Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 43: vamanadra vyavikalpavijñānīyo Die Zubereitung der Brechmittel

Das dreiundvierzigste Kapitel beschreibt detailliert die Zubereitung der Brechmittel-Substanzen (vamana) und widmet den größten Teil der Madanaphala, der Frucht der „Rauschbeere“, als vornehmstem Emetikum: Mehrere aufwendige Zubereitungsweisen werden geschildert, von der einfachen Pulvereinnahme mit Honig und Salz bis zu einem mehrtägigen Verfahren, bei dem die Früchte in Getreide vergraben, mit Dickmilch und Fleisch vermahlen und schließlich unter Rezitation eines Segensspruches – der die Götter Brahmā, Śiva, Indra sowie Sonne, Mond und Wind anruft – dem nach Osten blickenden Kranken verabreicht werden. Weitere, kürzer behandelte Brechmittel sind Jīmūtaka, Kuṭaja, Kṛtavedhana, Ikṣvāku und Dhāmārgava, deren Anwendung jeweils nach dem Vorbild der Madana-Frucht erfolgt, mit Angaben zu Milch- und Absud-Zubereitungen je nach Konstitution des Patienten. Das Kapitel zeigt exemplarisch die enge Verbindung von pharmazeutischem Wissen und ritueller Rahmung im klassischen Āyurveda.

athāto vamanadra vyavikalpavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die verschiedenen Brechmittel-Substanzen (vamana, „das Erbrechen als Therapie“) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari lehrte:

vamanadravyāṇāṃ phalādīnāṃ madanaphalāni śreṣṭhatamāni bhavanti atha madanapu-ṣpāṇāmātapapariśuṣkāṇāṃ cūrṇaprakuñjaṃ pratyakpuṣpāsadāpuṣpīnimba kaṣāyāṇā-manyatamenāloḍya madhusaindhavayuktāṃ puṣapacūrṇamātrāṃ pāyayitvā vāmayet mada-naśalāṭucūrṇānyevaṃ vā bakularamyakopayuktāni madhulavaṇa yuktānyabhiprataptāni madanaśalāṭucūrṇasiddhāṃ vā tilataṇḍulayavāgūm nirvṛttānāṃ vā nātiharita-pāṇḍūnāṃ kuśamūḍhāvavaddhamṛdgomayapraliptānāṃ yavavrīhimudgamāṣaśālyādidhā-nyarāśāvaṣṭarātroṣitaklinnabhinnānāṃ phalānāṃ phalapippalīruddhṛtyātape śoṣayet tāsāṃ dadhimadhupalalavimṛditapariśuṣkāṇāṃ subhājanasthānāmantarnakhamuiṣṭamu-ṣṇe yaṣṭīmadhukakaṣāye kovidārādīnāmanyatame vā kaṣāye pramṛdya rātriparyuṣitaṃ madhusaindhavayuktamāśīrbhirabhimantritamudaṅmukhaḥ prāṅmukhamāturaṃ pāyayedanenamantreṇābhimantrya brahmadakṣaśivarudrendrabhūcandrārkānalānilāḥ ṛṣayaḥ sauṣadhigrāmā bhūtasaṃghāśca pāntu te

Unter den Brechmittel-Substanzen – Früchten und anderem – sind die Früchte der Madanapflanze (madanaphala, „die Rauschbeere“) die vorzüglichsten. Nun rühre man das feine Pulver der an der Sonne getrockneten Madana-Blüten zusammen mit einem der Absude von Pratyakpuṣpā, Sadāpuṣpī oder Nimba an, gebe dem Kranken die Blütenpulvermenge mit Honig und Steinsalz zu trinken und lasse ihn erbrechen. Ebenso kann man das grobe Pulver der Madana-Fruchtschalen zusammen mit Bakula und Ramyaka verwenden, mit Honig und Salz versetzt und erhitzt; oder einen mit dem Pulver der Madana-Fruchtschalen gekochten Reisschleim aus Sesam, Reis und Gerste. Oder man nehme reife, nicht zu grüne und nicht zu blasse Früchte, die – eingebunden in Kuśa-Gras und mit weichem Kuhdung bestrichen – in einem Haufen von Gerste, Reis, Mungbohnen, Māṣa-Bohnen, Reis und ähnlichem Getreide acht Nächte gelegen haben, bis sie feucht und aufgesprungen sind; man entnehme ihnen die Fruchtpippalī und trockne sie an der Sonne. Diese, mit Dickmilch, Honig und Fleisch zermahlen und getrocknet, in einem guten Gefäß aufbewahrt und mit den Nägeln zerrieben, weiche man über Nacht ein – entweder in einem warmen Absud von Süßholz oder in einem der Absude von Kovidāra und Ähnlichem –, versetze sie mit Honig und Steinsalz, spreche über sie einen Segen und lasse den nach Norden blickenden Behandler dem nach Osten blickenden Kranken den Trank mit folgendem Zauberspruch verabreichen: Brahmā, Dakṣa, Śiva, Rudra, Indra, Erde, Mond, Sonne, Feuer und Wind, die Ṛṣis, die Pflanzenscharen und die Wesenheiten mögen dich beschützen.

rasāyanamivarṣīṇāṃ devānāmamṛtaṃ yathā sudhevottamanāgānāṃ bhaiṣajyamidamastu te

Wie das Verjüngungsmittel für die Ṛṣis, wie der Nektar für die Götter, wie der Trank der Unsterblichkeit für die erhabensten Schlangenwesen – so möge dieses Heilmittel für dich sein.

viśeṣeṇa śleṣmajvarapratiśyāyāntarvidra dhiṣu apravartamāne vā doṣe pippalī-vacāgaurasarṣapakalkonmiśraiḥ salavaṇairuṣṇāmbubhiḥ punaḥ punaḥ pravartayedāsamya-gvāntalakṣaṇāditi madanaphalamajjacūrṇaṃ vā tatkvāthaparibhāvitaṃ madanaphalaka-ṣāyeṇa madanaphalamajjasiddhasya vā payasaḥ santānikāṃ kṣaudra yuktāṃ madanaphala-majjasiddhaṃ vā payaḥ madanaphalamajjasiddhena vā payasā yavāgūm adhobhāgāsṛ-kpittahṛddāhayoḥ madanaphalamajjasiddhasya vā payaso dadhibhāvamupagatasya dadhyu-ttaraṃ dadhi vā kaphaprasekacchardimūrcchātamakeṣu madanaphalamajjarasaṃ snehaṃ vā bha-llātakasnahevadādāya phāṇitībhūtaṃ lehayet ātapapariśuṣkaṃ vā tameva jī-vantīkaṣāyeṇa pitte kaphasthānagate madanaphalamajjakvāthaṃ vā pippalyādipratī-vāpaṃ taccūrṇaṃ vā nimbarūpikākaṣāyayoranyatareṇa saṃtarpaṇakaphajavyādhiharaṃ madanaphalamajjacūrṇaṃ vā madhūkakāśmaryadrā kṣākaṣāyeṇa madanaphalavidhānamuktam

Insbesondere bei Schleimfieber, Schnupfen und inneren Geschwüren, oder wenn der Doṣa nicht in Bewegung gerät, lasse man ihn wiederholt mit heißem, gesalzenem Wasser, das mit einem Brei aus Pippalī, Vacā und weißem Senf vermischt ist, in Bewegung setzen, bis die Zeichen eines vollständigen Erbrechens erreicht sind. Oder man verwende das Pulver aus dem Fruchtfleisch der Madana-Frucht, mit dem Absud derselben getränkt; oder Milch, gekocht mit dem Fruchtfleisch der Madana-Frucht, als Rahmhaut mit Honig versetzt; oder ebendiese Milch als solche; oder einen mit dieser Milch gekochten Reisschleim bei Blutungen im unteren Körperbereich sowie bei Sodbrennen des Herzens infolge von Blut und Galle; oder, wenn diese Milch zu Dickmilch geronnen ist, den Rahm oder die Dickmilch selbst bei Schleimabsonderung, Erbrechen und Ohnmacht mit Atemnot; oder den Saft beziehungsweise das Öl des Fruchtfleisches der Madana-Frucht, mit Bhallātaka-Öl versetzt und zu Sirupdicke eingekocht, zum Lecken gegeben; oder dasselbe, an der Sonne getrocknet, mit einem Absud von Jīvantī bei einer im Bereich des kapha befindlichen Störung des pitta; oder einen Absud aus dem Fruchtfleisch der Madana-Frucht mit einer Beimischung von Pippalī und Ähnlichem, oder dessen Pulver mit einem der beiden Absude von Nimba und Rūpikā, als kräftigendes Mittel, das durch kapha verursachte Krankheiten beseitigt; oder das Pulver aus dem Fruchtfleisch der Madana-Frucht mit einem Absud aus Madhūka, Kāśmarya und Weintraube. So ist die Zubereitungsweise der Madana-Frucht dargelegt.

jīmūtakakusumacūrṇaṃ pūrvavadeva kṣīreṇa nirvṛtteṣu kṣīrayavāgūṃ romaśeṣu santāni-kāṃ aromaśeṣu dadhyuttaraṃ haritapāṇḍuṣu dadhi tatkaṣāyasaṃsṛṣṭāṃ vā surāṃ kaphārocakakāsaśvāsapāṇḍurogayakṣmasu paryāgateṣumadanaphalamajjavadupayogaḥ

Das Pulver der Jīmūtaka-Blüte wende man wie zuvor mit Milch an: bei Behaarten Milchreisschleim, bei Unbehaarten die Rahmhaut, bei grünlich-blassen die Dickmilch-Rahmhaut oder die Dickmilch selbst, oder mit deren Absud vermischten Branntwein – bei kapha-bedingtem Appetitverlust, Husten, Atemnot, Blutarmut und fortgeschrittener Schwindsucht ist die Anwendung wie beim Fruchtfleisch der Madana-Frucht.

tadvadeva kuṭajaphalavidhānam

Ebenso verhält es sich mit der Zubereitung der Kuṭaja-Frucht.

kṛtavedhanānāmapyeṣa eva kalpaḥ

Auch für die Kṛtavedhana-Früchte gilt dasselbe Verfahren.

ikṣvākukusumacūrṇaṃ vā pūrvavat evaṃ kṣīreṇa kāsaśvāsacchardikapharogeṣūpayogaḥ

Auch das Pulver der Ikṣvāku-Blüte wende man wie zuvor mit Milch an, bei Husten, Atemnot, Erbrechen und kapha-bedingten Krankheiten.

dhāmārgavasyāpi madanaphalamajjavadupayogaḥ viśeṣatastu garagulmodarakāsaśvāsaśleṣmāmayeṣu vāyauca kaphasthānagate

Auch bei Dhāmārgava ist die Anwendung wie beim Fruchtfleisch der Madana-Frucht, insbesondere aber bei Vergiftung, Bauchgeschwulst, Bauchwassersucht, Husten, Atemnot und Schleimkrankheiten sowie wenn der Wind sich im Bereich des kapha befindet.

kṛtavedhanaphalapippalīnāṃ vamanadra vyakaṣāyaparipītānāṃ bahuśaścūrṇamutpalādi-ṣudattamāghrātaṃ vāmayati tattvanavabaddhadoṣeṣu yavāgūmākaṇṭhātpītavatsu ca vidadhyāt vamanavirecanaśirovirecanadra vyāṇyevaṃ vā pradhānatamāni bhavanti

Das Pulver aus den Kṛtavedhana-Früchten und Pippalī, wiederholt zusammen mit dem Absud einer Brechmittel-Substanz getrunken, in Utpala und Ähnliches gegeben und daran gerochen, bewirkt Erbrechen. Bei frischen, noch nicht fest gebundenen Doṣas jedoch, wenn der Kranke Reisschleim bis zum Hals getrunken hat, soll man es entsprechend anwenden. So sind die wichtigsten Substanzen für das Erbrechen, das Abführen und das Entleeren des Kopfes genannt.

bhavataścātra vamanadra vyayogāṇāṃ digiyaṃ saṃprakīrtitā tān vibhajya yathāvyādhi kālaśaktiviniścayāt

So ist hier diese Richtschnur der Verbindungen von Brechmittel-Substanzen dargelegt; man unterteile sie und wende sie je nach Krankheit, Zeit und Kraft des Kranken an, nach sorgfältiger Beurteilung.

kaṣāyaiḥ svarasaiḥ kalkaiścūrṇairapi ca buddhimān peyalehyādyabhojyeṣu vamanānyupakalpayet

Mit Absuden, frisch gepressten Säften, Breien und Pulvern soll der Kundige die Brechmittel in Form von Trank, Lecktrank und anderen ungekauten Zubereitungen bereiten.

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