Kapitel 14: bhīmagāndhārīsaṃvāda
Bhīmas Rechtfertigung vor Gāndhārī wegen Duryodhanas Tod und des Blutes Duḥśāsanas
Bhīma antwortet auf Gāndhārīs Vorwürfe und begründet sein unfaires Vorgehen im Keulenkampf gegen Duryodhana; Gāndhārī hält ihm den Blutgenuss an Duḥśāsana vor, und Bhīma weist ihn als Schreckmittel zurück. Sie beklagt, dass ihnen nicht wenigstens ein Sohn als Stütze blieb.
sainyasyaiko 'vaśiṣṭo 'yaṃ gadāyuddhe ca vīryavān; māṃ hatvā na hared rājyam iti caitat kṛtaṃ mayā
„Als Einziger vom Heer ist dieser übriggeblieben, und im Keulenkampf ist er tapfer. ‚Er soll nicht, nachdem er mich getötet hat, die Königsherrschaft an sich nehmen‘: darum wurde dies von mir getan.“
Wort für Wort
sainyasya eko 'vaśiṣṭo 'yam
vom Heer als einziger übriggeblieben dieser (Gen. Sg.; Nom. Sg.; Part. Pass.; Nom. Sg.)
gadāyuddhe ca vīryavān
und im Keulenkampf tapfer (Lok. Sg.; Nom. Sg. m.)
māṃ hatvā na hared rājyam
nachdem er mich getötet hat, nehme er nicht die Herrschaft (Abs.; Opt. 3.Sg.; Akk. Sg.)
iti ca etat kṛtaṃ mayā
so [dachte ich], und dies wurde von mir getan (Part. Pass.; Instr. Sg.)
tatraiva vadhyaḥ so 'smākaṃ durācāro 'mba te sutaḥ; dharmarājājñayā caiva sthitāḥ sma samaye tadā
„Gerade dort hätte er von uns getötet werden müssen, dein Sohn, o Mutter, der Übeltäter; nur auf Befehl des Dharmakönigs blieben wir damals bei der Abmachung.“
Wort für Wort
tatra eva vadhyaḥ so 'smākam
gerade dort zu töten er von uns (Adv.; Gerundiv; Nom. Sg.; Gen. Pl.)
durācāro 'mba te sutaḥ
der Übeltäter, o Mutter, dein Sohn (Nom. Sg.; Vok. Sg.; Gen. Sg.; Nom. Sg.)
dharmarājājñayā ca eva
und eben auf Befehl des Dharmakönigs (Instr. Sg. f.)
sthitāḥ sma samaye tadā
standen wir bei der Abmachung damals (Part. Pass. Nom. Pl. + sma; Lok. Sg.; Adv.)
„Ans Ende dieser Feindschaft ist er gelangt: Nachdem Duryodhana im Kampf getötet ist, hat Yudhiṣṭhira die Herrschaft erlangt, und wir sind vom Zorn frei geworden.“
Wort für Wort
vairasya asya gataḥ pāram
dieser Feindschaft Ende ist erreicht (Gen. Sg.; Part. Pass.; Akk. Sg.)
hatvā duryodhanaṃ raṇe
nachdem Duryodhana im Kampf getötet ist (Abs.; Akk. Sg.; Lok. Sg.)
rājyaṃ yudhiṣṭhiraḥ prāptaḥ
die Herrschaft hat Yudhiṣṭhira erlangt (Akk. Sg.; Nom. Sg.; Part. Pass.)
vayaṃ ca gatamanyavaḥ
und wir, deren Zorn gewichen ist (Nom. Pl.; Nom. Pl. m., Kompositum)
Das Subjekt von gataḥ ist Bhīma selbst bzw. die Pāṇḍavas kollektiv; die Konstruktion wurde wortnah beibehalten.
gāndhāry uvāca; na tasyaiṣa vadhas tāta yat praśaṃsasi me sutam; kṛtavāṃś cāpi tat sarvaṃ yad idaṃ bhāṣase mayi
Gāndhārī sprach: „Nicht das ist seine Tötung [zu tadeln], mein Lieber, dass du meinen Sohn lobst [?]; und doch hast du all das getan, was du mir hier darlegst.“
Wort für Wort
gāndhārī uvāca
Gāndhārī sprach (Perf. 3.Sg.)
na tasya eṣa vadhas tāta
nicht seine ist diese Tötung, mein Lieber (Gen. Sg.; Nom. Sg. m.; Vok.)
yat praśaṃsasi me sutam
dass du lobst meinen Sohn (2.Sg. Präs.; Gen. Sg.; Akk. Sg.)
kṛtavāṃś ca api tat sarvam
und du hast auch all das getan (Part. Perf. Akt. Nom. Sg.; Akk. Sg. n.)
yad idaṃ bhāṣase mayi
was du dies sagst zu mir (2.Sg. Präs. Med.; Lok. Sg.)
Sinn des ersten Halbverses unsicher: na tasyaiṣa vadhaḥ kann „dies ist nicht [der Gegenstand meines Vorwurfs:] seine Tötung“ bedeuten.
sadbhir vigarhitaṃ ghoram anāryajanasevitam; krūraṃ karmākaroḥ kasmāt tad ayuktaṃ vṛkodara
„Von den Guten verabscheut, furchtbar, von unedlen Leuten geübt, ein grausames Werk hast du verrichtet: Warum, Wolfsbauch, [tatest du] jenes Unziemliche?“
Wort für Wort
sadbhir vigarhitaṃ ghoram
von den Guten verabscheut, furchtbar (Instr. Pl.; Part. Pass.; Adj.)
anāryajanasevitam
von unedlen Leuten geübt (Part. Pass., Kompositum)
krūraṃ karma akaroḥ kasmāt
ein grausames Werk hast du getan, warum (Akk. Sg.; Aor. 2.Sg.; Abl.)
tad ayuktaṃ vṛkodara
das Unziemliche, Wolfsbauch (Akk. Sg. n.; Vok. Sg.)
Bhīmasena sprach: „Nicht einmal eines anderen Blut darf man trinken, geschweige denn das eigene; wie man selbst, so ist der Bruder: einen Unterschied gibt es keinen.“
Wort für Wort
bhīmasena uvāca
Bhīmasena sprach (Perf. 3.Sg.)
anyasya api na pātavyam
eines anderen auch nicht zu trinken (Gen. Sg.; Gerundiv)
rudhiraṃ kiṃ punaḥ svakam
Blut, geschweige denn das eigene (Nom. Sg. n.; Adj. Nom. Sg. n.)
yathā eva ātmā tathā bhrātā
wie das Selbst, so der Bruder (Nom. Sg.; Nom. Sg.)
viśeṣo nāsti kaś cana
ein Unterschied ist nicht irgendeiner (Nom. Sg.; 3.Sg. Präs.; Pron.)
yat tu saṃjñām akaravaṃ pibāmy asṛg ahaṃ ruṣā; dantoṣṭhaṃ nābhicakrāma rudhiraṃ me ca mā śucaḥ; nāsṛk pātuṃ tvayā śakyaṃ mama saṃgrāmamūrdhani; vṛthā garjasi mūḍhas tvaṃ nistoyas toyado yathā; tad evaṃ bruvamāṇasya tava sūno 'lpacetasaḥ (sic); vibhidya hṛdayaṃ pītaṃ rākṣasyā mama bhāryayā
„Dass ich aber ein Zeichen gab: ‚Ich trinke im Zorn Blut!‘ – über meine Zähne und Lippen ging es nicht hinaus, und gräme dich nicht meinetwegen. Nicht kannst du mein Blut trinken an der Spitze der Schlacht; umsonst brüllst du, Tor, wie eine wasserlose Wolke. Als er so redete, dein Sohn, der Geringsinnige, [wurde] das Herz gespalten und [das Blut] getrunken von einer Rākṣasī, meiner Gattin [?].“
Wort für Wort
yat tu saṃjñām akaravam
dass ich aber ein Zeichen gab (Akk. Sg.; Impf. 1.Sg.)
pibāmy asṛg ahaṃ ruṣā
ich trinke Blut im Zorn (1.Sg. Präs.; Akk. Sg.; Nom. Sg.; Instr. Sg.)
dantoṣṭhaṃ na abhicakrāma
Zähne und Lippen ging es nicht hinaus (Akk. Sg. n.; Perf. 3.Sg.)
rudhiraṃ me ca mā śucaḥ
das Blut mein, und gräme dich nicht (Nom. Sg.; Gen.; Prohibitiv 2.Sg.)
na asṛk pātuṃ tvayā śakyam
nicht Blut zu trinken von dir möglich (Inf.; Instr. Sg.; Adj.)
mama saṃgrāmamūrdhani
mein, an der Spitze der Schlacht (Gen.; Lok. Sg.)
vṛthā garjasi mūḍhas tvam
umsonst brüllst du, Tor du (Adv.; 2.Sg. Präs.; Nom. Sg.; Nom. Sg.)
nistoyas toyado yathā
wasserlos wie eine Wolke (Nom. Sg.; Nom. Sg.; Adv.)
tad evaṃ bruvamāṇasya
als er so redete (Gen. Sg. Part. Präs.)
tava sūno 'lpacetasaḥ (sic)
dein Sohn, der Geringsinnige (Gen. Sg.; Gen. Sg.; Gen. Sg. m., verderbt)
vibhidya hṛdayaṃ pītaṃ
das Herz gespalten, getrunken (Abs.; Akk. Sg.; Part. Pass.)
rākṣasyā mama bhāryayā
von einer Rākṣasī, meiner Gattin [?] (Instr. Sg. f.; Gen.; Instr. Sg. f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text am Ende offensichtlich verderbt (im Original „(sic)“), die Zuordnung der Sprecher und der letzte Halbvers sind unsicher.
„Ich legte das Gelöbnis ‚Ich trinke das Blut des Feindes‘ nicht ab [?].“
Wort für Wort
na pratijñām akaravam
nicht das Gelöbnis legte ich ab [?] (Akk. Sg.; Impf. 1.Sg.)
pibāmy asṛg arer iti
‚ich trinke das Blut des Feindes‘, so (1.Sg. Präs.; Akk. Sg.; Gen. Sg.; Part.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; das na widerspricht dem sonstigen Kontext (Bhīma hatte das Gelöbnis abgelegt); Text vermutlich verderbt oder anders zu gliedern.
Gāndhārī sprach: „Da du diesem Greis hundert Söhne erschlugst, Unbesiegter: Warum hast du nicht irgendeinen übrig gelassen, der [nur] wenig gefehlt hatte?“
Wort für Wort
gāndhārī uvāca
Gāndhārī sprach (Perf. 3.Sg.)
vṛddhasya asya śataṃ putrān
diesem Greis hundert Söhne (Gen. Sg.; Gen. Sg.; Akk. Sg.; Akk. Pl.)
„Die Nachkommenschaft von uns beiden, Lieber, die wir alt und der Herrschaft beraubt sind: Wie wurde nicht ein einziger Stab dieses blinden Paares verschont?“
Wort für Wort
saṃtānam āvayos tāta
die Nachkommenschaft von uns beiden, Lieber (Nom./Akk. Sg. n.; Gen. Du.; Vok.)
vṛddhayor hṛtarājyayoḥ
der beiden Alten, der Herrschaft Beraubten (Gen. Du.; Gen. Du., Kompositum)
katham andhadvayasya asya
wie dieses blinden Paares (Interrogativ; Gen. Sg. n.; Gen. Sg.)
yaṣṭir ekā na varjitā
ein Stab einziger nicht verschont (Nom. Sg. f.; Nom. Sg. f.; Part. Pass. f.)
śeṣe hy avasthite tāta putrāṇām antake tvayi; na me duḥkhaṃ bhaved etad yadi tvaṃ dharmam ācaraḥ
„Denn wäre, Lieber, ein Rest der Söhne übrig geblieben, während du ihr Vernichter bist, so wäre mir dieser Kummer nicht, wenn du nur den Dharma befolgt hättest.“
Wort für Wort
śeṣe hy avasthite tāta
denn wenn ein Rest übrig geblieben, Lieber (Lok. Sg. n.; Part. Pass.; Vok.)
putrāṇām antake tvayi
der Söhne, dem Vernichter, während du (Gen. Pl.; Lok. Sg. m.; Lok. Sg.)
na me duḥkhaṃ bhaved etad
nicht wäre mir Leid dies (Gen./Dat.; Nom. Sg.; Opt. 3.Sg.; Nom. Sg. n.)
yadi tvaṃ dharmam ācaraḥ
wenn du den Dharma befolgt hättest (Nom. Sg.; Akk. Sg.; Impf. 2.Sg.)