Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 33: vāraṇīyo Die unabwendbaren Krankheiten

Das dreiunddreißigste Kapitel trägt den Titel „Kapitel der unabwendbaren Krankheitszustände“ (avāraṇīya) und benennt acht schwere Grunderkrankungen – vāta-bedingte Nervenleiden, Harnwegsleiden (prameha), Hautkrankheiten (kuṣṭha), Hämorrhoiden, Analfisteln, Blasensteine, Fehllage der Frucht und Bauchwassersucht (udara) –, die von Natur aus schwer heilbar sind, sowie acht weitere Grunderkrankungen wie Auszehrung, Fieber, Durchfall und Atemnot, die unheilbar werden, sobald bestimmte Begleitsymptome (upadrava) hinzutreten. Für jede der acht ersten Krankheiten werden die konkreten Komplikationen aufgezählt, bei deren Auftreten der Arzt den Fall als aussichtslos betrachten und aufgeben soll – etwa Blutabgang und Durchfall bei Hämorrhoiden oder Austrocknung der Fruchthülle bei Fehllage der Frucht. Das Kapitel liefert ein systematisches Raster zur Prognosestellung, das eng an die vorangehenden Ariṣṭa-Kapitel anschließt, jedoch nicht den unmittelbaren Tod, sondern die grundsätzliche Unheilbarkeit einer Erkrankung zum Thema hat.

Acht schwer heilbare Grundkrankheiten und ihre tödlichen Begleitsymptome (Vers 4–14)
KrankheitTödliche Begleitsymptome
vātavyādhi (Vāta-Nervenleiden)Schwellung, Gefühllosigkeit, Zittern, Aufblähung, Schmerz, Rückzug der Krankheit nach innen
prameha (Harnwegsleiden)übermäßiger Harnabgang, hartnäckige Furunkel
kuṣṭha (Hautkrankheit)aufgebrochene, nässende Glieder; gerötete Augen; Stimmverlust; Widerstand gegen die fünf Reinigungsverfahren
arśas (Hämorrhoiden)Durst, Appetitlosigkeit, Schmerz, übermäßiger Blutabgang, Schwellung, Durchfall
bhagandara (Analfistel)Absonderung von Wind, Harn, Kot, Würmern oder Samen
aśmarī (Blasenstein)Anschwellen von Nabel und Hoden, Harnverhalt, Schmerz
mūḍhagarbha (Fehllage der Frucht)Verkleben der Fruchthülle, Verklumpen der Nachgeburt, Verschluss der Vagina
udara (Bauchwassersucht)Flankenschmerz, Speiseabscheu, Schwellung, Durchfall, erneute Füllung trotz Abführung
Todeszeichen weiterer Grunderkrankungen (Vers 15–26)
KrankheitTodeszeichen
Fieber (jvara)Ohnmacht, gesträubte Körperhaare, gerötete Augen, Schluckauf, Atemnot, Bewusstseinstrübung
Durchfall (atisāra)Atemnot, Schmerz, Durst, Abzehrung, begleitendes Fieber
Schwindsucht (yakṣmā)weißliche Augen, Speiseabscheu, aufsteigende Atemnot, übermäßiger Harn
Bauchtumor (gulma)Atemnot, Schmerz, Durst, Speiseabscheu, Knotenbildung, Bewusstseinstrübung
Abszess (vidradhi)aufgeblähter Leib, gestockter Ausfluss, Erbrechen, Schluckauf, Durst, Atemnot
Blutarmut (pāṇḍuroga)blasse Zähne, Nägel und Augen; alles wirkt blass gefärbt
Blutungsleiden (raktapitta)wiederholtes Bluterbrechen, rote Augen, rot gefärbte Himmelsrichtungen
Geistesverwirrung (unmāda)ständig gesenkter oder erhobener Blick, Schwund von Muskelfleisch und Kraft, Schlaflosigkeit
Fallsucht (apasmāra)wiederholte Anfälle, Abzehrung, zuckende Augenbrauen, verdrehte Augen

athāto'vāraṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die unabwendbaren Krankheitszustände (*avāraṇīya*) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

upadra vaistu ye juṣṭā vyādhayo yāntyavāryatām rasāyanādvinā vatsa tān śṛṇvekamanā mama

Höre mir aufmerksam zu, mein Kind: Krankheiten, die von bestimmten Begleitsymptomen (*upadrava*) befallen sind, werden ohne Verjüngungstherapie (*rasāyana*) unabwendbar.

vātavyādhiḥ pramehaśca kuṣṭhamarśo bhagandaram aśmarī mūḍhagarbhaśca tathaivodaramaṣṭamam

Vāta-bedingte Nervenerkrankungen (*vātavyādhi*), Harnwegsleiden (*prameha*), Hautkrankheiten (*kuṣṭha*), Hämorrhoiden (*arśas*), Analfisteln (*bhagandara*), Blasensteine (*aśmarī*), Fehllage der Frucht (*mūḍhagarbha*) und als achtes die Bauchwassersucht (*udara*) –

aṣṭāvete prakṛtyaiva duścikitsyā mahāgadāḥ prāṇamāṃsakṣayaḥ śoṣastṛṣṇā cchardirjvarastathā

diese acht schweren Krankheiten sind ihrer Natur nach von vornherein schwer zu heilen; ebenso Erschöpfung von Lebenskraft und Muskelfleisch, die Auszehrung (*śoṣa*), übermäßiger Durst, Erbrechen und Fieber.

atīsāraśca mūrcchā ca hikkā śvāsastathaiva ca etairupadra vairjuṣṭān sarvāneva vivarjayet

Sowie Durchfall, Ohnmacht, Schluckauf und Atemnot – alle acht Grunderkrankungen, die von diesen Begleitsymptomen befallen sind, soll man gänzlich aufgeben, als unheilbar betrachten.

śūnaṃ suptatvacaṃ bhagnaṃ kampādhmānanipīḍitam naraṃ rujārtamantaśca vātavyādhirvināśayet

Ein *vāta*-Nervenleiden vernichtet den Menschen, wenn das betroffene Glied geschwollen ist, die Haut gefühllos, es gebrochen erscheint, von Zittern und Aufblähung geplagt wird, wenn er dazu von Schmerz gequält ist und die Krankheit sich nach innen wendet.

yathoktopadra vāviṣṭamatiprasrutameva vā piḍakāpīḍitaṃ gāḍhaṃ prameho hanti mānavam

Ein *prameha* (Harnwegsleiden) tötet den Menschen, wenn es von den genannten Begleitsymptomen befallen ist, wenn übermäßig viel Harn abgeht, oder wenn er von hartnäckigen Furunkeln geplagt wird.

prabhinnaprasrutāṅgaṃ ca raktanetraṃ hatasvaram pañcakarmaguṇātītaṃ kuṣṭhaṃ hantīha kuṣṭhinam

Ein *kuṣṭha* (Hautkrankheit) tötet den davon Betroffenen, wenn die Glieder aufgebrochen und nässend sind, die Augen gerötet, die Stimme verloren ist und es sich den fünf Reinigungsverfahren (*pañcakarma*) entzieht.

tṛṣṇārocakaśūlārtamatiprasrutaśoṇitam śophātīsārasaṃyuktamarśovyādhirvināśayet

Ein Hämorrhoidalleiden (*arśas*) vernichtet den Menschen, wenn er von Durst, Appetitlosigkeit und Schmerz geplagt wird, wenn übermäßig Blut abgeht und Schwellung sowie Durchfall hinzukommen.

vātamūtrapurīṣāṇi krimayaḥ śukrameva ca bhagandarāt prasravanti yasya taṃ parivarjayet

Wessen Analfistel (*bhagandara*) Winde, Urin, Kot, Würmer oder sogar Samen absondert, den soll man aufgeben.

praśūnanābhivṛṣaṇaṃ ruddhamūtraṃ ruganvitam aśmarī kṣapayatyāśu sikatāśarkarānvitā

Ein Blasenstein (*aśmarī*), der mit Sand und Grieß einhergeht, tötet rasch, wenn Nabel und Hoden anschwellen, der Harn zurückgehalten wird und Schmerzen hinzukommen.

garbhakoṣaparāsaṅgo makkallo yonisaṃvṛtiḥ hanyāt striyaṃ mūḍhagarbhe yathoktāścāpyupadra vāḥ

Bei einer Fehllage der Frucht (*mūḍhagarbha*) töten das Verkleben der Fruchthülle, das Verklumpen der Nachgeburt und der Verschluss der Vagina, ebenso die an anderer Stelle genannten Begleitsymptome, die Frau.

pārśvabhaṅgānnavidveṣaśophātīsārapīḍitam viriktaṃ pūryamāṇaṃ ca varjayedudarārditam

Bei der Bauchwassersucht (*udara*) soll man den Kranken aufgeben, wenn er von Flankenschmerzen, Speiseabscheu, Schwellung und Durchfall gequält ist, sowie wenn er trotz Abführung sich wieder mit Flüssigkeit füllt.

yastāmyati visaṃjñaśca śete nipatito'pi vā śītārdito'ntaruṣṇaśca jvareṇa mriyate naraḥ

Ein Mensch stirbt am Fieber, wenn er ohnmächtig wird, bewusstlos daliegt oder hinstürzt, äußerlich von Kälte geplagt ist, während er innerlich brennt.

yo hṛṣṭaromā raktākṣo hṛdi saṃghātaśūlavān nityaṃ vaktreṇa cocchvasyāttaṃ jvaro hanti mānavam

Das Fieber tötet den Menschen, dessen Körperhaare sich sträuben, dessen Augen gerötet sind, der im Herzbereich einen stechenden, zusammenschnürenden Schmerz hat und der ständig durch den Mund atmet.

hikkāśvāsapipāsārtaṃ mūḍhaṃ vibhrāntalocanam saṃtatocchvāsinaṃ kṣīṇaṃ naraṃ kṣapayati jvaraḥ

Das Fieber vernichtet den Menschen, der von Schluckauf, Atemnot und Durst gequält, geistig umnachtet ist, unstete Augen hat, ununterbrochen schwer atmet und abgezehrt ist.

āvilākṣaṃ pratāmyantaṃ nidrā yuktamatīva ca kṣīṇaśoṇitamāṃsaṃ ca naraṃ nāśayati jvaraḥ

Das Fieber vernichtet den Menschen, dessen Augen trübe sind, der ohnmächtig wird, übermäßig schläfrig ist und dessen Blut und Muskelfleisch geschwunden sind.

śvāsaśūlapipāsārtaṃ kṣīṇaṃ jvaranipīḍitam viśeṣeṇa naraṃ vṛddhamatīsāro vināśayet

Der Durchfall (*atisāra*) vernichtet besonders den alten Menschen, wenn er von Atemnot, Schmerz und Durst geplagt, abgezehrt und vom Fieber gequält ist.

śuklākṣamannadveṣṭāramūrdhvaśvāsanipīḍitam kṛcchreṇa bahu mehantaṃ yakṣmā hantīha mānavam

Die Schwindsucht (*yakṣmā*) tötet hier den Menschen, dessen Augen weißlich sind, der Speise verabscheut, unter aufsteigender Atemnot leidet und mühsam übermäßig viel Harn ausscheidet.

śvāsaśūlapipāsānnavidveṣagranthimūḍhatāḥ bhavanti durbalatvaṃ ca gulmino mṛtyumeṣyataḥ

Wer an einem Bauchtumor (*gulma*) leidet und dem Tode entgegengeht, bei dem treten Atemnot, Schmerz, Durst, Speiseabscheu, Knotenbildungen, Bewusstseinstrübung und Kraftlosigkeit auf.

ādhmātaṃ baddhaniṣyandaṃ chardihikkātṛḍanvitam rujāśvāsasamāviṣṭaṃ vidra dhirnāśayennaram

Ein Abszess (*vidradhi*) vernichtet den Menschen, wenn der Leib aufgebläht ist, der Ausfluss stockt, Erbrechen, Schluckauf und Durst hinzukommen und er von Schmerz und Atemnot befallen wird.

pāṇḍudantanakho yaśca pāṇḍunetraśca mānavaḥ pāṇḍusaṃghātadarśī ca pāṇḍurogī vinaśyati

Ein an Blutarmut (*pāṇḍuroga*) Leidender geht zugrunde, wenn seine Zähne und Nägel blass, seine Augen blass werden und er alles wie in blasser Färbung erblickt.

lohitaṃ chardayedyastu bahuśo lohitekṣaṇaḥ raktānāṃ ca diśāṃ dra ṣṭā raktapittī vinaśyati

Wer an *raktapitta* (Blutungsleiden) leidet, geht zugrunde, wenn er wiederholt Blut erbricht, rote Augen hat und die Himmelsrichtungen rot gefärbt erblickt.

avāṅmukhastūnmukho vā kṣīṇamāṃsabalo naraḥ jāgariṣṇurasaṃdehamunmādena vinaśyati

Ein an Geistesverwirrung (*unmāda*) leidender Mensch geht zweifellos zugrunde, wenn er das Gesicht ständig nach unten oder nach oben hält, an Muskelfleisch und Kraft geschwunden ist und die ganze Zeit schlaflos wach bleibt.

bahuśo'pasmarantaṃ tu prakṣīṇaṃ calitabhruvam netrābhyāṃ ca vikurvāṇamapasmāro vināśayet

Die Fallsucht (*apasmāra*, Epilepsie) vernichtet den, der wiederholt von Anfällen befallen wird, abgezehrt ist, dessen Augenbrauen zucken und dessen Augen sich dabei verdrehen.

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