Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 30: pañcendri yārthavipratipattir Die trügerische Sinneswahrnehmung als Todeszeichen

Das dreißigste Kapitel setzt die im Vorkapitel begonnene Todeszeichen-Lehre (ariṣṭa) fort und wendet sich der „widersinnigen Wahrnehmung der Sinnesobjekte“ zu: Systematisch wird für jeden der fünf Sinne dargelegt, welche Fehlwahrnehmungen auf den nahenden Tod hindeuten. Beim Gehör sind es imaginäre oder verzerrte Geräusche oder plötzliche Taubheit, beim Tastsinn die Verwechslung von heiß und kalt oder das Ausbleiben von Schmerzempfindung, bei Geschmack und Geruch das Nichtwahrnehmen oder die Verkehrung der jeweiligen Qualitäten. Den größten Raum nimmt das Sehen ein: Halluzinatorische Himmelserscheinungen wie Blitze am wolkenlosen Himmel, eine brennend wirkende Welt, verschwundene Sterne (Arundhatī, der Polarstern) oder ein entstelltes Spiegelbild sowie das Erblicken gespenstischer Wesen gelten als sichere Vorboten des Todes. Das Kapitel bleibt eng an der divinatorischen Tradition und verbindet medizinische Beobachtung eng mit religiös-kosmologischer Vorstellungswelt.

Todeszeichen (ariṣṭa) der fünf Sinne (Vers 4–23)
SinnTodesanzeigende Fehlwahrnehmung
GehörHören nicht vorhandener Klänge, Verwechslung von Tönen, oder plötzliche Taubheit
TastsinnVerwechslung von heiß und kalt; Schmerzlosigkeit selbst bei Verletzung
Geschmackverkehrte Wahrnehmung der Geschmäcker oder gänzlicher Ausfall des Geschmackssinns
GeruchWohlgeruch für Gestank halten und umgekehrt, oder gänzlicher Ausfall des Geruchssinns
SehenHalluzinationen wie Blitze am wolkenlosen Himmel, brennend wirkende Welt, verschwundene Sterne (Arundhatī), entstelltes Spiegelbild

athātaḥ pañcendri yārthavipratipattimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die widersinnige Wahrnehmung der Objekte der fünf Sinne erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.

śarīraśīlayoryasya prakṛtervikṛtirbhavet tattvariṣṭaṃ samāsena vyāsatastu nibodha me

Wenn sich bei jemandem die natürliche Beschaffenheit (*prakṛti*) von Körper und Verhalten in ihr Gegenteil verkehrt, so ist dies wahrhaftig ein Todeszeichen (*ariṣṭa*) – vernimm dies nun zunächst in Kürze, sodann von mir ausführlich.

śṛṇoti vividhāñ śabdān yo divyānāmabhāvataḥ samudra purameghānāmasaṃpattau ca niḥsvanān

Wer allerlei Töne hört, obwohl in Wirklichkeit weder himmlische Wesen noch das Rauschen von Meer, Stadt oder Wolken vorhanden sind –

tān svanānnāvagṛhṇāti manyate cānyaśabdavat grāmyāraṇyasvanāṃścāpi viparītāñ śṛṇoti ca

– oder wer diese Klänge nicht richtig erfasst und sie für andere Töne hält, oder Dorf- und Waldgeräusche verzerrt wahrnimmt –

dviṣacchabdeṣu ramate suhṛcchabdeṣu kupyati na śṛṇoti ca yo'kasmāttaṃ bruvanti gatāyuṣam

– wer sich an den Stimmen von Feinden erfreut, über die Stimmen von Freunden aber zürnt, oder plötzlich gar nichts mehr hört – von einem solchen sagt man, seine Lebenszeit sei abgelaufen.

yastūṣṇamiva gṛhṇāti śītamuṣṇaṃ ca śītavat saṃjātaśītapiḍako yaśca dāhena pīḍyate

Wer Kaltes als heiß und Heißes als kalt wahrnimmt, wer plötzlich kalte Pusteln bekommt, oder wer von Brennen gequält wird –

uṣṇagātro'timātraṃ ca yaḥ śītena pravepate prahārānnābhijānāti yo'ṅgacchedamathāpi vā

– wessen Körper übermäßig heiß ist und der dennoch vor Kälte zittert, oder wer Schläge nicht mehr spürt, oder auch nicht, wenn ihm ein Glied abgeschnitten wird –

pāṃśunevāvakīrṇāni yaśca gātrāṇi manyate varṇānyatā vā rājyo vā yasya gātre bhavanti hi

– oder wer meint, seine Glieder seien mit Staub bestreut, oder an dessen Körper ungewöhnliche Farben oder Streifen erscheinen –

snātānuliptaṃ yaṃ cāpi bhajante nīlamakṣikāḥ sugandhirvā'ti yo'kasmāttaṃ bruvanti gatāyuṣam

– oder wen, obwohl gebadet und gesalbt, blaue Fliegen umschwärmen, oder wer plötzlich einen übermäßig starken Wohlgeruch verströmt – von einem solchen sagt man, seine Lebenszeit sei abgelaufen.

viparītena gṛhṇāti rasān yaścopayojitān upayuktāḥ kramādyasya rasā doṣābhivṛddhaye

Wer die eingenommenen Geschmacksstoffe (*rasa*) verkehrt wahrnimmt, oder bei wem die der Reihe nach eingenommenen Geschmacksstoffe die *doṣa* vermehren –

yasya doṣāgnisāmyaṃ ca kuryurmithyopayojitāḥ yo vā rasānna saṃvetti gatāsuṃ taṃ pracakṣate

– oder bei wem falsch eingenommene Stoffe dennoch ein Gleichgewicht von *doṣa* und Verdauungsfeuer (*agni*) herstellen, oder wer den Geschmack überhaupt nicht mehr wahrnimmt – einen solchen bezeichnet man als dem Tode verfallen.

sugandhaṃ vetti durgandhaṃ durgandhasya sugandhitām gṛhṇīte vā'nyathā gandhaṃ śānte dīpe ca nīrujaḥ

Wer Wohlgeruch für Gestank hält, Gestank für Wohlgeruch, oder wer Gerüche sonst verkehrt wahrnimmt, oder – ohne Beschwerden – eine erloschene Lampe noch zu riechen meint –

yo vā gandhaṃ na jānāti gatāsuṃ taṃ vinirdiśet dvandvānyuṣṇahimādīni kālāvasthā diśastathā

– oder wer überhaupt keinen Geruch mehr wahrnimmt, den soll man als dem Tode verfallen bezeichnen. Ebenso Gegensatzpaare wie heiß und kalt, sowie Zeit, Zustand und Himmelsrichtung –

viparītena gṛhṇāti bhāvānanyāṃśca yo naraḥ divā jyotīṃṣi yaścāpi jvalitānīva paśyati

– wer diese und andere Dinge verkehrt wahrnimmt, oder wer bei Tage Lichter sieht, als brennten sie –

rātrau sūryaṃ jvalantaṃ vā divā vā candra varcasam ameghopaplave yaśca śakracāpataḍidguṇān

– oder wer bei Nacht die glühende Sonne sieht oder bei Tag den Glanz des Mondes, oder wer, obwohl der Himmel wolkenlos und klar ist, dennoch Regenbogen oder Blitze wahrnimmt –

taḍittvato'sitān yo vā nirmale gagane ghanān vimānayānaprāsādairyaśca saṃkulamambaram

– oder wer am klaren Himmel dunkle, blitzdurchzuckte Wolken sieht, oder den Himmel voller himmlischer Wagen, Fahrzeuge und Paläste wahrnimmt –

yaścānilaṃ mūrtimantamantarikṣaṃ ca paśyati dhūmanīhāravāsobhirāvṛtāmiva medinīm

– oder wer den Wind als körperhaftes Wesen sieht, oder den Luftraum, oder die Erde wie in Rauch, Nebel oder Gewänder gehüllt –

pradīptamiva lokaṃ ca yo vā plutamivāmbhasā bhūmimaṣṭāpadākārāṃ lekhābhiryaśca paśyati

– oder wer die Welt wie in Flammen stehend sieht, oder wie von Wasser überflutet, oder die Erde durch Linien wie ein Schachbrett gemustert sieht –

na paśyati sanakṣatrāṃ yaśca devīmarundhatīm dhruvamākāśagaṅgāṃ vā taṃ vadanti gatāyuṣam

– oder wer den Sternenhimmel nicht mehr sieht, oder den Stern Arundhatī, den Polarstern (*dhruva*) oder die Milchstraße nicht mehr wahrnimmt – von einem solchen sagt man, seine Lebenszeit sei abgelaufen.

jyotsnādarśoṣṇatoyeṣu chāyāṃ yaśca na paśyati paśyatyekāṅgahīnāṃ vā vikṛtāṃ vā'nyasattvajām

Wer im Mondlicht, im Spiegel oder in heißem Wasser sein Spiegelbild nicht mehr sieht, oder es verstümmelt, entstellt oder in Gestalt eines anderen Wesens erblickt –

śvakākaṅkagṛdhrāṇāṃ pretānāṃ yakṣarakṣasām piśācoraganāgānāṃ bhūtānāṃ vikṛtāmapi

– oder wer die entstellte Gestalt von Hunden, Krähen, Reihern, Geiern, Verstorbenen, *Yakṣa*, *Rākṣasa*, *Piśāca*, Schlangen, *Nāga* oder anderen Geisterwesen (*bhūta*) erblickt –

yo vā mayūrakaṇṭhābhaṃ vidhūmaṃ vahnimīkṣate āturasya bhavenmṛtyuḥ svastho vyādhimavāpnuyāt

– oder wer ein rauchloses Feuer sieht, das die Farbe eines Pfauenhalses hat: Ist der Betroffene ein Kranker, so bedeutet dies seinen Tod; ist er gesund, so wird er erkranken.

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