athāto bhūmipravibhāgīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Einteilung der Böden (*bhūmipravibhāgīya*) erläutern.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das sechsunddreißigste Kapitel behandelt die „Einteilung der Böden“ (bhūmipravibhāga) im Hinblick auf das Sammeln von Heilpflanzen: Zunächst werden allgemeine Kriterien für einen geeigneten Sammelort genannt – frei von Gruben, Salz und Verunreinigung, wasserreich, mit kräftig wurzelnden, unbeschädigten Pflanzen. Sodann wird der Boden nach dem Vorherrschen der fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Wind, Äther) in fünf Typen unterschieden, die jeweils charakteristische Bewuchsformen und Wirkungen der dort wachsenden Pflanzen bedingen; entsprechend sollen abführende, brechreizerregende oder besänftigende Mittel von jeweils passendem Boden gesammelt werden. Weitere Verse regeln die richtige Sammelzeit je nach „mondhafter“ oder „feuriger“ Pflanzennatur, Ausnahmen für haltbare Substanzen wie Honig oder Pippalī sowie die sachgerechte Lagerung im Arzneilager (bheṣajāgāra). Das Kapitel bildet die pharmakognostische Grundlage für die nachfolgenden Materia-medica-Kapitel.
| Element | Bodenmerkmale | Bewuchs |
|---|---|---|
| Erde | steinig, fest, schwer, dunkel oder schwarz | meist dicke Bäume und Feldfrüchte |
| Wasser | ölig, kühl, mit nahem Wasser, weißlich | ölige Feldfrüchte, Gräser, weiche Bäume |
| Feuer | vielfarbig, leicht, steinig | spärliche, kleine, blasse Bäume |
| Wind | trocken, aschgrau-eselfarben | dünne Bäume mit wenig Saft, hohlen Stämmen |
| Äther (ākāśa) | weich, eben, mit Gruben durchsetzt, dunkel | saftlose Bäume oder große Berggewächse |
athāto bhūmipravibhāgīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Einteilung der Böden (*bhūmipravibhāgīya*) erläutern.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari:
śvabhraśarkarāśmaviṣamavalmīkaśmaśānāghātanadevatāyatanasikatābhiranupahatāmanūṣarāmabhaṅgurāmadūrodakāṃ snigdhāṃ prarohavatīṃ mṛdvīṃ sthirā samāṃ kṛṣṇāṃ gaurīṃ lohitāṃ vā bhūmimauṣadhagrahaṇāya parīkṣeta tasyāṃ jātamapi kṛmiviṣaśastrāta-papavanadahanatoyasaṃbādhamārgairanupahatamekarasaṃ puṣṭaṃ pṛthvavagāḍhamūlamudīcyāṃ cauṣadhamādadītetyeṣa bhūmiparīkṣāviśeṣaḥ sāmānyaḥ
Für die Sammlung von Heilpflanzen soll man einen Boden auswählen, der frei ist von Gruben, Kies, Steinen, unebenem Gelände, Termitenhügeln, Verbrennungsstätten, Richtplätzen, Tempelbezirken und Sand, der nicht salzhaltig, nicht brüchig ist und in dessen Nähe Wasser vorhanden ist, der ölig-fruchtbar, keimfreudig, weich, fest, eben und schwarz, weißlich oder rötlich gefärbt ist. Auch soll man von einer dort gewachsenen Pflanze nur solche sammeln, die nicht durch Würmer, Gift, Werkzeuge, Sonnenglut, Wind, Feuer, Wasser oder beengte Zufahrtswege beschädigt ist, die einheitlichen Geschmack besitzt, gut genährt ist, breite, tief eindringende Wurzeln hat, und man nehme sie aus nördlicher Richtung. Dies sind die allgemeinen Kennzeichen zur Beurteilung des Bodens.
viśeṣatastu tatra aśmavatī sthirā gurvī śyāmā kṛṣṇā vā sthūlavṛkṣaśasya-prāyā svaguṇabhūyiṣṭhā snigdhā śītalā'sannodakā snigśasyatṛṇakomalavṛkṣa-prāya śuklā'mbuguṇabhūyiṣṭhā nānāvarṇā laghvaśmavati praviralālpapāṇḍuvṛkṣa-prarohā'gniguṇabhūyiṣṭhā rūkṣā bhasmarāsabhavarṇā tanuvṛkṣālparasa koṭaravṛkṣaprāyā-'nilaguṇabhūyiṣṭhā mṛdvī samā śvabhravatyavyaktarasajalā sarvato'sāravṛkṣā mahāparvatavṛkṣaprāyā śyāmā cākāśaguṇabhūyiṣṭhā
Im Einzelnen unterscheidet man: Ein steiniger, fester, schwerer, dunkler oder schwarzer Boden, auf dem meist dicke Bäume und Feldfrüchte wachsen, besitzt vorwiegend die Eigenschaften der Erde. Ein öliger, kühler Boden mit nahem Wasser, auf dem meist ölige Feldfrüchte, Gräser und weiche Bäume wachsen und der weißlich ist, besitzt vorwiegend die Eigenschaften des Wassers. Ein vielfarbiger, leichter, steiniger Boden, auf dem nur spärlich kleine, blasse Bäume wachsen, besitzt vorwiegend die Eigenschaften des Feuers. Ein trockener, aschgrau-eselfarbener Boden, auf dem nur dünne Bäume mit wenig Saft und hohlen Stämmen wachsen, besitzt vorwiegend die Eigenschaften des Windes. Ein weicher, ebener, mit Gruben durchsetzter Boden mit undeutlichem Geschmack des Wassers, auf dem überall nur saftlose Bäume oder meist große Berggewächse wachsen, dunkel gefärbt, besitzt vorwiegend die Eigenschaften des Äthers (*ākāśa*).
atra kecidāhurācāryāḥprāvṛḍvarṣāśaraddhemantavasantagrīṣmeṣu yathāsaṃkhyaṃ mūla-patratvakkṣīrasāraphalānyādadīteti tattu na samyak saumyāgneyatvājjagataḥ saumyānyauṣadhāni saumyeṣvṛtuṣvādadīta āgneyānyāgneyeṣu evamavyāpaynanaguṇā-ni bhavanti saumyānyauṣadhāni saumyeṣvṛtuṣugṛhītāni somaguṇabhūyiṣṭhāyāṃ bhūmau jātānyatimadhurasnigdha śītāni jāyante etena śeṣaṃ vyākhyātam
Hierzu vertreten manche Lehrer die Ansicht, man solle in den Jahreszeiten *prāvṛṣ*, *varṣā*, *śarad*, *hemanta*, *vasanta* und *grīṣma* der Reihe nach Wurzel, Blatt, Rinde, Milchsaft, Kernholz und Frucht sammeln. Das trifft jedoch nicht ganz zu; da die Welt sowohl mondhaft-kühl (*saumya*) als auch feurig (*āgneya*) geprägt ist, soll man mondhafte Heilpflanzen in mondhaften Jahreszeiten sammeln, feurige in feurigen – so behalten sie ihre volle Wirkkraft. Mondhafte Heilpflanzen, die in mondhaften Jahreszeiten gesammelt und die auf einem vorwiegend mondhaften Boden gewachsen sind, werden besonders süß, ölig und kühlend. Damit ist zugleich das Übrige erklärt.
tatra pṛthivyambuguṇabhūyiṣṭhāyāṃ bhūmau jātāni virecanadra vyāṇyādadīta agnyā kāśamārutaguṇabhūyiṣṭhāyāṃ vamanadra vyāṇi ubhayaguṇabhūyiṣṭhāyāmubhayatobhāgāni ākāśaguṇabhūyiṣṭhāyāṃ saṃśamanāni evaṃ balavattarāṇi bhavanti
Abführende Mittel (*virecana*) sammle man daher von einem Boden mit vorwiegenden Erd- und Wassereigenschaften, Brechmittel (*vamana*) von einem Boden mit vorwiegenden Feuer-, Äther- und Windeigenschaften, in beide Richtungen wirkende Mittel von einem Boden mit gemischten Eigenschaften, und besänftigende Mittel (*saṃśamana*) von einem Boden mit vorwiegenden Äthereigenschaften; so entfalten sie ihre stärkste Wirkung.
sarvāṇyeva cābhinavāni anyatra madhughṛtaguḍapippalīviḍaṅgebhyaḥ
Grundsätzlich sollen alle Heilmittel frisch sein, mit Ausnahme von Honig, Ghee, Rohzucker, langem Pfeffer (*pippalī*) und Viḍaṅga (Embelia).
viḍaṅgaṃ pippalī kṣaudraṃ sarpiścāpyanavaṃ hitam śeṣamanyatvabhinavaṃ gṛhṇīyāddoṣavarjitam
Viḍaṅga, langer Pfeffer, Honig und Ghee sind zuträglich, wenn sie nicht frisch, sondern gealtert sind; die übrigen Mittel hingegen soll man frisch und frei von Mängeln nehmen.
sarvāṇyeva sakṣīrāṇi vīryavanti teṣāmasaṃpattāvati krāntasaṃvatsarāṇyādadīteti
Milchsafthaltige Pflanzen besitzen sämtlich Wirkkraft; steht keine frische zur Verfügung, so nehme man solche, die höchstens ein Jahr alt sind.
bhavanti cātra gopālāstāpasā vyādhā ye cānye vanacāriṇaḥ mūlāhārāśca ye tebhyo bheṣajavyaktiriṣyate
Dazu gilt: Von Hirten, Waldasketen, Jägern und anderen Waldbewohnern sowie von denen, die sich von Wurzeln ernähren, soll man sich über die genaue Erkennung der Heilpflanzen unterrichten lassen.
sarvāvayavasādhyeṣu palāśalavaṇādiṣu vyavasthito na kālo'sti tatra sarvo vidhīyate
Bei Mitteln, die aus der ganzen Pflanze bzw. sämtlichen Bestandteilen gewonnen werden, wie Palāśa und Salz, gibt es keine feste Sammelzeit – dort ist jederzeit alles zulässig.
gandhavarṇarasopetā ṣaḍivadhā bhūmiriṣyate tasmādbhūmisvabhāvena bījinaḥ ṣaḍrasāyutāḥ
Der Boden, ausgestattet mit Geruch, Farbe und Geschmack, gilt entsprechend den Elementen als sechsfach; deshalb besitzen die Samenpflanzen entsprechend der Natur des Bodens die sechs Geschmacksrichtungen (*rasa*).
avyaktaḥ kila toyasya raso niścayaniścitaḥ rasaḥ sa eva cāvyakto vyakto bhūmirasādbhavet
Der Geschmack des Wassers ist ja an sich unklar, wenn auch der Sache nach feststehend; eben dieser unklare Geschmack wird durch den Bodengeschmack deutlich, differenziert und erkennbar.
sarvalakṣaṇasaṃpannā bhūmiḥ sādhāraṇā smṛtā dra vyāṇi yatra tatraiva tadguṇāni viśeṣataḥ
Ein mit allen günstigen Merkmalen ausgestatteter Boden gilt als allgemein geeignet; die dort gewachsenen Heilmittel besitzen dort in besonderem Maße die diesem Boden entsprechenden Eigenschaften.
vigandhenāparāmṛṣṭamavipannaṃ rasādibhiḥ navaṃ dra vyaṃ purāṇaṃ vā grāhyamevaṃ vinirdiśet
Man erkläre für brauchbar – ob frisch oder alt – nur ein Heilmittel, das nicht von schlechtem Geruch befallen und dessen Geschmack und übrige Eigenschaften nicht verdorben sind.
jaṅgamānāṃ vayaḥsthānāṃ raktaromanakhādikam kṣīramūtrapurīṣāṇi jīrṇāhāreṣu saṃharet
Blut, Haare, Nägel und dergleichen sowie Milch, Urin und Kot von Tieren im rechten Lebensalter und Zustand sammle man, nachdem diese ihre Nahrung verdaut haben.
plotamṛdbhāṇḍaphalakaśaṅkuvinyastabheṣajam praśastāyāṃ diśi śucau bheṣajāgāramiṣyate
Als Arzneilager (*bheṣajāgāra*) empfiehlt sich ein reiner Raum in günstiger Himmelsrichtung, in dem die Heilmittel in Tücher gehüllt, in Tongefäßen, auf Brettern oder an Pflöcken aufgehängt aufbewahrt werden.