Kapitel 8: dhṛtarāṣṭrasāntvanam
Vyāsa tröstet den trauernden Dhṛtarāṣṭra: Götterratschluss, Bürde der Erde und Duryodhanas Ursprung
Nach Viduras Trostrede bricht Dhṛtarāṣṭra zusammen und klagt; Vyāsa verweist auf die Unabwendbarkeit des Schicksals, berichtet von der Götterversammlung, in der die Erde um Entlastung bat, und mahnt den König, um der Pāṇḍavas willen am Leben zu bleiben. Dhṛtarāṣṭra fasst zuletzt den Entschluss, sein Leben zu halten.
paspṛśuś ca karair gātraṃ vījamānāś ca yatnataḥ; anvāsan suciraṃ kālaṃ dhṛtarāṣṭraṃ tathāgatam
und berührten seine Glieder mit den Händen und fächelten ihm eifrig Luft zu; sie warteten sehr lange Zeit bei Dhṛtarāṣṭra, der in solchen Zustand geraten war.
Wort für Wort
paspṛśuś ca karair gātram
und sie berührten mit den Händen den Körper (Perf. 3.Pl./Instr.Pl./Akk.)
vījamānāś ca yatnataḥ
und fächelnd mit Eifer (Part.Med./Abl. adv.)
anvāsan suciraṃ kālam
sie warteten [bei ihm] sehr lange Zeit (Impf. 3.Pl./Akk.)
dhṛtarāṣṭraṃ tathāgatam
Dhṛtarāṣṭra, der so [in solchen Zustand] geraten war (Akk.Sg.)
putranāśe 'rthanāśe ca jñātisaṃbandhinām api; prāpyate sumahad duḥkhaṃ viṣāgnipratimaṃ vibho
Beim Verlust des Sohnes und beim Verlust des Besitzes, auch bei [dem] von Verwandten und Angeheirateten, wird sehr großes Leid erfahren, dem Gift und Feuer gleich, o Herr,
Wort für Wort
putranāśe 'rthanāśe ca
beim Verlust des Sohnes und des Besitzes (Lok.Sg.)
jñātisaṃbandhinām api
auch von Verwandten und Angeheirateten (Gen.Pl.)
prāpyate sumahad duḥkham
wird erlangt/erfahren sehr großes Leid (Pass. 3.Sg./Nom.)
viṣāgnipratimaṃ vibho
Gift und Feuer gleich, o Herr (Akk./Nom. n., Vok.)
Ein Ende davon finde ich nicht, außer durch das Fortgehen des Lebenshauchs.
Wort für Wort
tasyāntaṃ
davon das Ende (Gen./Akk.)
nādhigacchāmi
finde ich nicht (Präs. 1.Sg.)
ṛte
außer, ohne (Präp. m. Abl.)
prāṇaviparyayāt
durch den Umschwung/das Schwinden der Lebenshauche (Abl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
ity uktvā tu mahātmānaṃ pitaraṃ brahmavittamam; dhṛtarāṣṭro 'bhavan mūḍhaḥ śokaṃ ca paramaṃ gataḥ; abhūc ca tūṣṇīṃ rājāsau dhyāyamāno mahīpate
So sprach Dhṛtarāṣṭra zu seinem Vater, dem großen Geist, dem besten Kenner des Brahman, und wurde bestürzt und in höchsten Kummer versetzt; und still wurde dieser König, o Herr der Erde, in Nachdenken versunken.
Wort für Wort
ity uktvā tu mahātmānaṃ pitaraṃ brahmavittamam
so gesagt habend zum Vater, dem Hochgesinnten, dem besten Brahmankenner (Abs./Akk.)
dhṛtarāṣṭro 'bhavan mūḍhaḥ
Dhṛtarāṣṭra wurde bestürzt (Impf. 3.Sg./Nom.)
śokaṃ ca paramaṃ gataḥ
und in höchsten Kummer geraten (Part./Akk.)
abhūc ca tūṣṇīṃ rājāsau
und still wurde dieser König (Aor. 3.Sg./Adv./Nom.)
na te 'sty aviditaṃ kiṃ cid veditavyaṃ paraṃtapa; anityatāṃ hi martyānāṃ vijānāsi na saṃśayaḥ
Nichts gibt es für dich, was unbekannt wäre, [nichts] Wissenswertes, o Bezwinger der Feinde; die Vergänglichkeit der Sterblichen kennst du ohne Zweifel.
Wort für Wort
na te 'sty aviditaṃ kiṃ cid
nicht ist dir irgendetwas unbekannt (Präs. 3.Sg./Part.)
veditavyaṃ paraṃtapa
Wissenswertes, o Feindbezwinger (Gerundiv/Vok.)
anityatāṃ hi martyānām
die Vergänglichkeit der Sterblichen (Akk./Gen.Pl.)
Vor deinen Augen, o Herr der Könige, ist der Ursprung dieser Feindschaft entstanden: Deinen Sohn zum Anlass nehmend, wurde sie durch das Wirken der Zeit herbeigeführt.
Wort für Wort
pratyakṣaṃ tava rājendra
vor deinen Augen, o Königsherr (Adv./Gen./Vok.)
vairasyāsya samudbhavaḥ
der Ursprung dieser Feindschaft (Gen./Nom.Sg.)
putraṃ te kāraṇaṃ kṛtvā
deinen Sohn zum Anlass machend (Akk./Abs.)
kālayogena kāritaḥ
durch die Fügung der Zeit bewirkt (Instr./Part.Kaus.)
devatānāṃ hi yat kāryaṃ mayā pratyakṣataḥ śrutam; tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi kathaṃ sthairyaṃ bhavet tava
Was aber die Götter als Aufgabe hatten, das habe ich mit eigenen Augen gehört; das will ich dir vollständig berichten, damit Festigkeit in dir entstehe.
Wort für Wort
devatānāṃ hi yat kāryam
denn was die Aufgabe der Götter [war] (Gen.Pl./Nom.)
mayā pratyakṣataḥ śrutam
von mir mit eigenen Augen/unmittelbar gehört (Instr./Adv./Part.)
purāhaṃ tvarito yātaḥ sabhām aindrīṃ jitaklamaḥ; apaśyaṃ tatra ca tadā samavetān divaukasaḥ; nāradapramukhāṃś cāpi sarvān devaṛṣīṃs tathā
Einst ging ich eilig, von Ermüdung befreit, zur Halle Indras; dort sah ich damals die versammelten Himmelsbewohner und auch Nārada an ihrer Spitze und ebenso alle göttlichen Weisen.
Da trat die Trägerin zu den versammelten Göttern und sprach: „Was ihr mir damals in Brahmans Halle zugesagt habt, ihr Hochbeglückten, das möge nun rasch ins Werk gesetzt werden.“
Wort für Wort
upagamya tadā dhātrī
nachdem sie herangetreten, damals die Trägerin (Abs./Nom.f.)
devān āha samāgatān
sprach zu den versammelten Göttern (Perf. 3.Sg./Akk.)
yat kāryaṃ mama yuṣmābhiḥ
was für mich zu tun [ist], von euch (Nom./Instr.)
brahmaṇaḥ sadane tadā pratijñātam
damals in Brahmans Wohnsitz versprochen (Gen./Lok./Part.)
dhṛtarāṣṭrasya putrāṇāṃ yas tu jyeṣṭhaḥ śatasya vai; duryodhana iti khyātaḥ sa te kāryaṃ kariṣyati; taṃ ca prāpya mahīpālaṃ kṛtakṛtyā bhaviṣyasi
„Der Älteste unter den hundert Söhnen des Dhṛtarāṣṭra, der als Duryodhana bekannt ist, der wird dir deine Aufgabe erfüllen; und hast du ihn, den Erdenherrscher, erlangt, wirst du am Ziel deines Wunsches sein.“
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭrasya putrāṇāṃ
unter den Söhnen des Dhṛtarāṣṭra (Gen.)
yas tu jyeṣṭhaḥ śatasya vai
der älteste der hundert (Nom./Gen.)
duryodhana iti khyātaḥ
als Duryodhana bekannt (Part.)
sa te kāryaṃ kariṣyati
der wird dir die Aufgabe erfüllen (Fut. 3.Sg.)
taṃ ca prāpya mahīpālam
und nachdem du ihn, den Erdschützer, erlangt hast (Abs./Akk.)
Nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat und vor Nara, dem Besten der Männer, und vor der Göttin Sarasvatī, soll man Vyāsa [ehren], dann das „Jaya“ vortragen.
Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
vor Nārāyaṇa verneigt (Akk.; Gerundium)
naraṃ ca eva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk. Sg.; Kompositum)
devīṃ sarasvatīṃ
die Göttin Sarasvatī (Akk. Sg. f.)
vyāsaṃ tato jayam
Vyāsa, dann das Jaya (Akk. Sg.; Adv.; Akk. Sg.)
udīrayet
soll man vortragen (Opt. 3.Sg. Kaus.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Eingangsverneigung, invocatio) an dieser Stelle; ‚Vyāsa‘ ist syntaktisch nur mit ergänztem Verb verständlich.
„Wie der König geboren wird, so wird sein Volk sein. Das Unrecht wird zum Recht, wenn der Herr gerecht ist. Nach den Vorzügen und Fehlern des Herrn richten sich die Diener, daran ist kein Zweifel. An einen verdorbenen König geraten, sind diese deine Söhne [dahin]gegangen, Herrscher.“
Wort für Wort
yādṛśo jāyate rājā
wie geartet der König geboren wird (Nom.; Präs. Pass. 3.Sg.)
tādṛśo 'sya jano bhavet
so geartet sei sein Volk (Nom.; Gen.; Opt. 3.Sg.)
adharmo dharmatāṃ yāti
Unrecht geht in Rechtsein über (Nom.; Akk. Sg.; Präs. 3.Sg.)
svāmī ced dhārmiko bhavet
wenn der Herr gerecht ist (Nom.; Part.; Nom.; Opt.)
svāmino guṇadoṣābhyāṃ
nach des Herrn Vorzügen und Fehlern (Gen. Sg.; Instr. Du.)
bhṛtyāḥ syur na atra saṃśayaḥ
die Diener [richten sich], kein Zweifel hierin (Nom. Pl.; Opt. 3.Pl.; Nom.)
duṣṭaṃ rājānam āsādya
an einen verdorbenen König geraten (Akk.; Gerundium)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. ‚gatās‘ wohl im Sinn von ‚zugrunde gegangen‘, das Verb ist ergänzt; Satzbau des letzten Pādas locker.
ātmāparādhāt putrās te vinaṣṭāḥ pṛthivīpate; mā tāñ śocasva rājendra na hi śoke 'sti kāraṇam
„Durch eigene Schuld sind deine Söhne zugrunde gegangen, Herr der Erde. Betrauere sie nicht, Herrscher unter den Königen, denn zur Trauer gibt es keinen Grund.“
kathaṃ te śokanāśaḥ syāt prāṇeṣu ca dayā prabho; snehaś ca pāṇḍuputreṣu jñātvā daivakṛtaṃ vidhim
„Wie könnte dein Kummer vergehen, Herr, [wie] Mitgefühl mit dem [eigenen] Leben und Zuneigung zu den Söhnen Pāṇḍus [entstehen], wenn du die vom Schicksal gewirkte Fügung erkannt hast?“
Wort für Wort
katham te śoka-nāśaḥ syāt
wie möge dir der Untergang der Trauer sein (Adv.; Dat./Gen.; Nom.; Opt. 3.Sg.)
prāṇeṣu ca dayā prabho
und Mitgefühl mit den Lebenshauchen (Lok. Pl.; Nom.; Vok.)
snehaś ca pāṇḍuputreṣu
und Zuneigung zu den Söhnen Pāṇḍus (Nom.; Lok. Pl.)
jñātvā daiva-kṛtaṃ vidhim
erkannt habend die vom Schicksal gemachte Fügung (Gerundium; Akk. Sg.)
Der Vers ist knapp; ‚syāt‘ ist auf alle drei Subjekte zu beziehen (‚Kummerende, Mitgefühl, Zuneigung‘), das Verständnis ist teils ergänzt.
yatitaṃ dharmaputreṇa mayā guhye nivedite; avigrahe kauravāṇāṃ daivaṃ tu balavattaram
„Als das Geheimnis von mir eröffnet worden war, bemühte sich der Sohn des Dharma [um] Friedlichkeit unter den Kauravas; das Schicksal aber ist mächtiger.“
Wort für Wort
yatitaṃ dharmaputreṇa
es wurde vom Dharmasohn versucht (Part. Nom. n. unpers.; Instr.)
mayā guhye nivedite
als von mir das Geheimnis verkündet war (Instr.; Lok. abs.)
avigrahe kauravāṇām
in Nichtstreit der Kauravas (Lok.; Gen. Pl.)
daivaṃ tu
das Schicksal aber (Nom. n.; Part.)
balavattaram
mächtiger (Nom. Sg. n. Komp.)
‚avigrahe‘ als Zielangabe (‚für Friedlichkeit‘) verstanden.
anatikramaṇīyo hi vidhī rājan kathaṃ cana; kṛtāntasya hi bhūtena sthāvareṇa trasena ca
„Denn die Fügung ist auf keine Weise zu überschreiten, König; [das gilt] für das Geschöpf des Endmachers [Todes], sei es Unbewegliches oder Bewegliches.“
Wort für Wort
anatikramaṇīyo hi vidhiḥ
denn unüberschreitbar die Fügung (Nom. m.; Part.; Nom.)
rājan kathaṃ cana
König, in keiner Weise (Vok.; Adv.)
kṛtāntasya hi bhūtena
denn für das Wesen des Endmachers/Todes (Gen. Sg.; Instr. Sg.)
sthāvareṇa trasena ca
ob Unbewegliches oder Bewegliches (Instr.; Instr.)
‚vidhī‘ des Drucktexts als vidhiḥ verstanden. Der Instrumental ‚bhūtena…‘ ist als ‚seitens eines jeden Wesens‘ (Handlungsträger des Gerundivs) gemeint: ‚von keinem Wesen … überschreitbar‘.
kṛpālur nityaśo vīras tiryagyonigateṣv api; sa kathaṃ tvayi rājendra kṛpāṃ vai na kariṣyati
„Er ist stets mitleidig und tapfer, sogar gegenüber den in tierischen Schoß Geratenen; wie sollte er dir gegenüber, Herrscher unter den Königen, kein Mitleid haben?“
Wort für Wort
kṛpālur nityaśaḥ vīraḥ
mitleidig, stets, tapfer (Nom. Sg. m.; Adv.; Nom.)
tiryag-yoni-gateṣu api
selbst bei in tierischen Schoß Gegangenen (Lok. Pl.; Part.)
sa katham tvayi rājendra
er, wie, bei dir, Herrscher (Nom.; Adv.; Lok.; Vok.)
kṛpāṃ vai na kariṣyati
Mitleid wahrlich nicht üben (Akk. Sg.; Part.; Fut. 3.Sg.)
idaṃ tu vacanaṃ śrutvā tava daivaniyogajam; dhārayiṣyāmy ahaṃ prāṇān yatiṣye ca naśocitum
„Nachdem ich aber dieses dein Wort gehört habe, das aus dem Auftrag des Schicksals entspringt, werde ich mein Leben erhalten und mich bemühen, nicht zu trauern.“
Wort für Wort
idaṃ tu vacanaṃ śrutvā
dies aber Wort gehört habend (Akk.; Gerundium)
tava daiva-niyoga-jam
dein, aus dem Auftrag des Schicksals geboren (Gen.; Akk. Sg. n.)
dhārayiṣyāmy ahaṃ prāṇān
erhalten werde ich die Lebensatem (Fut. 1.Sg.; Nom.; Akk. Pl.)
yatiṣye ca na śocitum
und werde mich bemühen, nicht zu trauern (Fut. 1.Sg. Med.; Inf.)