Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 10: viśikhānupraveśanīyo Der Arzt beim Krankenbesuch

Das zehnte Kapitel, „Über den Zugang zu den Wohnstätten der Kranken“ (*viśikhānupraveśana*), beschreibt das äußere Erscheinungsbild und Verhalten des Arztes beim Hausbesuch – kurze Nägel, weiße Kleidung, freundliche Rede – sowie die sechsfache Methode der Krankheitserkennung durch die fünf Sinne und die Befragung des Patienten, mit der etwa Wundgeräusche, Tastbefunde oder Gerüche diagnostisch genutzt werden. Krankheiten werden danach unterschieden, ob sie heilbar (*sādhya*), nur lindernd behandelbar (*yāpya*) oder unheilbar (*asādhya*) sind; genannt werden zudem Patiententypen – Gelehrte, Könige, Kinder, Geizige –, bei denen selbst heilbare Leiden besonders schwer zu behandeln sind. Das Kapitel schließt mit ethischen Verhaltensregeln gegenüber Patientinnen.

Die sechsfache Erkenntnis der Krankheit (Vers 4–5)
ErkenntnismittelErkennbare Merkmale (Beispiele)
Gehörschaumiges Blut, das mit Geräusch austritt, während der vāta entweicht
Tastsinnkalt, heiß, glatt, rau, weich, hart – etwa bei Fieber und Schwellungen
SehsinnZu- und Abnahme der Körperfülle, Zeichen der Lebensdauer, Kraft, Hautfarbe
GeschmackssinnGeschmacksbesonderheiten bei prameha (Harnkrankheiten) u.dgl.
GeruchssinnTodeszeichen (ariṣṭaliṅga), Geruch von Wunden
BefragungOrt, Zeit, Herkunft, Verträglichkeit, Entstehung, Schmerzausmaß, Kraft, Agni, Dauer der Erkrankung
Danach unterscheidet der Arzt heilbare (sādhya), nur lindernd behandelbare (yāpya) und unheilbare (asādhya) Krankheiten (Vers 6).

athāto viśikhānupraveśanīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über den Zugang zu den Wohnstätten der Kranken erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari.

adhigatatantreṇopāsitatantrārthena dṛṣṭakarmaṇā kṛtayogyena śāstraṃ nigadatā rā-jānujñātena nīcanakharomṇā śucinā śuklavastraparihitena chatravatā daṇḍahastena sopānatkenānuddhataveśena sumanasā kalyāṇābhivyāhāreṇākuhakena bandhubhūtena bhūtānāṃ susahāyavatā vaidyenaviśikhā'nupraveṣṭavyā

Der Arzt, der die Lehrtexte gemeistert hat, ihren Sinn durchdrungen hat, die Praxis gesehen hat, geübt ist, die Lehre beherrscht, vom König zugelassen ist, kurze Nägel und kurzes Haar trägt, rein ist, weiße Kleidung anlegt, einen Schirm trägt, einen Stock in der Hand hält, Schuhe trägt, sich nicht auffällig kleidet, wohlgesinnt ist, freundliche und heilsame Reden führt, nicht betrügerisch ist, sich den Kranken wie ein Verwandter zeigt und von guten Begleitern umgeben ist – ein solcher Arzt darf die Wohnstätten der Kranken betreten.

tato dūtanimittaśakunamaṅgalānulomyenāturagṛhamabhigamya upaviśya āturamabhipaśyet spṛśet pṛcchecca tribhiretairvijñānopāyai rogāḥ prāyaśo veditavyā ityeke tattu na samyak ṣaḍvidho hi rogāṇāṃ vijñānopāyaḥ tadyathāpañcabhiḥ śrotrādibhiḥ praśnena ceti

Danach soll er, nachdem er auf Boten, Vorzeichen, Vogelzeichen und günstige Anzeichen geachtet hat, das Haus des Kranken aufsuchen, sich niedersetzen und den Kranken betrachten, berühren und befragen; durch diese drei Erkenntnismittel könne man die Krankheiten meist erkennen, sagen die einen – doch das ist nicht ganz richtig, denn die Erkenntnis der Krankheiten erfolgt auf sechsfache Weise, nämlich durch die fünf Sinnesorgane, angefangen mit dem Gehör, sowie durch Befragung.

tatra śrotrendri yavijñeyā viśeṣā rogeṣu vraṇāsrāvavijñānīyādiṣu vakṣyantetatra saphenaṃ raktamīrayannanilaḥ saśabdo nirgacchati ityevamādayaḥ sparśanendri yavi-jñeyāḥ śītoṣṇaślakṣṇa karkaśamṛdukaṭhinatvādayaḥspirśaviśeṣājviraśophā-diṣu cakṣuri ndri yavijñeyāḥ śarīropacayāpacayāyurlakṣaṇabalavarṇa vikārādayaḥ rasanendri yavijñeyāḥ pramehādiṣu rasaviśeṣāḥ ghrāṇendri yavijñeyā ariṣṭaliṅgādiṣu vraṇānāmavraṇānāṃ ca gandhaviśeṣāḥ praśnena ca vijānīyāddeśaṃ kālaṃ jātiṃ sātmyamātaṅkasamutpattiṃ vedanāsamucchrāyaṃ balamantaragniṃ vātamūtrapurīṣāṇāṃ pravṛttimapravṛttiṃ kālaprakarṣādīṃśca viśeṣān ātmasadṛśeṣu vijñānābhyupāyeṣu tatsthānīyairjānīyāt

Dabei sind durch das Gehörsorgan Besonderheiten bei Krankheiten zu erkennen, wie sie im Kapitel über die Erkenntnis des Wundausflusses (*vraṇāsrāva*) und dergleichen beschrieben werden: wenn etwa schaumiges Blut mit Geräusch austritt, während der *vāta* entweicht, und dergleichen mehr. Durch das Tastsinnesorgan sind Besonderheiten wie kalt, heiß, glatt, rau, weich und hart zu erkennen, so bei Fieber und Schwellungen die Tastbesonderheiten. Durch das Sehsinnesorgan sind Zu- und Abnahme der Körperfülle, Zeichen der Lebensdauer, Kraft, Hautfarbe und ihre Veränderungen zu erkennen. Durch das Geschmackssinnesorgan sind bei *prameha* (Harnkrankheiten) und dergleichen Geschmacksbesonderheiten zu erkennen. Durch das Geruchssinnesorgan sind bei den Todeszeichen (*ariṣṭaliṅga*) und dergleichen sowie bei Wunden und Nicht-Wunden Geruchsbesonderheiten zu erkennen. Und durch Befragung erfahre man Ort, Zeit, Herkunft, Verträglichkeit, Entstehung der Erkrankung, das Ausmaß der Schmerzen, die Kraft, die innere Verdauungsglut (*agni*), das Fortgehen oder Nicht-Fortgehen von Wind, Harn und Stuhl, die Dauer der Erkrankung und weitere Besonderheiten; was den eigenen Sinnesorganen ähnlich zugänglich ist, erkenne man durch die entsprechenden Erkenntnismittel selbst.

evamabhisamīkṣya sādhyān sādhayet yāpyān yāpayet asādhyā nnaivopakrameta parisaṃvatsarotthitāṃśca vikārānprāyaśo varjayet

So prüfend behandle man die heilbaren (*sādhya*) Krankheiten mit dem Ziel der Heilung und die lindernden (*yāpya*) mit dem Ziel der Linderung; die unheilbaren (*asādhya*) hingegen behandle man gar nicht erst, und Krankheiten, die schon ein Jahr bestehen, meide man meist ebenfalls.

bhavati cātra mithyādṛṣṭā vikārā hi durākhyātāstathaiva ca tathā duṣparimṛṣṭāśca mohayeyuścikitsakam

Hierzu heißt es: Fälschlich beurteilte Krankheiten sind schwer zu benennen, und ebenso können sie, wenn sie schlecht untersucht wurden, den Arzt in die Irre führen.

tatra sādhyā api vyādhayaḥ prāyeṇaiṣāṃ duścikitsyatamā bhavanti tadyathā śrotriyanṛpatistrībālavṛddha bhīrurājasevakakitavadurbalavaidyavidagdha-vyādhigopakadaridra kṛpaṇakrodhanānāmanātmavatāmanāthānāṃ ca evaṃ nirūpya cikitsāṃ kurvan dharmārthakāmayaśāṃsi prāpnoti

Auch heilbare Krankheiten sind bei folgenden Kranken meist am schwersten zu behandeln: bei einem Gelehrten, einem König, einer Frau, einem Kind, einem Alten, einem Ängstlichen, einem königlichen Diener, einem Spieler, einem Schwachen, einem verschlagenen Arzt, einem Hüter, der die Krankheit verheimlicht, einem Armen, einem Geizigen, einem Jähzornigen sowie bei Menschen ohne Selbstbeherrschung und ohne Beschützer. Wer so prüfend die Behandlung durchführt, erlangt *dharma*, *artha*, *kāma* und Ruhm.

bhavati cātra strībhiḥ sahāsyāṃ saṃvāsaṃ parihāsaṃ ca varjayet dattaṃ ca tābhyo nādeyamannādanyadbhiṣagvaraiḥ

Hierzu heißt es weiter: Man meide es, mit Frauen zu scherzen, mit ihnen zu verkehren oder sie zum Lachen zu bringen; auch soll man von ihnen keine Geschenke annehmen, und Speise nehme ein vorzüglicher Arzt nicht von anderen an als vom Kranken selbst.

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