Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 34: yuktasenīyo Der Arzt beim Heer im Feldzug

Das vierunddreißigste Kapitel widmet sich der besonderen Aufgabe des Arztes im Gefolge eines Königs auf dem Feldzug (yuktasenīya): Er soll den siegwilligen Herrscher wie vor Gift schützen, mögliche Vergiftungen von Weg, Wasser, Speise und Brennmaterial durch Feinde erkennen und gemeinsam mit dem Hauspriester über das Wohl des Königs wachen, den er als gottgleich zu betrachten habe. Sein Zelt soll unmittelbar neben dem königlichen stehen. Den Kern des Kapitels bildet die berühmte Lehre von den vier „Beinen“ (pāda) jeder Heilbehandlung – Arzt, Kranker, Heilmittel und Pfleger –, deren jeweilige Qualitäten ausführlich beschrieben werden; betont wird dabei, dass ein einzelner fähiger Arzt allein einen Kranken retten kann, während die drei übrigen Faktoren ohne ihn nutzlos bleiben, so wie Priester ohne den Adhvaryu-Priester beim Opfer nichts ausrichten.

Die vier „Beine“ (pāda) der Heilbehandlung (Vers 15–24)
ElementGeforderte Eigenschaften
Der ArztWahrheit und Rechtschaffenheit verpflichtet, geschickte Hände, reinlich, mutig, geistesgegenwärtig, erfahren, mit Instrumenten und Heilmitteln ausgerüstet
Der Krankelebenskräftig, willensstark, heilbar, wohlhabend, selbstbeherrscht, gläubig, den Anweisungen des Arztes gehorsam
Das Heilmittelaus geeigneter Gegend, an günstigem Tag gesammelt, richtige Dosis, guter Duft, Farbe und Geschmack, doṣa-beseitigend
Der Pflegerliebevoll zugewandt, nicht angewidert, kräftig, im Schutz des Kranken erfahren, den Anweisungen des Arztes folgsam, unermüdlich
Nach V17–19 sind die drei übrigen „Beine“ ohne einen fähigen Arzt nutzlos, während ein einzelner guter Arzt den Kranken auch allein retten kann.

athāto yuktasenīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über den Arzt beim Heer im Feldzug (*yuktasenīya*) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

nṛpateryuktasenasya parānabhijigīṣataḥ bhiṣajā rakṣaṇaṃ kāryaṃ yathā tadupadekṣyate

Wie der Arzt einen König, der mit seinem Heer auszieht und den Sieg über seine Feinde erringen will, schützen soll, das soll nun dargelegt werden.

vijigīṣuḥ sahāmātyairyātrāyuktaḥ prayatnataḥ rakṣitavyo viśeṣeṇa viṣādeva narādhipaḥ

Der siegwillige Herrscher, der mit seinen Ministern zum Feldzug auszieht, ist mit besonderer Sorgfalt zu schützen – geradeso wie vor Gift.

panthānamudakaṃ chāyāṃ bhaktaṃ yavasamindhanam dūṣayantyarayastacca jānīyācchodhayettathā

Feinde können Weg, Wasser, Rastschatten, Speise, Futter und Brennmaterial verunreinigen; dies soll man erkennen und entsprechend reinigen.

tasya liṅgaṃ cikitsā ca kalpasthāne pravakṣyate ekottaraṃ mṛtyuśatamatharvāṇaḥ pracakṣate

Die Anzeichen einer solchen Vergiftung und ihre Behandlung werden im Kalpasthāna dargelegt werden. Die Kenner des Atharvaveda sprechen von hunderteins Todesarten.

tatraikaḥ kālasaṃyuktaḥ śeṣā āgantavaḥ smṛtāḥ doṣāgantujamṛtyubhyo rasamantraviśāradau

Davon ist eine der natürliche, zeitbedingte Tod, die übrigen gelten als von äußeren Umständen verursacht (*āgantu*). Vor dem durch *doṣa* (Körpersäfte) oder durch äußere Ursachen bedingten Tod

rakṣetāṃ nṛpatiṃ nityaṃ yattau vaidyapurohitau brahmā vedāṅgamaṣṭāṅgamāyurvedamabhāṣata

sollen der in Heilmitteln (*rasa*) und Zaubersprüchen (*mantra*) bewanderte Arzt und der Hauspriester (*purohita*) stets aufmerksam den König schützen. Brahmā selbst hat den achtgliedrigen Āyurveda als Anhang der Veden verkündet.

purohitamate tasmādvarteta bhiṣagātmavān saṃkaraḥ sarvavarṇānāṃ praṇāśo dharmakarmaṇām prajānāmapi cocchittirnṛpavyasanahetutaḥ

Deshalb soll der besonnene Arzt sich nach dem Willen des Hauspriesters richten; denn aus dem Verderben des Königs folgen Vermischung aller Stände, der Untergang der pflichtgemäßen Handlungen (*dharma*) und sogar die Vernichtung der Untertanen.

puruṣāṇāṃ nṛpāṇāṃ ca kevalaṃ tulyamūrtitā

Zwischen gewöhnlichen Menschen und Königen besteht lediglich eine Gleichheit der äußeren Gestalt.

ājñā tyāgaḥ kṣamā dhairyaṃ vikramaścāpyamānuṣaḥ tasmāddevamivābhīkṣṇaṃ vāṅmanaḥkarmabhiḥ śubhaiḥ

Befehlsgewalt, Großzügigkeit, Nachsicht, Standhaftigkeit und übermenschliche Tatkraft zeichnen den König aus; deshalb soll der Arzt ihn beständig wie eine Gottheit betrachten und ihm mit Wort, Gedanke und Tat in reiner Gesinnung dienen –

cintayennṛpatiṃ vaidyaḥ śreyāṃsīcchan vicakṣaṇaḥ skandhāvāre ca mahati rājagehādanantaram

so soll der kluge Arzt, der das Wohlergehen des Königs wünscht, stets an ihn denken. Im großen Feldlager soll er, gleich nach dem Zelt des Königs,

bhavetsannihito vaidyaḥ sarvopakaraṇānvitaḥ tatrasthamenaṃ dhvajavadyaśaḥkhyātisamucchritam

mit allen erforderlichen Gerätschaften ausgestattet, unmittelbar in der Nähe untergebracht sein. Ihn, der dort wie eine hoch aufgerichtete Fahne durch Ruhm und Ansehen hervorragt,

upasarpantyamohena viṣaśālyāmayārditāḥ svatantrakuśalo'nyeṣu śāstrārtheṣvabahiṣkṛtaḥ

suchen ohne Zaudern jene auf, die von Gift, Pfeilsplittern (*śalya*) oder Krankheit geplagt sind. Er soll in seinem eigenen Fach bewandert sein und auch in den übrigen Wissensgebieten nicht unbeschlagen.

vaidyo dhvaja ivābhāti nṛpatadvidyapūjitaḥ vaidyo vyādhyupasṛṣṭaśca bheṣajaṃ paricārakaḥ

Der vom König und von den Kundigen dieser Wissenschaft geehrte Arzt strahlt dort wie eine Fahne. Für die Heilbehandlung sind vier tragende Elemente nötig: der Arzt, der von der Krankheit Befallene, das Heilmittel und der Pfleger.

ete pādāścikitsāyāḥ karmasādhanahetavaḥ guṇavadbhistribhiḥ pādaiścaturtho guṇavān bhiṣak

Dies sind die vier 'Beine' der Heilbehandlung, die den Erfolg der Maßnahme bewirken. Wenn drei der Beine ihre guten Eigenschaften besitzen, der vierte, der Arzt, aber ebenfalls gute Eigenschaften hat,

vyādhimalpena kālena mahāntamapi sādhayet vaidyahīnāstrayaḥ pādā guṇavanto'pyapārthakāḥ

so kann er selbst eine schwere Krankheit in kurzer Zeit heilen. Fehlt hingegen der fähige Arzt, so sind die übrigen drei Beine, mögen sie auch ihre guten Eigenschaften besitzen, nutzlos –

udgātṛhotṛbrahmāṇo yathā'dhvaryuṃ vinā'dhvare vaidyastu guṇavānekastārayedāturaṃ sadā

so wie beim Opfer die Priester Udgātṛ, Hotṛ und Brahmán ohne den Adhvaryu nichts ausrichten. Ein einzelner, guter Arzt hingegen kann den Kranken stets retten,

plavaṃ pratitarairhīnaṃ karṇadhāra ivāmbhasi tattvādhigataśāstrārtho dṛṣṭakarmā svayaṃkṛtī

so wie ein Steuermann auf dem Wasser ein Floß auch ohne weitere Ruderer sicher ans Ziel bringen kann – vorausgesetzt, er hat den wahren Sinn der medizinischen Wissenschaft erfasst, praktische Erfahrung gesammelt und selbst Hand angelegt,

laghuhastaḥ śuciḥ śūraḥ sajjopaskarabheṣajaḥ pratyutpannamatirdhīmān vyavasāyī viśāradaḥ

geschickte Hände hat, reinlich, mutig ist, seine Instrumente und Heilmittel bereithält, geistesgegenwärtig, klug, entschlossen und erfahren ist –

satyadharmaparo yaśca sa bhiṣak pāda ucyate āyuṣmān sattvavān sādhyo dra vyavānātmavānapi

und der Wahrheit und Rechtschaffenheit (*dharma*) verpflichtet ist: ein solcher Arzt wird als das erste 'Bein' bezeichnet. Der Kranke, der als das zweite 'Bein' gilt, sollte lebenskräftig, willensstark, heilbar, wohlhabend und selbstbeherrscht sein,

āstiko vaidyavākyastho vyādhitaḥ pāda ucyate praśastadeśasaṃbhūtaṃ praśaste'hani coddhṛtam

gläubig und den Anweisungen des Arztes gehorsam. Das Heilmittel als das dritte 'Bein' sollte aus einer geeigneten Gegend stammen und an einem günstigen Tag gesammelt worden sein,

yuktamātraṃ manaskāntaṃ gandhavarṇarasānvitam doṣadhnamaglānikaramavikāri viparyaye samīkṣya dattaṃ kāle ca bheṣajaṃ pāda ucyate

in der richtigen Dosis, geistig angenehm, mit gutem Duft, guter Farbe und gutem Geschmack versehen sein, die *doṣas* beseitigen, keine Erschöpfung verursachen, sich nicht unerwünscht verändern; und nachdem es sorgfältig geprüft wurde, soll es zur richtigen Zeit verabreicht werden – dann heißt das Heilmittel ein vollwertiges 'Bein'.

snigdho'jugupsurbalavān yukto vyādhitarakṣaṇe vaidyavākyakṛdaśrāntaḥ pādaḥ paricaraḥ smṛtaḥ

Der Pfleger als das vierte 'Bein' sollte liebevoll zugewandt, nicht angewidert, kräftig, im Schutz des Kranken erfahren, den Anweisungen des Arztes folgsam und unermüdlich sein.

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