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Tantrarāja Tantra

Paṭala 26: ṣoḍaśanityāvyāptivaibhavaprakāśanaparaṃ mantravaibhavaṃ nāma ṣaḍviṃśaḥ paṭalaḥ 26-tes Kapitel: Die Mantra-Herrlichkeit (Nāda-Ursprung, Guru-Śiṣya-Einweihung und die sechsfache Amṛteśvarī-Vidyā)

Quelle: Tantrarāja-Tantra Band II mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts, Calcutta: Agamanusandhana Samiti 1926 (archive.org, OCR). Übersetzt wurde nur der Wurzeltext (100 Verse), nicht der sehr umfangreiche Sanskrit-Prosakommentar; dieser wurde lediglich zur Klärung schwer lesbarer Stellen des Wurzeltexts und zur Ermittlung der (in der OCR mehrfach verschobenen bzw. verdoppelten) Versnummerierung herangezogen, niemals als Deutungsgrundlage. Inhalt: Nach einer kurzen Ankündigung der 'Mantra-Herrlichkeit' (V.1-3) folgt die Lehre vom Ursprung des Nāda (Ur-Klang) durch die vier Sprachstufen Parā/Paśyantī/Madhyamā/Vaikharī bis zu den 51 Sanskrit-Phonemen (V.4-10); daran schließt eine sehr dichte kombinatorische Silben- und Zahlenlehre zur Konstruktion der unzähligen Vidyā-Mantras aus den neun Cakras des Śrīcakra (576 Crore Śaktis) an (V.11-20). Der Hauptteil (V.21-50) behandelt die Guru-Śiṣya-Einweihung (Saṃskāra): die philosophische Aporie, warum das an sich reine Selbst überhaupt einer Einweihung bedürfe, gelöst durch zwei Gleichnisse (verbranntes Samenkorn, lackgefärbter Baumwollsamen), gefolgt von der Lehre, dass letztlich jede Silbe Mantra ist, exemplifiziert an vaiṣṇavischen und anderen Standard-Mantras, die alle mit der Lalitā-Vidyā wesenseins seien, und schließlich dem Lob der Bhakti als Voraussetzung jeder Wirksamkeit. Der Schlussteil (V.51-100) führt die Göttin Amṛteśvarī ('Nektar-Herrin') in sechs Formen mit Nyāsa, Dhyāna, Yantra-Konstruktionen (Lotus-Yantra, großes Gitter-Yantra) und vielfältigen magischen Anwendungen ein (Krankheits-, Feind- und Unheilsabwehr, Wohlstand, langes Leben, Schutz-Zauber und Gegenzauber), und schließt mit der Aufzählung der 1444 Śaktis des Pūrṇābhiṣeka-Cakra. Die OCR-Qualität dieser Ausgabe ist wie im ganzen Band außerordentlich schlecht; besonders die zahlenlastigen Passagen (V.11-20, 44, 74-85, 97-99) enthalten weitgehend unlesbare Zahlwörter, die z.T. nur über die ausführliche Kommentarprosa rekonstruiert werden konnten. Die Versnummerierung der Quelle ist im Abschnitt V.28-39 durch OCR-Ziffernverwechslungen (insbesondere der Ziffern 3/2 und 8/9) mehrfach dupliziert bzw. verschoben; sie wurde anhand fortlaufender Zählung und expliziter Kommentar-Lemmata (die Verse gruppenweise mit Angabe der Versanzahl kommentieren, z.B. 'pañcabhiḥ ślokaiḥ... vīkṣaṇam ity antaiḥ' für V.22-26) korrigiert und in den jeweiligen unit-notes vermerkt. Die gefundene Kapitellänge (Zeichenbereich ca. 427978-478242, 100 Verse) entspricht sehr genau der vom Orchestrator geschätzten Spanne. Der bei ca. Zeichen 444401 auftretende Ausdruck 'vāsanāpaṭalaḥ' markiert, wie im Auftrag vermerkt, KEIN Kapitelende, sondern einen Querverweis auf ein anderswo im Werk behandeltes Klassifikationsschema der Vidyā-Formen; das tatsächliche Kapitelende mit den zwei Kolophonen (kurzes Wurzeltext-Kolophon 'mantravaibhavam' und langes Kommentar-Kolophon mit Nennung Subhagānandanāthas und der Manoramā) folgt erst bei Vers 100, unmittelbar vor dem Beginn des 27. Paṭala ('saptaviṃśapaṭalam').

atha ṣoḍaśanityānāṃ vidyāvyāptisvarūpataḥ | mantravaibhavaṃ vakṣye śṛṇu devi anaghe [?] ||1|| nādotpattiṃ ca [?] sthānaprāptāṃ tasya varṇatām | tataḥ padāni vākyāni mantrarūpāṇi kānicit ||2|| tatsaṃkhyāṃ vidyayā svātmasaṃskārasya kramaṃ tathā | amṛteśvarīdevyāstu varais te mithunaiḥ saha [?] ||3|| vyāptiprayogāṃs tais samyag abhīṣṭaprāptihetave | samuddiṣṭakrameṇaiva sarvaṃ te tac cheṣataḥ [?] ||4|| svātmecchāśaktighātena prāṇavāyusvarūpataḥ | mūlādhāre samutpannaḥ parākhyo nādasambhavaḥ ||5|| sa eva svecchayā nītaḥ svādhiṣṭhāne 'bhidhīyate | paśyantyākhyām avāpnoti krameṇa śanaiḥ śanaiḥ ||6||

Ich werde, o Göttin, die Mantra-Herrlichkeit (mantravaibhava) der sechzehn Nityās verkünden, [ausgehend] von der Natur der Durchdringungsmacht (vyāpti) der Vidyā: den Ursprung des Nāda (des Ur-Klangs), seine Erlangung [bestimmter] Orte und sein Werden-zu-Phonemen; sodann die daraus entstehenden Wörter, Sätze und mancherlei Mantra-Formen. [Ich werde auch verkünden] ihre Anzahl mittels der Vidyā, sowie die Weise der Selbst-Einweihung (Saṃskāra), und [die Lehre] von der Göttin Amṛteśvarī, zusammen mit den [ihr zugehörigen] paarigen Silben. Die Anwendungen dieser Durchdringungsmächte, durch die man das Erwünschte vollständig erlangt, werde ich dir der Reihe nach, alles im Folgenden, verkünden. Durch den Anstoß der eigenen Wunschkraft (icchā-śakti), in Gestalt des Lebenshauches (prāṇa-vāyu), entsteht im Mūlādhāra der Ursprung des Nāda, der 'Parā' (die Höchste) genannt wird. Eben dieser [Nāda], durch [dieselbe] Willenskraft weitergeführt, wird im Svādhiṣṭhāna-Cakra [dort] bezeichnet; er erlangt der Reihe nach, ganz allmählich, den Namen 'Paśyantī' (die Schauende).

Vers 1 ist im OCR fast vollständig zerstört (Datenmüll wie „aami", „anfa"); der Titel „mantravaibhavam" wird durch beide Kapitel-Kolophone gesichert, daher probeweise rekonstruiert, aber mit [?] versehen. Vers 3 nennt bereits vorausschauend die Göttin Amṛteśvarī (Thema ab Vers 51) und die im Vāsanā-Paṭala behandelten Silbenpaare (mithuna); die genaue Wortfolge ist unsicher. Verse 5–6 durch den Kommentar wörtlich bestätigt (icchāśakti, mūlādhāra, parā, svādhiṣṭhāna, paśyantī – die vier Nāda-Stufen der Sprachphilosophie).

anāhate vardhitatvasameto madhyamābhidhaḥ | tathā tayor unnataḥ sa viśuddhau kaṇṭhadeśataḥ ||7|| vaikharyākhyas tataḥ [?] kaṇṭhatālvoṣṭhadantataḥ | jihvāmūlāgrapṛṣṭhasthas tathā nāsāgrataḥ kramāt ||8|| kaṇṭhatālvoṣṭhakaṇṭhoṣṭhadantoṣṭhadvayatas tathā | samutpannāny akṣarāṇi kramād ākṣakārāvadhi [?] ||9|| āditaḥ kṣāntam ity eṣām arthavat sudurūhitam [?] | teṣu svarāḥ svatantrāḥ syus tair vyañjyād āñjanaṃ bhavet ||10||

Im Anāhata[-Cakra], mit weiterem Wachstum versehen, wird er 'Madhyamā' (die Mittlere) genannt; und, aus jenen beiden [Stufen] weiter erhoben, [erlangt er im] Viśuddhi[-Cakra], am Kehlort, [die nächste Stufe]. Von dort [wird er] 'Vaikharī' (die Grobe, hörbare Sprache) genannt, [entstehend] aus Kehle, Gaumen, Lippen und Zähnen; an Wurzel, Spitze und Rücken der Zunge befindlich, ebenso, der Reihe nach, von der Nasenspitze aus. Aus Kehle, Gaumen, Lippe, Kehl-Lippen-, Zahn- und Lippen-Doppellauten entstehen so, der Reihe nach, die Silben, von A bis Kṣa. Von A bis Kṣa – so sind diese [einundfünfzig Silben] mit Bedeutung [versehen], schwer zu ergründen; unter ihnen sind die Vokale eigenständig (svatantra); durch sie wird der Konsonant offenbar (āñjana, 'erleuchtet, sichtbar gemacht').

Verse 7–10 beschreiben die vier klassischen Stufen des Nāda/Vāc (Parā, Paśyantī, Madhyamā, Vaikharī) und die daraus resultierenden 51 Silben (Akṣaras) von A bis Kṣa; der Kommentar bestätigt diese Lehre wörtlich ('parādyavasthācatuṣṭayātmako nādaḥ ... ekapañcāśadakṣarātmā bhavati'). Einzelne Wörter (insbesondere Vers 9's Zahlangabe, Vers 10's zweite Vershälfte) bleiben wegen OCR-Zerstörung unsicher.

ṣoḍaśānāṃ svarāṇāṃ ca ṣaṭtriṃśadvyañjanaiḥ saha [?] | saṃyogenaiva jāyante tāni padāni saṃkhyayā ||11|| ṣaṭsaptatiyutaṃ pañcaśataṃ tāni syuḥ padāni vai | tadvākyāni ca sarvāṇi vedabhāṣānyabhedataḥ ||12|| vācakā viśvarūpasya prapañcasyātmanas tathā | śabdavyākaraṇādīnāṃ niyamādiyutās tathā ||13|| teṣām anyonyasambhūtajātānām ekayugmataḥ | tribhir ity ādirūpāṇāṃ saṃkhyā kartuṃ na śakyate ||14|| anantatvād acintyatvāt tadrūpāṇāṃ na kīrtanam | evaṃ śabdasya māhātmyaṃ vaktuṃ kasyāpi nāsti hi ||15||

Aus den sechzehn Vokalen und den sechsunddreißig Konsonanten entstehen, durch bloße Verbindung, jene [Silbenpaar-]Einheiten (pada) an Zahl [576]. Fünfhundertsechsundsiebzig (576) sind diese Einheiten (pada); und alle daraus [weiter gebildeten] Sätze (vākya), ohne Unterschied von vedischer oder anderer Sprache, sind Bezeichner der Universalgestalt (viśvarūpa), der Erscheinungswelt (prapañca) und ebenso des Selbst (ātman), versehen mit den Regeln der Lautlehre, Grammatik und dergleichen. Von diesen [576 Einheiten], die durch gegenseitige Verbindung als Paare, Dreiheiten und so fort entstehen, kann die Zahl nicht [mehr] ermittelt werden. Wegen [ihrer] Unendlichkeit und Unausdenkbarkeit werden diese Formen nicht [vollständig] aufgezählt; so vermag niemand die Größe (māhātmya) des Wortes/Klangs (śabda) [gänzlich] zu verkünden.

Verse 11–15: kombinatorische Silbenlehre. 16 Vokale × 36 Konsonanten = 576 (ṣaṭsaptatyadhikapañcaśata), eine im ganzen Kapitel wiederkehrende Schlüsselzahl (vgl. auch die vom Kommentar mehrfach genannte Gesamtzahl 576 Crore Śaktis der neun Śrīcakra-Cakras). Die genaue Wortfolge der Verse ist wegen extremer OCR-Korruption der Zahlwörter nur ungefähr rekonstruierbar; die Kernaussage (Silbenkombinatorik, Unendlichkeit der Wortformen) ist jedoch durch den Kommentar klar gesichert.

śaktis tathāpi te kiñcid dadāmi [?] | lalitācakranavake pratyekaṃ śaktayaḥ priye ||16|| [tāḥ] sambhūya purodhitāḥ koṭyaḥ syus tatkramāt [?] | tāsāṃ vidyāṃ vakṣyāmi tāḥ kramāt ||17|| ṣaṭsaptatyā pañcaśataṃ prathamāny akṣarāṇi vai | dvitīyāni ca tāny eva krameṇa syur athāditaḥ ||18|| tṛtīyāni ca tāny eva yojayed āditaḥ kramāt | tāsāṃ ṣaṭtriṃśadvarṇais tais samagrair uktasaṃkhyakāḥ ||19|| vidyā bhavanti bhinnāḥ syur ekākārās tu te vinā | tābhis tatkoṭisaṃkhyākā vidyās tricaturṇakāḥ ||20||

Dennoch gebe ich dir etwas von [dieser] Kraft [zu erkennen], [du in Gelübden Gefestigte(?)]: in jedem der neun Cakras der [Göttin] Lalitā [d.h. des Śrīcakra] gibt es, o Liebe, [entsprechend viele] Śaktis. Zusammengenommen ergeben sie, der Reihe nach, [576] Crore [Śaktis]; deren Vidyā werde ich dir nun, der Reihe nach, verkünden. Fünfhundertsechsundsiebzig (576) sind die ersten Silben [der so gebildeten Silbenketten]; dieselben [576] werden, der Reihe nach, von Anfang an auch zu den zweiten Silben. Und ebendieselben soll man, der Reihe nach von Anfang an, auch als dritte [Silben] anfügen; durch diese [insgesamt] sechsunddreißig Buchstaben [als Grundmenge] ergibt sich, vollständig verbunden, die genannte [Gesamt-]Zahl. So entstehen unterschiedliche Vidyās; abgesehen von denen, die aus einem [durchgehend] gleichen Buchstaben bestehen (ekākāra) – durch diese [übrigen] entsteht, in jener Crore-Zahl, die Menge der drei- und viersilbigen Vidyās.

Verse 16–20: Fortsetzung der Silben-Kombinatorik zur Konstruktion der Vidyā-Mantras der Śaktis des neunfachen Śrīcakra (Lalitā-cakra-navaka), mit einer Gesamtzahl von 576 Crore (576 Crore (5,76,00,00,000) ), die der Kommentar mehrfach ausdrücklich bestätigt. Die einzelnen Zahlwörter in Vers 17 (OCR zeigt unklar „catuḥṣaṣṭi", 64) widersprechen der vom Kommentar klar genannten Zahl 576 Crore; hier wurde der Kommentarzahl gefolgt und die Vers-Zahlangabe mit [?] versehen. Diese Verse gehören zu den am schwersten lesbaren des ganzen Kapitels; die Grundstruktur (Silbenkombinatorik dreier Kūṭas aus 576 Grundsilben) ist durch die sehr ausführliche Kommentarprosa jedoch gesichert.

tāsām api tu sarvāsāṃ dhyānārcāyantrapūjanaiḥ | puruṣārthās tu sidhyanti nṝṇāṃ māṭṛkāyuktaiḥ [?] ||21|| saṃskārān śṛṇu deveśi guruṇā śiṣyarakṣaṇe | samānatve 'pi dehāder vyāpāre guruśiṣyayoḥ ||22|| pūjyapūjakabhāvasya kāraṇaiḥ pratyayaṃ tathā | pratyakṣaṃ te dṛṣṭāntair āśu darśayāmy aham ||23|| saṃskāro mantrayantrārcābhiṣekādais tanor yadi | sā jarārogamaraṇakleśena spṛśyate 'nyathā ||24|| prāṇasya vai tadārabhya nityatā syāt tu dehinām | ātmanaś cidrūpasya saṃskāro naiva yujyate ||25|| indriyāṇāṃ yadi bhavet tadā prāṇasamānatā | buddheś ced ātmanā sāmyāt kasya syād guruvīkṣaṇam ||26|| ity ādisaṃśayaiḥ khinnacittānāṃ kṣīṇapāpmanām | sadvaidyekṣaṇopadeśais tu guruṇā kriyate tu yat ||27||

Auch durch die Meditation, Verehrung und Yantra-Anbetung all dieser [zusammen mit der Mātṛkā, dem Buchstaben-Kranz, verbundenen Vidyās] werden den Menschen die [vier] Lebensziele (puruṣārtha) erfüllt. Höre, o Herrin der Götter, von den Einweihungsriten (saṃskāra), die der Guru zum Schutz des Schülers vollzieht – obwohl doch, was die Verrichtung (vyāpāra) des Körpers und dergleichen betrifft, Guru und Schüler gleich sind. Durch Gründe und ebenso durch Beispiele werde ich dir sogleich anschaulich die Gewissheit (pratyaya) für das Verhältnis von Verehrtem und Verehrer (pūjya-pūjaka) zeigen. Wenn die Einweihung [nur] durch Mantra, Yantra, Verehrung, Abwaschung (abhiṣeka) und dergleichen am Körper [geschähe], so würde dieser [Körper] dennoch weiterhin von den Leiden des Alters, der Krankheit und des Todes berührt. [Denn] von daher müsste ja der Lebenshauch (prāṇa) der verkörperten Wesen ewig sein; eine Einweihung des Selbst hingegen, dessen Wesen reines Bewusstsein (cid-rūpa) ist, ist gar nicht angemessen [da es keiner Reinigung bedarf]. Beträfe sie die Sinnesorgane, so wäre dies dem Lebenshauch gleichzusetzen; beträfe sie den Intellekt (buddhi) – da dieser [letztlich] mit dem Selbst identisch ist –, wozu bedürfte es dann noch des einweihenden Blickes (vīkṣaṇa) des Guru? Durch solche und ähnliche Zweifel Bekümmerten, deren Verfehlungen [dennoch bereits] geschwunden sind, wird mittels der Unterweisung durch den Blick (īkṣaṇa) des wahren Kenners (sadvaidya, 'guten Arztes') vom Guru [Folgendes] bewirkt –

Verse 21–27 leiten den zentralen Abschnitt über die Guru-Śiṣya-Einweihung (saṃskāra) ein und formulieren die philosophische Aporie: Da das Selbst (ātman) reines Bewusstsein ist und keiner Reinigung bedarf, wozu dann der Guru-Einweihungsritus? Diese Frage wird in den folgenden Versen (28ff.) aufgelöst. Die Versnummerierung der Quelle ist in diesem Abschnitt durch OCR mehrfach verschoben/dupliziert (u.a. erscheint ein Kommentarabschnitt-Ende fälschlich als „RE" statt der Zahl 26); die hier gegebene Zählung 21–27 wurde anhand der Kommentar-Lemmata (die ausdrücklich 'pañcabhiḥ ślokaiḥ', fünf Verse, von 'saṃskārān' bis 'vīkṣaṇam' umfassen, d.h. V.22–26) rekonstruiert.

tad ahaṃ te samyag vakṣye guhyataraṃ param | yad avāpya tyajaty āśu saṃśayākhyaṃ mahāmalam ||28|| ihendriyamanaḥprāṇasākṣiṇas tv ātmanaḥ priye | saṃskāraḥ kriyate samyag guruṇā tattvavedinā ||29|| evaṃ dehe yat kiñcid aśubhaṃ tan nirasyate | vīkṣaṇād ātmano buddheḥ anyathājñānanikṛntanam ||30|| upadeśena yā tasya cirārūḍhā tu vāsanā | dustarāṃ tāṃ dhiyā svātmavimarśena vināśayet ||31||

Das werde ich dir nun recht verkünden, das höchste, geheimere [Geheimnis]: was, einmal erlangt, sogleich die große Befleckung namens Zweifel (saṃśaya) beseitigt. Hier, o Liebe, wird die Einweihung recht vollzogen – vom wahrheitskundigen Guru – am Selbst als dem Zeugen (sākṣin) von Sinnen, Denksinn (manas) und Lebenshauch [d.h. an dessen äußeren Hüllen, nicht am Selbst selbst]. So wird alles Übel, das im Körper vorhanden ist, ausgetrieben; durch den [einweihenden] Blick [des Guru] erfolgt die Entfernung des falschen (anyathā-)Wissens des eigenen Verstandes über das Selbst. Und die tief eingewurzelte, schwer zu überwindende Neigung (vāsanā) jenes [Schülers], die durch [bloße] Unterweisung [allein nicht weicht] – diese vernichte man durch die Weisheit der Selbst-Erwägung (svātma-vimarśa).

Verse 28–31 lösen die in 22–27 aufgeworfene Frage auf: Der Guru-Saṃskāra reinigt nicht das Selbst selbst (das immer schon rein ist), sondern die Hüllen (Sinne, Denksinn, Lebenshauch) und die falsche Selbst-Erkenntnis, ergänzt durch die eigene meditative Selbst-Erwägung (svātmavimarśa). Verse dieser Einheit sind in der Quelle mit stark abweichenden OCR-Zahlen versehen (u.a. „RE", eine Verwechslung von 28 mit sich selbst, sowie „21" für 31); die Zählung wurde anhand der Kommentar-Angabe 'navabhiḥ ślokaiḥ' (neun Verse, von 'itaḥ' [Vers 27] bis 'bhavet' [Vers 35]) rekonstruiert.

evaṃ kṛte buddhitattve saṃsārājñānarūpitā | vināśo nityaśuddhātmasvarūpālambha ity ubhe ||32|| bhavatas tatra dṛṣṭāntaṃ pratyakṣaṃ paśya pārvati | śasyānāṃ bījarūpasya vahnisparśāt prarohitā ||33|| na bhavaty eva tatrāsya śaktir eva tu dahyate | tathāsyājñānajanmādi kāraṇaṃ yat tathaiva tat ||34|| kiñca kārpāsabījāni lākṣayā rañjitāni tu | dṛśyate tatprarohaś ca puṣpādau ca tathā bhavet ||35||

Wenn dies vollzogen ist, geschehen beide [Dinge]: die Vernichtung der Unwissenheit, die die Gestalt des Saṃsāra angenommen hat und im Intellekt-Prinzip (buddhi-tattva) wurzelt, und die Erlangung (ālambha) der eigenen, ewig reinen Selbst-Natur. Betrachte hierfür, o Pārvatī, ein unmittelbar einleuchtendes Beispiel: Die Keimkraft (prarohitā) eines Samenkorns wird durch Feuerberührung [zerstört] – seine [äußere] Form geht dabei gar nicht verloren, nur seine [Keim-]Kraft wird verbrannt; ebenso verhält es sich mit dem, was Ursache von dessen [des Schülers] Unwissenheit, [neuer] Geburt und so weiter ist. Und ferner: Baumwollsamen, die mit Lack (lākṣā) gefärbt worden sind – deren Keimung, so sieht man, erscheint ebenso [gefärbt] noch in der Blüte und dergleichen.

Verse 32–35: zwei Gleichnisse zur Guru-Einweihung – das vom Feuer verbrannte, aber in seiner Form unversehrte Samenkorn (die Keimkraft/Ursache der Wiedergeburt wird zerstört, nicht das Selbst) und der mit Lack gefärbte Baumwollsamen (dessen Färbung noch in der aus ihm entstehenden Blüte sichtbar bleibt, als Bild für die bleibende Prägung durch den Guru). Vers 35 (Endwort 'bhavet') markiert das Ende des vom Kommentar genannten Neun-Vers-Abschnitts (27–35); in der OCR fälschlich mit der Zahl 25 statt 35 beziffert.

rahasyaṃ paramaṃ sarvaṃ siddhicintāmaṇisthiram | susādhyaṃ sadguruprāptam aghānāṃ saṅgavarjitam ||36|| pūrvaraṇahomārcātarpaṇais tṛtīyayantrakaiḥ [?] | rahitaṃ te vadāmy adya mantravidyās tv anantakāḥ ||37|| tā aṇuttaramaheśāni sarvābhīṣṭāptaye 'niśam | sādhakānāṃ ca siddhānāṃ netareṣāṃ kathañcana ||38|| vedabhāṣetarātmatvavibhedānām aśeṣataḥ | śabdānāṃ sādhvasādhucintāvirahitaṃ sadā ||39||

[Höre nun] das höchste, alles [übertreffende] Geheimnis, fest wie der Wunsch-Edelstein der Vollendung (siddhi-cintāmaṇi), leicht erreichbar, vom wahren Guru erlangt, frei von jeder Berührung mit Verfehlungen. Frei von den zuvor [genannten Erfordernissen von] Kampf(?)/Japa, Feueropfer, Verehrung, Libation und den dritten [Arten von] Yantras – so verkünde ich dir heute: Die Mantra-Vidyās sind in Wahrheit unendlich [an Zahl und Wirkweise]. Diese, o subtilste, höchste Herrin (Maheśānī), dienen beständig zur Erlangung aller Wünsche – [jedoch nur] für Sādhakas und Siddhas, keineswegs für andere. [Dies gilt] ausnahmslos für alle Wörter, ohne Unterschied, ob sie vedischer oder anderer Wesensart sind, und stets ohne Rücksicht darauf, ob ein Klang [nach grammatischen oder ästhetischen Maßstäben] 'richtig' oder 'unrichtig' ist [– denn jeder Klang als solcher ist Śakti].

Verse 36–39: Übergang zur Geheimlehre von der Mantra-Natur aller Laute (vgl. bereits Vers 43 unten). OCR-Zahlen in diesem Abschnitt wiederum verschoben (Vers 38 in der Quelle als der Zahl 28, Vers 39 als 38 beziffert); anhand der fortlaufenden Zählung korrigiert. Vers 37, Pāda a ('rana', Kampf) ist unsicher – evtl. Verschreibung für 'japa'.

tvadātmakaṃ samudayaṃ viśrāntiś ca madātmakam | ubhayātmakam ātmarūpaṃ nādasya tasya taiḥ [?] ||40|| kālenānyatvaduḥkhāt tu vāsanānāśato hy asau | parāhantāmayaṃ sarvasvarūpasvātmavigraham ||41|| sadātmakaṃ sphurattākhyam aśeṣopādhivarjitam | prakāśarūpam ātmatve vastu tad bhāsate param ||42|| yata evam ato loke amantraṃ nāsty akṣaram | [?] ||43|| ṣaḍaṣṭadvādaśārṇānāṃ vaiṣṇavānām aśeṣataḥ | sarveṣāṃ paratattvārthavācakatvād abhedatā ||44||

Von jenem Nāda ist, durch jene [zwölf Vokalstufen], die Entfaltung (samudaya) von 'deiner' (d.h. Śaktis) Wesensart, und die Rückkehr/Ruhe (viśrānti) von 'meiner' (d.h. Śivas) Wesensart; seine Selbst-Gestalt ist von beiderlei Wesen (ubhayātmaka). Durch die Zeit, wegen des Leidens an [scheinbarer] Andersheit, eben durch die Vernichtung der Neigungen (vāsanā), [erweist sich] eben dieser [Nāda] als bestehend aus dem höchsten Ich-Bewusstsein (parāhantā), das die eigene Gestalt aller Dinge verkörpert. [Er ist] von der Natur des Seins (sat), 'Aufblitzen' (sphurattā) genannt, frei von jeglicher Bedingtheit (upādhi); als reine Erscheinung/Licht (prakāśa) erstrahlt jenes höchste Ding/Wesen (vastu) in [aller] Selbst-Natur. Weil dies so ist, darum gibt es in der Welt keine Silbe, die nicht Mantra wäre [– der Rest des Verses ist im OCR nicht mehr lesbar]. Der sechs-, acht- und zwölfsilbigen Mantras der Vaiṣṇavas – aller ohne Ausnahme – Nichtverschiedenheit [von der Lalitā-Vidyā besteht], weil sie [alle gleichermaßen] die Bedeutung des höchsten Prinzips ausdrücken.

Verse 40–44: Fortsetzung der Nāda-Philosophie (Entfaltung/Rückkehr, parāhantā, sphurattā = reines Bewusstsein) und Übergang zur These, dass jede Silbe Mantra ist, da alle letztlich das höchste Prinzip ausdrücken – exemplifiziert an den drei zentralen vaiṣṇavischen Mantras (Ṣaḍakṣara Oṃ namo Viṣṇave, Aṣṭākṣara Oṃ namo Nārāyaṇāya, Dvādaśākṣara Oṃ namo Bhagavate Vāsudevāya). Vers 43 ist im OCR bis auf die erste Hälfte unlesbar (reiner Buchstabensalat); nur der durch den Kommentar gesicherte Kernsatz wird gegeben, die zweite Vershälfte bleibt unübersetzt und mit [?] markiert.

lalitāvidyayā tadvat prāsādasya trayātmanaḥ | parāyāś ca gāyatryāś cottararūpataḥ [?] ||45|| vyāhṛtīnāṃ mahāvākyaparamātmājapātmanām | praṇavasya ca tadrūpayogāt syāt tattadātmatā ||46|| bindubhyāṃ tāṃ tathā māyām ubhayor aikyavigraham | haṃsarūpāṃ prāṇaśaktiṃ tadvailakṣaṇyasamudbhavam [?] ||47|| praṇavaṃ ca vijānāti yo 'sau nityāvid uta saḥ [?] | itare bhaktimantaś ca kālāt tajjñānam āpnuyuḥ ||48|| abhaktibhajanaṃ loke nityānāṃ kleśadāyakam | bhaktibhede ca kathaya yathāpnoty akhilaṃ dhruvam ||49|| devatāmantrayantrāṇāṃ dhyānādīnām aśeṣataḥ | yad anvayāt phalāvāptir yad viyoge śramo vṛthā ||50||

Ebenso [besteht] durch die Lalitā-Vidyā [Nichtverschiedenheit] des dreigliedrigen Prāsāda[-Mantra] (Śivas Hṛllekhā), der Parā[-Vidyā] und der Gāyatrī, gemäß ihrer höheren [esoterischen] Gestalt. [Ebenso] der [drei] Vyāhṛtis, des Mahāvākya, des Paramātma[-Mantra] und des Ajapā[-Mantra], sowie des Praṇava [Oṃ]: durch ihre Verbindung mit jener [höchsten] Gestalt besteht in jedem Fall Wesenseinheit [mit der Lalitā-Vidyā]. [Der Praṇava besteht] aus dem Bindu und ebenso aus der Māyā [den beiden Silben Ha und Sa]; er ist die Verkörperung der Einheit von beiden, die Lebenskraft (prāṇa-śakti) in Haṃsa-Gestalt, entstanden aus deren [scheinbarer] Verschiedenheit. Wer so den Praṇava erkennt, ist eben dadurch schon ein Kenner der Nityā[-Wahrheit]; andere hingegen, die nur Hingegebene (bhaktimant) sind, erlangen jene Erkenntnis erst im Laufe der Zeit. Die Verehrung der Nityās ohne Hingabe (abhakti-bhajana) bringt in der Welt nur Leid; verkünde [mir/uns] daher die Unterscheidung der Hingabe (bhakti-bheda), durch die man mit Sicherheit alles erlangt – [jene Hingabe,] durch deren Verbindung mit der Verehrung von Gottheit, Mantra, Yantra, Meditation und dergleichen ausnahmslos die Frucht erlangt wird, und durch deren Fehlen jede Anstrengung vergeblich ist.

Verse 45–50: Durchdringung (vyāpti) weiterer zentraler vedisch-tantrischer Mantras (Prāsāda, Parā, Gāyatrī, Vyāhṛtis, Mahāvākya, Ajapā, Praṇava) durch die Lalitā-Vidyā, mit ausführlicher Praṇava-Analyse (Bindu/Māyā, Haṃsa); danach Übergang zum Thema der Bhakti (Verse 49–50 als eingeschobene Frage der Devī, die den folgenden Abschnitt einleitet). Verse 45 und 52 (unten) sind im OCR beide fälschlich mit der Zahl 42 beziffert – ein wiederkehrender Ziffernfehler dieser Handschrift; hier anhand der fortlaufenden Zählung korrigiert.

tāṃ bhaktiṃ tava vakṣyāmi rahasyām atigopitām [?] | samyak phalamayīṃ siddhim alabhyām alpapuṇyataḥ ||51|| uktalakṣaṇasampanne gurau tatproktayos tathā | vidyānuṣṭhānayoḥ sthairye dhiyaḥ saṃśayanāśataḥ ||52|| tārakatvāprāmattatvād bhaktir uktākhilārthadā | yayā vihīnā niyatam ihāmutra ca duḥkhitāḥ ||53|| sarvakleśāpadāmbhodhipotarūpāṃ mahādyutim | [?] ||54|| mṛtyuṃ [jayantīṃ] samastānāṃ prāṇinām jīvavigrahām | ṣaḍvidhāṃ japahomārcātarpaṇadhyānayantrakaiḥ ||55|| [bīja: ?] svabhavedādyā anyā hi samāyayā [?] | [bīja: ?] tṛtīyā [?] ||56||

Jene Hingabe werde ich dir nun verkünden – ein Geheimnis, aufs Sorgfältigste gehütet – die recht [die Frucht der] Vollendung (siddhi) trägt, [doch] für den, der wenig Verdienst (puṇya) hat, unerreichbar ist. Wenn im Guru, der mit den genannten Merkmalen [eines wahren Lehrers] ausgestattet ist, und ebenso in der von ihm gelehrten Übung der Vidyā Festigkeit (sthairya) des Geistes besteht, durch das Schwinden des Zweifels [an beiden] – dann ist es diese Hingabe, die – wegen ihrer Rettungskraft (tārakatva) und Unbeirrbarkeit (aprāmattva) – als die Geberin aller [erwünschten] Ziele bezeichnet wird; wer ihrer entbehrt, ist gewiss, sowohl hier als auch im Jenseits, unglücklich. [Nun werde ich verkünden] den großen Glanz [der Göttin Amṛteśvarī], die wie ein Schiff über den Ozean aller Leiden und Nöte ist, [...] – sie, die den Tod [aller] Geschöpfe [besiegt], die verkörperte Lebenskraft (jīva-vigraha) aller Wesen –, sechsfach [zu verehren] mit Rezitation, Feueropfer, Verehrung, Libation, Meditation und Yantra. [Bīja: ?], mit [Ḍa-Va-Bindu(?)] beginnend, [ist] die erste [Vidyā-Form]; eine andere [entsteht] mit [einer weiteren Silbenreihe]; [Bīja: ?], die dritte [Form entsteht mit einer dritten Silbenreihe].

Verse 51–56: Preis der Bhakti als notwendige Bedingung für die Wirksamkeit jeder Verehrung; danach Einführung der Göttin Amṛteśvarī ('Nektar-Herrin', wörtlich 'die den Tod Besiegende'/'Unsterblichkeits-Herrin'), die sechsfach in drei Bīja-Varianten verehrt wird. Wie schon in Kapitel 7 dieses Übersetzungsprojekts (Band I) werden die konkreten Bīja-Silben, die der Kommentar Buchstabe für Buchstabe (Konsonant+Vokal+Anusvāra) buchstabiert, wegen völliger OCR-Zerstörung dieser Buchstabierpassagen NICHT geraten, sondern durchgehend mit [bīja: ?] gekennzeichnet. Vers 54 ist im zweiten Halbvers nahezu vollständig zerstört (evtl. Erwähnung von Krankheit, Waldbrand, Krokodil/Zeit und den fünf Feuern als weitere von Amṛteśvarī abgewehrte Nöte) und bleibt mit [?] offen.

vāsanoktaprakāreṇa ṣaḍvidhā sā samīritā | aṅgāni tāsām ādyāyā dīrghasvaraniyojanāt ||57|| kṛtvā karāṅgayoḥ paścāt tattrayaṃ [kūṭam] [?] | saṃyojyāmṛtasaṃsthānān nyaset tad anyat tadgatam ||58|| aṅguṣṭhapṛṣṭhe tatsandhilliṅganāsikayoḥ [?] | galanāsāgrakarṇeṣu śaṅkhamūrdhasu ca kramāt ||59|| dakṣavāmasamārambhāt puṃstriyor apy ayaṃ kramaḥ | pūrṇāntam itare mūrdhnād atipratilomataḥ ||60|| bhāgadvayasya vyatyāsād dṛṣṭānte 'ṅguṣṭhagāḥ kramāt | nityaśo mṛtakalāsthānam ārambhāvasānakam [?] ||61||

Nach der im Vāsanā-Paṭala genannten Art ist sie [Amṛteśvarī] sechsfach [zu verstehen]; der Glieder-Nyāsa der ersten dieser [sechs Formen erfolgt] durch die Anwendung der langen Vokale. Nachdem man [dies] an den Fingern und Gliedern der beiden Hände vollzogen hat, verbinde man danach jene drei [Silbengruppen, Kūṭas], setze [sie] an den Amṛta-Stellen [im Körper] ein, und dort das übrige [d.h. den Visarga-Anteil], zu jener [Stelle] gehörig. Am Rücken des Daumens, an dessen Gelenk, am Geheimglied und an den Nasenlöchern, an Kehle, Nasenspitze, Ohren, Schläfen und am Scheitel – der Reihe nach. Beginnend von rechts oder links – dies gilt in gleicher Weise für Mann und Frau –, bis zum [Scheitel bei] Vollmond; in der anderen [Monatshälfte, umgekehrt] vom Scheitel abwärts, in völlig entgegengesetzter Richtung. Durch die Umkehrung der beiden Hälften [des Monats], wie im vorigen Beispiel, [wandert die Kalā] der Reihe nach zum Daumen [zurück]; so [wiederholt sich] täglich der Aufenthaltsort der Nektar-Kalā, von Anfang bis Ende [und wieder zurück].

Verse 57–61: die sechsfache Gestalt der Amṛteśvarī gemäß dem 'Vāsanā-Paṭala' (ein anderswo im Werk behandeltes Kapitel/Lehrstück über die Grund-Klassifikation der Vidyā-Formen – NICHT mit dem in der Kommentarprosa bei ca. Vers 3/4 beiläufig erwähnten philosophischen Fachbegriff 'vāsanā-paṭala' zu verwechseln, s.u.); danach die Wanderung der Amṛta-Kalā (Nektar-Digitation) durch fünfzehn Körperstellen im Rhythmus der Mondphasen – eine Standardlehre der Kāmakalā-/Amṛtakalā-Tradition (Aufstieg vom Fuß zum Scheitel in der hellen, Abstieg in der dunklen Monatshälfte, mit vertauschten Körperseiten für Mann und Frau).

nyaset tāḥ ṣaḍvidhāḥ proktakramānte na tu nityaśaḥ | nyāsenāmṛtarūpaḥ syāt sādhakaḥ kṣīṇakalmaṣaḥ ||62|| dhyānaṃ tāsāṃ pravakṣyāmi śṛṇu proktakrameṇa te | yāsāṃ smaraṇamātreṇa [?] āmayanāśanam [?] ||63|| śuddhasphaṭikasaṅkāśāṃ binducandranirgataiḥ | amṛtair ārdradehās tās tv amalābharaṇānvitāḥ ||64|| kumudaṃ puṇḍarīkaṃ ca rākenduṃ amṛtaṃ karaiḥ | dadhānāḥ smeravadanāḥ suraktābharaṇabhūṣitāḥ ||65||

Man setze diese sechs [Formen] am Ende des genannten Ablaufs ein, nicht [notwendig] täglich; durch diesen Nyāsa wird der Sādhaka von der Natur des Nektars (amṛta-rūpa), seine Verfehlungen (kalmaṣa) getilgt. Ich werde nun deren Dhyāna (Meditationsbild) verkünden; höre es von mir, in der genannten Reihenfolge – [Gestalten,] durch deren bloßes Erinnern die Vernichtung jeglicher [gewünschter] Krankheit [erfolgt]. [Man meditiere auf sie als] reinem Bergkristall gleichend, ihre Leiber durchfeuchtet von dem aus dem Bindu-Mond hervortretenden Nektar, mit makellosem Schmuck versehen. Eine [weiße] Kumuda-Lotusblüte, eine Puṇḍarīka-Lotusblüte, den Vollmond und Nektar in den Händen tragend, lächelnden Antlitzes, mit schönem, [rötlichem] Geschmeide geschmückt.

Verse 62–65: Nyāsa und Dhyāna (Meditationsbild) der sechs Amṛteśvarī-Formen – kristallweiße, nektarfeuchte Gestalten mit Lotusblüten, Mond und Nektargefäß in den Händen, lächelnd und geschmückt.

ṣoḍaśacchadayuktānāṃ padmānāṃ dalamadhyagāḥ | tābhiḥ ṣaṣṭiśatārṇātmaśaktibhiḥ parivāritāḥ ||66|| tattadvidyākṣaropetaṃ tadaṅge rūpiṇīpadam | śaktir iti dvyakṣaraṃ proktasaptākṣaryā ca saṃyutam ||67|| caturdaśākṣarī vidyā proktā tābhir arcayet | vāhyāt praveśagatyaiva prādakṣiṇyāt sugandhibhiḥ ||68|| sitaiḥ prasūnaiḥ śrīkhaṇḍakarpūradravalolitaiḥ | pūjayed bahirāsyāntu vidhyād dvāri dviyugmakam [?] ||69|| nivedya pāyasaṃ dugdhaṃ kadalīphalaśarkarāḥ | homaṃ ca taistarpaṇaṃ tu jalaiḥ karpūravāsitaiḥ ||70||

[Man visualisiere sie] inmitten der Blütenblätter sechzehnblättriger Lotusse thronend, umgeben von ihren [Begleit-]Śaktis, die aus den hundertsechzig (ṣaṣṭi-śata) Nektar-Buchstaben bestehen. [Jede Śakti-Vidyā ist] versehen mit der jeweiligen Vidyā-Silbe, dazu am Ende das Wort 'Rūpiṇī', das zweisilbige [Wort] 'Śakti', und verbunden mit der genannten siebensilbigen [Schlussformel] – so ergibt sich die genannte vierzehnsilbige Vidyā; mit diesen [Vidyās] verehre man, von außen nach innen fortschreitend, im Uhrzeigersinn, mit wohlriechenden [Gaben], mit weißen, in Sandelholz- und Kampferwasser getränkten Blumen; man verehre die äußeren Tore, [und] weihe das Doppelpaar der Türflügel. Nachdem man Milchreis, Milch, Bananen und Zucker dargebracht hat, [vollziehe man] damit das Feueropfer, und die Libation (tarpaṇa) mit kampferduftendem Wasser.

Verse 66–70: Yantra- und Pūjā-Anweisung für die Begleit-Śaktis der Amṛteśvarī: vierzehnsilbige Vidyā-Mantras (Vidyā-Silbe + 'Rūpiṇī' + 'Śakti' + siebensilbige Schlussformel), Verehrung sechzehnblättriger Lotus-Yantras von außen nach innen, mit weißen Blumen, Sandelholz, Kampfer sowie Milchreis, Milch, Banane und Zucker als Opfergaben.

daśalakṣaṃ japec chvidyāṃ payobhakṣyaḥ samāhitaḥ | evaṃ japāt siddhavidyo mantrī yadā [?] jalam ||71|| samudrajaṃ spṛśan hastatalena prajapec ca tāḥ | ekaikaśaḥ śatād evaṃ tat toyaṃ dugdhasannibham ||72|| teṣv eva tattadvidyārṇasametān ṣaṣṭisaṃyutān | śatārṇān ālikhen madhye tadādyaṃ madhyato likhet ||73|| sādhyākṣarasamopetaṃ tad yantraṃ syād iṣṭasiddhikṛt | teṣām anyonyasambhedālekhanāt syur anantakāḥ ||74|| prākpratyagudakkān kṛtvā viṃśatisūtrakam | koṣṭhāny atra pādāḥ susamāny ekaṣaṣṭyādhikaśatam [?] ||75|| tatkoṇato mārjayet catvāriṃśat sapañcakam | śeṣaṃ syāt tad bhaved [?] aikādhikaśatena vai [?] ||76|| tatra dik caturṣu sthāt tṛtīyakam [?] | teṣu tāstāḥ likhed vidyāṃ ṣaṭ sādhyākhyāsamāyutām ||77||

Man rezitiere jede Vidyā zehnmal hunderttausend Mal, sich von Milchspeise ernährend, gesammelten Geistes; wenn der Mantra-Übende so durch Rezitation die Mantra-Vollmacht (siddhi) erlangt hat, [berühre er] Wasser – aus dem Meer stammendes [Wasser] mit der Handfläche berührend, rezitiere man über es je einhundert Mal für jede der [sechs Vidyās]; dadurch wird jenes Wasser milchweiß. In eben diesen [Lotusblütenblättern] schreibe man die mit den hundertsechzig Nektar-Buchstaben verbundenen Silben der jeweiligen Vidyā, und in der Mitte schreibe man deren erste [Silbe, mit dem Namen des Zielobjekts]. Jenes Yantra, versehen mit dem Sādhya-Buchstaben [dem Namen des Zielobjekts], bewirkt die gewünschte Vollendung; durch das Aufzeichnen ihrer wechselseitigen Verbindungen entstehen [solcher Yantras] unzählige. Nachdem man zwanzig Linien in den vier Richtungen [Ost-West, Nord-Süd] gezogen hat, [entstehen] hier gleichmäßige Felder (koṣṭha) – auf jeder Seite hundertundeinundsechzig. Von dessen Ecken entferne man je fünfundvierzig [Felder]; der Rest beträgt dann hunderteinundachtzig [Felder]. Dort, in den vier Richtungen(-Ecken), [entsteht je] ein Dreieck [aus vier Feldern]; in diese schreibe man jeweils die sechs Vidyās, versehen mit dem Sādhya-Namen.

Verse 71–77: Japa-Vorschriften (100.000-fache Rezitation je Vidyā, Weihung von Meerwasser) und Konstruktion zweier Yantra-Typen: das 'Pañca-Yantra' (Lotus-Yantra mit Sādhya-Silbe) sowie das große Kāṣṭha-bandha-Gitter-Yantra (20 Linien, ursprünglich 361 Felder, nach Entfernung der Eckfelder 181 verbleibend, mit vier Eck-Dreiecken für die sechs Vidyās). Die genauen Feldzahlen (161/181/361/45) sind wegen OCR-Zerstörung der Zahlwörter unsicher und mit [?] versehen; die Grundstruktur der Konstruktion ist durch die sehr ausführliche Kommentarprosa gesichert.

madhyāt prāṅmadhyamārambhāt prādakṣiṇyapraveśataḥ | vilikhed gatāgāṃs tu kramāt ṣaṣṭiśataṃ priye ||78|| śeṣeṣu koṇamadhyasthapañcake 'bhihitakramāt | bāhyādimadhyamāntaṃ tu likhen nyāsaṃs tu pañca vai ||79|| sādhyākṣarayutāny eva ṣaḍvidhaiḥ [?] | yantrāṇi teṣāṃ sarvatra gadādiparirakṣaṇam ||80|| utpātaśāntim anyāni maṅgalāni ca kārayet | anena deśe tv idaṃ yantraṣaṭkaṃ tv evaṃ supūjitam ||81||

Vom mittleren Feld im Osten der Mitte beginnend, im Uhrzeigersinn nach innen fortschreitend, schreibe man, o Liebe, der Reihe nach die hundertsechzig [Nektar-Buchstaben, um das Feld herumlaufend]. In den übrigen, den fünf mittleren Feldern jeder Ecke, gemäß der genannten Reihenfolge, von außen über die Mitte bis ganz innen, schreibe man die fünf [übrigen] Nyāsas. So [entstehen], versehen mit dem Sādhya-Buchstaben, [je] durch die sechs [Amṛteśvarī-]Formen [sechs] Yantras; deren Wirkung besteht überall im Schutz vor Krankheit und dergleichen. [Es] bewirkt die Besänftigung [unheilvoller] Vorzeichen und andere glückverheißende [Wirkungen], wenn dieses Sechser-Set von Yantras so in einem Land ordnungsgemäß verehrt wird.

Verse 78–81: Fortsetzung der Kāṣṭha-Yantra-Konstruktion (Einschreiben der 160 Nektar-Buchstaben im Uhrzeigersinn, der fünf Nyāsa-Silben in den Eck-Feldern) für alle sechs Amṛteśvarī-Formen; Wirkung: Schutz vor Krankheit, Abwehr von Unheilszeichen, allgemeines Glück bei ordnungsgemäßer Landesverehrung.

tatra caurgrahavyādhimārīdurbhikṣaśatravaḥ | sadā na sambhavantīha bhavantīha ca sampadaḥ ||82|| prākpratyagdakṣiṇodakke [?] kṛtvā dvādaśasūtrakam | ekaviṃśacchataṃ koṣṭhāny abhito mārjayet kramāt ||83|| daśapañcasamopetaṃ śiṣṭe vakṣye kaṣakena [?] | madhye taddinajāṃ vidyām ālikhya ākhyāsamanvitām ||84|| tadicchvaikaikataḥ kṛtvā trikoṇāni yathāvidhi | prāgvad agratrikoṇaṃ tu vilikhed udayākṣarāt ||85||

Dort entstehen niemals Diebe, [ungünstige] Planeten, Krankheit, Seuche, Hungersnot und Feinde; wohl aber entsteht dort Wohlstand. Nachdem man zwölf Linien in den vier Richtungen gezogen hat, entferne man ringsum, der Reihe nach, die [äußeren] hunderteinundzwanzig Felder. Von dem Verbleibenden [entferne man weiter Gruppen] zu je fünfzehn – wie ich [nun] erklären werde; in der Mitte schreibe man die dem betreffenden Tag zugehörige Vidyā, versehen mit dem [Sādhya-]Namen. Nachdem man auf diese Weise, Feld für Feld, die Dreiecke vorschriftsmäßig gebildet hat, schreibe man, wie zuvor, im vorderen (östlichen) Dreieck, beginnend mit der [ersten] Silbe der [jeweils] aufgehenden [Tages-Nityā].

Verse 82–85: Wirkung eines weiteren Schutz-Yantras (Abwehr von Dieben, Unglückssternen, Krankheit, Hungersnot, Feinden) sowie Konstruktion eines Yantras mit der jeweiligen Tages-Nityā-Vidyā in der Mitte und vier Eck-Dreiecken. Einzelne Feldzahlen bleiben wegen OCR-Schäden unsicher.

ṣaḍakṣarāṇi kramato mithunāny eva pūjayet | ghaṭikākramayogena puṣpādyais tathā ||86|| tībrārtiṣu raṇārtyāsu gadārtyāsv anyajāsu ca | tena śamaṃ prayāntīha [?] tatprapūjanāt ||87|| sampade cārcayed evam aruṇair gandhapuṣpakaiḥ | vividhaiḥ saurabhopetair maṇḍalāc chriyam āpnuyāt ||88|| pūrṇaṃ varṣaṃ samārādhya mithunāni yathāvidhi | samastavāñchitaṃ varṣād avāpnoty eva niścitam ||89|| yo vijapya prakuryāt tu jīved varṣaśataṃ sukhī | nīrogo nirgatādhiś ca nivṛttinītisaṃyutaḥ ||90|| yāme yāme cābhicāreṣu pūjayen mithunāni vai | madhye sādhyasamopete vakre yantre divāniśam ||91||

Man verehre der Reihe nach die gepaarten [Buchstaben-]Silben (mithuna), gemäß der Abfolge der Zeiteinheiten (ghaṭikā), ebenso mit Blumen und dergleichen. Bei heftiger Not, bei Kriegsnot, bei Krankheitsnot und bei von anderen verursachter Not gelangen [diese Übel] hierdurch, durch dessen [des Yantras] Verehrung, zur Beruhigung. Für Wohlstand verehre man ebenso mit rötlichen, duftenden Blumen; durch [Verehrung über einen vollen] Maṇḍala[-Zeitraum von 49 Tagen] mit mancherlei wohlriechenden [Gaben] erlangt man Glück (śrī). Wer die gepaarten [Silben] ein volles Jahr lang vorschriftsmäßig verehrt hat, erlangt binnen des Jahres mit Sicherheit alles Gewünschte. Wer [täglich hundertmal] rezitiert und [dies] übt, lebt hundert Jahre glücklich, krankheitsfrei, frei von seelischer Bedrängnis, und im Einklang mit Ruhe (nivṛtti) und Rechtschaffenheit. Bei Zauberritualen (abhicāra) verehre man die gepaarten [Silben] in jeder [Nacht-]Wache, Tag und Nacht, in dem [beschriebenen] Yantra, mit dem Sādhya-Namen in der Mitte.

Verse 86–91: Anwendung der 'Mithuna' (gepaarten Silbenkombinationen) zur Beruhigung von Kriegs-, Krankheits- und anderer Not, zur Erlangung von Wohlstand, und – bei entsprechend langer, täglicher Übung – für ein langes, glückliches Leben; abschließend die Anwendung bei feindlichem Zauber (abhicāra).

śāntikais tv anyathā yāmato vārakalpitaiḥ [?] | uttamaiḥ samīcīnair vividhair niścayais tathā ||92|| sudakṣiṇair dinaiḥ kaiścit prayoktāraṃ nihanti saḥ | tathā vilohāśmatale khātvā yantraṃ suvistṛtam ||93|| tato vilikhec chaktīs tatpuṭe tāni saṃlikhet | madhye sādhyaṃ samālikhya tat khanedbhavanādiṣu ||94|| tatrāniśaṃ sampadaḥ syur bhūṣitāś ca nirākulāḥ | niḥsapatnā nirupamā nītiyuktā nirantarāḥ ||95|| pūrṇābhiṣeke yāś cakre pūjyāḥ proktās tu śaktayaḥ | tāsāṃ vidyāṃ śṛṇu prājñe yābhiḥ syāt siddhavigrahaḥ ||96||

Bei friedlich-besänftigenden [Riten hingegen verfahre man] anders, gemäß [Nacht-]Wache und für [bestimmte] Tage festgesetzt, auf beste, angemessene und mancherlei entschiedene Weise. An gewissen höchst günstigen Tagen vernichtet dieser [Anwender] den [feindlichen] Zauberer; ebenso, nachdem man in eine eiserne oder steinerne Platte ein weiträumiges Yantra eingraviert hat, schreibe man darauf die Śaktis ein, trage jene [Zeiteinheiten-Silben] in dessen Winkel/Falte ein, und, nachdem man in der Mitte den Sādhya-Namen eingeschrieben hat, vergrabe man es in [dessen] Haus oder dergleichen. Dort entsteht unaufhörlich Wohlstand, geschmückt und ungestört, ohne Rivalen, unvergleichlich, mit Rechtschaffenheit versehen, ununterbrochen. Höre nun, o Weise, die Vidyā jener Śaktis, die im Pūrṇābhiṣeka-Cakra [des zweiten Kapitels] als verehrungswürdig genannt wurden, durch die man einen vollendeten (siddha) Körper erlangt.

Verse 92–96: Abwehr-Rituale gegen feindlichen Zauber (Vernichtung des gegnerischen Zauberers durch ein in Metall/Stein graviertes, vergrabenes Yantra) sowie friedlich-schützende Anwendungen; Übergang zum abschließenden Thema: die Vidyā der im 'Pūrṇābhiṣeka-Cakra' (einem im zweiten Paṭala des Werks behandelten Kult-Diagramm) verehrten Śaktis.

svaratyābhiḥ sahotyābhir nityāvidyābhir eva tu | samīritā ṣoḍhābhiḥ svaravarjam aśeṣataḥ [?] ||97|| sahasreṇa samāyuktaṃ catvāriṃśac catuḥśatam | lalitāśaktipūjoktabījadvayasamanvitam ||98|| rūpaśaktīti sahitaṃ saptānnārthāntam arcayet | pratyekaṃ ṣoḍaśārṇābhir vidyābhis tābhir ambike ||99|| evaṃ te gaditaṃ devi vidyāyā vyāptivaibhavam | yena viśvam akhilaṃ dṛśyate sacarācaram ||100||

[Diese Śaktis sind] bezeichnet durch die 'Svaratyā'- und 'Sahotyā'-Nityā-Vidyās [d.h. die mit Sa- bzw. Ha-Anlaut gebildeten Kāla-Nityā-Vidyās aus Kapitel 25], gänzlich ohne deren eigene [Vokal-Wiederholungs-]Silben. [Ihre Zahl ist] mit Tausend verbunden vierhundertvierundvierzig (1444), versehen mit dem in der Verehrung der Lalitā-Śaktis genannten Silbenpaar. Zusammen mit [der Formel] 'Rūpaśakti', [reichend] von 'Sapta-anna' bis 'Artha', verehre man jede [dieser 1444 Śaktis] mit diesen sechzehnsilbigen Vidyās, o Mutter (Ambikā). So habe ich dir, o Göttin, die Durchdringungsmacht (vyāpti-vaibhava) der Vidyā verkündet, durch welche das ganze Universum, mit allem Beweglichen und Unbeweglichen, [als von ihr durchdrungen] erscheint.

Verse 97–100 (Schluss des Kapitels): Aufzählung der 1444 Śaktis des Pūrṇābhiṣeka-Cakra (aus den 576 Kāla-Nityā-Vidyās des 25. Kapitels abzüglich der Ṣaḍakṣara-Vaśinī-Gruppe gebildet) mit ihrer sechzehnsilbigen Verehrungsformel, und der abschließende Vers 100, der den Titel des Kapitels ('vyāpti-vaibhava', Durchdringungsmacht/-herrlichkeit) aufgreift und das Kapitel mit dem Wurzeltext-Kolophon abschließt: 'iti ṣoḍaśanityātantre śrīkādimate mantravaibhavaṃ nāma ṣaḍviṃśaṃ paṭalaṃ paripūrṇaṃ parāmṛṣṭam ||26|| oṃ ||' ('So endet, im Tantra der sechzehn Nityās [in der Rezension] Śrīkādimata, das mit „Mantra-Herrlichkeit“ betitelte, vollständig und ganz behandelte sechsundzwanzigste Kapitel. Oṃ.').

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