Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 2: śiṣyopanayanīyo Die Aufnahme des Schülers

Das zweite Kapitel des Sūtrasthāna behandelt die Aufnahme (*upanayana*) des Schülers durch den Arzt (*bhiṣaj*). Es benennt die Eigenschaften eines geeigneten Kandidaten – gute Abkunft, Charakterstärke, Verstand, Auffassungsgabe und ein regelmäßiger Körperbau – sowie den Ablauf des Aufnahmerituals mit Feueropfer, Rezitation der Vyāhṛti-Formeln und dem Verbrennen von Khadira-, Palāśa- und Bilva-Holz. Der Schüler gelobt Keuschheit (*brahmacarya*), Wahrhaftigkeit und Gehorsam gegenüber dem Lehrer und verpflichtet sich zur unentgeltlichen Behandlung von Brahmanen, Armen und Schutzsuchenden. Abschließend werden ungünstige Tage und Umstände genannt, an denen das Studium zu unterlassen ist.

athātaḥśiṣyopanayanīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Aufnahme (*upanayana*) des Schülers erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

brāhmaṇakṣatriyavaiśyānāmanyatamamanvayavayaḥ śīlaśauryaśaucācāravinayaśakti-bala medhādhṛtismṛtimatipratipattiyuktaṃ tanujihvauṣṭhadantāgramṛjuvaktrākṣi nāsaṃ prasanna cittavākceṣṭaṃ kleśasahaṃ ca bhiṣak śiṣyamupanayet ato viparītaguṇaṃ nopanayet

Der Arzt (*bhiṣaj*) soll als Schüler einen aus dem Brahmanen-, Kṣatriya- oder Vaiśya-Stand aufnehmen, der von guter Abkunft und geeignetem Alter ist, der Charakterstärke, Mut, Reinheit, gutes Verhalten, Bescheidenheit, Tatkraft, körperliche Kraft, Verstand (*medhā*), Standhaftigkeit, Erinnerungsvermögen und Auffassungsgabe besitzt, der eine schmale Zunge, schmale Lippen und Zähne, ein gerades Gesicht, gerade Augen und Nase hat, dessen Gemüt, Sprache und Verhalten heiter sind, und der Anstrengung ertragen kann; einen mit entgegengesetzten Eigenschaften soll er nicht aufnehmen.

upanayanīyaṃ tu brāhmaṇaṃ praśasteṣu tithikaraṇamuhūrtanakṣatreṣu praśastāyāṃ diśi śucau same deśe caturhastaṃ caturasraṃ sthaṇḍilamupalipya gomayena darbhaiḥ saṃstīrya ratnapuṣpalājabhaktairdevatāḥpūjayitvā viprān bhiṣajaśca tatrollikhyābhyukṣya ca dakṣiṇato brahmāṇaṃ sthāpayitvā'gnimupasamādhāya khadirapalāśadevadārubi-lvānāṃ samidbhiścaturṇāṃ vā kṣīrivṛkṣāṇāṃ nyagrodho dumbarāśvatthamadhūkānāṃ da-dhimadhughṛtāktābhirdārvīhaumikena vidhināsapraṇavā bhirmahāvyāhṛtibhiḥ sruve-ṇājyāhutīrjuhuyāt tataḥ pratidaivatamṛṣīṃśca svāhākāraṃ kuryāt śiṣyamapi kārayet

Für die Aufnahme des Brahmanenschülers aber soll man an einem günstigen Tag, in günstiger Mondphase (*karaṇa*), Tagesstunde (*muhūrta*) und unter günstigem Sternbild, in günstiger Himmelsrichtung, an einem reinen, ebenen Ort einen viereckigen, vier Ellen großen Weiheplatz mit Kuhdung bestreichen und mit Darbhagras belegen, die Gottheiten mit Juwelen, Blumen und geröstetem Korn verehren, dort für die Brahmanen und den Arzt Sitzplätze bereiten und diese besprengen, im Süden den Opferpriester (*brahman*) aufstellen, das Feuer entzünden und mit Brennholz von Khadira, Palāśa, Devadāru und Bilva, oder mit dem von vier milchsafthaltigen Bäumen – Nyagrodha, Uḍumbara, Aśvattha und Madhūka –, das mit Quark, Honig und Ghee bestrichen ist, nach der Weise der Dārvī-Feuerpriester unter Rezitation der Silbe Om und der großen *Vyāhṛti*-Formeln mit dem Opferlöffel (*sruva*) Ghee-Opfer darbringen; dann soll er für jede Gottheit und jeden Ṛṣi den Ruf 'Svāhā' sprechen und auch den Schüler dies tun lassen.

brāhmaṇastrayāṇāṃ varṇānāmupanayanaṃ kartumarhati rājanyo dvayasyavaiśyo vaiśyasyaiveti śūdramapi kulaguṇasaṃpannaṃ mantravarjamanupanītamadhyāpayedityeke

Ein Brahmane ist befugt, Angehörige aller drei Stände aufzunehmen, ein Kṣatriya nur die zwei (Kṣatriya und Vaiśya), ein Vaiśya nur Vaiśyas; auch einen Śūdra von guter Familie und guten Eigenschaften solle man, so meinen manche, ohne die formelle Aufnahme (*upanayana*) und ohne Mantras unterweisen.

tato'gni triḥ pariṇīyāgnisākṣikaṃ śiṣyaṃ brūyāt kāmakrodhalobhamohamānāha-ṅkārerṣyāpāruṣyapaiśunyānṛtālasyāyaśasyāni hitvā nīcanakharomṇā śucinā kaṣāyavāsasā satyavratabrahmacaryābhivādanatatpareṇāvaśyaṃ bhavitavyaṃ madanumata-sthānagamanaśayanāsanabhojanādhyayanapareṇa bhūtvā matpriyahiteṣu vartitavyam a-to'nyathā te vartamānasyādharmo bhavati aphalā ca vidyā na ca prākāśyaṃprāpnoti

Danach soll er dreimal um das Feuer herumgehen und dem Schüler mit dem Feuer als Zeugen sagen: Du sollst Begierde, Zorn, Habsucht, Verblendung, Stolz, Eigendünkel, Neid, Rauheit, Verleumdung, Unwahrheit, Trägheit und Unrühmliches aufgeben; mit kurz geschnittenen Nägeln und Haaren, rein, in ockerfarbener Kleidung, der Wahrheit und dem Keuschheitsgelübde (*brahmacarya*) verpflichtet und stets zur Ehrerbietung bereit, sollst du dich hinsichtlich Aufenthalt, Gang, Lager, Sitz, Nahrung und Studium ausschließlich nach meiner Erlaubnis richten und in dem handeln, was mir lieb und zuträglich ist; tust du anders, so lädst du Unrecht auf dich, dein Wissen bleibt fruchtlos und wird keine Anerkennung erlangen.

ahaṃ vā tvayi samyagvartamāne yadyanyathādarśī syāmenobhāgbhaveyamaphalavidyaśca

Sollte ich aber, während du dich recht verhältst, dennoch anders handeln, so soll ich der Sünde teilhaftig werden und mein Wissen fruchtlos bleiben.

dvijaguru daridra mitrapravrajitopanata sādhvanāthābhyupagatānāṃ cātmabāndhavānā-miva svabhaiṣajaiḥ pratikartavyam evaṃ sādhu bhavati vyādhaśākunikapatitapāpa-kāriṇāṃ ca na pratikartavyam evaṃ vidyā prakāśate mitrayaśodharmārthakāmāṃśca prāpnoti

Für Brahmanen, den Lehrer, Arme, Freunde, Bettelasketen, Schutzsuchende, gute Menschen ohne Schutz, die sich an dich wenden, sollst du wie für deine eigenen Verwandten mit deinen eigenen Heilmitteln sorgen; so handelst du recht. Für Jäger, Vogelfänger, Gefallene und Übeltäter sollst du hingegen nicht sorgen; auf diese Weise erstrahlt das Wissen, und du erlangst Freunde, Ruhm, Tugend (*dharma*), Wohlstand (*artha*) und Lust (*kāma*).

bhavataścātra kṛṣṇe'ṣṭamī tannidhane'hanī dve śukle tathā'pyevamahardvisandhyam akālavidyutstanayitnughoṣe svatantrarāṣṭrakṣitipavyathāsu

Und hierzu gilt: An der dunklen Achtnacht (*aṣṭamī*) und an den beiden Tagen um deren Ende, ebenso an den entsprechenden Tagen der hellen Monatshälfte, ferner am Tag stets zu den beiden Dämmerungszeiten, bei unzeitigem Blitz und Donnergrollen sowie bei Unruhen im eigenen Reich oder beim Tod des Herrschers soll nicht studiert werden.

śmaśānayānādyatanāhaveṣu mahotsavautpātikadarśaneṣu nādhyeyamanyeṣu ca yeṣu viprā nādhīyate nāśucinā ca nityam

Ebenso nicht auf dem Leichenacker, auf Reisen, beim Mahl, im Kampf, bei großen Festen, beim Erblicken böser Vorzeichen und in ähnlichen Fällen, bei denen die Brahmanen nicht studieren; und niemals soll man in unreinem Zustand studieren.

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