Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 27: śalyāpanayanīyo Die Entfernung von Fremdkörpern

Das siebenundzwanzigste Kapitel, „Über die Entfernung von Fremdkörpern“ (*śalyāpanayana*), nennt fünfzehn Methoden zur Entfernung nicht fest verankerter Fremdkörper – von selbständigem Abgang über Reifenlassen und Spalten bis zum Einsatz des Magnetsteins (*ayaskānta*) oder, bei einem tief sitzenden „Kummer-Pfeil“ der Trauer, durch freudige Erregung. Für schwierige Fälle werden anschauliche technische Lösungen beschrieben, etwa das Herausziehen eines im Knochen eingeklemmten Fremdkörpers mittels eines an ein Pferd oder einen herabgebogenen Ast gebundenen Seils, oder das Bergen eines verschluckten Fremdkörpers mit einem heruntergeschluckten und wieder erbrochenen Haarfaden. Eigene Abschnitte behandeln im Rachen steckengebliebene Bissen und die Folgen von Strangulation mit Erregung von Wind und Schleim. Das Kapitel schließt mit der Mahnung, jeden Fremdkörper mit allem Bemühen zu entfernen, da er sonst Schwellung, Vereiterung und sogar den Tod verursachen kann.

Die fünfzehn Methoden zur Entfernung nicht fest verankerter Fremdkörper (Vers 4–5)
MethodeAnwendung
von selbstdurch Tränen, Niesen, Aufstoßen, Husten, Harn, Kot oder Wind
durch Reifenein tief im Fleisch sitzender, noch nicht entzündeter Fremdkörper wird zum Reifen gebracht
durch Spaltender gereifte Fremdkörper wird aufgebrochen
durch Zerteilenbei Bedarf zusätzlich zum Spalten
durch DruckHerausdrücken mit Druckmitteln oder mit den Händen
durch Abwischenfeine, unsichtbare Fremdkörper mit Spülung, Tuch oder Hand
durch Ausblasenfeine Fremdkörper aus Speiseresten oder Schleim, durch Atmen und Husten
durch Erbrechennahrungsbedingte Fremdkörper
durch AbführenFremdkörper im verdauten Magen (pakvāśaya)
durch AusspülenFremdkörper im Wundgebiet oder Doṣa-Sitz
durch Betastenmit Fingerdruck bei nahrungsbedingten Fremdkörpern
durch Herausdrückenbei Verhaltung von Wind, Harn, Kot oder Fetus
durch Aussaugenmit Mund oder Horn, bei windbedingtem, wässrigem, vergiftetem oder blutigem Zustand
durch den Magnetstein (ayaskānta)bei geradlinigem, nicht verankertem Fremdkörper
durch freudige Erregungbeim tief im Herzen sitzenden „Kummer-Fremdkörper“ (śokaśalya) der Trauer

athātaḥ śalyāpanayanīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Entfernung von Fremdkörpern erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari gesagt hat.

śalyaṃ dvividhamavabaddhamanavabaddhaṃ ca

Ein Fremdkörper ist zweifacher Art: fest verankert und nicht fest verankert.

tatra samāsenānavabaddhaśalyoddharaṇārthaṃ pañcadaśa hetūn vakṣyāmaḥ tadyathāsvabhāvaḥ pācanaṃ bhedanaṃ dāraṇaṃ pīḍanaṃ pramārjanaṃ nirdhmāpanaṃ vamanaṃ virecanaṃ prakṣālanaṃ pratimarśaḥ pravāhaṇam ācūṣaṇam ayaskānto harṣaśceti

Für die Entfernung nicht fest verankerter Fremdkörper wollen wir kurz fünfzehn Methoden nennen, nämlich: von selbst, durch Reifen, durch Spalten, durch Zerteilen, durch Druck, durch Abwischen, durch Ausblasen, durch Erbrechen, durch Abführen, durch Ausspülen, durch Betasten, durch Herausdrücken, durch Aussaugen, durch den Magnetstein (*ayaskānta*) und durch freudige Erregung.

tatrāśrukṣavathūdgārakāsamūtrapurīṣānilaiḥ svabhāvabalapravṛttairnayanādibhyaḥ patati māṃsāvagāḍhaṃ śalyamavidahyamānaṃ pācayitvā prakothāttasya pūyaśoṇitavegā-dgauravādvā patati pakvamabhidyamānaṃ bhedayeddārayedvaā bhinnamanirasyamānaṃ pīḍa-nīyaiḥ pīḍayet pāṇibhirvā aṇūnyakṣaśalyāni pariṣecanādhmāpanairbālavastra-pāṇibhiḥ pramārjayet āhāraśeṣaśleṣmahīnāṇuśalyāni śvasanotkāsanapradhama-nairnirdhamet annaśalyāni vamanāṅagulipratimarśaprabhṛtibhiḥ virecanaiḥ pakvāśa-yagatāni vraṇadoṣāśayagatāni prakṣālanaiḥ vātamūtrapurīṣagarbhasaṅgeṣu pravāhaṇa-muktam mārutodakasaviṣarudhiraduṣṭastanyeṣvācūṣaṇamāsyena viṣāṇairvā anulomamanavabaddhamakarṇamanalpavraṇamukhamayaskāntena hṛdyavasthitamanekakāraṇotpapnanaṃ śokaśalyaṃ harṣeṇeti

Von selbst geht ein Fremdkörper durch von Natur aus wirkende Kräfte wie Tränen, Niesen, Aufstoßen, Husten, Harn, Kot und Wind ab, etwa aus dem Auge und dergleichen. Einen tief im Fleisch sitzenden, noch nicht entzündeten Fremdkörper lasse man reifen; geht er dann durch Vereiterung und den Drang von Eiter und Blut oder durch sein Gewicht ab, so bricht man ihn auf, sofern er reif ist, spaltet oder zerteilt ihn; ist er gespalten und lässt sich nicht von selbst entfernen, drücke man ihn mit Druckmitteln oder mit den Händen heraus. Feine, unsichtbare Fremdkörper wische man mit Spülungen, Ausblasen, weichem Tuch oder mit den Händen ab. Feine Fremdkörper aus Speiseresten oder Schleim entferne man durch Atmen, Husten und Ausblasen. Nahrungsbedingte Fremdkörper entferne man durch Erbrechen, Fingerdruck und dergleichen; solche im verdauten Magen durch Abführmittel; solche im Wundgebiet oder im Doṣa-Sitz durch Ausspülungen; bei Verhaltung von Wind, Harn, Kot oder Fetus wende man das Herausdrücken an; bei windbedingtem, wässrigem, vergiftetem, blutigem oder milchgestautem Zustand wende man das Aussaugen mit dem Mund oder mit Hörnern an; einen geradlinigen, nicht fest verankerten, nicht mit Widerhaken versehenen Fremdkörper in einer nicht zu kleinen Wundöffnung ziehe man mit dem Magnetstein heraus; einen tief im Herzen sitzenden, aus vielerlei Ursachen entstandenen 'Kummer-Fremdkörper' (*śokaśalya*, den seelischen 'Pfeil' der Trauer) entferne man durch freudige Erregung.

sarvaśalyānāṃ tu mahatāmaṇūnāṃ vā dvāvevāharaṇahetū bhavataḥ pratilomo'nulomaśca

Für alle Fremdkörper, ob groß oder klein, gibt es nur zwei Entfernungsrichtungen: entgegen der Eindringrichtung (*pratiloma*) und in Eindringrichtung (*anuloma*).

tatra pratilomamarvācīnamānayet anulomaṃ parācīnam

Dabei ziehe man einen entgegengesetzt steckenden Fremdkörper nach vorn, einen mit der Richtung übereinstimmenden nach hinten heraus.

uttuṇḍitaṃ chittvā nirghātayecchedanīyamukham

Ist die Wundöffnung zu eng, schneide man sie auf und entferne den Fremdkörper dann; bei Fremdkörpern, die geschnitten werden müssen, öffne man die Wunde entsprechend.

chedanīyamukhānyapi kukṣivakṣaḥkakṣāvaṃkṣaṇaparśukāntarapatitāni ca hastaśakyaṃ yathāmārgeṇa hastenaivāpahartuṃ prayateta

Auch bei Fremdkörpern, die in Bauch, Brust, Achsel, Leiste oder zwischen die Rippen gefallen sind und deren Öffnung geschnitten werden muss, bemühe man sich, sie, soweit mit der Hand erreichbar, dem natürlichen Verlauf folgend, eben mit der Hand zu entfernen.

hastenaivāpahartumaśakyaṃ viśasya śastreṇa yantreṇāpaharet

Ist es mit der Hand allein nicht möglich, so schneide man mit dem Messer ein und entferne ihn mit dem stumpfen Instrument (*yantra*, das stumpfe Instrument, etwa eine Zange).

bhavati cātra śītalena jalenainaṃ mūrcchantamavasecayet saṃrakṣedasya marmāṇi muhurāśvāsayecca tam

Und hierzu gilt: Fällt der Kranke dabei in Ohnmacht, besprenge man ihn mit kaltem Wasser; man schütze dabei seine vitalen Punkte und beruhige ihn immer wieder.

tataḥ śalyamuddhṛtya nirlohitaṃ vraṇaṃ kṛtvā svedārhamagnighṛtaprabhṛtibhiḥ saṃsvedyā-vadahya pradihya sarpirmadhubhyāṃ baddhvā'cārikamupadiśet sirāsnāyuvilagnaṃ śa-lākādibhirvimocyāpanayet śvayathugrastavāraṅgaṃ samavapīḍya śvayathuṃ durbalavāraṅgaṃ kuśādibhirbaddhvā

Danach, nachdem man den Fremdkörper entfernt hat, mache man die Wunde blutfrei, bedampfe sie, sofern angezeigt, kauterisiere sie mit Feuer und Ghee und dergleichen, bestreiche sie, verbinde sie mit Ghee und Honig und weise die Nachsorge an. Einen in Venen oder Sehnen verhakten Fremdkörper löse man mit einer Sonde und dergleichen und entferne ihn; ist die betroffene Seite geschwollen, drücke man die Schwellung gleichzeitig zusammen; ist die betroffene Seite geschwächt, verbinde man sie mit Kuśa-Gras und dergleichen.

hṛdayamabhito vartamānaṃ śalyaṃ śītajalādi bhirudvejitasyāpaharedyathāmārgaṃ durupaharamanyato'pabādhyamānaṃ pāṭayitvoddharet

Einen um das Herz herum sitzenden Fremdkörper entferne man bei einem durch kaltes Wasser und dergleichen aufgeschreckten Patienten dem natürlichen Verlauf folgend; einen schwer zu entfernenden, von einer anderen Seite her drängenden, schneide man auf und entferne ihn dann.

asthivivarapraviṣṭamasthividaṣṭaṃ vā'vagṛhya pādābhyāṃ yantreṇāpaharet aśakya-mevaṃ vā balavadbhiḥ suparigṛhītasya yantreṇa grāhayitvā śalyavāraṅgaṃ pravibhujya dhanurguṇairbaddhvaikataścāsya pañcāṅgyāmupasaṃyatasyāśvasya vaktrakavike badhnīyāt athainaṃ kaśayā tāḍayedyathonnāmayañ śiro vegena śalyamuddharati dṛḍhāṃ vā vṛkṣa śākhāmavanamya tasyāṃ pūrvavadbaddhvoddharet

Einen in eine Knochenhöhle eingedrungenen oder von einem Knochen eingeklemmten Fremdkörper fasse man, indem man das Glied mit beiden Füßen festhält, und entferne ihn mit dem Instrument. Ist dies nicht möglich, lasse man ihn von kräftigen Männern gut festhalten und mit einem Instrument fassen: Man teile den fremdkörperbetroffenen Gliedteil auf, verbinde ihn mit Bogensehnen, binde ihn an einer Seite an die fünf zusammengefassten Fußfesseln eines angebundenen Pferdes am Kiefer fest und schlage es dann mit einer Peitsche, sodass es, den Kopf hebend, mit einem Ruck den Fremdkörper herauszieht; oder man biege einen festen Baumast herab, binde das Glied wie zuvor daran fest und ziehe den Fremdkörper so heraus.

adeśottuṇḍitamaṣṭhīlāśmamudgarāṇāmanyatamasya prahāreṇa vicālya yathāmārgameva yantreṇa

Einen an ungünstiger Stelle festsitzenden Fremdkörper bewege man durch den Schlag mit einem harten Klumpen, einem Stein oder einem Hammer und entferne ihn dann dem natürlichen Verlauf folgend mit dem Instrument.

vimṛditakarṇāni karṇavantyanābādhakaradeśottuṇḍitāni purastādeva

Solche mit Widerhaken, die einen entsprechenden Widerhakenkanal aufweisen und deren Entfernung an ungünstiger Stelle keinen Schaden anrichtet, entferne man direkt von vorn.

jātuṣe kaṇṭhāsakte kaṇṭhe nāḍīṃ praveśyāgnitaptāṃ ca śalākāṃ tayā'vagṛhya śītābhiradbhiḥ pariṣicya sthirībhūtaṃ śalyamuddharet

Ist ein wachsartiger Fremdkörper im Rachen steckengeblieben, führe man ein Rohr in den Rachen ein und darin eine im Feuer erhitzte Sonde, fasse damit den Fremdkörper, besprenge ihn mit kaltem Wasser, und wenn er fest geworden ist, ziehe man ihn heraus.

ajātuṣaṃ tu jatumadhūcchiṣṭapraliptayā śalākayā pūrvakalpenetyeke

Einen nicht-wachsartigen Fremdkörper hingegen entferne man mit einer mit Wachs oder Bienenharz bestrichenen Sonde nach demselben Verfahren, so sagen manche.

asthiśalyamanyadvā tiryakkaṇṭhāsaktamavekṣya keśoṇḍukaṃ dṛḍhaikadīrghasūtrabaddhaṃ dra vabhaktopahitaṃ pāyayedākaṇṭhāt pūrṇakoṣṭhaṃ ca vāmayet vamataścaśalyaikadeśa-saktaṃ jñātvā sūtraṃ sahasā tvākṣipet mṛdunā vādantadhāvanakūrcakenāpaharet pra-ṇudedvā'nta kṣatakaṇṭhāya ca madhu sarpiṣī leḍhuṃ prayacchettriphalācūrṇaṃ vā madhuśarkarāvimiśram

Bei einem knochigen oder anders gearteten, quer im Rachen steckenden Fremdkörper lasse man den Kranken einen fest zu einem einzigen langen Faden gebundenen Haarschopf, mit flüssiger Speise umhüllt, bis zum Rachen hinunterschlucken und ihn dann, den Magen voll, wieder erbrechen. Bemerkt man beim Erbrechen, dass der Faden an einer Stelle mit dem Fremdkörper verhakt ist, ziehe man ihn plötzlich heraus; oder man entferne den Fremdkörper sanft mit einem Zahnbürsten-Büschel, oder stoße ihn hinein; und dem, dessen Rachen verletzt ist, gebe man Honig und Ghee zu lecken, oder Triphalā-Pulver mit Honig und Zucker vermischt.

udakapūrṇodaramavākśirasamavapīḍayeddhunīyādvāmayedvā bhasmarāśau vā nikhane-dāmukhāt

Man lasse den mit Wasser gefüllten Bauch mit nach unten geneigtem Kopf zusammendrücken, ihn schütteln oder erbrechen, oder man vergrabe ihn bis zum Mund in einem Aschehaufen.

grāsaśalye tu kaṇṭhāsakte niḥśaṅkamanavabuddhaṃ skandhe muṣṭinā'bhihanyāt snehaṃ madyaṃ pānīyaṃ vā pāyayet

Bei einem Bissen, der als Fremdkörper im Rachen steckt, schlage man ihm, sofern er nicht fest verankert ist, ohne Zögern mit der Faust auf die Schulter; man lasse ihn Öl, Wein oder Wasser trinken.

bāhurajjulatāpāśaiḥ kaṇṭhapīḍanādvāyuḥ prakupitaḥ śleṣmāṇaṃ kopayitvā sroto niruṇaddhi lālāsrāvaṃ phenāgamanaṃ saṃjñānāśaṃ cāpādayati tamabhyajya saṃsvedya śirovirecanaṃ tasmai tīkṣṇaṃ vidadhyādra saṃ ca vātaghnaṃdadyāditi

Durch Würgen mit Armen, Stricken, Ranken oder Schlingen um den Hals wird der Wind erregt, erregt seinerseits den Schleim, verstopft die Körperkanäle und verursacht Speichelfluss, Schaumaustritt aus dem Mund und Bewusstseinsverlust. Man salbe und bedampfe den Betroffenen und gebe ihm ein scharfes, kopfreinigendes Mittel (*śirovirecana*) sowie ein den Wind besänftigendes flüssiges Mittel.

bhavanti cātra śalyākṛtiviśeṣāṃśca sthānānyāvekṣya buddhimān tathā yantrapṛthaktvaṃ ca samyak śalyamathāharet

Und hierzu gilt: Der Kluge betrachte die besonderen Formen der Fremdkörper und die jeweiligen Körperstellen sowie die verschiedenen Instrumente und entferne so den Fremdkörper auf die rechte Weise.

karṇavanti tu śalyāni duḥkhāhāryāṇi yāni ca ādadīta bhiṣak tasmāttāni yuktyā samāhitaḥ

Fremdkörper mit Widerhaken und solche, die sich nur schwer entfernen lassen, ziehe der Arzt daher mit Umsicht und der rechten Methode heraus.

etairupāyaiḥ śalyaṃ tu naiva niryātyate yadi matyā nipuṇayā vaidyo yantrayogaiśca nirharet

Lässt sich der Fremdkörper mit diesen Methoden nicht entfernen, so hole ihn der Arzt mit klugem Verstand und mit Hilfe geeigneter Instrumente heraus.

śothapākau rujaścogrāḥ kuryācchalyamanāhṛtam vaikalyaṃ maraṇaṃ cāpi tasmādyatnādvinirharet

Schwellung, Vereiterung und heftige Schmerzen verursacht ein nicht entfernter Fremdkörper, ja sogar Verstümmelung und Tod; deshalb entferne man ihn mit allem Bemühen.

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