athāto vraṇāsrāvavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über das Erkennen der Wundabsonderungen (*vraṇāsrāva*) erläutern.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das zweiundzwanzigste Kapitel, „Über das Erkennen der Wundabsonderungen“ (*vraṇāsrāvavijñāna*), benennt die acht Substrate der Wunde – Haut, Fleisch, Blutgefäße, Sehnen, Knochen, Gelenke, Bauchraum und lebenswichtige Punkte (*marman*) – und die vier idealen Wundformen. Ausführlich beschrieben werden Aussehen und Geruch der jeweiligen Absonderung (*srāva*) je nach betroffenem Gewebe sowie je nach verursachendem *doṣa*, etwa wasserklar bei Hautwunden oder bläulich-grau und rau bei *Vāta*-Beteiligung. Ergänzt wird dies durch eine Systematik der Wundschmerzen – von stechend-reißend bei *Vāta* bis juckend-taub bei *Kapha* – sowie der Wundfarben, die zusammen als diagnostisches Raster nicht nur für Wunden, sondern für alle Schwellungserkrankungen dienen sollen.
| Substrat | Sanskrit |
|---|---|
| Haut | tvac |
| Fleisch | māṃsa |
| Blutgefäße | sirā |
| Sehnen/Bänder | snāyu |
| Knochen | asthi |
| Gelenke | sandhi |
| Hohlorgane des Bauchraums | koṣṭha |
| Lebenswichtige Punkte | marman |
| Doṣa | Absonderung (Aussehen) | Schmerzcharakter | Farbe |
|---|---|---|---|
| Vāta | rau, bläulich-grau, reifartig | Stechen, Reißen, Krabbeln, sengendes Brennen, Zittern | aschfarben, taubengrau, knochenfarben, rötlich oder schwarz |
| Pitta | honiggelb, kuhharnähnlich, aschfarben | Sengen, Brennen, Hitze, Gefühl von aufsteigendem Rauch | bläulich, gelb, grünlich, rot, orangebraun |
| Blut | wie Pitta, jedoch übermäßig dünnflüssig | wie Pitta, mit Blutbeteiligung | wie Pitta-Farben |
| Kapha | frischer Butter, Knochenmark oder Sesampaste ähnlich | Juckreiz, Schweregefühl, Taubheit, Kälte | weiß, ölig glänzend oder blass |
| Sannipāta | Kokoswasser-, Gurkensaft- oder Mungbohnensuppe-ähnlich | alle genannten Schmerzarten zugleich | alle genannten Farben zugleich |
athāto vraṇāsrāvavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über das Erkennen der Wundabsonderungen (*vraṇāsrāva*) erläutern.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:
tvaṅmāṃsasirāsnāyvasthisandhikoṣṭhamarmāṇītyaṣṭau vraṇavastūni atra sarvavraṇasanniveśaḥ
Haut, Fleisch, Blutgefäße (*sirā*), Sehnen und Bänder (*snāyu*), Knochen, Gelenke, Hohlorgane des Bauchraums (*koṣṭha*) und lebenswichtige Punkte (*marman*) – dies sind die acht Substrate der *vraṇa*. Auf ihnen beruht die gesamte Einteilung der Wunden.
tatra ādyaikavastusanniveśī tvagbhedī vraṇaḥ sūpacaraḥ śeṣāḥ svayamavadīryamāṇā durupacārāḥ
Von diesen ist die Wunde, die nur das erste Substrat betrifft und lediglich die Haut durchtrennt, leicht zu behandeln; die übrigen, die von selbst aufbrechen und tiefer liegen, sind schwer zu behandeln.
tatrāyataścaturasro vṛttastripuṭaka iti vraṇākṛtisamāsaḥ śeṣāstu vikṛtākṛtayo durupakramā bhavanti
Dabei sind länglich, viereckig, rund und dreieckig die zusammenfassenden Grundformen der *vraṇa*; die übrigen, unregelmäßig geformten, sind schwer zu behandeln.
sarva eva vraṇāḥ kṣipraṃ saṃrohantyātmavatāṃ subhiṣagbhiścopakrāntāḥ anātmavatāmajñaiścopakrāntāḥ praduṣyanti pravṛddhatvāddoṣāṇām
Alle Wunden heilen rasch, wenn sie bei besonnenen Patienten von guten Ärzten behandelt werden; bei unbesonnenen Patienten, die von unkundigen Behandlern versorgt werden, verschlimmern sie sich, da dabei die *doṣa* überhandnehmen.
tatrātisaṃvṛto'tivivṛto'tikaṭhino'timṛdurutsanno'vasanno'tiśīto'tyuṣṇaḥ kṛṣṇaraktapītaśuklādīnāṃ varṇānāmanyatamavarṇo bhairavaḥ pūtipūyamāṃsasirāsnā-yuprabhṛtibhiḥ pūrṇaḥ pūtipūyāsrāvyunmārgyutsaṅgyamanojñadarśanagandho'tyarthaṃ veda-nāvān dāhapākarāgakaṇḍūśophapiḍakopadruto'tyarthaṃ duṣṭaśoṇitāsrāvī dīrgha-kālānubandhī ceti duṣṭavraṇaliṅgāni tasya doṣocchrāyeṇa ṣaṭtvaṃ vibhajya yathāsvaṃ pratīkāre prayateta
Eine Wunde, die zu sehr verengt oder zu weit geöffnet, zu hart oder zu weich, zu erhöht oder zu eingesunken, zu kalt oder zu heiß ist; die eine der abstoßenden Farben Schwarz, Rot, Gelb, Weiß und dergleichen zeigt; die mit übelriechendem Eiter, faulendem Fleisch, Blutgefäßen, Sehnen und dergleichen erfüllt ist; die übelriechenden Eiter in falscher Richtung und sich stauend absondert, unangenehm anzusehen ist und übel riecht; die mit äußerst starken Schmerzen einhergeht; die von brennender Hitze, Reifungsvorgängen, Rötung, Juckreiz, Schwellung und Pusteln begleitet wird; die übermäßig verdorbenes Blut absondert; und die sich über lange Zeit hinzieht – dies sind die Zeichen einer verdorbenen Wunde (*duṣṭavraṇa*). Entsprechend dem Überwiegen des jeweiligen *doṣa* unterscheidet man sechs Arten davon und soll sich um eine dem jeweiligen Zustand entsprechende Behandlung bemühen.
ata ūrdhvaṃ sarvasrāvān vakṣyāmaḥtatra ghṛṣṭāsu chinnāsu vā tvakṣu sphoṭe bhinne vidārite vā salilaprakāśo bhavatyāsrāvaḥ kiṃcidvisraḥ pītāvabhāsaścā māṃsagataḥ sarpiḥprakāśaḥ sāndraḥ śvetaḥ picchilaścā sirāgataḥ sadyaśchinnāsu sirāsu raktātipravṛttiḥ pakvāsu ca toyanāḍībhiriva toyāgamanaṃ pūyasya ā-srāvaścātra tanurvicchinnaḥ picchilo'valambī śyāvo'vaśyāyapratimaśca snāyu-gataḥ snigdho ghanaḥ siṃghāṇakapratimaḥ saraktaścā asthigato'sthanyabhihate sphu-ṭite bhinne doṣāvadārite vā doṣabhakṣitatvādasthi niḥsāraṃ śuktidhautamivā-bhāti āsrāvaścātra majjamiśraḥ sarudhiraḥ snigdhaśca saṃdhigataḥ pīḍyamāno na pravartate ākuñcanaprasāraṇonnamanavinamanapradhāvanotkāsanapravāhaṇaiśca sravati āsrāvaścātra picchilo'valambī sarudhironmathitaścā koṣṭhagato'sṛṅmūtrapurīṣapū-yodakāni sravati marmagatastvagādiṣvavaruddhatvānnocyate tatra tvagādigatā-nāmāsrāvāṇāṃ yathākramaṃ pāruṣyaśyāvāvaśyāyadadhimastukṣārodakamāṃsa dhā-vanapulākodakasannibhatvāni mārutādbhavanti pittādgomedakagomūtrabhasmaśaṅkhaka-ṣāyodakamādhvīkatailasannibhatvāni pittavadraktādativisratvaṃ cā kaphānnava-nītakāsīsamajjapiṣṭatilanālikerodakavarāhavasāsannibhatvāni sannipātā-nnālikerodakairvārukarasakāñjikaprasādārukodakapriyaṅguphalayakṛnmudgayūṣasavarṇatvānīti
Im Folgenden werden wir alle Arten von Absonderungen (*srāva*) darlegen. Wenn die Haut aufgescheuert oder eingeschnitten ist, oder bei einer geplatzten, aufgebrochenen oder aufgeschnittenen Blase, tritt eine wasserklare Absonderung hervor, die etwas fischig riecht und gelblich schimmert. Die Absonderung aus dem Fleisch schimmert wie geklärte Butter und ist dickflüssig. Die aus den Blutgefäßen ist weiß und schleimig; sind Blutgefäße frisch durchtrennt, kommt es zu übermäßigem Blutaustritt, sind sie hingegen 'gereift', tritt Flüssigkeit hervor wie Wasser aus einer Wasserleitung, und es kommt zum Austritt von Eiter. Die Absonderung dabei ist dünnflüssig, unterbrochen, schleimig, herabhängend und bläulich-grau, einem Reif-Niederschlag ähnlich. Die aus den Sehnen ist ölig, dickflüssig, dem Nasenschleim ähnlich und blutig vermengt. Die aus dem Knochen: Ist der Knochen geschlagen, gesplittert, gebrochen oder von den *doṣa* zerfressen, erscheint er, weil von den *doṣa* 'angefressen', kernlos, wie eine ausgewaschene Muschel; die Absonderung dabei ist mit Knochenmark vermengt, blutig und ölig. Die aus den Gelenken tritt bei Druck nicht hervor, wohl aber bei Beugung, Streckung, Aufrichten, Herabbeugen, Laufen, Husten und Pressen; die Absonderung ist dabei schleimig, herabhängend und mit aufgewühltem Blut vermengt. Die aus dem Bauchraum sondert Blut, Harn, Kot, Eiter und wässrige Flüssigkeit ab. Die aus den lebenswichtigen Punkten wird, da sie durch Haut und andere Gewebe verdeckt bleibt, nicht gesondert beschrieben. Von den Absonderungen aus Haut und den übrigen genannten Substraten haben der Reihe nach: die durch *Vāta* verursachte eine raue Beschaffenheit und ist bläulich-grau, dem Morgenreif ähnlich, dem Rahm ähnlich, oder erscheint wie Laugenwasser, wie das Waschwasser von Fleisch oder wie das trübe Wasser von Grütze; die durch *Pitta* verursachte ist honiggelb wie der Edelstein Gomedaka, dem Kuhharn ähnlich, aschfarben, dem Sud von Muschelschalen ähnlich, honigfarben oder öl-ähnlich; die durch Blut verursachte gleicht der des *Pitta*, ist jedoch übermäßig dünnflüssig; die durch *Kapha* verursachte ist frischer Butter, Eisenvitriol, Knochenmark, Sesampaste, Kokoswasser oder Eberfett ähnlich; die durch das gleichzeitige Zusammenwirken aller drei *doṣa* (*sannipāta*) verursachte gleicht Kokoswasser, dem Saft der Gurkenpflanze, saurem Reiswasser, dem Sud der Prasādāru-Pflanze, den Früchten der Priyaṅgu-Pflanze oder der Farbe von Mungbohnensuppe.
ślekau cātra bhavata pakvāśayādasādhyastu pulākodakasannibhaḥ kṣārodakanibhaḥ srāvo varjyo raktāśayātsravan
Dazu gibt es zwei Verse: Eine Absonderung aus dem Dickdarm, die dem trüben Wasser von Grütze ähnelt, ist unheilbar; eine Absonderung, die dem Laugenwasser ähnelt und aus dem Sitz des Blutes austritt, ist zu meiden.
āmāśayāt kalāyāmbhonibhaśca trikasandhijaḥ srāvānetān parīkṣyādau tataḥ karmācaredbhiṣak
Eine Absonderung aus dem Magen ähnelt dem Wasser gekochter Erbsen, ebenso eine solche, die aus dem Kreuzbeingelenk hervortritt. Der Arzt soll diese Absonderungen zunächst genau untersuchen und danach mit der Behandlung fortfahren.
ata ūrdhvaṃ sarvavraṇavedanā vakṣyāmaḥtodanabhedanatāḍanacchedanāyā manamanthana-vikṣepaṇacumucumāyananirdahanāvabhañjanasphoṭanavidāraṇotpāṭanakampanavividhaśūlaviśleṣaṇa vikiraṇastambhanapūraṇasvapnākuñcanāṅ kuśikāḥ saṃbhavanti animittavividhavedanāprādurbhāvo vā muhurmuhuryatrāgacchanti vedanāviśeṣāstaṃ vātikamiti vidyātā oṣacoṣaparidāhadhūmāyanāni yatra gātramaṅgārāvakīrṇamiva pacyate yatra coṣmābhivṛddhiḥ kṣate kṣārāvasiktavacca vedanā viśeṣāstaṃ paittikamiti vidyātā pittavadra ktasamutthaṃ jānīyātā kaṇḍūrgurutvaṃ suptatvamupadeho'lpaveda-natvaṃ stambhaḥ śaityaṃ ca yatra taṃ ślaiṣmikamiti vidyātā yatra sarvāsāṃ vedanānāmutpattistaṃ sānnipātikamiti vidyāt
Im Folgenden werden wir alle Arten von Wundschmerzen (*vraṇavedanā*) darlegen. Ein Stechen, Reißen, Schlagen, Schneiden, Reiben, Quirlen, Herausschleudern, ein kribbelndes Krabbeln, ein sengendes Brennen, ein Zerbrechen, Platzen, Zerreißen, Herausreißen, Zittern, vielfältiges stechendes Reißen, ein Auseinanderreißen, ein Zerstreuen, eine Erstarrung, ein Aufgeblähtsein, ein Einschlafen und ein krampfartiges Zusammenziehen wie im Schlaf – solche Empfindungen treten auf; oder es entstehen wiederholt, ohne erkennbaren Anlass, vielfältige Schmerzempfindungen: Solche besonderen Schmerzarten erkenne man als durch *Vāta* verursacht. Ein Sengen, Brennen, eine glühende Hitze und ein Empfinden wie von aufsteigendem Rauch, wobei sich das betroffene Glied fühlt, als läge es auf glühenden Kohlen, und in der Wunde eine zunehmende Hitze auftritt, ähnlich dem Gefühl, mit Lauge übergossen zu sein – solche besonderen Schmerzarten erkenne man als durch *Pitta* verursacht; ebenso erkenne man die durch Blut in Verbindung mit *Pitta* entstandenen. Juckreiz, ein Schweregefühl, Taubheit, eine belegte Empfindung, geringe Schmerzhaftigkeit, Erstarrung und Kälte – solche Empfindungen erkenne man als durch *Śleṣma* verursacht. Wo sämtliche dieser Schmerzarten zugleich auftreten, erkenne man dies als durch das gleichzeitige Zusammenwirken aller drei *doṣa* verursacht.
ata ūrdhvaṃ vraṇavarṇān vakṣyāmaḥbhasmakapotāsthivarṇaḥ paruṣo'ruṇaḥ kṛṣṇa iti mārutajasyā nīlaḥ pīto haritaḥ śyāvaḥ kṛṣṇo raktaḥ piṅgalaḥ kapila iti raktapittasamutthayoḥ śvetaḥ snigdhaḥ pāṇḍuriti śleṣmajasyā sarvavarṇopetaḥ sānnipātika iti
Im Folgenden werden wir die Farben der *vraṇa* darlegen: Aschfarben, taubengrau, knochenfarben, rau, rötlich oder schwarz – dies sind die Farben einer durch *Vāta* verursachten Wunde. Bläulich, gelb, grünlich, bläulich-grau, schwarz, rot, orangebraun oder braun – dies sind die Farben einer durch *Pitta* und Blut zugleich verursachten Wunde. Weiß, ölig glänzend oder blass – dies sind die Farben einer durch *Śleṣma* verursachten Wunde. Eine Wunde mit sämtlichen dieser Farben zugleich ist durch das gleichzeitige Zusammenwirken aller drei *doṣa* verursacht.
bhavati cātra na kevalaṃ vraṇeṣūkto vedanāvarṇasaṃgrahaḥ sarvaśophavikāreṣu vraṇavallakṣayedbhiṣak
Dazu heißt es: Diese Zusammenstellung von Schmerz- und Farbmerkmalen gilt nicht allein für Wunden; der Arzt soll sie ebenso bei allen Schwellungserkrankungen wie bei einer Wunde zur Beurteilung heranziehen.