Wesenhaften Aufenthalt in Aniruddhas Umhüllung
śvetadvīpasvadhāmabhyo ekībhūte
vereint mit Śvetadvīpa und den eigenen Wohnstätten
tajjale snātvā liṅgabhaṅgaḥ pradṛśyate
in dessen Wasser gebadet zeigt sich die Auflösung des Feinkörpers
Zentrale begriffliche Passage: Herleitung der Bezeichnung 'Pradhāna-Parama-Vyoman' für die Grenzregion Vaikuṇṭhas, sowie die Unterscheidung zwischen 'anteillosen' (niraṃśa) und 'wesenhaften' (tāttvika) befreiten Seelenklassen. V.28 enthält im Quelltext selbst drei alternative Lesarten in Klammern ('iti'/'tvānti'/'tvānte') – Übersetzung entsprechend unsicher [?].
Die erste Umhüllung wird [so] genannt, die letzte die Sattva-Umhüllung; / darüber wird der unentfaltete Äther mit dem Wort 'Vyoman' [Himmel/Raum] bezeichnet. Zwischen der endlosen [oder: 'letzten', ?] Umhüllung und dem [höchsten] Äther [fließt] daher die Virajā; / sie gewährt in den entstehenden Körpern/Gliedern der Götter die gewünschte körperliche Sāyujya [Vereinigung]. In der Śrī-Region, in Vaikuṇṭha, dorthin gehend, [erlangt man die Sāyujya] Vāsudevas, des Diskusträgers; / in der Gestalt des Ananta geschieht die Vereinigung aller Glieder mit dem Brahman [der höchsten Wirklichkeit]. Und beim Befreiten wächst, seiner Wesensnatur nach, das 'Atom' [die individuelle Seele] nicht; / noch nimmt es ab; [es gibt] keine Wiedergeburt, kein Leid, keine Unwissenheit, keine Furcht und dergleichen mehr. Bei den niederen, niedrigsten [und] geringen Befreiten [besteht] Erfüllung nur aus der eigenen Wonne; / es gibt bei ihnen kein Verlangen nach der höchsten Freude; Dienst, Meditation usw. [sind ihre] Frucht. Sie genießen weder Haris noch eines anderen Freude, sondern ihre eigene Freude; / Auflösung, manchmal Schöpfung, geschieht zur [rechten] Zeit tatsächlich nur in der Śrī-Region.
Wort für Wort
prathamāvaraṇaṃ satvāvaraṇamantimam
die erste Umhüllung, die Sattva-Umhüllung die letzte
avyākṛtākāśo vyomaśabdena bhaṇyate
der unentfaltete Äther wird 'Vyoman' genannt
antarā virajā
dazwischen [fließt] die Virajā
aṅgasāyujyamiṣyate
die körperliche Sāyujya wird gewährt
anantarūpe sarvāṅgasāyujyaṃ brahmaṇo bhavet
in Anantas Gestalt geschieht die Vereinigung mit dem Brahman
muktasya svarūpeṇa aṇorvṛddhirna yujyate
beim Befreiten wächst die Seele ihrer Natur nach nicht
na punarāvṛttiduḥkhājñānabhayādayaḥ
keine Wiedergeburt, kein Leid, keine Unwissenheit, keine Furcht mehr
nīcanīcālpamuktānāṃ pūrtiḥ svānandamātrataḥ
bei niederen Befreiten Erfüllung nur aus eigener Wonne
na harernaparasyāpi mudbhujaste svamudbhujaḥ
sie genießen weder Haris noch fremde, sondern eigene Freude
Wichtige soteriologische Passage: Abstufung der Befreiungserfahrung je nach Rang des befreiten Wesens – von der vollen 'Sāyujya' (Vereinigung mit Brahman/Vāsudeva) bis zur bloßen Selbstgenügsamkeit der niederen Befreiten, ohne Verlangen nach höherer Freude.
Brahmā, mit einem Körper aus reinem Bewusstsein, gilt als zur innersten Ringmauer gehörig; / Rudra und andere gehören zur sechsten, Indra und andere sind in der fünften ansässig. In der vierten ansässig [sind] Sūrya und andere, in der dritten die Marut-Scharen; / in der zweiten Ringmauer ansässig, Parjanya und andere vorzügliche Götter. Mit Körpern aus reinem Bewusstsein, in der Śrī-Region; in der ersten [Ringmauer, jene] denen karma-erzeugte [Körper] vorausgehen; / diese Befreiten [sind] aber [auch] in der Erd-Region, und ebenso in der Durgā-Region. Mit reinen sattvischen Körpern aber, angelangt, [sind sie] glücklich [in Haris Nähe]; / von der Schar der Lebewesen, [die] vierundachtzig Lakh [an Zahl beträgt] [Anm.: die traditionelle Zahl der 8.400.000 Existenzformen]. [Hari], von der Natur eines Urbildes [bimba], in eben jener Gestalt, stets dorthin gehend, beschützt [sie]; / alle befreiten Scharen der Lebewesen sind im Vaikuṇṭha-Tempel. Auch der Beschützer [?] der Lebewesen, Hari, ist ja der Allgegenwärtige, durch eine je andere Gestalt, / mit Formen, die allen Lebewesen gleich [groß], noch kleiner, und ebenso auch grob [sind]. Von den endlos-crore-fachen Befreiten verehrt, in die drei Regionen gehend, / bewegt sich jener, mit solchen endlosen Gestalten versehen, zusammen mit Śrī.
Wort für Wort
brahmā cinmātradehena antaprākārago mataḥ
Brahmā, mit Bewusstseinskörper, in der innersten Ringmauer
rudrādayaḥ ṣaṣṭamagāḥ indrādyāḥ pañcamasthitāḥ
Rudra usw. in der sechsten, Indra usw. in der fünften
sūryādyā tṛtīyasthāḥ marudgaṇāḥ
Sūrya usw. [in der vierten], die Marut-Scharen in der dritten
parjanyādyāḥ surottamāḥ dvitīyaprākārasaṃsthāḥ
Parjanya usw. in der zweiten Ringmauer
ete muktāstu bhūbhāge durgābhāge ca
diese Befreiten [auch] in Bhū- und Durgā-Region
caturlakṣādhikāśītilakṣajīvagaṇasya
von den 84 Lakh Lebewesen
bimbātmā tadgaḥ prarakṣati
der Urbild-hafte [Hari] beschützt sie dort
sarvajīvagaṇāmuktāḥ vaikuṇṭhamandire
alle befreiten Lebewesen-Scharen im Vaikuṇṭha-Tempel
anantakoṭikalpīyamuktopāsyaḥ
von endlos-crore-fachen Befreiten verehrt
Systematische Zuordnung der Götterklassen (Brahmā, Rudra, Indra, Sūrya, Marut, Parjanya) zu den sieben Ringmauern, gestaffelt nach Rang; anschließend die Unterbringung der 84 Lakh Lebewesen-Klassen im Vaikuṇṭha-Tempel unter Haris Schutz. V.42 sprachlich unsicher [?] (mehrere Lesarten im Quelltext geklammert).
Jene beiden [Hari und Śrī] sind dort geeignet für die Verehrung, in endlosen, endlos-bedeutungsvollen Gestalten [?]; dort, mit eigengestaltigen Kronen usw., Muschelhorn, Diskus usw. als Mitteln, / und mit Sudarśana und anderen Waffen, mit Duft, Girlanden und anderen Ehrengaben, / mit Speiseopfern, Gewändern, [Gefolge?], Betten usw., mit seinen eigenen Gestalten, wird [Hari] von sich selbst verehrt [Anm.: Motiv der Selbstverehrung Haris durch seine eigenen Manifestationen]. Mit Śrī zu ewiger Einheit gelangt, erfreut [er sich] in Form der Freude; / Śrī, von allen Göttergestalten [?], verehrt mit jenen [Gaben] Viṣṇu reichlich. Mit jenen von Viṣṇu gegebenen Kranzresten wird Ramā [Lakṣmī] deutlich zu einer Einheit [mit ihm]; / ebenso in der Bhū- und Durgā-Region, mit reinen sattvischen Mitteln. Sie, die Selbst-Bewusste [Śrī], nach der Verehrung, erfreut mit dessen Kranzresten Aja [Brahmā] und andere, / die weisen Befreiten, mit heilvollem Duft, Girlanden usw. Sie [ergötzen sich] mit Himmelswagen, Streitwagen, Schaukeln, mit besonderem Schaukel-Schwingen, / mit Betten, Schmuck, Gewändern usw., mit Elefanten, Pferden und dergleichen, mitunter, / mit ebenbürtigen, vorzüglichen Menschen, mit Früchten, Blumen, ungebrochenem Reis usw., / mit den je eigenen begehrten jungen Frauen, und ebenso mit Wasserspielen usw. Mit ungehindertem, erwünschtem Gang, durch Verehrung, gute Erzählungen usw., / frei von Wiedergeburt, verneigen sich alle [von ihnen].
Wort für Wort
tau tatra pūjopayogyānantarūpakau
jene beiden dort geeignet für endlose Verehrungsgestalten
svārūpikakirīṭādi śaṅkhacakrādi sādhanaiḥ
mit eigengestaltiger Krone, Muschelhorn, Diskus usw.
svaiḥ svayamarcitaḥ
von sich selbst mit den eigenen [Gestalten] verehrt
śriyāsadaikyamāpannaḥ modarūpyanumodate
mit Śrī zu ewiger Einheit gelangt, freut er sich
tairnnimālyaiḥ viṣṇudattaiḥ ramaikī bhavati
mit Viṣṇus Kranzresten wird Ramā eins [mit ihm]
tanmāninī śrīḥsampūjya muktāstoṣayati
Śrī, nach der Verehrung, erfreut die Befreiten
te vimānarathāṇḍolā
sie [ergötzen sich] mit Himmelswagen, Streitwagen, Schaukeln
svasvyeṣṭataruṇībhiśca jalakrīḍādibhiḥ
mit den eigenen begehrten jungen Frauen und Wasserspielen
punarāvṛttirahitā namanti nikhilā api
frei von Wiedergeburt verneigen sich alle
Ausführliche Schilderung des paradiesischen Lebens der Befreiten in Vaikuṇṭha: wechselseitige Verehrung zwischen Viṣṇu und Śrī (bemerkenswertes Motiv der 'Selbstverehrung' Haris durch seine eigenen Manifestationen), Weitergabe der Kranzreste als Gnadenzeichen, sowie üppige, aber ausdrücklich von Wiedergeburt freie Genüsse der Befreiten.
Neun Crore an Göttern, in [ihren] Positionen ansässige Gottheiten-Scharen, / alle mit Feinstoff- und Grobstoffkörpern versehen, mit ihren Gattinnen. Zum Zweck des Dienstes an Śrī-Hari wohnen sie ordnungsgemäß in der Durgā-Region; sie, mit den aus Kāmadhenu, Kalpavṛkṣa [und] Cintāmaṇi entstandenen [Gaben], / verehrungswürdig, mit endlosen geeigneten Bedeutungen [?], mit Wasser, das von Śrīs Hand dargebracht wurde, / und mit den von ihr verehrten Kranzresten Haris, [ihnen] wiederum dargebracht, / mit rings gereinigten Gliedern, bewegen sie sich fröhlich umher; Sāyujya [Vereinigung], auch Sālokya [Mitweilen], Sāmīpya [Nähe], stets zu Hari, / auch Sārūpya [Gleichgestaltigkeit] – die Befreiung wird nämlich als vierfach bezeichnet. Viṣṇu macht die Befreiten, die in seinem eigenen Körper weilen, zu alleinigen Genießern ihrer je eigenen Wonne; / diese [höchste] Sāyujya gewährt er, den niederen [Rang] jener Götter [aber]; / die dreifache [Stufe] beginnend mit Sāmīpya wird bisweilen den Karma-Göttern zuteil. Den von diesen verschiedenen Diener-Göttern wird die zweifache [Stufe] beginnend mit Sārūpya zugesprochen; / [die Stufe] namens 'Wohnen in einem Loka', Sālokya, [wird] den übrigen [zuteil].
Wort für Wort
navakoṭyo hi devānāṃ padasthā devatāgaṇāḥ
neun Crore Götter, in Positionen ansässige Gottheiten-Scharen
sevārthaṃ śrīharerdurgābhāge vasanti
zum Dienst an Śrī-Hari wohnen sie in der Durgā-Region
pavitritāṅgāparitaḥ sañcarantyapi modinaḥ
mit gereinigten Gliedern bewegen sie sich fröhlich
Viṣṇu macht die Befreiten zu Genießern eigener Wonne
sāmīpyādi trayaṃ karmadevānāṃ yujyate
die dreifache Stufe ab Sāmīpya den Karma-Göttern
sārūpyādi dvayaṃ tadbhinnadevadāsānāṃ
die zweifache Stufe ab Sārūpya den übrigen Diener-Göttern
Zentrale doktrinelle Passage: die klassische vierfache Befreiungslehre (Sāyujya, Sālokya, Sāmīpya, Sārūpya) wird hier explizit nach Rang der jeweiligen Wesensklasse (Hari-nahe Befreite, Karma-Götter, Diener-Götter, übrige) zugeordnet.
In reinen sattvischen Körpern, mit vier Armen versehen, / Muschelhorn und Diskus tragend, gelb gekleidet – wenn von Sārūpya die Rede ist [Anm.: Beschreibung der Sārūpya-Gestalt]: Jaya und Vijaya, Bala und ebenso Prabala, / Caṇḍa und ebenso Pracaṇḍa, und auch Nanda und Sunandaka, / Kumuda und Kumudākṣa, ebenso Bhadra und Subhadraka, / [und] die beiden namens Sudhāman und Dāman, unter der Befehlsgewalt Viṣvaksenas stehend [Anm.: die traditionelle Liste der Torhüter-Paare Vaikuṇṭhas]. Alle mit je vier Gestalten, in den vier Haupt- und auch den sieben [weiteren Richtungen bzw. Ringmauern], / vom Tor der innersten Ringmauer an, [sind sie] die Torwächter. Nandinī, entsprungen aus Haris Fuß, mit dem heilvollen Wasser der Durgā-Region, / [ist] der Umfriedungsfluss; jenes Vaikuṇṭha wird als viereckig/quadratisch bezeichnet. Von dem das äußere [Welten-]Ei durchdringenden Viṣṇu, in der Welt namens Vaikuṇṭha, / auf Anantas Haupt, um ein Crore [Yojana] erhöht, wird [er] am Antlitz, am Scheitel, wohl vorgestellt.
auf Anantas Haupt, ein Crore erhöht, am Antlitz vorgestellt
Katalog der zehn Torhüterpaare Vaikuṇṭhas (Jaya/Vijaya u.a.) unter Viṣvaksenas Befehl – eine Standardliste der Pāñcarātra-Tradition. Übergang zur folgenden Beschreibung von Viṣṇus kosmischem Virāṭ-Körper.
[Seine] Füße berühren die Schale [des Welteis] innerhalb des im Garbhodaka [-Ozean] befindlichen Körpers; / auf seinem eigenen [Sitz], genannt 'Ananta-Sitz', ruhend, [ist seine] Hüfte von der Natur des gelben Gewandes. Das Ghanodaka [der 'dichte Ozean' ist an seiner] Hüftgegend; Meru [ist] an seinem Nabel, in der Mitte gelegen, / [entfernt um] fünfundzwanzig Crore Yojanas vom Berg Meru [Anm.: Bezugsgröße unklar, [?]]. Die Schale des Eis des Unerschaffenen wird in den [Haupt-] und Zwischenrichtungen, oben und unten, erinnert; / durch die zehn Umhüllungen, beginnend mit der Erde, und deren zehnfache [Vervielfachung], / [so] gegeben, gehen die Umhüllungen weiter, [die übrigen] alle nach oben. Unten [befinden sich] seine, Viṣṇus, Füße; jene Orte nennen die Weisen [seine Stätten]. Wie ein Steinbild [ist] Viṣṇus Abbild, aus dem Selbstverständnis Ajas [Brahmās] und anderer heraus; / das [Welten-]Ei und die Welten [sind], der Reihe nach, die Körper der sich-selbst-vorstellenden Götter. So, mittels endlos-naturhafter Gestaltungen der Weltenei-Crores, / sich mit Raum bewegend, spielerisch aus [seinen] Haarporen [hervorgehend], / so, nachdem man Haris Welt insbesondere als [ganz] von [seiner] Macht abhängig erkannt hat, / und von Hari in seiner Virāṭ-[kosmischen] Gestalt: Satyaloka [ist] ihm fürwahr am Haupt.
Wort für Wort
garbhodakāntardehasthakharparāspṛṣṭapādukaḥ
die Füße berühren die Schale im Garbhodaka-Körper
kaṭiḥ pītāmbarātmakaḥ
die Hüfte von der Natur des gelben Gewandes
ghanodakaṃ kaṭitaṭī merustannābhimadhyage
das Ghanodaka an der Hüfte, Meru am Nabel
ajāṇḍakharparaṃ dikṣuvidikṣūrdhvamadhaḥ smṛtam
die Weltenei-Schale in allen Richtungen, oben und unten
adhaḥ pādāni tadviṣṇoḥ sthalāni
unten [sind] Viṣṇus Füße, jene Stätten
śilāvatpratimā viṣṇorajāderabhimānataḥ
wie ein Steinbild Viṣṇus Abbild, aus Brahmās Selbstverständnis
aṇḍaṃlokāśca devānāṃ kramāddhehāstu māninaḥ
das Weltenei und die Welten sind der Reihe nach die Körper der Götter
virāḍrūpasya ca hareḥ satyalokaḥ śirasyalam
von Haris Virāṭ-Gestalt ist Satyaloka am Haupt
Beginn der ausführlichen kosmischen Körper-Entsprechung (Virāṭ-Puruṣa-Motiv): Viṣṇus Gestalt wird auf die gesamte Kosmographie abgebildet, vom Fuß (unterste Regionen) bis zum Haupt (Satyaloka). V.66 ('pañcaviṃśatkoṭigaṃ meruparvatāt') bleibt in seiner Bezugsgröße unsicher [?].
Der Lokāloka[-Berg] jenes Hari wird an seinem Hüftgürtel gedacht; / das gelbe Gewand [ist] die goldene Erde [Jambūdvīpa], der Ozean des reinen Wassers [befindet sich] an der Hüftregion. An der Gruppe der Hauptknochen der Hüfte soll man Mānasottara denken; / an der Wurzelstütze [ist] das 'Jāmbava' [Jambūdvīpa] genannt, an den Filamenten Ilāvṛta. Der Bauch und dergleichen aber [sind] dessen Linien; Meru [ist] an seinem Nabel in der Mitte gelegen, / und, o Herr der Welten, oberhalb Merus die Wohnstätten in jeder Hinsicht. In den Samenhüllen [dies] bedenkend, wird der Beste der Menschen befreit; / man soll Bhuvarloka an seinem Nabel, Svarloka am Herzen bedenken, / Maharloka am Brustbereich, Janaloka an Haris Kehle, / Tapoloka, nachdem man [es] am Mund meditiert hat, und Satyaloka am Scheitel. Mit sechs, acht, zwölf, sechzehn [?], zweitausend Blütenblättern auch / [sind] die Lotusblumen, beginnend am Nabel, [entsprechend] Bhuvarloka und den anderen [Welten], fürwahr Haris [eigene]. Pātāla [ist] an seinem Fuß, am Vorderteil des Fußes Rasātala; / Mahātala [ist] an der Hüfte, und an den beiden Schienbeinen Talātala; / Sutala an der Kniegegend, an den Schenkeln [aber] Vitala [und] Atala [?]; / so sind, an den Gliedern der Virāṭ-Gestalt, die Welten von den Verständigen zu bedenken.
Wort für Wort
lokālokastasya hareḥ kaṭisūtre vicintyate
der Lokāloka-Berg wird an seinem Hüftgürtel gedacht
pītāmbaraḥ svarṇabhūmiḥ
das gelbe Gewand ist die goldene Erde
kaṭipradhānasthigaṇe mānasottaram
an den Hauptknochen der Hüfte Mānasottara
mūlādhāre jāmbavākhyaṃ kesareṣu ilāvṛtam
an der Wurzelstütze Jambūdvīpa, an den Filamenten Ilāvṛta
merustannābhimadhyagaḥ
Meru an seinem Nabel
bhuvarlokaṃ nābhau svarlokaṃ hṛdi
Bhuvarloka am Nabel, Svarloka am Herzen
maharlokamuraḥsthāne janalokaṃ gale
Maharloka an der Brust, Janaloka an der Kehle
tapolokaṃ mukhe satyalokaṃ mastake
Tapoloka am Mund, Satyaloka am Scheitel
pātālaṃ pāde rasātalaṃ prapadeṣu
Pātāla am Fuß, Rasātala am Vorderfuß
mahātalaṃ jaghane talātalaṃ jaṅghayoḥ
Mahātala an der Hüfte, Talātala an den Schienbeinen
sutalaṃ jānudeśe vitalātale ūrvoḥ
Sutala am Knie, Vitala/Atala an den Schenkeln
Vollständige Zuordnung der sieben oberen und sieben unteren Welten sowie der Kontinent/Berg-Geographie (Jambūdvīpa, Ilāvṛta, Meru, Mānasottara, Lokāloka) zu den Körperteilen des Virāṭ-Puruṣa Hari, von Kopf bis Fuß bzw. weiter abwärts zu den Unterwelten – ein meditatives Entsprechungsschema. V.77 ('ṣaḍaṣṭadvādaśādvyaṣṭa...') sprachlich unsicher [?].
Von Padmanābha [dem Lotus-Genabelten], aus [seinem] Nabel entsprungen, [ist] das mächtige materielle [prākṛta] Lotos; / entstanden aus den verbundenen Prinzipien [tattvas], verknüpft mit der Elementarität und dergleichen. [Dieses Lotos], von der Natur aller Welten, an dessen Spitze, genannt Satya[loka], / wurde der Erste, der Vierköpfige [Brahmā], als Anteil aus Viṣṇu selbst geboren. Erschaffen, selbst [Hari] sehen wollend, [suchte] Vidhi [Brahmā] in den vier Richtungen nach Hari; / er erlangte vier Gesichter, [aber] sah [ihn] in [keiner der] Richtungen selbst. Dann, [denkend] 'inmitten dieses Stängels, durch dessen Öffnung eingedrungen, will ich Hari sehen', / übte er Askese; er fand den Herrn dort [aber] nicht. Von der Region Satyas her berührt [?], von Śrī, die im berührten Wasser weilt, berührt, / wurde Dhātā [Brahmā, der Schöpfer], der in der Gestalt Vāyus weilt [?], erschrocken, von Furcht vor Viṣṇu ergriffen [Anm.: Episode sprachlich sehr unsicher, wörtliche Bedeutung des Schlussverses unklar].
Wort für Wort
padmanābhasya nābhyutthaṃ prākṛtaṃ padmam
aus Padmanābhas Nabel entsprungen das materielle Lotos
saṃsṛṣṭatatvasañjātaṃ bhūtatvādikasaṅgatam
entstanden aus verbundenen Prinzipien, mit Elementarität verknüpft
śikhāgre satyanāmake ādyaḥ brahmāṃśato jāto
an der Spitze, in Satyaloka, wurde der Erste, Brahmā, als Anteil geboren
viṣṇunaiva caturmukhaḥ
aus Viṣṇu selbst, vierköpfig
sṛṣṭaḥ svayaṃ draṣṭumicchan caturdikṣuvidhirharim
erschaffen, wollte Vidhi Hari in den vier Richtungen selbst sehen
'inmitten des Stängels will ich Hari sehen' - er übte Askese
na tatrāvidadīśvaram
er fand den Herrn dort nicht
dhātā bhītā viṣṇorvibhīrabhūt
Dhātā [Brahmā] wurde erschrocken, von Furcht vor Viṣṇu ergriffen
Abschließende Erzählpassage (und Abschluss von Teil 1 der Prakāśa-Saṃhitā insgesamt): die Geburt des vierköpfigen Brahmā aus dem Lotos an Viṣṇus Nabel, seine vergebliche Suche nach dem Anblick Haris in den vier Richtungen und im Innern des Lotosstängels, und schließlich seine Furcht bei der (angedeuteten, aber nicht vollzogenen) Begegnung mit Viṣṇu selbst. V.84 bleibt trotz mehrfacher Lesart-Versuche sprachlich am unsichersten des ganzen Kapitels [?] – Kolophon markiert ausdrücklich den Abschluss ('sampūrṇaḥ') des gesamten ersten Paricchedas (Teil 1) der Prakāśa-Saṃhitā nach 15 Adhyāyas.