Kapitel 27: gaṅgāyām udakakriyā karṇarahasyaprakāśanaṃ ca
Wasserspende an der Gaṅgā; Kuntī enthüllt Karṇas Herkunft, Yudhiṣṭhira klagt
Nach dem Bad in der Gaṅgā bringen die Kuru-Frauen den Gefallenen die Wasserspende dar. Kuntī offenbart nun den Söhnen, dass Karṇa ihr Erstgeborener war; Yudhiṣṭhira klagt und vollzieht die Riten für ihn.
vaiśaṃpāyana uvāca; te samāsādya gaṅgāṃ tu śivāṃ puṇyajanocitām; hradinīṃ vaprasaṃpannāṃ mahānūpāṃ mahāvanām
Vaiśaṃpāyana sprach: Sie gelangten zur Gaṅgā, der glückverheißenden, den Frommen gemäßen, reich an Wasserbecken, mit Uferböschungen versehen, mit großen Sumpf- und Wasserlandschaften und großen Wäldern.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
te samāsādya gaṅgāṃ tu śivām
sie, nachdem sie die Gaṅgā erreicht hatten, die glückverheißende (Nom.Pl.; Abs.; Akk.Sg.f.)
puṇyajanocitām
den frommen Menschen gemäß/vertraut (Akk.Sg.f., Tatpuruṣa)
hradinīṃ vaprasaṃpannām
reich an Wasserbecken, mit Uferwällen versehen (Akk.Sg.f.)
mahānūpāṃ mahāvanām
mit großen Wasserlandschaften, mit großen Wäldern (Akk.Sg.f., Bahuvrīhi)
putrāṇām āryakāṇāṃ ca patīnāṃ ca kurustriyaḥ; udakaṃ cakrire sarvā rudantyo bhṛśaduḥkhitāḥ; suhṛdāṃ cāpi dharmajñāḥ pracakruḥ salilakriyāḥ
für Söhne, Großväter und Gatten brachten alle Kuru-Frauen die Wasserspende dar, weinend, tief bekümmert; und auch für die Freunde vollzogen die Pflichtkundigen die Wasserriten.
Wort für Wort
putrāṇām āryakāṇāṃ ca patīnāṃ ca
der Söhne, der Großväter und der Gatten (Gen.Pl.)
kurustriyaḥ
die Kuru-Frauen (Nom.Pl.)
udakaṃ cakrire sarvāḥ
die Wasserspende machten alle (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl. Med.; Nom.Pl.f.)
rudantyo bhṛśaduḥkhitāḥ
weinend, sehr bekümmert (Part.Präs.Nom.Pl.f.; Nom.Pl.f.)
suhṛdāṃ cāpi dharmajñāḥ
auch der Freunde, die Pflichtkundigen (Gen.Pl.; Nom.Pl.f.)
pracakruḥ salilakriyāḥ
vollzogen die Wasserriten (Perf. 3.Pl.; Akk.Pl.f.)
yaḥ sa śūro maheṣvāso rathayūthapayūthapaḥ; arjunena hataḥ saṃkhye vīralakṣaṇalakṣitaḥ
Jener Held, der große Bogenschütze, der Anführer der Anführer der Wagenscharen, der von Arjuna in der Schlacht erschlagen wurde, gezeichnet mit den Merkmalen eines Helden –
Wort für Wort
yaḥ sa śūro maheṣvāsaḥ
der, jener Held, große Bogenschütze (Nom.Sg.m.)
rathayūthapayūthapaḥ
Anführer der Anführer der Wagenscharen (Nom.Sg.m., Komp.)
arjunena hataḥ saṃkhye
von Arjuna erschlagen im Kampf (Instr.; Part.Pass.; Lok.)
kurudhvam udakaṃ tasya bhrātur akliṣṭakarmaṇaḥ; sa hi vaḥ pūrvajo bhrātā bhāskarān mayy ajāyata; kuṇḍalī kavacī śūro divākarasamaprabhaḥ
Bringt ihm die Wasserspende dar, dem Bruder untadeligen Tuns! Er ist euer erstgeborener Bruder, von der Sonne mir geboren, mit Ohrringen und Rüstung, ein Held, an Glanz der Sonne gleich.
Wort für Wort
kurudhvam udakaṃ tasya
macht die Wasserspende für ihn (Imp. 2.Pl.; Akk.; Gen.)
bhrātur akliṣṭakarmaṇaḥ
für den Bruder untadeligen Tuns (Gen.Sg.)
sa hi vaḥ pūrvajo bhrātā
denn er ist euer Erstgeborener, der Bruder (Nom.Sg.; Gen. enkl.)
bhāskarān mayy ajāyata
von der Sonne wurde er mir geboren (Abl.; Lok.; Impf. 3.Sg. Med.)
dātāniśaṃ brāhmaṇānāṃ pūjakaḥ śīlarakṣakaḥ; kṛtajñaḥ satyavādī ca mahārathamahārathaḥ; abhimānī vinītātmā sundaraḥ priyadarśanaḥ; ekapatnīrataḥ śrīmān nityam ūrjitaśāsanaḥ; rājā sarvasya rāṣṭrasya duryodhanahite rataḥ; mama priyakaro nityaṃ putrāṇāṃ rakṣakaś ca ha
Er war ein steter Geber an die Brahmanen, ihr Verehrer, ein Wahrer der Sitte, dankbar, wahrhaft redend, ein Großwagenkämpfer unter Großwagenkämpfern, stolz, bescheidenen Sinnes, schön, lieblich anzusehen, nur einer Gattin ergeben, glanzvoll, dessen Gebot stets mächtig war, König des ganzen Reiches, an Duryodhanas Wohl hängend, mir stets Liebes tuend und der Beschützer der Söhne.
Wort für Wort
dātāniśaṃ brāhmaṇānām
ein Geber, unablässig, den Brahmanen (Nom.Sg.; Adv.; Gen.Pl.)
pūjakaḥ śīlarakṣakaḥ
Verehrer, Wahrer der Sitte (Nom.Sg.m.)
kṛtajñaḥ satyavādī ca
dankbar und wahrhaft redend (Nom.Sg.m.)
mahārathamahārathaḥ
Großwagenkämpfer unter Großwagenkämpfern (Nom.Sg.m.)
abhimānī vinītātmā
stolz, mit gezügeltem Selbst (Nom.Sg.m.)
sundaraḥ priyadarśanaḥ
schön, lieblich anzusehen (Nom.Sg.m.)
ekapatnīrataḥ śrīmān
einer Gattin ergeben, glanzvoll (Nom.Sg.m.)
nityam ūrjitaśāsanaḥ
stets von mächtigem Gebot (Adv.; Nom.Sg.m.)
rājā sarvasya rāṣṭrasya
König des ganzen Reiches (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
duryodhanahite rataḥ
an Duryodhanas Wohl hängend (Lok.; Nom.Sg.m.)
mama priyakaro nityam
mir Liebes tuend, stets (Gen.; Nom.Sg.m.; Adv.)
putrāṇāṃ rakṣakaś ca ha
und der Söhne Beschützer, fürwahr (Gen.Pl.; Nom.Sg.m.; Part.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Die Halbzeile „putrāṇāṃ rakṣakaś ca ha“ ist im Bezug mehrdeutig (eigene Söhne oder Dhṛtarāṣṭras Söhne); wörtlich wiedergegeben.]
Er, dessen Pfeile Wogen, dessen Banner Strudel, dessen mächtige Arme große Krokodile waren, vom Klatschen [der Bogensehne bzw. Hände] angetrieben, ein großer See der Großwagenkämpfer –
Wort für Wort
yaḥ śarormir dhvajāvartaḥ
der, dessen Pfeile Wogen, dessen Banner Strudel [waren] (Nom.Sg.m.; Komp.)
mahābhujamahāgrahaḥ
dessen große Arme große Krokodile [waren] (Nom.Sg.m.)
talaśabdapraṇuditaḥ
vom Klatschen [der Handflächen/Sehne] angetrieben [?] (Nom.Sg.m.; Part.Pass.)
mahārathamahāhradaḥ
ein großer See der Großwagenkämpfer (Nom.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Die Bildreihe (Meer/See-Metapher) ist syntaktisch elliptisch; „talaśabdapraṇuditaḥ“ ist unsicher wiedergegeben.]
Durch dessen Armglut wir überall gequält wurden – wie hast du ihn, gleich einem Feuer, mit einem Tuch verhüllt? Dessen furchtbare Armkraft von den Dhārtarāṣṭras [als Rückhalt] aufgesucht wurde,
Wort für Wort
yasya bāhupratāpena
durch dessen Armglut (Gen.; Instr.Sg.)
tāpitāḥ sarvato vayam
gequält überall wir (Part.Pass.Nom.Pl.; Adv.; Nom.)
tam agnim iva vastreṇa
ihn wie ein Feuer mit einem Tuch (Akk.; Part.; Instr.)
kathaṃ chāditavaty asi
wie hast du bedeckt (Perf.Part. + as, 2.Sg.)
yasya bāhubalaṃ ghoram
dessen Armkraft, furchtbar (Gen.; Nom.Sg.n.)
dhārtarāṣṭrair upāsitam
von den Dhārtarāṣṭras aufgesucht/als Stütze genommen (Instr.Pl.; Part.Pass.)
upāsitaṃ yathāsmābhir balaṃ gāṇḍīvadhanvanaḥ; bhūmipānāṃ ca sarveṣāṃ balaṃ balavatāṃ varaḥ
– wie von uns die Kraft des Gāṇḍīva-Bogenträgers [aufgesucht wurde], so die Kraft aller Erdenherrscher – [er], der Beste unter den Kraftvollen [?].
Wort für Wort
upāsitaṃ yathāsmābhiḥ
aufgesucht, wie von uns (Part.Pass.; Part.; Instr.Pl.)
balaṃ gāṇḍīvadhanvanaḥ
die Kraft des Gāṇḍīva-Bogenträgers (Akk./Nom.Sg.n.; Gen.Sg.)
bhūmipānāṃ ca sarveṣām
und aller Erdenherrscher (Gen.Pl.)
balaṃ balavatāṃ varaḥ
Kraft; der Beste der Kraftvollen [?] (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Satzbau der Zusatzstrophe unklar; „balaṃ balavatāṃ varaḥ“ (Nom.) wohl korrupt.]
Kein anderer als Karṇa, Kuntīs Sohn, der Wagenkämpfer unter Wagenkämpfern, hielt [ihnen so] stand [?]. Er war unser erstgeborener Bruder, der Beste aller Waffenträger. Wie hast du ihn, den von wunderbarer Tapferkeit, zuvor geboren, Ehrwürdige?
Wort für Wort
nānyaḥ kuntīsutāt karṇāt
kein anderer außer Kuntīs Sohn Karṇa (Nom.; Abl.Sg.)
agṛhṇād rathināṃ rathī
fasste/hielt stand [?], der Wagenkämpfer unter Wagenkämpfern (Impf. 3.Sg.; Gen.Pl.; Nom.Sg.)
sa naḥ prathamajo bhrātā
er, unser erstgeborener Bruder (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
sarvaśastrabhṛtāṃ varaḥ
der Beste aller Waffenträger (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
asūta taṃ bhavaty agre
geboren hast du ihn, Ehrwürdige, zuvor (Aor./Impf. 2/3.Sg. Med.; Akk.; Nom.f.; Adv.)
katham adbhutavikramam
wie [ihn] von wunderbarer Tapferkeit (Adv.; Akk.Sg.m.)
[Anm.: „agṛhṇāt“ (Impf. von grah) ist im Zusammenhang unsicher; wörtlich etwa „ergriff/nahm auf“.]
na hi sma kiṃ cid aprāpyaṃ bhaved api divi sthitam; na ca sma vaiśasaṃ ghoraṃ kauravāntakaraṃ bhavet
Nichts wäre unerreichbar geblieben, selbst was im Himmel steht, und dieses furchtbare Gemetzel, das die Kauravas zu Ende brachte, wäre nicht geschehen.
Wort für Wort
na hi sma kiṃ cid aprāpyam
denn nichts Unerreichbares (Part.; Nom.Sg.n.)
bhaved api divi sthitam
würde sein, auch im Himmel Befindliches (Opt. 3.Sg.; Lok.; Part.)
na ca sma vaiśasaṃ ghoram
und nicht wäre das Gemetzel, furchtbare (Nom.Sg.n.)
kauravāntakaraṃ bhavet
das den Kauravas ein Ende macht, geschähe (Nom.Sg.n.; Opt. 3.Sg.)
sarvaṃ cakāra karṇasya vidhivad bhūridakṣiṇam; sa rājā dhṛtarāṣṭraś ca kṛtvā jalam atandritaḥ
Alles für Karṇa vollzog er nach der Vorschrift mit reichen Opfergaben; und jener König Dhṛtarāṣṭra, nachdem er die Wasserspende getan hatte, unermüdlich.
Wort für Wort
sarvaṃ cakāra karṇasya
alles tat er für Karṇa (Akk.; Perf. 3.Sg.; Gen.)
vidhivad bhūridakṣiṇam
vorschriftsgemäß, mit reichen Gaben (Adv.; Adv./Akk.)
sa rājā dhṛtarāṣṭraś ca
und jener König Dhṛtarāṣṭra (Nom.Sg.)
kṛtvā jalam atandritaḥ
nachdem er die Wasserspende getan, unermüdlich (Abs.; Akk.; Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
cakāra vidhivad dhīmān dharmarājo yudhiṣṭhiraḥ; pāpenāsau mayā śreṣṭho bhrātā jñātir nipātitaḥ; ato manasi yad guhyaṃ strīṇāṃ tan na bhaviṣyati
So vollzog es der weise Gerechtigkeitskönig Yudhiṣṭhira nach der Vorschrift. „Von mir Sünder wurde der Beste, der Bruder, der Verwandte, zu Fall gebracht; darum wird, was den Frauen im Herzen geheim ist, [nicht mehr geheim] sein [?].“
Wort für Wort
cakāra vidhivad dhīmān
tat er vorschriftsgemäß, der Weise (Perf. 3.Sg.; Adv.; Nom.)
dharmarājo yudhiṣṭhiraḥ
der Dharmakönig Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.)
pāpenāsau mayā śreṣṭhaḥ
von mir Sündigem, jener Beste (Instr.; Nom.)
bhrātā jñātir nipātitaḥ
der Bruder, der Verwandte, gefällt (Nom.; Nom.; Part.Pass.)
ato manasi yad guhyam
darum, im Herzen was geheim ist (Adv.; Lok.; Rel.; Nom.Sg.n.)
strīṇāṃ tan na bhaviṣyati
der Frauen, das wird nicht sein [?] (Gen.Pl.; Pron.; Part.; Fut. 3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Die Zusatzstrophe enthält Yudhiṣṭhiras Fluch über die Frauen; „tan na bhaviṣyati“ ist elliptisch, sinngemäß ergänzt.]
Wer dies hört, der Weise, mit Glauben und Hingabe versehen, dem gewährt der Gott Nārāyaṇa das Erwünschte; und was an Übeltat durch Gedanken, Rede und Körper [begangen wurde] [?]; den Kundigen der Purāṇas verehrend, wird er vom Brahmanenmord befreit; von Söhnen und Enkeln umgeben, möge er in dieser Welt Glück erlangen; und nachdem er alle Welten genossen hat, wird er in Indras Welt geehrt.
Wort für Wort
ya idaṃ śṛṇuyād dhīmān
wer dies hören mag, der Weise (Rel.; Akk.; Opt. 3.Sg.; Nom.)
śraddhābhaktisamanvitaḥ
mit Glauben und Hingabe ausgestattet (Nom.Sg.m.)
tasya nārāyaṇo devaḥ
dem [gewährt] Nārāyaṇa, der Gott (Gen.; Nom.Sg.)
pradadāti samīhitam
gewährt das Erwünschte (Präs. 3.Sg.; Akk.Sg.n.)
mānasaṃ vācikaṃ caiva
gedanklich und sprachlich (Nom./Akk.Sg.n.)
kāyikaṃ yac ca duṣkṛtam
körperlich, und welche Übeltat (Nom./Akk.Sg.n.; Rel.; Nom.Sg.n.)
purāṇajñaṃ pūjayitvā
den Purāṇa-Kundigen verehrt habend (Akk.; Abs.)
brahmahatyā vimucyate
von Brahmanenmord wird er befreit (Abl.Sg.f.; Pass. 3.Sg.)
putrapautraiḥ parivṛtaḥ
von Söhnen und Enkeln umgeben (Instr.Pl.; Nom.Sg.m.)
iha loke sukhaṃ labhet
in dieser Welt Glück erlange er (Lok.; Akk.; Opt. 3.Sg. Med.)
muktvā ca sakalāl lokān
und genossen habend alle Welten (Abs. √bhuj; Akk.Pl.)
indraloke mahīyate
in Indras Welt wird er geehrt (Lok.; Pass. 3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Phalaśruti-Zusatz; die Konstruktion von „mānasaṃ vācikaṃ … duṣkṛtam“ ist unklar.]