Quellen der Menschheit

Atharvaveda-Saṃhitā · Kāṇḍa 5

Sūkta 1

ṛdhaṅmantro yoniṃ ya ābabhūvāmṛtāsur vardhamānaḥ sujanmā adabdhāsur bhrājamāno 'heva trito dhartā dādhāra trīṇi

Der, dessen Formel gedeiht, der zum Mutterschoß gelangt ist, unsterblichen Lebensodems, wachsend, wohlgeboren, unversehrten Lebensodems, erstrahlend wie der Tag – Trita, der Träger, hat die drei [Welten] getragen. [Anm.: Vers gehört zum notorisch dunklen Vena-Lied; Einzelheiten unsicher.]

Wort für Wort
ṛdhaṅmantro
ṛdhat 'gedeihend' + mantra 'Formel, Zauberspruch' → dessen Formel gedeiht (Nom.Sg.) [?]
yoniṃ
zum Mutterschoß (Akk.Sg.)
ya
der welcher (Nom.Sg.m.)
ābabhūvāmṛtāsur
ist gelangt – unsterblichen Lebensodems (Perf.3.Sg.+Nom.Sg., sandhi)
vardhamānaḥ
wachsend (Nom.Sg.Ptz.Präs.Med.)
sujanmā
su 'gut, wohl' + janman 'Geburt' → wohlgeboren (Nom.Sg.)
adabdhāsur
adabdha 'unversehrt, unbetrogen' + asu 'Lebensodem' → unversehrten Lebensodems (Nom.Sg.)
bhrājamāno
erstrahlend (Nom.Sg.Ptz.Präs.)
'heva
wie der Tag (ahar+iva, sandhi)
trito
Trita (Gottname) (Nom.Sg.)
dhartā
der Träger (Nom.Sg.)
dādhāra
hat getragen (3.Sg.Perf.)
trīṇi
die drei [Welten] (Akk.Pl.n.)

ā yo dharmāṇi prathamaḥ sasāda tato vapūṃṣi kṛṇuṣe purūṇi dhāsyur yoniṃ prathama ā viveśā yo vācam anuditāṃ ciketa

Der zuerst sich auf die Ordnungen niedersetzte, davon schaffst du die vielen Wundergestalten; der Nahrungspendende ist zuerst in den Mutterschoß eingegangen, der die noch ungesprochene Rede erkannte. [Anm.: Bildhafte Stelle unsicher gedeutet.]

Wort für Wort
ā
herbei (Präverb)
yo
der welcher (Nom.Sg.)
dharmāṇi
die Ordnungen (Akk.Pl.)
prathamaḥ
als Erster (Nom.Sg.)
sasāda
sich niedersetzte (3.Sg.Perf.)
tato
davon
vapūṃṣi
die Wundergestalten (Akk.Pl.)
kṛṇuṣe
du schaffst (2.Sg.Präs.Med.)
purūṇi
viele (Akk.Pl.n.)
dhāsyur
der Nahrungspendende (Nom.Sg.) [?]
yoniṃ
in den Mutterschoß (Akk.Sg.)
prathama
als Erster (Nom.Sg.)
ā
hinein (Präverb)
viveśā
ist eingegangen (3.Sg.Perf.)
yo
der welcher (Nom.Sg.)
vācam
die Rede (Akk.Sg.)
anuditāṃ
ungesprochene (Akk.Sg.f.)
ciketa
erkannte (3.Sg.Perf.)

yas te śokāya tanvaṃ rireca kṣarad dhiraṇyaṃ śucayo 'nu svāḥ atrā dadhete amṛtāni nāmāsme vastrāṇi viśa erayantām

Der dir für die Glut den Leib überließ, es fließe das Gold, die eigenen reinen Ströme hinterher; hier legen sie die unsterblichen Namen nieder; uns sollen die Stämme Gewänder herbeischicken. [Anm.: Eine der textlich schwierigsten Stellen des Vena-Lieds (Crux); Übersetzung unsicher.]

Wort für Wort
yas
der welcher (Nom.Sg.)
te
dir (Dat.Sg.)
śokāya
für die Glut (Dat.Sg.)
tanvaṃ
den Leib (Akk.Sg.)
rireca
überließ (3.Sg.Perf.) [?]
kṣarad
es fließe (3.Sg.Inj.) [?]
dhiraṇyaṃ
das Gold (Akk.Sg.)
śucayo
die reinen (Nom.Pl.)
'nu
hinterher (Adv.)
svāḥ
die eigenen [Ströme] (Nom.Pl.f.)
atrā
hier (Adv.)
dadhete
sie legen nieder (3.Du.Präs.Med.) [?]
amṛtāni
die unsterblichen (Akk.Pl.n.)
nāmāsme
Namen – uns (nāma+asme, sandhi)
vastrāṇi
Gewänder (Akk.Pl.)
viśa
die Stämme (Nom.Pl.)
erayantām
sollen herbeischicken (3.Pl.Impv.Med.)

pra yad ete prataraṃ pūrvyaṃ guḥ sadaḥsada ātiṣṭhanto ajuryam kaviḥ śuṣasya mātarā rihāṇe jāmyai dhuryaṃ patim erayethām

Als diese weiter vorwärts zum uralten Ziel gingen, an jedem Sitz das Unalternde einnehmend, hat der Seher die beiden Mütter des Śuṣṇa, die sich leckenden, der Schwester den zugtragenden Gatten geschickt. [Anm.: Vers textlich und inhaltlich stark umstritten (Crux).]

Wort für Wort
pra
fort, vorwärts (Präverb)
yad
als (Konj.)
ete
diese (Nom.Pl.m.)
prataraṃ
weiter voran (Adv.)
pūrvyaṃ
zum uralten [Ziel] (Akk.Sg.n.)
guḥ
gingen (3.Pl.Aor.)
sadaḥsada
sadas 'Sitz' + -sada- (distributive Reduplikation: 'an jedem ... Sitz') → an jedem Sitz (Lok.Sg.)
ātiṣṭhanto
einnehmend (Nom.Pl.Ptz.Präs.)
ajuryam
das Unalternde (Akk.Sg.n.)
kaviḥ
der Seher (Nom.Sg.)
śuṣasya
des Śuṣṇa (Dämon) (Gen.Sg.)
mātarā
die beiden Mütter (Akk.Du.)
rihāṇe
die sich leckenden (Akk.Du.Ptz.)
jāmyai
der Schwester (Dat.Sg.)
dhuryaṃ
den zugtragenden (Akk.Sg.m.)
patim
den Gatten (Akk.Sg.)
erayethām
hat geschickt (Perf./Impf.Med., ungewöhnliche Form) [?]

tad ū ṣu te mahat pṛthujman namaḥ kaviḥ kāvyenā kṛṇomi yat samyañcāv abhiyantāv abhi kṣām atrā mahī rodhacakre vāvṛdhete

Das ist wahrlich deine große, weitgehende Verehrung; durch Sehertum vollbringe ich als Seher dies: dass die beiden gemeinsam Herantretenden über die Erde hin, hier die beiden Großen ihre Grenzen ausgebildet haben. [Anm.: Deutung unsicher.]

Wort für Wort
tad
das (Nom.Sg.n.)
ū
wahrlich (Partikel)
ṣu
wohl (Partikel)
te
dir (Dat.Sg.)
mahat
große (Nom.Sg.n.)
pṛthujman
pṛthu 'breit, weit' + jman 'Bahn, Lauf' → weitgehend, weitreichend (Nom.Sg.n.) [?]
namaḥ
Verehrung (Nom.Sg.)
kaviḥ
als Seher (Nom.Sg.)
kāvyenā
durch Sehertum (Instr.Sg.)
kṛṇomi
ich vollbringe (1.Sg.Präs.)
yat
dass (Konj.)
samyañcāv
die beiden gemeinsam Herantretenden (Nom.Du.)
abhiyantāv
die beiden Herantretenden (Nom.Du.Ptz.)
abhi
hin zu (Präverb)
kṣām
die Erde (Akk.Sg.)
atrā
hier (Adv.)
mahī
die beiden Großen (Nom.Du.f.)
rodhacakre
rodhas 'Ufer, Damm' + cakra 'Rad, Kreis' → (wörtl. 'Uferräder'), hier: ihre Grenzen (Akk.Du.) [?]
vāvṛdhete
haben ausgebildet (3.Du.Perf.Med.)

sapta maryādāḥ kavayas tatakṣus tāsām id ekām abhy aṃhuro gāt āyor ha skambha upamasya nīḍe pathāṃ visarge dharuṇeṣu tasthau

Sieben Grenzen zimmerten die Seher; von diesen ist einer, der Bedrängte, gegangen; die Stütze des Lebens steht im Nest des Höchsten, an den Haltepunkten, wo die Wege sich verzweigen. [Anm.: „der Bedrängte" (aṃhuraḥ) unsicher gedeutet.]

Wort für Wort
sapta
sieben
maryādāḥ
Grenzen (Akk.Pl.)
kavayas
die Seher (Nom.Pl.)
tatakṣus
zimmerten (3.Pl.Perf.)
tāsām
von diesen (Gen.Pl.f.)
id
eben (Partikel)
ekām
eine (Akk.Sg.f.)
abhy
hin zu (Präverb)
aṃhuro
der Bedrängte (Nom.Sg.) [?]
gāt
ist gegangen (3.Sg.Aor.)
āyor
des Lebens (Gen.Sg.)
ha
fürwahr (Partikel)
skambha
die Stütze (Nom.Sg.)
upamasya
des Höchsten (Gen.Sg.)
nīḍe
im Nest (Lok.Sg.)
pathāṃ
der Wege (Gen.Pl.)
visarge
bei der Verzweigung (Lok.Sg.)
dharuṇeṣu
an den Haltepunkten (Lok.Pl.)
tasthau
steht (3.Sg.Perf.)

utāmṛtāsur vrata emi kṛnvann asur ātmā tanvas tat sumadguḥ uta vā śakro ratnaṃ dadhāty ūrjayā vā yat sacate havirdāḥ

Und mit unsterblichem Lebensodem gehe ich, das Gelübde erfüllend; der Lebensodem ist die Seele des Leibes, das ist sein rechter Ruf; oder auch der Mächtige verleiht den Schatz, den, der mit Kraft dem Opferspender beisteht.

Wort für Wort
utāmṛtāsur
und mit unsterblichem Lebensodem (uta+amṛtāsuḥ, sandhi)
vrata
das Gelübde (Akk.Sg.)
emi
ich gehe (1.Sg.Präs.)
kṛnvann
erfüllend (Nom.Sg.Ptz.Präs.)
asur
der Lebensodem (Nom.Sg.)
ātmā
die Seele (Nom.Sg.)
tanvas
des Leibes (Gen.Sg.)
tat
das (Nom.Sg.n.)
sumadguḥ
su-mat 'freudig, gut' + gu 'Ruf, Laut' → sein rechter, froher Ruf (Nom.Sg.) [?]
uta
und
vā
oder
śakro
der Mächtige (Indra) (Nom.Sg.)
ratnaṃ
den Schatz (Akk.Sg.)
dadhāty
verleiht (3.Sg.Präs.)
ūrjayā
mit Kraft (Instr.Sg.)
vā
oder
yat
der, welcher
sacate
beisteht (3.Sg.Präs.Med.)
havirdāḥ
havis 'Opfergabe' + dā 'Geber' → Opfergabenspender (Dat.Sg.)

uta putraḥ pitaraṃ kṣatram īḍe jyeṣṭhaṃ maryādam ahvayant svastaye darśan nu tā varuṇa yās te viṣṭhā āvarvratataḥ kṛṇavo vapūṃṣi

Und der Sohn verehrt den Vater als Herrschaft, den ältesten; sie riefen die Grenzsetzung an, zum Heil; nun sollen sie jene deine Stätten sehen, o Varuṇa; du wirst, dem Gelübde folgend, Wundergestalten schaffen. [Anm.: Deutung unsicher.]

Wort für Wort
uta
und
putraḥ
der Sohn (Nom.Sg.)
pitaraṃ
den Vater (Akk.Sg.)
kṣatram
als Herrschaft (Akk.Sg.)
īḍe
verehrt (3.Sg.Präs.Med.) [?] / regulär eigentlich 1.Sg.Präs.Med. 'ich verehre' (vgl. RV 'agnim īḷe')
jyeṣṭhaṃ
den ältesten (Akk.Sg.m.)
maryādam
die Grenzsetzung (Akk.Sg.)
ahvayant
sie riefen an (3.Pl.Impf.)
svastaye
zum Heil (Dat.Sg.)
darśan
sie sollen sehen (3.Pl.Subj.) [?]
nu
nun
tā
jene (Akk.Pl.n.)
varuṇa
o Varuṇa (Vok.Sg.)
yās
die welche (Nom.Pl.f.)
te
deine (Gen.Sg.)
viṣṭhā
Stätten (Nom.Pl.f.)
āvarvratataḥ
dem Gelübde folgend (Nom.Sg., Kompositum) [?]
kṛṇavo
du wirst schaffen (2.Sg.Subj.)
vapūṃṣi
Wundergestalten (Akk.Pl.)

ardham ardhena payasā pṛṇakṣy ardhena śuṣma vardhase amura aviṃ vṛdhāma śagmiyaṃ sakhāyaṃ varuṇaṃ putram adityā iṣiram kaviśastāny asmai vapūṃṣy avocāma rodasī satyavācā

Die eine Hälfte füllst du mit der anderen Hälfte an Milch, mit der anderen Hälfte wächst du, o Kraftvoller, Unfehlbarer; wir wollen den hilfreichen Freund stärken, Varuṇa, den frischen Sohn der Aditi; die von Sehern verkündeten Wundergestalten haben wir ihm gesagt, den beiden Welten, wahrredend.

Wort für Wort
ardham
die eine Hälfte (Akk.Sg.)
ardhena
mit der anderen Hälfte (Instr.Sg.)
payasā
an Milch (Instr.Sg.)
pṛṇakṣy
du füllst an (2.Sg.Präs.)
ardhena
mit der anderen Hälfte (Instr.Sg.)
śuṣma
o Kraftvoller (Vok.Sg.)
vardhase
du wächst (2.Sg.Präs.Med.)
amura
o Unfehlbarer (Vok.Sg.) [?]
aviṃ
den hilfreichen (Akk.Sg.)
vṛdhāma
wir wollen stärken (1.Pl.Impv./Subj.)
śagmiyaṃ
den kräftigen (Akk.Sg.m.)
sakhāyaṃ
den Freund (Akk.Sg.)
varuṇaṃ
Varuṇa (Akk.Sg.)
putram
den Sohn (Akk.Sg.)
adityā
der Aditi (Gen.Sg.)
iṣiram
den frischen (Akk.Sg.m.)
kaviśastāny
kavi 'Seher' + śasta 'verkündet, gepriesen' → von Sehern verkündet (Akk.Pl.n.)
asmai
ihm (Dat.Sg.)
vapūṃṣy
Wundergestalten (Akk.Pl.)
avocāma
wir haben gesagt (1.Pl.Aor.)
rodasī
den beiden Welten (Akk.Du.)
satyavācā
satya 'wahr' + vāc 'Rede' → wahrredend (Nom.Du./Instr.Sg.) [?]

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