Kapitel 6: saṃsāravanopamā
Vidura deutet das Gleichnis vom Mann im Brunnen als Bild des Saṃsāra
Dhṛtarāṣṭra fragt nach dem Mann in Not (ein Gleichnis, das in Kap. 5 erzählt wurde); Vidura entschlüsselt die Bildelemente allegorisch als Wald des Saṃsāra, Alter, Körper, Zeit, Jahr, Tage und Nächte sowie Begierden.
dhṛtarāṣṭra uvāca; aho khalu mahad duḥkhaṃ kṛcchravāsaṃ vasaty asau; kathaṃ tasya ratis tatra tuṣṭir vā vadatāṃ vara
Dhṛtarāṣṭra sprach: „Ach, wahrlich, großes Leid ist es, dass dieser [Mann] in einem qualvollen Aufenthalt weilt. Wie kann er dort Freude oder Zufriedenheit finden, du Bester der Redenden?“
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Perf. 3.Sg.)
aho khalu mahad duḥkham
ach, wahrlich, großes Leid (Interj./Part./Nom. n.)
kṛcchravāsaṃ vasaty asau
einen qualvollen Aufenthalt weilt dieser (Akk. Sg. m./3.Sg.Präs./Nom. m.)
kathaṃ tasya ratis tatra
wie [gibt es] für ihn dort Vergnügen (Adv./Gen./Nom. f./Adv.)
tuṣṭir vā
oder Zufriedenheit (Nom. f./Part.)
vadatāṃ vara
du Bester der Redenden (Gen.Pl. Part.Präs. / Vok. m.)
Vidura sprach: „Dies ist ein Gleichnis, o König, das von den Kennern der Erlösung vorgetragen wurde, wodurch ein Mensch in den jenseitigen Welten einen guten Weg [gute Wiedergeburt] erlangt.“
Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (Perf. 3.Sg.)
upamānam idaṃ rājan
dies Gleichnis, o König (Nom. n./Nom. n./Vok. m.)
mokṣavidbhir udāhṛtam
von den Erlösungskundigen vorgetragen (Instr.Pl. m./Part.Perf.Pass. n.)
sugatiṃ vindate yena
einen guten Weg/Ausgang erlangt, wodurch (Akk. f./3.Sg.Präs./Instr. n.)
paralokeṣu mānavaḥ
in den jenseitigen Welten der Mensch (Lok.Pl. m./Nom. m.)
ye ca te kathitā vyālā vyādhayas te prakīrtitāḥ; yā sā nārī bṛhatkāyā adhitiṣṭhati tatra vai; tām āhus tu jarāṃ prājñā varṇarūpavināśinīm
Und die Raubtiere, von denen berichtet wurde, die werden als die Krankheiten bezeichnet. Die Frau von gewaltigem Leib, die dort haust, die nennen die Weisen das Alter, das Farbe und Gestalt zerstört.
Wort für Wort
ye ca te kathitā vyālāḥ
und welche, jene erwähnten Raubtiere (Nom.Pl. m./Part./Nom.Pl./Part.Pass./Nom.Pl.)
vyādhayas te prakīrtitāḥ
Krankheiten sind sie genannt (Nom.Pl. m./Nom.Pl./Part.Pass.)
yā sā nārī bṛhatkāyā
welche jene Frau von großem Körper (Rel. f./Nom. f./Nom. f., Bahuvrīhi)
adhitiṣṭhati tatra vai
hält sich auf, dort fürwahr (3.Sg.Präs./Adv./Part.)
tām āhus tu jarām
sie nennen aber diese das Alter (Akk. f./3.Pl.Perf./Part./Akk. f.)
prājñā varṇarūpavināśinīm
die Weisen, Farbe und Gestalt zerstörend (Nom.Pl./Akk. f., Kompositum)
yas tatra kūpo nṛpate sa tu dehaḥ śarīriṇām; yas tatra vasate 'dhastān mahāhiḥ kāla eva saḥ; antakaḥ sarvabhūtānāṃ dehināṃ sarvahāry asau
Der Brunnen dort, o Herrscher, ist der Leib der Körperbehafteten. Die große Schlange, die dort unten wohnt, ist eben die Zeit, der Beender aller Wesen, der alles wegraffende, [der] die Verkörperten [ereilt].
Wort für Wort
yas tatra kūpo nṛpate
der Brunnen, der dort, o Herrscher (Nom. m./Adv./Nom. m./Vok.)
sa tu dehaḥ śarīriṇām
der ist Leib der Verkörperten (Nom. m./Part./Nom. m./Gen.Pl.)
yas tatra vasate 'dhastāt
der dort wohnt unten (Rel./Adv./3.Sg.Präs./Adv.)
mahāhiḥ kāla eva saḥ
die große Schlange, Zeit eben ist der (Nom. m./Nom. m./Part./Nom.)
antakaḥ sarvabhūtānām
Beender aller Wesen (Nom. m./Gen.Pl. n.)
dehināṃ sarvahāry asau
der Verkörperten, alles raubend, dieser (Gen.Pl./Nom. m., Kompositum/Nom. m.)
kūpamadhye ca yā jātā vallī yatra sa mānavaḥ; pratāne lambate sā tu jīvitāśā śarīriṇām
Und die Liane, die inmitten des Brunnens entstanden ist, an der jener Mensch [hängt] – die hängt an der Ausdehnung [der Ranke]: das ist die Lebenshoffnung der Körperbehafteten.
Wort für Wort
kūpamadhye ca yā jātā
und inmitten des Brunnens, die entstanden ist (Lok. n./Part./Rel. f./Part.Pass. f.)
vallī yatra sa mānavaḥ
Liane, woran jener Mensch [hängt] (Nom. f./Rel.Adv./Nom./Nom. m.)
pratāne lambate
am Geflecht/Ausläufer hängt (Lok. m./3.Sg.Med.Präs.)
sā tu jīvitāśā śarīriṇām
die aber ist Lebenshoffnung der Verkörperten (Nom. f./Part./Nom. f./Gen.Pl.)
Text etwas elliptisch: „yatra sa mānavaḥ“ ohne Verb (etwa „wo jener Mensch hängt“); pratāne wohl „am Geflecht/Ausläufer“.
sa yas tu kūpavīnāhe taṃ vṛkṣaṃ parisarpati; ṣaḍvaktraḥ kuñjaro rājan sa tu saṃvatsaraḥ smṛtaḥ; mukhāni ṛtavo māsāḥ pādā dvādaśa kīrtitāḥ
Jener aber, der am Umfang des Brunnens um diesen Baum herumkriecht, ist ein sechsgesichtiger Elefant, o König – der gilt als das Jahr. Die Gesichter sind die Jahreszeiten, die Füße, so heißt es, die zwölf Monate.
Wort für Wort
sa yas tu kūpavīnāhe
der aber, der am Umfang des Brunnens (Nom./Rel./Part./Lok. m.)
taṃ vṛkṣaṃ parisarpati
um diesen Baum herumkriecht (Akk. m./Akk. m./3.Sg.Präs.)
ṣaḍvaktraḥ kuñjaro rājan
sechsgesichtiger Elefant, o König (Nom. m., Bahuvrīhi/Nom. m./Vok.)
sa tu saṃvatsaraḥ smṛtaḥ
der gilt als das Jahr (Nom./Part./Nom. m./Part.Pass.)
mukhāni ṛtavo māsāḥ
die Gesichter [sind] die Jahreszeiten, die Monate (Nom.Pl. n./Nom.Pl. m./Nom.Pl. m.)
pādā dvādaśa kīrtitāḥ
Füße [sind] zwölf, so genannt (Nom.Pl. m./Zahlw./Part.Pass.)
ye tu vṛkṣaṃ nikṛntanti mūṣakāḥ satatotthitāḥ; rātryahāni tu tāny āhur bhūtānāṃ paricintakāḥ; ye te madhukarās tatra kāmās te parikīrtitāḥ
Die Mäuse aber, die unablässig aufgerichtet den Baum benagen, die nennen die [Kundigen] Nächte und Tage, die der Wesen Verderben bedenken. Die Honigsammler dort, die werden als die Begierden bezeichnet.
Wort für Wort
ye tu vṛkṣaṃ nikṛntanti
die aber den Baum zernagen (Rel.Pl./Part./Akk. m./3.Pl.Präs.)
mūṣakāḥ satatotthitāḥ
Mäuse, ständig sich erhebend (Nom.Pl. m./Nom.Pl. m., Kompositum)
rātryahāni tu tāny āhur
Nächte und Tage aber, die nennen sie (Nom.Pl. n., Dvandva/Part./Akk.Pl./3.Pl.Perf.)
bhūtānāṃ paricintakāḥ
der Wesen Bedenker [?] (Gen.Pl. n./Nom.Pl. m.)
ye te madhukarās tatra
die jene Honigmacher dort (Rel./Dem./Nom.Pl. m./Adv.)
kāmās te parikīrtitāḥ
Begierden sind sie genannt (Nom.Pl. m./Nom.Pl./Part.Pass.)
„bhūtānāṃ paricintakāḥ“ unsicher: „die um die Wesen besorgt sind / die [das Ende] der Wesen überdenken“; hier als Attribut zu den Tagen und Nächten, „Verderben“ ist Ergänzung.
Wer unter Hundert, Tausend oder Hunderttausend Überdruss empfindet, [der ist selten]; die Begierden betören stark die Trägen, die nach Sinnesobjekten streben.
Wort für Wort
śatāt sahasrāl lakṣād vā
unter Hundert, Tausend oder Hunderttausend (Abl. n./Abl. n./Abl. n./Part.)
betören sehr die Begierden (3.Pl.Kaus./Adv./Nom.Pl. m.)
mandānāṃ viṣayaiṣiṇām
die Trägen, nach Sinnesobjekten Strebenden (Gen.Pl. m./Gen.Pl. m., Kompositum)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophe; der Nachsatz zum ersten Pāda fehlt („[der ist selten]“ ergänzt).