Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 31: chāyāvipratipattir Die Gesichtsfarbe als Todeszeichen

Im einunddreißigsten Kapitel wird die Todeszeichenlehre um die „widersprüchliche Gesichtsfarbe und Ausstrahlung“ (chāyā) erweitert: Verfärbungen des Gesichts, herabhängende Lippen, sich verfärbende Zähne, eine schwarze oder starre Zunge, eingefallene Augen, sich sträubendes Haar sowie zahlreiche weitere körperliche Anzeichen – bis hin zu Schwellungen an bestimmten Körperstellen, kaltem Atem, unstillbarem Hunger trotz Schwäche oder charakteristischen Ausdünstungen – werden als sichere Vorboten des nahen Todes (der „Wohnstatt Yamas“) aufgezählt. Auch geistige Symptome wie das Schwinden von Scham, Gedächtnis und Standhaftigkeit sowie das Sprechen mit Verstorbenen gehören dazu. Den Abschluss bildet die Vorstellung, dass sich Verstorbene, Geister und Dämonen dem Sterbenden nähern und die Wirkung der Heilmittel zunichtemachen – ein Bild, das den Grenzbereich ärztlicher Kunst gegenüber dem Unabwendbaren markiert.

Körperliche Todeszeichen (chāyāvipratipatti) nach Körperteil (Vers 3–29)
Körperteil/BereichZeichen
Gesichtsfarbebräunlich-fahle, rötliche, bläuliche oder gelbliche Verfärbung
LippenHerabhängen der Unterlippe, Hochziehen der Oberlippe, Jambu-Frucht-Farbe
Zähnerötlich-fahle Verfärbung, Ausfallen
Zungeschwarz, starr, belegt oder geschwollen
Nasekrumm, rissig, ausgetrocknet, eingesunken
Augeneingefallen, ungleich, starr, gerötet oder tränend
Haare/Brauen/WimpernSträuben am Scheitel, Zusammenziehen der Brauen, Ausfallen der Wimpern
Körperhaltungständiges Liegen auf dem Rücken, verkrampfte Füße
Extremitäten/Atemkalte Füße, Hände und Atem; aussetzender oder stoßweiser Atem
Schwellungbei Männern von den Füßen, bei Frauen von Gesicht oder Genitalien ausgehend
AusdünstungGeruch nach Schlamm, Fisch, Fett, Öl oder Ghee
Weitere Zeichen sind das Schwinden von Scham, Erinnerungsvermögen und Standhaftigkeit sowie das Sprechen mit Verstorbenen (V4, V16).

athātaśchāyāvipratipattimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die widersprüchlichen (Todes-)Anzeichen der Gesichtsfarbe (*chāyā*, die Ausstrahlung/Hautfarbe) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

śyāvā lohitikā nīlā pītikā vā'pi mānavam abhidra vanti yaṃ chāyāḥ sa parāsurasaṃśayam

Wessen Gesichtsfarbe sich bräunlich-fahl, rötlich, bläulich oder gelblich verfärbt und ihn gleichsam bedrängt, bei dem steht das nahe Lebensende zweifelsfrei bevor.

hrīrapakramate yasya prabhāsmṛtidhṛtiśriyaḥ akasmādyaṃ bhajante vā sa gatāsurasaṃśayam

Wessen Scham (*hrī*) von ihm weicht, oder wen Glanz, Erinnerungsvermögen, Standhaftigkeit und Schönheit plötzlich ohne ersichtlichen Grund verlassen, bei dem ist das Lebensende ohne Zweifel gekommen.

yasyādharauṣṭhaḥ patitaḥ kṣiptaścordhvaṃ tathottaraḥ ubhau vā jāmbavābhāsau durlabhaṃ tasya jīvitam

Wessen Unterlippe herabhängt oder wessen Oberlippe sich nach oben verzieht, oder bei wem beide Lippen die Farbe der Jambu-Frucht annehmen, dessen Leben ist kaum noch zu erhalten.

āraktā daśanā yasya śyāvā vā syuḥ patanti vā khañjanapratimā vā'pi taṃ gatāyuṣamādiśet

Wessen Zähne sich rötlich oder bräunlich-fahl färben, ausfallen oder wie die Farbe des Khañjana-Vogels werden, den soll man als einen bezeichnen, dessen Lebenszeit abgelaufen ist.

kṛṣṇā stabdhā'valiptā vā jihvā śūnā ca yasya vai karkaśā vā bhavedyasya so'cirādvijahātyasūn

Wessen Zunge schwarz, starr oder belegt, geschwollen oder auch rau wird, der wird bald sein Leben aushauchen.

kuṭilā sphuṭitā vā'pi śuṣkā vā yasya nāsikā avasphūrjati magnā vā na sa jīvati mānavaḥ

Wessen Nase krumm, rissig oder ausgetrocknet wird, sich zusammenzieht oder einsinkt, dieser Mensch lebt nicht mehr lange.

saṃkṣipte viṣame stabdhe rakte sraste ca locane syātāṃ vā prasrute yasya sa gatāyurnaro dhruvam

Wessen Augen eingefallen, ungleich, starr, gerötet, herabhängend oder tränend werden, dieser Mensch hat gewiss sein Lebensende erreicht.

keśāḥ sīmantino yasya saṃkṣipte vinate bhruvau luṇḍanti cākṣipakṣmāṇi so'cirādyāti mṛtyave

Wessen Haare sich am Scheitel sträuben, dessen Augenbrauen sich zusammenziehen und herabsenken und wessen Wimpern ausfallen, der geht bald dem Tode entgegen.

nāharatyannamāsyasthaṃ na dhārayati yaḥ śiraḥ ekāgradṛṣṭirmūḍhātmā sadyaḥ prāṇān jahāti saḥ

Wer die Speise im Mund nicht mehr herunterschluckt, den Kopf nicht mehr aufrecht halten kann, wer starr in eine Richtung blickt und geistig umnachtet ist, der wird sogleich sein Leben aushauchen.

balavān durbalo vā'pi saṃmohaṃ yo'dhigacchati utthāpyamāno bahuśastaṃ pakvaṃ bhiṣagādiśet

Sei er kräftig oder schwach – wer in Bewusstlosigkeit verfällt und, sooft man ihn aufzurichten versucht, dabei mehrfach umsinkt, den soll der Arzt für dem Tode nahe erklären.

uttānaḥ sarvadā śete pādau vikurute ca yaḥ viprasāraṇaśīlo vā na sa jīvati mānavaḥ

Wer stets auf dem Rücken liegt, die Füße verkrampft oder ständig die Glieder ausstreckt, dieser Mensch lebt nicht mehr lange.

śītapādakarocchvāsaśchinnocchvāsaśca yo bhavet kākocchvāsaśca yo martyastaṃ dhīraḥ parivarjayet

Wer kalte Füße, Hände und kalten Atem hat, wessen Atem aussetzt, oder wer wie eine Krähe stoßweise atmet – diesen Sterbenden soll der besonnene Arzt aufgeben.

nidrā na chidyate yasya yo vā jāgarti sarvadā muhyedvā vaktukāmaśca pratyākhyeyaḥ sa jānatā

Wer aus dem Schlaf nicht mehr erwacht, oder wer ständig wach bleibt, oder wer die Besinnung verliert, während er gerade sprechen möchte, den soll der Kundige als unheilbar erklären.

uttarauṣṭhaṃ ca yo lihyādutkārāṃśca karoti yaḥ pretairvā bhāṣate sārdhaṃ pretarūpaṃ tamādiśet

Wer sich die Oberlippe beleckt, wer würgende Laute von sich gibt, oder wer mit Verstorbenen spricht, den erkläre man für einen, der bereits die Gestalt eines Verstorbenen angenommen hat.

khebhyaḥ saromakūpebhyo yasya raktaṃ pravartate puruṣasyāviṣārtasya sadyo jahyāt sa jīvitam

Wessen Körperöffnungen samt den Haarfollikeln Blut absondern, obwohl der Mensch nicht vergiftet ist, der wird sogleich sein Leben verlieren.

vātāṣṭhīlā tu hṛdaye yasyordhvamanuyāyinī rujānnavidveṣakarī sa parāsurasaṃśayam

Wem im Herzbereich eine durch *vāta* (das Bewegungsprinzip, Wind) verursachte, schmerzhafte, aufwärts wandernde knotige Geschwulst entsteht, die Abscheu vor Speise hervorruft, bei dem steht das Lebensende zweifellos bevor.

ananyopadra vakṛtaḥ śophaḥ pādasamutthitaḥ puruṣaṃ hanti nārīṃ tu mukhajo guhyajo dvayam

Eine Schwellung (*śopha*), die ohne andere Begleiterscheinungen von den Füßen ausgeht, tötet den Mann; bei der Frau hingegen tötet eine solche, die vom Gesicht oder von den Genitalien ausgeht, in beiden Fällen.

atisāro jvaro hikkā chardiḥ śūnāṇḍameḍhratā śvāsinaḥ kāsino vā'pi yasya taṃ kṣīṇamādiśet

Wer an Durchfall (*atisāra*), Fieber (*jvara*), Schluckauf, Erbrechen leidet und dessen Hoden und Penis anschwellen, oder wer an Atemnot oder Husten leidet, den erkläre man für erschöpft, dem Tode nahe.

svedo dāhaśca balavān hikkā śvāsaśca mānavam balavantamapi prāṇairviyuñjanti na saṃśayaḥ

Starkes Schwitzen, brennendes Gefühl, Schluckauf und Atemnot trennen selbst einen kräftigen Menschen zweifellos von seinem Leben.

śyāvā jihvā bhavedyasya savyaṃ cākṣi nimajjati mukhaṃ ca jāyate pūti yasya taṃ parivarjayet

Wessen Zunge bräunlich-fahl wird, dessen linkes Auge einsinkt und dessen Mund übel riecht, den soll man aufgeben.

vaktramāpūryate'śrūṇāṃ svidyataścaraṇāvubhau cakṣuścākulatāṃ yāti yamarāṣṭraṃ gamiṣyataḥ

Bei dem, der ins Reich des Totengottes Yama eingehen wird, füllt sich das Gesicht mit Tränen, beide Füße schwitzen und die Augen werden trübe und verwirrt.

atimātraṃ laghūni syurgātrāṇi gurukāṇi vā yasyākasmāt sa vijñeyo gantā vaivasvatālayam

Wessen Glieder plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, übermäßig leicht oder übermäßig schwer werden, von dem wisse man, dass er zur Wohnstatt des Vaivasvata (Yama) geht.

paṅkamatsyavasātailaghṛtagandhāṃśca ye narāḥ mṛṣṭagandhāṃśca ye vānti gantāraste yamālayam

Menschen, die den Geruch von Schlamm, Fisch, Fett, Öl oder Ghee, oder auch angenehme Düfte ausdünsten, gehen zur Wohnstatt Yamas.

yūkā lalāṭamāyānti bali nāśnanti vāyasāḥ yeṣāṃ cāpi ratirnāsti yātāraste yamālayam

Bei wem sich Läuse auf der Stirn ansammeln, wessen Opfergaben die Krähen nicht fressen, und wer keine Freude mehr empfindet – diese gehen zur Wohnstatt Yamas.

jvarātisāraśophāḥ syuryasyānyonyāvasādinaḥ prakṣīṇabalamāṃsasya nāsau śakyaścikitsitam

Wer an Fieber, Durchfall und Schwellungen leidet, die sich wechselseitig verschlimmern, und dessen Kraft und Muskelfleisch schon geschwunden sind, der ist nicht mehr zu behandeln.

kṣīṇasya yasya kṣuttṛṣṇe hṛdyairmiṣṭairhitaistathā na śāmyato'nnapānaiśca tasya mṛtyurupasthitaḥ

Wessen Hunger und Durst, obwohl er bereits geschwächt ist, sich selbst durch angenehme, süße und zuträgliche Speisen und Getränke nicht stillen lassen, dem steht der Tod unmittelbar bevor.

pravāhikā śiraḥśūlaṃ koṣṭhaśūlaṃ ca dāruṇam pipāsā balahāniśca tasya mṛtyurupasthitaḥ

Wer an Ruhr (*pravāhikā*, schmerzhaftem Stuhldrang), Kopfschmerzen und heftigen Bauchschmerzen, an Durst und Kräfteverfall leidet, dem steht der Tod unmittelbar bevor.

viṣameṇopacāreṇa karmabhiśca purākṛtaiḥ anityatvācca jantūnāṃ jīvitaṃ nidhanaṃ vrajet

Durch unangemessene Lebensführung, durch früher begangene Taten (*karma*) und durch die Vergänglichkeit aller Wesen kann das Leben zum Tod hinschreiten.

pretā bhūtāḥ piśācāśca rakṣāṃsi vividhāni ca maraṇābhimukhaṃ nityamupasarpanti mānavam

Verstorbene Geister (*preta*), Elementargeister (*bhūta*), Dämonen (*piśāca*) und vielerlei Unholde (*rakṣas*) nähern sich stets dem dem Tode zugewandten Menschen.

tāni bheṣajavīryāṇi pratighnanti jighāṃsayā tasmānmoghāḥ kriyāḥ sarvā bhavantyeva gatāyuṣām

Diese vernichten in ihrer Mordlust die Wirkkraft der Heilmittel; deshalb bleiben bei denen, deren Lebenszeit abgelaufen ist, alle Behandlungsmaßnahmen wirkungslos.

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