Kapitel 4: saṃsāragahanavarṇanam
Vidura schildert das Dickicht des Saṃsāra: Embryo, Geburt, Verstrickung und Tod
Auf Dhṛtarāṣṭras Frage beschreibt Vidura den Weg des Wesens von der Empfängnis über Geburt, Anhaftung und Verblendung bis zum Tod und weist auf das Dharma als Weg zur Erlösung hin.
Dhṛtarāṣṭra sprach: „Wie ist das Dickicht des Saṃsāra zu erkennen, Bester der Redenden? Das möchte ich hören; erkläre mir, dem Fragenden, die Wahrheit [darüber].“
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Perf.)
kathaṃ saṃsāragahanaṃ vijñeyam
wie das Dickicht des Saṃsāra zu erkennen ist (Akk. Sg. n.; Gerundiv)
Vidura sprach: „Höre, Herr, alle Handlungen der Wesen von der Geburt an. Zuerst weilt [das Wesen] hier im Kalala [Embryonalstadium] eine kurze Zeitspanne.“
Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (Perf.)
janmaprabhṛti
von der Geburt an (Adv.-Kompositum)
bhūtānāṃ kriyāḥ sarvāḥ
aller Wesen Handlungen (Gen. Pl.; Nom. Pl. f.)
śṛṇu prabho
höre, Herr (Imp. 2.Sg.; Vok.)
pūrvam eva iha kalale
zuerst eben hier im Kalala (Adv.; Lok. Sg.)
vasate kiṃ cid antaram
weilt eine kurze Weile (3.Sg.Präs. Med.; Akk. adverbial)
antaram in kiṃ cid antaram: als „Zwischenzeit, Weile“ gefasst.
amedhyamadhye vasati māṃsaśoṇitalepane; tatas tu vāyuvegena ūrdhvapādo hy adhaḥśirāḥ
Er weilt inmitten von Unreinem, mit Fleisch und Blut beschmiert; dann [liegt er] durch die Wucht des Windes mit den Füßen nach oben und dem Kopf nach unten.
Wort für Wort
amedhyamadhye vasati
inmitten von Unreinem weilt er (Lok.; 3.Sg.Präs.)
māṃsaśoṇitalepane
mit Fleisch und Blut beschmiert (Lok./Adj.; Kompositum)
tatas tu vāyuvegena
dann aber durch die Wucht des Windes (Adv.; Instr.)
ūrdhvapādo hy adhaḥśirāḥ
die Füße oben, den Kopf unten (Nom. Sg. m.; Bahuvrīhi)
baddham indriyapāśais taṃ saṅgasvādubhir āturam; vyasanāny upavartante vividhāni narādhipa; badhyamānaś ca tair bhūyo naiva tṛptim upaiti saḥ
Ihn, der mit den Fesseln der Sinne gebunden ist, ergriffen von den Süßigkeiten der Anhaftung, bedrängen mancherlei Nöte, Herrscher der Menschen; und von ihnen wieder und wieder gefesselt, findet er doch keine Sättigung.
Wort für Wort
baddham indriyapāśaiḥ taṃ
ihn, gebunden mit den Schlingen der Sinne (Part. Akk. Sg.; Instr. Pl.)
saṅgasvādubhir āturam
von den Süßigkeiten der Anhaftung bedrängt (Instr. Pl.; Akk. Sg. m.)
vyasanāni upavartante
Nöte stellen sich ein (Nom. Pl. n.; 3.Pl.Präs. Med.)
vividhāni narādhipa
mannigfaltige, Herrscher der Menschen (Nom. Pl. n.; Vok.)
badhyamānaḥ ca taiḥ bhūyaḥ
und von ihnen wiederum gefesselt (Part.Pass.; Instr. Pl.; Adv.)
Dann weiß dieser nicht, [dass er] Gutes und Schlechtes tut.
Wort für Wort
tadā na vetti ca ayam
dann weiß dieser nicht (3.Sg.Präs.)
prakurvan
tuend (Part.Präs. Nom. Sg.)
sādhv asādhunī
Gutes und Schlechtes (Akk. Du. n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Konstruktion knapp, sādhv asādhunī als Objekt von prakurvan gefasst [?].
Ebenso werden sie [ihn] beschützen, die in der Meditation fest gegründet sind [?].
Wort für Wort
tathā eva
ebenso (Adv.)
parirakṣyanti
sie werden beschützen (3.Pl.Fut.)
ye dhyānapariniṣṭhitāḥ
die in Meditation fest gegründet sind (Nom. Pl. m.; Kompositum)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, im Zusammenhang schwer einzuordnen; Wiedergabe unsicher.
vāgghīnasya ca yanmātram iṣṭāniṣṭaṃ kṛtaṃ mukhe; bhūya evātmanātmānaṃ badhyamānam upekṣate
Und dem der Rede Beraubten [gilt]: was immer im Mund an Erwünschtem und Unerwünschtem getan ist [?]; wieder und wieder sieht er gleichgültig zu, wie er selbst sich durch sich selbst fesselt.
Wort für Wort
vāgghīnasya ca
und des der Rede Beraubten (Gen. Sg. m.)
yat mātram iṣṭāniṣṭaṃ
was immer an Erwünschtem und Unerwünschtem (Nom./Akk. n.; Dvandva)
kṛtaṃ mukhe
getan im Mund (Part. n.; Lok.)
bhūyaḥ eva ātmanā ātmānam
wiederum eben durch sich selbst sich selbst (Adv.; Instr.; Akk.)
badhyamānam upekṣate
als Gefesselten übersieht/duldet er (Part.Pass. Akk.; 3.Sg.Präs. Med.)
yadā prājñāś ca mūḍhāś ca dhanavanto 'tha nirdhanāḥ; kulīnāś cākulīnāś ca mānino 'thāpy amāninaḥ; sarve pitṛvanaṃ prāptāḥ svapanti vigatatvacaḥ; nirmāṃsair asthibhūyiṣṭhair gātraiḥ snāyunibandhanaiḥ; kiṃ viśeṣaṃ prapaśyanti tatra teṣāṃ pare janāḥ; yena pratyavagaccheyuḥ kularūpaviśeṣaṇam; yadā sarve samaṃ nyastāḥ svapanti dharaṇītale; kasmād anyonyam icchanti pralabdhum iha durbudhāḥ; pratyakṣaṃ ca parokṣaṃ ca yo niśamya śrutiṃ tv imām
Wenn Weise und Toren, Reiche und Besitzlose, Edelgeborene und Unedle, Stolze und auch Unstolze, alle im Leichenwald angekommen sind, schlafen sie, der Haut beraubt, mit fleischlosen, meist aus Knochen bestehenden, durch Sehnen zusammengebundenen Gliedern. Welchen Unterschied sehen dort die anderen Leute an ihnen, woran sie den Vorzug von Abkunft und Gestalt erkennen könnten? Wenn alle gleichermaßen auf den Erdboden hingelegt schlafen, weshalb wollen die Unverständigen einander hier betrügen? [Wer] das Sichtbare und das Unsichtbare, diese Überlieferung, vernommen hat, [ … ].
Wort für Wort
yadā prājñāś ca mūḍhāś ca dhanavanto 'tha nirdhanāḥ
wenn Weise und Toren, Reiche und Arme (Nom. Pl. m.)
kulīnāś ca akulīnāś ca mānino 'tha api amāninaḥ
Edle und Unedle, Stolze und Unstolze (Nom. Pl. m.)
sarve pitṛvanaṃ prāptāḥ svapanti vigatatvacaḥ
alle, im Leichenwald angelangt, schlafen hautlos (Nom. Pl.; Part.; 3.Pl.Präs.)
mit fleischlosen, knochenreichen, sehnengebundenen Gliedern (Instr. Pl. n.)
kiṃ viśeṣaṃ prapaśyanti tatra teṣāṃ pare janāḥ
welchen Unterschied sehen dort an ihnen die anderen Leute (Akk.; 3.Pl.Präs.; Gen.; Nom.)
yena pratyavagaccheyuḥ kularūpaviśeṣaṇam
wodurch sie den Vorzug von Herkunft und Gestalt erkennen könnten (Instr.; Opt. 3.Pl.; Akk.)
yadā sarve samaṃ nyastāḥ svapanti dharaṇītale
wenn alle gleich hingelegt auf dem Erdboden schlafen (Adv.; Part.; Lok.)
kasmād anyonyam icchanti pralabdhum iha durbudhāḥ
warum wollen einander hier die Unverständigen täuschen (Abl.; 3.Pl.Präs.; Inf.; Nom. Pl.)
pratyakṣaṃ ca parokṣaṃ ca yo niśamya śrutim tv imām
wer das Sichtbare und Unsichtbare, diese Überlieferung, gehört hat (Akk.; Nom.; Gerundium)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der letzte Satz bricht ab (Nachsatz fehlt), daher offen gelassen; pratyakṣaṃ ca parokṣaṃ ca als Objekt zu niśamya gefasst [?].