Paṭala 18: śarīracakranāḍīvarṇana-māyāvādakhaṇḍanam
Teil 2, Adhyāya 3: Mikrokosmische Körper-/Cakra-Physiologie und die ausführliche Widerlegung der Advaita-Illusionslehre (Māyāvāda)
PS_2,3.1-102 (dritter Adhyāya des zweiten Paricheda/Teils; nach Adh.2 das zweitlängste Kapitel des Werks). Erste Hälfte (V.1-77): eine außerordentlich detaillierte mikrokosmische Kartierung des Körpers – Mūlādhāra, Suṣumnā/Piṅgalā/Iḍā-Nāḍīs, Herz-Lotos als Sitz Haris (mit vollständiger ikonographischer Beschreibung und Wiederholung der dreiteiligen Vaikuṇṭha-Struktur aus Adh.15 im Kleinen), Nāḍī-Zählungen (36.000/72.000-Systeme, verknüpft mit der Silbenzahl des Ṛgveda), sowie eine vollständige Zuordnung von Geist-Vermögen, Sinnesorganen und Elementen zu Gottheiten. Zweite Hälfte (V.75-102): ein zentrales erkenntnistheoretisches Argument für die Realität (satyatva) aller Prinzipien – Guṇas, Götter, Körper, Karma, Veden, individuelle Seelen –, gefolgt von einer außergewöhnlich präzisen und ausführlichen Darstellung der Advaita-Vedānta-Position (Silber-auf-Muschel- und Schlange-auf-Seil-Gleichnis, Adhyāropa-Lehre, upādhi-Doktrin, 'anirvacanīya'-Unwissenheit, zyklische Schöpfung) und deren expliziter Verurteilung als 'durmata' (falsche Lehre), die von den 'tāttvikāḥ' nicht akzeptiert wird – die ausführlichste anti-illusionistische Polemik des bisherigen Werks. Zahlreiche technische Fachbegriffe der Nāḍī-Physiologie (v.a. V.8-61) und mehrere metrisch-numerische Passagen (V.58-59) bleiben trotz sorgfältiger Analyse unsicher und sind entsprechend [?] markiert.
tadā merau tu sujyeṣṭhaḥ kāmadhukkalpavṛkṣakau / cintāmaṇiṃ rūpabhedaiḥ svargopasvargagān vyadhāt // tadāvidhiḥ sarvajīvabimbarūpāṇyacintayat / svayaṃ tathā tathābhūtvā sṛjattā(vacha)dṛkśarīriṇaḥ // svargasthānāṃ padasthānāṃ sarvamanvantareṣvapi / bhūmau haryāvatāre tu tadājñāmakarodvidhiḥ // duṣprārabdhasya bhogāyāgāmi satsādhanāya ca / surāṇāṃ harisevārtham avatārāṇyanukramāt // punastattanmūlarūpairekībhāvaṃ sa sarvadā / bhuvaṃ spṛśantviti tathā te ca kurvantyajājñayā // edhamānadviḍeṣāṃ hi sarvadā bhāratāsthitim / nājñāpayadharistena tathā cakre satāṃ(tān) vidhiḥ //
Da machte der Vortrefflichste [Brahmā] auf Meru Kāmadhenu und den Wunschbaum, / [und] das Cintāmaṇi-Juwel, mit unterschiedlichen Gestalten, [als] nach Svarga und den Unterhimmeln gehend. Da bedachte Vidhi [Brahmā] die Urbild-Gestalten [bimba-rūpa] aller Seelen; / selbst so und so werdend, erschuf er jene, mit Sehvermögen und Körpern versehen [?]. Von denen, die im Himmel [und] in [ihren jeweiligen] Positionen weilen, auch in allen Manvantaras, / auf Erden aber, bei Haris Inkarnation, führte Vidhi dessen [Haris] Befehl aus. / Zum Genuss des schlecht begonnenen [Karmas] und zur künftigen guten Übung, / zum Zweck des Dienstes der Götter an Hari [geschehen] die Inkarnationen der Reihe nach. / Wiederum, [dass sie] mit ihren jeweiligen Wurzelgestalten stets Einheit [erlangen mögen] – / 'mögen sie die Erde berühren', so [befahl er]; und so tun sie es, auf Befehl des Unerschaffenen. / Den stets anwachsenden Hass dieser [Dämonen] als dauerhaften Aufenthalt in Bhārata hat Hari fürwahr nicht befohlen; / daher handelte Vidhi so für die Guten [bzw. für jene].
Wort für Wort
merau kāmadhukkalpavṛkṣakau cintāmaṇiṃ vyadhāt
auf Meru machte er Kāmadhenu, Wunschbaum, Cintāmaṇi
vidhiḥ sarvajīvabimbarūpāṇyacintayat
Vidhi bedachte die Urbild-Gestalten aller Seelen
bhūmau haryāvatāre tadājñāmakarodvidhiḥ
auf Erden, bei Haris Inkarnation, führte Vidhi dessen Befehl aus
duṣprārabdhasya bhogāyāgāmi satsādhanāya
zum Genuss begonnenen Karmas und künftiger guter Übung
avatārāṇyanukramāt
die Inkarnationen der Reihe nach
bhuvaṃ spṛśantviti te kurvantyajājñayā
'mögen sie die Erde berühren' - so tun sie, auf Befehl des Unerschaffenen
edhamānadviḍeṣāṃ bhāratāsthitim nājñāpayadhariḥ
den wachsenden Hass als dauerhaften Aufenthalt in Bhārata befahl Hari nicht
Übergangspassage zum dritten Adhyāya: kurze Reflexion über den Zweck der Avatāras (Genuss vergangenen Karmas, künftige Übung, Götterdienst), bevor das Kapitel zu einer detaillierten mikrokosmischen Körper-Kosmologie (Nāḍī-/Cakra-Physiologie) übergeht.
Dann bedachte der auf Meru weilende [Brahmā], mit [seiner] rechten [Seite], die im eigenen Körper des Ordners befindlichen Prinzipien, hohe und niedrige, / mitsamt ihren Verbindungen und ihren [präsidierenden] Herren. In der Mitte des Körpers, unterhalb des Nabels, [befindet sich] das Mūlādhāra, der Lotos, / vierblättrig, goldfarben; Māyā und andere [sind] die Gottheiten [seiner] Blätter. / Aniruddha [präsidiert über] den Udāna-[Atem]; die Suṣumnā ist die Stütze der Dreiheit [Iḍā-Piṅgalā-Suṣumnā]; / der in ihrer Mitte entstandene Kanal ist die feinstoffliche Suṣumnā, / einzeln, ohne Verzweigung, goldfarben, auf dem Höchsten ruhend; / auch von der selbstentstandenen Erde geschützt [?], im Lotos entsprungen. / Und sie, mit einer Höhlung versehen, ist die Stütze der sieben Prāṇas und der Maruts; / in der Mitte lodernd, [flankiert] von den an ihrer Seite entstandenen [Kanälen] Piṅgalā und Iḍā. / Sie reichen zum Scheitel; [die Suṣumnā ist] die gemeinsame Stütze der sechs Lotusse, beginnend mit dem Nabel-Lotos; / der Nabel-Lotos hat sechs Blätter; Nīla und andere [sind] die Herren seiner Blätter. / In dem leicht bläulich getönten, rötlich-weiß durchzogenen Teil / weilt der 'Pradyumna' genannte, bedient vom Prāṇa namens 'Nāga'.
Wort für Wort
dehamadhyetvadhonābhermūlādhāraṃ puṣkaram
in der Körpermitte unterhalb des Nabels das Mūlādhāra, den Lotos
caturdalaṃ svarṇanibhaṃ māyādyādaladevatāḥ
vierblättrig, goldfarben, Māyā u.a. die Blattgottheiten
aniruddhamudānaṃ suṣumnā trikāśrayam
Aniruddha [über] Udāna; die Suṣumnā Stütze der Dreiheit
tanmadhyasambhavā nāḍī suṣumnā sūkṣmarūpiṇī
der Kanal in ihrer Mitte ist die feinstoffliche Suṣumnā
saptaprāṇādi marudāśrayā
Stütze der sieben Prāṇas und Maruts
madhye jvalantī piṅgalelayoḥ
in der Mitte lodernd, zwischen Piṅgalā und Iḍā
ṣaṭdalaṃ nābhikamalaṃ nīlādyāstaddalādhipāḥ
das sechsblättrige Nabel-Lotos, Nīla u.a. die Blattherren
pradyumnanāmānaṃ nāgākhyaprāṇasevitam
der 'Pradyumna' genannte, vom Prāṇa 'Nāga' bedient
Beginn der detaillierten Nāḍī-/Cakra-Physiologie: Mūlādhāra, Suṣumnā/Piṅgalā/Iḍā, Nabel-Lotos – jeweils mit Zuordnung von Vyūha-Gottheiten (Aniruddha, Pradyumna). Diese mikrokosmische Körperkarte ist eines der technisch dichtesten Passagen des gesamten Werks; zahlreiche Fachbegriffe bleiben trotz Analyse unsicher [?].
Man soll die Maruts, Pravaha und andere, sieben, dorthin gehend, bedenken; / jene beiden [Piṅgalā/Iḍā] sind nach oben gerichtet; das Herz-Lotos [aber] trägt [sie] nach unten gerichtet heran. Sechzehn Finger über dem Nabel gelegen, [erreicht die Suṣumnā das Herz-Lotos], mit acht, in den acht Richtungen entstandenen, / nach unten gerichteten Blättern, von der Farbe der aufgehenden Sonne, acht [an der Zahl]; / [gemessen] zehn Finger im Innern, mit einer heilvollen, mutterschoßartigen inneren Hülle [?] versehen, / einander fest umschlungen, [ihre] Spitzen vereint, [beträgt es] einen Finger[breite, ?]. / Im Herz-Lotos dort [weilt] die Göttin der Rede, sich mit Bhāratī [Sarasvatī] als eins verstehend; / die Prāṇas, von Schildkröten-Art [Kūrma], dort; die Vasus [sind] die Blattgottheiten. / Der Herr des Ortes, darin weilend, zehn Finger [groß, ist] Hari; / sein Herzensraum [ist] ein Pavillon von der Natur der Śrī. Mit der dreifachen Unterteilung in Durgā-, Erd- [und] Śrī-Region versehen [Anm.: entspricht Vaikuṇṭhas Dreiteilung aus Adh.15], / von der Natur der Durgā-Wurzel [unten], und die Erde in der Mitte, in Stängelform. / Darüber aber, in der Śrī-Region, von der Natur eines Ramā-Lotos; / der Altar [vedikā], in der dritten Region gelegen, anderthalb Finger [groß], gilt als fest.
Wort für Wort
hṛtkajaṃ tatragīrdevī bhāratyā sahamāninī
im Herz-Lotos die Redegöttin, mit Bhāratī als eins
prāṇāḥ kūrmātmakastatra vasavo daladevatāḥ
die Prāṇas von Schildkröten-Art, die Vasus die Blattgottheiten
sthāneśo hi tadantastho daśāṅgulamito hariḥ
der Herr des Ortes, darin, zehn Finger groß, ist Hari
tadīya hṛdayākāśamaṇṭapaṃ śrīsvarūpakam
sein Herzensraum ein Pavillon von der Natur der Śrī
durgābhūśrībhāgabhedairbhāgatrayasamanvitā
mit dreifacher Unterteilung Durgā-/Erd-/Śrī-Region
tadūrdhvage śrībhāge ramākañjasvarūpiṇī
darüber, in der Śrī-Region, von Ramā-Lotos-Natur
Fortsetzung: das Herz-Lotos (hṛt-kañja) als Sitz Haris, strukturell der dreiteiligen Vaikuṇṭha-Kosmographie aus Adh.15 nachgebildet (Durgā-/Bhū-/Śrī-Region) – eine explizite Mikrokosmos-Makrokosmos-Entsprechung.
Jener Pavillon, aus Juwelen bestehend, viertürig, ein heilvoller Sitz, / lieblich durch Wohlgerüche, Juwellampen und Bananenstauden-Säulen, / mit Torbögen, gefüllten [Ritual-]Krügen, geschmückt mit Bannern und Schirmen, / mit Juwelensäulen, Perlengirlanden, und auch mancherlei weißen Sprossen. / Die Śrī-Region, geehrt wie ein Lotos, [ist] Hari selbst, genannt 'Wurzelherr'; / oberhalb des Lotos die Kreise von Mond, Sonne und Feuer, deutlich sichtbar darüber. / Es gab ein liebliches göttliches Lager mit reizvollem Kissen; / darauf [weilte] Hari, in eigener Gestalt, Śeṣa ähnelnd, mit erhöhten, aufgerichteten Hauben. / Über ihm, in Gestalt eines wundervollen Sitzes, darüber befindlich, [weilt] Ramā; / er, von der Natur der Weisheit, ist der Herr der [individuellen] Seele; die Seele ist ihm stets untertan. / Mit Diskus, Muschelhorn, Keule und Lotos in den Händen, vierarmig, / strahlend mit Krone, Ohrringen, geschmückt mit Fußringen und Armreifen, / mit Halskette, dem Śrīvatsa-[Mal] an der Brust, geschmückt mit dem Kaustubha[-Juwel] und anderem, / geziert mit Juwelenringen, Armreifen, Hüftschnur und dergleichen, / gekleidet in gelbes Gewand, in allen Gliedern von Schönheit und Anmut geziert; / obwohl allseitig blickend [viśvatomukha], erscheint er wie mit einem einzigen Antlitz, dunkeläugig. / Der Herr des Ortes, mit dem Wurzelherrn vereint, ist von den 'Anteillosen' zu verehren; / unterhalb des Pavillons, in [dieser] Region befindlich, [weilt] die Śakti, von der Form einer Stütze. / Und die Schildkröte, Śeṣa, und die Erde, von der Gestalt der Kontinente und Ozeanherren [?]; / nachdem sie die weiße Ramā mitbedacht hatten, wurde dies von den 'Anteillosen' so bedacht.
Wort für Wort
tanmaṇṭapaṃ maṇimayaṃ caturdvāraṃ śubhāspadam
der Pavillon aus Juwelen, viertürig, heilvoller Sitz
śrībhāgaṃ mūleśākhyo harisvayam
die Śrī-Region, 'Wurzelherr' genannt, Hari selbst
divyaśayyābhūt harirūrdhvaphaṇonnataḥ
es gab ein göttliches Lager, Hari mit erhöhten Hauben
tasyopari ramācitrāsanarūpā
über ihm Ramā in Gestalt eines wundervollen Sitzes
prājñātmā sa tu jīveśo
er, von weiser Natur, ist der Herr der Seele
cakraśaṅkhagadāpadmahastaḥ caturbhujaḥ
mit Diskus, Muschelhorn, Keule, Lotos, vierarmig
hāraśrīvatsakaṇṭhastha kaustubhādairalaṅkṛtaḥ
mit Halskette, Śrīvatsa, Kaustubha geschmückt
viśvatomukhopyekamukhavadbhāti nīladṛk
obwohl allseitig blickend, erscheint er einzeln-antlitzig, dunkeläugig
maṇṭapādhaḥ śaktirādhārarūpiṇī
unterhalb des Pavillons die Śakti als Stütze
kūrmaśeṣaśca bhūḥ
die Schildkröte, Śeṣa, und die Erde
Ausführliche ikonographische Beschreibung Haris in seinem 'Herzenspavillon' – identisch mit der klassischen Viṣṇu-Ikonographie (vier Arme, Attribute, Kaustubha, Śrīvatsa), hier jedoch als innere meditative Vision im Herz-Lotos des Übenden lokalisiert – Wiederholung des Ananta-Kūrma-Bhū-Trägermotivs aus Adh.14 in mikrokosmischer Anwendung.
In den Schenkeln, am Gaumen, zwischen den Augenbrauen und im Haupt [gibt es], nach oben gerichtet, / weiße Lotusse, mit zwölf beziehungsweise sechzehn Blättern, / und zwei mit tausend Blütenblättern; [alle haben] Blattgottheiten; / die Ādityas [sind die Gottheiten] im ersten Lotos, Indra und andere die Gottheiten dort. / Die Gottheiten im dritten Lotos [sind] Bhāratī und Sarasvatī; / im Haupt, einer, in vielfacher Gestalt, [ist] Vāyu, der Herr aller Blätter – / Nārāyaṇa, Hari, Kṛṣṇa, Vāsudeva, dessen Herrscher; / Kṛkala, genannt Devadatta, [und] der 'Sūtra' genannte [ist] der Herr der Maruts. / Die Maruts, auch siebenmal sieben [49], auch unter den fünf 'Hadāri' [?]; / diese sieben Lotusse, aus dem Suṣumnā-Stängel entstanden. / Die Suṣumnā, von dreifacher Guṇa-Natur, wird von den Vedenkennern genannt: / einzeln, ohne Verzweigung, und auch mit hohlem Innerem versehen. / Sarasvatī, der Fluss in ihrem Innern, von wasserartiger Natur, / [heißt] 'Hairaṇyamayī' [golden], 'Vaidyutī' [blitzartig], 'Vajrikā', 'Bhāsvatī' [leuchtend]. / Mit [diesen] Namen versehen, sind die Welten, beginnend mit Bhūr, dort angesiedelt; / die Herren von Bhūr, Bhuvar, Svarga [und] Maharloka und die anderen [walten] der Reihe nach: / für Bhū gelten Vighneśa, Indra, Aniruddha, Kāma, Śeṣa, der Lotosgeborene; in den beiden Hüften, im Knie, Schienbein, Knöchel [und] in den Füßen [weitere Entsprechungen]. / Die in Atala und den anderen [Unterwelten] ansässigen Götter, im Körper, [sind] Diener des Götterherrn; / Mitra, Agni, Astrapa [?], der Wasserherr [Varuṇa], Yama, Manda, Yama, der Reihe nach [Anm.: Richtungsgötter-Reihe, unsicher].
in Schenkeln, Gaumen, Augenbrauen, Haupt aufwärtsgerichtete Lotusse
ādityāḥ prathame padme indrādyāstatradevatāḥ
die Ādityas im ersten Lotos, Indra u.a. dort
mūrdhnaiko bahurūpeṇa vāyuḥ sarvadalādhipaḥ
im Haupt einer, vielgestaltig, Vāyu, Herr aller Blätter
nārāyaṇo hariḥ kṛṣṇo vāsudevastadīśvaraḥ
Nārāyaṇa, Hari, Kṛṣṇa, Vāsudeva, dessen Herrscher
guṇatrayātmikānāḍī suṣumnā
die Suṣumnā, von dreifacher Guṇa-Natur
sarasvatī tadantargā nadī vārisvarūpiṇī
Sarasvatī, der Fluss darin, wasserartiger Natur
bhūrbhuvasvargalokeśā maharādīśvarāḥ kramāt
die Herren von Bhūr, Bhuvar, Svarga, Mahar der Reihe nach
atalādyāśritādevā dehe deveśa sevakāḥ
die Götter der Unterwelten im Körper, Diener des Götterherrn
Fortsetzung der Cakra-Katalogisierung (Lotusse an Schenkel, Gaumen, Augenbrauen, Haupt) mit Zuordnung der Vyūha-Namen (Nārāyaṇa/Hari/Kṛṣṇa/Vāsudeva) und der sieben Welten (Bhūr bis Mahar) zu Körperregionen – ein durchgängiges Mikrokosmos-Makrokosmos-Schema.
So auch im Körper, [Hari als] Träger des Virāṭ-Körpers, [ihn] als dessen Maß schützend; / die Suṣumnā, aus der Wurzelregion entsprungen, zwischen den Wassern von Gaṅgā und Yamunā [Anm.: bildliche Gleichsetzung von Piṅgalā/Iḍā mit den Flüssen Gaṅgā/Yamunā]. / Piṅgalā und Iḍā, rot und blau gefärbt, nach rechts und links verlaufend, / mit hohlem Innerem versehen, sich in sechsunddreißigtausend [Verzweigungen] teilend. / Einzeln, die rechtsseitigen Kanäle, gelten als von der Natur des Mahat-Prinzips, / dreifach geteilt, bis zum Fuß reichend, zwölftausend an Zahl. / Auf der rechten [Seite], bis zum rechten Fuß, [reichen] die Kanäle, ebenso viele, der Reihe nach; / Piṅgalā, den oberen Körper durchdringend, [mit] ebenso vielen heilvollen [Kanälen]. / Diese, nach unten, mitten und nach oben verlaufend, stützen sich auf den siebenfachen Weg des Gesichts; / es gibt nämlich sieben Öffnungen, zu Nase, Mund, Ohren und Augen führend. / Nach dem siebenfachen Gesichtsweg benannt, werden die sieben 'Kugeln' [golaka] verkündet; / sieben aufsteigende Kanäle, vom unteren Bereich des Herz-Lotos, auf der linken Seite verlaufend. / Wieder zum Herzen, und vom oberen Bereich, nach rechts sich wendend, die Piṅgalā[-Kanäle], / den siebenfachen Gesichtsweg entlanggehend; dort [walten] die Sonne, Agni und andere als Herren des Jahres. / Die Herren der Sonnenwende-Monate, die Tagesherren, die Herren der hellen Monatshälfte; / die 'drei höchsten hellen [Zustände]' [befinden sich] eben hierin, mit diesen [Gottheiten] selbst-identifiziert. / Aber mit den Namen der Sonne und aller Götter sind die Piṅgalā[-Kanäle] zu bezeichnen; / in ihr [ist] Brahmā selbst-identifiziert, [und] die Rede, die 'Geraden' [ṛjus], nicht-unmittelbar [wahrnehmbar]. / Prāṇa und Apāna wirken in Iḍā und in Piṅgalā; / mit sechsundzwanzigtausend Gestalten [wirken] jene beiden darin, mit Bhāratī vereint.
Wort für Wort
suṣumnā mūladeśotthe gaṅgāyāmunavārdhare
die Suṣumnā, aus der Wurzel entsprungen, zwischen Gaṅgā/Yamunā-Wassern
piṅgalele raktanīlavarṇe savyāpasavyage
Piṅgalā und Iḍā, rot/blau, rechts/links
ṣaṭtriṃśatsahasraprabhedinī
sich in 36.000 Verzweigungen teilend
dviṣaṭsāhasrasaṃmitāḥ dakṣapādāntaṃ
zwölftausend, bis zum rechten Fuß
saptāsya pathamāśritāḥ saptasantyeva vivarāḥ
auf den siebenfachen Gesichtsweg gestützt, sieben Öffnungen
golakāḥ saptakīrtitāḥ
die sieben 'Kugeln' werden verkündet
uttarāyaṇamāseśāḥ dineśāḥ śuklapakṣapāḥ
Herren der Sonnenwende-Monate, Tage, heller Monatshälfte
prāṇāpānā iḍāyāṃ piṅgalāyāṃ ca vartataḥ
Prāṇa und Apāna wirken in Iḍā und Piṅgalā
Detaillierte Nāḍī-Zählungen (36.000 Verzweigungen, 12.000 rechtsseitige Kanäle, 26.000 Prāṇa-Apāna-Formen) und Gleichsetzung von Piṅgalā/Iḍā mit den Flüssen Gaṅgā/Yamunā sowie mit Zeit-Einheiten (Sonnenwenden, Monatshälften) – eine für tantrische Physiologietexte charakteristische, hier stark zahlenorientierte Systematik.
Ebenso [walten] Aniruddha und Pradyumna, auf der rechten [Seite] in männlicher Gestalt, / in weiblicher Gestalt aber auf der linken; mit ebenso vielen Gestalten in jenen [Kanälen]. / So in Atem-Gestalt weilend, von Brahmā, Rudra und anderen verehrt; die Herren der Südsonnenwende-Monate und ebenso die Herren der Nächte [sind ihre] Gottheiten. / Die Herren der dunklen Monatshälfte, Rudra und die übrigen Weisen, mit ihren Gattinnen; / in Iḍā, von der Natur des Ahaṅkāra [Ich-Prinzips], sind alle Götter selbst-identifiziert. / Die aus Wonne und Erkenntnis bestehenden [Prinzipien sind] die Herren von Piṅgalā beziehungsweise Iḍā; der Vyāna-[Atem] durchdringt alle Gelenke; der Udāna-[Atem] geht in der Brahma-Kanal [d.h. der Suṣumnā]; / die Suṣumnā, genannt 'Brahma-Kanal'; der Samāna-[Atem] durchdringt den ganzen Körper; / nach unten, mitten, oben verlaufend, [sind es] siebenmal sieben [49] kleine Iḍā-Kanäle, der Reihe nach, / den siebenfachen 'Rosspfad' entlanggehend – die aufwärtsgehenden Iḍā[-Kanäle], ebenso wie Piṅgalā; / vom unteren Teil des Herz-Lotos, zur rechten Seite gelangend, dann von dort aufwärts, / wieder zur linken Seite gelangend, den siebenfachen Rosspfad entlang, der Reihe nach; / mit den Namen der Gottheiten, beginnend mit 'Bhūmi' [Erde, oder 'Dhūmā', Rauch, ?], wird Iḍā vollständig bezeichnet. / In den Hymnenabschnitten des Ṛgveda, verbunden mit tausend Bṛhatī-[Vers]en; / mit der Formel 'zwei-acht-achtzehn-minus-eins' [?] wird die vollständige Hymnensammlung entstehen [Anm.: technisch-metrische Berechnung, sehr unsicher]. / Ein Versviertel aber besteht aus neun Silben; mit vier solchen Versvierteln [ein voller Vers]; / die im Hymnus verbundenen Silben, davon ausgehend, werden als zweiundsiebzig angegeben. / Zweiundsiebzigtausend Silben, [in] allen Hymnen enthalten; / in diesen zweiundsiebzigtausend, in den 'Piṅgalā' und 'Iḍā' genannten / Kanälen, in ihren jeweiligen Gruppen, soll man die bezeichneten Gestalten bedenken; / in den vier Richtungen der Suṣumnā, unterhalb des Herz-Lotos ansässig,
Aniruddha und Pradyumna rechts männlich, links weiblich
ahaṅkārātmakelāyāṃ devāḥ sarvebhimāninaḥ
in Iḍā, von Ahaṅkāra-Natur, alle Götter selbst-identifiziert
vyānātmā sarvasandhisthaḥ udānobrahmanāḍigaḥ
Vyāna durchdringt alle Gelenke, Udāna in der Brahma-Nāḍī
suṣumnā brahmanāḍīti samānaḥsarvadehagaḥ
die Suṣumnā heißt Brahma-Kanal, Samāna durchdringt den Körper
saptāśvamārgapathagāḥ
auf dem siebenfachen Rosspfad verlaufend
ṛgvedasūktabhāgeṣu bṛhatīḥṛksahasrayuk
in den Ṛgveda-Hymnen, mit tausend Bṛhatī-Versen
dvāsaptatisahasrāṇi varṇāḥ sarvarugāśritāḥ
72.000 Silben in allen Hymnen
nāḍīṣu tattadvargeṣu vācyarūpāṇyacintayet
in den Kanälen, gruppenweise, soll man die Gestalten bedenken
Fortsetzung der Nāḍī-Physiologie mit einer bemerkenswerten Verschmelzung mit vedisch-metrischer Zahlenmystik (72.000 Silben des Ṛgveda = 72.000 Nāḍī-Verzweigungen). V.58-59 (die metrische Berechnungsformel) bleiben trotz Analyse besonders unsicher [?] – eine der technisch dunkelsten Stellen des gesamten Werks.
Denken, Verstand, Ich-Bewusstsein und Bewusstseins-Substrat [citta] – so vierfach; / dort [sind] Indra und Kāma, mit ihren Gattinnen, mit dessen jeweiliger Besonderheit selbst-identifiziert. / Im Gehör [walten] die Richtungsgottheiten; der Mond [über] die Haut; 'Ich', mit Namen Prāṇa; / in den beiden Augen die Sonne; über die Zunge, so wird gesagt, waltet Varuṇa; / die beiden Aśvins, in der Nase ansässig, mit deren Besonderheit selbst-identifiziert; / im Mund/in der Rede Agni; in der Hand Dakṣa/Indra; Jayanta in den beiden Füßen; / Mitra [und] die beiden Selbstentstandenen [?] selbst-identifiziert mit After und Geschlechtsteil; / der Prāṇa[-Atem, waltet über] den als 'Marut' bezeichneten Klang; der Apāna über die Berührung dann; / der Vyāna über die Form, achtsam auf den Geschmack; der Udāna waltet über den Geruch; / der Samāna [durchdringt] diese, mit Besonderheit selbst-identifiziert, in den [feinstofflichen] Elementen. / Die Erdgöttin identifiziert sich mit der Erde; Varuṇa gilt als das Selbst des Wassers; / Agni [ist] feuerhaft; in Vāyu [waltet] Pravaha, der Herrscher, der Gebieter; / Vighneśa identifiziert sich mit dem Raum; diese [sind] die besonderen Hüter der [fünf] Elemente. / Haar, [Knochen(?)], Haut, Fleisch [und] Nagelgestalt gelten als die im Körper befindliche Erde; / der wasser-/blutartige [Bestandteil des] Körpers, aber das Verdauungsfeuer als feurig; / der Wind, als atemartig im Leib; und der Hohlraum als der Äther im Körper. / Die Wirklichkeit all dieser, durch unmittelbare Wahrnehmung erwiesen, ist nirgends zu widerlegen; / gute und üble Gerüche werden durch die Nase erkannt; dem Zungensinn ist [Geschmack] lieb; / guter und schlechter Geschmack, [sowie] Form, [werden] durch das Auge im Körper erkannt; / Kälte, Wärme und dergleichen, d.h. Berührung, wird durch die Haut erkannt; Klang [ist] dem Gehör lieb. / Die Objekte der Sinnesorgane, in ihren [feinstofflichen] Elementen, sind als wirklich und unwiderlegbar erklärt; / Sprechen, Greifen, Gehen, Ausscheiden, Genießen und dergleichen als Mittel [der Handlungsorgane], / die fünf Handlungsorgane, ausführend die jeweilige Zweckhandlung, sind dadurch [als real] erwiesen; / wahrhaftig hört, berührt, sieht, isst und riecht man; / Ohr, Haut, Auge, Zunge [und] Nase – diese Prinzipien, davon ausgehend, / sind eben Ausführende zweckgerichteten Handelns, zu erkennen, [wenn auch] nicht ins Begehren eingehend [?].
im Gehör die Richtungsgötter, im Tastsinn der Mond, 'Ich' als Prāṇa
netrayorbhāskaro jihvāmānī varuṇar iritaḥ
in den Augen die Sonne, über die Zunge Varuṇa
bhūdevī māninī pṛthvīḥ abātmā varuṇaḥ smṛtaḥ
die Erdgöttin identifiziert mit der Erde, Varuṇa als Wasser-Selbst
keśāli tvaṅmāṃsanakharūpā bhūrdehagā matāḥ
Haar, Haut, Fleisch, Nagel gelten als die Erde im Körper
pratyakṣasiddhasarveṣāṃ satvaṃ bādhyaṃ na hi kvacit
die Wirklichkeit all dieser ist nirgends widerlegbar
mātrādhṛṣīkaviṣayāḥ satyābādhyāna hīritāḥ
die Objekte der Sinne sind als wirklich, unwiderlegbar erklärt
karmendriyapañcacārthakriyākāreti badhyate
die fünf Handlungsorgane sind durch Zweckhandlung erwiesen
śretratvaṅnetrarasanāghrāṇastatvāni
Ohr, Haut, Auge, Zunge, Nase - diese Prinzipien
Systematische Zuordnung von Geist-Vermögen (Manas/Buddhi/Ahaṅkāra/Citta), Sinnesorganen, Elementen und Körperbestandteilen zu Gottheiten (nyāsa-artiges Schema), gefolgt vom Übergang zu einem zentralen erkenntnistheoretischen Argument: die Sinnesobjekte und -organe sind durch unmittelbare Wahrnehmung als REAL erwiesen und nicht widerlegbar – Grundlage für die im Folgenden ausgeführte anti-illusionistische Realitätslehre.
Und das Denken, weil es Ursache des Hörens/Erkennens ist, [macht] mit den [sechs Sinnen] sieben im Körper befindliche [Vermögen]; weil sie die Grundlage der Ich-Bildung ist, ist Piṅgalā der Sitz des 'Mein'-Gefühls. / Die Kanäle erscheinen zur Zeit der Schwäche rechts und links; / bei Männern und Frauen werden sie fürwahr zu Anzeigern kommender [Ereignisse] und dergleichen [Anm.: divinatorische Funktion der Nāḍīs, unsicher]. / Daher, und weil sie real sind, [sind] die Beförderer von Wissen und Unwissenheit unter den vielen [Prinzipien] / die Guṇas (Sattva und andere), im Körper befindlich, real, mit dieser [Funktion] selbst-identifiziert. / Die Götter [sind] real, weil das bloße Bestehen von etwas Unbewusstem [allein] unmöglich ist; / und [ebenso real sind] die Körper und die Verkörperten, deren Körperbindung durch den Intellekt bewirkt wird. / Weil Leid tatsächlich erfahren wird, ist die Ursache des Körpererlangens fürwahr real; / die Handlungen [sind] zweifach, in den Veden genannt, der Reihe nach gut und schlecht, / Freude und Leid gebend; deshalb [sind] die Veden gänzlich real; / an [bestimmtem] Ort [und zu bestimmter] Zeit vollzogene Handlung, durch [ihre spätere] Frucht-Gabe, [erweisen] jene beiden [Ort und Zeit] als wirksam; / die Genießer jener Karma-Frucht, die Seelen, [sind] real, mit Feinkörper versehen; / manche, mit aufgelöstem Feinkörper, [sind] befreit; und [dies ist], wie in der Schrift gesagt, [als] feststehend überliefert. / Hier und anderswo, mit wenig oder viel Wissen, Unwissenheit und dergleichen, durch die Yogis, / und die Rangstufung [tāratamya] der Guten und Bösen – diese sieben [Kategorien] sind unabhängig [?].
die realen Guṇas sind die Beförderer von Wissen/Unwissenheit
devāḥ satyāḥ kevalasya jaḍasyasthityayogataḥ
die Götter sind real, da bloße unbewusste Existenz unmöglich ist
duḥkhāsvadatvāddehāptikāraṇaṃ satyameva hi
weil Leid erfahren wird, ist die Ursache des Körpererlangens real
karmāṇi dvividhaṃ vedeṣūktānukramasaccasat
die Handlungen sind zweifach, gut und schlecht, in den Veden gelehrt
satyāvedāḥsamastaśaḥ
die Veden sind gänzlich real
tatkarmaphalabhoktāro jīvāḥ satyāḥ saliṅgakāḥ
die Genießer der Karmafrucht, die Seelen, sind real, mit Feinkörper
bhagnaliṅgā vimuktāśca śrutyuktāśca kṛtāḥ smṛtāḥ
manche, mit aufgelöstem Feinkörper, sind befreit, gemäß Schrift
Beginn der zentralen erkenntnistheoretisch-theologischen Kernthese des Kapitels: eine Kette von Realitäts-Behauptungen (Guṇas, Götter, Körper, Karma, Veden, individuelle Seelen sind alle SATYA, real) – die Grundlage für die im Folgenden explizit gemachte Ablehnung des illusionistischen (Advaita-)Systems.
Von der Natur des Bewusstseins und des Bewusstseinsobjekts, frei von Körperbindung, [sind] diese [Seelen]; ihr Lenker [ist] der Beste der Puruṣas [Hari]; und dies wird nicht [durch etwas anderes] ersetzt [d.h. Hari bleibt der einzige, letzte Lenker]. / Deshalb [ist] der Gemahl der Lakṣmī, alldurchdringend, unabhängig, von der Schrift verkündet, / makellos, ewig von guten Eigenschaften, stets Nārāyaṇa, Hari. / So [ist] das Innerliche [ādhyātmika] real und festgestellt, [und ebenso] das Äußerliche [adhibhūta], außen Befindliche; / weil sie die Erzeugerin aller Sprossen [d.h. Wirkungen] ist, [ist] die Erde real, als Ursache von allem; / wegen ihrer Eignung, nicht [leicht] zu Asche zu werden und dergleichen, [ist sie] das Mittel des Schützens, [während Feuer das Mittel des] Verbrennens [ist]; / und das Feuer [ist] das Austrocknende; der Wind, das, was Raum gewährt [d.h. Äther ist real]; / jene Ursachen, und die feinstofflichen Elemente, und die zu ihnen gehörigen Sinnesorgane, / [sind] so alle real, verbunden [und] zum [kosmischen] Ei gehörig. / Auch die Wurzeln davon, [selbst] unverbunden [vor der Schöpfung], [sind] in jeder Hinsicht real; / nachdem er dies zusammengefasst und daraus [die Welt] geformt hat, geht der Reale [Hari], zusammen mit dem Unerschaffenen, [ans Werk]. / MANCHE [Lehrmeinungen] aber [behaupten, das Höchste sei] ohne Glieder, ohne Körper, frei von Eigenschaften wie Erkenntnis und dergleichen, / anteillos und unteilbar in seiner Gestalt, und als für alle unsichtbar erklärt,
Wort für Wort
ciccetyarūpā eteṣāṃ dehayogavivarjitāḥ
von Bewusstseins-Natur, frei von Körperbindung
niyantā puruṣaśreṣṭhaḥ
ihr Lenker ist der Beste der Puruṣas
lakṣmīpatirvyāptaḥ svatantraḥ śruticoditaḥ
der Gemahl der Lakṣmī, alldurchdringend, unabhängig, schriftbezeugt
ādhyātmikaṃ satyam adhibhūtaṃ bahisthitam
das Innerliche real, ebenso das Äußerliche
bhūḥsatyākhilakāraṇāt
die Erde real, als Ursache von allem
mātrāśca tadgatānīndriyāṇi satyānyevaṃ samastāni
die feinstofflichen Elemente und Sinnesorgane sind alle real
kecinniraṅgā nirdehā jñānādi guṇavarjitāḥ
manche [Lehren]: [Brahman] ohne Glieder, Körper, Eigenschaften
niraṃśo khaṇḍarūpaśca sarvādṛśyonirūpitāḥ
anteillos, unteilbar, für alle unsichtbar erklärt
Zusammenfassung der realistischen Position (Hari als Lenker, alle Prinzipien und Elemente real) und unmittelbarer Übergang (V.89) zur Darstellung der gegnerischen, illusionistischen Lehrmeinung – Beginn der ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Advaita-Vedānta.
[Manche behaupten das Höchste sei] namen- und gestaltlos, [doch zugleich] Fruchtgeber, [aber] bei näherer Betrachtung nicht [wirklich] verehrungswürdig; Brahman allein [existiere], und alles Unbewusste sei fälschlich auf Brahman aufgelagert [ropita], / wie Silber auf einer Perlmuschel, [oder] wie eine Schlange auf einem Seil erscheint; / jene Unwissenheit sei [nur] eingebildet und werde eben durch die Erkenntnis der Muschel widerlegt; / bei näherer Betrachtung erweise sich, dass jenes [nur] die Muschel, nicht Silber sei; / daher sei zu erkennen: [alles Unbewusste ist] illusorisch, trügerisch, so wie jenes [vermeintliche] Silber; / die wahre Natur eines Dinges [erkenne man] durch [rechtes] Wissen; und weil dies [Weltall] ebenso [nur] eingebildet sei, / sei dieses ganze Universum, durch Unwissenheit auf Brahman aufgelagert, [bloß] vorgestellt; / die individuelle Seele, die Urheberin der Auflagerung auf Brahman, existiere in Wahrheit nicht verschieden von Brahman; / jenes [Brahman], obwohl anteillos, sei unmittelbar von Unwissenheit über die eigene Brahman-Natur verhüllt / [und] erfahre endlose Gestalten, entstanden aus mancherlei Mutterschößen; ihre [der Seele] Unwissenheit entstehe aus einem [begrenzenden] Attribut [upādhi]; ein wirkliches [reales] solches Attribut aber existiere [in Wahrheit] nicht – / es sei trügerisch, weil aus Unwissenheit geboren; [daher] werde die Unwissenheit [selbst] nicht als real bezeichnet; / durch jene Unwissenheit [erscheine sie] in der Seele befindlich, obwohl die Seele [an sich] von Natur aus nicht existiere. [HIER SETZT DIE WIDERLEGUNG EIN:] Im eigenschaftslosen [nirviśeṣa] höchsten Brahman aber – wie könnten [dort] Wissen und Unwissenheit [überhaupt] wirken? / Daher [ist] das, was aus [jeweiligem, partikulärem] Wissen und dessen Attribut entsteht, NICHT in Brahman gegründet.
Wort für Wort
anāmarūpo phaladastvanupāsyo vicāritaḥ
[angeblich] namen-/gestaltlos, doch Fruchtgeber, unverehrbar
brahmaikantu jaḍaṃ sarve brahmaṇyāropitaṃ mṛṣā
Brahman allein; alles Unbewusste fälschlich aufgelagert
śuktau rajatavadrajjau sarpavatpratibhāti
wie Silber auf der Muschel, wie eine Schlange auf dem Seil
ajñānakalpitaṃ brahmaṇyetadviśvaṃ prakalpitam
durch Unwissenheit auf Brahman aufgelagert, das Universum ist vorgestellt
brahmaṇyāropakṛjjīvo brahmānyo naiva vartate
die Seele, Urheberin der Auflagerung, existiert nicht verschieden von Brahman
tasyajñānamupādhyutthaṃ satyopādhirna vidyate
ihre Unwissenheit entsteht aus einem Attribut; ein reales Attribut existiert nicht
mithyā sājñānajatatvānnājñānaṃ satyamucyate
trügerisch, aus Unwissenheit geboren; die Unwissenheit selbst nicht real
nirviśeṣabrahmaṇi tu jñānājñānena vartataḥ ato na brahmaniṣṭaṃ
im eigenschaftslosen Brahman - wie könnten Wissen/Unwissenheit wirken? Nicht in Brahman gegründet
ZENTRALE PHILOSOPHISCHE POLEMIK: Das Kapitel referiert hier ausführlich und präzise die klassische Advaita-Vedānta-Position (Māyāvāda) – die berühmten Gleichnisse von Silber auf der Perlmuschel und Schlange auf dem Seil, die Lehre von der 'Auflagerung' (adhyāropa) des Universums auf das eigenschaftslose Brahman, die Nicht-Verschiedenheit der Seele von Brahman, und die Lehre vom begrenzenden Attribut (upādhi) – um sie ab V.97 systematisch zu widerlegen. Diese explizite, technisch präzise Darstellung UND Widerlegung des Advaita ist philosophiegeschichtlich bemerkenswert und geht über die knappere anti-monistische Polemik in Kap.13 (V.64-65) deutlich hinaus.
evaṃ mithyābhūtakālakarmadeśāgamādibhiḥ / bhramadbrahma ca kalpānte brahmamūla svarūpakam // jñātvā tatraikyamāpanno na punarjāyate bhuvi / muktasyāpi na cājñānaṃ nendriyāṇi na kvacit // nirviśeṣe parebrahmaṇyaikyametādṛśaṃ khalu / tadajñānaṃ na sannāsatsadasanna ca tarhikam // anirvācyaṃ tannivṛttirmuktirityabhidhīyate / pūrvāpareṣu kāleṣu sṛṣṭinmetyapi te jaguḥ // etaddhi durmataṃ santo nāṅgīkurvantitātvikāḥ //
So [behaupten sie] weiter, durch trügerische Zeit, Karma, Ort, Schrift und dergleichen, / irre Brahman [nur scheinbar umher]; am Ende des Kalpa aber [kehre man zurück zur] in Brahman wurzelnden eigenen Wesensnatur; / nachdem man dies erkannt und dort Einheit erlangt hat, werde man nicht wieder auf Erden geboren; auch für den Befreiten gebe es weder Unwissenheit noch Sinnesorgane, nirgends. / Im eigenschaftslosen höchsten Brahman [bestehe] eine solche Einheit fürwahr; jene [ihre] Unwissenheit sei weder seiend noch nicht-seiend, weder beides noch dann [zeitlich verortbar] [Anm.: die klassische advaitische Formel der 'Unbeschreiblichkeit' (anirvacanīya) der Unwissenheit], / [sie sei] unbeschreiblich; deren Aufhebung werde 'Befreiung' genannt. In früheren und späteren Zeiten [gebe es zyklisch wiederkehrende] Schöpfung – auch dies verkünden sie. ABER DIES IST FÜRWAHR EINE FALSCHE LEHRE [durmata] – DIE GUTEN, DIE 'WESENHAFTEN' [tāttvikāḥ], AKZEPTIEREN SIE NICHT!
Wort für Wort
mithyābhūtakālakarmadeśāgamādibhiḥ bhramadbrahma
durch trügerische Zeit/Karma/Ort/Schrift irre Brahman umher
kalpānte brahmamūla svarūpakam jñātvā
am Kalpa-Ende, die in Brahman wurzelnde eigene Natur erkennend
muktasyāpi na cājñānaṃ nendriyāṇi na kvacit
auch für den Befreiten weder Unwissenheit noch Sinnesorgane, nirgends
tadajñānaṃ na sannāsatsadasanna ca tarhikam anirvācyaṃ
jene Unwissenheit weder seiend noch nicht-seiend, unbeschreiblich
tannivṛttirmuktirityabhidhīyate
deren Aufhebung wird 'Befreiung' genannt
etaddhi durmataṃ santo nāṅgīkurvantitātvikāḥ
DIES IST FALSCHE LEHRE - die Wesenhaften akzeptieren sie nicht
ABSCHLUSS UND URTEIL: nach vollständiger, technisch akkurater Darlegung der Advaita-Position (einschließlich der berühmten 'anirvacanīya'-Formel für die Unwissenheit und der zyklischen Schöpfungslehre) erfolgt die explizite, unmissverständliche Verurteilung als 'durmata' (schlechte/falsche Lehre), die von den 'tāttvikāḥ' (den 'Wesenhaften', d.h. den Anhängern der realistischen Pāñcarātra-Ontologie) nicht akzeptiert wird. Dies ist die ausführlichste und expliziteste anti-advaitische Polemik des gesamten bisher übersetzten Prakāśa-Saṃhitā-Textes und schließt das Kapitel mit einem klaren doktrinellen Verdikt ab, ohne dass hier redaktionell Stellung zur Richtigkeit bezogen wird.