Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 28: viparītāviparītavraṇavijñānīyo Günstige und ungünstige Wundzeichen

Das achtundzwanzigste und letzte Kapitel dieses Abschnitts, „Über die Erkenntnis günstiger und ungünstiger Wunden“ (*viparītāviparītavraṇavijñāna*), widmet sich den *ariṣṭa*, den Todeszeichen, die – wie Blüten die kommende Frucht – den nahenden Tod eines Wundpatienten ankündigen und nur von Unkundigen übersehen werden. Beschrieben werden charakteristische Geruchsabweichungen der Wunde (scharf-faulig bei *Vāta*, metallisch bei Blut), verräterische Farben nach Safran, Honig oder Kuṣṭha-Wurzel, ungewöhnliche Geräusche wie Zischen oder Gurgeln sowie – bemerkenswert – visionäre Erscheinungen in der Wunde selbst: Bilder von Waffen, Wagen, Palästen oder Tieren gelten als sicheres Todeszeichen. Der Arzt wird ermahnt, bei solchen Zeichen von jeder Behandlung abzusehen, da ein Versuch bei bereits abgelaufener Lebenszeit nur seinem Ansehen schaden würde – ein Kapitel, das die chirurgische Prognostik mit einer geradezu mantischen Zeichenlehre verbindet.

Todeszeichen (ariṣṭa) der Wunde nach Ursache (Vers 9–16)
UrsacheGeruch/Farbe/Merkmal
Vātascharfer, stechender, fauliger Geruch; schwarze Wunde mit dünnem Ausfluss, ohne Schmerz
PittaFarbe von Safran, Honig oder Kuṣṭha-Wurzel, ohne Brennen oder Sog-Gefühl
Blutmetallischer Geruch
Kaphajuckend, verhärtet, weiß und ölig, dabei schmerzend oder brennend
Sannipātavermischter Geruch aller drei Doṣas
Weitere Todeszeichen sind zischende oder gurgelnde Geräusche der Wunde sowie darin erscheinende Bilder von Waffen, Wagen oder Palästen (V16–19).

athāto viparītāviparītavraṇavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Erkenntnis günstiger und ungünstiger *vraṇa* (Wunden) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.

phalāgnijalavṛṣṭīnāṃ puṣpabhūmāmbudā yathā khyāpayanti bhaviṣyattvaṃ tathā riṣṭāni pañcatām

So wie Blüten, Erdboden und Wolken das künftige Eintreten von Frucht, Feuer, Wasser und Regen ankündigen, so kündigen die *ariṣṭa* (Todeszeichen) das nahende Sterben an.

tāni saukṣmyāt pramādādvā tathaivāśu vyatikramāt gṛhyante nodgatānyajñairmumūrṣorna tvasaṃbhavāt

Diese Zeichen werden von Unkundigen wegen ihrer Feinheit, aus Unachtsamkeit oder weil sie rasch vorübergehen, oft nicht erkannt, auch wenn sie beim Sterbenden bereits aufgetreten sind – nicht weil sie nicht vorhanden wären.

dhruvaṃ tu maraṇaṃ riṣṭe brāhmaṇaistat kilāmalaiḥ rasāyanatapojapyatatparairvā nivāryate

Zeigt sich ein *ariṣṭa*, so ist der Tod gewiss; abgewendet werden kann er allein durch makellose Brahmanen oder durch solche, die sich der *rasāyana* (Verjüngungstherapie), Askese und Gebetsrezitation hingeben.

nakṣatrapīḍā bahudhā yathā kālaṃ vipacyate tathaivāriṣṭapākaṃ ca bruvate bahavo janāḥ

So wie eine Bedrängnis der Gestirne (*nakṣatra*, Mondhäuser) sich auf vielfache Weise zur rechten Zeit vollendet, so, sagen viele, reift auch das Todeszeichen zu seiner Erfüllung.

asiddhimāpnuyālloke pratikurvan gatāyuṣaḥ ato'riṣṭāni yatnena lakṣayet kuśalo bhiṣak

Wer bei einem, dessen Lebenszeit bereits abgelaufen ist, dennoch eine Behandlung versucht, erleidet in der Welt Misserfolg; darum soll der erfahrene Arzt die Todeszeichen mit Sorgfalt erkennen.

gandhavarṇarasādīnāṃ viśeṣāṇāṃ svabhāvataḥ vaikṛtaṃ yat tadācaṣṭe vraṇinaḥ pakvalakṣaṇam

Jede Abweichung von der natürlichen Beschaffenheit von Geruch, Farbe, Geschmack und dergleichen Merkmalen zeigt beim Wundpatienten das Kennzeichen einer ausgereiften, tödlichen Wunde an.

kaṭustīkṣṇaśca visraśca gandhastu pavanādibhiḥ lohagandhistu raktena vyāmiśraḥ sānnipātikaḥ

Ein scharfer, stechender und fauliger Geruch entsteht durch *vāta* (den Wind-*doṣa*) und dergleichen, ein metallischer Geruch durch Blut, ein vermischter Geruch bei *sānnipātika*-Zuständen (durch das gleichzeitige Übermaß aller drei *doṣa* verursacht).

lājātasītailasamāḥ kiṃcidvisrāśca gandhataḥ jñeyāḥ prakṛtigandhāḥsyurato'nyadgandhavaikṛtam

Gerüche, die geröstetem Reis oder kaltem Öl ähneln oder nur leicht faulig sind, gelten als natürliche Gerüche; jeder andere Geruch ist als krankhafte Abweichung zu erkennen.

madyāgurvājyasumanāpadmacandanacampakaiḥ sagandhā divyagandhāśca mumūrṣūṇāṃ vraṇāḥ smṛtāḥ

Wunden Sterbender, so heißt es, riechen nach Wein, Aloeholz, Ghee, Jasmin, Lotus, Sandelholz oder Campaka-Blüten oder verströmen einen geradezu himmlischen Duft.

śvavājimūṣikadhvāṅkṣapūtivallūramatkuṇaiḥ sagandhāḥ paṅkagandhāśca bhūmigandhāśca garhitāḥ

Als verwerflich gelten Wunden, die nach Hund, Pferd, Maus, Krähe, fauligem Fleisch, Aas oder Wanzen riechen, ebenso solche mit Schlamm- oder Erdgeruch.

kuṅkumadhyāmakaṅkuṣṭhasavarṇāḥ pittakopataḥ na dahyante na cūṣyante bhiṣak tān parivarjayet

Wunden, die durch Erregung des *pitta* (Feuer-*doṣa*) die Farbe von Safran, Honig oder Kuṣṭha-Wurzel annehmen und dabei weder brennen noch ein Sog-Gefühl zeigen – solche Wunden soll der Arzt meiden.

kaṇḍūmantaḥ sthirāḥ śvetāḥ snigdhāḥ kaphanimittataḥ dūyante vā'pi dahyante bhiṣak tān parivarjayet

Wunden, die – durch *kapha* (den Schleim-*doṣa*) verursacht – juckend, verhärtet, weiß und ölig sind und dabei schmerzen oder brennen, soll der Arzt ebenfalls meiden.

kṛṣṇāstu ye tanusrāvā vātajā marmatāpinaḥ svalpāmapi na kurvanti rujaṃ tān parivarjayet

Schwarze, durch *vāta* entstandene Wunden mit dünnem Ausfluss, die die *marman* (lebenswichtigen Punkte) quälen und dabei nicht den geringsten Schmerz verursachen, soll er ebenfalls meiden.

kṣveḍanti ghurghurāyante jvalantīva ca ye vraṇāḥ tvaṅmāṃsasthāśca pavanaṃ saśabdaṃ visṛjanti ye

Wunden, die zischen, gurgelnde Geräusche machen, wie in Flammen zu stehen scheinen, und solche, die – in Haut und Fleisch sitzend – Wind mit hörbarem Geräusch entlassen, soll er ebenfalls meiden.

ye ca marmasvasaṃbhūtā bhavantyatyarthavedanāḥ dahyante cāntaratyarthaṃ bahiḥ śītāśca ye vraṇāḥ

Ebenso Wunden, die zwar nicht an einem *marman* selbst entstanden sind, aber dennoch äußerst schmerzhaft sind, sowie solche, die innen heftig brennen, während sie sich außen kalt anfühlen –

dahyante bahiratyarthaṃ bhavantyantaśca śītalāḥ śaktidhvajarathāḥ kuntavājivāraṇagovṛṣāḥ

– oder die außen heftig brennen und sich innen kalt anfühlen, und solche, in denen sich Bilder von Speeren, Fahnen, Wagen, Lanzen, Pferden, Elefanten und Stieren zeigen –

yeṣu cāpyavabhāseran prāsādākṛtayastathā cūrṇāvakīrṇā iva ye bhānticānavacūrṇitāḥ

– oder in denen sich Palastgestalten zeigen, sowie solche, die aussehen, als wären sie mit Pulver bestreut, obwohl sie es nicht sind –

prāṇamāṃsakṣayaśvāsakāsārocakapīḍitāḥ pravṛddhapūyarudhirā vraṇā yeṣāṃ ca marmasu

– Wunden bei Patienten, die von Erschöpfung der Lebenskraft, Fleischschwund, Atemnot, Husten und Appetitlosigkeit geplagt sind, mit stark vermehrtem Eiter und Blut, sowie Wunden, die an einem *marman* liegen –

kriyābhiḥ samyagārabdhā na siddhynti ca ye vraṇāḥ varjayettānapi prājñaḥ saṃrakṣannātmano yaśaḥ

– und Wunden, die trotz sachgerecht begonnener Behandlung nicht heilen: all diese soll der Kluge meiden, um seinen eigenen guten Ruf zu bewahren.

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