Kapitel 7: saṃsāramārgopadeśaḥ
Viduras Gleichnis vom Weg des Saṃsāra: Wald, Wagen, Rosse und der Pfad zur Befreiung
Fortsetzung von Viduras Trostrede an Dhṛtarāṣṭra. Der Kreislauf der Wiedergeburten wird als Weg und Waldgebiet voller Raubtiere (Krankheiten) gedeutet, der Körper als Wagen mit Sinnen als Rossen; der Schluss lenkt zu Selbstbezähmung, Furchtlosigkeit gegenüber allen Wesen und den Totenriten für die Gefallenen.
dhṛtarāṣṭra uvāca; aho 'bhihitam ākhyānaṃ bhavatā tattvadarśinā; bhūya eva tu me harṣaḥ śrotuṃ vāgamṛtaṃ tava
Dhṛtarāṣṭra sprach: „Ach, wie [trefflich] ist die Erzählung von dir, dem Wahrheitsschauer, vorgetragen worden! Doch noch größer ist meine Freude, deine nektargleiche Rede zu hören.“
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
aho 'bhihitam ākhyānam
ach, vorgetragen [wurde] die Erzählung (Interj.; Part.Pass./Nom.Sg.n.)
bhavatā tattvadarśinā
von dir, dem Wahrheitsschauer (Instr.Sg.)
bhūya eva tu me harṣaḥ
noch mehr aber [ist] mir Freude (Adv.; Gen./Dat.Sg.; Nom.Sg.)
śrotuṃ vāgamṛtaṃ tava
zu hören deine nektargleiche Rede (Inf.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)
Vidura sprach: „Höre weiter: Ich werde die Ausführung dieses Weges darlegen, nach deren Vernehmen die Einsichtigen sich aus den Kreisläufen des Saṃsāra lösen.“
Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
śṛṇu bhūyaḥ
höre weiter (Imp. 2.Sg.; Adv.)
pravakṣyāmi mārgasyaitasya vistaram
ich werde darlegen die Ausführung dieses Weges (Fut. 1.Sg.; Gen.Sg.; Akk.Sg.)
yac chrutvā vipramucyante
nach deren Vernehmen (wörtl.: was gehört habend) lösen sich (Abs.; Pass./Med. 3.Pl.)
saṃsārebhyo vicakṣaṇāḥ
aus den Kreisläufen [des Saṃsāra] die Einsichtigen (Abl.Pl.; Nom.Pl.)
evaṃ saṃsāraparyāye garbhavāseṣu bhārata; kurvanti durbudhā vāsaṃ mucyante tatra paṇḍitāḥ
so schlagen im Wechsel des Saṃsāra, in den Aufenthalten im Mutterleib, o Bhārata, die Törichten [dort] ihren Wohnsitz auf; die Weisen aber werden dort befreit.
Wort für Wort
evaṃ saṃsāraparyāye
so im Wechsel des Kreislaufs (Adv.; Lok.Sg.)
garbhavāseṣu bhārata
in den Aufenthalten im Mutterleib, o Bhārata (Lok.Pl.; Vok.Sg.)
kurvanti durbudhā vāsam
machen die Törichten Wohnung (Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.; Akk.Sg.)
mucyante tatra paṇḍitāḥ
werden befreit dort die Weisen (Pass. 3.Pl.; Adv.; Nom.Pl.)
Darum nennen die Kenner der Lehrschriften unter den Menschen diesen [Saṃsāra] geradezu einen Weg; was aber das Dickicht des Saṃsāra ist, das nennen die Klugen einen Wald.
Wort für Wort
tasmād adhvānam evaitam
darum als Weg eben diesen (Abl.Sg.; Akk.Sg.)
āhuḥ śāstravido janāḥ
nennen die Kenner der Lehrschriften, die Leute (Perf. 3.Pl.; Nom.Pl.)
yat tu saṃsāragahanam
was aber das Dickicht des Saṃsāra [ist] (Nom./Akk.Sg.n.)
vanam āhur manīṣiṇaḥ
einen Wald nennen [es] die Klugen (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl.; Nom.Pl.)
kliśyamānāś ca tair nityaṃ hanyamānāś ca bhārata; svakarmabhir mahāvyālair nodvijanty alpabuddhayaḥ
Und von ihnen beständig gequält und geschlagen, o Bhārata, erschrecken die Geringverständigen doch nicht vor diesen großen, durch eigene Taten [bewirkten] Raubtieren.
Wort für Wort
kliśyamānāś ca tair nityam
und gequält von ihnen beständig (Part.Pass.Pr./Nom.Pl.; Instr.Pl.; Adv.)
hanyamānāś ca bhārata
und geschlagen, o Bhārata (Part.Pass.Pr./Nom.Pl.; Vok.Sg.)
svakarmabhir mahāvyālair
durch eigene Taten [bewirkt], von den großen Raubtieren (Instr.Pl.; Instr.Pl.)
nodvijanty alpabuddhayaḥ
erschrecken nicht die Geringverständigen (Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.)
svakarmabhiḥ nur als Instrumental zu mahāvyālaiḥ gefasst; die Konstruktion ist locker.
bhramamāṇā na muhyanti saṃsāre na bhramanti te; saṃsāre bhramatāṃ rājan duḥkham etad dhi jāyate; tasmād asya nivṛttyarthaṃ yatnam evācared budhaḥ; upekṣā nātra kartavyā śataśākhaḥ pravardhate; yatendriyo naro rājan krodhalobhanirākṛtaḥ; saṃtuṣṭaḥ satyavādī yaḥ sa śāntim adhigacchati
Die Umherirrenden werden nicht verwirrt, im Saṃsāra irren sie nicht umher [?]; für die im Saṃsāra Umherirrenden, o König, entsteht dieses Leid. Darum soll der Weise zu dessen Beendigung Mühe aufwenden; Gleichgültigkeit ist hier nicht am Platz: [Das Leid] wächst mit hundert Zweigen. Der Mann, o König, der seine Sinne bezähmt hat, von Zorn und Gier frei, zufrieden und wahrhaft redend ist, der erlangt Frieden.
Wort für Wort
bhramamāṇā na muhyanti
Umherirrende werden nicht verwirrt (Part.Pr./Nom.Pl.; Pr. 3.Pl.)
saṃsāre na bhramanti te
im Saṃsāra irren nicht umher sie (Lok.Sg.; Pr. 3.Pl.; Nom.Pl.)
saṃsāre bhramatāṃ rājan
für die im Saṃsāra Umherirrenden, o König (Lok.Sg.; Gen.Pl.; Vok.Sg.)
duḥkham etad dhi jāyate
Leid, dieses, denn entsteht (Nom.Sg.; Pr. Med. 3.Sg.)
tasmād asya nivṛttyarthaṃ
darum zu dessen Beendigung (Abl.Sg.; Gen.Sg.; Adv.)
yatnam evācared budhaḥ
Mühe soll aufwenden der Weise (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.; Nom.Sg.)
upekṣā nātra kartavyā
Gleichgültigkeit ist hier nicht zu üben (Nom.Sg.f.; Gerundiv)
śataśākhaḥ pravardhate
hundertzweigig wächst [es] (Nom.Sg.; Pr. Med. 3.Sg.)
yatendriyo naro rājan
der Mann mit bezähmten Sinnen, o König (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
krodhalobhanirākṛtaḥ
von Zorn und Gier befreit (Part.Pass./Nom.Sg.)
saṃtuṣṭaḥ satyavādī yaḥ
zufrieden, wahrhaft redend, wer (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Rel.)
sa śāntim adhigacchati
der erlangt Frieden (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Pr. 3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile). Der erste Halbvers ist offenbar verderbt oder elliptisch; wörtlich „Umherirrend werden sie nicht verwirrt, im Saṃsāra irren sie nicht“, wohl in einem eingeschränkten Sinn („wer erkannt hat“) gemeint.
yas tān yamayate buddhyā sa yantā na nivartate; yāmyam āhū rathaṃ hy enaṃ muhyante yena durbudhāḥ
Wer sie mit dem Verstand zügelt, der ist ein Lenker, der nicht [in den Kreislauf] zurückkehrt. Als Wagen des Yama bezeichnet man diesen [Wagen], durch den die Törichten verwirrt werden.
Wort für Wort
yas tān yamayate buddhyā
wer sie zügelt mit dem Verstand (Rel.; Akk.Pl.; Pr. 3.Sg.; Instr.Sg.)
sa yantā na nivartate
der [ist] Lenker, kehrt nicht zurück (Nom.Sg.; Pr. Med. 3.Sg.)
yāmyam āhū rathaṃ hy enam
als Yamas [Wagen] nennt man ja diesen Wagen (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl.; Akk.Sg.)
muhyante yena durbudhāḥ
verwirrt werden, durch den die Törichten (Pass. 3.Pl.; Instr.Sg.; Nom.Pl.)
yāmya „dem Yama gehörig“: der ungezügelte Wagen führt zum Tod.
sa caitat prāpnute rājan yat tvaṃ prāpto narādhipa; rājyanāśaṃ suhṛnnāśaṃ sutanāśaṃ ca bhārata
Und jener [Ungezügelte] erlangt das, was du erlangt hast, o Herr der Menschen: Verlust des Reiches, Verlust der Freunde und Verlust der Söhne, o Bhārata.
Wort für Wort
sa caitat prāpnute rājan
und jener erlangt dies, o König (Nom.Sg.; Akk.Sg.n.; Pr. Med. 3.Sg.; Vok.Sg.)
yat tvaṃ prāpto narādhipa
was du erlangt hast, o Herr der Menschen (Rel.; Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.; Vok.Sg.)
rājyanāśaṃ suhṛnnāśam
Verlust des Reiches, Verlust der Freunde (Akk.Sg.)
sutanāśaṃ ca bhārata
und Verlust der Söhne, o Bhārata (Akk.Sg.; Vok.Sg.)
sa bezieht sich wohl auf den, der die Rosse nicht zügelt (vgl. 14).
Die Arznei der Erkenntnis hier erlangt habend, das große Heilmittel, das weit reicht [?], möge der Mensch mit gebändigtem Geist das große Leiden-Siechtum abschneiden.
Wort für Wort
jñānauṣadham avāpyeha
die Erkenntnis-Arznei erlangt habend hier (Akk.Sg.; Abs.)
dūrapāraṃ mahauṣadham
mit fernem Ufer, das große Heilmittel (Akk.Sg.; Akk.Sg.)
chindyād duḥkhamahāvyādhiṃ
möge abschneiden die große Leidenskrankheit (Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.)
naraḥ saṃyatamānasaḥ
der Mensch mit gebändigtem Geist (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. dūrapāra wörtlich „dessen anderes Ufer fern ist“; Sinn hier unsicher.
Ebenso wenig vertreibt [das, was] Selbst, Mutter, Sohn und dergleichen [ist], die Leiden [?].
Wort für Wort
tathātmamātṛputrādir
ebenso das Selbst, Mutter, Sohn und dergleichen (Adv.; Kompositum/Nom.Sg.)
na duḥkhāni vyapohati
nicht die Leiden vertreibt (Akk.Pl.; Pr. 3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, sehr knapp und syntaktisch unsicher (ātma-mātṛ-putra-ādiḥ als Kompositum im Singular).
tasmān maitraṃ samāsthāya śīlam āpadya bhārata; damas tyāgo 'pramādaś ca te trayo brahmaṇo hayāḥ
Darum, o Bhārata: Auf Freundlichkeit gestützt und Sittlichkeit erlangt — Selbstbezähmung, Entsagung und Unachtsamkeitslosigkeit, diese drei sind die Rosse des Brahman.
abhayaṃ sarvabhūtebhyo yo dadāti mahīpate; sa gacchati paraṃ sthānaṃ viṣṇoḥ padam anāmayam; na tat kratusahasreṇa nopavāsaiś ca nityaśaḥ; abhayasya ca dānena yat phalaṃ prāpnuyān naraḥ; na hy ātmanaḥ priyataraṃ kiṃ cid bhūteṣu niścitam; aniṣṭaṃ sarvabhūtānāṃ maraṇaṃ nāma bhārata; tasmāt sarveṣu bhūteṣu dayā kāryā vipaścitā; nānāmohasamāyuktā buddhijālena saṃvṛtāḥ; asūkṣmadṛṣṭayo mandā bhrāmyante tatra tatra ha; susūkṣmadṛṣṭayo dhīrā vrajanti brahma śāśvatam
Wer allen Wesen Furchtlosigkeit gibt, o Erdenherr, der geht zum höchsten Ort, zu Viṣṇus makellosem Standort. Nicht durch tausend Opfer und nicht durch beständiges Fasten kann der Mensch die Frucht erlangen, die [ihm] durch das Geben von Furchtlosigkeit [zufällt]. Denn nichts unter den Wesen ist einem selbst lieber, das ist gewiss; unerwünscht ist allen Wesen der Tod, o Bhārata. Darum soll der Weise gegen alle Wesen Mitgefühl üben. Von mannigfacher Verblendung erfüllt, von einem Netz des Verstandes umhüllt, irren die Törichten mit unfeinem Blick hier und da umher. Die Standhaften aber mit sehr feinem Blick gelangen zum ewigen Brahman.
Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyo
Furchtlosigkeit den Wesen allen (Akk.Sg.; Dat.Pl.)
yo dadāti mahīpate
wer gibt, o Erdenherr (Rel.; Pr. 3.Sg.; Vok.Sg.)
sa gacchati paraṃ sthānaṃ
der geht zum höchsten Ort (Nom.Sg.; Pr. 3.Sg.; Akk.Sg.)
viṣṇoḥ padam anāmayam
zu Viṣṇus Standort, makellos (Gen.Sg.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
na tat kratusahasreṇa
nicht jene [Frucht] durch tausend Opfer (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
nopavāsaiś ca nityaśaḥ
und nicht durch Fasten beständig (Instr.Pl.; Adv.)
abhayasya ca dānena yat phalaṃ
durch das Geben von Furchtlosigkeit, die Frucht, welche (Gen.Sg.; Instr.Sg.; Akk.Sg.)
prāpnuyān naraḥ
erlangen mag der Mensch (Opt. 3.Sg.; Nom.Sg.)
na hy ātmanaḥ priyataraṃ kiṃ cid
denn nichts [ist] dem Selbst lieber (Gen.Sg.; Komp.; Pron.)
bhūteṣu niścitam
unter den Wesen, gewiss (Lok.Pl.; Part.Pass.)
aniṣṭaṃ sarvabhūtānāṃ
unerwünscht allen Wesen (Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
maraṇaṃ nāma bhārata
der Tod, wie man sagt, o Bhārata (Nom.Sg.; Part.; Vok.Sg.)
tasmāt sarveṣu bhūteṣu
darum gegen alle Wesen (Abl.Sg.; Lok.Pl.)
dayā kāryā vipaścitā
Mitgefühl ist zu üben vom Weisen (Nom.Sg.f.; Gerundiv; Instr.Sg.)
nānāmohasamāyuktā
von mannigfacher Verblendung erfüllt (Nom.Pl.)
buddhijālena saṃvṛtāḥ
vom Netz des Verstandes umhüllt (Instr.Sg.; Part.Pass./Nom.Pl.)
asūkṣmadṛṣṭayo mandā
mit unfeinem Blick, die Stumpfen (Nom.Pl.)
bhrāmyante tatra tatra ha
irren umher hier und da wahrlich (Pr. Med. 3.Pl.; Adv.; Part.)
susūkṣmadṛṣṭayo dhīrā
mit sehr feinem Blick die Standhaften (Nom.Pl.)
vrajanti brahma śāśvatam
gelangen zum Brahman, dem ewigen (Pr. 3.Pl.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile).
evaṃ jñātvā mahāprājña sa teṣām aurdhvadaihikam; kartum arhasi tenaiva phalaṃ prāpsyasi vai sukham
Dies erkannt habend, o Hochweiser, sollst du für sie die Totenriten ausrichten; dadurch allein wirst du als Frucht Glück erlangen.
Wort für Wort
evaṃ jñātvā mahāprājña
so erkannt habend, o Hochweiser (Adv.; Abs.; Vok.Sg.)
sa teṣām aurdhvadaihikam
du (?) für sie die Totenriten (Gen.Pl.; Akk.Sg.)
kartum arhasi tenaiva
auszuführen sollst du, dadurch eben (Inf.; Pr. 2.Sg.; Instr.Sg.)
phalaṃ prāpsyasi vai sukham
als Frucht wirst du erlangen Glück gewiss (Akk.Sg.; Fut. 2.Sg.; Akk.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile). teṣām bezieht sich auf die Gefallenen.