athātaḥ prabhāṣaṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über das rechte Sprechen (die Erörterung) erläutern.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das vierte Kapitel, „Über das rechte Sprechen“ (*prabhāṣaṇa*), behandelt die Notwendigkeit der mündlichen Erörterung des Gelernten. Wer die hundertzwanzig Kapitel nur auswendig lernt, ohne ihren Sinn Wort für Wort und Vers für Vers zu erörtern, gleicht dem Esel, der Sandelholz trägt, ohne dessen Wert zu kennen – so das berühmte Gleichnis des Kapitels. Da kein einzelnes Lehrwerk (*śāstra*) den gesamten Stoff verwandter Wissenschaften enthalten kann, soll der Arzt (*cikitsaka*) vielseitig gebildet sein und ergänzendes Wissen bei Fachkundigen erfragen. Nur wer das Gehörte wiederholt einübt und in der Praxis anwendet, gilt als wahrer Arzt (*vaidya*); die übrigen werden als „Diebe“ bezeichnet. Als Grundwerke der chirurgischen Schulen werden die Lehrschriften des Aupadhenava, Aurabhra, Suśruta und Pauṣkalāvata genannt.
athātaḥ prabhāṣaṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über das rechte Sprechen (die Erörterung) erläutern.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:
adhigatamapyadhyayanamaprabhāṣitamarthataḥ kharasya candanabhāra iva kevalaṃ pariśramakaraṃ bhavati
Selbst ein erlerntes Studium, das nicht dem Sinn nach erörtert wird, bringt, wie die Sandelholzlast für den Esel, nur Mühsal, ohne Nutzen zu stiften.
bhavati cātra yathā kharaścandanabhāravāhī bhārasya vettā na tu candanasya evaṃ hi śāstrāṇi bahūnyadhītya cārtheṣu mūḍhāḥ kharavadvahanti
Und hierzu heißt es: So wie der Esel, der die Sandelholzlast trägt, nur die Last kennt, nicht aber den Wert des Sandelholzes, so tragen auch jene, die viele Lehrwerke (*śāstra*) studiert haben, deren Sinn aber nicht verstehen, sie wie der Esel mit sich herum.
tasmāt saviṃśamadhyāyaśatamanupadapādaślokamanuvarṇayitavyamanuśrotavyaṃ caka-smāt sūkṣmā hi dra vyarasaguṇavīryavipākadoṣadhātu malāśayamarmasirāsnāyu-sandhyasthigarbhasaṃbhavadra vyasamūhavibhāgāstathā pranaṣṭa śalyoddharaṇa vraṇaviniśca-yabharnagavikalpāḥ sādhyayāpyapratyākhyeyatā ca vikārāṇāmevamādayaścānye viśeṣāḥ sahasraśo ye vicintyamānā vimalavipulabuddherapi buddhimākulī-kuryuḥ kiṃpunaralpabuddheḥ tasmādavaśyamanupadapādaślokamanuvarṇayitavyamanuśrotavyaṃ ca
Deshalb müssen diese hundertzwanzig Kapitel Wort für Wort, Versfuß für Versfuß und Vers für Vers erörtert und gehört werden; denn fein und schwierig sind die Einteilungen der aus Substanz (*dravya*), Geschmack (*rasa*), Eigenschaft (*guṇa*), Wirkkraft (*vīrya*) und Verdauungswirkung (*vipāka*) sowie der *Doṣa*, *Dhātu*, Ausscheidungen (*mala*), Körperhöhlen (*āśaya*), lebenswichtigen Punkte (*marman*), Gefäße (*sirā*), Sehnen (*snāyu*), Gelenke (*sandhi*), Knochen und der bei der Fötalentwicklung beteiligten Substanzen, ebenso die Entfernung eines verborgenen Fremdkörpers (*śalya*), die Beurteilung des *Vraṇa*, die Einteilung der Instrumententeile sowie die Frage, ob eine Krankheit heilbar, nur lindernd behandelbar oder unheilbar ist, und ähnliche weitere Besonderheiten mehr; wenn man über diese tausendfachen Dinge nachsinnt, verwirren sie sogar einen makellosen und weitreichenden Verstand – wie viel mehr erst einen geringeren! Deshalb müssen sie unbedingt Wort für Wort, Versfuß für Versfuß und Vers für Vers erörtert und gehört werden.
anyaśāstropapannānāṃcārthānāmihopanītānāmarthavaśātteṣāṃtadvidyebhya eva vyā-khyānamanuśrotavyaṃ kasmāt na hyekasminaśāstre śakyaḥ sarvaśāstrāṇāmavarodhaḥ kartum
Und für Gegenstände, die aus anderen Lehrwerken stammen und hier, dem Sinn entsprechend, herangezogen werden, muss man die Erklärung von den Kennern jener jeweiligen Wissenschaft selbst hören; denn warum sollte man in einem einzigen Lehrwerk den gesamten Inhalt aller anderen Lehrwerke einschließen können?
bhavanti cātra ekaṃ śāstramadhīyāno na vidyācchāstraniścayam tasmādbahuśrutaḥ śāstraṃ vijānīyāccikitsakaḥ
Und hierzu heißt es: Wer nur ein einziges Lehrwerk studiert, kann die feste Erkenntnis der Wissenschaft nicht erlangen; darum soll der Arzt (*cikitsaka*) vielgelehrt sein und so die Wissenschaft wirklich verstehen.
śāstraṃ gurumukhodgīrṇamādāyopāsya cāsakṛt yaḥ karma kurute vaidyaḥ sa vaidyo'nye tu taskarāḥ
Wer das aus dem Munde des Lehrers vernommene Lehrwerk aufnimmt, es wiederholt einübt und danach die Praxis ausübt, der ist ein wahrer Arzt (*vaidya*); die anderen aber sind nur Diebe.
aupadhenavamaurabhraṃ sauśrutaṃ pauṣkalāvatam śeṣāṇāṃ śalyatantrāṇāṃ mūlānyetāni nirdiśet
Das Werk des Aupadhenava, das des Aurabhra, das des Suśruta und das des Pauṣkalāvata – diese soll man als die Grundwerke der übrigen chirurgischen (*śalya*) Lehrschriften bezeichnen.