Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 17: āmapakvaiṣaṇīyo Unreifer und reifer Zustand der Schwellung

Das siebzehnte Kapitel, „Über die Erkennung von unreifem und reifem Zustand“ (*āmapakvaiṣaṇa*), definiert die Schwellung (*śopha*) als Ansammlung von *doṣa* in Haut und Fleisch und unterscheidet sechs Formen nach *Vāta*, *Pitta*, *Kapha*, verdorbenem Blut, allen drei *doṣa* zugleich oder äußerer Verletzung, jeweils mit charakteristischer Farbe und Schmerzqualität. Zentral ist die genaue Beschreibung der drei Reifungsstadien einer Eiterung – unreif, reifend, völlig gereift –, anhand von Härte, Temperatur, Schmerzcharakter und dem Fingerdrucktest, da ein verfrühter Schnitt ins unreife Geschwür ebenso gefährlich ist wie das Vernachlässigen eines bereits reifen. Das Kapitel schließt mit der siebenstufigen Behandlungsabfolge von Zerteilen und Aderlass über die Eröffnung bis zur Heilung der Wunde.

Die sechs Arten der Schwellung (Śopha) nach Ursache (Vers 4)
UrsacheFarbeSchmerzcharakter
Vātaschwärzlich oder rötlich, rau, weich, unbeständigStechen
Pittagelblich, mitunter gerötet, breitet sich rasch ausBrennen
Kaphablass, hart, glatt, kühl, ölig glänzend, breitet sich langsam ausJuckreiz
Sannipāta (alle drei Doṣa)zeigt alle Farbenzeigt alle Schmerzarten
Verdorbenes Blutder Pitta-Schwellung ähnlich, aber sehr schwärzlichwie bei Pitta
Äußere Einwirkungblutrot–
Die drei Reifestadien einer Eiterung (Vers 5)
StadiumMerkmale
Āma (unreif)geringe Wärme, unveränderte Hautfarbe, kühl, fest, geringer Schmerz, geringe Größe
Reifendnadelstichartiger, brennender Schmerz, gespannte Schwellung wie ein Schlauch, Fieber, Durst, Appetitlosigkeit
Pakva (völlig gereift)nachlassender Schmerz, Blässe, Vertiefung, die sich bei Fingerdruck wieder hebt; Appetit kehrt zurück
Ein Schnitt ins unreife Geschwür schädigt Gewebe und Gefäße; ein vernachlässigtes reifes Geschwür bildet eine schwer heilbare Fistel (Vers 9).

athāta āmapakvaiṣaṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Erkennung von unreifem und reifem Zustand erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.

śophasamutthānā granthividra dhyalajīprabhṛtayaḥ prāyeṇa vyādhayo'bhihitā ane-kākṛtayaḥ tairvilakṣaṇaḥ pṛthurgrathitaḥ samo viṣamo vā tvaṅmāṃsasthāyī doṣasaṃghātaḥ śarīraikadeśotthitaḥ śopha ityucyate

Krankheiten wie Granthi (Knoten), Vidradhi (Abszess) und Alajī (Geschwür) und ähnliche, die aus einer Schwellung (*śopha*) entstehen, wurden in ihren vielfältigen Erscheinungsformen bereits größtenteils dargestellt. Davon unterschieden ist Folgendes: Eine Ansammlung von *doṣa* (den Körpersäften), die sich an einer einzigen Körperstelle in Haut und Fleisch festsetzt, breit, geballt, gleichmäßig oder ungleichmäßig sein kann, wird als *śopha* (Schwellung) bezeichnet.

sa ṣaḍvidho vātapittakaphaśoṇitasannipātāgantunimittaḥ tasya doṣarūpavyañja-nairlakṣaṇāni vyākhyāsyāmaḥ tatra vātaśophaḥ kṛṣṇo'ruṇo vā paruṣo mṛdurana-vasthitāstodādayaścātra vedanā viśeṣā bhavanti pittaśophaḥ pīto mṛduḥ sarakto vā śīghrānusāryoṣādayaścātra vedanāviśeṣā bhavanti śleṣmaśvayathuḥ pāṇḍuḥ ka-ṭhinaḥ snigdhaḥ śīto snigdho mandānusārī kaṇḍvādayaścātra vedanā viśeṣā bhavanti sarvavarṇavedanaḥ sannipātaśvayathuḥ pittavacchoṇitajo'tikṛṣṇaścā pittaraktalakṣaṇa āganturlohitāvabhāsaśca

Diese Schwellung ist sechsfacher Art, verursacht durch *vāta*, *pitta*, *kapha* (die drei Grundkräfte des Körpers), verdorbenes Blut, das Zusammenwirken aller drei *doṣa* oder äußere Einwirkung. Ihre Merkmale wollen wir nach Form und Erscheinung der *doṣa* beschreiben. Die *vāta*-bedingte Schwellung ist schwärzlich oder rötlich, rau, weich und unbeständig; als besondere Schmerzempfindung tritt hier vor allem Stechen auf. Die *pitta*-bedingte Schwellung ist gelblich, weich, mitunter gerötet, breitet sich rasch aus; als besondere Schmerzempfindung tritt hier vor allem Brennen auf. Die *kapha*-bedingte Schwellung ist blass, hart, glatt, kühl, ölig glänzend und breitet sich langsam aus; als besondere Schmerzempfindung tritt hier vor allem Juckreiz auf. Die durch alle drei *doṣa* zugleich bedingte Schwellung zeigt alle Farben und alle Schmerzarten; die aus verdorbenem Blut entstandene ähnelt der *pitta*-Schwellung, ist aber sehr schwärzlich, mit den Merkmalen von *pitta* und Blut zugleich; die durch äußere Einwirkung entstandene erscheint blutrot.

sa yadā bāhyābhyantaraiḥ kriyāviśeṣairna saṃbhāvitaḥ praśamayituṃ kriyāviparyayā-dbahutvādvā doṣāṇāṃ tadā pākābhimukho bhavati tasyāmasya pacyamānasya pakva-sya ca lakṣaṇamucyamānamupadhāraya tatra mandoṣmatā tvaksavarṇatā śītaśophatā sthairyaṃ mandavedanatā'lpaśophatā cāmalakṣaṇamuddiṣṭaṃ sūcibhiriva nistudyate da-śyata iva pipīlikābhiḥ tābhiścasaṃsarpyata iva chidyata iva śastreṇabhidyata iva śaktibhiḥ tāḍyata iva daṇḍena pīḍyata iva pāṇinā ghaṭyata iva cā-ṅgulyā dahyate pacyata iva cāgnikṣārābhyām oṣacoṣaparīdāhāśca bhavanti vṛ-ścikaviddha iva ca sthānāsanaśayaneṣu na śāntimupaiti ādhmātabastirivātata-ścaśopho bhavati tvagvaivarṇyaṃ śophābhivṛddhirjvaradāhapipāsā bhaktāruciśca pa-cyamānaliṅgaṃ vedanopaśāntiḥ pāṇḍutā'lpaśophatā valīprādurbhāvastvakpari-puṭanaṃ nimnadarśanamaṅgulyā'vapīḍite pratyunnamanaṃ bastāvivodakasaṃcaraṇaṃ pūyasya prapīḍayatyekamantamante cāvapīḍite muhurmuhustodaḥ kaṇḍūrunnatatā vyādherupadra va-śāntirbhaktābhikāṅkṣā ca pakvaliṅgam kaphajeṣu tu rogeṣu gambhīragatitvādabhi-ghātajeṣu vā keṣucidasamastaṃ pakvalakṣaṇaṃ dṛṣṭvā pakvamapakvamiti manyamāno bhiṣaṅmohamupaiti tatra hi tvaksavarṇatā śītaśophatā sthairyamalparujatā'śmavacca ghanatā na mohamupeyāditi

Wird diese Schwellung durch die verschiedenen äußeren und inneren Maßnahmen nicht zur Beruhigung gebracht, sei es weil die Behandlung falsch war oder weil die *doṣa* zu zahlreich sind, so wendet sie sich der Eiterung zu. Merke nun die Merkmale, die für das Unreifsein (*āma*), das Reifen und das völlige Reifsein (*pakva*) genannt werden. Beim Unreifen sind zu erkennen: geringe Wärme, unveränderte Hautfarbe, kühle Beschaffenheit der Schwellung, Festigkeit, geringer Schmerz und geringe Größe der Schwellung – dies gilt als Merkmal des Unreifen. Beim Reifenden dagegen wird es so beschrieben, als würde es mit Nadeln gestochen, als würden Ameisen daran nagen und darüber hinkriechen, als würde es mit einem Schwert zerschnitten, mit Speeren durchbohrt, mit einem Stock geschlagen, mit der Hand gedrückt, mit Fingern zusammengedrückt, als würde es von Feuer und Ätzmittel verbrannt und gekocht; es entsteht ein brennendes Nagen und heftiges Brennen, als wäre man von einem Skorpion gestochen, und es findet im Stehen, Sitzen oder Liegen keine Ruhe. Die Schwellung wird gespannt wie ein aufgeblasener Schlauch, die Haut verfärbt sich, die Schwellung nimmt zu, Fieber, Brennen, Durst und Appetitlosigkeit treten hinzu – dies sind die Zeichen des Reifens. Beim völlig Reifen dagegen lässt der Schmerz nach, es tritt Blässe auf, die Schwellung wird kleiner, Hautfalten erscheinen, die Haut wird schlaff, eine Vertiefung zeigt sich, und drückt man mit dem Finger, hebt sie sich wieder – wie Wasser, das in einem Schlauch hin- und herfließt, bewegt sich der Eiter und drückt auf die eine Seite, während beim Drücken auf die andere Seite immer wieder ein Stechen entsteht; Juckreiz und Anschwellen zeigen sich, die Begleitbeschwerden der Krankheit klingen ab, und der Appetit kehrt zurück – dies sind die Zeichen des völlig Gereiften. Bei den durch *kapha* verursachten Erkrankungen jedoch, oder bei manchen durch äußere Verletzung entstandenen, sitzt der Prozess tief, und man sieht nur unvollständig ausgeprägte Zeichen des Reifens; hält der Arzt es dann trotz Reife für unreif, verfällt er in Verwirrung. Denn auch hier gilt: unveränderte Hautfarbe, kühle Schwellung, Festigkeit, geringer Schmerz und eine Härte wie Stein – wer dies erkennt, gerät nicht in Verwirrung.

bhavanti cātra āmaṃ vipacyamānaṃ ca samyak pakvaṃ ca yo bhiṣak jānīyāt sa bhavedvaidyaḥ śeṣāstaskaravṛttayaḥ

Hierzu gilt: Nur der Arzt, der Unreifes, sich im Reifen Befindliches und völlig Gereiftes richtig zu unterscheiden weiß, verdient den Namen Arzt; alle anderen führen ein Leben wie Diebe.

vātādṛte nāsti rujā na pākaḥ pittādṛte nāsti kaphācca pūyaḥ tasmāt samastān paripākakāle pacanti śophāṃstraya eva doṣāḥ

Ohne *vāta* gibt es keinen Schmerz, ohne *pitta* keine Eiterung, und ohne *kapha* keinen Eiter; darum sind es zur Zeit der völligen Reifung stets alle drei *doṣa* zusammen, die jede Schwellung zur Eiterung bringen.

kālāntareṇābhyuditaṃ tu pittaṃ kṛtvā vaśe vātakaphau prasahya pacatyataḥ śoṇitameva pākomato'pareṣāṃ viduṣāṃ dvitīyaḥ

Nach einer gewissen Zeit jedoch bringt das aufsteigende *pitta* *vāta* und *kapha* unter seine Herrschaft und bewirkt gewaltsam die Reifung; manche andere Gelehrte vertreten daher zusätzlich die Ansicht, auch das Blut allein bewirke die Eiterung.

tatra āmacchede māṃsasirāsnāyusandhyasthivyāpādanamatimātraṃ śoṇitātipravṛttirvedanāprādurbhāvo'vadaraṇamanekopadra va darśanaṃ kṣatavidra dhirvā bhavati sa yadā bhayamohābhyāṃ pakvamapyapakvamiti manyamānaściramupekṣate vyā-dhiṃ vaidyastadā gambhīrānugato dvāramalabhamānaḥ pūyaḥ svamāśrayamavadāryotsaṅgaṃ mahāntamavakāśaṃ kṛtvā nāḍīṃ janayitvā kṛcchrasādhyo bhavatyasādhyo veti

Schneidet man ein noch unreifes Geschwür auf, so kommt es zur übermäßigen Schädigung von Fleisch, Adern, Sehnen, Gelenken und Knochen, zu übermäßigem Blutverlust, zum Auftreten von Schmerzen, zum Aufreißen, zum Auftreten vielfältiger Komplikationen oder zu einem verletzungsbedingten Abszess. Hält andererseits der Arzt aus Furcht oder Verwirrung ein bereits gereiftes Geschwür fälschlich für unreif und vernachlässigt die Krankheit lange Zeit, so dringt der Eiter tief ein, findet keinen Ausgang, durchbricht sein eigenes Gewebe, schafft sich einen großen Hohlraum und bildet eine Fistel; dann wird die Krankheit nur mit großer Mühe oder gar nicht mehr heilbar.

bhavati cātra yaśchinattyāmamajñānādyaśca pakvamupekṣate śvapacāviva mantavyau tāvaniścitakāriṇau

Hierzu gilt: Wer aus Unwissenheit ein unreifes Geschwür aufschneidet und wer ein gereiftes vernachlässigt, beide sind, weil sie ohne sicheres Urteil handeln, wie Hundefleischesser (Ausgestoßene) zu betrachten.

prāk śastrakarmaṇaśceṣṭaṃ bhojayedāturaṃ bhiṣak madyapaṃ pāyayenmadyaṃ tīkṣṇaṃ yo vedanā'sahaḥ

Vor der *śastra*-Behandlung (dem chirurgischen Eingriff) speise der Arzt den Kranken nach dessen Wunsch; einen an starken Wein Gewöhnten, der Schmerz nicht ertragen kann, lasse er starken Wein trinken.

na mūrcchatyannasaṃyogānmattaḥ śastraṃ na budhyate tasmādavaśyaṃ bhoktavyaṃ rogeṣūkteṣu karmaṇi

Durch die Verbindung mit Nahrung verfällt er nicht der Ohnmacht, und trunken bemerkt er den *śastra*-Einsatz nicht; darum muss bei den genannten Krankheiten vor dem Eingriff unbedingt gegessen werden.

prāṇo hyābhyantaro nṝṇāṃ bāhyaprāṇaguṇānvitaḥ dhārayatyavirodhena śarīraṃ pāñcabhautikam

Denn der innere Lebensatem des Menschen, verbunden mit den Eigenschaften des äußeren Lebensatems (der Nahrung), erhält ohne Widerstreit den aus den fünf Elementen gebildeten Körper aufrecht.

alpo mahān vā kriyayā vinā yaḥ samucchritaḥ pākamupaiti śophaḥ viśālamūlo viṣamaṃ vidagdhaḥ sa kṛcchratāṃ yātyavagāḍhadoṣaḥ

Eine Schwellung, sei sie klein oder groß, die ohne Behandlung entstanden ist und der Eiterung entgegengeht, deren Wurzel breit ist und die ungleichmäßig durchglüht, wird schwer heilbar, wenn die *doṣa* sich tief festgesetzt haben.

ālepavisrāvaṇāśodhanaistu samyak prayuktairyadi nopaśāmyet pacyeta śīghraṃ samamalpamūlaḥ sa piṇḍitaścopari connataḥ syāt

Beruhigt sie sich trotz richtig angewandter Salben, Aderlass und Reinigungsmitteln nicht, so möge sie rasch, gleichmäßig und mit kleiner Wurzel reifen, geballt und oben erhöht sein.

kakṣaṃ samāsādya yathaiva vahnirvāyvīritaḥ saṃdahati prasahya tathaiva pūyo'pyaviniḥsṛto hi māṃsaṃ sirāḥ snāyu ca khādatīha

Wie das Feuer, wenn es auf trockenes Gras trifft und vom Wind angefacht wird, gewaltsam alles verbrennt, so zehrt auch der nicht ausgeflossene Eiter das Fleisch, die Adern und die Sehnen auf.

ādau vimlāpanaṃ kuryāddvitīyamavasecanam tṛtīyamupanāhaṃ tu caturthīṃ pāṭanakriyām

Als erste Maßnahme wende man das Zerteilen (*vimlāpana*) an, als zweite den Aderlass (*avasecana*), als dritte den erwärmenden Umschlag (*upanāha*), als vierte die Eröffnung (*pāṭana*),

pañcamaṃ śodhanaṃ kuryāt ṣaṣṭhaṃ ropaṇamiṣyate ete kramā vraṇasyoktāḥ saptamaṃ vaikṛtāpaham

als fünfte die Reinigung (*śodhana*), als sechste gilt die Heilung (*ropaṇa*); dies sind die genannten Schritte der Behandlung der *vraṇa* (der Wunde), als siebte kommt die Behandlung eingetretener Komplikationen hinzu.

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