athāto yogyāsūtrīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Übung (*yogyā*) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das kurze neunte Kapitel, „Über die Übung“ (*yogyā*), fordert, dass auch ein theoretisch versierter Schüler an Ersatzobjekten praktisch geschult werden muss, bevor er am Patienten operiert. Für jede der acht chirurgischen Grundverrichtungen wird ein geeignetes Übungsobjekt genannt: Schneiden an Früchten und Kürbissen, Einschneiden an wassergefüllten Schläuchen, Punktieren an Venen toter Tiere und Lotosstängeln, Nähen an feinem Gewebe, der Umgang mit Feuer und Ätzmittel an weichem Fleisch. Nur wer sich auf diese Weise vorbereitet, gerät bei der eigentlichen Behandlung nicht in Verwirrung – ein knapper, aber programmatischer Hinweis auf die praktisch-handwerkliche Ausbildung des Chirurgen.
| Verrichtung | Übungsobjekt |
|---|---|
| Chedya (Schneiden) | Blüten, Früchte, Flaschenkürbisse, Wassermelonen, Gurken u.a. |
| Bhedya (Einschneiden) | mit Wasser oder Schlamm gefüllte Schläuche, Blasen, Säcke |
| Lekhya (Schaben) | behaartes, ausgespanntes Leder |
| Vedhya (Punktieren) | Venen toter Tiere, Lotosstängel |
| Eṣya (Sondieren) | wurmzerfressenes Holz, Bambus, Schilfrohr, Öffnung eines getrockneten Flaschenkürbisses |
| Āharya (Herausziehen) | Kerne von Jackfrucht und Bimbī, Bilva-Früchte, Zähne toter Tiere |
| Visrāvya (Ausbluten-Lassen) | mit Bienenwachs bestrichenes Śālmalī-Brett |
| Sīvya (Nähen) | Ränder feinen, dichten Gewebes, weiche Lederränder |
| Bandhana (Verbinden) | Glieder und Körperteile einer Stoffpuppe |
| Umgang mit Feuer und Ätzmittel | weiche Fleischstücke |
| Einführen von Augensonde und Blasenkatheter | Seite eines Wasserkrugs, fließender Bach, Öffnung eines Flaschenkürbisses |
athāto yogyāsūtrīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Übung (*yogyā*) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari.
adhigatasarvaśāstrārthamapi śiṣyaṃ yogyāṃ kārayet snehādiṣu chedyādiṣu ca karmapathamupadiśet subahuśruto'pyakṛtayogyaḥ karmasvayogyo bhavati
Auch einen Schüler, der die Bedeutung aller Lehrtexte erfasst hat, soll man in der Übung unterweisen und ihm den Weg der Verrichtung bei Ölbehandlungen (*sneha*) und dergleichen sowie bei Operationen wie dem Schneiden (*chedya*) und dergleichen zeigen; denn auch wer sehr belesen ist, aber die Übung nicht erworben hat, ist für die praktischen Verrichtungen ungeeignet.
tatra puṣpaphalālābūkālindakatrapusairvārukarkārukaprabhṛtiṣu chedyaviśeṣān darśayet utkartanāpakartanāni copadiśet dṛtibasti prasevakaprabhṛtiṣūdakapaṅkapūrṇeṣu bhedyayogyāṃ saromṇi carmaṇyātate lekhyasya mṛtapaśusirāsūtpalanāleṣu ca vedhyasya ghuṇopahata kāṣṭhaveṇunalanālīśuṣkālābūmukheṣveṣyasya panasabimbī-bilva phalamajjamṛtapaśudanteṣvāhāryasya madhūcchiṣṭopalipte śālmalīphalake visrāvyasya sūkṣmaghanavastrāntayormṛducarmāntayośca sīvyasya pustamayapuruṣāṅga-pratyaṅgaviśeṣeṣu bandhanayogyāṃ mṛduṣu māṃsakhaṇḍeṣvagni kṣārayogyāṃ mṛducarma-māṃsapeśīṣūtpalanāleṣu ca karṇasandhibandhayogyām udakapūrṇaghaṭapārśvasrotasyalābūmukhādiṣu ca netrapraṇidhānavastivraṇabastipīḍanayogyāmiti
Dabei zeige man an Blüten, Früchten, Flaschenkürbissen, Wassermelonen, Gurken, Trapusa, Vāruka und dergleichen die verschiedenen Arten des Schneidens und unterweise im Auf- und Abschneiden; an mit Wasser oder Schlamm gefüllten Schläuchen, Blasen und Säcken übe man das Einschneiden (*bhedya*); an behaartem, ausgespanntem Leder übe man das Schaben (*lekhya*); an den Venen toter Tiere und an Lotosstängeln übe man das Punktieren (*vedhya*); an wurmzerfressenem Holz, Bambus, Schilfrohr und der Öffnung eines getrockneten Flaschenkürbisses übe man das Sondieren (*eṣya*); an den Kernen von Jackfrucht und Bimbī, an Bilva-Früchten und an den Zähnen toter Tiere übe man das Herausziehen (*āharya*); an einem mit Bienenwachs bestrichenen Brett aus Śālmalī-Holz übe man das Ausbluten-Lassen (*visrāvya*); an den Rändern feinen, dichten Gewebes und an weichen Lederrändern übe man das Nähen (*sīvya*); an den verschiedenen Gliedern und Körperteilen einer Stoffpuppe übe man das Verbinden (*bandhana*); an weichen Fleischstücken übe man den Umgang mit Feuer und Ätzmittel; an weichem Leder, Muskelfleisch und Lotosstängeln übe man das Verbinden der Ohrfugen; und an der Seite eines mit Wasser gefüllten Kruges oder eines fließenden Baches sowie an der Öffnung eines Flaschenkürbisses und dergleichen übe man das Einführen der Augensonde und das Anlegen des Blasenkatheters bei Wundklistieren.
bhavataścātra evamādiṣu medhāvī yogyārheṣu yathāvidhi dra vyeṣu yogyāṃ kurvāṇo na pramuhyati karmasu
Wer kundig an solchen und ähnlichen geeigneten Gegenständen die Übung vorschriftsmäßig durchführt, der verwirrt sich bei den eigentlichen Verrichtungen nicht.
tasmāt kauśalamanvicchan śastrakṣārāgnikarmasu yasya yatreha sādharmyaṃ tatra yogyāṃ samācaret
Darum strebe man nach Geschicklichkeit im Gebrauch von Messer, Ätzmittel und Feuer – wo immer eine Ähnlichkeit besteht, dort übe man entsprechend.