Kapitel 1: dhṛtarāṣṭraśokaḥ saṃjayāśvāsanaṃ ca
Dhṛtarāṣṭras Klage um seine Söhne und die Tröstung durch Saṃjaya und Vidura
Eröffnung des Strīparvan: Janamejaya fragt nach dem Verhalten Dhṛtarāṣṭras nach der Vernichtung der Kurus; Saṃjaya mahnt den klagenden König, sein Leid sei die Folge des Nichtbeachtens der Warnungen, und Vidura setzt die Tröstung fort.
janamejaya uvāca; hate duryodhane caiva hate sainye ca sarvaśaḥ; dhṛtarāṣṭro mahārājaḥ śrutvā kim akaron mune
Janamejaya sprach: „Als Duryodhana erschlagen war und das Heer ringsum vollständig erschlagen, was tat da der Großkönig Dhṛtarāṣṭra, nachdem er es gehört hatte, o Weiser?“
Wort für Wort
janamejaya uvāca
Janamejaya sprach (Perf. 3.Sg.)
hate duryodhane caiva
und als Duryodhana erschlagen war (Lok. abs.)
hate sainye ca sarvaśaḥ
und das Heer gänzlich erschlagen war (Lok. abs.)
dhṛtarāṣṭro mahārājaḥ
Dhṛtarāṣṭra, der Großkönig (Nom.)
śrutvā kim akaron mune
nachdem er gehört hatte, was tat er, Weiser (Abs.; Impf. 3.Sg.; Vok.)
Vaiśaṃpāyana sprach: Den Erdenherrn Dhṛtarāṣṭra, der, da die hundert Söhne erschlagen waren, elend war wie ein Baum mit abgehauenen Ästen, vom Gram um die Söhne durchglüht,
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
hate putraśate dīnam
da die hundert Söhne erschlagen waren, elend (Lok. abs.; Akk. Sg. m.)
chinnaśākham iva drumam
wie ein Baum mit abgehauenen Ästen (Bahuvrīhi; Akk.)
putraśokābhisaṃtaptaṃ
vom Sohnesgram durchglüht (Akk.; Part. Pass.)
dhṛtarāṣṭraṃ mahīpatim
Dhṛtarāṣṭra, den Erdenherrn (Akk.)
Der Satz läuft über in Einheit 6 (abhigamya ... abravīt).
„Was trauerst du, Großkönig? In der Trauer gibt es keinen Beistand. Achtzehn Akṣauhiṇīs sind erschlagen, o Herr der Menschen; diese Erde ist nun menschenleer, ganz verödet.“
Wort für Wort
kiṃ śocasi mahārāja
was trauerst du, Großkönig (Präs. 2.Sg.; Vok.)
nāsti śoke sahāyatā
in der Trauer gibt es keine Beistandschaft (Lok.; Nom.)
akṣauhiṇyo hatāś cāṣṭau daśa caiva
und acht und zehn Akṣauhiṇīs sind erschlagen (Nom. Pl.; Part. Pass.)
„Aus allen Himmelsrichtungen zusammengekommen, aus verschiedenen Ländern, sind die Männerherrscher allesamt zusammen mit deinem Sohn in den Tod gegangen.“
Wort für Wort
nānādigbhyaḥ samāgamya
aus verschiedenen Himmelsrichtungen zusammengekommen (Abl. Pl.; Abs.)
nānādeśyā narādhipāḥ
die aus verschiedenen Ländern stammenden Männerherrscher (Nom. Pl.)
sahitās tava putreṇa
vereint mit deinem Sohn (Nom. Pl.; Instr.)
sarve vai nidhanaṃ gatāḥ
alle sind in der Tat in den Tod gegangen (Nom. Pl.; Part. Pass.)
Vaiśaṃpāyana sprach: Als er dieses jammervolle Wort gehört hatte, von der Tötung der Söhne und Enkel gequält, stürzte der Unbezwingbare zu Boden wie ein vom Wind getroffener Baum.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
tac chrutvā karuṇaṃ vākyaṃ
dieses jammervolle Wort gehört habend (Abs.; Akk.)
putrapautravadhārditaḥ
von der Tötung der Söhne und Enkel gequält (Nom.; Part. Pass.)
papāta bhuvi durdharṣaḥ
stürzte zu Boden, der Unbezwingbare (Perf. 3.Sg.; Lok.; Nom.)
Dhṛtarāṣṭra sprach: „Der Söhne beraubt, der Minister beraubt, aller Freunde und Anverwandten beraubt, werde ich gewiss im Leid diese Erde durchwandern.“
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Perf. 3.Sg.)
hataputro hatāmātyaḥ
dessen Söhne erschlagen, dessen Minister erschlagen sind (Bahuvrīhi; Nom.)
hatasarvasuhṛjjanaḥ
dessen sämtliche Freunde und Leute erschlagen sind (Bahuvrīhi; Nom.)
duḥkhaṃ nūnaṃ bhaviṣyāmi
in Leid werde ich gewiss sein (Adv./Akk.; Fut. 1.Sg.)
vicaran pṛthivīm imām
diese Erde durchwandernd (Part. Präs.; Akk.)
duḥkhaṃ bhaviṣyāmi wörtlich „ich werde Leid [sein]“, adverbial als „leidend“ gefasst.
hṛtarājyo hatasuhṛd dhatacakṣuś ca vai tathā; na bhrājiṣye mahāprājña kṣīṇaraśmir ivāṃśumān
„Des Reiches beraubt, der Freunde beraubt und ebenso der Augen beraubt, werde ich nicht leuchten, o Hochweiser, wie die Sonne mit geschwundenen Strahlen.“
Wort für Wort
hṛtarājyo hatasuhṛd
dem das Reich genommen, dem die Freunde erschlagen sind (Bahuvrīhi; Nom.)
dhatacakṣuś ca vai tathā
und ebenso der Augen beraubt (Bahuvrīhi; Nom.)
na bhrājiṣye mahāprājña
ich werde nicht leuchten, Hochweiser (Fut. 1.Sg. Med.; Vok.)
kṣīṇaraśmir ivāṃśumān
wie der Strahlende [Sonne] mit geschwundenen Strahlen (Nom.)
sabhāmadhye tu kṛṣṇena yac chreyo 'bhihitaṃ mama; alaṃ vaireṇa te rājan putraḥ saṃgṛhyatām iti
„Was mir Kṛṣṇa mitten in der Versammlung als das Heilsame gesagt hat: ‚Genug der Feindschaft mit dir, König; dein Sohn möge ergriffen [gebändigt] werden!‘“
Wort für Wort
sabhāmadhye tu kṛṣṇena
mitten in der Versammlung aber von Kṛṣṇa (Lok.; Instr.)
yac chreyo 'bhihitaṃ mama
was als das Heilsame mir gesagt wurde (Nom.; Part. Pass.; Dat./Gen.)
alaṃ vaireṇa te rājan
genug der Feindschaft mit dir, König (Instr.; Vok.)
putraḥ saṃgṛhyatām iti
dein Sohn möge festgehalten werden, so [sprach er] (Imp. Pass. 3.Sg.)
Kṛṣṇa (Vāsudeva) sprach diese Mahnung in der Kuru-Versammlung.
duryodhanasya ca tathā vṛṣabhasyeva nardataḥ; duḥśāsanavadhaṃ śrutvā karṇasya ca viparyayam; droṇasūryoparāgaṃ ca hṛdayaṃ me vidīryate
„Und so auch: [Da ich] von Duryodhana, der wie ein Stier brüllte, die Tötung Duḥśāsanas gehört habe und Karṇas Umsturz und die Verfinsterung der Sonne Droṇa, zerbirst mir das Herz.“
Wort für Wort
duryodhanasya ca tathā
und ebenso von Duryodhana (Gen.)
vṛṣabhasyeva nardataḥ
der wie ein Stier brüllt (Gen.; Part. Präs.)
duḥśāsanavadhaṃ śrutvā
die Tötung Duḥśāsanas gehört habend (Akk.; Abs.)
karṇasya ca viparyayam
und Karṇas Umsturz (Gen.; Akk.)
droṇasūryoparāgaṃ ca
und die Verfinsterung der Sonne Droṇa (Akk.)
hṛdayaṃ me vidīryate
mir zerbirst das Herz (Nom.; Gen.; Präs. Pass. 3.Sg.)
Der Anschluss von duryodhanasya ... nardataḥ ist syntaktisch lose (wohl „von [dem Fall] Duryodhanas, der wie ein Stier brüllte“); Wiedergabe unsicher [?].
pariṇāmaś ca vayasaḥ sarvabandhukṣayaś ca me; suhṛnmitravināśaś ca daivayogād upāgataḥ; ko 'nyo 'sti duḥkhitataro mayā loke pumān iha
„Das Reifen des Alters, der Untergang aller meiner Verwandten und der Verlust von Freunden und Gefährten ist mir durch Fügung des Schicksals zugekommen; welcher andere Mann ist in dieser Welt hier leidvoller als ich?“
Wort für Wort
pariṇāmaś ca vayasaḥ
und das Reifen des Alters (Nom.; Gen.)
sarvabandhukṣayaś ca me
und der Untergang aller Verwandten für mich (Nom.; Dat./Gen.)
suhṛnmitravināśaś ca
und der Verlust von Freunden und Gefährten (Nom.)
daivayogād upāgataḥ
durch Fügung des Schicksals eingetreten (Abl.; Part. Pass.)
ko 'nyo 'sti duḥkhitataro
welcher andere ist leidvoller (Nom.; Komparativ)
mayā loke pumān iha
als ich in der Welt, Mann, hier (Instr.; Lok.; Nom.)
śokaṃ rājan vyapanuda śrutās te vedaniścayāḥ; śāstrāgamāś ca vividhā vṛddhebhyo nṛpasattama; sṛñjaye putraśokārte yad ūcur munayaḥ purā
„Vertreibe die Trauer, König! Du hast die Entscheidungen der Veden gehört und die mannigfachen Lehrüberlieferungen von den Alten, bester der Fürsten, [ebenso] was die Weisen einst zu Sṛñjaya sagten, der von Sohnesgram gequält war.“
Wort für Wort
śokaṃ rājan vyapanuda
die Trauer vertreibe, König (Akk.; Vok.; Imp. 2.Sg.)
śrutās te vedaniścayāḥ
gehört wurden von dir die Veda-Entscheidungen (Part. Pass.; Instr./Gen.; Nom. Pl.)
śāstrāgamāś ca vividhā
und die mannigfachen Śāstra-Überlieferungen (Nom. Pl.)
vṛddhebhyo nṛpasattama
von den Alten, bester der Fürsten (Abl. Pl.; Vok.)
sṛñjaye putraśokārte
zu Sṛñjaya, der von Sohnesgram bedrängt war (Lok.; Tatpuruṣa)
yad ūcur munayaḥ purā
was die Weisen einst sagten (Perf. 3.Pl.; Nom. Pl.)
tathā yauvanajaṃ darpam āsthite te sute nṛpa; na tvayā suhṛdāṃ vākyaṃ bruvatām avadhāritam; svārthaś ca na kṛtaḥ kaś cil lubdhena phalagṛddhinā
„Ebenso, als dein Sohn, o König, im aus der Jugend geborenen Hochmut verharrte, wurde das Wort der redenden Freunde von dir nicht beherzigt; und kein eigener Zweck wurde von dir, dem Gierigen, nach Frucht Lechzenden, verfolgt.“
Wort für Wort
tathā yauvanajaṃ darpam
ebenso den aus der Jugend geborenen Hochmut (Akk.)
āsthite te sute nṛpa
als dein Sohn [darin] verharrte, König (Lok. abs.; Vok.)
na tvayā suhṛdāṃ vākyaṃ
nicht wurde von dir das Wort der Freunde (Instr.; Gen. Pl.)
bruvatām avadhāritam
der Redenden beherzigt (Gen. Pl. Part.; Part. Pass.)
svārthaś ca na kṛtaḥ kaś cil
und kein eigener Zweck wurde verfolgt (Nom.; Part. Pass.)
tava duḥśāsano mantrī rādheyaś ca durātmavān; śakuniś caiva duṣṭātmā citrasenaś ca durmatiḥ; śalyaś ca yena vai sarvaṃ śalyabhūtaṃ kṛtaṃ jagat
„Dein Minister war Duḥśāsana und der böswillige Rādheya, und Śakuni, der Boshafte, und Citrasena, der Übelgesinnte; und Śalya [auch], durch den die ganze Welt zu einem Stachel gemacht wurde.“
Wort für Wort
tava duḥśāsano mantrī
dein Berater war Duḥśāsana (Nom.)
rādheyaś ca durātmavān
und Rādheya, der Böswillige (Nom.)
śakuniś caiva duṣṭātmā
und Śakuni, der Boshafte (Nom.)
citrasenaś ca durmatiḥ
und Citrasena, der Übelgesinnte (Nom.)
śalyaś ca yena vai sarvaṃ
und Śalya, durch den ja alles (Nom.; Instr.)
śalyabhūtaṃ kṛtaṃ jagat
zu einem Stachel gemacht wurde die Welt (Part. Pass.; Nom.)
Bezug von yena und Wortspiel śalya (Śalya / Stachel, Pfeil) unsicher [?].
droṇasya ca mahārāja kṛpasya ca śaradvataḥ; kṛṣṇasya ca mahābāho nāradasya ca dhīmataḥ; ṛṣīṇāṃ ca tathānyeṣāṃ vyāsasyāmitatejasaḥ
und des Droṇa, Großkönig, und des Kṛpa, Śaradvats [Sohn], und des Kṛṣṇa, des Großarmigen, und des weisen Nārada und der anderen Ṛṣis und des Vyāsa von unermesslichem Glanz.
Wort für Wort
droṇasya ca mahārāja
und des Droṇa, Großkönig (Gen.; Vok.)
kṛpasya ca śaradvataḥ
und des Kṛpa, des Śāradvata (Gen.; Nom. [?])
kṛṣṇasya ca mahābāho
und des Kṛṣṇa, Großarmiger (Gen.; Vok.)
nāradasya ca dhīmataḥ
und des weisen Nārada (Gen.)
ṛṣīṇāṃ ca tathānyeṣāṃ
und der Ṛṣis und ebenso der anderen (Gen. Pl.)
vyāsasyāmitatejasaḥ
des Vyāsa von unermesslichem Glanz (Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). śaradvataḥ (Nom.) neben Gen. kṛpasya ist grammatisch auffällig, vermutlich verderbt.
alpabuddhir ahaṃkārī nityaṃ yuddham iti bruvan; krūro durmarṣaṇo nityam asaṃtuṣṭaś ca vīryavān; śrutavān asi medhāvī satyavāṃś caiva nityadā; na muhyantīdṛśāḥ santo buddhimanto bhavādṛśāḥ
„Geringen Verstandes, selbstherrlich, stets „Krieg!“ rufend; grausam, unduldsam, stets unzufrieden und doch tapfer. Du bist gelehrt, klug und stets wahrhaftig; Verständige wie du, gute Männer, lassen sich nicht so verwirren.“
Wort für Wort
alpabuddhir ahaṃkārī
geringen Verstandes, selbstherrlich (Nom.)
nityaṃ yuddham iti bruvan
stets „Krieg!“ sagend (Part. Präs.)
krūro durmarṣaṇo nityam
grausam, unduldsam, stets (Nom.; Adv.)
asaṃtuṣṭaś ca vīryavān
und unzufrieden, tapfer (Nom.)
śrutavān asi medhāvī
gelehrt bist du, einsichtig (Part. Perf. Akt.; Präs. 2.Sg.; Nom.)
satyavāṃś caiva nityadā
und wahrhaftig allezeit (Nom.; Adv.)
na muhyantīdṛśāḥ santo
nicht verwirren sich solche gute Männer (Präs. 3.Pl.; Nom. Pl.)
buddhimanto bhavādṛśāḥ
verständige, wie du (Nom. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Die ersten beiden Pādas beziehen sich auf Duryodhana, ab śrutavān asi ist Dhṛtarāṣṭra angesprochen.
madhyastho hi tvam apy āsīr na kṣamaṃ kiṃ cid uktavān; dhūr dhareṇa tvayā bhāras tulayā na samaṃ dhṛtaḥ
„Denn auch du standest in der Mitte [unbeteiligt] und sagtest nichts Angemessenes; die Last wurde von dir, dem Jochträger, nicht gleichmäßig auf der Waage getragen.“
Wort für Wort
madhyastho hi tvam apy āsīr
denn auch du warst in der Mitte stehend (Nom.; Impf. 2.Sg.)
na kṣamaṃ kiṃ cid uktavān
nichts Angemessenes sagtest du (Akk.; Part. Perf. Akt.)
dhūr dhareṇa tvayā
von dir, dem Jochträger (Instr.)
bhāras tulayā na samaṃ dhṛtaḥ
die Last wurde nicht gleich mit der Waage getragen (Nom.; Instr.; Part. Pass.)
Bild der ungleich gewogenen Last; Sinn sinngemäß wiedergegeben [?].
arthān na śocan prāpnoti na śocan vindate sukham; na śocañ śriyam āpnoti na śocan vindate param
„Durch Trauer erlangt man keine Güter, durch Trauer findet man kein Glück, durch Trauer gewinnt man keine Herrlichkeit, durch Trauer findet man das Höchste nicht.“
Wort für Wort
arthān na śocan prāpnoti
Güter erlangt man nicht trauernd (Akk. Pl.; Part. Präs.; Präs. 3.Sg.)
„Und dass du, König, ein von Tränenfluss verschmiertes Gesicht trägst, das ist nicht von der Lehre gesehen [d. h. gebilligt]; die Weisen loben es nicht.“
Wort für Wort
yac cāśrupātakalilaṃ
und was von Tränenfluss verschmiert (Akk.)
vadanaṃ vahase nṛpa
das Gesicht du trägst, König (Präs. 2.Sg.; Vok.)
aśāstradṛṣṭam etad dhi
dies ist ja nicht von der Lehre gesehen (Part. Pass.)