Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 19: vraṇitopāsanīyo Die Pflege des Wundpatienten

Das neunzehnte Kapitel, „Über die Pflege des Wundpatienten“ (*vraṇitopāsanīya*), gibt ein umfassendes Regime für die Genesung: von der Wahl eines windgeschützten Krankenzimmers mit ostwärts gerichtetem Lager über Verhaltensregeln – kein Tagesschlaf, kein Geschlechtsverkehr, kein langes Stehen – bis zu detaillierten Diätvorschriften, die neues Getreide, Hülsenfrüchte, Saures und alkoholische Getränke als *doṣa*-erregend und eiterfördernd ausschließen, während geölter Śāli-Reis mit Wildfleisch und milde Gemüse wie Paṭola empfohlen werden. Auffällig ist der breite Raum für apotropäische Maßnahmen: Räucherungen mit Senf und Neemblättern, Schutzkräuter wie Vacā und Ativiṣā sowie tägliche vedische Segenssprüche sollen den durch die Wunde geschwächten Patienten vor fleischgierigen Dämonen (*rakṣas*) bewahren. Das Kapitel verbindet damit somatische Pflege eng mit religiös-magischer Schutzpraxis.

Für den Wundpatienten zu meidende Nahrungsmittel (Vers 16–18)
KategorieBeispiele
Getreide und Hülsenfrüchteneues Getreide, Urdbohnen, Sesam, Erbsen, Pferdebohnen, Bohnen
Gemüsegrünes Gemüse, getrocknetes Gemüse
GeschmacksrichtungenSaures, Salziges, Scharfes, Zucker beziehungsweise Melasse
Fleisch und Fettgedörrtes Fleisch, Fleisch von Ziegen, Schafen sowie Sumpf- und Wassertieren, tierisches Fett
MilchprodukteMilch, Dickmilch, Buttermilch
Alkoholische Getränkemaireya, ariṣṭa, āsava, sīdhu, surā
Sonstige SpeisenMehlspeisen, verarbeitete Speisen, kaltes Wasser, Reisbrei mit Sesam, Milchreis
Empfohlen wird stattdessen geölter, wohlausgereifter Śāli-Reis mit dem Fleisch von Trockenland-Wildtieren sowie milde Gemüse wie Paṭola und Bittermelone (Vers 32–34).

athāto vraṇitopāsanīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Pflege des Wundpatienten (*vraṇin*, der an einer *vraṇa* [Wunde] Leidende) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

vraṇitasya prathamamevāgāramanvicchet taccāgāraṃ praśastavāstvādikaṃ kāryam

Für den Wundpatienten soll man zuallererst eine geeignete Unterkunft suchen, und dieses Haus soll auf einem als günstig geltenden Grundstück (*vāstu*) und dergleichen errichtet sein.

praśastavāstuni gṛhe śucāvātapavarjite nivāte na ca rogāḥ syuḥ śārīrāgantumānasāḥ

In einem Haus auf günstigem Grundstück, das rein ist, frei von Wind und Sonnenhitze und windgeschützt, entstehen keine körperlichen, von außen kommenden oder seelischen Krankheiten.

tasmiñ śayanamasaṃbādhaṃ svāstīrṇaṃ manojñaṃ prākśiraskaṃ saśastraṃ kurvīta

Darin richte man ein Lager her, das nicht beengt, gut gepolstert und angenehm ist, mit dem Kopfende nach Osten gerichtet, und lege ein Messer (*śastra*, ein scharfes Instrument, hier zum Schutz) dabei.

sukhaceṣṭāpracāraḥ syāt svāstīrṇe śayane vraṇī prācyāṃ diśi sthitā devāstatpūjārthaṃ ca tacchiraḥ

Auf dem gut gepolsterten Lager soll sich der Wundpatiente bequem bewegen können; da die Götter im Osten weilen, ist das Kopfende dorthin gerichtet, um sie zu verehren.

tasmin suhṛdbhiranukūlaiḥ priyaṃvadairupāsyamāno yatheṣṭamāsīta

Dort möge er, von wohlgesinnten Freunden umsorgt, die freundlich zu ihm sprechen, nach Belieben verweilen.

suhṛdo vikṣipantyāśu kathābhirvraṇavedanāḥ āśvāsayanto bahuśaḥ svanukūlāḥ priyaṃvadāḥ

Die wohlgesinnten, freundlich redenden Freunde vertreiben durch ihre Erzählungen rasch die Schmerzen der Wunde, indem sie ihn immer wieder trösten.

na ca divānidrā vaśagaḥ syāt

Er soll sich nicht dem Schlaf am Tage hingeben.

divāsvapnādvraṇe kaṇḍūrgātrāṇāṃ gauravaṃ tathā śvayathurvedanā rāgaḥ srāvaścaiva bhṛśaṃ bhavet

Durch Schlaf am Tage entstehen an der Wunde Juckreiz, Schwere der Glieder, Schwellung, Schmerz, Rötung und starker Ausfluss (*srāva*).

utthānasaṃveśanaparivartanacaṅkramaṇoccairbhāṣaṇādyāsvātmaceṣṭāsvapramatto vraṇaṃ saṃrakṣet

Bei eigenen Bewegungen wie Aufstehen, Hinlegen, Sichumdrehen, Umhergehen, lautem Sprechen und dergleichen soll er achtsam und unabgelenkt die Wunde schützen.

sthānāsanaṃ caṅkramaṇaṃ divāsvapnaṃ tathaiva ca vraṇito na niṣeveta śaktimānapi mānavaḥ

Langes Stehen und Sitzen, Umhergehen und ebenso Schlaf am Tage soll der Wundpatiente nicht pflegen, selbst wenn er dazu kräftig genug wäre.

utthānādyāsanaṃ sthānaṃ śayyā cātiniṣevitā prāpnuyānmārutādaṅgarujastasmādvivarjayet

Übermäßiges Aufstehen, Sitzen, Stehen und Liegen führt zu Gliederschmerzen durch den *Vāta* (den Wind-*doṣa*, das Bewegungsprinzip); deshalb meide man dies.

gamyānāṃ ca strīṇāṃ saṃdarśanasaṃbhāṣaṇasaṃsparśanāni dūrata eva pariharet

Den Anblick, das Gespräch und die Berührung von Frauen, mit denen Geschlechtsverkehr erlaubt wäre, meide er von vornherein.

strīdarśanādibhiḥ śukraṃ kadāciccalitaṃ sravet grāmyadharmakṛtāndoṣān so'sasarge'pyavāpnuyāt

Durch den Anblick von Frauen und dergleichen kann sich der Samen (*śukra*) bewegen und ausfließen; so erleidet er die durch Geschlechtsverkehr verursachten Störungen der *doṣas*, auch ohne tatsächliche Vereinigung.

navadhānyamāṣatilakalāyakulatthaniṣpāvaharitakaśākāmlalavaṇakaṭukaguḍapiṣṭavikṛtivallūraśuṣkaśākājāvikānūpaudakamāṃsavasāśītodakakṛśarāpāyasadadhidugdhatakraprabhṛtīni pariharet

Er meide neues Getreide, Urdbohnen (*māṣa*), Sesam (*tila*), Erbsen (*kalāya*), Pferdebohnen (*kulattha*), Bohnen (*niṣpāva*), grünes Gemüse, Saures, Salziges, Scharfes, Zucker beziehungsweise Melasse (*guḍa*), Mehlspeisen (*piṣṭa*), verarbeitete Speisen, gedörrtes Fleisch (*vallūra*), getrocknetes Gemüse, das Fleisch von Ziegen und Schafen sowie von Sumpf- und Wassertieren, tierisches Fett (*vasā*), kaltes Wasser, Reisbrei mit Sesam (*kṛśarā*), Milchreis (*pāyasa*), Dickmilch (*dadhi*), Milch (*dugdha*), Buttermilch (*takra*) und Ähnliches.

takrānto navadhānyādiryo'ya varga udāhṛtaḥ doṣasaṃjanano hyeṣa vijñeyaḥ pūyavardhanaḥ

Diese eben genannte Gruppe von Speisen, angefangen bei neuem Getreide bis hin zur Buttermilch, ist als *doṣa*-erregend und eiter- (*pūya*-) vermehrend zu erkennen.

madyapaśca maireyāriṣṭāsavasīdhusurāvikārān pariharet

Auch meide der Genießer berauschender Getränke die verschiedenen Zubereitungen wie *maireya*, *ariṣṭa*, *āsava*, *sīdhu* und *surā* (Arten von alkoholischen Getränken).

madyamamlaṃ tathā rūkṣaṃ tīkṣṇamuṣṇaṃ ca vīryataḥ āśukāri ca tat pītaṃ kṣipraṃ vyāpādayedvraṇam

Alkohol (*madya*) ist sauer, austrocknend und, seiner Wirkkraft (*vīrya*) nach, scharf und heiß sowie schnell wirkend; getrunken schädigt er rasch die Wunde.

vātātaparajodhūmāvaśyāyātisevanātibhojanāniṣṭabhojanaśravaṇadarśane rṣyāmarṣa-bhayaśokadhyānarātrijāgaraṇaviṣamāśanaśayano pavāsavāgvyāyāma sthānacaṅkramaṇaśīta vātaviruddhādhyaśanājīrṇamakṣikādyābādhāḥ pariharet

Man meide übermäßige Aussetzung gegenüber Wind, Sonnenhitze, Staub, Rauch und Morgentau, übermäßiges Essen, das Hören und Sehen unangenehmer Dinge, Eifersucht, Ärger, Furcht, Kummer, angestrengtes Nachdenken, nächtliches Wachbleiben, unregelmäßiges Essen und Liegen, Fasten, vieles Reden, körperliche Anstrengung, langes Stehen und Umhergehen, Kälte und Wind, verbotene Speisenkombinationen, Essen vor der Verdauung des vorigen Mahles, Verdauungsstörung (*ajīrṇa*) sowie die Belästigung durch Fliegen und dergleichen.

vraṇinaḥ saṃprataptasya kāraṇairevamādibhiḥ kṣīṇaśoṇitamāṃsasya bhuktaṃ samyaṅna jīryati

Bei einem Wundpatienten, der durch solche und ähnliche Ursachen erhitzt ist und dessen Blut (*śoṇita*) und Fleisch (*māṃsa*, ein Körpergewebe, *dhātu*) geschwächt sind, wird die verzehrte Speise nicht richtig verdaut.

ajīrṇāt pavanādīnāṃ vibhramo balavān bhavet tataḥ śopharujāsrāvadāhapākānavāpnuyāt

Durch die Verdauungsstörung kommt es zu einer starken Störung von *Vāta* und den anderen *doṣas*, wodurch Schwellung, Schmerz, Ausfluss, Brennen und Eiterung (*pāka*) entstehen.

sadā nīcanakharomṇā śucinā śuklavāsasā śāntimaṅgaladevatābrāhmaṇagurupa-reṇa bhavitavyamiti tat kasya hetoḥ hiṃsāvihārāṇi himahāvīryāṇi rakṣāṃsi paśupatikuberakumārānucarāṇi māṃsaśoṇitapriyatvāt kṣatajanimittaṃ vraṇinamupasarpanti satkārārthaṃjighāṃsūni vā kadācit

Er soll stets kurze Nägel und kurzes Körperhaar tragen, rein sein, weiße Kleidung tragen und den friedenstiftenden, glückverheißenden Gottheiten sowie Brahmanen und Lehrern (*guru*) zugetan sein — und zwar aus folgendem Grund: gewaltliebende, überaus mächtige Dämonen (*rakṣas*), die Gefolgsleute von Paśupati, Kubera und Kumāra, nähern sich, weil sie Fleisch und Blut lieben, dem durch die Wunde (*kṣata*) geschwächten Wundpatienten — manchmal um Verehrung zu empfangen, manchmal um ihm zu schaden.

bhavati cātra teṣāṃ satkārakāmānāṃ prayatetāntarātmanā dhūpabalyupahārāṃśca bhakṣyāṃścaivopahārayet

Für jene, die Verehrung begehren, soll man sich mit innerer Hingabe bemühen und ihnen Räucherwerk, Opfergaben (*bali*) und Speiseopfer sowie Nahrung darbringen.

te tu saṃtarpitā ātmavantaṃ na hiṃsyuḥ tasmāt satatamatandri to janaparivṛto nityaṃ dīpodakaśastrasragdāmapuṣpalājādyalaṅkṛte veśmani saṃpanmaṅgalamano'nukūlāḥ kathāḥ śṛṇvannāsīta

Zufriedengestellt schaden sie dem Besonnenen nicht. Daher verweile man stets unermüdlich, von Menschen umgeben, in einem Haus, das ständig mit Lampen, Wasser, Waffen, Girlanden, Blumenketten, Blüten, geröstetem Reis (*lāja*) und dergleichen geschmückt ist, und höre glückverheißenden, wohlgefälligen Erzählungen zu.

saṃpadādyanukūlābhiḥ kathābhiḥ prītamānasaḥ āśāvān vyādhimokṣāya kṣipraṃ sukhamavāpnuyāt

Erfreuten Herzens durch Erzählungen von Wohlstand und Glück und voller Hoffnung auf Befreiung von der Krankheit, erlangt er rasch Wohlbefinden.

ṛgyajuḥsāmātharvavedābhihitairaparaiścāśīrvidhānairupā dhyāyā bhiṣajaśca sandhyayo rakṣāṃ kuryuḥ

Mit den in *Ṛgveda*, *Yajurveda*, *Sāmaveda* und *Atharvaveda* überlieferten sowie anderen Segenssprüchen sollen die Ärzte (*bhiṣaj*) morgens und abends, zu den *Sandhyā*-Zeiten, den Schutz vollziehen.

sarṣapāriṣṭapatrābhyāṃ sarpiṣā lavaṇena ca dvirahnaḥ kārayeddhūpaṃ daśarātramatandri taḥ

Mit Senfkörnern und Nimblättern, mit Ghee (*sarpis*, geklärte Butter) und Salz lasse man zehn Nächte lang unermüdlich zweimal täglich eine Räucherung durchführen.

chatrāmaticchatrāṃ lāṅgūṅgilidyaṃ jaṭilāṃ brahmacāriṇīṃ lakṣmīṃ guhāmatiguhāṃ vacāmativiṣāṃ śatavīryāṃ sahasravīryāṃ siddhārthakāṃśca śirasā dhārayet

Er trage am Kopf schützende Kräuter wie *Chatrā*, *Aticchatrā*, *Lāṅgalikī*, *Jaṭilā*, *Brahmacāriṇī*, *Lakṣmī*, *Guhā*, *Atiguhā*, *Vacā*, *Ativiṣā*, *Śatavīryā*, *Sahasravīryā* sowie weiße Senfkörner (*siddhārthaka*).

vyajyeta bālavyajanairvraṇaṃ na ca vighaṭṭayet na tudenna ca kaṇḍūyecchayānaḥ paripālayet

Man fächle die Wunde mit sanften Fächern und stoße sie nicht an; der Liegende soll sie nicht stechen oder kratzen, sondern sorgsam behüten.

anena vidhinā yuktamādāveva niśācarāḥ vanaṃ keśariṇā'krāntaṃ varjayanti mṛgā iva

Wer von Anfang an nach dieser Vorschrift lebt, den meiden die Nachtwandler (die Dämonen) so, wie Wildtiere einen Wald meiden, der von einem Löwen beherrscht wird.

jīrṇaśālyodanaṃ snigdhamalpamuṣṇaṃ dra vottaram bhuñjāno jāṅgalairmāṃsaiḥ śīghraṃ vraṇamapohati

Wer wohlausgereiften *Śāli*-Reis, geölt, in kleiner Menge, warm und reichlich mit Flüssigkeit versehen, zusammen mit dem Fleisch von Trockenland-Wildtieren (*jāṅgala*) isst, lässt die Wunde rasch abklingen.

taṇḍulīyakajīvantīsuniṣaṇṇakavāstukaiḥ bālamūlakavārtākapaṭolaiḥ kāravellakaiḥ

Mit *Taṇḍulīyaka*, *Jīvantī*, *Suniṣaṇṇaka*, *Vāstuka*, jungem Rettich, Aubergine, *Paṭola* (Schlangenkürbis) und Bittermelone (*kāravellaka*) —

sadāḍimaiḥ sāmalakairghṛtabhṛṣṭaiḥ sasaindhavaiḥ anyairevaṃguṇairvā'pi mudgādīnāṃ rasena vā śaktūn vilepīṃ kulmāṣāñjalaṃ cāpi śṛtaṃ pibet

— zusammen mit Granatapfel und Amalaka, in Ghee geröstet und mit Steinsalz (*saindhava*) versehen, oder mit anderen, gleichwertigen Gemüsen, oder mit dem Sud von Mungbohnen und dergleichen, trinke er geröstetes Mehl (*saktu*), dünnen Reisbrei (*vilepī*), gekochtes zerstoßenes Getreide (*kulmāṣa*) oder auch abgekochtes Wasser.

divā na nidrā vaśago nivātagṛhagocaraḥ vraṇī vaidyavaśe tiṣṭhañ śīghraṃ vraṇamapohati

Der Wundpatiente, der sich nicht dem Schlaf am Tage hingibt, sich in einem windgeschützten Haus aufhält und sich der Anweisung des Arztes (*vaidya*) fügt, lässt die Wunde rasch abklingen.

vriṇe śvayathurāyāsāt sa ca rāgaśca jāgarāt tau ca ruk ca divāsvāpāttāśca mṛtyuśca maithunāt

An der Wunde entsteht durch Anstrengung Schwellung; durch nächtliches Wachen kommen ebendiese Schwellung und Rötung hinzu; durch Schlaf am Tage kommen dazu noch Schwellung und Schmerz; und durch Geschlechtsverkehr kann sogar der Tod eintreten.

evaṃvṛttasamācāro vraṇī saṃpadyate sukhī āyuśca dīrghamāpnoti dhanvantarivaco yathā

Wer sich so verhält, wird als Wundpatient wieder gesund und erlangt, wie es das Wort Dhanvantaris besagt, ein langes Leben.

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