Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 1: vedotpattir Die Entstehung des Veda

Das Eröffnungskapitel der Suśruta-Saṃhitā, „Über die Entstehung des Veda“, begründet mythologisch die Herkunft des Āyurveda: Suśruta und weitere Schüler – darunter Aupadhenava, Vaitaraṇa und Pauṣkalāvata – bitten den König von Kāśī, Divodāsa Dhanvantari, als Inkarnation des Gottes Dhanvantari um Unterweisung im Āyurveda, den dieser, von Brahmā über Prajāpati, die Aśvins und Indra überliefert, in acht Gliedern lehrt und dabei die Chirurgie (*śalya*) als das erste und vorzüglichste bezeichnet – weil durch sie einst dem enthaupteten Opfer sein Haupt wiederangefügt wurde. Es folgen Grundbegriffe: die Definition des Menschen (*puruṣa*) als Verbindung der fünf Elemente mit dem Selbst, die vierfache Einteilung der Krankheiten und die Systematik der Heilpflanzen in unbewegliche und bewegliche Substanzen. Abschließend gliedert das Kapitel die hundertzwanzig Kapitel des Werks in die fünf Bücher Sūtra-, Nidāna-, Śārīra-, Cikitsita- und Kalpasthāna.

Die acht Glieder (Aṅga) des Āyurveda (Vers 6–16)
GliedAufgabe
ŚalyaChirurgie: Entfernung von Fremdkörpern, Wundbehandlung, Einsatz von Yantra, Śastra, Kṣāra und Agnikarma
ŚālākyaBehandlung der Krankheiten oberhalb des Schlüsselbeins (Ohren, Augen, Mund, Nase)
KāyacikitsāInnere Medizin: Fieber, Blutungssucht, Auszehrung, Wahnsinn, Epilepsie, Hautkrankheiten, Harnkrankheiten, Durchfall u.a.
BhūtavidyāDämonologie: Sühnehandlungen und Opfergaben gegen Ergriffenheit durch Götter, Dämonen, Gandharvas u.a.
KaumārabhṛtyaKinderheilkunde: Aufzucht der Kinder, Reinigung fehlerhafter Ammenmilch
AgadatantraGiftlehre: Erkennen und Lindern von Schlangen-, Insekten- und anderen Giften
RasāyanatantraVerjüngungslehre: Bewahrung der Jugendlichkeit, Mehrung von Lebensdauer, Geist und Körperkraft
VājīkaraṇatantraAphrodisiaka-Lehre: Vermehrung und Klärung des Samens, Erzeugung von Lust
Śalya gilt als das erste und vorzüglichste der acht Glieder, weil dadurch dem enthaupteten Opfer einst das Haupt wiederangefügt wurde (Vers 24).
Einteilung der Heilpflanzen und Lebewesen (Vers 38–40)
GruppeBeispiele / Merkmal
Vanaspatiunbeweglich – Bäume, die ohne Blüte Früchte tragen
Vṛkṣaunbeweglich – Bäume mit Blüten und Früchten
Vīrudhunbeweglich – Kriech- und Rankenpflanzen
Oṣadhiunbeweglich – Kräuter, die mit der Reife der Frucht absterben
Jarāyujabeweglich – aus dem Mutterleib geboren: Vieh, Menschen, Raubtiere
Aṇḍajabeweglich – aus dem Ei geboren: Vögel, Schlangen, kriechende Tiere
Svedajabeweglich – aus Schweiß entstanden: Würmer, Insekten, Ameisen
Udbhijjabeweglich – aus dem Boden hervorbrechend: rote Samtmilben (indragopa), Frösche

athāto vedotpattimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Entstehung des Veda erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

atha khalu bhagavantamamaravaramṛṣigaṇaparivṛtamāśramasthaṃ kāśirājaṃ divodāsaṃ dhanvantarimaupadhenavavaitaraṇaurabhrapauṣkalāvatakaravīrya gopurarakṣitasuśrutaprabhṛtaya ūcuḥ

Da nun sprachen Aupadhenava, Vaitaraṇa, Aurabhra, Pauṣkalāvata, Karavīrya, Gopurarakṣita, Suśruta und die übrigen zu dem erhabenen, besten der Unsterblichen, dem König von Kāśī, Divodāsa Dhanvantari, der, von einer Schar von Weisen (*ṛṣi*) umgeben, in seiner Einsiedelei (*āśrama*) weilte:

bhagavan śārīramānasāgantubhirvyādhibhirvividhavedanābhighātopadrutān sanā-thānapyanāthavadviceṣṭamānān vikrośataśca mānavānabhisamīkṣyamanasi naḥ pīḍā bhavati teṣāṃ sukhaiṣiṇāṃ rogopaśamārthamātmanaśca prāṇayātrārthaṃ prajāhitahetorāyu-rvedaṃ śrotumicchāma ihopadiśyamānam atrāyattamaihikamā muṣmikaṃ ca śreyaḥ tadbhagavantamupapannāḥ smaḥ śiṣyatveneti

O Erhabener, wenn wir sehen, wie Menschen, geplagt von körperlichen (*śārīra*), geistigen (*mānasa*) und zufälligen (*āgantu*, äußerlich bedingten) Krankheiten und von mannigfachen schmerzhaften Verletzungen heimgesucht, obwohl sie Angehörige haben, sich winden wie Verwaiste und laut aufschreien, dann empfinden wir Schmerz in unserem Herzen; da wir diesen nach Glück Verlangenden Linderung ihrer Krankheiten wünschen und auch für die Erhaltung unseres eigenen Lebens und zum Wohl der Geschöpfe, möchten wir den *Āyurveda* (das Wissen vom Leben) hören, so wie er hier gelehrt wird, denn von ihm hängt sowohl das diesseitige als auch das jenseitige Heil ab. Deshalb sind wir zu dir, dem Erhabenen, gekommen, um deine Schüler zu werden.

tānuvāca bhagavān svāgataṃ vaḥ sarva evāmīmāṃsyā adhyāpyāśca bhavanto vatsāḥ

Der Erhabene sprach zu ihnen: Willkommen seid ihr alle; ihr, meine Kinder, seid würdig, ohne Zweifel unterwiesen und gelehrt zu werden.

iha khalvāyurvedaṃ nāmopāṅgamatharvavedasyānutpādyaivaprajāḥ ślokaśata sahasra-madhyāyasahasraṃ ca kṛtavān svayambhūḥ tato'lpāyuṣṭvamalpamedha stvaṃ cālokya narāṇāṃ bhūyo'ṣṭadhā praṇītavān

Noch bevor die Geschöpfe entstanden waren, hat der Selbstentstandene (Svayambhū, Brahmā) den sogenannten *Āyurveda*, ein Nebenglied (*upāṅga*) des Atharvaveda, geschaffen, bestehend aus hunderttausend Versen (*śloka*) und tausend Kapiteln (*adhyāya*). Danach, als er die Kurzlebigkeit und Geistesschwäche der Menschen erkannte, gliederte er ihn nochmals in acht Teile.

yadyathā śalyaṃ śālākyaṃ kāyacikitsā bhūtavidyā kaumārabhṛtyam agadatantraṃ rasāyanatantraṃ vājīkaraṇatantramiti

nämlich: *Śalya* (die Chirurgie), *Śālākya* (die Behandlung der oberhalb des Schlüsselbeins gelegenen Organe), *Kāyacikitsā* (die innere Medizin), *Bhūtavidyā* (die Dämonologie), *Kaumārabhṛtya* (die Kinderheilkunde), *Agadatantra* (die Lehre von den Giften), *Rasāyanatantra* (die Lehre von den Verjüngungsmitteln) und *Vājīkaraṇatantra* (die Lehre von den Aphrodisiaka).

athāsya pratyaṅgalakṣaṇasamāsaḥ tatra śalyaṃ nāma vividhatṛṇakāṣṭhapāṣāṇapāṃśu-lohaloṣṭāsthibālanakha pūyāsrāvaduṣṭavraṇāntargarbha śalyoddharaṇārthaṃ yantraśastrakṣārāgnipraṇidhānavraṇaviniścayārthaṃ ca

Nun folgt eine kurze Kennzeichnung der einzelnen Teile: *Śalya* dient dazu, mannigfaltige Fremdkörper – Gras, Holzsplitter, Steine, Staub, Metall, Erdklumpen, Knochen, Haare, Nägel – sowie Eiter, Ausfluss und einen verdorbenen *Vraṇa* (die Wunde), aber auch einen im Mutterleib abgestorbenen Fötus zu entfernen, und ebenso zur richtigen Anwendung von *Yantra* (stumpfes Instrument), *Śastra* (scharfes Instrument, Messer), *Kṣāra* (Ätzmittel, Lauge) und *Agnikarma* (Kauterisation, das Brennen mit Feuer) sowie zur genauen Beurteilung eines *Vraṇa*.

śālākyaṃ nāmordhvajatrugatānāṃ śravaṇanayanavadanaghrāṇādisaṃśritānāṃ vyādhīnāmupaśamanārtham

*Śālākya* dient zur Linderung der Krankheiten, die in den oberhalb des Schlüsselbeins gelegenen Organen sitzen, also der Ohren, Augen, des Mundes, der Nase und dergleichen.

kāyacikitsā nāma sarvāṅgasaṃśritānāṃ vyādhīnāṃ jvararaktapittaśoṣonmādāpasmārakuṣṭhamehātisārādīnāmupaśamanārtham

*Kāyacikitsā* dient zur Linderung der Krankheiten, die den ganzen Körper betreffen, wie Fieber (*jvara*), Blutungssucht (*raktapitta*), Auszehrung (*śoṣa*), Wahnsinn (*unmāda*), Epilepsie (*apasmāra*), Hautkrankheiten (*kuṣṭha*), Harnkrankheiten (*meha*), Durchfall (*atisāra*) und dergleichen.

bhūtavidyā nāma devāsuragandharvayakṣarakṣaḥ pitṛpiśācanāgagrahādyupasṛṣṭacetasāṃ śāntikarmabaliharaṇādigrahopaśamanārtham

*Bhūtavidyā* dient dazu, durch Sühnehandlungen (*śāntikarma*), Opfergaben (*bali*) und dergleichen die Ergriffenheit des Geistes zu lindern bei denen, deren Denken von Göttern, Dämonen (*asura*), Gandharvas, Yakṣas, Rākṣasas, Ahnengeistern (*pitṛ*), Piśācas, Schlangengeistern (*nāga*) und anderen Wesen (*graha*, Ergreifern) befallen ist.

kaumārabhṛtyaṃ nāma kumārabharaṇadhātrīkṣīradoṣasaṃśodhanārthaṃduṣṭastanyagrahasamutthānāṃ ca vyādhīnāmupaśamanārtham

*Kaumārabhṛtya* dient zur Aufzucht der Kinder, zur Reinigung der fehlerhaften Milch der Amme und zur Linderung der Krankheiten, die durch verdorbene Muttermilch oder durch Ergriffenheit (*graha*) entstehen.

agadatantraṃ nāma sarpakīṭalūtāmūṣakādidaṣṭaviṣavyañjanārthaṃ vividhaviṣasaṃyogopaśamanārthaṃ ca

*Agadatantra* dient dazu, das Gift bei Bissen von Schlangen, Insekten, Spinnen, Ratten und dergleichen zu erkennen und die Wirkung mannigfaltiger Giftmischungen zu lindern.

rasāyanatantraṃ nāma vayaḥsthāpanamāyurmedhā valakaraṃ rogāpaharaṇasamarthaṃ ca

*Rasāyanatantra* dient dazu, die Jugendlichkeit zu bewahren, Lebensdauer, Geisteskraft und Körperkraft zu mehren, und ist imstande, Krankheiten zu vertreiben.

vājīkaraṇatantraṃ nāmālpaduṣṭakṣīṇaviśuṣkaretasāmāpyāyanaprasādopacayajananimittaṃ praharṣajananārthaṃ ca

*Vājīkaraṇatantra* dient dazu, bei geringem, verdorbenem, geschwächtem oder ausgetrocknetem Samen dessen Fülle, Klarheit und Vermehrung zu bewirken, und dient der Erzeugung von Lust.

evamayamāyurvedo'ṣṭāṅga upadiśyate atra kasmai kimucyatāmiti

So wird dieser *Āyurveda* in acht Gliedern gelehrt. Nun, was soll wem hiervon dargelegt werden?

ta ūcuḥasmākaṃ sarveṣāmeva śalyajñānaṃ mūlaṃ kṛtvopadiśatu bhagavāniti

Sie sprachen: Möge der Erhabene uns allen die Wissenschaft des *Śalya* als Grundlage lehren.

sa uvācaivamastviti

Er sprach: So sei es.

ta ūcurbhūyo'pi bhagavantamasmākamekamatīnāṃ matamabhisamīkṣya suśruto bhagavantaṃ prakṣyati asmai copadiśyamānaṃ vayamapyupadhārayiṣyāmaḥ

Sie sprachen weiter: Da wir alle eines Sinnes sind, möge Suśruta, dies bedenkend, den Erhabenen befragen; was ihm gelehrt wird, werden auch wir uns aneignen.

sa uvācaivamastviti

Er sprach: So sei es.

vatsa suśruta iha khalvāyurvedaprayojanaṃ vyādhyupasṛṣṭānāṃ vyādhiparimokṣaḥ svasthasya rakṣaṇaṃ ca

Mein Kind Suśruta, der Zweck des *Āyurveda* besteht darin, die von Krankheit Befallenen von der Krankheit zu befreien und den Gesunden zu bewahren.

āyurasmin vidyate anena vā'yurvindanti ityāyurvedaḥ

Weil in ihm das Leben (*āyus*) erkannt wird, oder weil man durch ihn das Leben erlangt, heißt er *Āyurveda*.

tasyāṅgavaramādyaṃ pratyakṣāgamānumānopamānairaviruddhamucyamānamupadhāraya

Vernimm nun das vorzüglichste und erste seiner Glieder, wie es, in Übereinstimmung mit unmittelbarer Wahrnehmung (*pratyakṣa*), überlieferter Lehre (*āgama*), Schlussfolgerung (*anumāna*) und Vergleich (*upamāna*), dargelegt wird.

etaddhyṅgaṃ prathamaṃ prāgabhighātavraṇasaṃrohādyajñaśiraḥsandhānācca śrūyatehi yathā rudre ṇa yajñasya śiraśchinnamiti tato devāaśvināvabhigamyocuḥbhagavantau naḥ śreṣṭhatamau yuvāṃ bhaviṣyathaḥ bhavadbhyāṃ yajñasyaśiraḥ sandhā tavyamiti tāvūcature-vamastviti athatayorarthe devā indraṃ yajñabhāgena prāsādayan tābhyāṃ yajñasya śiraḥ saṃhitam iti

Dass dieses Glied das erste ist, geht schon daraus hervor, dass von der Heilung von Verletzungen und Wunden (*vraṇa*) und vom Wiederanfügen des Hauptes des Opfers (*yajña*) berichtet wird: So hört man, dass Rudra dem Opfer das Haupt abgeschlagen habe. Da wandten sich die Götter an die beiden Aśvin und sprachen: Ihr Erhabenen, ihr sollt für uns die Vorzüglichsten sein; von euch beiden soll das Haupt des Opfers wieder angefügt werden. Jene sprachen: So sei es. Darauf, um ihretwillen, stellten die Götter Indra durch einen Opferanteil zufrieden, und von den beiden ward das Haupt des Opfers wieder verbunden.

aṣṭāsvapi cāyurvedatantreṣvetadevādhikamabhimatam āśukriyā karaṇādyantraśastrakṣārāgnipraṇidhānāt sarvatantrasāmānyācca

Unter allen acht Zweigen des *Āyurveda* gilt eben dieses als der vorzüglichste, weil er schnelle Wirkung durch den Einsatz von *Yantra*, *Śastra*, *Kṣāra* und *Agnikarma* erzielt und weil er allen anderen Zweigen gemeinsam zugrunde liegt.

tadidaṃ śāśvataṃ puṇyaṃ svargyaṃ yaśasyamāyuṣyaṃ vṛttikaraṃ ceti

Dies ist ewig, verdienstvoll (*puṇya*), führt zum Himmel, bringt Ruhm, verlängert das Leben und sichert den Lebensunterhalt.

brahmā provāca tataḥ prajāpatiradhijage tasmādaśvinau aśvibhyāmindraḥ indrādahaṃ mayā tviha pradeyamarthibhyaḥ prajāhitahetoḥ

Brahmā verkündete es, von ihm empfing es Prajāpati, von diesem die beiden Aśvin, von den Aśvin Indra, und von Indra ich; von mir aber soll es hier den Hilfesuchenden zum Wohl der Geschöpfe weitergegeben werden.

bhavati cātra ahaṃ hi dhanvantarirādidevo jarārujāmṛtyuharo'marāṇām śalyāṅgamaṅgairaparairupetaṃ prāpto'smi gāṃ bhūya ihopadeṣṭum

Und hierzu heißt es: Ich bin Dhanvantari, der erste Gott, der Alter, Krankheit und Tod von den Unsterblichen fernhält; nun bin ich, ausgestattet mit dem Glied *Śalya* und den übrigen Gliedern, wieder zur Erde gekommen, um hier zu lehren.

asmiñchāstre pañcamahābhūtaśarīrisamavāyaḥ puruṣa ityucyate tasmin kriyā so'dhiṣṭhānaṃ kasmāt lokasya dvaividhyāt loko hi dvividhaḥ sthāvaro jaṅga-maśca dvividhātmaka evāgneyaḥ saumyaśca tadbhūyastvāt pañcātmako vā tatra catu-rvidho bhūtagrāmaḥsaṃsvedajajarāyujāṇḍajodbhijjasaṃjñaḥ tatra puruṣaḥ pradhānaṃ tasyopakaraṇamanyat tasmāt puruṣo'dhiṣṭhānam

In dieser Lehre (*śāstra*) wird als *Puruṣa* (der Mensch, das beseelte Wesen) die Verbindung der fünf Grobelemente (*mahābhūta*) mit dem verkörperten Selbst bezeichnet; auf ihn richtet sich das Handeln, er ist dessen Träger. Warum? Weil die Welt zweifach ist: Die Welt ist nämlich zweifach, unbeweglich (*sthāvara*) und beweglich (*jaṅgama*), und ebenso ist jedes Wesen zweifacher Natur, feurig (*āgneya*) und mondhaft-wässrig (*saumya*), oder, da diese überwiegen, fünffacher Natur. Dabei ist die Schar der Lebewesen vierfach: solche, die aus Schweiß, aus dem Mutterleib, aus dem Ei oder durch Aufbrechen entstehen. Darunter ist der *Puruṣa* das Wichtigste, alles andere ist nur sein Hilfsmittel; daher ist der *Puruṣa* der Träger.

tadduḥkhasaṃyogā vyādhaya ucyante

Die Verbindungen, die ihm Leid bringen, werden Krankheiten (*vyādhi*) genannt.

te caturvidhāḥāgantavaḥ śārīrāḥ mānasāḥ svābhāvikāśceti

Diese sind vierfach: zufällig-äußerlich bedingte (*āgantu*), körperliche (*śārīra*), geistige (*mānasa*) und naturgegebene (*svābhāvika*).

teṣāmāgantavo'bhighātanimittāḥ

Von diesen entstehen die zufälligen durch äußere Verletzung.

śārīrāstvannapānamūlāvātapittakaphaśoṇitasannipātavaiṣamyanimittāḥ

Die körperlichen aber entstehen, ihre Wurzel in Speise und Trank habend, durch ein Ungleichgewicht des Zusammenwirkens von *Vāta*, *Pitta*, *Kapha* und Blut (*śoṇita*).

mānasāstukrodhaśokabhayaharṣaviṣāderṣyābhyasūyā dainyamātsaryakāmalobhaprabhṛtayaicchādveṣabhedairbhavanti

Die geistigen aber entstehen durch die verschiedenen Formen von Verlangen und Abneigung, nämlich durch Zorn, Kummer, Furcht, Freude, Gifterschrecken, Eifersucht, Missgunst, Kleinmut, Geiz, Begierde, Habsucht und dergleichen.

svābhāvikāstu kṣutpipāsājarāmṛtyunidrāprakṛtayaḥ

Die naturgegebenen aber sind Hunger, Durst, Alter, Tod und Schlaf, die zur Natur (*prakṛti*) gehören.

ta ete manaḥśarīrādhiṣṭhānāḥ

Diese alle haben ihren Sitz in Geist (*manas*) und Körper.

teṣāṃ saṃśodhanasaṃśamanāhārācārāḥsamyakprayuktā nigrahahetavaḥ

Reinigung (*śodhana*), Beruhigung (*śamana*), richtige Ernährung und richtiges Verhalten sind, wenn sie recht angewendet werden, die Mittel, sie zu bezwingen.

prāṇināṃ punarmūlamāhāro balavarṇaujasāṃ ca sa ṣaṭsu raseṣvāyattaḥ rasāḥ punardra vyāśrayāḥdra vyāṇi punaroṣadhayaḥ tāstu dvividhāḥ sthāvarā jaṅgamāśca

Die Grundlage der Lebewesen wiederum, wie auch von Kraft, Hautfarbe und Vitalität (*ojas*), ist die Nahrung; diese beruht auf den sechs Geschmacksrichtungen (*rasa*), die *rasa* wiederum beruhen auf den Substanzen (*dravya*), die Substanzen wiederum sind Heilpflanzen (*oṣadhi*); diese aber sind zweifach: unbeweglich (*sthāvara*) und beweglich (*jaṅgama*).

tāsāṃ sthāvarāścaturvidhāḥvanaspatayo vṛkṣā vīrudha oṣadhaya iti tāsu apuṣpāḥ phalavanto vanaspatayaḥ puṣpaphalavanto vṛkṣāḥ pratānavatyaḥ stambinyaśca vīrudhaḥ phalapākaniṣṭhaā oṣadhaya iti

Von diesen sind die unbeweglichen vierfach: *Vanaspati* (fruchttragende Bäume ohne sichtbare Blüte), *Vṛkṣa* (Bäume), *Vīrudh* (Kriech- und Rankenpflanzen) und *Oṣadhi* (Kräuter). Dabei sind *Vanaspati* solche, die ohne Blüten Früchte tragen; *Vṛkṣa* solche, die Blüten und Früchte tragen; *Vīrudh* solche, die ranken oder Büschel bilden; *Oṣadhi* solche, die mit der Reife der Frucht absterben.

jaṅgamāḥ khalvapi caturvidhāḥjarāyujāṇḍajasvedajodbhijjāḥ tatra paśumanuṣyavyālādayo jarāyujāḥ khagasarpasarīsṛpaprabhṛtayo'ṇḍajāḥ kṛmikīṭa pipīlikāprabhṛtayaḥ svedajāḥ indra gopamaṇḍūkaprabhṛtaya udbhijjāḥ

Die beweglichen aber sind gleichfalls vierfach: aus dem Mutterleib geboren (*jarāyuja*), aus dem Ei geboren (*aṇḍaja*), aus Schweiß entstanden (*svedaja*) und aus dem Boden hervorbrechend (*udbhijja*). Dabei sind Vieh, Menschen, Raubtiere und dergleichen *jarāyuja*; Vögel, Schlangen, kriechende Tiere und dergleichen *aṇḍaja*; Würmer, Insekten, Ameisen und dergleichen *svedaja*; die roten Samtmilben (*indragopa*), Frösche und dergleichen *udbhijja*.

tatrasthāvarebhyastvakpatrapuṣpaphalamūlakandaniryāsasvarasādayaḥ prayojanavantaḥ jaṅgamebhyaścarmanakharomarudhirādayaḥ

Von den unbeweglichen Wesen sind Rinde, Blatt, Blüte, Frucht, Wurzel, Knolle, Harz, Presssaft und dergleichen von Nutzen; von den beweglichen Haut, Nägel, Haare, Blut und dergleichen.

pārthivāḥ suvarṇarajatamaṇimuktāmanaḥśilāmṛtkapālādayaḥ

Von der Erde stammen Gold, Silber, Edelsteine, Perlen, Realgar (*manaḥśilā*), Tonscherben und dergleichen.

kālakṛtāḥ pravātanivātātapacchāyājyotsnātamaḥ śītoṣṇavarṣāhorātra pakṣamāsartvayanādayaḥ saṃvatsaraviśeṣāḥ

Von der Zeit bewirkt sind Windigkeit, Windstille, Sonnenschein, Schatten, Mondlicht, Dunkelheit, Kälte, Hitze, Regen, Tag und Nacht, Monatshälfte, Monat, Jahreszeit, Sonnenwendperiode (*ayana*) und andere Abschnitte des Jahres.

ta ete svabhāvata eva doṣāṇāṃ saṃcayaprakopapraśamapratīkārahetavaḥ prayojanavantaśca

Diese alle sind ihrer Natur nach Ursachen für die Anhäufung (*saṃcaya*), das Erregtwerden (*prakopa*), das Beruhigtwerden (*praśama*) und die Gegenmaßnahme bezüglich der *Doṣa* (der Körpersäfte Vāta, Pitta und Kapha), und sind von Nutzen.

bhavanti cātra ślokā śārīrāṇāṃ vikārāṇāmeṣa vargaścaturvidhaḥ prakope praśame caiva heturuktaścikitsakaiḥ

Und hierzu gibt es Verse: Diese vierfache Gruppe ist es, die von den Ärzten (*cikitsaka*) als Ursache für das Erregtwerden wie für das Beruhigtwerden der körperlichen Störungen genannt wird.

āgantavastu ye rogāste dvidhā nipatanti hi manasyanye śarīre'nye teṣāṃ tu dvividhā kriyā

Die zufälligen Krankheiten aber fallen zweifach aus: die einen befallen den Geist, die anderen den Körper; entsprechend ist auch ihre Behandlung zweifach.

śarīrapatitānāṃ tu śārīravadupakramaḥ mānasānāṃ tu śabdādiriṣṭo vargaḥ sukhāvahaḥ

Für die den Körper befallenden gilt die Behandlung wie bei körperlichen Krankheiten; für die geistigen aber ist die als angenehm empfundene Gruppe von Klang und dergleichen die geeignete, Glück bringende Behandlung.

evametat puruṣo vyādhirauṣadhaṃ kriyākāla iti catuṣṭayaṃ samāsena vyākhyātam tatra puruṣagrahaṇāt tatsaṃbhavadra vyasamūho bhūtādirukta stadaṅgapratyaṅgavikalpāśca tvaṅmāṃsāsthisirāsnāyuprabhṛtayaḥ vyādhigrahaṇādvāta pittakaphaśoṇitasannipā-tavaiṣamyanimittāḥ sarva eva vyādhayo vyākhyātāḥ auṣadhagraharaṇāddra vyarasagu-ṇavīryavipākānāmādeśaḥ kriyāgraharaṇāt snehādīni cchedyādīni ca karmāṇi vyākhyātāni kālagraharaṇāt sarvakriyākālānāmādeśaḥ

So ist damit in Kürze das Viergespann erklärt: der Mensch (*puruṣa*), die Krankheit (*vyādhi*), das Heilmittel (*auṣadha*) und die rechte Zeit der Behandlung (*kriyākāla*). Dabei ist mit der Erwähnung des Menschen zugleich die Gesamtheit der aus den Elementen entstandenen Substanzen mitbezeichnet, ebenso die Einteilung seiner Glieder und Nebenglieder wie Haut, Fleisch, Knochen, Gefäße (*sirā*), Sehnen (*snāyu*) und dergleichen. Mit der Erwähnung der Krankheit sind alle Krankheiten erklärt, die durch das Ungleichgewicht des Zusammenwirkens von *Vāta*, *Pitta*, *Kapha* und Blut verursacht werden. Mit der Erwähnung des Heilmittels ist die Darlegung von Substanz, Geschmack (*rasa*), Eigenschaft (*guṇa*), Wirkkraft (*vīrya*) und Verdauungswirkung (*vipāka*) gemeint. Mit der Erwähnung der Behandlung sind die Maßnahmen von Ölung (*sneha*) bis hin zum Schneiden (*chedya*) erklärt. Mit der Erwähnung der Zeit ist die Darlegung aller Behandlungszeiten gemeint.

bhavati cātra bījaṃ cikitsitasyaitatsamāsena prakīrtitam saviṃśamadhyāyaśatamasya vyākhyā bhaviṣyati

Und hierzu heißt es: Dies ist in Kürze der Keim der Heilbehandlung (*cikitsā*); die Erläuterung dazu wird in den hundertzwanzig Kapiteln dieses Werkes erfolgen.

tacca saviṃśamadhyāyaśataṃ pañcasu sthāneṣu tatra sūtranidānaśārīracikitsita kalpeṣvarthavaśāt saṃvibhajyottare tantre śeṣānarthānvakṣyāmaḥ

Diese hundertzwanzig Kapitel sind, dem Sinn entsprechend eingeteilt, auf fünf Bücher (*sthāna*) verteilt: das *Sūtrasthāna*, das *Nidānasthāna*, das *Śārīrasthāna*, das *Cikitsitasthāna* und das *Kalpasthāna*; die übrigen Themen werden wir im nachfolgenden Werk (*Uttaratantra*) darlegen.

bhavati cātra svayambhuvā proktamidaṃ sanātanaṃ paṭheddhi yaḥ kāśipatiprakāśitam sa puṇyakarmā bhuvi pūjito nṛpairasukṣaye śakrasalokatāṃ vrajet

Und hierzu heißt es: Dieses ewige, vom Selbstentstandenen (Brahmā) verkündete und vom Herrn von Kāśī offenbarte Werk – wer es liest, der vollbringt verdienstvolle Werke, wird auf Erden von Königen geehrt und gelangt nach dem Erlöschen seines Lebens in die Welt Indras.

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