Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Strīparva

Kapitel 7: saṃsāramārgopadeśaḥ Viduras Gleichnis vom Weg des Saṃsāra: Wald, Wagen, Rosse und der Pfad zur Befreiung

Fortsetzung von Viduras Trostrede an Dhṛtarāṣṭra. Der Kreislauf der Wiedergeburten wird als Weg und Waldgebiet voller Raubtiere (Krankheiten) gedeutet, der Körper als Wagen mit Sinnen als Rossen; der Schluss lenkt zu Selbstbezähmung, Furchtlosigkeit gegenüber allen Wesen und den Totenriten für die Gefallenen.

dhṛtarāṣṭra uvāca; aho 'bhihitam ākhyānaṃ bhavatā tattvadarśinā; bhūya eva tu me harṣaḥ śrotuṃ vāgamṛtaṃ tava

Dhṛtarāṣṭra sprach: „Ach, wie [trefflich] ist die Erzählung von dir, dem Wahrheitsschauer, vorgetragen worden! Doch noch größer ist meine Freude, deine nektargleiche Rede zu hören.“

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
aho 'bhihitam ākhyānam
ach, vorgetragen [wurde] die Erzählung (Interj.; Part.Pass./Nom.Sg.n.)
bhavatā tattvadarśinā
von dir, dem Wahrheitsschauer (Instr.Sg.)
bhūya eva tu me harṣaḥ
noch mehr aber [ist] mir Freude (Adv.; Gen./Dat.Sg.; Nom.Sg.)
śrotuṃ vāgamṛtaṃ tava
zu hören deine nektargleiche Rede (Inf.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)

vidura uvāca; śṛṇu bhūyaḥ pravakṣyāmi mārgasyaitasya vistaram; yac chrutvā vipramucyante saṃsārebhyo vicakṣaṇāḥ

Vidura sprach: „Höre weiter: Ich werde die Ausführung dieses Weges darlegen, nach deren Vernehmen die Einsichtigen sich aus den Kreisläufen des Saṃsāra lösen.“

Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
śṛṇu bhūyaḥ
höre weiter (Imp. 2.Sg.; Adv.)
pravakṣyāmi mārgasyaitasya vistaram
ich werde darlegen die Ausführung dieses Weges (Fut. 1.Sg.; Gen.Sg.; Akk.Sg.)
yac chrutvā vipramucyante
nach deren Vernehmen (wörtl.: was gehört habend) lösen sich (Abs.; Pass./Med. 3.Pl.)
saṃsārebhyo vicakṣaṇāḥ
aus den Kreisläufen [des Saṃsāra] die Einsichtigen (Abl.Pl.; Nom.Pl.)

yathā tu puruṣo rājan dīrgham adhvānam āsthitaḥ; kva cit kva cic chramāt sthātā kurute vāsam eva vā

Wie ein Mann, o König, der einen langen Weg angetreten hat, aus Erschöpfung bald hier, bald dort Halt macht oder sich gar niederlässt,

Wort für Wort
yathā tu puruṣo rājan
wie ein Mann, o König (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
dīrgham adhvānam āsthitaḥ
der einen langen Weg angetreten hat (Akk.Sg.; Part.Perf.Pass./Nom.Sg.)
kva cit kva cic chramāt
irgendwo, irgendwo aus Erschöpfung (Adv.; Abl.Sg.)
sthātā
Halt machend, stehenbleibend (Nom.Sg.; Nomen agentis)
kurute vāsam eva vā
macht oder auch [nimmt] Aufenthalt (Pr. Med. 3.Sg.; Akk.Sg.)

Der Satz wird in 4 mit evam fortgeführt.

evaṃ saṃsāraparyāye garbhavāseṣu bhārata; kurvanti durbudhā vāsaṃ mucyante tatra paṇḍitāḥ

so schlagen im Wechsel des Saṃsāra, in den Aufenthalten im Mutterleib, o Bhārata, die Törichten [dort] ihren Wohnsitz auf; die Weisen aber werden dort befreit.

Wort für Wort
evaṃ saṃsāraparyāye
so im Wechsel des Kreislaufs (Adv.; Lok.Sg.)
garbhavāseṣu bhārata
in den Aufenthalten im Mutterleib, o Bhārata (Lok.Pl.; Vok.Sg.)
kurvanti durbudhā vāsam
machen die Törichten Wohnung (Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.; Akk.Sg.)
mucyante tatra paṇḍitāḥ
werden befreit dort die Weisen (Pass. 3.Pl.; Adv.; Nom.Pl.)

tasmād adhvānam evaitam āhuḥ śāstravido janāḥ; yat tu saṃsāragahanaṃ vanam āhur manīṣiṇaḥ

Darum nennen die Kenner der Lehrschriften unter den Menschen diesen [Saṃsāra] geradezu einen Weg; was aber das Dickicht des Saṃsāra ist, das nennen die Klugen einen Wald.

Wort für Wort
tasmād adhvānam evaitam
darum als Weg eben diesen (Abl.Sg.; Akk.Sg.)
āhuḥ śāstravido janāḥ
nennen die Kenner der Lehrschriften, die Leute (Perf. 3.Pl.; Nom.Pl.)
yat tu saṃsāragahanam
was aber das Dickicht des Saṃsāra [ist] (Nom./Akk.Sg.n.)
vanam āhur manīṣiṇaḥ
einen Wald nennen [es] die Klugen (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl.; Nom.Pl.)

so 'yaṃ lokasamāvarto martyānāṃ bharatarṣabha; carāṇāṃ sthāvarāṇāṃ ca gṛdhyet tatra na paṇḍitaḥ

Dies ist der Weltenstrudel der Sterblichen, o Stier der Bharatas; an den Beweglichen und Unbeweglichen soll der Weise dort nicht haften.

Wort für Wort
so 'yaṃ lokasamāvarto
dieser [ist] der Weltenstrudel (Nom.Sg.)
martyānāṃ bharatarṣabha
der Sterblichen, o Stier der Bharatas (Gen.Pl.; Vok.Sg.)
carāṇāṃ sthāvarāṇāṃ ca
der Beweglichen und der Unbeweglichen (Gen.Pl.)
gṛdhyet tatra na paṇḍitaḥ
soll gieren dort nicht der Weise (Opt. 3.Sg.; Adv.; Nom.Sg.)

gṛdhyet wörtlich „soll gierig sein nach“.

śārīrā mānasāś caiva martyānāṃ ye tu vyādhayaḥ; pratyakṣāś ca parokṣāś ca te vyālāḥ kathitā budhaiḥ

Die körperlichen und die geistigen Krankheiten der Sterblichen, sichtbare wie unsichtbare, die werden von den Weisen Raubtiere genannt.

Wort für Wort
śārīrā mānasāś caiva
körperliche und geistige (Nom.Pl.m.)
martyānāṃ ye tu vyādhayaḥ
der Sterblichen, welche Krankheiten (Gen.Pl.; Nom.Pl.)
pratyakṣāś ca parokṣāś ca
sowohl sichtbare als auch unsichtbare (Nom.Pl.)
te vyālāḥ kathitā budhaiḥ
diese [sind] Raubtiere genannt von den Weisen (Nom.Pl.; Part.Pass.; Instr.Pl.)

vyāla: Raubtier, auch Schlange.

kliśyamānāś ca tair nityaṃ hanyamānāś ca bhārata; svakarmabhir mahāvyālair nodvijanty alpabuddhayaḥ

Und von ihnen beständig gequält und geschlagen, o Bhārata, erschrecken die Geringverständigen doch nicht vor diesen großen, durch eigene Taten [bewirkten] Raubtieren.

Wort für Wort
kliśyamānāś ca tair nityam
und gequält von ihnen beständig (Part.Pass.Pr./Nom.Pl.; Instr.Pl.; Adv.)
hanyamānāś ca bhārata
und geschlagen, o Bhārata (Part.Pass.Pr./Nom.Pl.; Vok.Sg.)
svakarmabhir mahāvyālair
durch eigene Taten [bewirkt], von den großen Raubtieren (Instr.Pl.; Instr.Pl.)
nodvijanty alpabuddhayaḥ
erschrecken nicht die Geringverständigen (Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.)

svakarmabhiḥ nur als Instrumental zu mahāvyālaiḥ gefasst; die Konstruktion ist locker.

athāpi tair vimucyeta vyādhibhiḥ puruṣo nṛpa; āvṛṇoty eva taṃ paścāj jarā rūpavināśinī

Selbst wenn ein Mensch, o Fürst, von diesen Krankheiten loskäme, so umfängt ihn danach doch das Alter, das die Gestalt zerstört.

Wort für Wort
athāpi tair vimucyeta
selbst wenn er von diesen befreit würde (Konj.; Instr.Pl.; Opt.Pass. 3.Sg.)
vyādhibhiḥ puruṣo nṛpa
von den Krankheiten der Mann, o Fürst (Instr.Pl.; Nom.Sg.; Vok.Sg.)
āvṛṇoty eva taṃ paścāj
so umhüllt ihn doch danach (Pr. 3.Sg.; Akk.Sg.; Adv.)
jarā rūpavināśinī
das Alter, gestaltzerstörend (Nom.Sg.f.)

śabdarūparasasparśair gandhaiś ca vividhair api; majjamānaṃ mahāpaṅke nirālambe samantataḥ

[Ihn,] der von Klängen, Formen, Geschmäcken, Berührungen und mannigfachen Düften ringsum in einem großen, halt-losen Schlamm versinkt [—]

Wort für Wort
śabdarūparasasparśair
durch Klänge, Formen, Geschmäcke, Berührungen (Instr.Pl.; Kompositum)
gandhaiś ca vividhair api
und durch Düfte, mannigfache auch (Instr.Pl.)
majjamānaṃ mahāpaṅke
der versinkt in großem Schlamm (Part.Pr./Akk.Sg.; Lok.Sg.)
nirālambe samantataḥ
in halt-losem, ringsum (Lok.Sg.; Adv.)

Syntax offen: das Partizip majjamānam (Akk.) knüpft wohl an taṃ in 9 an und wird in 11 fortgeführt.

saṃvatsarartavo māsāḥ pakṣāhorātrasaṃdhayaḥ; krameṇāsya pralumpanti rūpam āyus tathaiva ca

Jahre, Jahreszeiten, Monate, Halbmonate, Tage, Nächte und die Dämmerungen rauben ihm der Reihe nach die Gestalt und ebenso das Leben.

Wort für Wort
saṃvatsarartavo māsāḥ
Jahre, Jahreszeiten, Monate (Nom.Pl.)
pakṣāhorātrasaṃdhayaḥ
Halbmonate, Tage und Nächte und Übergänge [Dämmerungen] (Kompositum/Nom.Pl.)
krameṇāsya pralumpanti
der Reihe nach rauben ihm (Instr.Sg.; Gen.Sg.; Pr. 3.Pl.)
rūpam āyus tathaiva ca
die Gestalt [und] das Leben ebenso (Akk.Sg.; Akk.Sg.)

ete kālasya nidhayo naitāñ jānanti durbudhāḥ; atrābhilikhitāny āhuḥ sarvabhūtāni karmaṇā

Dies sind die Schatzkammern der Zeit; die Törichten erkennen sie nicht. Darin, so sagt man, sind alle Wesen durch [ihr] Tun eingeschrieben.

Wort für Wort
ete kālasya nidhayaḥ
diese [sind] die Schätze der Zeit (Nom.Pl.; Gen.Sg.; Nom.Pl.)
naitāñ jānanti durbudhāḥ
nicht diese kennen die Törichten (Akk.Pl.; Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.)
atrābhilikhitāny āhuḥ
hierin eingeschrieben, sagt man (Adv.; Part.Pass./Nom.Pl.n.; Perf. 3.Pl.)
sarvabhūtāni karmaṇā
alle Wesen durch die Tat (Nom.Pl.; Instr.Sg.)

rathaṃ śarīraṃ bhūtānāṃ sattvam āhus tu sārathim; indriyāṇi hayān āhuḥ karma buddhiś ca raśmayaḥ

Den Wagen nennt man den Körper der Wesen, den Wagenlenker aber das Bewusstsein (sattva); die Sinne nennt man die Rosse, Tat und Verstand die Zügel.

Wort für Wort
rathaṃ śarīraṃ bhūtānām
als Wagen den Körper der Wesen (Akk.Sg.; Akk.Sg.; Gen.Pl.)
sattvam āhus tu sārathim
das Bewusstsein nennt man aber als Wagenlenker (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl.; Akk.Sg.)
indriyāṇi hayān āhuḥ
die Sinne [nennt man] Rosse (Akk.Pl.; Akk.Pl.; Perf. 3.Pl.)
karma buddhiś ca raśmayaḥ
Tat und Verstand [sind] die Zügel (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Nom.Pl.)

teṣāṃ hayānāṃ yo vegaṃ dhāvatām anudhāvati; sa tu saṃsāracakre 'smiṃś cakravat parivartate

Wer diesen Rossen, die in ihrem Ungestüm dahinjagen, nachjagt, der dreht sich in diesem Rad des Saṃsāra wie ein Rad.

Wort für Wort
teṣāṃ hayānāṃ yo vegam
von diesen Rossen wer den Ungestüm (Gen.Pl.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
dhāvatām anudhāvati
der dahinjagenden nachläuft (Part.Pr./Gen.Pl.; Pr. 3.Sg.)
sa tu saṃsāracakre 'smiṃś
der aber im Saṃsāra-Rad, in diesem (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
cakravat parivartate
dreht sich wie ein Rad (Adv.; Pr. Med. 3.Sg.)

bhramamāṇā na muhyanti saṃsāre na bhramanti te; saṃsāre bhramatāṃ rājan duḥkham etad dhi jāyate; tasmād asya nivṛttyarthaṃ yatnam evācared budhaḥ; upekṣā nātra kartavyā śataśākhaḥ pravardhate; yatendriyo naro rājan krodhalobhanirākṛtaḥ; saṃtuṣṭaḥ satyavādī yaḥ sa śāntim adhigacchati

Die Umherirrenden werden nicht verwirrt, im Saṃsāra irren sie nicht umher [?]; für die im Saṃsāra Umherirrenden, o König, entsteht dieses Leid. Darum soll der Weise zu dessen Beendigung Mühe aufwenden; Gleichgültigkeit ist hier nicht am Platz: [Das Leid] wächst mit hundert Zweigen. Der Mann, o König, der seine Sinne bezähmt hat, von Zorn und Gier frei, zufrieden und wahrhaft redend ist, der erlangt Frieden.

Wort für Wort
bhramamāṇā na muhyanti
Umherirrende werden nicht verwirrt (Part.Pr./Nom.Pl.; Pr. 3.Pl.)
saṃsāre na bhramanti te
im Saṃsāra irren nicht umher sie (Lok.Sg.; Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.)
saṃsāre bhramatāṃ rājan
für die im Saṃsāra Umherirrenden, o König (Lok.Sg.; Gen.Pl.; Vok.Sg.)
duḥkham etad dhi jāyate
Leid, dieses, denn entsteht (Nom.Sg.; Pr. Med. 3.Sg.)
tasmād asya nivṛttyarthaṃ
darum zu dessen Beendigung (Abl.Sg.; Gen.Sg.; Adv.)
yatnam evācared budhaḥ
Mühe soll aufwenden der Weise (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.; Nom.Sg.)
upekṣā nātra kartavyā
Gleichgültigkeit ist hier nicht zu üben (Nom.Sg.f.; Gerundiv)
śataśākhaḥ pravardhate
hundertzweigig wächst [es] (Nom.Sg.; Pr. Med. 3.Sg.)
yatendriyo naro rājan
der Mann mit bezähmten Sinnen, o König (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
krodhalobhanirākṛtaḥ
von Zorn und Gier befreit (Part.Pass./Nom.Sg.)
saṃtuṣṭaḥ satyavādī yaḥ
zufrieden, wahrhaft redend, wer (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Rel.)
sa śāntim adhigacchati
der erlangt Frieden (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Pr. 3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile). Der erste Halbvers ist offenbar verderbt oder elliptisch; wörtlich „Umherirrend werden sie nicht verwirrt, im Saṃsāra irren sie nicht“, wohl in einem eingeschränkten Sinn („wer erkannt hat“) gemeint.

yas tān yamayate buddhyā sa yantā na nivartate; yāmyam āhū rathaṃ hy enaṃ muhyante yena durbudhāḥ

Wer sie mit dem Verstand zügelt, der ist ein Lenker, der nicht [in den Kreislauf] zurückkehrt. Als Wagen des Yama bezeichnet man diesen [Wagen], durch den die Törichten verwirrt werden.

Wort für Wort
yas tān yamayate buddhyā
wer sie zügelt mit dem Verstand (Rel.; Akk.Pl.; Pr. 3.Sg.; Instr.Sg.)
sa yantā na nivartate
der [ist] Lenker, kehrt nicht zurück (Nom.Sg.; Pr. Med. 3.Sg.)
yāmyam āhū rathaṃ hy enam
als Yamas [Wagen] nennt man ja diesen Wagen (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl.; Akk.Sg.)
muhyante yena durbudhāḥ
verwirrt werden, durch den die Törichten (Pass. 3.Pl.; Instr.Sg.; Nom.Pl.)

yāmya „dem Yama gehörig“: der ungezügelte Wagen führt zum Tod.

sa caitat prāpnute rājan yat tvaṃ prāpto narādhipa; rājyanāśaṃ suhṛnnāśaṃ sutanāśaṃ ca bhārata

Und jener [Ungezügelte] erlangt das, was du erlangt hast, o Herr der Menschen: Verlust des Reiches, Verlust der Freunde und Verlust der Söhne, o Bhārata.

Wort für Wort
sa caitat prāpnute rājan
und jener erlangt dies, o König (Nom.Sg.; Akk.Sg.n.; Pr. Med. 3.Sg.; Vok.Sg.)
yat tvaṃ prāpto narādhipa
was du erlangt hast, o Herr der Menschen (Rel.; Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.; Vok.Sg.)
rājyanāśaṃ suhṛnnāśam
Verlust des Reiches, Verlust der Freunde (Akk.Sg.)
sutanāśaṃ ca bhārata
und Verlust der Söhne, o Bhārata (Akk.Sg.; Vok.Sg.)

sa bezieht sich wohl auf den, der die Rosse nicht zügelt (vgl. 14).

anutarṣulam evaitad duḥkhaṃ bhavati bhārata; sādhuḥ paramaduḥkhānāṃ duḥkhabhaiṣajyam ācaret

Dieses Leid ist von Begierde begleitet, o Bhārata. Der Gute möge gegen die höchsten Leiden das Heilmittel gegen das Leid anwenden.

Wort für Wort
anutarṣulam evaitad
von Durst [Begierde] begleitet eben dieses (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
duḥkhaṃ bhavati bhārata
Leid ist, o Bhārata (Nom.Sg.; Pr. 3.Sg.; Vok.Sg.)
sādhuḥ paramaduḥkhānām
der Gute, gegen die höchsten Leiden (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
duḥkhabhaiṣajyam ācaret
das Leid-Heilmittel möge er anwenden (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.)

anutarṣula: „mit (fortwährendem) Durst verbunden“, sinngemäß Begierde nach sich ziehend.

jñānauṣadham avāpyeha dūrapāraṃ mahauṣadham; chindyād duḥkhamahāvyādhiṃ naraḥ saṃyatamānasaḥ

Die Arznei der Erkenntnis hier erlangt habend, das große Heilmittel, das weit reicht [?], möge der Mensch mit gebändigtem Geist das große Leiden-Siechtum abschneiden.

Wort für Wort
jñānauṣadham avāpyeha
die Erkenntnis-Arznei erlangt habend hier (Akk.Sg.; Abs.)
dūrapāraṃ mahauṣadham
mit fernem Ufer, das große Heilmittel (Akk.Sg.; Akk.Sg.)
chindyād duḥkhamahāvyādhiṃ
möge abschneiden die große Leidenskrankheit (Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.)
naraḥ saṃyatamānasaḥ
der Mensch mit gebändigtem Geist (Nom.Sg.; Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. dūrapāra wörtlich „dessen anderes Ufer fern ist“; Sinn hier unsicher.

na vikramo na cāpy artho na mitraṃ na suhṛjjanaḥ; tathonmocayate duḥkhād yathātmā sthirasaṃyamaḥ

Nicht Tapferkeit, nicht Besitz, nicht ein Freund, nicht der Kreis der Freunde befreit so vom Leid, wie das Selbst, dessen Bezähmung fest ist.

Wort für Wort
na vikramo na cāpy artho
nicht Tapferkeit und nicht Besitz (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
na mitraṃ na suhṛjjanaḥ
nicht Freund, nicht Freundeskreis (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
tathonmocayate duḥkhād
so befreit vom Leid (Adv.; Kaus. 3.Sg.; Abl.Sg.)
yathātmā sthirasaṃyamaḥ
wie das Selbst mit fester Bezähmung (Adv.; Nom.Sg.)

tathātmamātṛputrādir na duḥkhāni vyapohati

Ebenso wenig vertreibt [das, was] Selbst, Mutter, Sohn und dergleichen [ist], die Leiden [?].

Wort für Wort
tathātmamātṛputrādir
ebenso das Selbst, Mutter, Sohn und dergleichen (Adv.; Kompositum/Nom.Sg.)
na duḥkhāni vyapohati
nicht die Leiden vertreibt (Akk.Pl.; Pr. 3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, sehr knapp und syntaktisch unsicher (ātma-mātṛ-putra-ādiḥ als Kompositum im Singular).

tasmān maitraṃ samāsthāya śīlam āpadya bhārata; damas tyāgo 'pramādaś ca te trayo brahmaṇo hayāḥ

Darum, o Bhārata: Auf Freundlichkeit gestützt und Sittlichkeit erlangt — Selbstbezähmung, Entsagung und Unachtsamkeitslosigkeit, diese drei sind die Rosse des Brahman.

Wort für Wort
tasmān maitraṃ samāsthāya
darum, Freundlichkeit angenommen habend (Abl.Sg.; Akk.Sg.; Abs.)
śīlam āpadya bhārata
Sittlichkeit erlangt habend, o Bhārata (Akk.Sg.; Abs.; Vok.Sg.)
damas tyāgo 'pramādaś ca
Selbstbezähmung, Entsagung und Nicht-Nachlässigkeit (Nom.Sg.)
te trayo brahmaṇo hayāḥ
diese drei [sind] die Rosse des Brahman (Nom.Pl.; Gen.Sg.; Nom.Pl.)

śīlaraśmisamāyukte sthito yo mānase rathe; tyaktvā mṛtyubhayaṃ rājan brahmalokaṃ sa gacchati

Wer auf dem mit den Zügeln der Sittlichkeit versehenen Wagen des Geistes steht, o König, der geht, die Todesfurcht abgelegt, zur Brahma-Welt.

Wort für Wort
śīlaraśmisamāyukte
mit den Zügeln der Sittlichkeit ausgestattet (Lok.Sg.)
sthito yo mānase rathe
steht wer auf dem geistigen Wagen (Part.Perf./Nom.Sg.; Rel.; Lok.Sg.; Lok.Sg.)
tyaktvā mṛtyubhayaṃ rājan
abgelegt die Todesfurcht, o König (Abs.; Akk.Sg.; Vok.Sg.)
brahmalokaṃ sa gacchati
zur Brahma-Welt jener geht (Akk.Sg.; Nom.Sg.; Pr. 3.Sg.)

abhayaṃ sarvabhūtebhyo yo dadāti mahīpate; sa gacchati paraṃ sthānaṃ viṣṇoḥ padam anāmayam; na tat kratusahasreṇa nopavāsaiś ca nityaśaḥ; abhayasya ca dānena yat phalaṃ prāpnuyān naraḥ; na hy ātmanaḥ priyataraṃ kiṃ cid bhūteṣu niścitam; aniṣṭaṃ sarvabhūtānāṃ maraṇaṃ nāma bhārata; tasmāt sarveṣu bhūteṣu dayā kāryā vipaścitā; nānāmohasamāyuktā buddhijālena saṃvṛtāḥ; asūkṣmadṛṣṭayo mandā bhrāmyante tatra tatra ha; susūkṣmadṛṣṭayo dhīrā vrajanti brahma śāśvatam

Wer allen Wesen Furchtlosigkeit gibt, o Erdenherr, der geht zum höchsten Ort, zu Viṣṇus makellosem Standort. Nicht durch tausend Opfer und nicht durch beständiges Fasten kann der Mensch die Frucht erlangen, die [ihm] durch das Geben von Furchtlosigkeit [zufällt]. Denn nichts unter den Wesen ist einem selbst lieber, das ist gewiss; unerwünscht ist allen Wesen der Tod, o Bhārata. Darum soll der Weise gegen alle Wesen Mitgefühl üben. Von mannigfacher Verblendung erfüllt, von einem Netz des Verstandes umhüllt, irren die Törichten mit unfeinem Blick hier und da umher. Die Standhaften aber mit sehr feinem Blick gelangen zum ewigen Brahman.

Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyo
Furchtlosigkeit den Wesen allen (Akk.Sg.; Dat.Pl.)
yo dadāti mahīpate
wer gibt, o Erdenherr (Rel.; Pr. 3.Sg.; Vok.Sg.)
sa gacchati paraṃ sthānaṃ
der geht zum höchsten Ort (Nom.Sg.; Pr. 3.Sg.; Akk.Sg.)
viṣṇoḥ padam anāmayam
zu Viṣṇus Standort, makellos (Gen.Sg.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
na tat kratusahasreṇa
nicht jene [Frucht] durch tausend Opfer (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
nopavāsaiś ca nityaśaḥ
und nicht durch Fasten beständig (Instr.Pl.; Adv.)
abhayasya ca dānena yat phalaṃ
durch das Geben von Furchtlosigkeit, die Frucht, welche (Gen.Sg.; Instr.Sg.; Akk.Sg.)
prāpnuyān naraḥ
erlangen mag der Mensch (Opt. 3.Sg.; Nom.Sg.)
na hy ātmanaḥ priyataraṃ kiṃ cid
denn nichts [ist] dem Selbst lieber (Gen.Sg.; Komp.; Pron.)
bhūteṣu niścitam
unter den Wesen, gewiss (Lok.Pl.; Part.Pass.)
aniṣṭaṃ sarvabhūtānāṃ
unerwünscht allen Wesen (Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
maraṇaṃ nāma bhārata
der Tod, wie man sagt, o Bhārata (Nom.Sg.; Part.; Vok.Sg.)
tasmāt sarveṣu bhūteṣu
darum gegen alle Wesen (Abl.Sg.; Lok.Pl.)
dayā kāryā vipaścitā
Mitgefühl ist zu üben vom Weisen (Nom.Sg.f.; Gerundiv; Instr.Sg.)
nānāmohasamāyuktā
von mannigfacher Verblendung erfüllt (Nom.Pl.)
buddhijālena saṃvṛtāḥ
vom Netz des Verstandes umhüllt (Instr.Sg.; Part.Pass./Nom.Pl.)
asūkṣmadṛṣṭayo mandā
mit unfeinem Blick, die Stumpfen (Nom.Pl.)
bhrāmyante tatra tatra ha
irren umher hier und da wahrlich (Pr. Med. 3.Pl.; Adv.; Part.)
susūkṣmadṛṣṭayo dhīrā
mit sehr feinem Blick die Standhaften (Nom.Pl.)
vrajanti brahma śāśvatam
gelangen zum Brahman, dem ewigen (Pr. 3.Pl.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile).

evaṃ jñātvā mahāprājña sa teṣām aurdhvadaihikam; kartum arhasi tenaiva phalaṃ prāpsyasi vai sukham

Dies erkannt habend, o Hochweiser, sollst du für sie die Totenriten ausrichten; dadurch allein wirst du als Frucht Glück erlangen.

Wort für Wort
evaṃ jñātvā mahāprājña
so erkannt habend, o Hochweiser (Adv.; Abs.; Vok.Sg.)
sa teṣām aurdhvadaihikam
du (?) für sie die Totenriten (Gen.Pl.; Akk.Sg.)
kartum arhasi tenaiva
auszuführen sollst du, dadurch eben (Inf.; Pr. 2.Sg.; Instr.Sg.)
phalaṃ prāpsyasi vai sukham
als Frucht wirst du erlangen Glück gewiss (Akk.Sg.; Fut. 2.Sg.; Akk.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile). teṣām bezieht sich auf die Gefallenen.

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