athātaḥ śastrāvacāraṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über den Gebrauch der *śastra* (scharfen Instrumente) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Sutrasthana
Das achte Kapitel, „Über den Gebrauch der scharfen Instrumente“ (*śastra*), beschreibt zwanzig Typen von Skalpellen und Messern – vom rundspitzigen *maṇḍalāgra* über die Handsäge (*karapatra*) bis zur Sonde (*eṣaṇī*) –, die acht Grundverrichtungen wie Schneiden, Aderlass oder Nähen zugeordnet sind, samt der jeweils richtigen Griffhaltung. Es folgen genaue Längenmaße, acht Fehler eines Instruments – gekrümmt, stumpf, schartig und dergleichen –, sowie das dreifache Härteverfahren in Lauge, Wasser oder Öl, das über den jeweiligen Einsatzzweck entscheidet. Als Ersatzinstrumente (*anuśastra*) für Kinder oder Angstpatienten werden unter anderem Bergkristall, Blutegel, Feuer, Ätzmittel und sogar bestimmte Pflanzenblätter genannt. Das Kapitel schließt mit der Mahnung, die Handhabung der Instrumente durch beständige Übung zu vervollkommnen.
| Verrichtung (karma) | Instrumente |
|---|---|
| Schneiden (chedana) und Schaben (lekhana) | maṇḍalāgra, karapatra |
| Schneiden (chedana) und Einschneiden (bhedana) | vṛddhipatra, nakhaśastra, mudrikā, utpalapatraka |
| Aderlass (visrāvaṇa) | sūcī, kuśapatra, āṭīmukha, śarārimukha, antarmukha, trikūrcaka |
| Punktieren (vyadhana) | kuṭhārikā, vrīhimukha, ārā, vetasapatraka |
| Herausziehen (āharaṇa) | sūcī, baḍiśa (Angelhaken), dantaśaṅku (Zahnstachel) |
| Sondieren (eṣaṇa) | eṣaṇī (Sonde) |
| Nähen (sīvana) | sūcī (Nadel) |
| Verrichtung | Zugeordnete Instrumente |
|---|---|
| Schneiden (chedana) und Schaben (lekhana) | Maṇḍalāgra, Karapatra |
| Einschneiden (bhedana) | Vṛddhipatra, Nakhaśastra, Mudrikā, Utpalapatraka |
| Aderlass (visrāvaṇa) | Sūcī (Nadel), Kuśapatra, Āṭīmukha, Śarārimukha, Antarmukha, Trikūrcaka |
| Punktieren (vyadhana) | Kuṭhārikā, Vrīhimukha, Ārā, Vetasapatraka |
| Herausziehen (āharaṇa) | Sūcī, Baḍiśa (Angelhaken), Dantaśaṅku (Zahnstachel) |
| Sondieren (eṣaṇa) | Eṣaṇī |
| Nähen (sīvana) | Nadeln |
| Ersatzinstrument | Verwendung |
|---|---|
| Bambusrinde, Bergkristall, Glas, Korund | Schneiden und Einschneiden bei Kindern und Ängstlichen |
| Jalaukā (Blutegel) | Blutablass |
| Agni (Feuer) | Kauterisation |
| Kṣāra (Ätzmittel) | Verätzung |
| Fingernagel | Schneiden/Einschneiden, wo behelfsmäßig möglich |
| Blätter der Gojī, Śephālikā, Śāka | Ausbluten-Lassen bei Krankheiten von Mund und Lidwinkel |
| Karīra-Dorn | Ersatzinstrument zum Schneiden/Einschneiden |
| Fingernagel eines Kindes | Ersatz für die Sonde, wenn keine geeignete Sonde verfügbar ist |
athātaḥ śastrāvacāraṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über den Gebrauch der *śastra* (scharfen Instrumente) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari.
viṃśatiḥ śastrāṇi tadyathā maṇḍalāgrakarapatravṛddhipatranakhaśastramudri kotpalapatrakārdha dhārasūcikuśapatrāṭī mukhaśarārimukhānta rmukhatri kūrcakakuṭhārikāvrīhimukhārāvetasapatrakabaḍiśadantaśaṅkveṣaṇya iti
Es gibt zwanzig Arten von *śastra*, nämlich: das *maṇḍalāgra* (rundspitziges Messer), das *karapatra* (Handsäge), das *vṛddhipatra* (Wachstumsblatt-Messer), das *nakhaśastra* (Nagelmesser), die *mudrikā* (Ringmesser), das *utpalapatraka* (Lotosblattmesser), das Messer mit halbrunder Schneide (*ardhadhāra*), die Nadel (*sūcī*), das *kuśapatra* (Kuśagras-Blattmesser), das *āṭīmukha*, das *śarārimukha*, das *antarmukha*, der *trikūrcaka* (Dreiborsten-Instrument), die *kuṭhārikā* (kleine Axt), das *vrīhimukha* (Reiskorn-Mund-Instrument), die Ahle (*ārā*), das *vetasapatraka* (Rohrblattmesser), der Angelhaken (*baḍiśa*), der Zahnstachel (*dantaśaṅku*) und die Sonde (*eṣaṇī*).
tatra maṇḍalāgrakarapatre syātāṃ chedane lekhane ca vṛddhipatranakhaśastramudrikotpalapatrakārdhadhārāṇi chedane bhedane ca sūcīkuśapatrāṭīmukhaśarārimukhāntarmukhatrikūrcakāni visrāvaṇe kuṭhārikāvrīhimukhārāvetasapatrakāṇi vyadhane sūcī ca baḍiśaṃ dantaśaṅkuścāharaṇe eṣaṇyeṣaṇe ānulomye ca sūcyaḥ sīvane ityaṣṭavidhe karmaṇyupayogaḥ śastrāṇāṃ vyākhyātaḥ
Von diesen dienen das *maṇḍalāgra* und das *karapatra* dem Schneiden (*chedana*) und dem Schaben (*lekhana*); das *vṛddhipatra*, das *nakhaśastra*, die *mudrikā* und das *utpalapatraka* mit ihrer halbrunden Schneide dienen dem Schneiden und dem Einschneiden (*bhedana*); die Nadel, das *kuśapatra*, das *āṭīmukha*, das *śarārimukha*, das *antarmukha* und der *trikūrcaka* dienen dem Aderlass (*visrāvaṇa*); die *kuṭhārikā*, das *vrīhimukha* und das *ārā*-*vetasapatraka* dienen dem Punktieren (*vyadhana*); die Nadel, der Angelhaken und der Zahnstachel dienen dem Herausziehen (*āharaṇa*); die Sonde dient dem Sondieren (*eṣaṇa*); und Nadeln dienen dem Nähen (*sīvana*) in Fließrichtung (*ānulomya*). So wurde die Anwendung der Instrumente bei diesen acht Verrichtungen erklärt.
teṣāmatha yathāyogaṃ grahaṇasamāsopāyaḥ karmasu vakṣyate tatra vṛddhipatraṃ vṛntaphalasādhāraṇe bhāge gṛhṇīyāt bhedanānyevaṃ sarvāṇi vṛddhipatraṃ maṇḍalāgraṃ ca kiṃciduttānena pāṇinā lekhane bahuśo'vacāryaṃ vṛntāgre visrāvaṇāni viśeṣeṇa tu bālavṛddhasukumārabhīrunārīṇāṃ rājñāṃ rājaputrāṇāṃ ca trikūrcakena visrāvayet talapracchāditavṛntamaṅguṣṭhapradeśinībhyāṃ vrīhimukhaṃ kuṭhārikāṃ vāmahastanyastāmitarahastamadhyamāṅgulyā'ṅguṣṭhaviṣṭabdhayā'bhihanyāt ārākarapatraiṣaṇyo mūle śeṣāṇi tu yathāyogaṃ gṛhṇīyāt
Nun soll der geeignete Griff und die Handhabung bei diesen Verrichtungen dargelegt werden: Das *vṛddhipatra* fasse man an dem Teil, der Stiel und Klinge gemeinsam ist – ebenso alle Instrumente zum Einschneiden; das *vṛddhipatra* und das *maṇḍalāgra* führe man beim Schaben mit leicht nach oben gewandter Hand vielfach hin und her; an der Stielspitze nehme man den Aderlass vor, besonders bei Kindern, Alten, Zarten, Ängstlichen, Frauen, Königen und Königssöhnen soll man mit dem *trikūrcaka* Blut abfließen lassen; das *vrīhimukha* und die *kuṭhārikā*, deren Stiel in der linken hohlen Handfläche liegt, schlage man mit dem durch den Daumen gestützten Mittelfinger der anderen Hand; die Ahle, die Handsäge und die Sonde fasse man an der Wurzel, die übrigen jeweils wie es der Anwendung entspricht.
teṣāṃ nāmabhirevākṛtayaḥ prāyeṇa vyākhyātāḥ
Ihre Formen wurden im Wesentlichen schon durch ihre Namen erklärt.
tatra nakhaśastraiṣaṇyāvaṣṭāṅgule sūcyo vakṣyante prideśinyagraparva pradeśapramāṇā mudri kā daśāṅgulā śarārimukhī sā ca kartarīti kathyate śeṣāṇi tu ṣaḍaṅgulāni
Dabei sind das *nakhaśastra* und die Sonde acht *aṅgula* (Fingerbreiten) lang; die *mudrikā* hat die Größe eines vorderen Fingerglieds; das *śarārimukhī*, das auch *kartarī* (Schere) genannt wird, ist zehn *aṅgula* lang; die übrigen sind sechs *aṅgula* lang.
tāni sugrahāṇi sulohāni sudhārāṇi surūpāṇi susamāhitamukhāgrāṇi akarālāni cetiśastrasaṃpat
Diese sollen gut zu fassen, aus gutem Metall, mit guter Schneide, wohlgeformt sein, eine fest sitzende Spitze und Kante haben und nicht abschreckend wirken – das ist die Vollkommenheit eines Instruments.
tatra vakraṃ kuṇṭhaṃ khaṇḍaṃ kharadhāram atisthūlam atyalpam ati dīrgham atihrasvam ityaṣṭau śastradoṣāḥ ato viparītaguṇa mādadīta anyatra karapatrāt taddhi kharadhāramasthicchedanārtham
Acht Fehler eines Instruments sind: gekrümmt, stumpf, schartig, mit rauer Schneide, zu dick, zu dünn, zu lang und zu kurz; ein Instrument mit den entgegengesetzten Eigenschaften soll man verwenden – mit Ausnahme der Handsäge, denn diese soll gerade eine raue Schneide haben, da sie zum Durchtrennen von Knochen bestimmt ist.
tatra dhārā bhedanānāṃ māsūrī lekhanānāmardhamāsūrī vyadhanānāṃ visrāvaṇānāṃ ca kaiśikī chedanānāmardhakaiśikīti
Die Schneide der Instrumente zum Einschneiden ist linsenförmig (*māsūrī*), die der Instrumente zum Schaben ist halblinsenförmig, die der Instrumente zum Punktieren und zum Aderlass ist haarfein (*kaiśikī*), und die der Instrumente zum Schneiden ist halbhaarfein.
vaḍiśaṃ dantaśaṅkuścānatāgre tīkṣṇakaṇṭakaprathama yavapatramukhyeṣaṇī giṇḍūpadākāramukhī ca
Der Angelhaken und der Zahnstachel haben eine gekrümmte Spitze mit einem scharfen Widerhaken an vorderster Stelle; die vorzügliche Sonde hat eine gerstenblattförmige Öffnung oder eine Öffnung in Gestalt eines Regenwurmkopfes.
teṣāṃ pāyanā trividhā kṣārodakataileṣu tatra kṣārapāyitaṃ śara śalyāsthicchedaneṣu udakapāyitaṃ māṃsacchedanabhedanapāṭaneṣu taila pāyitaṃ sirāvyadhanasnāyucchedaneṣu
Das Härten der Instrumente erfolgt auf dreifache Weise: in Lauge, in Wasser oder in Öl. Das in Lauge gehärtete Instrument dient dem Durchtrennen von Fremdkörpern (*śalya*) und Knochen; das in Wasser gehärtete dient dem Durchtrennen, Einschneiden und Spalten von Fleisch; das in Öl gehärtete dient dem Punktieren von Venen und dem Durchtrennen von Sehnen.
teṣāṃ niśānārthaṃ ślakṣṇaśilā māṣavarṇā dhārāsaṃsthāpanārthaṃ śālmalīphalakamiti
Zum Schärfen dient ein glatter, bohnenfarbener Wetzstein, zur Ausrichtung der Schneide ein Brett aus Śālmalī-Holz.
bhavati cātra yadā suniśitaṃ śastraṃ romacchedi susaṃsthitam sugṛhītaṃ pramāṇena tadā karmasu yojayet
Hierzu heißt es: Wenn ein Instrument gut geschärft ist, Haare durchtrennt, wohlgeformt ist und der rechten Größe entsprechend gut in der Hand liegt, dann setze man es bei den Verrichtungen ein.
anuśastrāṇi tu tvaksārasphaṭikakācakuruvindajalaukognikṣā ranakhagojīśephālikāśākapatrakarīrabālāṅgulaya iti
Als Ersatzinstrumente (*anuśastra*) gelten: Bambusrinde, Bergkristall, Glas, Korund, der Blutegel (*jalaukā*), Feuer (*agni*), Ätzmittel (*kṣāra*), der Fingernagel, das Blatt der Gojī, der Śephālikā und des Śāka, der Karīra-Dorn sowie der Fingernagel eines Kindes.
śiśūnāṃ śastrabhīrūṇāṃ śastrābhāve ca yojayet tvaksārādicaturvargaṃ chedye bhedye ca buddhimān
Bei Kindern und bei solchen, die sich vor dem Messer fürchten, sowie wenn kein Instrument zur Hand ist, soll der kluge Arzt die vier Mittel Bambusrinde und die übrigen beim Schneiden und Einschneiden einsetzen.
āhāryacchedyabhedyeṣu nakhaṃ śakyeṣu yojayet vidhiḥ pravakṣyate paścāt kṣāravahnijalaukasām
Bei dem, was man mit einem behelfsmäßig herbeigeholten Mittel schneiden oder einschneiden kann, setze man, wo es möglich ist, den Fingernagel ein; die Vorgehensweise bei Ätzmittel, Feuer und Blutegel wird später dargelegt.
ye syurmukhagatā rogā netravartmagatāśca ye gojīśephālikāśākapatrairvisrāvayettu tān
Krankheiten, die im Mund oder an den Lidwinkeln des Auges auftreten, lasse man mit Blättern der Gojī, der Śephālikā oder des Śāka ausbluten.
eṣyeṣveṣaṇyalābhe tu bālāṅgulyaṅkurā hitāḥ śastrāṇyetāni matimān śuddhaśaikyāyasāni tu kārayet karaṇaprāptaṃ karmāraṃ karmakovidam
Wenn bei Sondierungen keine geeignete Sonde zur Verfügung steht, sind die jungen Fingertriebe eines Kindes geeignet. Diese Instrumente soll der kundige Arzt aus reinem Stahl fertigen lassen, und zwar von einem in seinem Handwerk erfahrenen, geschickten Schmied.
prayogajñasya vaidyasya siddhirbhavati nityaśaḥ tasmāt paricayaṃ kuryācchastrāṇāṃ grahaṇe sadā
Dem in der Anwendung erfahrenen Arzt gelingt die Behandlung stets. Darum pflege man sich bei der Handhabung der Instrumente immer wieder zu üben.