Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 5: gropaharaṇīyo Grundlagen der chirurgischen Praxis

Das fünfte Kapitel, „Über die grundlegenden operativen Verfahren“ (*agropaharaṇīya*), legt die Grundlage der chirurgischen Praxis dar: Ärztliches Handeln gliedert sich in Vor-, Haupt- und Nachbehandlung, und die Arbeit mit dem Messer (*śastra*) selbst umfasst acht Verrichtungen von Durchtrennen (*chedya*) bis Nähen (*sīvya*). Vor jedem Eingriff sind Instrumente, Verbandmaterial und Heilmittel bereitzustellen, ein günstiger Zeitpunkt zu wählen und ein Opfer darzubringen; beschrieben werden die gewünschten Eigenschaften der Schnittführung – lang genug, weit, gleichmäßig – sowie je nach Körperregion schräge, kreisförmige oder halbmondförmige Schnitte. Breiten Raum nimmt der anschließende Schutzritus (*rakṣākarma*) ein, in dem einzelne Gottheiten wie Agni, Vāyu, Indra und Sūrya der Reihe nach zu Hütern bestimmter Körperfunktionen und -teile angerufen werden, um den geschwächten Patienten vor Dämonen zu bewahren. Das Kapitel schließt mit Anweisungen zum Verbandwechsel je nach Jahreszeit und zur Schmerzlinderung durch mit Süßholz (*yaṣṭīmadhu*) versetztes warmes Ghee.

Der Schutzritus (Rakṣākarma): Gottheiten und ihre Schutzbereiche (Vers 20–29)
GottheitBeschützter Bereich
AgniZunge
VāyuPrāṇa (einströmender Lebensatem)
SomaVyāna (durchdringender Atemstrom)
ParjanyaApāna (absteigender Atemstrom)
Die BlitzeUdāna (aufsteigender Atemstrom)
Die DonnerSamāna (ausgleichender Atemstrom)
IndraKraft, und (an anderer Stelle) innere Kraft
ManuVerstand und Denken
Die GandharvasWünsche
König VaruṇaWeisheit
Das MeerBereich des Nabels
SūryaAuge
Die HimmelsrichtungenGehör
Der MondGeist
Die SternbilderGestalt
Die NächteSchatten
Die GewässerSamen
Die PflanzenKörperhaare
Der ÄtherKörperöffnungen
Die ErdeLeib
VaiśvānaraHaupt
ViṣṇuTatkraft
Der Erste der MenschenMannhaftigkeit
BrahmāSelbst
Der PolarsternAugenbrauen
Der Ritus dient dem Schutz des durch die Operation geschwächten Patienten vor Dämonen (rakṣas), Piśācas und anderen Nachtwandlern (Vers 19–22).
Die acht Grundverrichtungen mit dem Śastra (Vers 5)
VerrichtungBedeutung
ChedyaDurchtrennen
BhedyaAufschneiden
LekhyaAuskratzen
VedhyaPunktieren
EṣyaSondieren
ĀhāryaEntfernen von Fremdkörpern
VisrāvyaAusbluten-Lassen
SīvyaNähen

athāto'gropaharaṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die grundlegenden operativen Verfahren (Agropaharaṇīya) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari.

trividhaṃ karma pūrvakarma pradhānakarma paścā tkarmeti tadvyādhiṃ pratyupadekṣyāmaḥ

Das ärztliche Handeln ist dreifach: Vorbehandlung (*pūrvakarma*), Hauptbehandlung (*pradhānakarma*) und Nachbehandlung (*paścātkarma*); dies werden wir nun im Hinblick auf die jeweilige Krankheit darlegen.

asya tu śāstrasya śastrakarmaprādhānyācchastrakarmaivatāvat pūrvamupadekṣyāmastatsambhārāṃśca

Da in dieser Wissenschaft (*śāstra*) die Arbeit mit dem *śastra* (dem scharfen Instrument, dem Messer) den Vorrang hat, werden wir zunächst die Handhabung des *śastra* sowie das dafür erforderliche Zubehör darlegen.

tacca śastrakarmāṣṭavidhaṃ tadyathāchedyaṃ bhedyaṃ lekhyaṃ vedhyam eṣyam āhāryaṃ visrāvyaṃ sīvyamiti

Die Arbeit mit dem *śastra* ist achtfach: Durchtrennen (*chedya*), Aufschneiden (*bhedya*), Auskratzen (*lekhya*), Punktieren (*vedhya*), Sondieren (*eṣya*), Entfernen von Fremdkörpern (*āhārya*), Ausbluten-Lassen (*visrāvya*) und Nähen (*sīvya*).

ato'nyatamaṃ karma cikīrṣatā vaidyena pūrvamevopakalpayitavyāni bhavanti tadyathā yantraśastrakṣārāgniśalākāśṛṅgajalaukālābūjāmba vauṣṭhapicuprotasūtrapatrapaṭṭama-dhughṛta vasāpayastailatarpaṇakaṣāyālepana kalkavyajana śītoṣaṇodakakaṭāhādīni parikarmiṇaśca snigdhāḥ sthirā balavantaḥ

Wer als Arzt eines dieser Verfahren durchführen will, muss zuvor Folgendes bereitstellen: stumpfe Instrumente (*yantra*, das stumpfe Instrument), scharfe Instrumente (*śastra*), Ätzmittel (*kṣāra*, das Ätzmittel/die Lauge), Feuer zur Kauterisation (*agnikarma*, die Kauterisation), Sonden (*śalākā*), Schröpfhörner, Blutegel (*jalaukā*), Kürbisflaschen und ähnliche Schröpfgefäße, Watte, getränkte und gezwirnte Fäden, Nähfäden, Blätter, Verbandstücher, Honig, Ghee, Fett, Milch, Öl, Stärkungsmittel, Abkochungen, Salben, Pasten, Fächer, kaltes und warmes Wasser, Kessel und dergleichen mehr sowie Hilfspersonal, das sanft, beständig und kräftig ist.

tataḥ praśasteṣu tithikaraṇamuhūrtanakṣatreṣu dadhyakṣatānnapānaratnairagniṃ viprān bhiṣajaścārcayitvā kṛtabalimaṅgalasvastivācanaṃ laghubhuktavantaṃ prāṅmukhamāturamupaveśya yantrayitvā pratyaṅmukho vaidyo marmasirāsnāyusandhyasthidhamanīḥ pariharan anulomaṃ śastraṃ nidadhyādāpūyadarśanāt sakṛdevāpaharecchastramāśu ca mahatsvapi ca pākeṣu dvyaṅgulāntaraṃ tryaṅgulāntaraṃ vā śastrapadamuktam

Danach soll der Arzt an einem günstigen Tag, zu günstiger Mondphase (*karaṇa*), Stunde (*muhūrta*) und unter günstigem Sternbild (*nakṣatra*) mit geronnener Milch, gerösteten Körnern, Speise, Trank und Juwelen das Feuer, die Brahmanen und die Ärzte verehren; nachdem er ein Opfer dargebracht, den Segen gesprochen und Heilswünsche rezitiert hat, soll er den Patienten, der zuvor eine leichte Mahlzeit eingenommen hat, mit dem Gesicht nach Osten hinsetzen und fixieren; der Arzt selbst, mit dem Gesicht nach Westen gewandt, führe, indem er lebenswichtige Punkte (*marman*), Venen (*sirā*), Sehnen (*snāyu*), Gelenke, Knochen und Blutgefäße (*dhamanī*) meidet, das Messer in Richtung des Haarwuchses; er soll es erst dann aus der Wunde nehmen, wenn Eiter sichtbar wird, und es dann rasch und mit einem einzigen Zug entfernen; auch bei großen Abszessen gilt ein Schnitt von zwei bis drei Fingerbreiten als die vorgeschriebene Ausdehnung.

tatrāyato viśālaḥ samaḥ suvibhakto nirāśraya iti vraṇaguṇāḥ

Die guten Eigenschaften einer Wunde (*vraṇa*, die Wunde) sind: lang genug, weit, gleichmäßig, gut abgegrenzt und ohne verborgene Taschen.

bhavataścātra āyataśca viśālaśca suvibhakto nirāśrayaḥ prāptakālakṛtaścāpi vraṇaḥ karmaṇi śasyate

Und hierzu gilt: Eine Wunde, die lang genug, weit, gut abgegrenzt, ohne verborgene Taschen und zur rechten Zeit gesetzt ist, wird bei der Operation gelobt.

śauryamāśukriyā śastrataikṣṇyamasvedavepathu asaṃmohaśca vaidyasya śastrakarmaṇi śasyate

Mut, rasches Handeln, ein scharfes Messer, Freiheit von Schwitzen und Zittern sowie Unerschrockenheit werden beim Arzt bei der Arbeit mit dem Messer gelobt.

ekena vā vraṇenāśudhyamāne nā'ntarā buddhyā'vekṣyāparān vraṇān kuryāt

Wenn sich der krankhafte Zustand durch eine einzige Wunde nicht reinigen lässt, soll der Arzt nach reiflicher Überlegung weitere Wunden anlegen.

bhavati cātra yato yato gatiṃ vidyādutsaṅgo yatra yatra ca tatra tatra vraṇaṃ kuryādyathā doṣo na tiṣṭhati

Und dazu gilt: Wo immer man erkennt, dass sich der Krankheitsstoff ausbreitet, und wo immer sich eine Tasche (*utsaṅga*) bildet, dort soll man jeweils eine Wunde anlegen, damit sich der *doṣa* (der Krankheitsstoff, die Körpersäfte) nicht festsetzt.

tatra bhrūgaṇḍaśaṅkhalalāṭākṣipuṭauṣṭhadantaveṣṭakakakṣākukṣivaṅkṣaṇeṣu tiryak cheda uktaḥ

Für Augenbraue, Wange, Schläfe, Stirn, Augenlid, Lippe, Zahnfleisch, Achselhöhle, Bauchseite und Leiste wird ein schräger Schnitt vorgeschrieben.

cindra maṇḍalavacchedān pāṇipādeṣu kārayet ardhacandrā kṛtīṃścāpi gude meḍhre ca buddhimān

An Hand und Fuß soll der kundige Arzt kreisförmige Schnitte setzen, am After und am Glied hingegen halbmondförmige.

anyathā tu sirāsnāyucchedanam atimātraṃ vedanā cirādvraṇasaṃroho māṃsakandīprādurbhāvaśceti

Geschieht dies anders als vorgeschrieben, so kommt es zu übermäßiger Durchtrennung von Venen und Sehnen, zu starken Schmerzen, verzögerter Wundheilung und zum Entstehen knollenartiger Fleischwucherungen.

mūḍhagarbhodarārśo'śmarībhagandaramukharogeṣvabhuktavataḥ karma kurvīta

Bei Querlage der Leibesfrucht, bei Bauchwassersucht, Hämorrhoiden, Blasenstein, Analfistel (*bhagandara*) und Erkrankungen des Mundes soll man den Eingriff am nüchternen Patienten vornehmen.

tataḥ śastramavacārya śītābhiradbhirāturamāśvāsya samantāt paripīḍyāṅgulyā vraṇamabhimṛdya prakṣālya kaṣāyeṇa protenodakamādāya tilakalkamadhusarpiḥpragāḍhāmauṣadhayuktāṃ nātisnigdhāṃ nātirūkṣāṃ vartiṃ praṇidadhyāt tataḥ kalkenācchādya ghanāṃ kavalikāṃ dattvā vastrapaṭṭena badhnīyāt vedanārakṣoghnairdhūpairdhūpayet rakṣoghnaiśca mantrai rakṣāṃ kurvīta

Danach lege der Arzt das Messer beiseite, beruhige den Patienten mit kaltem Wasser, drücke die Wunde ringsum mit den Fingern zusammen, massiere sie sanft und wasche sie mit einem durch ein Tuch geseihten Sud; dann lege er einen Docht (*varti*) ein, der aus Sesampaste, Honig und Ghee reichlich mit Heilmitteln versetzt ist, weder zu fettig noch zu trocken; darauf bedecke er die Wunde mit einer Paste, lege einen dicken Wundbausch auf und binde ihn mit einem Verbandstuch fest; er soll sie mit schmerzstillenden, dämonenabwehrenden Räucherungen beräuchern und durch dämonenabwehrende Zaubersprüche (*mantra*) Schutz gewähren.

tato guggulvagurusarjarasavacāgaurasarṣapacūrṇairlavaṇanimbapatravimiśrairājyayuktairdhūpayet ājyaśeṣeṇa cāsya prāṇān samālabheta

Dann soll er mit Pulver aus Guggul-Harz, Adlerholz, Sarjaharz, Kalmus und weißem Senf, vermischt mit Salz und Neemblättern und mit Ghee versetzt, beräuchern; mit dem übrig gebliebenen Ghee soll er die Lebensgeister des Patienten durch Bestreichen stärken.

udakumbhāccāpo gṛhītvā prokṣayan rakṣākarma kuryāt tadvakṣyāmaḥ

Und indem er Wasser aus einem Wasserkrug nimmt und damit besprengt, soll er den Schutzritus (*rakṣākarma*) vollziehen; diesen werden wir nun darlegen.

kṛtyānāṃ pratighātārthaṃ tathā rakṣobhayasya ca rakṣākarma kariṣyāmi brahmā tadanumanyatām

Zur Abwehr von Verhexung sowie aus Furcht vor Dämonen (*rakṣas*) will ich den Schutzritus vollziehen; Brahmā möge dem zustimmen.

nāgāḥ piśācā gandharvāḥ pitaro yakṣarākṣasāḥ abhidra vanti ye ye tvāṃ brahmādyā ghnantu tān sadā

Welche Schlangengeister, Piśācas, Gandharvas, Ahnen, Yakṣas und Rākṣasas dich auch angreifen mögen — Brahmā und die anderen Götter mögen sie allesamt allezeit vernichten.

pṛthivyāmantarikṣe ca ye caranti niśācarāḥ dikṣu vāstunivāsāśca pāntu tvāṃ te namaskṛtāḥ

Die Nachtwandler, die auf der Erde und im Luftraum umherziehen, sowie jene, die in den Himmelsrichtungen und an den Wohnstätten hausen — ihnen sei Verehrung dargebracht, auf dass sie dich beschützen.

pāntu tvāṃ munayo brāhmyā divyā rājarṣayastathā parvatāścaiva nadyaśca sarvāḥ sarve ca sāgarāḥ

Es mögen dich beschützen die brahmanischen und göttlichen Weisen, die königlichen Seher, die Berge, alle Flüsse und alle Meere.

agnī rakṣatu te jihvāṃ prāṇān vāyustathaiva ca somo vyānamapānaṃ te parjanyaḥ parirakṣatu

Agni möge deine Zunge beschützen, Vāyu deinen *prāṇa* (den einströmenden Lebensatem), Soma deinen *vyāna* (den durchdringenden Atemstrom) und Parjanya deinen *apāna* (den absteigenden Atemstrom).

udānaṃ vidyutaḥ pāntu samānaṃ stanayitnavaḥ balamindro balapatirmanurmanye matiṃ tathā

Die Blitze mögen deinen *udāna* (den aufsteigenden Atemstrom) beschützen, die Donner deinen *samāna* (den ausgleichenden Atemstrom); Indra, der Herr der Kraft, möge deine Kraft beschützen, Manu deinen Verstand und dein Denken.

kāmāṃste pāntu gandharvāḥ sattvamindro 'bhirakṣatu prajñāṃ te varuṇo rājā samudro nābhimaṇḍalam

Die Gandharvas mögen deine Wünsche beschützen, Indra deine innere Kraft, König Varuṇa deine Weisheit und das Meer den Bereich deines Nabels.

cakṣuḥ sūryo diśaḥ śrotre candra māḥ pātu te manaḥ nakṣatrāṇi sadā rūpaṃ chāyāṃ pāntu niśāstava

Sūrya möge dein Auge beschützen, die Himmelsrichtungen dein Gehör, der Mond deinen Geist; die Sternbilder mögen stets deine Gestalt beschützen und die Nächte deinen Schatten.

retastvāpyāyayantvāpo romāṇyoṣadhayastathā ākāśaṃ khāni te pāntu dehaṃ tava vasundharā

Die Gewässer mögen deinen Samen stärken, die Pflanzen deine Körperhaare; der Äther möge deine Körperöffnungen beschützen und die Erde deinen Leib.

vaiśvānaraḥ śiraḥ pātu viṣṇustava parākramam pauruṣaṃ puruṣaśreṣṭho brahmā'tmānaṃ dhruvo bhruvau

Vaiśvānara [Agni] möge dein Haupt beschützen, Viṣṇu deine Tatkraft, der Erste der Menschen deine Mannhaftigkeit, Brahmā dein Selbst und der Polarstern deine Augenbrauen.

etā dehe viśeṣeṇa tava nityā hi devatāḥ etāstvāṃ satataṃ pāntu dīrghamāyuravāpnuhi

Diese Gottheiten wohnen eigens und beständig in deinem Körper; sie mögen dich immerdar beschützen — so erlange ein langes Leben.

svasti te bhagavān brahmā svasti devāśca kurvatām svisti te candra sūryau ca svasti nāradaparvatau svastyagniścaiva vāyuśca svasti devāḥ sahendra gāḥ

Heil sei dir vom erhabenen Brahmā, Heil mögen dir die Götter bereiten; Heil seien dir Mond und Sonne, Heil Nārada und Parvata, Heil Agni und Vāyu, Heil den Göttern samt Indra.

pitāmahakṛtā rakṣā svastyāyurvardhatāṃ tava ītayaste praśāmyantu sadā bhava gatavyathaḥ

Der Schutz, den der Großvater [Brahmā] gewährt, sei Heil; dein Leben möge sich mehren; alle Plagen mögen sich für dich immerdar besänftigen — sei frei von Schmerz.

iti svāhā etairvedātmakairmantraiḥ kṛtyāvyādhivināśanaiḥ mayaivaṃ kṛtarakṣastvaṃ dīrghamāyuravāpnuhi

So — svāhā! Durch diese aus dem Veda stammenden Zaubersprüche, die Verhexung und Krankheit vernichten, bist du von mir auf diese Weise beschützt worden; erlange ein langes Leben.

tataḥ kṛtarakṣamāturamāgāraṃ praveśya ācārikamādiśet

Danach soll der Arzt den auf diese Weise beschützten Patienten in sein Zimmer bringen lassen und ihm die Verhaltensvorschriften erteilen.

tatastṛtīye'hani vimucyaivameva badhnīyādvastra paṭṭena na cainaṃ tvaramāṇo'paredyurmokṣayet

Am dritten Tag soll er den Verband lösen und ebenso wieder mit einem Verbandstuch anlegen; er soll ihn nicht vorschnell schon am folgenden Tag wieder lösen.

dvitīyadivasaparimokṣaṇādvigrathitovraṇaścirā dupasaṃrohati tīvrarujaśca bhavati

Wird der Verband schon am zweiten Tag gelöst, so löst sich das Gewebe der Wunde wieder auf, sie heilt nur langsam zu, und es entstehen heftige Schmerzen.

ata ūrdhvaṃ doṣakālabalādīnavekṣya kaṣā yālepanabandhāhārācārān vidadhyāt

Danach soll der Arzt, nachdem er *doṣa*, Jahreszeit, Kraft des Patienten und dergleichen berücksichtigt hat, Abkochungen, Salben, Verbände, Diät und Verhaltensregeln verordnen.

na cainaṃ tvaramāṇaḥ sāntardoṣaṃ ropayetsa hyalpenāpyapa cāreṇābhyantaramutsaṅgaṃ kṛtvā bhūyo'pi vikaroti

Er soll die Wunde nicht vorschnell zur Heilung bringen, solange noch *doṣa* darin verbleibt; denn selbst bei geringem Fehlverhalten bildet sich im Inneren erneut eine Tasche, und der Zustand verschlechtert sich wieder.

bhavanti cātra tasmādantarbahiścaiva suśuddhaṃ ropayedvraṇam rūḍhe'pyajīrṇavyāyāmavyavāyādīn vivarjayet harṣaṃ krodhaṃ bhayaṃ cāpi yāvat sthairyopasaṃbhavāt

Daher soll man die Wunde erst zur Heilung bringen, wenn sie innen wie außen vollständig gereinigt ist; und auch wenn sie bereits verheilt ist, soll der Patient Verdauungsstörung, körperliche Anstrengung, Geschlechtsverkehr und dergleichen sowie übermäßige Freude, Zorn und Furcht meiden, bis vollständige Festigkeit erreicht ist.

hemante śiśire caiva vasante cāpi mokṣayet tryahāddvyahāccharadgrīṣmavarṣāsvapi ca buddhimān

Im Winter (*hemanta*), in der Kühlzeit (*śiśira*) und im Frühling soll der kundige Arzt den Verband am dritten Tag lösen, im Herbst, Sommer und in der Regenzeit hingegen bereits am zweiten Tag.

atipātiṣu rogeṣu necchedvidhimimaṃ bhiṣak pradīptāgāravacchīghraṃ tatra kuryāt pratikriyām

Bei rasch lebensbedrohlichen Krankheiten soll der Arzt sich nicht an dieses übliche Vorgehen halten, sondern dort ebenso rasch eingreifen, wie man bei einem brennenden Haus handelt.

yā vedanā śastranipātajātā tīvrā śarīraṃ pradunoti jantoḥ dhṛtena sā śāntimupaiti siktā koṣṇena yaṣṭīmadhukānvitena

Der heftige Schmerz, der durch den Schnitt des Messers entsteht und den Körper des Patienten quält, wird gelindert, wenn dieser mit lauwarmem, mit Süßholz (*yaṣṭīmadhu*) versetztem Ghee begossen wird.

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