Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Strīparva

Kapitel 2: viduraprabodhanam Viduras Trostrede an Dhṛtarāṣṭra: Vergänglichkeit, Zeit und Wirken der Taten

Vidura mahnt den trauernden Dhṛtarāṣṭra, sich aufzurichten; er verweist auf die Allmacht der Zeit, den Himmelslohn der gefallenen Kṣatriyas und die Nutzlosigkeit der Trauer.

vaiśaṃpāyana uvāca; tato 'mṛtasamair vākyair hlādayan puruṣarṣabham; vaicitravīryaṃ viduro yad uvāca nibodha tat

Vaiśaṃpāyana sprach: Darauf sprach Vidura zu dem Stier unter den Männern, dem Sohn des Vicitravīrya, und erquickte ihn mit nektargleichen Worten; höre, was er sagte.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (3.Sg.Perf.)
tato ’mṛtasamair vākyair
darauf mit nektargleichen Worten (Instr.Pl.)
hlādayan puruṣarṣabham
erquickend den Stier unter den Männern (Part.Kaus./Akk.)
vaicitravīryaṃ viduro
den Sohn des Vicitravīrya (Akk.), Vidura (Nom.)
yad uvāca nibodha tat
was er sagte (Perf.), höre das (Imp.)

vidura uvāca; uttiṣṭha rājan kiṃ śeṣe dhārayātmānam ātmanā; sthirajaṅgamamartyānāṃ sarveṣām eṣa nirṇayaḥ

Vidura sprach: Steh auf, König! Was liegst du da? Halte dich selbst durch dich selbst aufrecht! Dies ist die Entscheidung [das Ende] für alle Wesen, Unbewegliche, Bewegliche und Sterbliche.

Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (3.Sg.Perf.)
uttiṣṭha rājan
steh auf, König (Imp./Vok.)
kiṃ śeṣe
was liegst du (2.Sg.Präs. Med.)
dhārayātmānam ātmanā
halte dich selbst aufrecht durch dich selbst (Imp./Akk./Instr.)
sthirajaṅgamamartyānāṃ sarveṣām
der Unbeweglichen, Beweglichen und Sterblichen, aller (Gen.Pl.)
eṣa nirṇayaḥ
dies [ist] die Entscheidung (Nom.Sg.)

eṣā vai sarvasattvānāṃ lokeśvara parā gatiḥ

Dies ist ja für alle Wesen, Herr der Welt, das höchste Ziel.

Wort für Wort
eṣā vai
dies ja (Nom.Sg.f.)
sarvasattvānāṃ
aller Wesen (Gen.Pl.)
lokeśvara
Herr der Welt (Vok.)
parā gatiḥ
höchstes Ziel (Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

sarve kṣayāntā nicayāḥ patanāntāḥ samucchrayāḥ; saṃyogā viprayogāntā maraṇāntaṃ hi jīvitam

Alle Anhäufungen enden im Schwund, alle Erhebungen enden im Fall, alle Vereinigungen enden in Trennung, und das Leben endet im Tod.

Wort für Wort
sarve kṣayāntā nicayāḥ
alle Anhäufungen haben Schwund zum Ende (Nom.Pl.)
patanāntāḥ samucchrayāḥ
Fall zum Ende habend die Erhebungen (Nom.Pl.)
saṃyogā viprayogāntāḥ
Vereinigungen enden in Trennung (Nom.Pl.)
maraṇāntaṃ hi jīvitam
denn das Leben hat den Tod zum Ende (Nom.Sg.n.)

yadā śūraṃ ca bhīruṃ ca yamaḥ karṣati bhārata; tat kiṃ na yotsyanti hi te kṣatriyāḥ kṣatriyarṣabha

Wenn Yama den Helden und den Furchtsamen [gleichermaßen] fortzieht, Bhārata, warum sollten dann jene Kṣatriyas nicht kämpfen, Stier unter den Kṣatriyas?

Wort für Wort
yadā śūraṃ ca bhīruṃ ca
wenn den Helden und den Furchtsamen (Akk.Sg.)
yamaḥ karṣati bhārata
Yama zieht fort (3.Sg.Präs.), Bhārata (Vok.)
tat kiṃ na yotsyanti hi
warum sollten sie dann nicht kämpfen (3.Pl.Fut.)
te kṣatriyāḥ kṣatriyarṣabha
jene Kṣatriyas (Nom.Pl.), Stier unter den Kṣatriyas (Vok.)

ayudhyamāno mriyate yudhyamānaś ca jīvati; kālaṃ prāpya mahārāja na kaś cid ativartate

Wer nicht kämpft, stirbt; und wer kämpft, lebt. Wenn die Zeit gekommen ist, Großkönig, entgeht ihr niemand.

Wort für Wort
ayudhyamāno mriyate
der Nichtkämpfende stirbt (Part./3.Sg.Präs. Med.)
yudhyamānaś ca jīvati
und der Kämpfende lebt (Part./3.Sg.Präs.)
kālaṃ prāpya mahārāja
die Zeit erreicht habend, Großkönig (Abs./Vok.)
na kaś cid ativartate
niemand entgeht [ihr] (3.Sg.Präs.)

abhāvādīni bhūtāni bhāvamadhyāni bhārata; abhāvanidhanāny eva tatra kā paridevanā; na śocan mṛtam anveti na śocan mriyate naraḥ; evaṃ sāṃsiddhike loke kimartham anuśocasi; kālaḥ karṣati bhūtāni sarvāṇi vividhāny uta; na kālasya priyaḥ kaś cin na dveṣyaḥ kurusattama; yathā vāyus tṛṇāgrāṇi saṃvartayati sarvaśaḥ; tathā kālavaśaṃ yānti bhūtāni bharatarṣabha; ekasārthaprayātānāṃ sarveṣāṃ tatra gāminām; yasya kālaḥ prayāty agre tatra kā paridevanā

Die Wesen haben das Nichtsein zum Anfang, das Sein zur Mitte, Bhārata, und das Nichtsein zum Ende; was gibt es da zu jammern? Wer trauert, folgt dem Toten nicht [ins Jenseits], und wer trauert, stirbt nicht [dadurch]. So ist es in dieser Welt der Vollendeten [?]; weshalb grämst du dich? Die Zeit zieht alle die mannigfaltigen Wesen fort. Der Zeit ist keiner lieb, keiner verhasst, bester der Kurus. Wie der Wind die Grasspitzen überallhin wirbelt, so geraten die Wesen unter die Gewalt der Zeit, Stier unter den Bharatas. Von allen, die auf demselben gemeinsamen Weg dahinziehen: wenn der Zeit [dessen Zeit] einem vorausgeht, was gibt es da zu jammern?

Wort für Wort
abhāvādīni bhūtāni
die Wesen, deren Anfang das Nichtsein ist (Nom.Pl.)
bhāvamadhyāni bhārata
deren Mitte das Sein ist, Bhārata (Vok.)
abhāvanidhanāny eva
nur das Nichtsein zum Ende habend (Nom.Pl.)
tatra kā paridevanā
da, welches Jammern? (Nom.Sg.f.)
na śocan mṛtam anveti
der Trauernde folgt dem Toten nicht (Part./3.Sg.Präs.)
na śocan mriyate naraḥ
der Trauernde stirbt nicht, [ein] Mann (3.Sg.Präs. Med.)
evaṃ sāṃsiddhike loke
so in der Welt der Vollendeten [?] (Lok.Sg.)
kimartham anuśocasi
weshalb grämst du dich (2.Sg.Präs.)
kālaḥ karṣati bhūtāni
die Zeit zieht die Wesen fort (3.Sg.Präs.)
sarvāṇi vividhāny uta
alle, mannigfaltige, ja (Akk.Pl.n.)
na kālasya priyaḥ kaś cin
der Zeit ist keiner lieb (Gen.Sg./Nom.)
na dveṣyaḥ kurusattama
keiner verhasst, bester der Kurus (Nom./Vok.)
yathā vāyus tṛṇāgrāṇi
wie der Wind die Grasspitzen (Nom./Akk.Pl.)
saṃvartayati sarvaśaḥ
wirbelt zusammen, allerseits (3.Sg.Kaus.Präs./Adv.)
tathā kālavaśaṃ yānti
so gehen sie in die Gewalt der Zeit (3.Pl.Präs.)
bhūtāni bharatarṣabha
die Wesen, Stier unter den Bharatas (Nom.Pl./Vok.)
ekasārthaprayātānāṃ
derer, die in derselben Karawane ausgezogen sind (Gen.Pl.)
sarveṣāṃ tatra gāminām
aller dort Gehenden (Gen.Pl.)
yasya kālaḥ prayāty agre
wessen Zeit [Tod] voraus geht (3.Sg.Präs.)
tatra kā paridevanā
da, welches Jammern (Nom.Sg.f.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; sāṃsiddhike [?] und der Schluss (yasya kālaḥ prayāty agre) sind syntaktisch knapp und nur sinngemäß wiedergegeben.

na cāpy etān hatān yuddhe rājañ śocitum arhasi; pramāṇaṃ yadi śāstrāṇi gatās te paramāṃ gatim

Und du darfst diese im Kampf Erschlagenen nicht beweinen, König. Wenn die Lehrtexte als Maßstab gelten, sind sie zum höchsten Ziel gegangen.

Wort für Wort
na cāpy etān hatān yuddhe
und auch diese Erschlagenen im Kampf nicht (Akk.Pl./Lok.)
rājañ śocitum arhasi
König, zu beklagen sollst du (Vok./Inf./2.Sg.)
pramāṇaṃ yadi śāstrāṇi
wenn Maßstab die Lehrtexte [sind] (Nom.Pl.)
gatās te paramāṃ gatim
gegangen sind sie zum höchsten Ziel (Part.Pass./Akk.Sg.)

sarve svādhyāyavanto hi sarve ca caritavratāḥ; sarve cābhimukhāḥ kṣīṇās tatra kā paridevanā

Alle waren dem Studium des Veda ergeben, und alle haben ihre Gelübde erfüllt; alle sind, dem Feind zugewandt [kämpfend], gefallen; was gibt es da zu jammern?

Wort für Wort
sarve svādhyāyavanto hi
alle nämlich dem Vedastudium ergeben (Nom.Pl.)
sarve ca caritavratāḥ
und alle, die Gelübde geübt haben (Nom.Pl.)
sarve cābhimukhāḥ kṣīṇāḥ
und alle, zugewandt [dem Gegner], umgekommen (Nom.Pl.)
tatra kā paridevanā
da, welches Jammern (Nom.Sg.f.)

adarśanād āpatitāḥ punaś cādarśanaṃ gatāḥ; na te tava na teṣāṃ tvaṃ tatra kā paridevanā

Aus dem Nichtgesehenen sind sie gekommen, und wieder zum Nichtgesehenen sind sie gegangen; sie sind nicht dein, und du bist nicht ihr [eigen]; was gibt es da zu jammern?

Wort für Wort
adarśanād āpatitāḥ
aus dem Unsichtbaren gekommen (Abl./Part.Pass.)
punaś cādarśanaṃ gatāḥ
und wieder ins Unsichtbare gegangen (Akk./Part.Pass.)
na te tava na teṣāṃ tvam
nicht sie [sind] dein, nicht du ihr (Gen.Sg./Gen.Pl./Nom.)
tatra kā paridevanā
da, welches Jammern (Nom.Sg.f.)

hato 'pi labhate svargaṃ hatvā ca labhate yaśaḥ; ubhayaṃ no bahuguṇaṃ nāsti niṣphalatā raṇe

Auch erschlagen gewinnt man den Himmel, und erschlagend gewinnt man Ruhm. Beides ist für uns reich an Vorzügen; im Kampf gibt es keine Fruchtlosigkeit.

Wort für Wort
hato ’pi labhate svargaṃ
auch [wer] erschlagen [ist], gewinnt den Himmel (Part.Pass./3.Sg.Präs. Med.)
hatvā ca labhate yaśaḥ
und erschlagend gewinnt er Ruhm (Abs.)
ubhayaṃ no bahuguṇam
beides ist für uns sehr vorteilhaft (Nom.Sg.n./Dat.Pl.)
nāsti niṣphalatā raṇe
es gibt keine Fruchtlosigkeit im Kampf (3.Sg.Präs./Lok.)

teṣāṃ kāmadughāṃl lokān indraḥ saṃkalpayiṣyati; indrasyātithayo hy ete bhavanti puruṣarṣabha

Für sie wird Indra die wunscherfüllenden Welten bereiten. Gäste Indras sind sie ja, Stier unter den Männern.

Wort für Wort
teṣāṃ kāmadughāṃl lokān
für sie die wunscherfüllenden Welten (Gen.Pl./Akk.Pl.)
indraḥ saṃkalpayiṣyati
Indra wird bestimmen/bereiten (3.Sg.Fut.Kaus.)
indrasyātithayo hy ete
Gäste Indras sind ja diese (Gen./Nom.Pl.)
bhavanti puruṣarṣabha
sie sind, Stier unter den Männern (3.Pl.Präs./Vok.)

na yajñair dakṣiṇāvadbhir na tapobhir na vidyayā; svargaṃ yānti tathā martyā yathā śūrā raṇe hatāḥ

Nicht durch Opfer mit reichen Opferlöhnen, nicht durch Askese, nicht durch Wissen gelangen Sterbliche so in den Himmel, wie die im Kampf erschlagenen Helden.

Wort für Wort
na yajñair dakṣiṇāvadbhir
nicht durch Opfer mit Opferlöhnen (Instr.Pl.)
na tapobhir na vidyayā
nicht durch Askesen, nicht durch Wissen (Instr.)
svargaṃ yānti tathā martyā
in den Himmel gehen so die Sterblichen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
yathā śūrā raṇe hatāḥ
wie die Helden im Kampf erschlagen (Nom.Pl./Lok./Part.Pass.)

śarīrāgniṣu śūrāṇāṃ juhuvus te śarāhutīḥ; hūyamānāñ śarāṃś caiva sehus tejasvino mithaḥ; evaṃ rājaṃs tavācakṣe svargyaṃ panthānam uttamam; na yuddhād adhikaṃ kiṃ cit kṣatriyasyeha vidyate; kṣatriyās te mahātmānaḥ śūrāḥ samitiśobhanāḥ; āśiṣaḥ paramāḥ prāptā na śocyāḥ sarva eva hi; ātmānam ātmanāśvāsya mā śucaḥ puruṣarṣabha; nādya śokābhibhūtas tvaṃ kāryam utsraṣṭum arhasi

In den Feuern der [ihrer] Leiber haben die Helden Pfeile als Opfergüsse dargebracht, und die dargebrachten Pfeile ertrugen die Glanzvollen gegenseitig. So verkünde ich dir, König, den besten Weg zum Himmel. Für einen Kṣatriya gibt es hier nichts, was höher wäre als der Kampf. Jene Kṣatriyas, Hochgesinnte, Helden, Zierde der Versammlungen, haben höchste Segnungen erlangt; alle sind sie nicht zu beklagen. Richte dich selbst durch dich selbst auf, betrauere sie nicht, Stier unter den Männern. Von Kummer überwältigt darfst du heute deine Pflicht nicht aufgeben.

Wort für Wort
śarīrāgniṣu śūrāṇāṃ
in den Leibesfeuern der Helden (Lok.Pl./Gen.Pl.)
juhuvus te śarāhutīḥ
sie opferten Pfeilspenden (3.Pl.Perf./Akk.Pl.)
hūyamānāñ śarāṃś caiva
und die dargebrachten Pfeile (Part.Pass./Akk.Pl.)
sehus tejasvino mithaḥ
ertrugen die Glanzvollen gegenseitig (3.Pl.Perf./Nom.Pl./Adv.)
evaṃ rājaṃs tavācakṣe
so, König, verkünde ich dir (Vok./1.Sg.Präs. Med.)
svargyaṃ panthānam uttamam
den zum Himmel führenden besten Weg (Akk.Sg.)
na yuddhād adhikaṃ kiṃ cit
nichts Höheres als den Kampf (Abl./Nom.)
kṣatriyasyeha vidyate
für einen Kṣatriya hier gibt es (Gen./3.Sg.Pass.)
kṣatriyās te mahātmānaḥ
jene Kṣatriyas, Hochgesinnte (Nom.Pl.)
śūrāḥ samitiśobhanāḥ
Helden, Zierde der Versammlung (Nom.Pl.)
āśiṣaḥ paramāḥ prāptāḥ
höchste Segnungen erlangt (Akk.Pl./Part.Pass.)
na śocyāḥ sarva eva hi
nicht zu beklagen sind alle (Gerundiv/Nom.Pl.)
ātmānam ātmanāśvāsya
dich selbst durch dich selbst beruhigt/aufgerichtet (Abs.)
mā śucaḥ puruṣarṣabha
trauere nicht, Stier unter den Männern (Prohibitiv/Vok.)
nādya śokābhibhūtas tvam
nicht heute von Kummer überwältigt du (Part.Pass./Nom.)
kāryam utsraṣṭum arhasi
die Pflicht aufzugeben sollst du (Akk./Inf./2.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage.

mātāpitṛsahasrāṇi putradāraśatāni ca; saṃsāreṣv anubhūtāni kasya te kasya vā vayam

Tausende von Müttern und Vätern, Hunderte von Söhnen und Gattinnen sind im Kreislauf des Daseins [schon] erfahren worden; wessen sind sie, oder wessen sind wir?

Wort für Wort
mātāpitṛsahasrāṇi
Tausende von Müttern und Vätern (Nom.Pl.n.)
putradāraśatāni ca
und Hunderte von Söhnen und Gattinnen (Nom.Pl.n.)
saṃsāreṣv anubhūtāni
in den Daseinskreisläufen erlebt (Lok.Pl./Part.Pass.)
kasya te kasya vā vayam
wessen sind sie, oder wessen wir (Gen.Sg./Nom.Pl.)

śokasthānasahasrāṇi bhayasthānaśatāni ca; divase divase mūḍham āviśanti na paṇḍitam

Tausende Anlässe zur Trauer und Hunderte Anlässe zur Furcht dringen Tag für Tag auf den Törichten ein, nicht auf den Weisen.

Wort für Wort
śokasthānasahasrāṇi
Tausende Anlässe der Trauer (Nom.Pl.)
bhayasthānaśatāni ca
und Hunderte Anlässe der Furcht (Nom.Pl.)
divase divase mūḍham
Tag für Tag den Törichten (Lok./Akk.Sg.)
āviśanti na paṇḍitam
dringen ein, nicht den Weisen (3.Pl.Präs./Akk.)

na kālasya priyaḥ kaś cin na dveṣyaḥ kurusattama; na madhyasthaḥ kva cit kālaḥ sarvaṃ kālaḥ prakarṣati

Der Zeit ist keiner lieb, keiner verhasst, bester der Kurus; nirgends ist die Zeit unparteiisch: die Zeit zieht alles fort.

Wort für Wort
na kālasya priyaḥ kaś cin
der Zeit ist keiner lieb (Gen./Nom.)
na dveṣyaḥ kurusattama
keiner verhasst, bester der Kurus (Nom./Vok.)
na madhyasthaḥ kva cit kālaḥ
nirgends ist die Zeit neutral (Nom.Sg.)
sarvaṃ kālaḥ prakarṣati
alles zieht die Zeit fort (Akk./3.Sg.Präs.)

kālaḥ pacati bhūtāni kālaḥ saṃharate prajāḥ; kālaḥ supteṣu jāgarti kālo hi duratikramaḥ

Die Zeit kocht [reift] die Wesen, die Zeit rafft die Geschöpfe hin; die Zeit wacht bei den Schlafenden; die Zeit ist ja schwer zu überschreiten.

Wort für Wort
kālaḥ pacati bhūtāni
die Zeit gart die Wesen (3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
kālaḥ saṃharate prajāḥ
die Zeit rafft die Geschöpfe hin (3.Sg.Präs. Med./Akk.Pl.)
kālaḥ supteṣu jāgarti
die Zeit wacht unter den Schlafenden (Lok.Pl./3.Sg.Präs.)
kālo hi duratikramaḥ
denn die Zeit ist schwer zu überschreiten (Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

anityaṃ jīvitaṃ rūpaṃ yauvanaṃ dravyasaṃcayaḥ; ārogyaṃ priyasaṃvāso gṛdhyed eṣu na paṇḍitaḥ

Vergänglich sind Leben, Schönheit, Jugend, Anhäufung von Besitz, Gesundheit und das Zusammensein mit Lieben; danach soll ein Weiser nicht gieren.

Wort für Wort
anityaṃ jīvitaṃ rūpam
vergänglich Leben, Gestalt (Nom.Sg.n.)
yauvanaṃ dravyasaṃcayaḥ
Jugend, Ansammlung von Gütern (Nom.Sg.)
ārogyaṃ priyasaṃvāsaḥ
Gesundheit, Zusammenleben mit Lieben (Nom.Sg.)
gṛdhyed eṣu na paṇḍitaḥ
nach diesen soll nicht gieren ein Weiser (3.Sg.Opt./Lok.Pl./Nom.)

na jānapadikaṃ duḥkham ekaḥ śocitum arhasi; apy abhāvena yujyeta tac cāsya na nivartate

Das Leid des Landes [der Landsleute] darfst du nicht als Einzelner beklagen. Auch wenn einer [dadurch] mit dem Nichtsein [Tod] verbunden würde, es weicht ihm dennoch nicht.

Wort für Wort
na jānapadikaṃ duḥkham
nicht das Leid des Landes (Akk.Sg.n.)
ekaḥ śocitum arhasi
als Einzelner zu beklagen sollst du (Nom./Inf./2.Sg.)
apy abhāvena yujyeta
auch wenn er mit dem Nichtsein verbunden würde (Instr./3.Sg.Opt.Pass.)
tac cāsya na nivartate
und dies weicht ihm nicht (3.Sg.Präs. Med.)

Der Sinn der zweiten Vershälfte ist unsicher; wörtlich wiedergegeben. [?]

aśocan pratikurvīta yadi paśyet parākramam; bhaiṣajyam etad duḥkhasya yad etan nānucintayet; cintyamānaṃ hi na vyeti bhūyaś cāpi vivardhate

Ohne zu klagen soll man Abhilfe schaffen, wenn man einen Weg der Tatkraft sieht. Dies ist die Arznei gegen das Leid: dass man nicht darüber nachsinnt. Denn worüber man nachsinnt, vergeht nicht und wächst sogar noch mehr.

Wort für Wort
aśocan pratikurvīta
ohne zu trauern soll man Abhilfe schaffen (Part./3.Sg.Opt. Med.)
yadi paśyet parākramam
wenn man Tatkraft [als Möglichkeit] sieht (3.Sg.Opt./Akk.)
bhaiṣajyam etad duḥkhasya
dies ist die Arznei des Leides (Nom.Sg.n./Gen.)
yad etan nānucintayet
dass man darüber nicht nachsinnt (3.Sg.Opt.)
cintyamānaṃ hi na vyeti
denn Bedachtes vergeht nicht (Part.Pass./3.Sg.Präs.)
bhūyaś cāpi vivardhate
und wächst sogar noch mehr (Adv./3.Sg.Präs. Med.)

aniṣṭasaṃprayogāc ca viprayogāt priyasya ca

Durch die Verbindung mit Unerwünschtem und durch die Trennung von Liebem

Wort für Wort
aniṣṭasaṃprayogāc ca
und durch Verbindung mit Unerwünschtem (Abl.)
viprayogāt priyasya ca
und durch Trennung von Liebem (Abl./Gen.)

Der Satz läuft in Einheit 24 weiter.

alabdhalābhāḥ kliśyante labdhalābhānupātinaḥ

Die, die noch nichts Erlangtes gewonnen haben, plagen sich, ebenso die, die dem Gewonnenen nachjagen.

Wort für Wort
alabdhalābhāḥ kliśyante
die noch nichts Gewonnen Habenden leiden (Nom.Pl./3.Pl.Präs. Pass.)
labdhalābhānupātinaḥ
die dem Gewonnenen Nachjagenden (Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; labdhalābhānupātinaḥ ist knapp und nur sinngemäß gedeutet [?].

manuṣyā mānasair duḥkhair yujyante ye 'lpabuddhayaḥ

werden Menschen von seelischen Leiden heimgesucht, die geringen Verstandes sind.

Wort für Wort
manuṣyā mānasair duḥkhair
Menschen von seelischen Leiden (Nom.Pl./Instr.Pl.)
yujyante ye ’lpabuddhayaḥ
werden verbunden, die geringen Verstandes sind (3.Pl.Präs.Pass./Nom.Pl.)

nārtho na dharmo na sukhaṃ yad etad anuśocasi; na ca nāpaiti kāryārthāt trivargāc caiva bhraśyate

Das, worüber du trauerst, ist weder Nutzen noch Dharma noch Glück; und [wer so trauert,] weicht sehr wohl vom Zweck des zu Tuenden ab und fällt aus dem Dreiklang [von Dharma, Artha und Kāma] heraus.

Wort für Wort
nārtho na dharmo na sukham
weder Nutzen, noch Dharma, noch Glück (Nom.Sg.)
yad etad anuśocasi
dieses, worüber du dich grämst (2.Sg.Präs.)
na ca nāpaiti kāryārthāt
und er weicht nicht nicht ab, d. h. er weicht ab, vom Zweck des zu Tuenden (3.Sg.Präs./Abl.)
trivargāc caiva bhraśyate
und vom Dreiklang fällt er ab (Abl./3.Sg.Präs.)

Doppelte Verneinung na ca nāpaiti, sinngemäß als Bejahung aufgefasst [?].

anyām anyāṃ dhanāvasthāṃ prāpya vaiśeṣikīṃ narāḥ; asaṃtuṣṭāḥ pramuhyanti saṃtoṣaṃ yānti paṇḍitāḥ

Wenn Menschen von einem Vermögensstand zum anderen, jeweils höheren, gelangt sind, bleiben sie unzufrieden und werden verwirrt; die Weisen finden Zufriedenheit.

Wort für Wort
anyām anyāṃ dhanāvasthām
einen anderen und wieder anderen Vermögensstand (Akk.Sg.)
prāpya vaiśeṣikīṃ narāḥ
erlangt habend, einen besonderen, die Menschen (Abs./Akk.Sg.f./Nom.Pl.)
asaṃtuṣṭāḥ pramuhyanti
unzufrieden werden sie verwirrt (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
saṃtoṣaṃ yānti paṇḍitāḥ
Zufriedenheit erlangen die Weisen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)

prajñayā mānasaṃ duḥkhaṃ hanyāc chārīram auṣadhaiḥ; etaj jñānasya sāmarthyaṃ na bālaiḥ samatām iyāt

Durch Einsicht soll man das seelische Leid vertreiben, das körperliche durch Arzneien; das ist die Kraft des Wissens; er soll sich nicht den Kindischen gleichstellen.

Wort für Wort
prajñayā mānasaṃ duḥkham
durch Einsicht das seelische Leid (Instr./Akk.)
hanyāc chārīram auṣadhaiḥ
soll man vertreiben, das körperliche durch Arzneien (3.Sg.Opt./Akk./Instr.Pl.)
etaj jñānasya sāmarthyam
dies ist die Kraft des Wissens (Nom.Sg.n./Gen.)
na bālaiḥ samatām iyāt
nicht soll er Gleichheit mit den Kindischen erlangen (Instr.Pl./Akk./3.Sg.Opt.)

śayānaṃ cānuśayati tiṣṭhantaṃ cānutiṣṭhati; anudhāvati dhāvantaṃ karma pūrvakṛtaṃ naram

Dem Liegenden liegt es nach, dem Stehenden steht es bei, dem Laufenden läuft es hinterher: das früher getane Werk folgt dem Menschen.

Wort für Wort
śayānaṃ cānuśayati
und den Liegenden begleitet es liegend (Part./3.Sg.Präs.)
tiṣṭhantaṃ cānutiṣṭhati
und den Stehenden begleitet es stehend (Part./3.Sg.Präs.)
anudhāvati dhāvantaṃ
läuft nach dem Laufenden (3.Sg.Präs./Part.)
karma pūrvakṛtaṃ naram
das früher getane Werk, den Menschen (Nom.Sg./Akk.Sg.)

yasyāṃ yasyām avasthāyāṃ yat karoti śubhāśubham; tasyāṃ tasyām avasthāyāṃ tat tat phalam upāśnute

In welchem Zustand auch immer man Gutes oder Schlechtes tut, in genau diesem Zustand genießt man auch jeweils dessen Frucht.

Wort für Wort
yasyāṃ yasyām avasthāyāṃ
in welchem Zustand auch immer (Lok.Sg.f.)
yat karoti śubhāśubham
was man tut, Gutes und Schlechtes (3.Sg.Präs./Akk.)
tasyāṃ tasyām avasthāyāṃ
in genau diesem Zustand (Lok.Sg.f.)
tat tat phalam upāśnute
jeweils dessen Frucht erntet man (Akk./3.Sg.Präs. Med.)

yena yena śarīreṇa yad yat karma karoti yaḥ; tena tena śarīreṇa tat tat phalam upāśnute; ātmaiva hy ātmano mitram ātmaiva ripur ātmanaḥ; ātmaiva hy ātmanaḥ sākṣī kṛtasyāpakṛtasya ca; śubhena karmaṇā saukhyaṃ duḥkhaṃ pāpena karmaṇā; kṛtaṃ bhavati sarvatra nākṛtaṃ bhujyate kva cit; na hi jñānaviruddheṣu bahvapāyeṣu karmasu; mūlaghātiṣu sajjante buddhimanto bhavadvidhāḥ

Mit welchem Körper auch immer man jeweils eine Tat vollbringt, mit genau diesem Körper genießt man jeweils deren Frucht. Denn das Selbst allein ist des Selbst Freund, das Selbst allein des Selbst Feind; das Selbst allein ist des Selbst Zeuge für das Getane und das Missetane. Durch gute Tat entsteht Glück, durch böse Tat Leid; Getanes ist überall vorhanden, Ungetanes wird nirgends genossen. Denn an Taten, die dem Wissen widersprechen, [die] viel Unheil bringen und die Wurzel zerstören, hängen Verständige wie du nicht.

Wort für Wort
yena yena śarīreṇa
mit welchem Körper auch immer (Instr.Sg.)
yad yat karma karoti yaḥ
welche Tat auch immer einer tut (Akk./3.Sg.Präs.)
tena tena śarīreṇa
mit genau diesem Körper (Instr.Sg.)
tat tat phalam upāśnute
jeweils deren Frucht genießt er (Akk./3.Sg.Präs. Med.)
ātmaiva hy ātmano mitram
denn das Selbst allein ist des Selbst Freund (Nom./Gen./Nom.)
ātmaiva ripur ātmanaḥ
das Selbst allein ist des Selbst Feind (Nom./Gen.)
ātmaiva hy ātmanaḥ sākṣī
denn das Selbst allein ist des Selbst Zeuge (Nom./Gen.)
kṛtasyāpakṛtasya ca
des Getanen und des Missetanen (Gen.Sg.n.)
śubhena karmaṇā saukhyam
durch gute Tat Glück (Instr.Sg./Nom.)
duḥkhaṃ pāpena karmaṇā
Leid durch böse Tat (Nom./Instr.)
kṛtaṃ bhavati sarvatra
Getanes ist überall (Part.Pass./3.Sg.Präs./Adv.)
nākṛtaṃ bhujyate kva cit
Ungetanes wird nirgends genossen (Part./3.Sg.Präs.Pass.)
na hi jñānaviruddheṣu
denn nicht in dem, was dem Wissen widerspricht (Lok.Pl.)
bahvapāyeṣu karmasu
in Taten mit viel Unheil (Lok.Pl.)
mūlaghātiṣu sajjante
die die Wurzel zerstören, hängen sich (Lok.Pl./3.Pl.Präs. Pass.)
buddhimanto bhavadvidhāḥ
Verständige wie du (Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Schlusszeilen (kṛtaṃ bhavati sarvatra …) sind knapp und nur sinngemäß gedeutet.

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