Kapitel 2: viduraprabodhanam
Viduras Trostrede an Dhṛtarāṣṭra: Vergänglichkeit, Zeit und Wirken der Taten
Vidura mahnt den trauernden Dhṛtarāṣṭra, sich aufzurichten; er verweist auf die Allmacht der Zeit, den Himmelslohn der gefallenen Kṣatriyas und die Nutzlosigkeit der Trauer.
vaiśaṃpāyana uvāca; tato 'mṛtasamair vākyair hlādayan puruṣarṣabham; vaicitravīryaṃ viduro yad uvāca nibodha tat
Vaiśaṃpāyana sprach: Darauf sprach Vidura zu dem Stier unter den Männern, dem Sohn des Vicitravīrya, und erquickte ihn mit nektargleichen Worten; höre, was er sagte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (3.Sg.Perf.)
tato ’mṛtasamair vākyair
darauf mit nektargleichen Worten (Instr.Pl.)
hlādayan puruṣarṣabham
erquickend den Stier unter den Männern (Part.Kaus./Akk.)
Vidura sprach: Steh auf, König! Was liegst du da? Halte dich selbst durch dich selbst aufrecht! Dies ist die Entscheidung [das Ende] für alle Wesen, Unbewegliche, Bewegliche und Sterbliche.
Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (3.Sg.Perf.)
uttiṣṭha rājan
steh auf, König (Imp./Vok.)
kiṃ śeṣe
was liegst du (2.Sg.Präs. Med.)
dhārayātmānam ātmanā
halte dich selbst aufrecht durch dich selbst (Imp./Akk./Instr.)
sthirajaṅgamamartyānāṃ sarveṣām
der Unbeweglichen, Beweglichen und Sterblichen, aller (Gen.Pl.)
yadā śūraṃ ca bhīruṃ ca yamaḥ karṣati bhārata; tat kiṃ na yotsyanti hi te kṣatriyāḥ kṣatriyarṣabha
Wenn Yama den Helden und den Furchtsamen [gleichermaßen] fortzieht, Bhārata, warum sollten dann jene Kṣatriyas nicht kämpfen, Stier unter den Kṣatriyas?
Wort für Wort
yadā śūraṃ ca bhīruṃ ca
wenn den Helden und den Furchtsamen (Akk.Sg.)
yamaḥ karṣati bhārata
Yama zieht fort (3.Sg.Präs.), Bhārata (Vok.)
tat kiṃ na yotsyanti hi
warum sollten sie dann nicht kämpfen (3.Pl.Fut.)
te kṣatriyāḥ kṣatriyarṣabha
jene Kṣatriyas (Nom.Pl.), Stier unter den Kṣatriyas (Vok.)
abhāvādīni bhūtāni bhāvamadhyāni bhārata; abhāvanidhanāny eva tatra kā paridevanā; na śocan mṛtam anveti na śocan mriyate naraḥ; evaṃ sāṃsiddhike loke kimartham anuśocasi; kālaḥ karṣati bhūtāni sarvāṇi vividhāny uta; na kālasya priyaḥ kaś cin na dveṣyaḥ kurusattama; yathā vāyus tṛṇāgrāṇi saṃvartayati sarvaśaḥ; tathā kālavaśaṃ yānti bhūtāni bharatarṣabha; ekasārthaprayātānāṃ sarveṣāṃ tatra gāminām; yasya kālaḥ prayāty agre tatra kā paridevanā
Die Wesen haben das Nichtsein zum Anfang, das Sein zur Mitte, Bhārata, und das Nichtsein zum Ende; was gibt es da zu jammern? Wer trauert, folgt dem Toten nicht [ins Jenseits], und wer trauert, stirbt nicht [dadurch]. So ist es in dieser Welt der Vollendeten [?]; weshalb grämst du dich? Die Zeit zieht alle die mannigfaltigen Wesen fort. Der Zeit ist keiner lieb, keiner verhasst, bester der Kurus. Wie der Wind die Grasspitzen überallhin wirbelt, so geraten die Wesen unter die Gewalt der Zeit, Stier unter den Bharatas. Von allen, die auf demselben gemeinsamen Weg dahinziehen: wenn der Zeit [dessen Zeit] einem vorausgeht, was gibt es da zu jammern?
Wort für Wort
abhāvādīni bhūtāni
die Wesen, deren Anfang das Nichtsein ist (Nom.Pl.)
bhāvamadhyāni bhārata
deren Mitte das Sein ist, Bhārata (Vok.)
abhāvanidhanāny eva
nur das Nichtsein zum Ende habend (Nom.Pl.)
tatra kā paridevanā
da, welches Jammern? (Nom.Sg.f.)
na śocan mṛtam anveti
der Trauernde folgt dem Toten nicht (Part./3.Sg.Präs.)
na śocan mriyate naraḥ
der Trauernde stirbt nicht, [ein] Mann (3.Sg.Präs. Med.)
die Wesen, Stier unter den Bharatas (Nom.Pl./Vok.)
ekasārthaprayātānāṃ
derer, die in derselben Karawane ausgezogen sind (Gen.Pl.)
sarveṣāṃ tatra gāminām
aller dort Gehenden (Gen.Pl.)
yasya kālaḥ prayāty agre
wessen Zeit [Tod] voraus geht (3.Sg.Präs.)
tatra kā paridevanā
da, welches Jammern (Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; sāṃsiddhike [?] und der Schluss (yasya kālaḥ prayāty agre) sind syntaktisch knapp und nur sinngemäß wiedergegeben.
sarve svādhyāyavanto hi sarve ca caritavratāḥ; sarve cābhimukhāḥ kṣīṇās tatra kā paridevanā
Alle waren dem Studium des Veda ergeben, und alle haben ihre Gelübde erfüllt; alle sind, dem Feind zugewandt [kämpfend], gefallen; was gibt es da zu jammern?
Wort für Wort
sarve svādhyāyavanto hi
alle nämlich dem Vedastudium ergeben (Nom.Pl.)
sarve ca caritavratāḥ
und alle, die Gelübde geübt haben (Nom.Pl.)
sarve cābhimukhāḥ kṣīṇāḥ
und alle, zugewandt [dem Gegner], umgekommen (Nom.Pl.)
adarśanād āpatitāḥ punaś cādarśanaṃ gatāḥ; na te tava na teṣāṃ tvaṃ tatra kā paridevanā
Aus dem Nichtgesehenen sind sie gekommen, und wieder zum Nichtgesehenen sind sie gegangen; sie sind nicht dein, und du bist nicht ihr [eigen]; was gibt es da zu jammern?
Wort für Wort
adarśanād āpatitāḥ
aus dem Unsichtbaren gekommen (Abl./Part.Pass.)
punaś cādarśanaṃ gatāḥ
und wieder ins Unsichtbare gegangen (Akk./Part.Pass.)
na te tava na teṣāṃ tvam
nicht sie [sind] dein, nicht du ihr (Gen.Sg./Gen.Pl./Nom.)
hato 'pi labhate svargaṃ hatvā ca labhate yaśaḥ; ubhayaṃ no bahuguṇaṃ nāsti niṣphalatā raṇe
Auch erschlagen gewinnt man den Himmel, und erschlagend gewinnt man Ruhm. Beides ist für uns reich an Vorzügen; im Kampf gibt es keine Fruchtlosigkeit.
Wort für Wort
hato ’pi labhate svargaṃ
auch [wer] erschlagen [ist], gewinnt den Himmel (Part.Pass./3.Sg.Präs. Med.)
hatvā ca labhate yaśaḥ
und erschlagend gewinnt er Ruhm (Abs.)
ubhayaṃ no bahuguṇam
beides ist für uns sehr vorteilhaft (Nom.Sg.n./Dat.Pl.)
nāsti niṣphalatā raṇe
es gibt keine Fruchtlosigkeit im Kampf (3.Sg.Präs./Lok.)
na yajñair dakṣiṇāvadbhir na tapobhir na vidyayā; svargaṃ yānti tathā martyā yathā śūrā raṇe hatāḥ
Nicht durch Opfer mit reichen Opferlöhnen, nicht durch Askese, nicht durch Wissen gelangen Sterbliche so in den Himmel, wie die im Kampf erschlagenen Helden.
Wort für Wort
na yajñair dakṣiṇāvadbhir
nicht durch Opfer mit Opferlöhnen (Instr.Pl.)
na tapobhir na vidyayā
nicht durch Askesen, nicht durch Wissen (Instr.)
svargaṃ yānti tathā martyā
in den Himmel gehen so die Sterblichen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
yathā śūrā raṇe hatāḥ
wie die Helden im Kampf erschlagen (Nom.Pl./Lok./Part.Pass.)
śarīrāgniṣu śūrāṇāṃ juhuvus te śarāhutīḥ; hūyamānāñ śarāṃś caiva sehus tejasvino mithaḥ; evaṃ rājaṃs tavācakṣe svargyaṃ panthānam uttamam; na yuddhād adhikaṃ kiṃ cit kṣatriyasyeha vidyate; kṣatriyās te mahātmānaḥ śūrāḥ samitiśobhanāḥ; āśiṣaḥ paramāḥ prāptā na śocyāḥ sarva eva hi; ātmānam ātmanāśvāsya mā śucaḥ puruṣarṣabha; nādya śokābhibhūtas tvaṃ kāryam utsraṣṭum arhasi
In den Feuern der [ihrer] Leiber haben die Helden Pfeile als Opfergüsse dargebracht, und die dargebrachten Pfeile ertrugen die Glanzvollen gegenseitig. So verkünde ich dir, König, den besten Weg zum Himmel. Für einen Kṣatriya gibt es hier nichts, was höher wäre als der Kampf. Jene Kṣatriyas, Hochgesinnte, Helden, Zierde der Versammlungen, haben höchste Segnungen erlangt; alle sind sie nicht zu beklagen. Richte dich selbst durch dich selbst auf, betrauere sie nicht, Stier unter den Männern. Von Kummer überwältigt darfst du heute deine Pflicht nicht aufgeben.
Wort für Wort
śarīrāgniṣu śūrāṇāṃ
in den Leibesfeuern der Helden (Lok.Pl./Gen.Pl.)
juhuvus te śarāhutīḥ
sie opferten Pfeilspenden (3.Pl.Perf./Akk.Pl.)
hūyamānāñ śarāṃś caiva
und die dargebrachten Pfeile (Part.Pass./Akk.Pl.)
sehus tejasvino mithaḥ
ertrugen die Glanzvollen gegenseitig (3.Pl.Perf./Nom.Pl./Adv.)
evaṃ rājaṃs tavācakṣe
so, König, verkünde ich dir (Vok./1.Sg.Präs. Med.)
svargyaṃ panthānam uttamam
den zum Himmel führenden besten Weg (Akk.Sg.)
na yuddhād adhikaṃ kiṃ cit
nichts Höheres als den Kampf (Abl./Nom.)
kṣatriyasyeha vidyate
für einen Kṣatriya hier gibt es (Gen./3.Sg.Pass.)
kṣatriyās te mahātmānaḥ
jene Kṣatriyas, Hochgesinnte (Nom.Pl.)
śūrāḥ samitiśobhanāḥ
Helden, Zierde der Versammlung (Nom.Pl.)
āśiṣaḥ paramāḥ prāptāḥ
höchste Segnungen erlangt (Akk.Pl./Part.Pass.)
na śocyāḥ sarva eva hi
nicht zu beklagen sind alle (Gerundiv/Nom.Pl.)
ātmānam ātmanāśvāsya
dich selbst durch dich selbst beruhigt/aufgerichtet (Abs.)
mā śucaḥ puruṣarṣabha
trauere nicht, Stier unter den Männern (Prohibitiv/Vok.)
nādya śokābhibhūtas tvam
nicht heute von Kummer überwältigt du (Part.Pass./Nom.)
kāryam utsraṣṭum arhasi
die Pflicht aufzugeben sollst du (Akk./Inf./2.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage.
mātāpitṛsahasrāṇi putradāraśatāni ca; saṃsāreṣv anubhūtāni kasya te kasya vā vayam
Tausende von Müttern und Vätern, Hunderte von Söhnen und Gattinnen sind im Kreislauf des Daseins [schon] erfahren worden; wessen sind sie, oder wessen sind wir?
Wort für Wort
mātāpitṛsahasrāṇi
Tausende von Müttern und Vätern (Nom.Pl.n.)
putradāraśatāni ca
und Hunderte von Söhnen und Gattinnen (Nom.Pl.n.)
saṃsāreṣv anubhūtāni
in den Daseinskreisläufen erlebt (Lok.Pl./Part.Pass.)
kasya te kasya vā vayam
wessen sind sie, oder wessen wir (Gen.Sg./Nom.Pl.)
na jānapadikaṃ duḥkham ekaḥ śocitum arhasi; apy abhāvena yujyeta tac cāsya na nivartate
Das Leid des Landes [der Landsleute] darfst du nicht als Einzelner beklagen. Auch wenn einer [dadurch] mit dem Nichtsein [Tod] verbunden würde, es weicht ihm dennoch nicht.
Wort für Wort
na jānapadikaṃ duḥkham
nicht das Leid des Landes (Akk.Sg.n.)
ekaḥ śocitum arhasi
als Einzelner zu beklagen sollst du (Nom./Inf./2.Sg.)
apy abhāvena yujyeta
auch wenn er mit dem Nichtsein verbunden würde (Instr./3.Sg.Opt.Pass.)
tac cāsya na nivartate
und dies weicht ihm nicht (3.Sg.Präs. Med.)
Der Sinn der zweiten Vershälfte ist unsicher; wörtlich wiedergegeben. [?]
aśocan pratikurvīta yadi paśyet parākramam; bhaiṣajyam etad duḥkhasya yad etan nānucintayet; cintyamānaṃ hi na vyeti bhūyaś cāpi vivardhate
Ohne zu klagen soll man Abhilfe schaffen, wenn man einen Weg der Tatkraft sieht. Dies ist die Arznei gegen das Leid: dass man nicht darüber nachsinnt. Denn worüber man nachsinnt, vergeht nicht und wächst sogar noch mehr.
Wort für Wort
aśocan pratikurvīta
ohne zu trauern soll man Abhilfe schaffen (Part./3.Sg.Opt. Med.)
yadi paśyet parākramam
wenn man Tatkraft [als Möglichkeit] sieht (3.Sg.Opt./Akk.)
bhaiṣajyam etad duḥkhasya
dies ist die Arznei des Leides (Nom.Sg.n./Gen.)
yad etan nānucintayet
dass man darüber nicht nachsinnt (3.Sg.Opt.)
cintyamānaṃ hi na vyeti
denn Bedachtes vergeht nicht (Part.Pass./3.Sg.Präs.)
Die, die noch nichts Erlangtes gewonnen haben, plagen sich, ebenso die, die dem Gewonnenen nachjagen.
Wort für Wort
alabdhalābhāḥ kliśyante
die noch nichts Gewonnen Habenden leiden (Nom.Pl./3.Pl.Präs. Pass.)
labdhalābhānupātinaḥ
die dem Gewonnenen Nachjagenden (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; labdhalābhānupātinaḥ ist knapp und nur sinngemäß gedeutet [?].
nārtho na dharmo na sukhaṃ yad etad anuśocasi; na ca nāpaiti kāryārthāt trivargāc caiva bhraśyate
Das, worüber du trauerst, ist weder Nutzen noch Dharma noch Glück; und [wer so trauert,] weicht sehr wohl vom Zweck des zu Tuenden ab und fällt aus dem Dreiklang [von Dharma, Artha und Kāma] heraus.
Wort für Wort
nārtho na dharmo na sukham
weder Nutzen, noch Dharma, noch Glück (Nom.Sg.)
yad etad anuśocasi
dieses, worüber du dich grämst (2.Sg.Präs.)
na ca nāpaiti kāryārthāt
und er weicht nicht nicht ab, d. h. er weicht ab, vom Zweck des zu Tuenden (3.Sg.Präs./Abl.)
trivargāc caiva bhraśyate
und vom Dreiklang fällt er ab (Abl./3.Sg.Präs.)
Doppelte Verneinung na ca nāpaiti, sinngemäß als Bejahung aufgefasst [?].
Wenn Menschen von einem Vermögensstand zum anderen, jeweils höheren, gelangt sind, bleiben sie unzufrieden und werden verwirrt; die Weisen finden Zufriedenheit.
Wort für Wort
anyām anyāṃ dhanāvasthām
einen anderen und wieder anderen Vermögensstand (Akk.Sg.)
prāpya vaiśeṣikīṃ narāḥ
erlangt habend, einen besonderen, die Menschen (Abs./Akk.Sg.f./Nom.Pl.)
asaṃtuṣṭāḥ pramuhyanti
unzufrieden werden sie verwirrt (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
saṃtoṣaṃ yānti paṇḍitāḥ
Zufriedenheit erlangen die Weisen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
Durch Einsicht soll man das seelische Leid vertreiben, das körperliche durch Arzneien; das ist die Kraft des Wissens; er soll sich nicht den Kindischen gleichstellen.
Wort für Wort
prajñayā mānasaṃ duḥkham
durch Einsicht das seelische Leid (Instr./Akk.)
hanyāc chārīram auṣadhaiḥ
soll man vertreiben, das körperliche durch Arzneien (3.Sg.Opt./Akk./Instr.Pl.)
etaj jñānasya sāmarthyam
dies ist die Kraft des Wissens (Nom.Sg.n./Gen.)
na bālaiḥ samatām iyāt
nicht soll er Gleichheit mit den Kindischen erlangen (Instr.Pl./Akk./3.Sg.Opt.)
yena yena śarīreṇa yad yat karma karoti yaḥ; tena tena śarīreṇa tat tat phalam upāśnute; ātmaiva hy ātmano mitram ātmaiva ripur ātmanaḥ; ātmaiva hy ātmanaḥ sākṣī kṛtasyāpakṛtasya ca; śubhena karmaṇā saukhyaṃ duḥkhaṃ pāpena karmaṇā; kṛtaṃ bhavati sarvatra nākṛtaṃ bhujyate kva cit; na hi jñānaviruddheṣu bahvapāyeṣu karmasu; mūlaghātiṣu sajjante buddhimanto bhavadvidhāḥ
Mit welchem Körper auch immer man jeweils eine Tat vollbringt, mit genau diesem Körper genießt man jeweils deren Frucht. Denn das Selbst allein ist des Selbst Freund, das Selbst allein des Selbst Feind; das Selbst allein ist des Selbst Zeuge für das Getane und das Missetane. Durch gute Tat entsteht Glück, durch böse Tat Leid; Getanes ist überall vorhanden, Ungetanes wird nirgends genossen. Denn an Taten, die dem Wissen widersprechen, [die] viel Unheil bringen und die Wurzel zerstören, hängen Verständige wie du nicht.
Wort für Wort
yena yena śarīreṇa
mit welchem Körper auch immer (Instr.Sg.)
yad yat karma karoti yaḥ
welche Tat auch immer einer tut (Akk./3.Sg.Präs.)
tena tena śarīreṇa
mit genau diesem Körper (Instr.Sg.)
tat tat phalam upāśnute
jeweils deren Frucht genießt er (Akk./3.Sg.Präs. Med.)
ātmaiva hy ātmano mitram
denn das Selbst allein ist des Selbst Freund (Nom./Gen./Nom.)
ātmaiva ripur ātmanaḥ
das Selbst allein ist des Selbst Feind (Nom./Gen.)
ātmaiva hy ātmanaḥ sākṣī
denn das Selbst allein ist des Selbst Zeuge (Nom./Gen.)
kṛtasyāpakṛtasya ca
des Getanen und des Missetanen (Gen.Sg.n.)
śubhena karmaṇā saukhyam
durch gute Tat Glück (Instr.Sg./Nom.)
duḥkhaṃ pāpena karmaṇā
Leid durch böse Tat (Nom./Instr.)
kṛtaṃ bhavati sarvatra
Getanes ist überall (Part.Pass./3.Sg.Präs./Adv.)
nākṛtaṃ bhujyate kva cit
Ungetanes wird nirgends genossen (Part./3.Sg.Präs.Pass.)
na hi jñānaviruddheṣu
denn nicht in dem, was dem Wissen widerspricht (Lok.Pl.)
bahvapāyeṣu karmasu
in Taten mit viel Unheil (Lok.Pl.)
mūlaghātiṣu sajjante
die die Wurzel zerstören, hängen sich (Lok.Pl./3.Pl.Präs. Pass.)
buddhimanto bhavadvidhāḥ
Verständige wie du (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Schlusszeilen (kṛtaṃ bhavati sarvatra …) sind knapp und nur sinngemäß gedeutet.