Kapitel 16: gāndhārīvilāpaḥ raṇabhūmidarśanam
Gāndhārī schaut das Schlachtfeld und klagt Kṛṣṇa ihr Leid
Gāndhārī schaut kraft göttlicher Sehergabe das Kampffeld, die Kuru-Frauen strömen zu den Gefallenen, und sie klagt Kṛṣṇa das Grauen der Walstatt und den Untergang der Helden.
vaiśaṃpāyana uvāca; evam uktvā tu gāndhārī kurūṇām āvikartanam; apaśyat tatra tiṣṭhantī sarvaṃ divyena cakṣuṣā
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Gāndhārī so gesprochen hatte, erblickte sie dort stehend mit dem göttlichen Auge alles, [nämlich] das Niedermetzeln der Kuru [?].
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (3.Sg.Perf.)
evam uktvā tu gāndhārī
nachdem aber Gāndhārī so gesprochen hatte (Abs./Nom.)
kurūṇām āvikartanam
der Kuru Niedermetzelung [?] (Gen.Pl./Akk.Sg.)
apaśyat tatra tiṣṭhantī
erblickte dort stehend (3.Sg.Impf./Part.Präs.f.)
sarvaṃ divyena cakṣuṣā
alles mit göttlichem Auge (Akk./Instr.)
āvikartana ist unsicher; hier als „Zerschneiden, Niedermetzeln“ gedeutet.
Rings umhüllt von den leblosen [Leibern] der Elefanten, Rosse und Männerhelden, besucht von Schakalen, Baḍa-Vögeln, Krähen, Kolaka-Tieren, Kaṅka-Reihern und Raben.
rakṣasāṃ puruṣādānāṃ modanaṃ kurarākulam; aśivābhiḥ śivābhiś ca nāditaṃ gṛdhrasevitam
Eine Freude für die menschenfressenden Rākṣasas, voll von Fischadlern, erfüllt vom Geheul unheilvoller und heilvoller Schakalinnen, von Geiern besucht.
Wort für Wort
rakṣasāṃ puruṣādānām
der menschenfressenden Rākṣasas (Gen.Pl.)
modanaṃ kurarākulam
Freude, von Fischadlern erfüllt (Nom./Akk.Sg.n.)
aśivābhiḥ śivābhiś ca
von unheilvollen und heilvollen [Schakalinnen] (Instr.Pl.f.)
Das ringsum vom Klagen der Frauen mit vom Leid getroffenem Herzen widerhallende, überaus grauenvolle Schlachtfeld erblickte die dharmakundige Tochter Subalas [...]
Wort für Wort
duḥkhopahatacittābhiḥ
von durch Leid getroffenen Herzens [Frauen] (Instr.Pl.f.)
samantād anunāditam
ringsum widerhallend (Adv./Part.Perf.Pass.)
dṛṣṭvāyodhanam atyugram
das Schlachtfeld, überaus furchtbar, gesehen habend (Abs./Akk.)
dharmajñā subalātmajā
die Rechtskundige, Subalas Tochter (Nom.Sg.f.)
Satz setzt sich in Vers 17 fort (tataḥ sā … abravīt).
vīrasūbhir mahābāho hataputrābhir āvṛtam; kva cic ca vīrapatnībhir hatavīrābhir ākulam
„[Sieh dieses Schlachtfeld,] o Starkarmiger, erfüllt von Heldenmüttern, denen die Söhne erschlagen sind, und stellenweise voll von Heldengattinnen, deren Helden erschlagen sind.“
Wort für Wort
vīrasūbhir mahābāho
von Heldenmüttern, Starkarmiger (Instr.Pl.f./Vok.)
hataputrābhir āvṛtam
von solchen mit erschlagenen Söhnen bedeckt (Instr.Pl.f./Part.Perf.Pass.)
kva cic ca vīrapatnībhiḥ
und stellenweise von Heldenfrauen (Adv./Instr.Pl.f.)
hatavīrābhir ākulam
mit erschlagenen Helden, erfüllt (Instr.Pl.f./Nom.Sg.n.)
Anschluss an ayodhanam in V. 16/25 (paśya, V. 25).
„Von dir wurde das Werk vollbracht, Lotosäugiger, Hochstrahlender.“
Wort für Wort
tvayā tu sādhitaṃ karma
von dir aber vollbracht das Werk (Instr./Part.Perf.Pass./Nom.)
puṣkarākṣa mahādyute
Lotosäugiger, Hochstrahlender (Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
Von den Sängern [Barden], die sie zur rechten Zeit stets mit Lobpreisungen erfreuten, [hören sie jetzt] – schrecklich – die vielfältigen Rufe der Schakalinnen, der unheilvollen [Tiere], die sie nun vernehmen.
Wort für Wort
bandibhiḥ satataṃ kāle
von den Sängern, stets, zur [rechten] Zeit (Instr.Pl./Adv./Lok.)
stuvadbhir abhinanditāḥ
mit Lobpreisenden erfreut/gepriesen (Part.Präs. Instr.Pl.; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.)
śivānām aśivā ghorāḥ
der Schakalinnen [bzw. Glückverheißenden], die unheilvollen, schrecklichen (Gen.Pl./Nom.Pl.)
Der Vers ist syntaktisch hart: Wortspiel śivā (Schakalin / heilvoll) – aśivā (unheilvoll). Die Bezugnahme auf die gefallenen Helden ist aus dem Zusammenhang ergänzt.
Bögen, gelbe [d. h. goldgelb schimmernde] Pfeile, Schwerter, blanke Keulen tragen die auf den Kampf Stolzen, Frohen, als lebten sie noch.
Wort für Wort
cāpāni viśikhān pītān
Bögen, Pfeile, gelbe/glänzende (Akk.Pl.)
nistriṃśān vimalā gadāḥ
Schwerter, blanke Keulen (Akk.Pl./Akk.Pl.)
yuddhābhimāninaḥ prītāḥ
im Kampf Stolze, Erfreute (Nom.Pl.)
jīvanta iva bibhrati
als lebten sie, tragen (Part.Präs. Nom.Pl./Part./3.Pl.Präs.)
pītān: 'gelb' (Lesart mit wenigsten Zusatzannahmen); möglich auch 'getränkt' [?], hier nicht gewählt. Grammatisch ist 'gadāḥ' Nom.Pl. neben Akk.-Objekten, wohl Ungenauigkeit des Textes.
ruditoparatā hy etā dhyāyantyaḥ saṃpariplutāḥ; kurustriyo 'bhigacchanti tena tenaiva duḥkhitāḥ
Diese [Frauen], vom Weinen ermattet, in Gedanken versunken, überwältigt, gehen die Kuru-Frauen, jede von Leid gepeinigt, [zu den Toten] hin, jede zu ihrem [Toten].
Wort für Wort
ruditoparatā hy etāḥ
vom Weinen abgelassen habend, ja, diese (Nom.Pl.f./Part./Nom.Pl.f.)
Sieh, Keśava, die Scharen der schönsten Frauen des Duryodhana, dunkler, herrlich gefärbter, hellhäutiger, nur mit einem Gewand bekleideter: Betropft, [ja] benetzt von Wasserspritzern aus dem Speichel der Tränen, wird ihr Antlitz von Augenwassern benetzt.
Wort für Wort
śyāmānāṃ varavarṇānām
der dunkelhäutigen [bzw. jugendlichen], schönfarbigen (Gen.Pl.f.)
gaurīṇām ekavāsasām
der hellhäutigen, einfach gekleideten (Gen.Pl.f.)
duryodhanavarastrīṇāṃ paśya vṛndāni keśava
des Duryodhana beste Frauen, sieh die Scharen, Keśava (Gen.Pl./Imp.2.Sg./Akk.Pl./Vok.)
aśrulālāmbubhiḥ siktaṃ siktam
mit Tränen und Speichelwasser benetzt, benetzt (Instr.Pl./Part.Perf.Pass. n.)
śīkaravāribhiḥ
mit Wasserspritzern (Instr.Pl.)
duryodhanavarastrīṇāṃ sicyate nayanāmbubhiḥ
der besten Frauen des Duryodhana; wird benetzt, mit Augenwassern (Gen.Pl./3.Sg.Pass./Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Zeile c/d ist syntaktisch unklar und wiederholt Zeile b [?]. 'Antlitz' in der Übersetzung sinngemäß ergänzt; śyāma kann 'dunkel' oder 'jung' bedeuten.
āsām aparipūrṇārthaṃ niśamya paridevitam; itaretarasaṃkrandān na vijānanti yoṣitaḥ
Sobald sie ihr unerfülltes [d. h. unverständliches, nicht zum Ziel führendes] Klagen gehört haben, erkennen die Frauen einander wegen des gegenseitigen Jammerns nicht mehr.
Wort für Wort
āsām aparipūrṇārtham
dieser [Frauen], mit unvollständigem Sinn (Gen.Pl.f./Bahuvrīhi Akk.)
niśamya paridevitam
gehört habend, das Klagen (Abs./Akk.Sg.n.)
itaretarasaṃkrandāt
wegen des wechselseitigen Aufschreiens (Abl.Sg.)
na vijānanti yoṣitaḥ
erkennen nicht, die Frauen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
aparipūrṇārtham: Deutung unsicher [?]; hier 'nicht voll verständlich' als Bezug auf paridevitam gewählt.
Und wenn die an [solche] Schrecken nicht gewöhnten Frauen die kopflosen Rümpfe sehen, dazu Köpfe ohne Rumpf, werden sie ohnmächtig – die [an sonstige] Schrecken Gewöhnten [scheinen dagegen] wohlgefällig [zu sein] [?].
Wort für Wort
viśiraskān atho kāyān
kopflose, und ferner Rümpfe (Akk.Pl./Part./Akk.Pl.)
dṛṣṭvā ghorābhinandinaḥ
gesehen habend, [an] Schreckliches sich Erfreuende (Abs./Nom.Pl.)
muhyanty anucitā nāryaḥ
werden verwirrt, ungewohnte, Frauen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.f./Nom.Pl.)
videhāni śirāṃsi ca
und körperlose Köpfe (Akk.Pl.n.)
Text verderbt oder syntaktisch unklar: ghorābhinandinaḥ (Nom.Pl.m.) passt schlecht zu nāryaḥ; hier als Attribut zu den Toten/Tieren erwogen [?]. Wiedergabe unsicher.
Sie fügen Arme, Schenkel und Füße anderer, von Pfeilen zerrissen und einzeln liegend, zusammen; von Unglück bedrängt fallen sie immer wieder in Ohnmacht.
Wort für Wort
bāhūrucaraṇān anyān
Arme, Schenkel, Füße, andere (Akk.Pl.)
viśikhonmathitān pṛthak
von Pfeilen zerrissene, einzeln (Akk.Pl./Adv.)
saṃdadhatyo 'sukhāviṣṭāḥ
zusammenfügend, von Unglück erfüllt (Part.Präs. Nom.Pl.f./Nom.Pl.f.)
mūrchanty etāḥ punaḥ punaḥ
werden ohnmächtig, diese, immer wieder (3.Pl.Präs./Nom.Pl.f./Adv.)
[so] wurde sie, Bester der Bharata, [angefüllt] mit Wesen, deren Leben entwichen war.
Wort für Wort
babhūva
wurde (3.Sg.Perf.)
bharataśreṣṭha
Bester der Bharata (Vok.)
prāṇibhir gatajīvitaiḥ
mit Wesen, deren Leben gegangen ist (Instr.Pl./Bahuvrīhi Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Fortsetzung von 58 (Satz: 'die Erde wurde unbetretbar').
ato duḥkhataraṃ kiṃ nu keśava pratibhāti me; yad imāḥ kurvate sarvā rūpam uccāvacaṃ striyaḥ
Was erscheint mir denn noch leidvoller als dies, Keśava, dass all diese Frauen [hier] die verschiedensten Gestalten annehmen [d. h. so Verschiedenes zeigen und erleiden]?
Wort für Wort
ato duḥkhataraṃ kiṃ nu
was [ist] leidvoller als dies denn (Adv./Akk.Sg.n.Komp./Fragepart.)
keśava pratibhāti me
Keśava, erscheint mir (Vok./3.Sg.Präs./Dat./Gen.)
yad imāḥ kurvate sarvāḥ
dass diese alle tun/zeigen (Konj./Nom.Pl.f./3.Pl.Präs.Med.)
rūpam uccāvacaṃ striyaḥ
eine Gestalt, hohe und niedrige [vielerlei], die Frauen (Akk./Nom.Pl.)
rūpam uccāvacam: 'Erscheinung aller Art' (Jammerbilder der Frauen); Deutung [?].
Gewiss habe ich in früheren Geburten Übles getan, [ich], die ich erschlagene Söhne, Enkel und Brüder sehe, Keśava. So klagend, in Not, erblickte sie [den] erschlagenen Sohn.
Wort für Wort
nūnam ācaritaṃ pāpam
gewiss ist getan worden das Übel (Adv./Part.Perf.Pass. Nom.Sg.n./Nom.Sg.n.)
mayā pūrveṣu janmasu
von mir in früheren Geburten (Instr./Lok.Pl./Lok.Pl.)
yā paśyāmi hatān putrān
die ich sehe, erschlagene Söhne (Rel.Nom.Sg.f./1.Sg.Präs./Akk.Pl.)
pautrān bhrātṝṃś ca keśava
Enkel und Brüder, Keśava (Akk.Pl./Akk.Pl./Vok.)
evam ārtā vilapatī
so, bedrängt, klagend (Adv./Nom.Sg.f./Part.Präs. Nom.Sg.f.)
dadarśa nihataṃ sutam
sah, den erschlagenen Sohn (3.Sg.Perf./Akk.Sg./Akk.Sg.)
Der Wechsel von direkter Rede (Gāndhārī) zu Erzählung (dadarśa) im letzten Pāda ist im Text so gegeben.
[…] [ihn] anredend, den Janārdana, [sprach] Gāndhārī, von Sohnestrauer gequält:
Wort für Wort
**** ****
[Lücke im Text]
samābhāṣya janārdanam
anredend, Janārdana (Abs./Akk.Sg.)
gāndhārī putraśokārtā
Gāndhārī, von Sohnesgram bedrängt (Nom.Sg.f./Bahuvrīhi Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Lücke (****). Sinn nur fragmentarisch; 'sprach' ist Ergänzung.
[…] Gāndhārī, vom Leid abgezehrt, [erblickte den] auf dem Heldenlager Liegenden.
Wort für Wort
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[Lücke im Text]
gāndhārī duḥkhakarśitā
Gāndhārī, von Leid abgemagert (Nom.Sg.f./Part.Perf.Pass. Nom.Sg.f.)
śayānaṃ vīraśayane
den Liegenden, auf dem Heldenlager (Part.Präs.Med. Akk.Sg./Lok.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Lücke (****); Ergänzung 'erblickte den' nach Kontext [?].