Kapitel 3: karmavipāka-dehānityatā
Viduras Lehre von der Vergänglichkeit der Körper und der Macht des Handelns
Fortsetzung von Viduras Trostrede an Dhṛtarāṣṭra: Der Körper gleicht einem Haus, Gewand oder Tongefäß, das jederzeit zerbrechen kann; jeder trägt die Frucht eigener früherer Taten, und nur der Weise gelangt über den Saṃsāra hinaus.
dhṛtarāṣṭra uvāca; subhāṣitair mahāprājña śoko 'yaṃ vigato mama; bhuya eva tu vākyāni śrotum icchāmi tattvataḥ
Dhṛtarāṣṭra sprach: „Durch deine wohlgesprochenen Worte, du großer Weiser, ist dieser mein Kummer gewichen; doch noch weitere Worte will ich der Wahrheit gemäß hören.“
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Perf. 3.Sg.)
subhāṣitair mahāprājña
durch wohlgesprochene Worte, o großer Weiser (Instr.Pl. / Vok.)
śoko 'yaṃ vigato mama
dieser Kummer ist gewichen, mein (Nom.Sg. / PPP / Gen.)
bhūya eva tu vākyāni
doch noch weitere Worte (Adv. / Akk.Pl.)
śrotum icchāmi tattvataḥ
zu hören wünsche ich, der Wahrheit gemäß (Inf. / 1.Sg.Präs. / Adv.)
Im Text „bhuya“ statt bhūya (Druckfehler der Vorlage).
Vidura sprach: „Von welchem Leid oder auch Glück der Geist sich jeweils löst, von dort her Ruhe gewonnen habend, findet der Verständige einen guten Weg.“
Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (Perf. 3.Sg.)
yato yato mano duḥkhāt
von wo auch immer der Geist, vom Leid (Abl. / Nom.Sg.n. / Abl.)
sukhād vāpi pramucyate
oder auch vom Glück sich löst (Abl. / 3.Sg.Pass./Med.Präs.)
tatas tataḥ śamaṃ labdhvā
von dort jeweils Ruhe erlangt habend (Adv. / Akk.Sg. / Abs.)
sugatiṃ vindate budhaḥ
einen guten Weg/gutes Ziel findet der Verständige (Akk.Sg. / 3.Sg.Präs. / Nom.Sg.)
aśāśvatam idaṃ sarvaṃ cintyamānaṃ nararṣabha; kadalīsaṃnibho lokaḥ sāro hy asya na vidyate
Unbeständig ist dies alles, wenn man es bedenkt, Stier unter den Männern; der Welt gleicht einem Bananenstamm, denn ein Kern ist in ihr nicht zu finden.
Wort für Wort
aśāśvatam idaṃ sarvaṃ
unbeständig ist dies alles (Nom.Sg.n.)
cintyamānaṃ nararṣabha
bedacht/betrachtet (Part.Pass.Präs.), Stier unter den Männern (Vok.)
kadalīsaṃnibho lokaḥ
einem Bananenstamm gleich die Welt (Nom.Sg.m. / Kompositum)
sāro hy asya na vidyate
denn ein Kern ist an ihr nicht vorhanden (Nom.Sg. / Gen.Sg. / 3.Sg.Pass.Präs.)
yadā prājñāś ca mūḍhāś ca dhanavanto 'tha nirdhanāḥ; sarve pitṛvaśaṃ prāpya svapanti vigatajvarāḥ; nirmāṃsair asthibhūyiṣṭhair gātraiḥ snāyunibandhanaiḥ; kiṃ viśeṣaṃ prapaśyanti tatra teṣāṃ pare janāḥ; yena pratyavagaccheyuḥ kularūpaviśeṣaṇam; kasmād anyonyam icchanti vipralabdhadhiyo narāḥ
Wenn Weise und Toren, Reiche und Besitzlose, alle in die Gewalt der Väter gelangt sind, schlafen sie fieberfrei. Welchen Unterschied sehen dort die anderen Menschen an ihren Gliedern, die fleischlos sind, großenteils aus Knochen bestehen und von Sehnen zusammengehalten werden, wodurch sie einen Unterschied nach Familie und Gestalt erkennen könnten? Warum begehren einander die Menschen, deren Verstand getäuscht ist?
Wort für Wort
yadā prājñāś ca mūḍhāś ca
wenn Weise und Toren (Konj. / Nom.Pl.)
dhanavanto 'tha nirdhanāḥ
Reiche und Besitzlose (Nom.Pl. / Nom.Pl.)
sarve pitṛvaśaṃ prāpya
alle in die Gewalt der Väter gelangt (Nom.Pl. / Abs.)
mit fleischlosen, großenteils knöchernen, sehnengebundenen Gliedern (Instr.Pl.)
kiṃ viśeṣaṃ prapaśyanti tatra teṣāṃ pare janāḥ
welchen Unterschied sehen dort an ihnen die anderen Leute (Akk.Sg. / 3.Pl.Präs. / Gen.Pl. / Nom.Pl.)
yena pratyavagaccheyuḥ kularūpaviśeṣaṇam
wodurch sie erkennen könnten die Unterscheidung nach Familie und Gestalt (Instr. / 3.Pl.Opt. / Akk.Sg.)
kasmād anyonyam icchanti vipralabdhadhiyo narāḥ
warum begehren einander die Menschen mit getäuschtem Verstand (Abl. / Akk. / 3.Pl.Präs. / Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. „pitṛvaśa“ wörtlich „Gewalt der Väter/Ahnen“; genauer Sinn unsicher (Tod/Totenreich).
gṛhāṇy eva hi martyānām āhur dehāni paṇḍitāḥ; kālena viniyujyante sattvam ekaṃ tu śobhanam
Die Weisen nennen die Körper der Sterblichen Häuser; sie werden von der Zeit [ihrer Bestimmung] zugeführt [?]; nur das Wesen [sattva] allein ist schön.
Wort für Wort
gṛhāṇy eva hi martyānām
Häuser fürwahr der Sterblichen (Nom.Pl.n. / Gen.Pl.)
āhur dehāni paṇḍitāḥ
nennen die Körper die Gelehrten (3.Pl.Perf. / Akk.Pl. / Nom.Pl.)
kālena viniyujyante
von der Zeit werden sie eingesetzt/zugeteilt (Instr. / 3.Pl.Pass.Präs.)
sattvam ekaṃ tu śobhanam
das Wesen aber allein ist schön (Nom.Sg.n. / Nom.Sg.)
„viniyujyante“ (eingesetzt/zugeteilt/verwendet) und „sattvam“ (Wesen, Seele, Gutheit) sind vieldeutig.
oder wenn es aus dem Brennofen herabgenommen wird, oder herausgehoben ist, Bhārata, oder wenn es schon gebraucht wird: so [geht es] den Körpern der Verkörperten.
Wort für Wort
avatāryamāṇam āpākāt
herabgenommen werdend aus dem Brennofen (Part.Pass.Kaus. / Abl.)
uddhṛtaṃ vāpi bhārata
oder auch herausgehoben, Bhārata (PPP / Vok.)
atha vā paribhujyantam
oder gebraucht/benutzt werdend (Part.Pass.Präs.)
evaṃ dehāḥ śarīriṇām
so die Körper der Verkörperten (Adv. / Nom.Pl. / Gen.Pl.)
ye tu prājñāḥ sthitāḥ satye saṃsārāntagaveṣiṇaḥ; samāgamajñā bhūtānāṃ te yānti paramāṃ gatim
Die aber, die weise sind, in der Wahrheit gegründet, das Ende des Saṃsāra suchen und das Zusammentreffen der Wesen [in seinem Wesen] kennen, gehen zum höchsten Ziel.
Wort für Wort
ye tu prājñāḥ sthitāḥ satye
die aber Weisen, gegründet in der Wahrheit (Nom.Pl. / PPP / Lok.Sg.)
saṃsārāntagaveṣiṇaḥ
das Ende des Saṃsāra suchend (Nom.Pl.)
samāgamajñā bhūtānāṃ
das Zusammentreffen der Wesen kennend (Nom.Pl. / Gen.Pl.)
te yānti paramāṃ gatim
sie gehen zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs. / Akk.Sg.)