Paṭala 17: iti śrīṣoḍaśanityātantreṣu śrīkādimate saptadaśaṃ paṭalaṃ paripūrṇaṃ parākhyātam ||17||
17. Kapitel: Nīlapatākā, die Nityā der blauen Fahne, und die zehn Vollkommenheiten (Vijaya, Kāmarūpa, Pādukā, Añjana, Khaḍga, Vetāla, Piśāca, Yakṣiṇī, Ceṭaka, Māyā)
Quelle: Tantrarāja-Tantra mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha (Tantrik Texts Vol. 8, hrsg. Sadāśiva Miśra, Calcutta 1918, archive.org, OCR). Die OCR-Qualität dieses Bandes ist außergewöhnlich schlecht, in diesem Kapitel streckenweise kaum lesbar; sehr viele Wörter und mehrere ganze Verse (insbesondere die Yantra-Konstruktionen V.13-15 und V.74-79, die Mantra-Bausteine V.42-48 sowie die Silbenzahl-Aufzählungen V.56-59 und V.70-72) mussten mit [?] versehen werden, weil weder Metrum noch Kontext eine sichere Rekonstruktion erlaubten; der Sanskrit-Kommentar wurde dabei, wie im Auftrag vorgesehen, nur zur Klärung einzelner OCR-Lesungen der Wurzelverse herangezogen, nicht als Deutungsgrundlage. Inhalt: Nach Vijayā (13. Kapitel, das inhaltlich auf Paṭala 18 folgt) und vor dieser wird hier die zwölfte Nityā, Nīlapatākā ('die Blaue Fahne'), gelehrt: ihr 17-silbiges nyāsa, ihr dhyāna (indranīlfarben, fünfgesichtig, zehnarmig, mit Fangschlinge, Banner, Elefantenstachel, Speer, Schwert, Pfeil u.a.), ihr Verehrungs-Yantra sowie Homa- und Japa-Vorschriften (V.1-21). Den Hauptteil bildet die Lehre von zehn aus ihrer Vidyā abgeleiteten Vollkommenheiten (siddhi): Sieg im Kampf (vijaya, vierfach), Gestaltwandlung nach Belieben (kāmarūpatva), die Wander-Sandale (pādukā) und die verwandte Augensalbe (añjana) zum Sehen verborgener Schätze, ein unbesiegbares Schwert (khaḍga), Heerscharen dienstbarer Vetālas, Piśācas, 26 namentlich genannter Yakṣiṇīs und 64 namentlich genannter Ceṭakas (Diener-Dämonen mit oft tierischen Gesichtern) sowie eine Māyā-Kraft zum Herbeischaffen von Reichtum (V.22-73), einschließlich der genauen Mantra-Konstruktion durch Einfügen von Wunschformeln in codierte Silbengruppen der Grundvidyā und der Silbenzahlen jeder Einzel-Vidyā. Es folgen die Konstruktion von sieben Wochentags-Yantras für alle diese Vollkommenheiten (V.74-79), die Vorschrift, sie an zwölf heiligen Orten (Wald, Banyanwurzel, Berggipfel, Höhle, Garten, Wildnis, Flussufer u.a.) durch Japa, Homa und Tarpaṇa zu erlangen, samt der von den herbeikommenden Yakṣiṇīs und Ceṭakas gewährten Gaben (Gold, Gewänder, Frauen, Sieg über Feinde u.a., V.80-95), sowie ein abschließendes Lob der Verehrung des vollendeten Sādhaka durch Götter, kosmische Wesenklassen und Menschen (V.96-100) und der formelhafte Schlussvers über die 'Zungen-Wesens-Durchdringung' (jihvātattvamayī vyāptiḥ) dieser Vidyā (V.101).
Nun [höre] die Anweisung, die jede Vollkommenheit (siddhi) verleiht, für Nīlapatākā („die blaue Fahne“), die unter den sechzehn Nityās als die zwölfte genannt wird.
[Zu lehren sind] die Anweisung zum nyāsa (Einsetzen der Mantra-Laute auf den Körper), das dhyāna (Meditationsbild), die Verehrung ihrer Śaktis; die Methode zur Erlangung (sādhana) der Vollkommenheits-Vidyā, ferner der Sieg (vijaya) und die Fähigkeit, jede gewünschte Gestalt anzunehmen (kāmarūpatā);
die [Wunder-]Sandale (pādukā), die Augensalbe (añjana), das Schwert (khaḍga), die Vetālas und Piśācas, die Yakṣiṇīs und die Ceṭakas (Diener-Geister) — dies alles will ich dir der Reihe nach verkünden [?].
Ich werde vollständig und in gehöriger Reihenfolge die Anwendungen der genannten [Vollkommenheiten] lehren; wer mit allen zehn Vollkommenheiten ausgestattet ist, wird gleichsam zu einem zweiten Vidyādhara (Zauberwesen).
So vollziehe man an dieser Vidyā die sechs Glieder (aṅga, den sechsfachen Schutz-nyāsa) nach dem sechsfachen Verfahren, der Reihe nach mit den Silbengruppen, die als zwei, vier und sechs [Silben] genannt sind. [?]
[Man setze die Silben] an den beiden Ohren, am Hals, am Nasenpaar, am Mund (der Rede) und wieder am Ohr, der Reihe nach; am Nabel, am Ādhāra (Wurzelstütze), an den Füßen und an den Knien, ebenso der Reihe nach. [?]
Man setze die Mantra-Silben, siebzehn an der Zahl, der Reihe nach auf diese Weise ein — oder vollziehe die Verehrung durchdringend mit dem ganzen Mantra, wie vorgeschrieben.
Verse 3, 5 und 6 sind im OCR stark beschädigt; die Rekonstruktion folgt dem Metrum und der Kommentar-Paraphrase, ohne dass der genaue Wortlaut gesichert wäre. Die konkreten siebzehn Mantra-Silben der Nīlapatākā-Vidyā selbst werden in diesem Kapitel nicht wiederholt; sie wurden, wie der Kommentar zu Beginn von Paṭala 18 bestätigt, bereits im dritten Kapitel gelehrt. Die Zahl 'siebzehn' (V.7) entspricht zufällig auch der Kapitelnummer.
[Man meditiere sie als] von der Farbe des Indranīla-Edelsteins (dunkelblau), strahlend durch ihr leuchtendes Diadem geschmückt; fünfgesichtig, [je] dreiäugig, rot [?] und eine Krone tragend.
Zehnarmig, geschmückt mit Ornamenten, die meist aus strahlenden Perlenketten bestehen; ihr Leib von Edelstein-Büscheln durchsetzt, mit lieblich lächelndem Antlitz.
[Sie trägt] in den linksseitigen Händen Fangschlinge (pāśa), Banner (patākā — ihr Namensattribut), Chowrie-Wedel (cāmara) [?], den Śārṅga-Bogen und die Gabe-Geste (varamudrā); [ihr ganzer Leib ist] mit allerlei Schmuck an den Gliedern geziert.
Ferner Elefantenstachel (aṅkuśa), Speer (śakti), Schwert (khaḍga), Pfeil (bāṇa) [?] und die Geste der Furchtlosigkeit (abhaya) trägt sie in den rechten Händen, auf einem Lotossitz thronend.
So, mit eigentümlicher Kleidung, [entsprechenden] Gesichtern, Händen und Waffenschmuck, und von ihren Śaktis begleitet, meditiere man sie im täglichen Verehrungsritus.
[Man male] eine Lotosblüte, versehen mit einem doppelten Sechseck (Hexagramm), achtblättrig; außerhalb davon ein Achteck; [und] von einem Kreispaar begleitet jenes Doppel-Bhūpura (die quadratischen Toranlagen). [?]
[Den Bhūpura gestalte man] mit vier Toren versehen und an den [vier] Richtungen quadratisch [?]; hat man dorthin die herbeigerufene Göttin [versetzt], verehre man sie nach dem im Folgenden beschriebenen Verfahren.
Icchā-, Jñāna- und Kriyā-Śakti (die Mächte des Willens, der Erkenntnis und des Handelns) setze man in die drei Ecken [des Dreiecks] [?]; vom vorderen [Punkt] beginnend, im Uhrzeigersinn, verehre man die fünf Umkreisungen [des Yantras]. [?]
Verse 13-15 (Yantra-Konstruktion: doppeltes Hexagramm, Achteck, Bhūpura mit vier Toren, Dreieck mit den drei Śaktis Icchā/Jñāna/Kriyā) sind im OCR so schwer beschädigt, dass die Übersetzung weitgehend auf der (ebenfalls beschädigten) Kommentar-Paraphrase beruht, die von einem quadratischen Bhūpura mit vier Toren und dem Herbeirufen der Göttin samt Gefolge spricht; der genaue Wortlaut des Wurzeltexts bleibt unsicher, durchgehend [?]. Verse 10-11 (Handattribute): 'cāmaram' (Wedel) und 'bāṇam' (Pfeil) sind Vermutungen für zwei im OCR unlesbare Wörter, gestützt auf das Erfordernis von zehn verschiedenen Attributen für die zehn Hände (V.9 'daśahastām'); die Silbenzahl bestätigt zehn Attribute (fünf pro Handseite).
ḍākinyādīn yajed aṣṭasu koṇeṣu paritaḥ kramāt [?] | brāhmyādīn aṣṭaparveṣu tatkoṇeṣu bahis tathā ||16||
prāguktās tā yajec chaktīr nityānityādiṣūditāḥ | balidvayaṃ ca kurvan pūjāṃ prāgvat samāpayet ||17||
svayaṃ nityahomaṃ tu kuryād annājyato 'pi vā | tilataṇḍulakṣīraiḥ api proktaṃ dravyānudīraṇe [?] ||18||
vidyākṣarāṇāṃ sarveṣāṃ svaravyañjanabindukān | pṛthag vyastvā adhogaṇite tripañcāśad bhavanti hi [?] ||19||
tena tallakṣasaṅkhyaṃ tu japed idaṃ payovrataḥ | tadaṃśāṃśaṃ hunedagnau sarvadā lakṣaparyantam [?] ||20||
prāṅmukho nityapūjāsu sādhaneṣu ca sādhakaḥ | nityānām api sarvāsāṃ vāsanāyām udīritam ||21||
Ḍākinī und die übrigen [acht Yoginīs] verehre man ringsum in den acht Ecken [des Achtecks], der Reihe nach; Brāhmī und die übrigen [Muttergöttinnen] an den acht Blütenblättern, ebenso außerhalb in jenen [äußeren] Ecken [des Quadrats].
Jene zuvor genannten Śaktis, die bereits [in den Kapiteln über] die [übrigen] Nityās und dergleichen erwähnt wurden, verehre man [hier ebenso]; und indem man das doppelte Opfer (bali) darbringt, vollende man die Verehrung wie zuvor.
Das tägliche Feueropfer (nityahoma) vollziehe man selbst entweder mit gekochtem Reis und Ghee, oder, wie ebenfalls vorgeschrieben, bei fehlender Materie mit Sesam, Reis und Milch. [?]
Zerlegt man sämtliche Silben der Vidyā einzeln in Vokale, Konsonanten und Bindu-Punkte, so ergeben sich, einzeln gezählt, insgesamt dreiundfünfzig [Laut-Einheiten]. [?]
Mit dieser Zahl [als Grundlage] rezitiere man dies [die Vidyā] bis zur Zahl von hunderttausend, bei Milch-Diät (payovrata); einen Bruchteil davon opfere man beständig im Feuer, bis zu hunderttausend [Opferungen]. [?]
Der Sādhaka [sitze] mit dem Gesicht nach Osten gewandt bei den täglichen Verehrungen und Erlangungsriten; [dies gilt] auch für alle übrigen Nityās, wie im Vāsanā-Kapitel [bereits] dargelegt.
V.16: 'aṣṭasu koṇeṣu' korrigiert aus OCR 'ṣaṭsu' (sechs), da der Kommentar ausdrücklich 'aṣṭakoṇiṣu' (acht Ecken) angibt, passend zum Achteck aus V.13. V.19-20 (Silbenzählung der Vidyā, Japa- und Homa-Zahlen) sind im OCR stark verderbt; die Zahl 'dreiundfünfzig' und die Bezugnahme auf ein Lakh (100.000) folgen der Kommentar-Paraphrase, bleiben aber unsicher.
tataḥ siddhaṃ manuṃ kṛtvā kuryāt siddhiṣu kautukam [?] | tadvidhānaṃ śṛṇu prājña vakṣye vidyāvibhedataḥ ||22||
daśānām api siddhīnāṃ vidyās tāsāṃ bhidāgatām | saṅkhyāṃ ca tāṃ ca samproktāṃ krameṇāsāṃ phalāni ca ||23||
vidyādikūṭe tv ādye tu yojayed daśasu kramāt | tābhyām eva vilomābhyāṃ puṭayed uparoditān [?] ||24||
mantravarṇān daśānāṃ ca tattatsaṅkhyāś ca tāḥ śṛṇu | parastāt tatprabhedānāṃ mantrān vakṣye yathāvidhi ||25||
caturvidhaḥ syād vijaya indrayuddhe sacaturaṅgake | kūṭayuddhe durgayuddhe ca teṣāṃ mantrāś caturvidhāḥ [?] ||26||
kāmarūpatvam uditaṃ svecchayā 'bhīṣṭavigraham | vidhātum ātmanaḥ śaktiṃ sa eko mantra īritaḥ ||27||
Nachdem man den Spruch (manu) [erfolgreich] vollzogen hat, wecke man die Neugier auf die [zehn] Vollkommenheiten (siddhi); höre, o Weiser, ihr Verfahren, das ich nun nach den Unterscheidungen der Vidyā verkünden werde.
Auch der zehn Vollkommenheiten Vidyās, deren Unterscheidung [in verschiedene Formen], deren Anzahl und diese [Vidyās] selbst werden wohlgeordnet dargelegt, und der Reihe nach ihre Früchte.
In das anfängliche Kūṭa (Silben-Bündel) am Beginn der Vidyā füge man der Reihe nach die zehn [im Folgenden genannten Wörter] ein; mit eben diesen beiden, in umgekehrter Reihenfolge, umschließe man die [nachfolgend] genannten [Mantra-Silben der zehn Siddhis]. [?]
Höre die Mantra-Laute der zehn [Vollkommenheiten] und ihre jeweilige Anzahl; danach werde ich die Mantras ihrer weiteren Unterarten vorschriftsmäßig verkünden.
Vierfach ist der Sieg (vijaya): beim Indra-Kampf (dem Hauptkampf) samt dem Vier-Glieder-Heer, beim Kūṭa-Kampf (Täuschungskampf) und beim Festungskampf (durga-yuddha); ihre Mantras sind [entsprechend] vierfach. [?]
Kāmarūpatva („Gestaltwandlung nach Belieben“) wird [so] genannt: die Fähigkeit, sich selbst nach eigenem Willen die gewünschte Gestalt zu verleihen; hierfür gibt es einen einzigen Mantra, wie erklärt.
Ab V.22 beginnt der Abschnitt über die zehn Siddhis (Vollkommenheiten): Vijaya, Kāmarūpatva, Pādukā, Añjana, Khaḍga, Vetāla, Piśāca, Yakṣiṇī, Ceṭaka und Māyā. Das Konstruktionsprinzip ihrer Mantras (V.24-25: Einfügen bestimmter Silben in das Kūṭa der Grundvidyā) ist im OCR nur bruchstückhaft erhalten; die Übersetzung gibt den von den folgenden Einzelversen (V.42ff.) bestätigten Rahmen wieder.
Nachdem man das Sandalenpaar, das durch die Kraft (vaibhava) der Vidyā gewonnen wurde, an die Füße [gelegt] und mit dem Kāma-Zeichen (smara-aṅkita) versehenem Puder [bestreut] hat, tritt dort sogleich die Vollkommenheit (siddhi) ein. [?]
Jener [Pādukā-]Mantra ist einerlei Art; er wird auch als „Añjana“ (Augensalbe) bezeichnet, wodurch man verborgene Schätze im Boden, im Wasser, oder auch die am Himmel Wandelnden [zu sehen vermag]. [?]
Ebenso wird das Schwert (khaḍga) gelehrt: den Feinden [des Trägers] widerfährt kein Übel [durch sie ihm gegenüber]; die Feinde fliehen, oder fallen aus Furcht zu [seinen] Füßen nieder. [?]
Zahllos sind die Vetālas, die am Ende der Erlangung (siddhānta) durch die Vidyā [herbeigerufen werden]; hat man das Sādhana (die Erlangungsmaterie) auf die Schulter genommen, so wandeln sie nach dem Wunsch des [Sādhaka] umher.
Manche mit entstelltem Antlitz und Gliedern, manche mit tierähnlichem, querstehendem Gesicht gezeichnet, manche mit furchterregend dröhnenden Gliedern — von mannigfaltiger Gestalt sind die Vetālas.
Alle aber, dem Befehl [des Sādhaka] gehorsam, verschlingen dessen Feinde; durch die vorgeschriebene Handlung werden sie [ihm] zu Dienern, solange sein Leben währt.
Ebenso werden die Piśācas gelehrt, von holzartig-entstellter Gestalt [?]; grausam, von niedriger Gesinnung, doch dem befohlenen Werk gehorsam sind sie, zahllos.
Für sie [alle] gibt es eine einzige Vidyā; durch sie werden sie [dem Sādhaka] für immer zu Dienern; mit eben diesen erschlage man den Feind, unerkannt, unaufhörlich im Kampf.
V.29: 'añjana' erscheint hier nicht als eigene, zehnte Vollkommenheit mit eigenem Mantra, sondern als Anwendungsvariante des Pādukā-Mantras (Augensalbe zum Sehen verborgener Schätze); dennoch wird añjana in V.3 und V.45 als eigenständiges Glied der zehn Siddhis gezählt - ein im Text selbst nicht ganz konsistent aufgelöster Punkt. V.28-30 sind im OCR stark beschädigt, Rekonstruktion nach Kommentar und Metrum, [?].
Mit sechsundzwanzig Gestalten versehen sind die wunscherfüllenden Yakṣiṇīs; von gleicher Grundform, zweiarmig, mit bunten Gewändern und Schmuckstücken versehen.
Ohne Begleitung, von jugendlicher Fülle, mit himmlisch duftender Salbe [versehen] — kommen sie herbei und gewähren dem Sādhaka all seine Wünsche.
Ihre Vidyās, sechsundzwanzig an der Zahl, werden nun genannt, o Geliebte; durch deren Vollendung wird der Sādhaka makellos und von allen geachtet.
Vierundsechzig sind die Ceṭakas (Diener-Geister), und ihre Mantras entsprechen ihnen an Zahl; auch sie, von mannigfaltiger Gestalt, werden vollendet durch das im Herzen [rezitierte Mantra]. [?]
Die Māyā[-Śakti], von unzähligen, wechselnden Gestalten, entwendet nach dessen [des Sādhaka] Willen unaufhörlich Gegenstände; ist sie vollendet, gewährt sie damit Wohlstand. [?]
Vom neunten Laut der Vidyā an, [kombiniert] mit den genannten sechs [Konsonanten-]Gruppen, entstehen die zehn Vidyās; höre, ich werde sie der Reihe nach verkünden.
V.39-40 markieren den Übergang zu den letzten beiden der zehn Siddhis, Ceṭaka und Māyā; die Kommentarstelle zu V.71 bestätigt ausdrücklich, dass der Māyā-Mantra 'unter die Ceṭakas eingeordnet' wird, was auf eine gewisse Überschneidung beider Kategorien hindeutet. V.41 leitet zur folgenden systematischen Mantra-Konstruktion (V.42-48) über; die genaue Regel ('vom neunten Laut an, mit sechs Gruppen') bleibt wegen OCR-Schäden im Detail unsicher.
Nachdem man [zum Bīja] „nitya“ die Worte „vijayaṃ dehi“ („gewähre den Sieg“) [hinzugefügt] hat, umschließe man [die Silbe] damit; diese Vidyā, zur Erlangung des Sieges, [besteht] in vier [Varianten], endend auf elf [Silben]. [?]
Nachdem man [zum Bīja] „mada“ die Worte „kāmarūpaṃ me dehi“ („gewähre mir Gestaltwandlung“) [hinzugefügt] hat, umschließe man [die Silbe] damit; die dreizehnsilbige Vidyā gilt als die, die Gestaltwandlung verleiht.
Nachdem man [zum Bīja] „nityā“ die Worte „pādukāṃ dehi“ („gewähre die Sandale“) [hinzugefügt] und [die Silbe] damit umschlossen hat, [entsteht] eine zwölfsilbige Vidyā; ist sie vollendet, gewährt sie die [magische] Sandale.
Ebenso spreche man, nach [dem Bīja] „nitya“, die Worte „dehi añjanam“ („gewähre die Augensalbe“); verehre man wie zuvor auch diese [Vidyā]: sie wird als zwölfsilbig genannt.
Nachdem man [zum Bīja] „drava“ die Worte „dehi khaḍgam“ („gewähre das Schwert“) [hinzugefügt] und ebenso umschlossen hat, [entsteht] eine zwölfsilbige, vollendete [Vidyā]; sie gewährt guten Schutz. [?]
Nachdem man [zu den Bīja] „nitya-drava“ die Worte „vetālān dehi“ („gewähre die Vetālas“) [hinzugefügt] und damit umschlossen hat, [entsteht] eine dreizehnsilbige Vidyā; ist sie vollendet, lasse man durch sie jene [Vetālas] erscheinen.
„Piśācas gewähre man hier“ [spricht man] nach [den Bīja] „nitya-mada-drava“; umschließe man [die Silbe] wie zuvor mit diesen beiden — [so entsteht] eine siebzehnsilbige Vidyā.
Dieser Abschnitt (V.42-48) beschreibt ein Mantra-Baukastensystem: an bestimmte, mit Decknamen ('nitya', 'mada', 'drava' u.a.) bezeichnete Silben der Grundvidyā werden Wunschformeln ('gewähre X') angehängt und das Ganze mit Silbenpaaren eingerahmt (puṭa). Die genaue Identität der 'nitya/mada/drava'-Decknamen mit bestimmten Lauten des Wurzel-Mantras sowie die exakten resultierenden Silbenzahlen sind im stark beschädigten OCR nicht mit Sicherheit zu verifizieren; die Übersetzung folgt der von der Kommentar-Paraphrase gestützten Grundstruktur, durchgehend mit [?] versehen. Die Silbenzahlen der Einzelverse (11, 13, 12, 12, 12, 13, 17) stimmen ungefähr mit den in V.70-72 später genannten Gesamtzahlen der zehn Siddhi-Vidyās überein.
Sechsundzwanzig Yakṣiṇīs wurden genannt, alle wunscherfüllend; höre nun ihre Namen und Vidyās, die ich vorschriftsmäßig verkünden werde.
Vicitrā, Vibhramā, Haṃsinī, Bhīṣaṇī, Janarañjikā, Viśālā, Madanā, Śubhā, Kālakaṇṭhī, Mahābhayā [?] —
Mātaṅgī, Śaśinī, Cāndrī, Maṅgalā, Vaṭavāsinī, Mekhalā, Sakalā, Lakṣmī, Mālinī, Viśvanāyikā [?] —
Sulocanā, Śobhā, Kāmadā, Savilāsinī, Kāmeśvarī, Nandinī, Sukhakarī, Manoramā [?] —
Pramodā, Rāgiṇī, Siddhā, Padminī, Ratipriyā, Kalyāṇā, Kalākalā und Surasundarī [?] —
so sind die sechsundzwanzig wunscherfüllenden Yakṣiṇīs genannt worden; ihre Vidyā [ergibt sich] der Reihe nach eben durch das Umschließen mit jenem [je eigenen] Namen-Silbenpaar.
Mit den sechs [Bīja-]Gruppen, endend auf „nitya-drava-mada“, [verbunden] mit den je eigenen genannten Namen [der Yakṣiṇīs], werden die sechsundzwanzig Vidyās gebildet; sind sie vollendet, gewähren sie das Erwünschte.
Die 26 Yakṣiṇī-Namen (V.50-53) sind im OCR sehr stark verderbt; die hier gegebene Segmentierung und Lesung ist eine plausible, aber nicht in allen Einzelheiten gesicherte Rekonstruktion (der Kommentar bestätigt lediglich die Anzahl der Namen pro Vers: 10, 10, 8, 8 - zusammen 36 statt der in V.49/54 genannten 26; die Diskrepanz könnte auf abweichender Silben-/Namensgrenzen-Ziehung beruhen und konnte nicht sicher aufgelöst werden). Namen wie 'Kālakaṇṭhī', 'Sukhakarī' u.a. sind Vermutungen für im Original unlesbare Wörter.
tāsām akṣarasaṅkhyās tu śṛṇu vakṣye yathākramam [?] | pañcamī pañcadaśamī viṃśatiś ca tathāntimā [?] ||56||
catasraḥ pañcadaśakās tṛtīyā sāṣṭamī tathā [?] | trayodaśa cāṣṭādaśī dvāviṃśā dvādaśākṣarā [?] ||57||
saikaviṃśā ca tadvat syuś caturdaśasamanvitāḥ [?] | navamī daśamī caikaviṃśā tadanantaram [?] ||58||
caturviṃśā pañcaviṃśā saptaviṃśā tadūrdhvagāḥ [?] | trayoviṃśādikās tisras trayodaśayutāḥ parāḥ [?] ||59||
ceṭakānāṃ catuḥṣaṣṭiṃ tannāmāni ca vadāmi te | śṛṇu śuddhās tu te nityaṃ sādhayeyuḥ samīhitam ||60||
Höre nun der Reihe nach ihre Silbenzahlen, die ich verkünden werde: die fünfte, die fünfzehnte, die zwanzigste und ebenso die letzte [Vidyā haben je eine bestimmte Silbenzahl]. [?]
Vier [Vidyās] sind fünfzehnsilbig; die dritte und ebenso die achte [ebenfalls]; die dreizehnte, die achtzehnte und die zweiundzwanzigste sind zwölfsilbig. [?]
Die einundzwanzigste ebenso; [eine weitere Gruppe] ist mit vierzehn [Silben] versehen; die neunte, die zehnte und wiederum die einundzwanzigste [gehören] danach [zu einer weiteren Gruppe]. [?]
Die vierundzwanzigste, fünfundzwanzigste und siebenundzwanzigste liegen darüber hinaus [in einer eigenen Gruppe]; die übrigen drei, beginnend mit der dreiundzwanzigsten, sind dreizehnsilbig. [?]
Der vierundsechzig Ceṭakas Namen will ich dir nun verkünden — höre; sie, wenn rein [gehalten], erfüllen beständig das Gewünschte.
V.56-59 zählen für jede der 26 Yakṣiṇī-Vidyās die genaue Silbenzahl auf; diese hochtechnische, rein zahlenbezogene Passage ist im OCR so zerstört, dass die Zuordnung der einzelnen Ordnungszahlen zu den Silbenzahlen (13/14/15/18/20/22/24/25/27 Silben) nicht mehr sicher rekonstruierbar ist, durchgehend [?]. Die Übersetzung gibt lediglich die im Wurzeltext noch erkennbaren Zahlwörter wieder, ohne die Gesamtsystematik mit Sicherheit zu behaupten.
Vibhrama, Vāhaka, Vīra, Vikarṣa, Krūrakara, Kavi, Siṃhanāda, Mahānāda, Sugrīva, Markaṭa, Śaṭha [?] —
Biḍālākṣa, Biḍālāsya, Kumāra, Khacarodbhava, Mayūra, Maṅgala, Bhauma, Dvīpivaktra, Ṣaḍānana [?] —
Mātaṅga, Niśācāra, Viṣagrāha, Bakodara, Karibhāsya, Gajamukha, Paśuvaktra, Gajānana —
Kṣobhaka, Mahiṣabhadra, Kroḍaka, Siṃhavaktaka, Śyenāsya, Kaṅkaṭana, Kākāsya, Hayavaktaka [?] —
Mahodara, Sthūlaśiras, Vikṛtāsya, Varānana, Capala, Kukkuṭāsya, Māyāvin, Madanālasa —
Manohara, Dīrghajaṅgha, Sthūladanta, Daśānana, Sumukha, Prauḍha, Kruddha, Varāhāsya, Saṭāmukha [?] —
Kapaṭa, Kautukin, Kāla, Kiṅkara, Kitava, Khala, Bhagnaka, Bhayada, Siddha — alle diese [vierundsechzig] wurden [nun] genannt. [?]
Eingeschlossen von dem Silbenpaar [des Bīja], verbunden mit „mada-nitya-drava“, mit jenen Namen im Dativ [gebildet], verbunden mit dem Wort „dehi“ („gib!“) — [so entstehen die Ceṭaka-Mantras].
Die 64 Ceṭaka-Namen (V.61-67) sind, wie die Yakṣiṇī-Namen, im OCR stark verderbt und die vorliegende Lesung eine plausible, aber unsichere Rekonstruktion vieler Dämonen-/Diener-Namen (oft charakterisierende Beinamen wie 'Löwenmaul', 'Elefantengesicht', 'Krokodilbauch'); Einzelnamen bleiben mit [?] gekennzeichnet, wo die OCR keine sichere Lesung zuließ. Die Gesamtzahl der hier gelisteten Namen (11+9+8+8+8+9+9=62) weicht geringfügig von der verlangten Zahl 64 ab; vermutlich sind ein bis zwei Namen durch OCR-Verlust ganz ausgefallen.
evaṃ mantrāś catuḥṣaṣṭiḥ kramād uktā maheśvari | teṣāṃ saṅkhyām api tathā śṛṇu vakṣye yathāvidhi ||69||
caturdaśākṣarās teṣu nava mantrāḥ samīritāḥ | tathā pañcadaśārṇāḥ syuḥ ṣaḍviṃśatir itoditāḥ ||70||
ṣoḍaśārṇās tu manavaḥ pañcaviṃśatir īritāḥ | tathā saptadaśārṇāś ca catvāro vyākulakramāt [?] ||71||
vidyākṣarair anāghrātāny akṣarāṇi caturdaśa [?] | sasvarais tair bhavet saṅkhyā caturviṃśacchatadvayam [?] ||72||
tair yantrāṇi ca sapta syus teṣu proktāḥ kramād yajet | devatāḥ saptavāreṣu bhāskarādiṣu bhaktitaḥ [?] ||73||
So sind, o große Herrin, die vierundsechzig Mantras der Reihe nach genannt worden; höre nun auch ihre Silbenzahl, die ich vorschriftsmäßig verkünden werde.
Unter ihnen sind neun Mantras vierzehnsilbig; ebenso werden sechsundzwanzig als fünfzehnsilbig genannt.
Sechzehnsilbige Mantras werden fünfundzwanzig genannt; ebenso [gibt es] vier siebzehnsilbige, in unregelmäßiger Reihenfolge [verteilt]. [?]
Vierzehn weitere, mit den [übrigen] Vidyā-Silben nicht in Berührung gekommene Laute [?] ergeben, zusammen mit ihren Vokalen gezählt, eine Gesamtzahl von zweihundertvierundzwanzig. [?]
Mit diesen [Silben] entstehen sieben Yantras; in ihnen verehre man der Reihe nach die genannten Gottheiten, an den sieben Wochentagen, beginnend mit dem Sonnentag (Bhāskara), mit Hingabe. [?]
V.70-71 (9+26+25+4=64) stimmen als Kontrollsumme genau mit der Gesamtzahl 64 der Ceṭakas überein, was für die grobe Richtigkeit der überlieferten Zahlwörter spricht, auch wenn Einzelheiten (V.72, die Herkunft der 14 'unberührten' Laute und die Zahl 224) im stark beschädigten OCR nicht mehr sicher nachvollziehbar sind.
Man schreibe den [jeweiligen Wochentags-]Namen mit der siebten [Kasus-]Endung, verbunden mit [den Worten] „gewähre das Gewünschte“, in die Mitte des Yantras, in das Māyā-Bīja; und verehre dort die [Erlangungs-]Vollkommenheiten (siddhi). [?]
Nachdem man in einem Kreispaar das Neun-Yoni-Diagramm angelegt hat, [mache man] außerhalb davon ein Achteck; außerhalb dessen ein Paar von Lotosblüten mit [je] sechzehn Blütenblättern, wie vorgeschrieben. [?]
Nachdem man dort der Reihe nach die Laute eingeschrieben hat, male man zweiundzwanzig [Laute] auf den Blütenblättern, ebenso in den Ecken, und wiederum im Kreispaar und in der Mitte. [?]
Die [Buchstabengruppen] von 'a' [bis 'ḍa'?] und von 'ka' [bis 'tha'?] [usw.] schreibe man nach der inneren Reihenfolge ein; in die Zwischenräume der Ecken schreibe man der Reihe nach die [übrigen] Konsonantenlaute. [?]
Vom Anfang an, im Uhrzeigersinn — so entstehen mit diesen [Buchstaben] sieben Yantras, für die [zehn] Vollkommenheiten, für die Yakṣiṇīs und für die Ceṭakas, jeweils eines für jede [Gruppe].
Bei den Ceṭakas gibt es diese Besonderheit: in der Mitte [des Yantras eine] achtblättrige Lotosblüte; ihre Erlangungsriten und Früchte [entsprechen] genau dem oben beschriebenen Verfahren.
Die Konstruktionsanweisungen der sieben Yantras (V.74-77: Neun-Yoni-Diagramm, Achteck, zwei Sechzehnblatt-Lotosblüten, Buchstabenverteilung) sind im OCR extrem beschädigt; die Übersetzung folgt, soweit möglich, der (ebenfalls fragmentarischen) Kommentar-Paraphrase (die u.a. explizit die Maße 'ein Fingerbreit Abstand', konzentrische Kreise und die Verteilung der 4x24 Vidyā-Silben auf die acht Ecken der sieben Yantras beschreibt), ohne dass der exakte Wortlaut des Wurzeltexts gesichert wäre, durchgehend [?].
prayogān śṛṇu devi yaiḥ siddho matsamo bhuvi | pūjyate sarvalokaiś ca sarvataḥ sarvadāpi ca ||80||
araṇyavaṭamūle ca parvatāgre guhāsu ca | udyānamadhye kāntāre pādapamūlataḥ [?] ||81||
sindhutīravane cetān yakṣiṇīḥ sādhayed diśaḥ [?] | ekaikasmin vaṭalakṣaṃ japed uktavidhānataḥ ||82||
tadaṃśāṃśaṃ tarpaṇaṃ ca homaṃ kuryāt prasūnakaiḥ | kadambabandhūkajayāhvayamallikaiś ca lohitaiḥ [?] ||83||
tataḥ prītāḥ samāgatya prayatnād vāñchitapradāḥ | suvarṇāni ca vāsāṃsi bhūṣaṇāni phalāni ca ||84||
āsvādyāni ca peyāni bhojyāni vividhāni ca | ālepanāni mālyāni dadyur ā jīvitāvadhi ||85||
āyāte sarvadā grāhyaṃ prayatnād ehi vāñchitam | ity atra nityaśas tāstu pūjayej japet tathā ||86||
aṣṭottarasahasraṃ tu tāṃ tāṃ vidyām ananyadhīḥ | evaṃ tāḥ sarvayakṣiṇyaḥ phalaṃ dadyur yatheṣṭitam ||87||
ceṭakānāṃ tu sarveṣāṃ teṣūkteṣu krameṇa vai | ekasmin pañca pañca syuḥ siddhāḥ sindhutaṭe nava ||88||
teṣāṃ ca vaṭalakṣaṃ tu japam uktavidhānataḥ | māsaṃ dineṣu satataṃ kuryāt siddhaṃ na cālayet [?] ||89||
madhyarātre sadā homaṃ tarpaṇaṃ ca samīritam | japed divāniśaṃ proktaṃ sarveṣām api sādhane ||90||
Höre, o Göttin, die Anwendungen, durch die der Vollendete, mir gleich, auf Erden von allen Welten überall und allezeit verehrt wird.
Im Wald, an der Wurzel eines Banyanbaums, auf dem Gipfel eines Berges, in Höhlen, inmitten eines [Lust-]Gartens, in der Wildnis, an der Wurzel [bestimmter Bäume],
und im Wald am Flussufer — [an diesen Orten] erlange man die Ceṭakas [und] Yakṣiṇīs, [je nach] Himmelsrichtung [?]; an jedem einzelnen [Ort] rezitiere man je hunderttausendmal, nach dem angegebenen Verfahren.
Einen Bruchteil davon [als] Tarpaṇa und Feueropfer vollziehe man mit Blüten — mit roten Kadamba-, Bandhūka- und „Jaya“ genannten [Blumen] sowie [rotem] Jasmin. [?]
Danach kommen sie erfreut herbei und gewähren mit Eifer die Wünsche — Gold, Gewänder, Schmuckstücke und Früchte,
schmackhafte Speisen, Getränke und mancherlei Genussmittel, Salben und Blütengirlanden geben sie, bis ans Lebensende.
„Bist du gekommen, so nimm allezeit mit Eifer [dies], komm, [dein] Gewünschtes [ist da]!“ — mit diesen [Worten] verehre und rezitiere man sie [die Yakṣiṇīs] hierbei beständig.
[Man rezitiere] die jeweilige Vidyā tausendundacht Mal, mit ungeteiltem Geist; so gewähren alle diese Yakṣiṇīs die erwünschte Frucht.
Was aber alle Ceṭakas betrifft: an den genannten [zwölf] Orten, der Reihe nach, seien an jedem [Ort] je fünf vollendet, am Flussufer aber neun.
Für sie [alle] vollziehe man je hunderttausendmal Japa nach dem vorgeschriebenen Verfahren; einen Monat lang, Tag für Tag, beständig, [bis zur] Vollendung, und wanke nicht vom bereits Erlangten. [?]
Um Mitternacht vollziehe man stets das Feueropfer und das genannte Tarpaṇa; man rezitiere Tag und Nacht, wie vorgeschrieben, bei der Erlangung aller [dieser Vollkommenheiten].
V.81-82 zählen zwölf heilige Orte für die Erlangung (acht Baum-/Naturorte plus das Flussufer als zwölfter, an dem statt fünf neun Ceṭakas vollendet werden, V.88) auf; einzelne Ortsbezeichnungen sind im OCR unsicher, [?]. V.89 'māsaṃ dineṣu' (einen Monat lang, Tag für Tag) ist eine Vermutung für ein im OCR unlesbares Wort ('mīnaṃ').
ceṭakās te samāgatya madhyarātre 'tibhīṣaṇāḥ | kṣobhayur amuṃ na jātu careta tatparaḥ [?] ||91||
prahṛṣṭāḥ kim tavehiṣṭaṃ tat karomi iti vadanti śī [?] | pratyekaṃ te tathety uktvā na māṃ muñcata ity api ||92||
nityaśas tān japārcābhir upāsītācaret punaḥ | tasmai te sandiṣṭaṃ sādhayeyuḥ samīhitam ||93||
śatrūṇāṃ samare bhaṅgaṃ prahāram ahitaṃ jane | kurvanti prārthitārthānāṃ pradānaṃ ca divāniśam ||94||
ānayeyuś ca vanitā vāñchitāṃs tatkṣaṇāt sadyaḥ [?] | niścalī kurvate mattaṃ dantinaṃ vā hayaṃ naram ||95||
nityāṣoḍaśake siddhe devair api pitṛgaṇaiḥ | piśācair uragaiḥ siddhaiḥ kinnarair apsarogaṇaiḥ ||96||
marudbhir aṣṭavasubhiḥ saptarṣibhir yakṣadānavaiḥ | rudrair ekādaśabhir vīraiḥ sādhyaiś ca navabhir dvijaiḥ [?] ||97||
Jene Ceṭakas kommen um Mitternacht, überaus furchterregend, herbei und versetzen [den Sādhaka] in Erregung; dieser aber wanke niemals [von seinem Vorhaben], darauf bedacht [standhaft zu bleiben]. [?]
Hocherfreut sprechen sie: „Was ist dein Wunsch? Das werde ich tun“ — ein jeder von ihnen; nachdem [der Sādhaka] „So sei es“ gesprochen hat, [sagen sie auch:] „Verlasse uns nicht!“
Beständig verehre man sie mit Japa und Kult; tut man dies wiederholt, so vollbringen sie ihm das aufgetragene, gewünschte Werk.
Sie bewirken die Niederlage der Feinde im Kampf, Schaden bei feindlich gesinnten Leuten, und gewähren Tag und Nacht die erbetenen Dinge.
Sie bringen die gewünschten Frauen sogleich, auf der Stelle herbei; einen brünstigen Elefanten, ein Pferd oder einen Mann machen sie regungslos.
Ist [der Sādhaka] in den sechzehn Nityās vollendet, [wird er] auch von den Göttern, den Scharen der Ahnen (Pitṛ), von Piśācas, Schlangenwesen (Uraga), Siddhas, Kinnaras und Scharen von Apsaras [verehrt] —
von den Marut-Winden, den acht Vasus, den sieben Ṛṣis, von Yakṣas und Dānavas, von den elf Rudras, den Helden und von den neun Sādhya-Göttern und den zweifach Geborenen (Brahmanen). [?]
V.91-95 beschreiben einen nächtlichen Erprobungsritus: die furchterregend erscheinenden Ceṭakas sollen den Sādhaka erschrecken, doch dieser darf nicht wanken, worauf sie ihm dienstbar werden; V.91-92 sind im OCR schwer beschädigt und die wörtliche Rede der Ceṭakas nur ungefähr rekonstruierbar. V.96-97 leiten mit der Aufzählung der den vollendeten Sādhaka verehrenden Wesenklassen (Götter, Ahnen, Naturgeister, kosmische Gruppen wie die 11 Rudras, 8 Vasus, 9 Sādhyas) zum Abschlussteil über.
[Er wird] von den zwölf Weltenhütern und noch anderen Gottheiten ebenso [verehrt], von Königen, von Frauen und anderen Menschen bedient.
Der Vollendete wird stets verehrt, ein Sitz des erwünschten Glücks; von heiterem Gemüt, freigebig, mitleidsvoll, standhaft und geduldig.
Er wird von vollkommener Genügsamkeit, stets wonnevoll, an ergebnislosen Früchten erfreut, wohlhabend, genießend, keinem anderen Schaden zufügend — [gleichsam] ein Herr, uns beiden [Śiva und Śakti] gleich. [?]
So ist die alldurchdringende, aus dem Wesen der Zunge (jihvā-tattva) bestehende Durchdringung [dieser Vidyā] wohlbegründet dargelegt worden; durch deren bloßes Aufklingen im Herzen wird eben jenes Wesen (tattva) zum eigenen Selbst gemacht (sich einverleibt).
So endet, im ehrwürdigen Ṣoḍaśanityā-Tantra, genannt Śrīkādimata, vollständig, das siebzehnte Kapitel, wie verkündet.
V.100 ('āvayoḥ', 'uns beiden') deutet, wie in Parallelstellen anderer Kapitel, auf Śiva und Śakti als Sprecher/in des Dialogs hin. V.101 folgt dem in jedem Kapitel wiederkehrenden formelhaften Schlussvers über die 'alldurchdringende Wesens-Durchdringung' (tattvamayī vyāptiḥ), hier bezogen auf die Zunge (jihvā) - passend zu Nīlapatākās Attributen Rede/Schwert/Beredsamkeit in diesem Kapitel; vgl. die Parallelen in Kap. 12 ('tattvamayī vyāptiḥ'), 15 ('vācāṃ tattvamayī vyāptiḥ') und 16 ('prāṇatattvamayī vyāptiḥ'). Die Übersetzung des kurzen Wurzeltext-Kolophons folgt der aus den Nachbarkapiteln bekannten Formel; das dortige rätselhafte Schlusswort ('parākhyātam', wörtl. etwa 'als das Höchste/Andere verkündet') bleibt wie in den übrigen Kapiteln unsicher und wird nicht eigens gedeutet. Der lange Kommentar-Kolophon mit dem Namen des Kommentators (Subhagānandanātha) sowie die editorische Verse-/Granthasaṅkhyā-Notiz gehören nicht zum Wurzeltext und wurden, wie in den Vorgängerkapiteln, nicht übersetzt.