Kapitel 15: gāndhārīyudhiṣṭhirasamāgamaḥ kuntīdraupadyoś ca śokaḥ
Yudhiṣṭhira vor Gāndhārī, dann die Begegnung mit Kuntī und Draupadī
Nach Gāndhārīs Zorn beruhigt sie sich; die Pāṇḍavas gehen zu Kuntī, die Klage um die Gefallenen setzt sich fort, und Gāndhārī spricht Kuntī und Draupadī Trost zu.
vaiśaṃpāyana uvāca; evam uktvā tu gāndhārī yudhiṣṭhiram apṛcchata; kva sa rājeti sakrodhā putrapautravadhārditā
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem sie so gesprochen hatte, fragte Gāndhārī den Yudhiṣṭhira, zornerfüllt und von der Tötung ihrer Söhne und Enkel gequält: „Wo ist dieser König?“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
evam uktvā tu gāndhārī
nachdem sie so gesprochen hatte, Gāndhārī (Abs./Nom.)
yudhiṣṭhiram apṛcchata
fragte den Yudhiṣṭhira (Akk.; Impf. 3.Sg. Med.)
kva sa rājā iti
„Wo ist jener König?“ (Zitat)
sakrodhā
zornerfüllt (Nom.f.)
putrapautravadhārditā
von der Tötung der Söhne und Enkel gequält (Nom.f., Kompositum)
„Ich, Yudhiṣṭhira, bin es, o Göttin, der Mörder deiner Söhne, der Grausame. Ich verdiene den Fluch, bin die Ursache der Vernichtung der Erde: verfluche mich!
Wort für Wort
putrahantā nṛśaṃsaḥ aham
Mörder der Söhne, grausam, ich (Nom.)
tava devi yudhiṣṭhiraḥ
deiner, o Göttin, Yudhiṣṭhira (Gen./Vok./Nom.)
śāpārhaḥ
des Fluches würdig (Nom.)
pṛthivīnāśe hetubhūtaḥ
bei der Vernichtung der Erde zur Ursache geworden (Lok./Nom.)
na hi me jīvitenārtho na rājyena dhanena vā; tādṛśān suhṛdo hatvā mūḍhasyāsya suhṛddruhaḥ
Denn ich habe keinen Nutzen mehr vom Leben, weder vom Königtum noch vom Reichtum, nachdem ich solche Freunde erschlagen habe, ich, dieser Verblendete, Freundesverräter.“
Wort für Wort
na hi me jīvitena arthaḥ
denn nicht ist für mich ein Nutzen durch das Leben (Instr.)
na rājyena dhanena vā
weder durch Königtum noch durch Reichtum (Instr.)
tādṛśān suhṛdaḥ hatvā
solche Freunde erschlagen habend (Akk.Pl./Abs.)
mūḍhasya asya suhṛddruhaḥ
für diesen Verblendeten, den Freundesverräter (Gen./Gen.)
Die Konstruktion von mūḍhasyāsya suhṛddruhaḥ ist knapp (Gen. der Person, für die der Nutzen fehlt; suhṛddruhaḥ Gen. Sg. in Apposition).
Als er mit gebeugtem Körper ihr zu Füßen fallen wollte, sah die Göttin, die Dharma-kundige und Dharma-schauende, durch den Saum ihrer Binde die Fingerspitzen des Königs Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
tasya avanatadehasya
seiner, dessen Körper gebeugt war (Gen.)
pādayoḥ nipatiṣyataḥ
der ihr zu Füßen fallen wollte (Lok.Du./Part.Fut. Gen.)
yudhiṣṭhirasya nṛpateḥ
des Königs Yudhiṣṭhira (Gen.)
dharmajñā dharmadarśinī
Dharma-kundig, Dharma-schauend (Nom.f.)
aṅgulyagrāṇi dadṛśe
Fingerspitzen sah sie (Akk.Pl.; Perf. 3.Sg. Med.)
devī paṭṭāntareṇa sā
die Göttin durch den Rand der Binde, sie (Nom./Instr.)
Der Satz ist syntaktisch gestreckt: Gen. absolutus-artige Reihung (tasya … yudhiṣṭhirasya nṛpateḥ), das Objekt aṅgulyagrāṇi steht erst im dritten Pāda.
Nachdem sie nach langer Zeit ihre Söhne gesehen hatte, wurde sie, von Kummer um die Söhne überflutet, die Göttin, vergoss Tränen und verhüllte sich dabei das Gesicht mit dem Gewand.
Wort für Wort
cirasya dṛṣṭvā putrān sā
nach langer Zeit die Söhne gesehen habend, sie (Abs./Akk.Pl./Nom.f.)
putrādhibhiḥ abhiplutā
von Söhne-Kummer überflutet (Instr.Pl./Nom.f.)
bāṣpam āhārayat devī
Tränen vergoss die Göttin (Akk.; Impf. Kaus. 3.Sg.)
vastreṇa āvṛtya vai mukham
mit dem Gewand bedeckend, fürwahr, das Gesicht (Instr./Abs./Akk.)
Sie, die ihre Söhne einzeln immer wieder berührte, trauerte, von Leid gequält, auch um Draupadī, deren Kinder erschlagen waren; und sie sah die weinende Pāñcālī am Boden liegen.
sah sie, gefallen auf der Erde (Perf. 3.Sg./Akk.f./Lok.)
anvaśocanta ist Plural bei singularischem Subjekt sā; wohl Numerusfehler der Überlieferung oder die Söhne sind Subjekt („die trauerten“); Übersetzung folgt dem Sinn mit Kuntī als Subjekt.
draupady uvāca; ārye pautrāḥ kva te sarve saubhadrasahitā gatāḥ; na tvāṃ te 'dyābhigacchanti ciradṛṣṭāṃ tapasvinīm; kiṃ nu rājyena vai kāryaṃ vihīnāyāḥ sutair mama
Draupadī sprach: „Ehrwürdige, wo sind all deine Enkel hin, die mit dem Subhadrā-Sohn gegangen sind? Sie kommen heute nicht zu dir, der Bedauernswerten, die du sie so lange nicht gesehen hast. Was soll mir denn noch das Königtum nützen, da ich meiner Söhne beraubt bin?“
Wort für Wort
draupadī uvāca
Draupadī sprach (Nom./Perf. 3.Sg.)
ārye pautrāḥ kva te sarve
Ehrwürdige, Enkel, wo, deine, alle (Vok.f./Nom.Pl./Adv./Gen.)
saubhadrasahitāḥ gatāḥ
zusammen mit dem Subhadrā-Sohn gegangen (Nom.Pl.)
na tvām te adya abhigacchanti
nicht kommen sie heute zu dir (Akk./3.Pl. Präs.)
ciradṛṣṭāṃ tapasvinīm
der lange nicht Gesehenen, der Armen (Akk.f.)
kim nu rājyena vai kāryam
was soll denn mit dem Königtum zu tun sein (Instr.)
„Ich meine, diese Vernichtung der Welt, vom Umlauf der Zeit angetrieben, ist unvermeidlich eingetreten, aus der Naturnotwendigkeit heraus, haarsträubend.
Wort für Wort
manye lokavināśaḥ ayam
ich denke, diese Weltvernichtung (Präs. 1.Sg. Med./Nom.)