Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Strīparva

Kapitel 8: dhṛtarāṣṭrasāntvanam Vyāsa tröstet den trauernden Dhṛtarāṣṭra: Götterratschluss, Bürde der Erde und Duryodhanas Ursprung

Nach Viduras Trostrede bricht Dhṛtarāṣṭra zusammen und klagt; Vyāsa verweist auf die Unabwendbarkeit des Schicksals, berichtet von der Götterversammlung, in der die Erde um Entlastung bat, und mahnt den König, um der Pāṇḍavas willen am Leben zu bleiben. Dhṛtarāṣṭra fasst zuletzt den Entschluss, sein Leben zu halten.

vaiśaṃpāyana uvāca; vidurasya tu tad vākyaṃ niśamya kurusattamaḥ; putraśokābhisaṃtaptaḥ papāta bhuvi mūrchitaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Als der Beste der Kuru Viduras Worte vernommen hatte, brannte er vor Sohnesleid und stürzte ohnmächtig zu Boden.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
vidurasya tu tad vākyaṃ niśamya
als er Viduras Wort vernommen hatte (Gen./Akk./Abs.)
kurusattamaḥ
der Beste der Kuru (Nom.Sg.)
putraśokābhisaṃtaptaḥ
von Sohnesgram verbrannt (Nom.Sg.)
papāta bhuvi mūrchitaḥ
fiel zu Boden, ohnmächtig (Perf. 3.Sg./Lok./Part.)

taṃ tathā patitaṃ bhūmau niḥsaṃjñaṃ prekṣya bāndhavāḥ; kṛṣṇadvaipāyanaś caiva kṣattā ca viduras tathā

Als die Verwandten ihn so am Boden liegen sahen, bewusstlos: sowohl Kṛṣṇa Dvaipāyana als auch der Wagenlenker Vidura,

Wort für Wort
taṃ tathā patitaṃ bhūmau
ihn, so gefallen, auf die Erde (Akk./Part./Lok.)
niḥsaṃjñaṃ prekṣya
bewusstlos, nachdem sie [ihn] gesehen (Akk./Abs.)
bāndhavāḥ
die Verwandten (Nom.Pl.)
kṛṣṇadvaipāyanaś caiva
und Kṛṣṇa Dvaipāyana (Nom.Sg.)
kṣattā ca viduras tathā
und der Kṣattṛ Vidura ebenso (Nom.Sg.)

Der Satz läuft in den Versen 3–4 weiter.

saṃjayaḥ suhṛdaś cānye dvāḥsthā ye cāsya saṃmatāḥ; jalena sukhaśītena tālavṛntaiś ca bhārata

Saṃjaya und andere Freunde und die Türhüter, die bei ihm in Ansehen standen, [besprengten ihn] mit Wasser, angenehm kühl, und mit Fächern, o Bhārata,

Wort für Wort
saṃjayaḥ suhṛdaś cānye
Saṃjaya und andere Freunde (Nom.)
dvāḥsthā ye cāsya saṃmatāḥ
und die Türhüter, die ihm angesehen [waren] (Nom.Pl.)
jalena sukhaśītena
mit Wasser, angenehm kühl (Instr.Sg.)
tālavṛntaiś ca
und mit Fächern (Instr.Pl.)
bhārata
o Bhārata (Vok.Sg.)

Das Prädikat (‚besprengten‘) ist aus dem Zusammenhang ergänzt; die Handlung setzt sich in Vers 4 fort.

paspṛśuś ca karair gātraṃ vījamānāś ca yatnataḥ; anvāsan suciraṃ kālaṃ dhṛtarāṣṭraṃ tathāgatam

und berührten seine Glieder mit den Händen und fächelten ihm eifrig Luft zu; sie warteten sehr lange Zeit bei Dhṛtarāṣṭra, der in solchen Zustand geraten war.

Wort für Wort
paspṛśuś ca karair gātram
und sie berührten mit den Händen den Körper (Perf. 3.Pl./Instr.Pl./Akk.)
vījamānāś ca yatnataḥ
und fächelnd mit Eifer (Part.Med./Abl. adv.)
anvāsan suciraṃ kālam
sie warteten [bei ihm] sehr lange Zeit (Impf. 3.Pl./Akk.)
dhṛtarāṣṭraṃ tathāgatam
Dhṛtarāṣṭra, der so [in solchen Zustand] geraten war (Akk.Sg.)

atha dīrghasya kālasya labdhasaṃjño mahīpatiḥ; vilalāpa ciraṃ kālaṃ putrādhibhir abhiplutaḥ

Dann, nach langer Zeit, als der Herr der Erde das Bewusstsein wiedererlangt hatte, klagte er lange, überwältigt von Sohnesqualen.

Wort für Wort
atha dīrghasya kālasya
dann nach langer Zeit (Gen. der Zeit)
labdhasaṃjño mahīpatiḥ
der Erdherr, der das Bewusstsein wiedererlangt hatte (Nom.Sg.)
vilalāpa ciraṃ kālam
klagte lange Zeit (Perf. 3.Sg./Akk.)
putrādhibhir abhiplutaḥ
von Sohnesleiden überflutet (Instr.Pl./Part.)

dhig astu khalu mānuṣyaṃ mānuṣye ca parigraham; yatomūlāni duḥkhāni saṃbhavanti muhur muhuḥ

Weh dem Menschsein, ja, und im Menschsein dem Anhaften [an Besitz und Angehörigen], aus dem Leiden immer und immer wieder entstehen!

Wort für Wort
dhig astu khalu mānuṣyam
Weh sei wahrlich dem Menschsein (Ausruf/Imp.)
mānuṣye ca parigraham
und im Menschsein dem Anhaften/Besitzergreifen (Lok./Akk.)
yatomūlāni duḥkhāni
Leiden, deren Wurzel darin liegt (Nom.Pl.)
saṃbhavanti muhur muhuḥ
entstehen immer wieder (Präs. 3.Pl.)

putranāśe 'rthanāśe ca jñātisaṃbandhinām api; prāpyate sumahad duḥkhaṃ viṣāgnipratimaṃ vibho

Beim Verlust des Sohnes und beim Verlust des Besitzes, auch bei [dem] von Verwandten und Angeheirateten, wird sehr großes Leid erfahren, dem Gift und Feuer gleich, o Herr,

Wort für Wort
putranāśe 'rthanāśe ca
beim Verlust des Sohnes und des Besitzes (Lok.Sg.)
jñātisaṃbandhinām api
auch von Verwandten und Angeheirateten (Gen.Pl.)
prāpyate sumahad duḥkham
wird erlangt/erfahren sehr großes Leid (Pass. 3.Sg./Nom.)
viṣāgnipratimaṃ vibho
Gift und Feuer gleich, o Herr (Akk./Nom. n., Vok.)

yena dahyanti gātrāṇi yena prajñā vinaśyati; yenābhibhūtaḥ puruṣo maraṇaṃ bahu manyate

durch das die Glieder brennen, durch das die Einsicht zugrunde geht, von dem überwältigt der Mensch den Tod hoch schätzt.

Wort für Wort
yena dahyanti gātrāṇi
wodurch die Glieder brennen (Instr./Präs.Pass. 3.Pl.)
yena prajñā vinaśyati
wodurch die Einsicht zugrunde geht (Präs. 3.Sg.)
yenābhibhūtaḥ puruṣaḥ
von dem überwältigt der Mensch (Part./Nom.Sg.)
maraṇaṃ bahu manyate
den Tod hoch achtet (Präs. 3.Sg.)

tad idaṃ vyasanaṃ prāptaṃ mayā bhāgyaviparyayāt

Dieses Unheil ist mir zugestoßen durch den Umschwung des Geschicks.

Wort für Wort
tad idaṃ vyasanaṃ prāptam
dieses Unheil [ist] erlangt (Nom./Part.)
mayā
von mir (Instr.)
bhāgyaviparyayāt
durch den Umschlag des Geschicks (Abl.)

tasyāntaṃ nādhigacchāmi ṛte prāṇaviparyayāt

Ein Ende davon finde ich nicht, außer durch das Fortgehen des Lebenshauchs.

Wort für Wort
tasyāntaṃ
davon das Ende (Gen./Akk.)
nādhigacchāmi
finde ich nicht (Präs. 1.Sg.)
ṛte
außer, ohne (Präp. m. Abl.)
prāṇaviparyayāt
durch den Umschwung/das Schwinden der Lebenshauche (Abl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).

tac caivāhaṃ kariṣyāmi adyaiva dvijasattama

Und eben dies werde ich tun, noch heute, o bester der Zweimalgeborenen.

Wort für Wort
tac caivāhaṃ kariṣyāmi
und eben das werde ich tun (Fut. 1.Sg.)
adyaiva
noch heute (Adv.)
dvijasattama
o Bester der Zweimalgeborenen (Vok.Sg.)

Gemeint ist wohl das Aufgeben des Lebens (vgl. die vorhergehende Zusatzzeile); ohne diese bleibt ‚dies‘ offen.

ity uktvā tu mahātmānaṃ pitaraṃ brahmavittamam; dhṛtarāṣṭro 'bhavan mūḍhaḥ śokaṃ ca paramaṃ gataḥ; abhūc ca tūṣṇīṃ rājāsau dhyāyamāno mahīpate

So sprach Dhṛtarāṣṭra zu seinem Vater, dem großen Geist, dem besten Kenner des Brahman, und wurde bestürzt und in höchsten Kummer versetzt; und still wurde dieser König, o Herr der Erde, in Nachdenken versunken.

Wort für Wort
ity uktvā tu mahātmānaṃ pitaraṃ brahmavittamam
so gesagt habend zum Vater, dem Hochgesinnten, dem besten Brahmankenner (Abs./Akk.)
dhṛtarāṣṭro 'bhavan mūḍhaḥ
Dhṛtarāṣṭra wurde bestürzt (Impf. 3.Sg./Nom.)
śokaṃ ca paramaṃ gataḥ
und in höchsten Kummer geraten (Part./Akk.)
abhūc ca tūṣṇīṃ rājāsau
und still wurde dieser König (Aor. 3.Sg./Adv./Nom.)
dhyāyamāno mahīpate
nachsinnend, o Erdherr (Part./Vok.)

tasya tad vacanaṃ śrutvā kṛṣṇadvaipāyanaḥ prabhuḥ; putraśokābhisaṃtaptaṃ putraṃ vacanam abravīt

Als Kṛṣṇa Dvaipāyana, der Gebieter, diese Rede von ihm gehört hatte, sprach er zu seinem von Sohnesleid verbrannten Sohn [diese] Worte.

Wort für Wort
tasya tad vacanaṃ śrutvā
als er dessen Rede gehört hatte (Gen./Abs.)
kṛṣṇadvaipāyanaḥ prabhuḥ
Kṛṣṇa Dvaipāyana, der Gebieter (Nom.Sg.)
putraśokābhisaṃtaptaṃ putram
den von Sohnesgram verbrannten Sohn (Akk.Sg.)
vacanam abravīt
sprach Worte (Impf. 3.Sg./Akk.)

dhṛtarāṣṭra mahābāho yat tvāṃ vakṣyāmi tac chṛṇu; śrutavān asi medhāvī dharmārthakuśalas tathā

Dhṛtarāṣṭra, Starkarmiger, höre, was ich dir sagen werde. Gelehrt bist du, einsichtsvoll und ebenso kundig in Recht und Nutzen.

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra mahābāho
o Dhṛtarāṣṭra, Starkarmiger (Vok.)
yat tvāṃ vakṣyāmi tac chṛṇu
was ich dir sagen werde, das höre (Fut. 1.Sg./Imp.)
śrutavān asi medhāvī
gelehrt bist du, einsichtig (Part./Präs. 2.Sg./Nom.)
dharmārthakuśalas tathā
und geschickt in Recht und Nutzen (Nom.Sg.)

na te 'sty aviditaṃ kiṃ cid veditavyaṃ paraṃtapa; anityatāṃ hi martyānāṃ vijānāsi na saṃśayaḥ

Nichts gibt es für dich, was unbekannt wäre, [nichts] Wissenswertes, o Bezwinger der Feinde; die Vergänglichkeit der Sterblichen kennst du ohne Zweifel.

Wort für Wort
na te 'sty aviditaṃ kiṃ cid
nicht ist dir irgendetwas unbekannt (Präs. 3.Sg./Part.)
veditavyaṃ paraṃtapa
Wissenswertes, o Feindbezwinger (Gerundiv/Vok.)
anityatāṃ hi martyānām
die Vergänglichkeit der Sterblichen (Akk./Gen.Pl.)
vijānāsi na saṃśayaḥ
du kennst, kein Zweifel (Präs. 2.Sg./Nom.)

adhruve jīvaloke ca sthāne vāśāśvate sati; jīvite maraṇānte ca kasmāc chocasi bhārata

Warum trauerst du, o Bhārata, da die Welt der Lebenden unbeständig ist und der Bestand nicht ewig, und das Leben im Tod sein Ende hat?

Wort für Wort
adhruve jīvaloke ca
und in der unbeständigen Lebenswelt (Lok.Sg.)
sthāne vāśāśvate sati
oder wo der Bestand nicht ewig ist (Lok. abs.)
jīvite maraṇānte ca
und da das Leben im Tod endet (Lok./Bahuvrīhi)
kasmāc chocasi bhārata
warum trauerst du, o Bhārata (Abl./Präs. 2.Sg./Vok.)

pratyakṣaṃ tava rājendra vairasyāsya samudbhavaḥ; putraṃ te kāraṇaṃ kṛtvā kālayogena kāritaḥ

Vor deinen Augen, o Herr der Könige, ist der Ursprung dieser Feindschaft entstanden: Deinen Sohn zum Anlass nehmend, wurde sie durch das Wirken der Zeit herbeigeführt.

Wort für Wort
pratyakṣaṃ tava rājendra
vor deinen Augen, o Königsherr (Adv./Gen./Vok.)
vairasyāsya samudbhavaḥ
der Ursprung dieser Feindschaft (Gen./Nom.Sg.)
putraṃ te kāraṇaṃ kṛtvā
deinen Sohn zum Anlass machend (Akk./Abs.)
kālayogena kāritaḥ
durch die Fügung der Zeit bewirkt (Instr./Part.Kaus.)

avaśyaṃ bhavitavye ca kurūṇāṃ vaiśase nṛpa; kasmāc chocasi tāñ śūrān gatān paramikāṃ gatim

Und da das Untergehen der Kuru unausweichlich bevorstand, o König, warum trauerst du um jene Helden, die den höchsten Weg gegangen sind?

Wort für Wort
avaśyaṃ bhavitavye ca
und da es unausweichlich sein musste (Lok. abs./Gerundiv)
kurūṇāṃ vaiśase nṛpa
beim Verderben der Kuru, o König (Gen./Lok./Vok.)
kasmāc chocasi
warum trauerst du (Präs. 2.Sg.)
tāñ śūrān
um jene Helden (Akk.Pl.)
gatān paramikāṃ gatim
die den höchsten Weg gegangen (Part./Akk.)

Das Wort vaiśase (‚Untergang, Verderben‘) ist ungewöhnlich; die Wiedergabe folgt dem Sinn des Zusammenhangs [?].

jānatā ca mahābāho vidureṇa mahātmanā; yatitaṃ sarvayatnena śamaṃ prati janeśvara

Und [auch] Vidura, der Wissende, der Starkarmige, der Hochgesinnte, hat, o Herr der Menschen, mit allem Einsatz auf Frieden hingewirkt.

Wort für Wort
jānatā ca mahābāho
und vom Wissenden, o Starkarmiger (Part./Vok.)
vidureṇa mahātmanā
von Vidura, dem Hochgesinnten (Instr.Sg.)
yatitaṃ sarvayatnena
wurde sich bemüht mit ganzem Eifer (Part. impers./Instr.)
śamaṃ prati janeśvara
auf Frieden hin, o Herr der Menschen (Akk./Präp./Vok.)

na ca daivakṛto mārgaḥ śakyo bhūtena kena cit; ghaṭatāpi ciraṃ kālaṃ niyantum iti me matiḥ

Doch der vom Schicksal gebahnte Weg kann von keinem Wesen [beeinflusst werden]; auch wer sich lange müht, kann ihn nicht lenken: so meine Meinung.

Wort für Wort
na ca daivakṛto mārgaḥ
und nicht [ist] der vom Schicksal gemachte Weg (Nom.Sg.)
śakyo bhūtena kena cit
möglich durch irgendein Wesen (Adj./Instr.)
ghaṭatāpi ciraṃ kālam
auch von dem, der sich lange Zeit müht (Part./Instr./Akk.)
niyantum iti me matiḥ
zu lenken: so [ist] meine Meinung (Inf./Nom.)

devatānāṃ hi yat kāryaṃ mayā pratyakṣataḥ śrutam; tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi kathaṃ sthairyaṃ bhavet tava

Was aber die Götter als Aufgabe hatten, das habe ich mit eigenen Augen gehört; das will ich dir vollständig berichten, damit Festigkeit in dir entstehe.

Wort für Wort
devatānāṃ hi yat kāryam
denn was die Aufgabe der Götter [war] (Gen.Pl./Nom.)
mayā pratyakṣataḥ śrutam
von mir mit eigenen Augen/unmittelbar gehört (Instr./Adv./Part.)
tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi
das werde ich dir ausführlich sagen (Fut. 1.Sg.)
kathaṃ sthairyaṃ bhavet tava
wie Festigkeit dir werde (Opt. 3.Sg.)

purāhaṃ tvarito yātaḥ sabhām aindrīṃ jitaklamaḥ; apaśyaṃ tatra ca tadā samavetān divaukasaḥ; nāradapramukhāṃś cāpi sarvān devaṛṣīṃs tathā

Einst ging ich eilig, von Ermüdung befreit, zur Halle Indras; dort sah ich damals die versammelten Himmelsbewohner und auch Nārada an ihrer Spitze und ebenso alle göttlichen Weisen.

Wort für Wort
purāhaṃ tvarito yātaḥ
einst bin ich eilig gegangen (Adv./Part.)
sabhām aindrīṃ jitaklamaḥ
zur Halle Indras, ermüdungsbefreit (Akk./Nom.)
apaśyaṃ tatra ca tadā
und sah dort damals (Impf. 1.Sg.)
samavetān divaukasaḥ
die versammelten Himmelsbewohner (Akk.Pl.)
nāradapramukhāṃś cāpi
und auch die von Nārada angeführten (Akk.Pl.)
sarvān devaṛṣīṃs tathā
alle göttlichen Seher ebenso (Akk.Pl.)

tatra cāpi mayā dṛṣṭā pṛthivī pṛthivīpate; kāryārtham upasaṃprāptā devatānāṃ samīpataḥ

Und auch dort wurde von mir die Erde gesehen, o Herr der Erde: Sie war um einer Aufgabe willen in die Nähe der Götter gekommen.

Wort für Wort
tatra cāpi mayā dṛṣṭā
und auch dort wurde von mir gesehen (Instr./Part.)
pṛthivī pṛthivīpate
die Erde, o Erdherr (Nom./Vok.)
kāryārtham
um einer Aufgabe willen (Adv.)
upasaṃprāptā
herangekommen (Part.f.)
devatānāṃ samīpataḥ
in die Nähe der Götter (Gen./Adv.)

upagamya tadā dhātrī devān āha samāgatān; yat kāryaṃ mama yuṣmābhir brahmaṇaḥ sadane tadā; pratijñātaṃ mahābhāgās tac chīghraṃ saṃvidhīyatām

Da trat die Trägerin zu den versammelten Göttern und sprach: „Was ihr mir damals in Brahmans Halle zugesagt habt, ihr Hochbeglückten, das möge nun rasch ins Werk gesetzt werden.“

Wort für Wort
upagamya tadā dhātrī
nachdem sie herangetreten, damals die Trägerin (Abs./Nom.f.)
devān āha samāgatān
sprach zu den versammelten Göttern (Perf. 3.Sg./Akk.)
yat kāryaṃ mama yuṣmābhiḥ
was für mich zu tun [ist], von euch (Nom./Instr.)
brahmaṇaḥ sadane tadā pratijñātam
damals in Brahmans Wohnsitz versprochen (Gen./Lok./Part.)
mahābhāgāḥ
ihr Hochbeglückten (Vok.Pl.)
tac chīghraṃ saṃvidhīyatām
das werde rasch ausgeführt (Imp.Pass. 3.Sg.)

tasyās tad vacanaṃ śrutvā viṣṇur lokanamaskṛtaḥ; uvāca prahasan vākyaṃ pṛthivīṃ devasaṃsadi

Als Viṣṇu, von den Welten verehrt, ihre Rede gehört hatte, sprach er lächelnd ein Wort zur Erde in der Götterversammlung.

Wort für Wort
tasyās tad vacanaṃ śrutvā
ihre Rede gehört habend (Gen.f./Abs.)
viṣṇur lokanamaskṛtaḥ
Viṣṇu, von den Welten verehrt (Nom.Sg.)
uvāca prahasan vākyam
sprach lächelnd ein Wort (Perf. 3.Sg./Part./Akk.)
pṛthivīṃ devasaṃsadi
zur Erde in der Götterversammlung (Akk./Lok.)

dhṛtarāṣṭrasya putrāṇāṃ yas tu jyeṣṭhaḥ śatasya vai; duryodhana iti khyātaḥ sa te kāryaṃ kariṣyati; taṃ ca prāpya mahīpālaṃ kṛtakṛtyā bhaviṣyasi

„Der Älteste unter den hundert Söhnen des Dhṛtarāṣṭra, der als Duryodhana bekannt ist, der wird dir deine Aufgabe erfüllen; und hast du ihn, den Erdenherrscher, erlangt, wirst du am Ziel deines Wunsches sein.“

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭrasya putrāṇāṃ
unter den Söhnen des Dhṛtarāṣṭra (Gen.)
yas tu jyeṣṭhaḥ śatasya vai
der älteste der hundert (Nom./Gen.)
duryodhana iti khyātaḥ
als Duryodhana bekannt (Part.)
sa te kāryaṃ kariṣyati
der wird dir die Aufgabe erfüllen (Fut. 3.Sg.)
taṃ ca prāpya mahīpālam
und nachdem du ihn, den Erdschützer, erlangt hast (Abs./Akk.)
kṛtakṛtyā bhaviṣyasi
wirst du erfolgreich/am Ziel sein (Fut. 2.Sg.)

tasyārthe pṛthivīpālāḥ kurukṣetre samāgatāḥ; anyonyaṃ ghātayiṣyanti dṛḍhaiḥ śastraiḥ prahāriṇaḥ

„Seinetwegen sind die Erdenherrscher in Kurukṣetra zusammengekommen; sie werden einander töten lassen, mit harten Waffen angreifend.“

Wort für Wort
tasyārthe pṛthivīpālāḥ
um seinetwillen die Erdherrscher (Lok./Nom.Pl.)
kurukṣetre samāgatāḥ
in Kurukṣetra versammelt (Lok./Part.)
anyonyaṃ ghātayiṣyanti
einander werden sie töten (lassen) (Fut. Kaus. 3.Pl.)
dṛḍhaiḥ śastraiḥ prahāriṇaḥ
mit festen Waffen Schlagende (Instr.Pl./Nom.Pl.)

Wörtlich: ‚sie werden töten lassen‘; gemeint ist wohl das gegenseitige Erschlagen im Kampf.

tatas te bhavitā devi bhārasya yudhi nāśanam; gaccha śīghraṃ svakaṃ sthānaṃ lokān dhāraya śobhane

„‚Dann wird dir, Göttin, die Vernichtung der Last im Kampf geschehen. Geh rasch an deinen eigenen Ort und trage die Welten, Strahlende.‘“

Wort für Wort
tatas te bhavitā devi
dann wird dir sein, Göttin (Abl.-Adv.; Dat./Gen. Sg.; Fut. 3.Sg.; Vok.)
bhārasya yudhi nāśanam
der Last Vernichtung im Kampf (Gen.; Lok.; Nom. Sg. n.)
gaccha śīghraṃ
geh rasch (Imp. 2.Sg.; Adv.)
svakaṃ sthānam
an den eigenen Ort (Akk. Sg.)
lokān dhāraya
die Welten trage (Akk. Pl.; Imp. 2.Sg.)
śobhane
Strahlende (Vok. Sg. f.)

sa eṣa te suto rājaṃl lokasaṃhārakāraṇāt; kaler aṃśaḥ samutpanno gāndhāryā jaṭhare nṛpa

„Dieser da ist dein Sohn, König, um der Vernichtung der Welten willen als Teil des Kali entstanden im Schoß der Gāndhārī, o Herrscher.“

Wort für Wort
sa eṣa te suto rājan
dieser da [ist] dein Sohn, König (Nom.; Gen./Dat. Sg.; Nom.; Vok.)
loka-saṃhāra-kāraṇāt
um der Vernichtung der Welten willen (Abl. Sg., Kompositum)
kaler aṃśaḥ samutpannaḥ
Teil des Kali, entstanden (Gen. Sg.; Nom. Sg.; Part. Perf. Pass.)
gāndhāryā jaṭhare nṛpa
im Schoß der Gāndhārī, Herrscher (Gen. Sg.; Lok. Sg.; Vok.)

amarṣī capalaś cāpi krodhano duṣprasādhanaḥ; daivayogāt samutpannā bhrātaraś cāsya tādṛśāḥ

„Unduldsam und unbeständig, zornig und schwer zu lenken; durch Fügung des Schicksals entstanden, sind auch seine Brüder von gleicher Art.“

Wort für Wort
amarṣī capalaś ca api
unduldsam und unbeständig auch (Nom. Sg. m.; Nom.)
krodhano duṣprasādhanaḥ
zornig, schwer zu lenken (Nom. Sg. m.)
daiva-yogāt samutpannāḥ
durch Fügung des Schicksals entstanden (Abl. Sg.; Part. Nom. Pl. m.)
bhrātaraś ca asya tādṛśāḥ
und seine Brüder, von solcher Art (Nom. Pl.; Gen. Sg.; Nom. Pl.)

nārāyaṇaṃ namaskṛtya naraṃ caiva narottamam; devīṃ sarasvatīṃ vyāsaṃ tato jayam udīrayet

Nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat und vor Nara, dem Besten der Männer, und vor der Göttin Sarasvatī, soll man Vyāsa [ehren], dann das „Jaya“ vortragen.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
vor Nārāyaṇa verneigt (Akk.; Gerundium)
naraṃ ca eva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk. Sg.; Kompositum)
devīṃ sarasvatīṃ
die Göttin Sarasvatī (Akk. Sg. f.)
vyāsaṃ tato jayam
Vyāsa, dann das Jaya (Akk. Sg.; Adv.; Akk. Sg.)
udīrayet
soll man vortragen (Opt. 3.Sg. Kaus.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Eingangsverneigung, invocatio) an dieser Stelle; ‚Vyāsa‘ ist syntaktisch nur mit ergänztem Verb verständlich.

śakunir mātulaś caiva karṇaś ca paramaḥ sakhā; samutpannā vināśārthaṃ pṛthivyāṃ sahitā nṛpāḥ

„Śakuni, der Mutterbruder, und Karṇa als bester Freund: [sie alle] sind zur Vernichtung auf der Erde entstanden, zusammen mit [anderen] Königen.“

Wort für Wort
śakunir mātulaś ca
Śakuni, der Mutterbruder, und (Nom. Sg.; Nom. Sg.)
karṇaś ca paramaḥ sakhā
und Karṇa, bester Freund (Nom.; Nom. Sg. m.)
samutpannā vināśārtham
entstanden zur Vernichtung (Part. Nom. Pl. m.; Adv./Akk.)
pṛthivyāṃ sahitā nṛpāḥ
auf der Erde, vereint, die Könige (Lok. Sg.; Nom. Pl.)

yādṛśo jāyate rājā tādṛśo 'sya jano bhavet; adharmo dharmatāṃ yāti svāmī ced dhārmiko bhavet; svāmino guṇadoṣābhyāṃ bhṛtyāḥ syur nātra saṃśayaḥ; duṣṭaṃ rājānam āsādya gatās te tanayā nṛpa

„Wie der König geboren wird, so wird sein Volk sein. Das Unrecht wird zum Recht, wenn der Herr gerecht ist. Nach den Vorzügen und Fehlern des Herrn richten sich die Diener, daran ist kein Zweifel. An einen verdorbenen König geraten, sind diese deine Söhne [dahin]gegangen, Herrscher.“

Wort für Wort
yādṛśo jāyate rājā
wie geartet der König geboren wird (Nom.; Präs. Pass. 3.Sg.)
tādṛśo 'sya jano bhavet
so geartet sei sein Volk (Nom.; Gen.; Opt. 3.Sg.)
adharmo dharmatāṃ yāti
Unrecht geht in Rechtsein über (Nom.; Akk. Sg.; Präs. 3.Sg.)
svāmī ced dhārmiko bhavet
wenn der Herr gerecht ist (Nom.; Part.; Nom.; Opt.)
svāmino guṇadoṣābhyāṃ
nach des Herrn Vorzügen und Fehlern (Gen. Sg.; Instr. Du.)
bhṛtyāḥ syur na atra saṃśayaḥ
die Diener [richten sich], kein Zweifel hierin (Nom. Pl.; Opt. 3.Pl.; Nom.)
duṣṭaṃ rājānam āsādya
an einen verdorbenen König geraten (Akk.; Gerundium)
gatās te tanayā nṛpa
gegangen sind deine Söhne, Herrscher (Part. Nom. Pl.; Nom. Pl.; Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. ‚gatās‘ wohl im Sinn von ‚zugrunde gegangen‘, das Verb ist ergänzt; Satzbau des letzten Pādas locker.

etam arthaṃ mahābāho nārado veda tattvataḥ

„Diese Sache, Starkarmiger, kennt Nārada der Wahrheit gemäß.“

Wort für Wort
etam artham
diese Sache (Akk. Sg.)
mahābāho
Starkarmiger (Vok.)
nārado veda
Nārada weiß (Nom.; Perf. 3.Sg.)
tattvataḥ
der Wahrheit gemäß (Adv.)

ātmāparādhāt putrās te vinaṣṭāḥ pṛthivīpate; mā tāñ śocasva rājendra na hi śoke 'sti kāraṇam

„Durch eigene Schuld sind deine Söhne zugrunde gegangen, Herr der Erde. Betrauere sie nicht, Herrscher unter den Königen, denn zur Trauer gibt es keinen Grund.“

Wort für Wort
ātma-aparādhāt
durch eigene Verfehlung (Abl. Sg.)
putrās te vinaṣṭāḥ
deine Söhne sind zugrunde gegangen (Nom. Pl.; Gen./Dat.; Part. Nom. Pl.)
pṛthivīpate
Herr der Erde (Vok.)
mā tān śocasva rājendra
betrauere sie nicht, Herrscher (Prohib.; Akk. Pl.; Imp. 2.Sg.; Vok.)
na hi śoke 'sti kāraṇam
denn in der Trauer gibt es keinen Grund (Lok. Sg.; Präs. 3.Sg.; Nom.)

na hi te pāṇḍavāḥ svalpam aparādhyanti bhārata; putrās tava durātmāno yair iyaṃ ghātitā mahī

„Denn die Pāṇḍavas verfehlen sich nicht im Geringsten, Bhārata. Deine Söhne waren böswillig; durch sie ist diese Erde erschlagen worden.“

Wort für Wort
na hi te pāṇḍavāḥ
denn nicht diese Pāṇḍavas (Nom. Pl.)
svalpam aparādhyanti
auch nur ein wenig verfehlen sie sich (Adv.; Präs. 3.Pl.)
bhārata
Bhārata (Vok.)
putrās tava durātmānaḥ
deine Söhne, böswillig (Nom. Pl.; Gen.; Nom. Pl.)
yair iyaṃ ghātitā mahī
durch die diese Erde erschlagen wurde (Instr. Pl.; Nom. Sg. f.; Part. Kaus. Pass.; Nom.)

‚ghātitā mahī‘: wörtlich ‚die Erde ist zum Erschlagen gebracht (verwüstet) worden‘.

nāradena ca bhadraṃ te pūrvam eva na saṃśayaḥ; yudhiṣṭhirasya samitau rājasūye niveditam

„Und von Nārada ist, Heil dir, schon längst, ohne Zweifel, in der Versammlung des Yudhiṣṭhira beim Rājasūya [dies] verkündet worden.“

Wort für Wort
nāradena ca
und von Nārada (Instr.)
bhadraṃ te
Heil dir (Nom. n.; Dat.)
pūrvam eva na saṃśayaḥ
schon früher, kein Zweifel (Adv.; Nom.)
yudhiṣṭhirasya samitau
in der Versammlung des Yudhiṣṭhira (Gen.; Lok. Sg.)
rājasūye niveditam
beim Rājasūya verkündet (Lok.; Part. Nom. Sg. n.)

pāṇḍavāḥ kauravāś caiva samāsādya parasparam; na bhaviṣyanti kaunteya yat te kṛtyaṃ tad ācara

„‚Die Pāṇḍavas und die Kauravas, einander begegnet, werden nicht [mehr] sein, Kaunteya. Tu, was dir zu tun obliegt.‘“

Wort für Wort
pāṇḍavāḥ kauravāś ca eva
die Pāṇḍavas und die Kauravas (Nom. Pl.)
samāsādya parasparam
einander begegnet (Gerundium; Adv.)
na bhaviṣyanti kaunteya
werden nicht sein, Kaunteya (Fut. 3.Pl.; Vok.)
yat te kṛtyam
was dir zu tun ist (Rel.; Gen./Dat.; Gerundiv)
tad ācara
das vollziehe (Imp. 2.Sg.)

Die Rede Nāradas (Anführung, ohne ‚iti‘) ist Teil der Erzählung Vyāsas; ‚kaunteya‘ hier als Anrede an Yudhiṣṭhira zu verstehen.

nāradasya vacaḥ śrutvā tadāśocanta pāṇḍavāḥ; etat te sarvam ākhyātaṃ devaguhyaṃ sanātanam

„Als sie Nāradas Wort gehört hatten, trauerten die Pāṇḍavas damals nicht. Dies alles ist dir erzählt worden, das ewige Göttergeheimnis.“

Wort für Wort
nāradasya vacaḥ śrutvā
Nāradas Wort gehört habend (Gen.; Akk.; Gerundium)
tadā aśocanta
damals trauerten nicht (Adv.; Impf. 3.Pl. Med. mit a-)
pāṇḍavāḥ
die Pāṇḍavas (Nom. Pl.)
etat te sarvam ākhyātam
dies alles dir erzählt (Nom. n.; Dat.; Part. Nom. Sg. n.)
deva-guhyaṃ sanātanam
Göttergeheimnis, ewiges (Nom. Sg. n.; Nom. Sg. n.)

Lesung ‚tadāśocanta‘ als tadā + aśocanta (‚sie trauerten nicht‘); die Alternative tadā śocanta (‚sie trauerten‘) passt nicht zum Zusammenhang.

kathaṃ te śokanāśaḥ syāt prāṇeṣu ca dayā prabho; snehaś ca pāṇḍuputreṣu jñātvā daivakṛtaṃ vidhim

„Wie könnte dein Kummer vergehen, Herr, [wie] Mitgefühl mit dem [eigenen] Leben und Zuneigung zu den Söhnen Pāṇḍus [entstehen], wenn du die vom Schicksal gewirkte Fügung erkannt hast?“

Wort für Wort
katham te śoka-nāśaḥ syāt
wie möge dir der Untergang der Trauer sein (Adv.; Dat./Gen.; Nom.; Opt. 3.Sg.)
prāṇeṣu ca dayā prabho
und Mitgefühl mit den Lebenshauchen (Lok. Pl.; Nom.; Vok.)
snehaś ca pāṇḍuputreṣu
und Zuneigung zu den Söhnen Pāṇḍus (Nom.; Lok. Pl.)
jñātvā daiva-kṛtaṃ vidhim
erkannt habend die vom Schicksal gemachte Fügung (Gerundium; Akk. Sg.)

Der Vers ist knapp; ‚syāt‘ ist auf alle drei Subjekte zu beziehen (‚Kummerende, Mitgefühl, Zuneigung‘), das Verständnis ist teils ergänzt.

eṣa cārtho mahābāho pūrvam eva mayā śrutaḥ; kathito dharmarājasya rājasūye kratūttame

„Und diese Sache, Starkarmiger, habe ich schon früher gehört; sie wurde dem Dharmakönig beim Rājasūya, dem besten der Opfer, erzählt.“

Wort für Wort
eṣa ca arthaḥ mahābāho
und diese Sache, Starkarmiger (Nom.; Vok.)
pūrvam eva mayā śrutaḥ
schon früher von mir gehört (Adv.; Instr.; Part. Nom.)
kathito dharmarājasya
erzählt dem Dharmakönig (Part. Nom.; Gen./Dat.)
rājasūye kratūttame
beim Rājasūya, dem besten der Opfer (Lok.; Lok. Sg.)

yatitaṃ dharmaputreṇa mayā guhye nivedite; avigrahe kauravāṇāṃ daivaṃ tu balavattaram

„Als das Geheimnis von mir eröffnet worden war, bemühte sich der Sohn des Dharma [um] Friedlichkeit unter den Kauravas; das Schicksal aber ist mächtiger.“

Wort für Wort
yatitaṃ dharmaputreṇa
es wurde vom Dharmasohn versucht (Part. Nom. n. unpers.; Instr.)
mayā guhye nivedite
als von mir das Geheimnis verkündet war (Instr.; Lok. abs.)
avigrahe kauravāṇām
in Nichtstreit der Kauravas (Lok.; Gen. Pl.)
daivaṃ tu
das Schicksal aber (Nom. n.; Part.)
balavattaram
mächtiger (Nom. Sg. n. Komp.)

‚avigrahe‘ als Zielangabe (‚für Friedlichkeit‘) verstanden.

anatikramaṇīyo hi vidhī rājan kathaṃ cana; kṛtāntasya hi bhūtena sthāvareṇa trasena ca

„Denn die Fügung ist auf keine Weise zu überschreiten, König; [das gilt] für das Geschöpf des Endmachers [Todes], sei es Unbewegliches oder Bewegliches.“

Wort für Wort
anatikramaṇīyo hi vidhiḥ
denn unüberschreitbar die Fügung (Nom. m.; Part.; Nom.)
rājan kathaṃ cana
König, in keiner Weise (Vok.; Adv.)
kṛtāntasya hi bhūtena
denn für das Wesen des Endmachers/Todes (Gen. Sg.; Instr. Sg.)
sthāvareṇa trasena ca
ob Unbewegliches oder Bewegliches (Instr.; Instr.)

‚vidhī‘ des Drucktexts als vidhiḥ verstanden. Der Instrumental ‚bhūtena…‘ ist als ‚seitens eines jeden Wesens‘ (Handlungsträger des Gerundivs) gemeint: ‚von keinem Wesen … überschreitbar‘.

bhavān karmaparo yatra buddhiśreṣṭhaś ca bhārata; muhyate prāṇināṃ jñātvā gatiṃ cāgatim eva ca

„Wo du, dem Tun ergeben und an Einsicht der Beste, Bhārata, [dennoch] verwirrt wirst, obwohl du Gang und Wiederkehr der Lebewesen kennst.“

Wort für Wort
bhavān karma-paro yatra
du, dem Tun ergeben, wo (Nom.; Nom.; Adv.)
buddhi-śreṣṭhaś ca bhārata
und an Einsicht der Beste, Bhārata (Nom.; Vok.)
muhyate
wird verwirrt (Präs. Pass./Med. 3.Sg.)
prāṇināṃ jñātvā
der Lebewesen [Gehen] kennend (Gen. Pl.; Gerundium)
gatiṃ ca āgatim eva ca
Gang und Wiederkehr (Akk.; Akk.)

Syntax schwierig: ‚muhyate‘ mit 2.-Person-Subjekt ‚bhavān‘ (3.Sg. der Höflichkeit); Sinn: du bist verwirrt, obwohl du es besser weißt [?].

tvāṃ tu śokena saṃtaptaṃ muhyamānaṃ muhur muhuḥ; jñātvā yudhiṣṭhiro rājā prāṇān api parityajet

„Dich aber, von Kummer gequält und immer wieder verwirrt, erkennend, könnte König Yudhiṣṭhira sogar sein Leben aufgeben.“

Wort für Wort
tvāṃ tu śokena saṃtaptam
dich aber, vom Kummer gequält (Akk.; Part.; Instr.; Part. Akk.)
muhyamānaṃ muhur muhuḥ
verwirrt werdend, immer wieder (Part. Akk.; Adv.)
jñātvā yudhiṣṭhiro rājā
erkannt habend, König Yudhiṣṭhira (Gerundium; Nom.; Nom.)
prāṇān api parityajet
sogar die Lebensatem könnte er aufgeben (Akk. Pl.; Part.; Opt. 3.Sg.)

kṛpālur nityaśo vīras tiryagyonigateṣv api; sa kathaṃ tvayi rājendra kṛpāṃ vai na kariṣyati

„Er ist stets mitleidig und tapfer, sogar gegenüber den in tierischen Schoß Geratenen; wie sollte er dir gegenüber, Herrscher unter den Königen, kein Mitleid haben?“

Wort für Wort
kṛpālur nityaśaḥ vīraḥ
mitleidig, stets, tapfer (Nom. Sg. m.; Adv.; Nom.)
tiryag-yoni-gateṣu api
selbst bei in tierischen Schoß Gegangenen (Lok. Pl.; Part.)
sa katham tvayi rājendra
er, wie, bei dir, Herrscher (Nom.; Adv.; Lok.; Vok.)
kṛpāṃ vai na kariṣyati
Mitleid wahrlich nicht üben (Akk. Sg.; Part.; Fut. 3.Sg.)

mama caiva niyogena vidheś cāpy anivartanāt; pāṇḍavānāṃ ca kāruṇyāt prāṇān dhāraya bhārata

„Und auf meinen Befehl hin, weil das Schicksal nicht umkehrbar ist, und aus Erbarmen mit den Pāṇḍavas: erhalte dein Leben, Bhārata.“

Wort für Wort
mama ca eva niyogena
und auf meine Weisung (Gen.; Instr. Sg.)
vidheḥ ca api anivartanāt
und weil das Schicksal nicht umkehrbar ist (Gen.; Abl. Sg.)
pāṇḍavānāṃ ca kāruṇyāt
und aus Erbarmen mit den Pāṇḍavas (Gen. Pl.; Abl. Sg.)
prāṇān dhāraya bhārata
halte die Lebensatem aufrecht, Bhārata (Akk. Pl.; Imp. 2.Sg.; Vok.)

evaṃ te vartamānasya loke kīrtir bhaviṣyati; dharmaś ca sumahāṃs tāta taptaṃ syāc ca tapaś cirāt

„Wenn du so handelst, wird dir in der Welt Ruhm zuteilwerden und sehr großes Recht, mein Lieber, und lange geübte Askese wäre [deine].“

Wort für Wort
evaṃ te vartamānasya
wenn du so lebst (Adv.; Gen.; Part. Gen.)
loke kīrtir bhaviṣyati
in der Welt wird Ruhm sein (Lok.; Nom.; Fut. 3.Sg.)
dharmaś ca sumahān tāta
und sehr großes Recht, Lieber (Nom.; Nom. m.; Vok.)
taptaṃ syāc ca tapaś cirāt
und Askese wäre geübt seit langem (Part. Nom. n.; Opt.; Nom.; Abl.-Adv.)

‚taptaṃ syāt tapaḥ cirāt‘: wörtlich ‚Askese wäre lange [Zeit] geübt‘; ‚cirāt‘ als Zeitangabe verstanden.

putraśokasamutpannaṃ hutāśaṃ jvalitaṃ yathā; prajñāmbhasā mahārāja nirvāpaya sadā sadā

„Das aus Sohnestrauer entstandene, wie lodernde Feuer lösche stets, Großkönig, mit dem Wasser der Einsicht, immer wieder.“

Wort für Wort
putra-śoka-samutpannaṃ
aus Trauer um die Söhne entstanden (Part. Akk. Sg. m.)
hutāśaṃ jvalitaṃ yathā
Feuer, lodernd, wie (Akk.; Part. Akk.; Part.)
prajñā-ambhasā
mit dem Wasser der Einsicht (Instr. Sg.)
mahārāja
Großkönig (Vok.)
nirvāpaya sadā sadā
lösche, stets (Imp. 2.Sg. Kaus.; Adv.)

etac chrutvā tu vacanaṃ vyāsasyāmitatejasaḥ; muhūrtaṃ samanudhyāya dhṛtarāṣṭro 'bhyabhāṣata

Als Dhṛtarāṣṭra diese Worte des Vyāsa von unermesslicher Glut gehört hatte, sann er einen Augenblick nach und sprach dann.

Wort für Wort
etat śrutvā tu vacanam
dies gehört habend, das Wort (Akk.; Gerundium; Part.; Akk.)
vyāsasya amita-tejasaḥ
des Vyāsa von unermesslichem Glanz (Gen.)
muhūrtaṃ samanudhyāya
einen Augenblick nachgesonnen habend (Akk.; Gerundium)
dhṛtarāṣṭro 'bhyabhāṣata
Dhṛtarāṣṭra sprach an (Nom.; Impf. 3.Sg. Med.)

mahatā śokajālena praṇunno 'smi dvijottama; nātmānam avabudhyāmi muhyamāno muhur muhuḥ

„Von einem großen Netz der Trauer bin ich getrieben, bester der Zweimalgeborenen; ich erkenne mich selbst nicht [mehr], immer wieder verwirrt.“

Wort für Wort
mahatā śoka-jālena
von großem Netz der Trauer (Instr. Sg.)
praṇunno 'smi
bin getrieben (Part. Nom.; Präs. 1.Sg.)
dvijottama
bester der Zweimalgeborenen (Vok.)
na ātmānam avabudhyāmi
nicht mich selbst erkenne ich (Akk. Sg.; Präs. 1.Sg.)
muhyamāno muhur muhuḥ
verwirrt, immer wieder (Part. Nom.; Adv.)

idaṃ tu vacanaṃ śrutvā tava daivaniyogajam; dhārayiṣyāmy ahaṃ prāṇān yatiṣye ca naśocitum

„Nachdem ich aber dieses dein Wort gehört habe, das aus dem Auftrag des Schicksals entspringt, werde ich mein Leben erhalten und mich bemühen, nicht zu trauern.“

Wort für Wort
idaṃ tu vacanaṃ śrutvā
dies aber Wort gehört habend (Akk.; Gerundium)
tava daiva-niyoga-jam
dein, aus dem Auftrag des Schicksals geboren (Gen.; Akk. Sg. n.)
dhārayiṣyāmy ahaṃ prāṇān
erhalten werde ich die Lebensatem (Fut. 1.Sg.; Nom.; Akk. Pl.)
yatiṣye ca na śocitum
und werde mich bemühen, nicht zu trauern (Fut. 1.Sg. Med.; Inf.)

etac chrutvā tu vacanaṃ vyāsaḥ satyavatīsutaḥ; dhṛtarāṣṭrasya rājendra tatraivāntaradhīyata

Als Vyāsa, der Sohn der Satyavatī, dies Wort des Dhṛtarāṣṭra gehört hatte, o König der Könige, entschwand er auf der Stelle.

Wort für Wort
etat śrutvā tu vacanam
dies gehört habend, das Wort (Gerundium; Akk.)
vyāsaḥ satyavatī-sutaḥ
Vyāsa, der Satyavatī-Sohn (Nom.; Nom.)
dhṛtarāṣṭrasya rājendra
des Dhṛtarāṣṭra, Herr der Könige (Gen.; Vok.)
tatra eva antaradhīyata
eben dort verschwand (Adv.; Impf. 3.Sg. Pass./Med.)

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