athātaḥ kṛtyākṛtyavidhimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Regeln des Tunlichen und Untunlichen (*kṛtyākṛtya*) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das dreiundzwanzigste Kapitel, „Über die Regeln des Tunlichen und Untunlichen“ (*kṛtyākṛtyavidhi*), listet die Faktoren auf, die über leichte oder schwere Heilbarkeit einer Wunde entscheiden: Lebensalter, Konstitution und seelische Kraft des Patienten ebenso wie die Körperregion – Wunden am Rücken oder an der Lippe heilen leicht, solche am Auge, Nabel oder an lebenswichtigen Punkten (*marman*) nur schwer. Es folgt die dreistufige Prognoseeinteilung in heilbar (*sādhya*), palliativ zu betreuen (*yāpya*) und unheilbar (*asādhya*), mit anschaulichen Bildern für unheilbare Wunden – etwa solche, die wie ein Pferdeafter nach außen gestülpt sind oder Hirnsubstanz absondern. Abschließend werden die Zeichen einer reinen, gut heilenden und vollständig verheilten Wunde beschrieben, sowie die Umstände, unter denen eine bereits verheilte Wunde wieder aufbrechen kann.
| Leicht heilbar | Schwer heilbar |
|---|---|
| Gesäß, After, Genitalien, Stirn, Wange, Lippe, Rücken, Ohrmuschel, Hodensack, Schlüsselbein, Mundinneres | Auge, Zahn, Nase, äußerer Augenwinkel, Ohr, Nabel, Bauch, Dammnaht, Flanke, Weiche, Brust, Achsel, Haarwurzeln, Nagelränder, vitale Punkte (marman), Schienbein |
athātaḥ kṛtyākṛtyavidhimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Regeln des Tunlichen und Untunlichen (*kṛtyākṛtya*) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari gesagt hat.
tatra vayaḥsthānāṃ dṛḍhānāṃ prāṇavatāṃ sattvavatāṃ ātmavatāṃ ca sucikitsyā vra-ṇāḥ ekasmin vā puruṣe yatraitadguṇacatuṣṭayaṃ tasya sukhasādhanīyatamāḥ tatra vayaḥ sthānāṃ pratyagradhātutvādāśu vraṇā rohanti dṛḍhānāṃ sthirabahumāṃsatvācchastrama-vacāryamāṇaṃ sirāsnāyvādiviśeṣānna prāpnoti prāṇavatāṃ vedanābhighātāhāra yantraṇādibhirna glānirutpadyate sattvavatāṃ dāruṇairapi kriyāviśeṣairna vyathā bhavati tasmādeteṣāṃ sukhasādhanīyatamāḥ
Wunden (*vraṇa*, die Wunde) bei Menschen im rechten Lebensalter, von fester Konstitution, mit starker Lebenskraft, mit seelischer Kraft (*sattva*, die innere Stärke) und mit Selbstbeherrschung sind leicht zu behandeln; vereinigt gar ein einzelner Mensch alle diese vier Eigenschaften, so ist er am leichtesten zur Heilung zu bringen. Bei Menschen im rechten Lebensalter heilen die Wunden rasch, weil ihr Gewebe (*dhātu*, das Körpergewebe) frisch ist; bei den Kräftigen, weil ihr Fleisch fest und reichlich ist, gelangt das schneidende Instrument (*śastra*, das scharfe Operationsinstrument) beim Operieren nicht an die Besonderheiten von Venen (*sirā*, das Blutgefäß), Sehnen (*snāyu*, die Sehne) und dergleichen; bei den Lebenskräftigen entsteht durch Schmerz, Verletzung, Diät- oder Fesselungszwang keine Erschöpfung; bei den Seelenstarken verursachen selbst harte Eingriffe keine Qual. Deshalb sind Wunden bei diesen am leichtesten zu heilen.
ta eva viparītaguṇā vṛddhakṛśālpaprāṇabhīruṣudra ṣṭavyāḥ
Wer die entgegengesetzten Eigenschaften hat – die Alten, Abgemagerten, Schwachen und Ängstlichen –, ist entsprechend als schwer zu behandeln anzusehen.
sphikpāyuprajananalalāṭagaṇḍauṣṭhapṛṣṭhakarṇaphalakoṣo darajatrumukhābhyantarasaṃsthāḥ sukharopaṇīyā vraṇāḥ
Wunden am Gesäß, After, an den Genitalien, an Stirn, Wange, Lippe, Rücken, Ohrmuschel, Hodensack, Schlüsselbein und im Mundinneren heilen leicht.
akṣidantanāsāpāṅgaśrotranābhijaṭharasevanīnitambapārśvakukṣivakṣaḥ kakṣāstana-sandhibhāgagatāḥ saphenapūyaraktānilavāhino'nta śalyāśca duścikitsyāḥ adho bhāgāścaurdhvabhāganirvāhiṇo romāntopanakhamarmajaṅghāsthisaṃśritāśca bhagandaramapi cāntarmukhaṃ sevanīkuṭakāsthisaṃśritam
Wunden an Auge, Zahn, Nase, äußerem Augenwinkel, Ohr, Nabel, Bauch, an der Dammnaht (*sevanī*), an Gesäß, Flanke, Weiche, Brust, Achsel und den Brustgelenkregionen, die Schaum, Eiter, Blut und Wind (*vāta*) führen, sowie innere Fremdkörper (*śalya*, der Fremdkörper), sind schwer zu behandeln. Ebenso die in den unteren Körperteilen liegenden und die nach oben führenden, die an Haarwurzeln, Nagelrändern, vitalen Punkten (*marma*, der lebenswichtige Punkt) und am Schienbeinknochen gelegenen; und auch die Analfistel (*bhagandara*), wenn sie nach innen mündet und Dammnaht oder Steißbein betrifft.
kuṣṭhināṃ viṣajuṣṭānāṃ śoṣiṇāṃ madhumehinām vraṇāḥ kṛcchreṇa sidhyanti yeṣāṃ cāpi vraṇe vraṇāḥ
Bei Aussätzigen (an *kuṣṭha*, einer Hautkrankheit, Leidenden), Vergifteten, Schwindsüchtigen und an *madhumeha* (dem 'Honigharn', einer Form der Zuckerkrankheit) Leidenden heilen Wunden nur schwer; ebenso bei denen, die an einer Wunde eine weitere Wunde haben.
avapāṭikāniruddhaprakaśasanniruddhagudajaṭharāṇi granthikṣatakrimayaḥ prariśyāya-jāḥ koṣṭhajāśca tvagdoṣiṇāṃ pramehiṇāṃ vā ye parikṣateṣu dṛśyante śarkarā si-katāmeho vātakuṇḍalikā'ṣṭhīlā dantaśarka ropakuśaḥ kaṇṭhaśālūkaṃ niṣkoṣaṇadūṣitāśca dantaveṣṭā visarpā sthikṣatoraḥkṣatavraṇagranthiprabhṛtayaśca yāpyāḥ
Rhagaden, Phimose, Darm- oder Bauchverschluss mit Afterbeteiligung, Knotenbildungen, Verletzungen und Würmer, aus Schnupfen entstandene und aus dem Verdauungstrakt (*koṣṭha*, der Bauchraum) entstandene Leiden bei Hautkranken oder an *prameha* (einer Harnkrankheit) Leidenden, ferner das, was man bei stark Verwundeten beobachtet – Harngries, Sand-Harnkrankheit, windbedingte Ringelbildung, harte Knoten, Zahnstein, zurückweichendes Zahnfleisch, Mandelgeschwulst im Rachen, durch Entblößung geschädigtes und entzündetes Zahnfleisch, Hautwanderröte (*visarpa*), Hüftverletzungen, Brustverletzungen und Wundknoten und dergleichen – all diese sind nur palliativ zu betreuen (*yāpya*, dauerhaft zu pflegen, nicht heilbar).
sādhyā yāpyatvamāyānti yāpyāścāsādhyatāṃ tathā ghnanti prāṇānasādhyāstu narāṇāmakriyāvatām
Was heilbar ist, kann in einen nur palliativ zu betreuenden Zustand übergehen, und was palliativ zu betreuen ist, kann unheilbar werden; unheilbare Leiden aber rauben Menschen, die nicht behandelt werden, das Leben.
yāpanīyaṃ vijānīyāt kriyā dhārayate tu yam kriyāyāṃ tu nivṛttāyāṃ sadya eva vinaśyati
Man erkenne: Was durch Behandlung am Leben erhalten wird, gilt als palliativ zu betreuen; hört die Behandlung auf, geht der Kranke sogleich zugrunde.
prāptā kriyā dhārayati yāpyavyādhitamāturam prapatiṣyadivāgāraṃ viṣkambhaḥ sādhuyojitaḥ
Solange die Behandlung fortgesetzt wird, hält sie den palliativ zu betreuenden Kranken am Leben – wie eine gut angebrachte Stütze ein einzustürzendes Haus.
ata ūrdhvamasādhyān vakṣyāmaḥmāṃsapiṇḍavadudgatāḥ prasekino'nta pūyavedanāvanto'śvāpānavadudvṛttauṣṭhāḥ kecit kaṭhinā gośṛṅgavadudgatamṛdumāṃsaprarohāḥ apare duṣṭarudhirāsrāviṇastanuśītapicchi lāsrāviṇo vā madhyonnatāḥ keci-davasannaśuṣiraparyantāḥ śaṇatūlavat snāyujālavanto durdarśanāḥ vasāmedomajja-mastuluṅgasrāviṇaśca doṣasamutthāḥ pītāsitamūtrapurīṣavātavāhinaśca koṣṭhasthāḥ ta evobhayatobhāgavraṇamukheṣu pūyaraktanirvāhiṇaḥ kṣīṇamāṃsānāṃ ca sarvatogata-yaścāṇumukhā māṃsabudbudavantaḥ saśabdavātavāhinaśca śiraḥkaṇṭhasthāḥ kṣīṇamāṃ-sānāṃ ca pūyaraktanirvāhiṇo'rocakā vipākakāsaśvāsopadra vayuktāḥ bhinne vā śiraḥ kapāle yatra mastu luṅgadarśanaṃ tridoṣaliṅgaprādurbhāvaḥ kāsaśvāsau vā yasyeti
Von nun an werden wir die unheilbaren Wunden nennen: solche, die wie ein Fleischklumpen emporwachsen und beständig triefen, eiternd und schmerzhaft sind; solche mit nach außen gestülpten Lippen wie der After eines Pferdes; manche, die hart wie ein Rinderhorn emporragen und aus denen weiches Fleisch hervorsprießt; andere, die verdorbenes Blut absondern oder eine dünne, kalte, schleimige Flüssigkeit, in der Mitte erhaben; manche mit eingesunkenen, hohlrandigen Rändern, voller Sehnenfäden wie Flachswerk und schwer anzusehen; solche, die Fett, Talg, Knochenmark oder Hirnsubstanz absondern und aus den Körpersäften (*doṣa*, die drei Körpersäfte Wind, Galle, Schleim) entstehen; solche im Rumpfbereich, die gelben oder schwarzen Harn, Kot und Wind abführen; ebendieselben, wenn sie an beiden Rändern der Wundöffnungen Eiter und Blut abführen, bei Menschen mit geschwundenem Fleisch, überall verteilt, mit feinen Öffnungen und Fleischbläschen; solche an Kopf und Hals, die mit Geräusch Wind abführen, bei Menschen mit geschwundenem Fleisch Eiter und Blut absondern und von Appetitlosigkeit, Verdauungsstörung, Husten und Atemnot begleitet sind; oder wenn der Schädelknochen gebrochen ist, das Hirngewebe sichtbar wird, die Zeichen der drei Doṣas hervortreten oder Husten und Atemnot auftreten.
bhavati cātra vasāṃ medo'tha majjānaṃ mastuluṅgaṃ ca yaḥ sravet āgantustu vraṇaḥ sidhyenna sidhyeddoṣasaṃbhavaḥ
Und hierzu gilt: Wer Fett, Talg, Knochenmark oder Hirnsubstanz absondert – eine durch äußere Einwirkung (*āgantu*, von außen kommend) entstandene Wunde kann heilen, eine aus den Doṣas entstandene aber nicht.
amarmopahite deśe sirāsandhyasthivarjite vikāroyo'nuparyeti tadasādhyasya lakṣaṇam
Eine krankhafte Veränderung, die sich immer wieder ausbreitet, obwohl sie an einer Stelle sitzt, die keinen vitalen Punkt berührt und frei von großen Venen, Gelenken und Knochen ist, ist eben dadurch als unheilbar zu erkennen.
krameṇopacayaṃ prāpya dhātūnanugataḥ śanaiḥ na śakya unmūlayituṃ vṛddho vṛkṣa ivāmayaḥ
Was allmählich, Schritt für Schritt, in die Gewebe eingedrungen ist und dort zugenommen hat, lässt sich nicht mehr ausreißen – wie ein alter, tief verwurzelter Baum.
sa sthiratvānmahattvācca dhātvanukramaṇena ca nihantyauṣadhavīryāṇi mantrān duṣṭagraho yathā
Weil es fest sitzt, groß geworden ist und sich Gewebe für Gewebe ausgebreitet hat, vernichtet es die Kraft der Heilmittel, so wie ein böser Dämon die Wirkung von Zaubersprüchen zunichtemacht.
ato yo viparītaḥ syāt sukhasādhyaḥ sa ucyate abaddhamūlaḥ kṣupako yadvadutpāṭane sukhaḥ
Was hingegen das Gegenteil davon ist, gilt als leicht heilbar – wie ein Strauch mit flacher, ungebundener Wurzel, der sich leicht ausreißen lässt.
tribhirdoṣairanākrāntaḥ śyāvauṣṭhaḥ piḍakī samaḥ avedano nirāsrāvo vraṇaḥ śuddha ihocyate
Eine Wunde, die von den drei Doṣas nicht befallen ist, deren Ränder bläulich sind, die von Pusteln durchsetzt und eben ist, die schmerzlos und ohne Ausfluss bleibt – die gilt hier als rein (*śuddha*).
kapotavarṇapratimā yasyāntāḥ kledavarjitāḥ sthirāścipiṭikāvanto rohatīti tamādiśet
Wessen Wundränder taubenfarben erscheinen, frei von Nässe, fest und mit kleinen flachen Erhebungen versehen sind, von dem sage man, dass die Wunde gut verheilt.
rūḍhavartmānamagranthimaśūnamarujaṃ vraṇam tvaksavarṇaṃ samatalaṃ samyagrūḍhaṃ vinirdiśet
Eine Wunde mit vernarbtem Rand, ohne Knoten, ohne Schwellung und ohne Schmerz, in Hautfarbe gleich, eben und glatt, bezeichne man als vollständig verheilt.
doṣaprakopādvyāmādabhighātādajīrṇataḥ harṣāt kroghādbhayādvā'pi vraṇo rūḍho'pi dīryate
Durch Erregung der Doṣas, durch Überanstrengung, durch äußere Verletzung, durch Verdauungsstörung, durch übermäßige Freude, Zorn oder Furcht kann eine bereits verheilte Wunde wieder aufbrechen.