athāto dra vyaviśeṣavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Besonderheiten der Substanzen (dravya, „Substanz, Stoff“) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das einundvierzigste Kapitel entfaltet die naturphilosophische Grundlage der Suśruta-Pharmakologie: Jede Substanz entsteht aus dem Zusammenwirken der fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind und Äther, wobei stets eines vorherrscht und der Substanz ihren erdhaften, wasserhaften, feurigen, windhaften oder ätherischen Charakter samt charakteristischen Eigenschaften und Wirkungen verleiht – grob und schwer bei Erd-, kühl und ölig bei Wasser-, heiß und scharf bei Feuer-Dominanz und so weiter. Daraus wird abgeleitet, warum Abführmittel überwiegend erd- und wasserhaft, Brechmittel hingegen feuer- und windhaft sind, und wie die acht Wirkkraft-Qualitäten (kühl, heiß, ölig, rau et cetera) den Elementen zuzuordnen sind. Das Kapitel liefert damit die theoretische Begründung dafür, warum praktisch jede Substanz der Welt zur Arznei werden kann, sofern Methode und Zweck ihrer Anwendung richtig erkannt werden.
| Element | Eigenschaften | Wirkung |
|---|---|---|
| Erde | grob, dicht, träge, fest, schwer, hart, geruchsreich, meist süß | Festigkeit, Kraft, Schwere, Zusammenhalt, Zunahme; wirkt nach unten |
| Wasser | kühl, feucht, ölig, träge, schwer, saftig, schlüpfrig | Ölung, Erquickung, Befeuchtung, Bindung, Fließen |
| Feuer | heiß, scharf, fein, rau, leicht, klar, formreich | Verbrennen, Verdauen, Spalten, Erhitzen, Glanz, Hautfarbe; wirkt nach oben |
| Wind | fein, rau, kühl, leicht, klar, tastempfindungsreich | Klarheit, Leichtigkeit, Ermattung, Austrocknung, Bewegung |
| Äther | glatt, fein, weich, durchdringend, klar, klangreich | Weichheit, Porosität, Leichtigkeit |
athāto dra vyaviśeṣavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Besonderheiten der Substanzen (dravya, „Substanz, Stoff“) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari lehrte:
tatra pṛthivyaptejovāyvākāśānāṃ samudāyāddra vyābhinirvṛttiḥ utkarṣastvabhivyañja ko bhavatiidaṃ pārthivamidamāpyamidaṃ taijasamidaṃ vāyavya-midamākāśīyamiti 3 tatra sthūlasāndra mandasthiragurukaṭhinaṃ gandhabahulamīṣa-tkaṣāyaṃ prāyaśo madhuramiti pārthivaṃ tat sthairyabalagauravasaṃghātopacayakaraṃ viśeṣataścādhogatisvabhāvamiti
Aus dem Zusammenwirken von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther entsteht jede Substanz; doch das jeweilige Übergewicht eines Elements tritt sichtbar hervor, so dass man sagt: dies ist erdhaft, dies wasserhaft, dies feurig, dies windhaft, dies ätherisch. Was grob, dicht, träge, fest, schwer und hart ist, reich an Geruch, leicht zusammenziehend und meist süß schmeckt, das ist erdhaft; es bewirkt Festigkeit, Kraft, Schwere, Zusammenhalt und Zunahme und hat insbesondere die Eigenart, nach unten zu wirken.
śītastimitasnigdhamandagurusarasāndra mṛdupicchilaṃ rasabahulamīṣatkaṣāyāmla-lavaṇaṃ madhurarasaprāyamāpyaṃ tat snehanahlādanakledanabandhana viṣyandanakaramiti
Was kühl, unbeweglich-feucht, ölig, träge, schwer, saftig, dicht, weich und schlüpfrig ist, reich an Geschmack (rasa, „Geschmack“), leicht zusammenziehend, sauer und salzig, meist aber süß schmeckt, das ist wasserhaft; es bewirkt Ölung, Erquickung, Befeuchtung, Bindung und Fließen.
uṣṇatīkṣṇasūkṣmarūkṣakharalaghuviśadaṃ rūpabahulamīṣadamlalavaṇaṃ kaṭukarasaprāyaṃ viśeṣataścordhvagatisvabhāvamiti taijasaṃ taddahanapacanadāraṇatāpanaprakāśanaprabhāvarṇakaramiti
Was heiß, scharf, fein, rau, rauh, leicht und klar ist, reich an Form, leicht sauer und salzig, meist aber scharf schmeckt, und das insbesondere die Eigenart hat, nach oben zu wirken, das ist feurig; es bewirkt Verbrennen, Verdauen, Spalten, Erhitzen, Erleuchten, Glanz und Hautfarbe.
sūkṣmarūkṣakharaśiśiralaghuviśadaṃ sparśabahulamīṣattiktaṃ viśeṣataḥ kaṣāyamiti vāyavīyaṃ tadvaiśadyalāghavaglapanavirūkṣaṇavicāraṇakaramiti
Was fein, rau, rauh, kühl, leicht und klar ist, reich an Tastempfindung, leicht bitter und insbesondere zusammenziehend schmeckt, das ist windhaft; es bewirkt Klarheit, Leichtigkeit, Ermattung, Austrocknung und Bewegung.
ślakṣṇasūkṣmamṛduvyavāyiviśadaviviktamavyaktarasaṃ śabdabahula mākāśīyaṃ tanmārdavaśauṣiryalāghavakaramiti 5
Was glatt, fein, weich, durchdringend, klar und gesondert ist, ohne deutlichen Geschmack, dafür reich an Klang, das ist ätherisch; es bewirkt Weichheit, Porosität und Leichtigkeit.
anena nidarśanena nānauṣadhībhūtaṃ jagati kiṃciddra vyamastīti kṛtvā taṃ taṃ yu-ktiviśeṣamarthaṃ cābhisamīkṣya svavīryaguṇayuktāni dra vyāṇi kārmukāṇi bhava-nti tāni yadā kurvanti sa kālaḥ yat kurvanti tat karma yena kurvanti tadvīryaṃ yatra kurvanti tadadhikaraṇaṃ yathā kurvanti sa upāyaḥ yanniṣpādayanti tat phalamiti
Anhand dieser Darlegung ist festzuhalten, dass es in der Welt keine Substanz gibt, die nicht zur Arznei werden könnte; erwägt man jeweils die besondere Methode und den Zweck, so werden die Substanzen, ausgestattet mit ihrer eigenen Wirkkraft (vīrya, „Wirkkraft“) und ihren Eigenschaften (guṇa, „Eigenschaft“), wirksam. Die Zeit, zu der sie wirken, ist die Zeit; was sie bewirken, ist die Handlung; wodurch sie wirken, ist ihre Wirkkraft; worauf sie wirken, ist das Substrat; wie sie wirken, ist das Mittel; und was sie hervorbringen, ist die Frucht ihres Wirkens.
tatra virecanadravyāṇi pṛthivyambuguṇabhūyiṣṭhāni pṛthivyāpogurvyaḥ tāni guru-tvādadho gacchanti tasmādvirecanamadhoguṇabhūyiṣṭhamanumānāt vamanadravyāṇyagnivāyuguṇabhūyiṣṭhāni agnivāyū hi laghū laghutvācca tānyūrdhvamuttiṣṭhanti tasmā-dvamanamapyūrdhvaguṇabhūyiṣṭham ubhayaguṇabhūyiṣṭhamubhayatobhāgam ākāśaguṇabhūyiṣṭhaṃ saṃśamanaṃ sāṃgrāhikamanilaguṇabhūyiṣṭham anilasyaśoṣaṇātmakatvāt dīpanama-gniguṇabhūyiṣṭhaṃ tatsamānatvātlekhanamanilānalaguṇabhūyiṣṭhaṃ bṛṃhaṇaṃ pṛthivyambuguṇabhūyiṣṭham evamauṣadhakarmāṇyanumānāt sādhayet
Abführende Substanzen haben ein Übergewicht der Eigenschaften von Erde und Wasser; Erde und Wasser sind schwer, und weil sie schwer sind, gehen sie nach unten – deshalb hat, so ist zu schließen, das Abführmittel überwiegend die Eigenschaft des Nach-unten-Wirkens. Brechmittel-Substanzen haben ein Übergewicht der Eigenschaften von Feuer und Luft; Feuer und Luft sind leicht, und weil sie leicht sind, steigen sie nach oben – deshalb hat auch das Brechmittel überwiegend die Eigenschaft des Nach-oben-Wirkens. Was beide Eigenschaften überwiegend besitzt, wirkt nach beiden Richtungen; was überwiegend die Eigenschaft des Äthers besitzt, beruhigt; was überwiegend die Eigenschaft der Luft besitzt, wirkt zusammenziehend, weil die Luft von Natur aus austrocknend ist; was überwiegend die Eigenschaft des Feuers besitzt, entfacht die Verdauungskraft, aus demselben Grund; was überwiegend die Eigenschaften von Luft und Feuer besitzt, schabt ab und mindert; was überwiegend die Eigenschaften von Erde und Wasser besitzt, nährt und kräftigt. So soll man die Wirkungen der Heilmittel durch Schlussfolgerung ermitteln.
bhavanti cātrabhūtejovārijairdra vyaiḥ śamaṃ yāti samīraṇaḥ bhūmyambuvāyujaiḥ pittaṃ kṣipramāpnoti nirvṛtim
Hierzu gibt es folgende Verse: Durch Substanzen, die aus Erde, Feuer und Wasser entstanden sind, wird der Wind (vāta) besänftigt; durch solche, die aus Erde, Wasser und Luft entstanden sind, kommt die Galle (pitta) rasch zur Ruhe.
khatejonilajaiḥ śleṣmā śamameti śarīriṇām viyatpavanajātābhyāṃ vṛddhimabhyeti mārutaḥ
Durch Substanzen, die aus Äther, Feuer und Luft entstanden sind, wird der Schleim (kapha) der Körperwesen besänftigt; durch solche, die aus Äther und Luft entstanden sind, wächst der Wind.
āgneyameva yaddra vyaṃ tena pittamudīryate vasudhājalajātābhyāṃ balāsaḥ parivardhate
Durch eine feurige Substanz wird die Galle erregt; durch solche, die aus Erde und Wasser entstanden sind, wächst der Schleim.
evametadguṇādhikyaṃ dra vye dra vye viniścitam dviśo vā bahuśo vā'pi jñātvā doṣeṣu cācaret
So ist bei jeder einzelnen Substanz das Übergewicht der Eigenschaften genau zu bestimmen; kennt man es, sei es zweifach oder mehrfach, so soll man danach bei den Doṣas (Körpersäften) verfahren.
tatra ya ime guṇā vīryasaṃjñakāḥ śītoṣṇasnigdharūkṣamṛdutīkṣṇapicchila viśa-dāsteṣāṃ tīkṣṇoṣṇāvāgneyau śītapicchilāvambuguṇabhūyiṣṭhau pṛthivya mbuguṇa-bhūyiṣṭhaḥ snehaḥ toyākāśaguṇabhūyiṣṭhaṃ mṛdutvaṃ vāyuguṇabhūyiṣṭhaṃ raukṣyaṃ kṣitisa-mīraṇaguṇabhūyiṣṭhaṃ vaiśadyaṃvipākāvuktaguṇau tatra uṣṇasnigdhau vātaghnau śītamṛ-dupicchilāḥ pittaghnāḥ tīkṣṇarūkṣaviśadāḥ śleṣmaghnāḥ gurupāko vātapittaghnaḥ laghupākaḥ pākaḥ śleṣmaghnaḥ teṣāṃ mṛduśītoṣṇāḥ sparśagrāhyāḥ picchilaviśa-dau cakṣuḥsparśābhyāṃ snigdharūkṣau cakṣuṣā tīkṣṇo mukhe duḥkhotpādanāt gurupā-kaḥ sṛṣṭaviṇmūtratayā kaphotkleśena ca laghurbaddhaviṇmūtratayā mārutakopena ca tatra tulyaguṇeṣu bhūteṣu rasavaiśeṣya mupalakṣayet tadyathāmadhuro guruśca pārthivaḥ madhuraḥ snigdhaścāpya iti
Was nun jene Eigenschaften betrifft, die man als Wirkkraft (vīrya) bezeichnet – kühl, heiß, ölig, rau, weich, scharf, schlüpfrig, klar –, so sind scharf und heiß feurig, kühl und schlüpfrig haben ein Übergewicht der Wasser-Eigenschaft, Öligkeit hat ein Übergewicht der Erd- und Wasser-Eigenschaft, Weichheit hat ein Übergewicht der Wasser- und Äther-Eigenschaft, Rauheit hat ein Übergewicht der Luft-Eigenschaft, Klarheit hat ein Übergewicht der Erd- und Luft-Eigenschaft. Die vipāka (die nachverdauliche Wirkung) entsprechen den genannten Eigenschaften: heiß und ölig besänftigen vāta; kühl, weich und schlüpfrig besänftigen pitta; scharf, rau und klar besänftigen kapha. Was schwer verdaulich ist, besänftigt vāta und pitta; was leicht verdaulich ist, besänftigt kapha. Von diesen Eigenschaften werden weich, kühl und heiß durch den Tastsinn erfasst; schlüpfrig und klar durch Auge und Tastsinn; ölig und rau durch das Auge; scharf erkennt man daran, dass es im Mund Beschwerden verursacht; schwer verdaulich daran, dass Stuhl und Harn gelöst werden und Schleim aufsteigt; leicht verdaulich daran, dass Stuhl und Harn gebunden werden und der Wind erregt wird. Sind die Elemente in gleichem Maße vorhanden, so soll man den Unterschied am Geschmack erkennen: so ist zum Beispiel das Süße, das schwer ist, erdhaft, das Süße, das ölig ist, wasserhaft.
bhavati cātraguṇā ya uktā dra vyeṣu śarīreṣvapi te tathā sthānavṛddhikṣayāstasmāddehināṃ dra vyahetukāḥ
Und hierzu gilt: Die Eigenschaften, die für die Substanzen genannt wurden, gelten ebenso für die Körper; ihr Verbleiben, ihre Zunahme und ihre Abnahme sind daher bei den verkörperten Wesen durch die Substanzen bedingt.