Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Strīparva

Kapitel 20: gāndhāryā vilāpaḥ abhimanyuuttarādarśanam Gāndhārī zeigt Kṛṣṇa Abhimanyu, Uttarās Klage und das Elend der Matsya-Frauen

Gāndhārī wendet den Blick auf den gefallenen Abhimanyu und seine junge Witwe Uttarā und gibt deren Klage wieder; danach die Frauen um den erschlagenen Virāṭa und weitere gefallene Jungen.

gāndhāry uvāca; adhyardhaguṇam āhur yaṃ bale śaurye ca mādhava; pitrā tvayā ca dāśārha dṛptaṃ siṃham ivotkaṭam

Gāndhārī sprach: „Ihn, den man, Mādhava, an Kraft und Tapferkeit anderthalbmal [so tüchtig] nennt wie den Vater und dich, Dāśārha, [ihn, der] stolz [war] wie ein wilder Löwe –

Wort für Wort
gāndhāry uvāca
Gāndhārī sprach (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Perf.)
adhyardhaguṇam āhur yaṃ
anderthalbfach an Vorzug, nennen sie den (Akk.Sg.m.; 3.Pl.Perf.)
bale śaurye ca mādhava
an Kraft und Tapferkeit, Mādhava (Lok.Sg.; Vok.Sg.)
pitrā tvayā ca dāśārha
[im Vergleich] zum Vater und zu dir, Dāśārha (Instr.Sg.; Vok.Sg.)
dṛptaṃ siṃham iva utkaṭam
stolz, wie einen Löwen, wild (Akk.Sg.m.)

Konstruktion: adhyardhaguṇa mit Instr. des Vergleichs (pitrā tvayā ca); der Satz wird in Vers 2 fortgeführt.

yo bibheda camūm eko mama putrasya durbhidām; sa bhūtvā mṛtyur anyeṣāṃ svayaṃ mṛtyuvaśaṃ gataḥ

der allein das für meinen Sohn schwer zu durchbrechende Heer durchbrach, der für andere zum Tod wurde, ist selbst in die Gewalt des Todes gegangen.

Wort für Wort
yo bibheda camūm ekaḥ
der durchbrach das Heer, allein (Rel.Nom.; 3.Sg.Perf.; Akk.Sg.f.; Nom.Sg.m.)
mama putrasya durbhidām
meines Sohnes, schwer zu spalten (Gen.Sg.; Akk.Sg.f.)
sa bhūtvā mṛtyur anyeṣām
er, geworden [zum] Tod für andere (Nom.Sg.; Absolutiv; Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
svayaṃ mṛtyuvaśaṃ gataḥ
selbst in die Gewalt des Todes gegangen (Akk.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)

tasyopalakṣaye kṛṣṇa kārṣṇer amitatejasaḥ; abhimanyor hatasyāpi prabhā naivopaśāmyati

Bei ihm, Kṛṣṇa, dem Sohn Kṛṣṇas, dem von unermesslicher Glut, bei Abhimanyu bemerke ich, dass selbst als Erschlagenem der Glanz gar nicht erlischt.

Wort für Wort
tasya upalakṣaye kṛṣṇa
an ihm bemerke ich, Kṛṣṇa (Gen./Lok.-Bezug; 1.Sg.Präs.Med.; Vok.)
kārṣṇer amitatejasaḥ
des Sohnes Kṛṣṇas, von unermesslicher Glut (Gen.Sg.m.; Gen.Sg.m.)
abhimanyor hatasya api
Abhimanyus, auch des Erschlagenen (Gen.Sg.; Part.Perf.Pass. Gen.)
prabhā na eva upaśāmyati
der Glanz erlischt gerade nicht (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Präs.)

upalakṣaye: Konstruktion mit Gen. „an ihm bemerke ich“.

eṣā virāṭaduhitā snuṣā gāṇḍīvadhanvanaḥ; ārtā bālā patiṃ vīraṃ śocyā śocaty aninditā

Dort ist Virāṭas Tochter, die Schwiegertochter des Gāṇḍīva-Bogenträgers: gequält, jung, beklagenswert, untadelig beklagt sie ihren heldenhaften Gatten.

Wort für Wort
eṣā virāṭaduhitā
diese Tochter des Virāṭa (Nom.Sg.f.; Kompositum)
snuṣā gāṇḍīvadhanvanaḥ
Schwiegertochter des Gāṇḍīva-Bogenträgers (Nom.Sg.f.; Gen.Sg.m.)
ārtā bālā
gequält, jung (Nom.Sg.f.)
patiṃ vīraṃ śocyā
den Gatten, den Helden, selbst beklagenswert (Akk.Sg.; Nom.Sg.f.Gerundiv)
śocaty aninditā
betrauert, untadelig (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.f.)

tam eṣā hi samāsādya bhāryā bhartāram antike; virāṭaduhitā kṛṣṇa pāṇinā parimārjati

Diese Gattin ist ja zu ihm, ihrem Gatten, nahe herangetreten, Kṛṣṇa, und streicht [ihm], die Tochter Virāṭas, mit der Hand über [das Gesicht].

Wort für Wort
tam eṣā hi samāsādya
zu ihm diese ja herangetreten (Akk.Sg.m.; Nom.Sg.f.; Absolutiv)
bhāryā bhartāram antike
die Gattin den Gatten in der Nähe (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.; Lok.)
virāṭaduhitā kṛṣṇa
Virāṭas Tochter, Kṛṣṇa (Nom.Sg.f.; Vok.)
pāṇinā parimārjati
mit der Hand streicht/wischt sie ab (Instr.Sg.; 3.Sg.Präs.)

tasya vaktram upāghrāya saubhadrasya yaśasvinī; vibuddhakamalākāraṃ kambuvṛttaśirodharam

Sie, die Ruhmreiche, hat sein Gesicht beschnuppert, das des Sohnes der Subhadrā, das einer voll erblühten Lotusblume gleicht, mit einem Hals, rund wie eine Muschel.

Wort für Wort
tasya vaktram upāghrāya
seines Gesicht beschnuppernd (Gen.; Akk.Sg.n.; Absolutiv)
saubhadrasya yaśasvinī
des Subhadrā-Sohnes, die Ruhmreiche (Gen.Sg.; Nom.Sg.f.)
vibuddhakamalākāraṃ
von der Gestalt eines aufgeblühten Lotus (Akk.Sg.n. Kompositum)
kambuvṛttaśirodharam
mit muschelrundem Hals (Akk.Sg.n. Kompositum)

Die Verse 6-7 bilden einen Satz; vaktram ist Objekt zu upāghrāya, das Prädikat pariṣvajati steht in 7.

kāmyarūpavatī caiṣā pariṣvajati bhāminī; lajjamānā purevainaṃ mādhvīkamadamūrchitā

Und diese Schöne, von begehrenswerter Gestalt, umarmt ihn, wie früher verschämt, benommen vom Rausch des Honigweins.

Wort für Wort
kāmyarūpavatī ca eṣā
und diese, von begehrenswerter Gestalt (Nom.Sg.f.)
pariṣvajati bhāminī
umarmt, die Leidenschaftliche/Schöne (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.f.)
lajjamānā purā iva enam
verschämt wie früher ihn (Part.Präs.Med. Nom.Sg.f.; Adv.; Akk.Sg.m.)
mādhvīkamadamūrchitā
von Honigweinrausch benommen (Nom.Sg.f.)

mādhvīkamadamūrchitā: wörtlich „vom Rausch des Mādhvīka-Weins ohnmächtig/benommen“; hier wohl bildlich oder Erinnerung an die Hochzeitszeit [?].

tasya kṣatajasaṃdigdhaṃ jātarūpapariṣkṛtam; vimucya kavacaṃ kṛṣṇa śarīram abhivīkṣate

Sie hat ihm den mit Blut beschmierten, mit Gold geschmückten Panzer abgenommen, Kṛṣṇa, und betrachtet [seinen] Körper.

Wort für Wort
tasya kṣatajasaṃdigdham
von seinem, mit Blut beschmiert (Gen.; Akk.Sg.m./n.)
jātarūpapariṣkṛtam
mit Gold geschmückt (Akk.Sg.)
vimucya kavacaṃ kṛṣṇa
den Panzer abgelöst, Kṛṣṇa (Absolutiv; Akk.Sg.n.; Vok.)
śarīram abhivīkṣate
den Körper betrachtet sie (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)

avekṣamāṇā taṃ bālā kṛṣṇa tvām abhibhāṣate; ayaṃ te puṇḍarīkākṣa sadṛśākṣo nipātitaḥ

Ihn ansehend, spricht das Mädchen dich an, Kṛṣṇa: „Dieser, Lotusäugiger, dir gleich an Augen, ist gefällt worden.

Wort für Wort
avekṣamāṇā taṃ bālā
ihn anblickend, das Mädchen (Part.Präs.Med. Nom.Sg.f.; Akk.; Nom.Sg.f.)
kṛṣṇa tvām abhibhāṣate
Kṛṣṇa, dich spricht sie an (Vok.; Akk.; 3.Sg.Präs.Med.)
ayaṃ te puṇḍarīkākṣa
dieser dein, Lotusäugiger (Nom.; Gen./Dat.; Vok.)
sadṛśākṣo nipātitaḥ
gleichäugig, niedergestreckt (Nom.Sg.m.; Part.Kaus.Pass.)

bale vīrye ca sadṛśas tejasā caiva te 'nagha; rūpeṇa ca tavātyarthaṃ śete bhuvi nipātitaḥ

An Kraft und Tapferkeit dir gleich und an Glut, Makelloser, und an Gestalt gar sehr [dir ähnlich], liegt er auf der Erde, niedergestreckt.

Wort für Wort
bale vīrye ca sadṛśaḥ
an Kraft und Mannhaftigkeit gleich (Lok.; Nom.Sg.m.)
tejasā ca eva te anagha
und an Glut dir, Makelloser (Instr.; Gen./Dat.; Vok.)
rūpeṇa ca tava atyartham
und an Gestalt dir sehr [ähnlich] (Instr.; Gen.; Adv.)
śete bhuvi nipātitaḥ
er liegt auf der Erde, niedergestreckt (3.Sg.Präs.Med.; Lok.; Part.)

Wortstellung unklar: „te“ und „tava“ sind beide von sadṛśa abhängig gedacht; Anrede „anagha“ möglicherweise auch an Abhimanyu [?].

atyantasukumārasya rāṅkavājinaśāyinaḥ; kaccid adya śarīraṃ te bhūmau na paritapyate

Für dich, der du überaus zart bist und auf Rāṅku-Decken zu schlafen pflegst: Peinigt dich heute der Boden nicht am Körper?

Wort für Wort
atyantasukumārasya
des überaus Zarten (Gen.Sg.m.)
rāṅkavājinaśāyinaḥ
der auf Rāṅku-Fell schläft (Gen.Sg.m.)
kaccid adya śarīraṃ te
doch wohl heute der Körper dein (Fragepartikel; Adv.; Nom.Sg.n.; Gen.)
bhūmau na paritapyate
auf dem Boden nicht gequält wird (Lok.; Neg.; 3.Sg.Präs.Pass.)

mātaṅgabhujavarṣmāṇau jyākṣepakaṭhinatvacau; kāñcanāṅgadinau śeṣe nikṣipya vipulau bhujau

Deine beiden gewaltigen Arme, die Elefantenrüsseln an Größe gleichen, deren Haut vom Peitschen der Bogensehne hart ist, mit goldenen Armreifen, hast du hingelegt und schläfst –

Wort für Wort
mātaṅgabhujavarṣmāṇau
beide von der Größe der Elefantenrüssel/-arme (Akk.Du.m.)
jyākṣepakaṭhinatvacau
mit von Sehnenschlägen harter Haut (Akk.Du.m.)
kāñcanāṅgadinau
mit goldenen Armreifen (Akk.Du.m.)
śeṣe nikṣipya vipulau bhujau
du liegst, hingestreckt, die mächtigen Arme (2.Sg.Präs.Med.; Absolutiv; Akk.Du.)

Der Satz läuft in Vers 13 weiter (vyāyamya ... sukhasuptaḥ).

vyāyamya bahudhā nūnaṃ sukhasuptaḥ śramād iva; evaṃ vilapatīm ārtāṃ na hi mām abhibhāṣase

– gewiss nach vielfacher Übung, wie vor Erschöpfung sanft eingeschlafen. So sprichst du mich, die ich klage und gequält bin, nicht an.

Wort für Wort
vyāyamya bahudhā nūnam
nach Übung, vielfach, gewiss (Absolutiv; Adv.; Adv.)
sukhasuptaḥ śramād iva
sanft eingeschlafen, wie aus Erschöpfung (Nom.Sg.m.; Abl.; Part.)
evaṃ vilapatīm ārtām
so klagend, gequält (Adv.; Akk.Sg.f.; Akk.Sg.f.)
na hi mām abhibhāṣase
du sprichst mich ja nicht an (Neg.; Part.; Akk.; 2.Sg.Präs.Med.)

na smarāmy aparādhaṃ te kiṃ māṃ na pratibhāṣase; nanu māṃ tvaṃ purā dūrād abhivīkṣyābhibhāṣase

„Ich erinnere mich an kein Vergehen von dir: Warum antwortest du mir nicht? Sahst du mich nicht früher schon von fern und sprachst mich an?

Wort für Wort
na smarāmi aparādhaṃ te
ich erinnere mich nicht an ein Vergehen von dir (Neg.; 1.Sg.Präs.; Akk.Sg.m.; Gen.)
kiṃ māṃ na pratibhāṣase
warum antwortest du mir nicht (Interr.; Akk.; Neg.; 2.Sg.Präs.Med.)
nanu māṃ tvaṃ purā dūrāt
nicht wahr, mich, du, früher von fern (Fragepartikel; Akk.; Nom.; Adv.; Abl.)
abhivīkṣya abhibhāṣase
hast du angeblickt und angesprochen (Absolutiv; 2.Sg.Präs.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

āryām ārya subhadrāṃ tvam imāṃś ca tridaśopamān; pitṝn māṃ caiva duḥkhārtāṃ vihāya kva gamiṣyasi

Die ehrwürdige Subhadrā, du Ehrwürdiger, und diese götterhaften Väter und mich, vom Leid Geplagte, verlassend – wohin wirst du gehen?

Wort für Wort
āryām ārya subhadrāṃ tvam
die Edle, du Edler, Subhadrā, du (Akk.Sg.f.; Vok.; Akk.Sg.f.; Nom.)
imāṃś ca tridaśopamān
und diese, den Göttern gleich (Akk.Pl.m.)
pitṝn māṃ ca eva duḥkhārtām
die Väter und mich, vom Leid geplagt (Akk.Pl.; Akk.Sg.; Akk.Sg.f.)
vihāya kva gamiṣyasi
verlassen habend, wohin wirst du gehen (Absolutiv; Interr.; 2.Sg.Fut.)

pitṝn: die Pāṇḍavas als „Väter“, d. h. Vater und Onkel des Abhimanyu.

tasya śoṇitasaṃdigdhān keśān unnāmya pāṇinā; utsaṅge vaktram ādhāya jīvantam iva pṛcchati; svasrīyaṃ vāsudevasya putraṃ gāṇḍīvadhanvanaḥ

Sie hebt ihm die von Blut beschmierten Haare mit der Hand hoch, legt das Gesicht in ihren Schoß und fragt, als ob er lebte, den Schwestersohn Vāsudevas, den Sohn des Gāṇḍīva-Bogenträgers:

Wort für Wort
tasya śoṇitasaṃdigdhān
seine, mit Blut beschmierten (Gen.; Akk.Pl.m.)
keśān unnāmya pāṇinā
die Haare emporhebend mit der Hand (Akk.Pl.; Absolutiv; Instr.)
utsaṅge vaktram ādhāya
in den Schoß das Gesicht gelegt (Lok.; Akk.Sg.n.; Absolutiv)
jīvantam iva pṛcchati
als ob den Lebenden fragt sie (Part.Präs. Akk.; Part.; 3.Sg.Präs.)
svasrīyaṃ vāsudevasya
den Schwestersohn des Vāsudeva (Akk.Sg.m.; Gen.)
putraṃ gāṇḍīvadhanvanaḥ
den Sohn des Gāṇḍīva-Bogenträgers (Akk.Sg.; Gen.Sg.)

**** **** taṃ gṛdhrāḥ paryupāsate; sākṣān maghavataḥ pautraṃ

[…] Geier umsitzen ihn; [ihn,] den leibhaftigen Enkel des Maghavan [Indra].

Wort für Wort
[Lücke] taṃ gṛdhrāḥ
[Lücke] ihn, Geier (Akk.; Nom.Pl.)
paryupāsate
umsitzen ihn (3.Pl.Präs.Med.)
sākṣān maghavataḥ pautraṃ
leibhaftig, des Maghavan Enkel (Adv.; Gen.Sg.; Akk.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternpassage mit Lücke im überlieferten Text; der Anschluss ist unsicher [?].

kathaṃ tvāṃ raṇamadhyasthaṃ jaghnur ete mahārathāḥ; dhig astu krūrakartṝṃs tān kṛpakarṇajayadrathān

Wie konnten dich, mitten in der Schlacht stehend, diese Großwagenkämpfer erschlagen? Pfui über diese grausam Handelnden, Kṛpa, Karṇa und Jayadratha!

Wort für Wort
kathaṃ tvāṃ raṇamadhyasthaṃ
wie dich, mitten im Kampf stehend (Adv.; Akk.; Akk.Sg.m.)
jaghnur ete mahārathāḥ
erschlugen diese Großwagenkämpfer (3.Pl.Perf.; Nom.Pl.m.; Nom.Pl.m.)
dhig astu krūrakartṝṃs tān
Pfui sei über die grausam Handelnden, diese (Interj.; 3.Sg.Imp.; Akk.Pl.; Akk.Pl.)
kṛpakarṇajayadrathān
Kṛpa, Karṇa, Jayadratha (Akk.Pl.m.)

droṇadrauṇāyanī cobhau yair asi vyasanīkṛtaḥ; ratharṣabhāṇāṃ sarveṣāṃ katham āsīt tadā manaḥ

Und Droṇa und Drauṇi, beide, von denen du in Not gebracht wurdest: Wie war damals der Sinn aller dieser Wagenkämpfer-Stiere?

Wort für Wort
droṇadrauṇāyanī ca ubhau
Droṇa und Drauṇāyani, und beide (Nom.Du.m.)
yair asi vyasanīkṛtaḥ
von denen du in Not gebracht wurdest (Rel.Instr.Pl.; 2.Sg.Präs.; Part.Pass.)
ratharṣabhāṇāṃ sarveṣām
der Wagenkämpfer-Stiere, aller (Gen.Pl.m.)
katham āsīt tadā manaḥ
wie war damals der Sinn (Interr.; 3.Sg.Impf.; Adv.; Nom.Sg.n.)

bālaṃ tvāṃ parivāryaikaṃ mama duḥkhāya jaghnuṣām; kathaṃ nu pāṇḍavānāṃ ca pāñcālānāṃ ca paśyatām; tvaṃ vīra nidhanaṃ prāpto nāthavān sannanāthavat

Dich, den Jungen, einzeln umringt, haben sie zu meinem Leid erschlagen. Wie nur konntest du, Held, vor den Augen der Pāṇḍavas und Pāñcālas den Tod finden, obwohl du Beschützer hattest, wie einer ohne Beschützer?

Wort für Wort
bālaṃ tvāṃ parivārya ekam
dich, den Jungen, umringt habend, allein (Akk.; Akk.; Absolutiv; Akk.Sg.m.)
mama duḥkhāya jaghnuṣām
zu meinem Leid, der Erschlagenden (Gen.; Dat.; Gen.Pl.m.)
kathaṃ nu pāṇḍavānāṃ ca pāñcālānāṃ ca paśyatām
wie nur, unter den Augen der Pāṇḍavas und Pāñcālas (Interr.; Gen.Pl.; Gen.Abs.)
tvaṃ vīra nidhanaṃ prāpto
du, Held, den Tod erlangt (Nom.; Vok.; Akk.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
nāthavān san anāthavat
obwohl beschützt, wie schutzlos (Nom.Sg.m.; Part.Präs.; Adv.)

dṛṣṭvā bahubhir ākrande nihataṃ tvām anāthavat; vīraḥ puruṣaśārdūlaḥ kathaṃ jīvati pāṇḍavaḥ

Da er dich von Vielen erschlagen sah, wie einen Schutzlosen im Wehgeschrei: Wie lebt der Held, der Tiger unter den Männern, der Pāṇḍava?

Wort für Wort
dṛṣṭvā bahubhir ākrande
gesehen habend, von Vielen, im Wehgeschrei (Absolutiv; Instr.Pl.; Lok.Sg.)
nihataṃ tvām anāthavat
erschlagen, dich, wie einen Schutzlosen (Akk.Sg.m.; Akk.; Adv.)
vīraḥ puruṣaśārdūlaḥ
der Held, der Tiger unter den Männern (Nom.Sg.m.)
kathaṃ jīvati pāṇḍavaḥ
wie lebt der Pāṇḍava (Interr.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)

bahubhir ākrande: Syntax knapp; sinngemäß „von Vielen [umringt] im Wehgeschrei“.

na rājyalābho vipulaḥ śatrūṇāṃ vā parābhavaḥ; prītiṃ dāsyati pārthānāṃ tvām ṛte puṣkarekṣaṇa

Weder ein gewaltiger Gewinn an Herrschaft noch die Niederlage der Feinde wird den Pārthas Freude bereiten ohne dich, Lotusäugiger.

Wort für Wort
na rājyalābho vipulaḥ
nicht ein Gewinn der Herrschaft, gewaltig (Neg.; Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
śatrūṇāṃ vā parābhavaḥ
oder der Feinde Niederlage (Gen.Pl.; Part.; Nom.Sg.m.)
prītiṃ dāsyati pārthānām
Freude wird geben den Pārthas (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Fut.; Gen.Pl.)
tvām ṛte puṣkarekṣaṇa
ohne dich, Lotusäugiger (Akk.; Präp.; Vok.)

tava śastrajitāṃl lokān dharmeṇa ca damena ca; kṣipram anvāgamiṣyāmi tatra māṃ pratipālaya

Zu deinen durch Waffen gewonnenen Welten werde ich, durch Recht und Selbstbeherrschung, rasch nachfolgen; erwarte mich dort.

Wort für Wort
tava śastrajitāṃl lokān
deine durch Waffen gewonnenen Welten (Gen.; Akk.Pl.m.)
dharmeṇa ca damena ca
durch Recht und durch Selbstzähmung (Instr.Sg.)
kṣipram anvāgamiṣyāmi
rasch werde ich nachfolgen (Adv.; 1.Sg.Fut.)
tatra māṃ pratipālaya
dort erwarte mich (Adv.; Akk.; 2.Sg.Imp.)

durmaraṃ punar aprāpte kāle bhavati kena cit; yad ahaṃ tvāṃ raṇe dṛṣṭvā hataṃ jīvāmi durbhagā

Schwer zu sterben ist es, wahrlich, wenn die Zeit nicht gekommen ist, für jeden: da ich, dich im Kampf erschlagen gesehen, noch lebe, ich Unglückliche.

Wort für Wort
durmaraṃ punar aprāpte kāle
schwer zu sterben ist es aber, wenn die Zeit nicht erreicht ist (Nom.Sg.n.; Adv.; Lok.abs.)
bhavati kena cit
es ist für irgendwen (3.Sg.Präs.; Instr.Indef.)
yad ahaṃ tvāṃ raṇe dṛṣṭvā
weil ich dich im Kampf gesehen habend (Konj.; Nom.; Akk.; Lok.; Absolutiv)
hataṃ jīvāmi durbhagā
erschlagen, lebe ich, Unglückliche (Akk.Sg.m.; 1.Sg.Präs.; Nom.Sg.f.)

kām idānīṃ naravyāghra ślakṣṇayā smitayā girā; pitṛloke sametyānyāṃ mām ivāmantrayiṣyasi

Wen nun, Tiger unter den Männern, wirst du mit sanfter, lächelnder Rede in der Welt der Väter, wenn du sie getroffen hast, anreden – eine andere, wie mich?

Wort für Wort
kām idānīṃ naravyāghra
wen jetzt, Tiger unter den Männern (Akk.Sg.f.; Adv.; Vok.)
ślakṣṇayā smitayā girā
mit sanfter, lächelnder Rede (Instr.Sg.f.)
pitṛloke sametya
in der Welt der Väter, zusammengetroffen (Lok.; Absolutiv)
anyāṃ mām iva āmantrayiṣyasi
eine andere, wie mich, wirst du anreden (Akk.; Akk.; Part.; 2.Sg.Fut.)

nūnam apsarasāṃ svarge manāṃsi pramathiṣyasi; parameṇa ca rūpeṇa girā ca smitapūrvayā

Gewiss wirst du im Himmel die Herzen der Apsaras verwirren, durch höchste Schönheit und durch Rede, der ein Lächeln vorausgeht.

Wort für Wort
nūnam apsarasāṃ svarge
gewiss der Apsaras im Himmel (Adv.; Gen.Pl.; Lok.)
manāṃsi pramathiṣyasi
die Herzen wirst du verwirren (Akk.Pl.n.; 2.Sg.Fut.)
parameṇa ca rūpeṇa
und durch höchste Schönheit (Instr.Sg.n.)
girā ca smitapūrvayā
und durch Rede mit vorausgehendem Lächeln (Instr.Sg.f.)

prāpya puṇyakṛtāṃl lokān apsarobhiḥ sameyivān; saubhadra viharan kāle smarethāḥ sukṛtāni me

Wenn du die Welten der Verdienstvollen erreicht und dich mit Apsaras vereint hast, Sohn der Subhadrā, dann denke, wenn du dich [dort] vergnügst, zu gegebener Zeit an meine guten Taten.

Wort für Wort
prāpya puṇyakṛtāṃl lokān
erreicht habend, die Welten der Verdienst-Tuenden (Absolutiv; Akk.Pl.)
apsarobhiḥ sameyivān
mit Apsaras zusammengekommen (Instr.Pl.; Part.Perf.Akt. Nom.Sg.m.)
saubhadra viharan kāle
Sohn der Subhadrā, dich vergnügend, zur [rechten] Zeit (Vok.; Part.Präs.; Lok.)
smarethāḥ sukṛtāni me
du mögest gedenken der guten Taten, meiner (2.Sg.Opt.Med.; Akk.Pl.n.; Gen.)

etāvān iha saṃvāso vihitas te mayā saha; ṣaṇmāsān saptame māsi tvaṃ vīra nidhanaṃ gataḥ

So viel des Zusammenlebens war dir mit mir hier bestimmt: sechs Monate; im siebten Monat, Held, bist du in den Tod gegangen.

Wort für Wort
etāvān iha saṃvāsaḥ
so viel hier an Zusammenleben (Nom.Sg.m.; Adv.; Nom.Sg.m.)
vihitas te mayā saha
festgesetzt dir mit mir (Part.Pass.; Dat./Gen.; Instr.; Postp.)
ṣaṇmāsān saptame māsi
sechs Monate, im siebten Monat (Akk.Pl. der Dauer; Lok.Sg.)
tvaṃ vīra nidhanaṃ gataḥ
du, Held, zum Tod gegangen (Nom.; Vok.; Akk.; Part.)

subhadrāṃ bhadracarita smarethās tridivaṃ gataḥ

Denke, du Edelgesinnter, an Subhadrā, wenn du in den Himmel gegangen bist.

Wort für Wort
subhadrāṃ bhadracarita
an Subhadrā, du Edelhandelnder (Akk.Sg.f.; Vok.)
smarethās tridivaṃ gataḥ
mögest du gedenken, in den Himmel gegangen (2.Sg.Opt.Med.; Akk.Sg.m.; Part.Perf.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ity uktavacanām etām apakarṣanti duḥkhitām; uttarāṃ moghasaṃkalpāṃ matsyarājakulastriyaḥ

So hatte sie gesprochen, die Betrübte; diese Uttarā, deren Vorsatz vergeblich war, ziehen die Frauen aus dem Haus des Matsya-Königs [von dort] weg.

Wort für Wort
ity uktavacanām etām
so, die Worte gesprochen habend, diese (Adv.; Akk.Sg.f.; Akk.Sg.f.)
apakarṣanti duḥkhitām
ziehen sie weg, die Betrübte (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.f.)
uttarāṃ moghasaṃkalpām
Uttarā, deren Entschluss vergeblich (Akk.Sg.f.; Akk.Sg.f.)
matsyarājakulastriyaḥ
die Frauen der Familie des Matsya-Königs (Nom.Pl.f.)

uttarām apakṛṣyainām ārtām ārtatarāḥ svayam; virāṭaṃ nihataṃ dṛṣṭvā krośanti vilapanti ca

Nachdem sie diese gequälte Uttarā fortgezogen haben, klagen und jammern sie selbst noch mehr gequält, als sie Virāṭa erschlagen sehen.

Wort für Wort
uttarām apakṛṣya enām
Uttarā weggezogen habend, diese (Akk.; Absolutiv; Akk.)
ārtām ārtatarāḥ svayam
die Gequälte, [selbst] noch gequälter, selbst (Akk.Sg.f.; Nom.Pl.f.Komp.; Adv.)
virāṭaṃ nihataṃ dṛṣṭvā
Virāṭa erschlagen gesehen habend (Akk.; Part.; Absolutiv)
krośanti vilapanti ca
sie schreien und jammern (3.Pl.Präs.)

droṇāstraśarasaṃkṛttaṃ śayānaṃ rudhirokṣitam; virāṭaṃ vitudanty ete gṛdhragomāyuvāyasāḥ

Den von Droṇas Geschossen und Pfeilen Zerhackten, blutbespritzt Daliegenden, Virāṭa, zerfetzen diese: Geier, Schakale und Krähen.

Wort für Wort
droṇāstraśarasaṃkṛttam
von Droṇas Geschossen und Pfeilen zerhackt (Akk.Sg.m.)
śayānaṃ rudhirokṣitam
daliegend, blutbespritzt (Part.Präs.Med. Akk.; Akk.Sg.m.)
virāṭaṃ vitudanty ete
Virāṭa zerhacken diese (Akk.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.)
gṛdhragomāyuvāyasāḥ
Geier, Schakale, Krähen (Nom.Pl.m.)

vitudyamānaṃ vihagair virāṭam asitekṣaṇāḥ; na śaknuvanti vivaśā nivartayitum āturāḥ

Wie Vögel Virāṭa zerpicken, vermögen die schwarzäugigen [Frauen], hilflos und verstört, [sie] nicht zu vertreiben.

Wort für Wort
vitudyamānaṃ vihagair
zerpickt werdend, von Vögeln (Part.Pass. Akk.; Instr.Pl.)
virāṭam asitekṣaṇāḥ
Virāṭa, die Schwarzäugigen (Akk.; Nom.Pl.f.)
na śaknuvanti vivaśā
sie vermögen nicht, hilflos (Neg.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.f.)
nivartayitum āturāḥ
zu vertreiben, verstört (Infinitiv; Nom.Pl.f.)

āsām ātapataptānām āyāsena ca yoṣitām; śrameṇa ca vivarṇānāṃ rūpāṇāṃ vigataṃ vapuḥ

Bei diesen Frauen, von der Sonnenglut versengt, von Anstrengung und Erschöpfung fahl geworden, ist die Schönheit ihrer Gestalten geschwunden.

Wort für Wort
āsām ātapataptānām
von diesen, von der Sonnenhitze versengten (Gen.Pl.f.)
āyāsena ca yoṣitām
und durch Anstrengung, der Frauen (Instr.Sg.; Gen.Pl.f.)
śrameṇa ca vivarṇānām
und durch Erschöpfung, der Verfärbten (Instr.Sg.; Gen.Pl.f.)
rūpāṇāṃ vigataṃ vapuḥ
der Gestalten ist geschwunden die Schönheit (Gen.Pl.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.n.)

vapus hier als „Schönheit, Glanz“ gefasst; rūpāṇām abhängig davon [?].

uttaraṃ cābhimanyuṃ ca kāmbojaṃ ca sudakṣiṇam; śiśūn etān hatān paśya lakṣmaṇaṃ ca sudarśanam

Uttara und Abhimanyu und den Kāmboja Sudakṣiṇa, diese Jungen, erschlagen, sieh, und Lakṣmaṇa und Sudarśana.

Wort für Wort
uttaraṃ ca abhimanyuṃ ca
Uttara und Abhimanyu (Akk.Sg.m.)
kāmbojaṃ ca sudakṣiṇam
und den Kāmboja Sudakṣiṇa (Akk.Sg.m.)
śiśūn etān hatān paśya
diese Jungen, erschlagen, sieh (Akk.Pl.m.; Part.; 2.Sg.Imp.)
lakṣmaṇaṃ ca sudarśanam
und Lakṣmaṇa und Sudarśana (Akk.Sg.m.)

kārṣṇinābhihataṃ kṛṣṇa lakṣmaṇaṃ priyadarśanam

Lakṣmaṇa mit dem lieblichen Anblick, von Kārṣṇi [Abhimanyu] erschlagen, Kṛṣṇa,

Wort für Wort
kārṣṇinā abhihatam
von Kārṣṇi erschlagen (Instr.Sg.m.; Part.Pass. Akk.)
kṛṣṇa lakṣmaṇam
Kṛṣṇa, den Lakṣmaṇa (Vok.; Akk.Sg.m.)
priyadarśanam
von lieblichem Anblick (Akk.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternpassage; hängt an paśya in Vers 37.

āyodhanaśiromadhye śayānaṃ paśya mādhava

sieh, Mādhava, mitten auf dem Kampfplatz daliegen.

Wort für Wort
āyodhanaśiromadhye
in der Mitte des Kampffeldes, [wörtl. Haupt-Mitte] (Lok.Sg.n.)
śayānaṃ paśya mādhava
daliegend, sieh, Mādhava (Part.Präs.Med. Akk.; 2.Sg.Imp.; Vok.)

Setzt Vers 35 (paśya) fort; śiras in āyodhanaśiromadhye ist wohl „Spitze/Vorderste“ des Kampffeldes: „inmitten der Front des Kampffeldes“ [?].

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