Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 7: yantravidhir Die stumpfen Instrumente (Yantra)

Das siebte Kapitel, „Über die Vorschrift der stumpfen Instrumente“ (*yantravidhi*), zählt einhunderteins *yantra* auf, wobei die Hand selbst als das wichtigste aller Instrumente gilt, da ohne sie kein anderes Werkzeug einsetzbar ist. Die übrigen werden in sechs Klassen gegliedert – Svastika- (Zangen mit gekreuzten Branchen), Zangen-, Klammer-, Röhren-, Sonden- und Hilfsinstrumente –, deren Mündungen den Mäulern von Raubtieren, Wildtieren und Vögeln nachgeformt sind, vom Löwenmaul bis zum Falkenschnabel. Für jede Gruppe werden Zahl, Länge und Anwendungsbereich genannt, etwa die 28 Sondentypen für Sondieren, Ätzmittelauftrag oder Kauterisation. Es folgen die vierundzwanzig instrumentellen Verrichtungen sowie zwölf Fehler eines Instruments – zu dick, krumm, locker und dergleichen. Als vorzüglichstes Instrument wird das „Reihermaul“ hervorgehoben, weil es beim Eindringen nicht zurückweicht und Fremdkörper sicher fasst und hält.

Die sechs Klassen der Yantra (stumpfen Instrumente) (Vers 5–14)
KlasseAnzahlLängeVerwendungszweck
Svastika-Instrumente2418 FingerbreitenHerausziehen von Fremdkörpern, die in Knochen eingeklemmt sitzen
Zangen-Instrumente216 FingerbreitenHerausziehen von Fremdkörpern aus Haut, Fleisch, Venen, Sehnen
Klammer-Instrumente212 FingerbreitenHerausholen von Fremdkörpern aus Ohr, Nase, Röhrengängen
Röhren-Instrumente20je nach BedarfHerausziehen aus Körperkanälen, Untersuchung, Aussaugen
Sonden-Instrumente28je nach BedarfSondieren, Auftragen von Ätzmitteln/Arzneien, Kauterisation, Augensalbe u.a.
Hilfsinstrumente25–u.a. Seil, Verbandstuch, Stein, Hammer, Magnetstein
Die Mündungen der Svastika-Instrumente sind über zwanzig Raubtier- und Vogelformen (Löwe, Tiger, Falke, Kranich u.a.) nachgebildet (Vers 10); insgesamt zählt das Kapitel 101 Yantra, mit der Hand als wichtigstem Instrument.

athāto yantravidhimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Vorschrift der stumpfen Instrumente (*yantravidhi*) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari.

yantraśatamekottaram atra hastameva pradhānatamaṃ yantrāṇāmavagaccha kiṃ kāraṇaṃ yasmāddhastādṛte yantrāṇāmapravṛttireva tadadhīnatvādyantrakarmaṇām

Es gibt einhunderteins *yantra*s (stumpfe Instrumente); wisse jedoch, dass unter ihnen die Hand das wichtigste Instrument ist. Weshalb? Weil ohne die Hand die übrigen Instrumente gar nicht zum Einsatz kommen können, da die Arbeit mit den Instrumenten ganz von ihr abhängt.

tatra manaḥ śarīrābādhakarāṇi śalyāni teṣāmāharaṇopāyo yantrāṇi

Als *śalya* (Fremdkörper) bezeichnet man das, was Geist und Körper Schaden zufügt; die Mittel, um sie zu entfernen, sind die *yantra*s.

tāni ṣaṭprakārāṇi tadyathā-svastikayantrāṇi saṃdaṃśayantrāṇi tālayantrāṇi nāḍīyantrāṇi śalākā yantrāṇi upayantrāṇi ceti

Sie sind sechserlei Art: Svastika-Instrumente (Zangen mit gekreuzten Branchen), Zangen-Instrumente, Klammer-Instrumente, Röhren-Instrumente, Sonden-Instrumente und Hilfs-Instrumente.

tatra caturviṃśatiḥ svastikayantrāṇi dve saṃdaṃśayantre dve eva tālayantre viṃśatirnāḍyaḥ aṣṭāviṃśatiḥ śalākāḥ pañcaviṃśatirupayantrāṇi

Davon gibt es vierundzwanzig Svastika-Instrumente, zwei Zangen-Instrumente, zwei Klammer-Instrumente, zwanzig Röhren, achtundzwanzig Sonden und fünfundzwanzig Hilfsinstrumente.

tāni prāyaśo lauhāni bhavanti tatpratirūpakāṇi vā tadalābhe

Diese sind meist aus Eisen gefertigt, oder, falls dieses nicht verfügbar ist, aus einem entsprechenden Ersatzstoff.

tatra nānāprakārāṇāṃ vyālānāṃ mṛgapakṣiṇāṃ mukhairmukhāni yantrāṇāṃ prāyaśaḥ sadṛśāni tasmāttatsārūpyādāgamādupadeśādanyayantradarśanā dyuktitaśca kārayet

Die Mündungen der Instrumente gleichen meist den Mäulern und Schnäbeln verschiedenartiger Raubtiere, Wildtiere und Vögel; man soll sie daher aufgrund dieser Ähnlichkeit, nach der Überlieferung, nach Unterweisung, nach dem Vorbild anderer Instrumente und nach eigenem Urteil anfertigen lassen.

samāhitāni yantrāṇi kharaślakṣṇamukhāni ca sudṛḍhāni surūpāṇi sugrahāṇi ca kārayet

Man lasse die Instrumente sorgfältig gearbeitet anfertigen, mit rauen wie mit glatten Mündungen je nach Bedarf, sehr fest, wohlgeformt und gut zu greifen.

tatra svastikayantrāṇiaṣṭādaśāṅgulapramāṇāni siṃhavyāghravṛkata rakṣvṛkṣadvī-pimārjāraśṛgālamṛgairvārukakākakaṅkakuraracāsa bhāsaśaśaghātyulūka cilli-śyenagṛghrakrauñcabhṛṅgarājāñjalikarṇāvabhañjana nandīmukha mukhāni masūrākṛtibhiḥ kīlairavabaddhāni mūle'ṅakuśavadāvṛtta vāraṅgāṇi asthi vidaṣṭaśalyoddharaṇārthamupadiśyante

Die Svastika-Instrumente, achtzehn Fingerbreiten lang, mit Mündungen in Gestalt von Löwe, Tiger, Wolf, Baumbär, Panther, Katze, Schakal, Reh, Eber, Krähe, Reiher, Fischadler, Falke, Geier, Eule, Falkenweih, Habicht, Aasgeier, Kranich, Bhṛṅgarāja-Vogel, gefalteten Händen, „Ohrbrecher“ und Nandīmukha, mit linsenförmigen Nieten verbunden und mit hakenförmig gebogenen Griffenden, werden zum Herausziehen von Fremdkörpern verordnet, die in Knochen eingeklemmt sitzen.

sanigraho'nigrahaśca saṃdaṃśau ṣoḍaśāṅgulau bhavataḥ tvaṅmāṃsasirāsnāyugataśalyoddharaṇārthamupadiśyete

Die beiden Zangen-Instrumente, mit und ohne Sperrmechanismus, sind sechzehn Fingerbreiten lang; sie werden zum Herausziehen von Fremdkörpern verordnet, die in Haut, Fleisch, Venen oder Sehnen sitzen.

tālayantre dvādaśāṅgule matsyatālavadekatāladvitālake karṇanāsānāḍīśalyānāmāharaṇārtham

Die beiden Klammer-Instrumente sind zwölf Fingerbreiten lang, eines mit einer, eines mit zwei Klappen, in Gestalt einer Fischschuppe; sie dienen dem Herausholen von Fremdkörpern aus Ohr, Nase oder Röhrengängen.

nāḍīyantrāṇianekaprakārāṇi anekaprayojanāni ekatomukhānyubhayatomukhāni ca tāni srotogataśalyoddharaṇārthaṃ rogadarśanārtham ācūṣaṇārthaṃ kriyāsaukaryārthaṃ ceti tāni srotodvarāpariṇāhāni yathāyogadīrghāṇi ca tatra bhagandarārśovraṇabastyuttarabastimūtravṛddhidakodaradhūmaniruddhaprakaśa sanniruddhagudayantrāṇyalābūśṛṅgayantrāṇi copariṣṭādvakṣyāmaḥ

Die Röhren-Instrumente sind vielerlei Art und dienen vielerlei Zwecken, mit einer oder mit zwei Öffnungen; sie dienen dem Herausziehen von Fremdkörpern aus Körperkanälen, der Untersuchung von Krankheiten, dem Aussaugen und der Erleichterung von Eingriffen; ihr Durchmesser entspricht dem der jeweiligen Körperöffnung, und ihre Länge richtet sich nach dem Bedarf. Die dabei verwendeten Instrumente für Analfistel, Hämorrhoiden, Wunde, Blaseninstillation, Harnverhaltung, Hodenschwellung, Bauchwassersucht, Räucherung, Verstopfung und verschlossenen After sowie die Kürbis- und Horn-Instrumente werden wir weiter unten behandeln.

śalākāyantrāṇyapi nānāprakārāṇi nānāprayojanāni yathāyogapariṇāhadīrghāṇi ca teṣāṃ gaṇḍūpadasarpaphaṇaśarapuṅkhabaḍiśamukhe dve dve eṣaṇavyūhanacālanāhara-ṇārthamupadiśyete masūradalamātramukhe dvae kiṃcidānatāgre srotogataśalyoddhara-ṇārthaṃ ṣaṭ kārpāsakṛtoṣṇīṣāṇi pramārjanakriyāsu trīṇi darvyākṛtīni khallamukhāni kṣārauṣadhapraṇi dhānārthāṃ trīṇyanyāni jāmbavavadanāni trīṇyaṅkuśavadanāni ṣaḍevāgnikarma-svabhipretāni nāsārbudaharaṇārthamekaṃ kolāsthidalamātramukhaṃ khallatīkṣṇauṣṭhaṃ añjanārthamekaṃ kalāyaparimaṇḍalamubhayato mukulāgraṃ mūtramārgaviśodhanārthamekaṃ mālatīpuṣpavṛntāgrapramāṇaparimaṇaḍalamiti

Auch die Sonden-Instrumente sind vielerlei Art und dienen vielerlei Zwecken, in Durchmesser und Länge dem Bedarf entsprechend: zwei mit einer Mündung in Gestalt eines Regenwurms, zwei in Gestalt einer Schlangenkapuze, zwei in Gestalt einer Pfeilspitze und zwei in Gestalt eines Angelhakens, die zum Sondieren, Auseinanderdrängen, Bewegen und Herausholen verordnet werden; zwei mit einer Mündung von der Größe eines Linsenblatts und leicht gebogener Spitze dienen dem Herausziehen von Fremdkörpern aus Körperkanälen; sechs, mit Baumwolle umwickelt, dienen dem Abwischen bei Reinigungsverfahren; drei mit löffelartiger, schalenförmiger Mündung dienen dem Auftragen von Ätzmitteln und Arzneien; drei weitere mit eigentümlich geformter Mündung sowie drei mit hakenförmiger Mündung sind für die Kauterisation (*agnikarma*) bestimmt — zusammen sechs für diesen Zweck; eine mit einer Mündung von der Größe einer Kolā-Fruchtkernhälfte und scharfer, schalenförmiger Spitze dient dem Entfernen von Nasenpolypen; eine mit runder, an beiden Enden knospenförmiger Mündung von der Größe einer Erbse dient dem Auftragen von Augensalbe; und eine mit runder Mündung von der Größe der Blütenstielspitze des *mālatī* dient der Reinigung der Harnwege.

upayantrāṇyapi rajjuveṇikāpaṭṭacarmāntavalkalalatā vastrāṣṭhīlāśmamudgarapāṇi pādatalāṅgulijihvādantanakha mukhabālāśvakaṭakaśākhā ṣṭhīvanapravāhaṇaharṣāyaskāntamayāni kṣārāgnibheṣajāni ceti

Auch die Hilfsinstrumente sind vielfältig: Seil, Bambusstreifen, Verbandstuch, Leder, Rindenstreifen und Ranken, Tuch, Steinkugel, Stein, Hammer, die Hand, Fußsohle, Finger, Zunge, Zähne, Nägel, Mund, Haar, Pferdehaar, Wagenrad, Zweige, Speichel, Pressatem beim Stuhlgang, das Sträuben der Körperhaare, Magnetstein sowie Ätzmittel, Feuer und Arzneien.

etāni dehe sarvasmin dehasyāvayave tathā saṃdhau koṣṭhe dhamanyāṃ ca yathāyogaṃ prayojayet

Diese soll man je nach Bedarf am ganzen Körper, an einzelnen Körperteilen, an Gelenken, in den Eingeweiden (*koṣṭha*) und an den Blutgefäßen (*dhamanī*) anwenden.

yantrakarmāṇitu nirghātanapūraṇabandhanavyūhanavartanacālanavivartanavivaraṇa pīḍana-mārgaviśodhanavikarṣaṇāharaṇāñchanonnamanavinamana bhañjanonmathanā cūṣaṇaiṣaṇadāraṇarjūkaraṇaprakṣālanapradhamanapramārjanānicaturviṃśatiḥ

Die Verrichtungen mit den Instrumenten sind vierundzwanzig an der Zahl: Austreiben, Auffüllen, Binden, Auseinanderdrängen, Drehen, Bewegen, Umdrehen, Öffnen, Zusammendrücken, Reinigen des Kanals, Herausziehen, Entfernen, Herausreißen, Aufrichten, Herabbeugen, Brechen, Aufwühlen, Aussaugen, Sondieren, Aufreißen, Geraderichten, Auswaschen, Ausblasen und Abwischen.

svabuddhyā cāpi vibhajedyantrakarmāṇi buddhimān asaṃkhyeyavikalpatvācchalyānāmiti niścayaḥ

Der kundige Arzt soll die Verrichtungen mit den Instrumenten auch nach eigenem Urteil einteilen, denn es steht fest, dass die Fremdkörper unzählige Erscheinungsformen haben.

tatra atisthūlam asāram atidīrgham atihrasvam agrāhi viṣamagrāhi vakraṃ śithilam atyunnatam mṛdukīlaṃ mṛdumukhaṃ mṛdupāśam iti dvādaśa yantradoṣāḥ

Die zwölf Fehler eines Instruments sind: zu dick, ohne Kernfestigkeit, zu lang, zu kurz, nicht greifend, ungleichmäßig greifend, krumm, locker, zu hoch aufragend, mit weichem Stift, mit weicher Mündung und mit weicher Fassung.

etairdoṣairvinirmuktaṃ yantramaṣṭādaśāṅgulam praśastaṃ bhiṣajā jñeyaṃ taddhi karmasu yojayet

Ein Instrument, das frei von diesen Fehlern und achtzehn Fingerbreiten lang ist, soll der Arzt als vorzüglich erkennen; ein solches soll er bei den Verrichtungen einsetzen.

dṛśyaṃ siṃhamukhādyaistu gūḍhaṃ kaṅkamukhādibhiḥ nirhareta śanaiḥ śalyaṃ śāstrayuktivyapekṣayā

Einen sichtbaren Fremdkörper entferne man mit Instrumenten wie dem Löwenmaul-Instrument, einen verborgenen mit solchen wie dem Reiher-Maul-Instrument, und zwar behutsam, unter Beachtung der in den Lehrschriften dargelegten Vorgehensweise.

nivartate sādhvavagāhate ca śalyaṃ nigṛhyoddharate ca yasmāt yantreṣvataḥ kaṅkamukhaṃ pradhānaṃ sthāneṣu sarveṣvadhikāri caiva

Weil das Reiher-Maul-Instrument in die Wunde eindringt, ohne zurückzuweichen, den Fremdkörper gut erfasst, festhält und herauszieht, gilt es unter den Instrumenten als das vorzüglichste, das an allen Stellen des Körpers vorrangig einsetzbar ist.

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