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Tantrarāja Tantra

Paṭala 2: navanāthavaibhavapūjābhidhānādiprakāśanaparaṃ dvitīyaṃ paṭalam 2-tes Kapitel: Die Herrlichkeit und Verehrung der neun Nāthas

Quelle: Tantrarāja-tantra mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha (Hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts Vol. 8, Calcutta 1918, archive.org, OCR als window.TT1). Übersetzt sind nur die 101 Wurzelverse des zweiten Paṭala (Zeichenbereich ca. 112774-141230 in window.TT1); der dazwischenliegende Sanskrit-Prosakommentar wurde nicht übersetzt, nur gelegentlich zur OCR-Klärung wörtlich zitierter Wörter herangezogen (in notes vermerkt). Inhalt: Sadāśiva verkündet die neun Nāthas (Erscheinungsformen des Tantra) mit ihren Namen und Gestalten (1-7), ihre Verehrung und die Bitte um die zugehörige Vidyā (8-12), einen technischen Silben-Code zur Bildung ihrer sechzehnsilbigen Namen (13-19), die Namen der Sādhakas und die Guru-Maṇḍala-Verehrung an den Parvan-Tagen mit den neun Ehrengaben (20-26), den Bau des Guru-Maṇḍala (27-32), die Prüfung und Einweihung des Schülers (33-43), die Installation (pratiṣṭhā) von Cakra, Devī und Schüler samt Gaben an den Guru (44-51), danach die eigentliche Weihe (abhiṣeka) des Schülers, Krug-Konstruktion und -Materialien (52-65), die Feier am Geburtsstern-Tag und weitere Abhiṣeka-Varianten (66-72), Nyāsa und die Wirkung des Abhiṣeka bei ungünstigen Gestirnkonstellationen (73-79), die Verehrung des Guru und der Guru-Ahnenreihe sowie die Ankündigung eines zwölfversigen Lobpreises (80-87) und schließlich diesen Lobpreis der Mātṛkā/Devī selbst (88-99) mit Frucht- und Schlussvers (100-101). Zwischen Vers 51 und 52 druckt die Ausgabe in Klammern einen langen unnumerierten Passus (Aufzählungen von Tithi-/Nakṣatra-Gottheiten, Bäumen, Tieren, Cakra-Anrufungen, Kalaśa-Abhiṣeka u.a.), zu dem eine Fußnote der Ausgabe ausdrücklich vermerkt, dieser Text finde sich nur in einer einzigen Handschrift und besitze keinen Kommentar; er wurde daher nicht als Teil des eigentlichen Wurzeltextes übersetzt (Inhalt in den notes zu 2.44 zusammengefasst). Die OCR-Qualität ist besonders schlecht (häufige Ziffern- und Zeichenverwechslungen, zerrissene Wörter); etliche Halbverse (v.a. 1, 6, 33, 44, 47, 59, 62-65, 69-70, 82, 85) sind stark beschädigt und nur mit Vorbehalt ([?]) rekonstruiert.

atha nāthān pravakṣyāmi [?] nityavigrahān | vidyāvatārasopānabhūtāṃs tatpūjanaṃ tathā ||1|| prakāśo 'tha vimarśo 'nyas tv ānando 'para ity api | nāmabhedād idaṃ loke kalpayan divyarūpataḥ ||2|| trayas tu bhāvāḥ samutpannāḥ siddhāś ca traya eva te | jñānaḥ satyaḥ paraś ceti śrīmukhās te samīritāḥ ||3|| divyā madantike nityaṃ siddhā bhūmāv ihāpi ca | nivasanti tatas tebhyaḥ samutpannās trayas tathā ||4|| svabhāvaḥ pratibhās tadvat subhagaś ceti nāmataḥ | te bhūmāv eva mantavyā nivasanti madātmakāḥ ||5|| evaṃ tair navabhis tantraṃ loke pracaritaṃ bhuvi | akalpayat kādiśaktis tv etan nyāyyaṃ kṛtaṃ yuge ||6|| ete hi dvibhujā lalitākārasaṃyutāḥ | prasannavadanāḥ smerā varābhayakarānvitāḥ ||7||

Nun will ich die Nāthas verkünden, [?], die ewigen Gestalten (nityavigraha), die gleichsam die Stufen der Herabkunft der Vidyā (des Mantra-Wissens) bilden, sowie ihre Verehrung. „Prakāśa“ (Leuchten), „Vimarśa“ (Innewerden) heißt ein anderer, wieder ein anderer auch „Ānanda“ (Wonne) – so gestalte ich dies, nach Namensunterschieden, in der Welt aus göttlicher Gestalt heraus. Drei Wesenheiten (bhāva) sind entstanden, und ebenso drei Siddhas (Vollendete); als „der Wissende“ (jñāna), „der Wahre“ (satya) und „der Höchste“ (para) werden sie aus erhabenem Munde genannt. Die Divyas (Göttlichen) weilen beständig in meiner Nähe, die Siddhas aber auf der Erde, auch hier; und aus ihnen sind ebenso jene drei entstanden. „Svabhāva“ (Eigenwesen), „Pratibhā“ (Einsicht) und ebenso „Subhaga“ (der Glückhafte) heißen sie dem Namen nach; sie sind, ganz aus meinem Wesen bestehend, als auf der Erde weilend zu verstehen. So wurde durch diese neun [Nāthas] das Tantra in der Welt, auf der Erde, verbreitet; die mit Kā beginnende Śakti gestaltete es – dies wurde im [jeweiligen] Zeitalter (yuga) als rechtmäßig eingerichtet. Diese sind zweiarmig, von anmutiger Gestalt, mit heiterem, lächelndem Antlitz, die Hände in der Gebärde der Gabe (vara) und der Furchtlosigkeit (abhaya) haltend.

Vers 1: OCR-Wort an dieser Stelle (transliteriert etwa 'maṭrapān') unklar, keine plausible Lesung gefunden, mit [?] markiert; Metrum verlangt hier ein zweisilbiges bis dreisilbiges Adjektiv zu nāthān. Vers 6: stark verderbter OCR-Text (transliteriert etwa 'akalpayat kādi śaktistvaṭa nanyā kṛtaṃ yuge'); 'kādiśaktiḥ' (die mit Kā beginnende Śakti) und 'nyāyyaṃ kṛtaṃ' sind vorsichtige Rekonstruktionen, Sinn unsicher. Vers 7: OCR-Lesung (etwa 'hinevā dibhujñā') zu 'hi dvibhujā' korrigiert (Verwechslung dvi/ne, bhuja/bhijñā); die kurze Zeile ohne volle 8 Silben in Pāda a, evtl. fehlt ein Wort.

pūjyā evaṃvidhāḥ svasvamaṇḍalādiṣu pūjane | devī śrīcakramadhyasthās tu devākārās tadājñayā ||8|| priyākṣarābhidhānās te sarve 'py ānandasaṃyutāḥ | svamaṇḍaleṣu nāthāntāḥ śaktyantā devi maṇḍale ||9|| māyā lakṣmyādikā stadvarṇāḍhyāś ca tathā bhavet | navānāṃ sarvaśaktīnāṃ devatānāṃ ca pūjanam ||10|| yā vidyā sarvasaṃtoṣakāriṇī sarvasiddhidā | samrājñyā tayā devi pūjayen nāmapūrvakam ||11|| tāṃ me kathaya vidyāṃ tu yā sarvapriyakāriṇī | śuddhe mahāsiddhikarī sarvapriyaṃkarī ||12||

So sind sie zu verehren, ein jeder in seinem eigenen Maṇḍala usw. bei der Verehrung; die Devī aber, inmitten des Śrīcakra thronend, [erscheint ihnen] nach ihrem Geheiß in Götter-Gestalt. Mit lieblichen Silben benannt, alle voller Wonne, enden sie in ihren Maṇḍalas auf „-nātha“, [ihre Kräfte] auf „-śakti“, o Göttin, im Maṇḍala. Mit Māyā, Lakṣmī und dergleichen [beginnenden Silben] versehen sollen [ihre Namen] sein; so [geschieht] die Verehrung der neun [Nāthas] und all ihrer Kräfte, der Gottheiten. Mit jener Vidyā (dem Mantra der Kaiserin, samrājñī), die alle zufriedenstellt und alle Vollendung verleiht, soll man, dem Namen vorangestellt, verehren, o Göttin. Nenne mir jene Vidyā, die alles Liebe bewirkt, o Reine, die große Vollendung verleiht und alles beliebt macht.

Vers 12: OCR-Ziffer '42' statt '12' (Ziffernverwechslung 1/4), nach Zählung korrigiert. Vers 9-10: Aufbau der zusammengesetzten Namen (Vorsilbe + Nātha-Name + '-nātha'/'-śakti') bleibt im Detail unsicher, da der erläuternde Kommentar selbst stark beschädigt ist.

jīvo marutsamopeto gaur vā dharayā yutā | prāṇo 'pi mastayuktaḥ sa nabhaḥ syāt toyakam ||13|| punar jīvī chāyopeto jyā ca vātasamanvitā | vyāghro marutaḥ ṣaṣṭhaṃ nabho 'gniḥ saptamākṣaram ||14|| evaṃ saptātra proktā śaktitantre ca sadā | sarvāsām api śaktīnāṃ devatānāṃ ca nāmabhiḥ ||15|| yojayen nāmapūrvāṃ sā siddhyai sādhāraṇā tathā | śaktitantrād dhi bhūtattantreṣu namasā sthitiḥ ||16|| navānāṃ nava nāmāni navārṇāni pṛthak pṛthak | tāni saptākṣarayogāt pratyekaṃ ṣoḍaśākṣaram ||17|| nityāṣoḍaśarūpāṇi tāni jñeyāny anukramāt | teṣāṃ navānāṃ nāmāni maṇḍalokaraṇaṃ priye ||18|| pāraṃparyam idaṃ proktam ādividvad anvayasthitau | tena śuddhaṃ na śuddhaḥ syād idāyām anyathā 'nyathā ||19||

„Jīva“ mit „Marut“ verbunden, oder „Gau“ mit „Dharā“ versehen; „Prāṇa“ auch mit „Masta“ verbunden – das sei „Nabhas“, [und dazu] „Toyaka“ [als weiterer Silben-Codename]. Wiederum „Jīvī“ mit „Chāyā“ versehen, „Jyā“ mit „Vāta“ verbunden, „Vyāghra“, „Marut“ als sechste, „Nabhas“, „Agni“ als siebte Silbe. So sind hier sieben [Codesilben] genannt, im Śakti-Tantra allzeit [gültig], mit den Namen aller Kräfte (śakti) und Gottheiten. Man soll [diese Silben] dem Namen voranstellen; sie dient zur Vollendung und ist zugleich die allgemeine [Formel]; aus dem Śakti-Tantra [stammend] besteht [ihre] Geltung durch Verneigung (namas) auch in den davon abgeleiteten Tantras. Der neun [Nāthas] neun Namen [sind] je für sich neunsilbig; durch das Hinzufügen jener sieben [Code-]Silben wird jeder [Name] sechzehnsilbig. Jene sind der Reihe nach als die sechzehn Gestalten der Nityās zu erkennen; die Namen dieser neun [bilden] die Grundlage der Maṇḍala-Anlage, o Liebe. Diese Überlieferungskette (paramparā) ist [so] in der Nachfolge der ursprünglich Wissenden gelehrt; dadurch [ist die Weihe] rein – ist sie es nicht, so wird [die Wirkung] je nach dem [Fehler] verschieden [beeinträchtigt].

Verse 13-14: stark technischer, kaum rekonstruierbarer Silben-Code (kūṭa) zur Bildung der sechzehnsilbigen Namen der neun Nityās; die Codewörter (jīva, marut, gau, dharā, prāṇa, masta, nabhas, toyaka, chāyā, jyā, vāta, vyāghra, agni) sind nach OCR übernommen, ihre genaue Dechiffrierung (welcher Codename für welchen Laut steht) ist aus dem stark beschädigten Kommentar nur bruchstückhaft ersichtlich und wird hier nicht behauptet; als Übersetzung wird daher nur die wörtliche Aufzählung der Codewörter gegeben, ohne die zugrundeliegenden Laute zu benennen. Vers 19: OCR-Ziffer doppelt '18' statt '19', nach Zählung korrigiert. Vers 6 (oben, 2.1) hängt sachlich mit diesem Silben-Code zusammen.

sādhakānāṃ tu nāmāni dinaparyāyato 'pi vā | dinākṣarāṇy api tathā māyo 'nantyam eva ca ||20|| nāma paryāyataḥ prāptaṃ kālāvāptam iti dvayam | prasiddhaṃ bāhyato yac ca trīṇi nāmāni sādhake ||21|| tasmāt saṃprāptavidyās tu sādhakaṃ taṃ svabhiḥ stutam | pūjāślokastutaiḥ kuryāt pāraṃparyaprasiddhaye ||22|| gurumaṇḍalapūjāṃ tu kuryāt saptasu parvasu | paryāyāṃ ṣoḍaśārṇāni nāmāny ālikhya pūjayet ||23|| anyatra parvaṣaṭke tu navārṇāny eva laṅghayet | pūjayet tatra tasyāpi vadan saptākṣarīṃ śive ||24|| gurumaṇḍalapūjāsu sarvatra nava coditāḥ | upacārās tatas tāṃs tān pūjayet tāny api gurum ||25|| gandhaḥ puṣpaṃ tathā dhūpo dīpo naivedyakaṃ tathā | tāmbūlaṃ namanaṃ stotraṃ mudrā nṛttaṃ samīritāḥ ||26||

Die Namen der Sādhakas aber [ergeben sich] auch nach der Tages-Folge (dinaparyāya), ebenso durch die Tagsilben (dinākṣara), durch [die Vorsilbe] Māyā und durch das „Endlose“ (anantya). Der durch die Folge (paryāya) erlangte Name und der „zeit-erlangte“ (kālāvāpta) [Name] – das sind zwei; und der von außen [durch Geburt o.ä.] bekannte [Name] – [zusammen] drei Namen hat der Sādhaka. Darum soll man den Sādhaka, der die Vidyā empfangen hat, von den Seinigen gepriesen, mit Verehrungs-Versen und Lobpreisungen [ehren], damit die Überlieferungskette bekanntwerde. Die Verehrung des Guru-Maṇḍala soll man an den sieben Parvan-Tagen vollziehen; man schreibe der Reihe nach die sechzehnsilbigen Namen auf und verehre [sie]. An den anderen sechs Parvan-Tagen hingegen lasse man nur die neunsilbigen [Namen] fort; man verehre auch dort, indem man die siebensilbige [Formel] spricht, o Śivā. Bei den Guru-Maṇḍala-Verehrungen sind überall neun Ehrengaben (upacāra) vorgeschrieben; mit ihnen, einer nach dem anderen, verehre man auch den Guru. Salbe (gandha), Blume, Räucherwerk (dhūpa), Licht (dīpa), Speiseopfer (naivedya), Betelbissen (tāmbūla), Verneigung, Lobpreis, Handgeste (mudrā) und Tanz werden [als diese neun Ehrengaben] genannt.

Vers 20: OCR-Ziffer '280' statt '20', nach Zählung korrigiert. Vers 24: 'laṅghayet' (auslassen) unsicher gelesen; der genaue Unterschied zwischen den sieben und den sechs Parvan-Tagen bleibt im Detail vage. Vers 26 zählt zehn Ehrengaben auf, obwohl 'nava' (neun) angekündigt wird; evtl. gelten zwei der genannten Handlungen (z.B. namana und stotra) im Kommentar als eine Einheit.

gurumaṇḍalanirmāṇaṃ pīṭhaṃ kurvīta suśvari | phalakāyāṃ sthale vāpi suśuddhe susame sthire ||27|| prākpratyagdakṣiṇottaraṃ sūtrāṇi daśa vinyaset | pañcāṅgulāntarālāni tato deveśi jāyate ||28|| ekāśītipadopetaṃ caturasraṃ tu maṇḍalam | tasya sarvamadhye prathamaṃ dvitīyaṃ yantraṃ purogate ||29|| tadvāme tat tṛtīyaṃ cālikhya navanaveṣv api | evaṃ navanavopetaṃ maṇḍalaṃ saptaparvasu ||30|| navakaṃ navadhā kṛtvā madhye sūtradvayāpannāt | teṣu nāmāṣṭanavakam ālikhyābhyarcayet kramāt ||31|| [?] ṣoḍaśākṣaraṃ teṣv eva likhen nāmāni tāni vai ||32||

Die Anlage des Guru-Maṇḍala soll man als Sitzfläche (pīṭha) errichten, o gute Herrin, sei es auf einem Brett oder auf dem Boden, [an einem Ort, der] wohlgereinigt, eben und fest ist. Von Ost nach West und von Süd nach Nord lege man je zehn Schnüre aus, mit Zwischenräumen von je fünf Fingerbreiten; so entsteht [das Gitter], o Herrin der Götter. So [entsteht] ein viereckiges Maṇḍala mit einundachtzig Feldern; in dessen genauer Mitte [zeichne man] als erstes [Feld], das zweite dem vorausliegenden [benachbart]. Zu dessen Linker das dritte, und ebenso in den [übrigen] Neunerfeldern; so [entsteht] das aus neun Neunergruppen bestehende Maṇḍala für die sieben Parvan-Tage. Nachdem man die Neunergruppe neunfach gemacht hat, ausgehend von den beiden mittleren Schnurlinien, schreibe man in ihnen die acht[mal] neun Namen und verehre der Reihe nach. [?] Die sechzehnsilbigen Namen schreibe man eben in diese [Felder] ein.

Vers 32: die erste Vershälfte ist im OCR nicht lesbar (nur die zweite Hälfte 'ṣoḍaśākṣaraṃ teṣv eva likhen nāmāni tāni vai ||32||' ist gesichert); ein unmittelbar nach Vers 31 stehendes weiteres Textfragment war zu stark beschädigt, um sinnvoll rekonstruiert zu werden, und wurde nicht als eigener Vers aufgenommen (vermutlich OCR-Dublette). Vers 29: OCR-Ziffer doppelt '28' statt '29', nach Zählung korrigiert. Die genaue geometrische Anlage (81 Felder, Aufteilung in neun Neunergruppen für sieben Kalendertage) bleibt trotz Rekonstruktion in Details unsicher.

evaṃ pūjā guror [?] nāmabhūni vai | sthānāni maṇḍaloktāni tatra cālekhane mate ||33|| evaṃ yaḥ pūjayen nāthān parvasv āhitaḥ śive | sa deśikavaraḥ siddhaḥ tasmāt siddhir vidām uttamā ||34|| anyathācaritaṃ tu dvayor anarthāya suniścitam | vyādhiśastrādipīḍā vā cittabhrāntir jaḍe sthitiḥ ||35|| ityādivyasanaprāptir upadiṣṭeti smṛtiḥ | tasmāt proktakrameṇaiva kuryāt sarvārthasiddhaye ||36|| ekadvicatuḥpañcavarṣāṇy ālocya yogyatām | bhaktiyuktān guṇāṃś cāpi kramād aṅgaṃ [?] ||37|| paścād uktakrameṇaiva vaded vidyām ananyadhīḥ | anyathā ca vadan nāśaṃ saśiṣyo gurur āpnuyāt ||38||

So [geschieht] die Verehrung des Guru [?]; die im Maṇḍala genannten Stätten sind es, die man dabei beim Aufzeichnen im Sinn hat. Wer so die Nāthas an den Parvan-Tagen hingebungsvoll verehrt, o Śivā, der ist ein vollendeter, vorzüglicher Meister (deśika); daher wird ihm die höchste Vollendung unter den Wissenden zuteil. Wird es anders vollzogen, so ist dies gewiss beiden [Lehrer und Schüler] zum Schaden: Krankheit, Verletzung durch Waffen und dergleichen, oder Geistesverwirrung, ein Verharren in Stumpfheit [sind die Folge]. Solches und Ähnliches an Unglück tritt ein, wie überliefert ist; darum soll man es genau nach der gelehrten Reihenfolge tun, um alle Ziele zu erreichen. Nachdem man ein, zwei, vier oder fünf Jahre lang die Eignung [des Schülers] geprüft hat – seine Hingabe und auch seine [sonstigen] Eigenschaften –, [nehme man ihn] der Reihe nach als [zugehöriges] Glied [in die Schülerschaft] auf. Danach, genau nach der gelehrten Ordnung und mit ungeteiltem Sinn, teile man die Vidyā mit; handelt man anders und teilt sie mit, so verfällt der Guru samt dem Schüler dem Untergang.

Vers 33: sehr stark beschädigter OCR-Text, Übersetzung nur sinngemäß und mit Vorbehalt; Vers 33 wirkt wie ein Übergangsvers zwischen der Maṇḍala-Konstruktion und der folgenden Schülerprüfung. Vers 37: Pāda d ('kramād aṅgaṃ …') unsicher, Objekt/Verb unklar.

cakre devyāṃ tathā śiṣye pratiṣṭhā vividhocchritā | sā tu tattvavidā kāryā saṃpradāyānurodhinā ||39|| sthire śubhagrahopete 'nukūle guṇaśālini | muhūrtaṃ kārayed vidvān pūrṇāyāṃ vā śubhodaye ||40|| akṣaratrayasaṃpātadine pūrṇadinatrayaṃ | prokteṣu pañcasv anyeṣu sarvadā vā śubhodaye ||41|| kuryāt pratiṣṭhāṃ siddhātmā śuddhātmā jñānagarvitaḥ | guruṇānujñātaṃ mohāl lobhād vā kurute yadi ||42|| sa putradāro nidhanaṃ prāpnuyāc ciraṃ vrajet | tasmāt pūrṇābhiṣekeṇa prāptānujñaḥ samācaret ||43||

Im Cakra, in der Devī sowie im Schüler [vollzieht man] die vielfältig erhabene Einweihung (pratiṣṭhā); diese aber soll von einem der Wahrheit Kundigen, gemäß der Überlieferung, vollzogen werden. Der Wissende bestimme den Zeitpunkt (muhūrta) in einem festen [Mondhaus], das von günstigen Planeten begleitet, geneigt und mit guten Eigenschaften versehen ist, oder am Vollmondtag, oder bei günstigem Aufgang. Am Tag des Zusammentreffens der drei [Zeichen-]Silben, [oder] an den drei vollen Tagen, an den fünf sonst genannten [Tagen], oder überhaupt bei günstigem Aufgang. Die Einweihung soll vollziehen, wer vollendeten und reinen Wesens, im Wissen gefestigt ist; vollzieht sie aber [einer], der nicht vom Guru dazu ermächtigt ist, aus Verblendung oder Habgier, so erleidet er samt Weib und Kindern den Untergang [oder] geht auf lange [Zeit] zugrunde; darum handle nur, wer durch die volle Weihe (pūrṇābhiṣeka) die Ermächtigung erlangt hat.

Vers 41: 'akṣaratrayasaṃpāta' (Zusammentreffen dreier [Zeichen-]Silben) bleibt inhaltlich vage, da der zugehörige Kommentar auf einen späteren, hier nicht vorliegenden Paṭala (fünfundzwanzigster) verweist. Vers 43: 'ciraṃ vrajet' unsicher gelesen (OCR-Fragment nur teilweise lesbar).

[?] tato dve ājye [?] prathamaṃ nālikhya gandhena tataḥ | [?] toyena kvathitenābhiṣicyāyataṃ [?] akṣarauṣadhaiḥ ||44|| āvāhyābhyarcya tajjanma [?] cakraṃ saṃsthāpya pūjayet | nityātattvādikālotthavidyayābhyarcya tāḥ kramāt ||45|| spṛśañ japet karāgreṇa śrīcakraṃ pūjayed api | evaṃ dinatrayaṃ kṛtvā tato nityakramaṃ bhajet ||46|| [?] puṣpaṃ naivedyaṃ [?] virāvaṃ [?] pūjayed devīṃ yoginīyogibhiḥ samam ||47|| evaṃ devīpratiṣṭhāyāṃ kramaḥ sānnidhyakārakaḥ | gurave dakṣiṇāṃ dadyād bhūyasīṃ [?] śivātmane ||48|| sarvasvaṃ vā tadardhaṃ vā tadardhaṃ vā tadājñayā | na cet tacchaktisaṅkrāntiḥ kathamasya bhaviṣyati ||49|| gajāśvamahiṣomeṣapaśudāsīmahodayutam [?] | suvarṇaṃ bhūṣaṇaṃ vāso bhavanaṃ vānyadīpsitam ||50|| dadyāt svaśaktito bhaktyā tv aśakto yadi sarvathā | svadāsīṃ tadāyattas tāṃ na siddhir bhaviṣyati ||51||

[?] Dann [zeichne man] zunächst mit zwei [?] Sandelpaste [Linien], danach [?] mit dem in Wasser gekochten [Sud] und besprenge [alles] ausgiebig mit den [genannten] Kräutern. [?] Nachdem man [die Gottheit] herbeigerufen und verehrt hat, stelle man das ihr entstammende [?] Cakra auf und verehre es; mit der aus den Nityā-Tattvas und der Zeit hervorgegangenen Vidyā verehre man sie der Reihe nach. Berührend, rezitiere man mit der Fingerspitze und verehre auch das Śrīcakra; nachdem man dies drei Tage lang getan hat, folge man danach dem täglichen Ritus. Mit [?], Blumen, Speiseopfer und [?] Ertönenlassen [?] verehre man die Devī, zusammen mit den Yoginīs und Yogins. So [ist] bei der Einweihung der Devī die Ordnung, die [ihre] Gegenwart bewirkt; dem Guru gebe man eine reichliche [?] Gabe (dakṣiṇā), [ihm, der] Śiva-Wesens ist. Sein ganzes Hab und Gut, oder die Hälfte davon, oder [noch] die Hälfte davon, nach dessen Geheiß; geschieht dies nicht, wie sollte dann der Übergang von dessen Kraft auf ihn stattfinden? Elefant, Pferd, Büffel, Widder, Vieh, Sklavin, [ein Geschenk] von großem Glanz [?], Gold, Schmuck, Gewand, ein Haus, oder anderes Erwünschte – gebe man nach eigenem Vermögen mit Hingabe; ist man aber gänzlich unvermögend, [gebe man wenigstens] seine ihm untertane Sklavin; [sonst] wird keine Vollendung eintreten. [Die Ausgabe druckt hier, in Klammern und als nur in einer einzigen Handschrift bezeugt und ohne Kommentar gekennzeichnet, einen langen unnumerierten Einschub: Listen der Gottheiten der Tithis und Nakṣatras, zugehöriger Bäume und Tiere, Anweisungen zur Anrufung eines Śakti-/Mantra-Cakras in den Körper-Cakren, sowie zu Kalaśa-Abhiṣeka mit 95 bzw. 1526 Krügen. Da dieser Passus laut Herausgeber nicht gesichert zum Wurzeltext gehört, wurde er hier nicht übersetzt.]

Vers 44: beide Halbverse extrem beschädigt, Übersetzung nur als grobe Annäherung an den vermuteten Sinn (Vorbereitung des Weihe-Wassers); mit [?] durchsetzt. Vers 47: Aufzählung der Verehrungsgaben unsicher, ein Wort ('virāvam', 'Ertönenlassen' [von Trommeln/Muschelhorn]?) nur geraten. Vers 50: 'mahodayutam' unsicher. Zwischen Vers 51 und Vers 52 folgt im Original der oben beschriebene, nicht übersetzte Handschriften-Sonderpassus.

uktaṃ tadgurusadbhāvaṃ [?] śiṣyam ācārabhūṣaṇam | pañcaṣaṭkūṭavidyābhyāṃ śodhitaṃ bahuvāsaraiḥ ||52|| kalaśair abhiṣiñcāśu śrīcakre saṃniveśya ca | ādhāre hṛdaye mūrtiṃ cakraṃ saṃcintya madhyataḥ ||53|| svāntād āvāhya saṃsthāpya saṃpūjya nyāsasaṃyutām | vibho vidyāṃ vadet karṇe devyātmā praṇamānasaḥ ||54|| devatāgurumantrātmaikyaṃ bhāvayed yaḥ [?] | śataṃ japet tad agrastho nikaṭe tridinaṃ vaset ||55|| [no cet saṃcāriṇī śaktir gurum eti na saṃśayaḥ] | tasmāt tadantike tasya pūjādeśādi kārayet ||56|| tādātmyam ātmano labdhaṃ guror mantrātmano yataḥ | tatas tadā samārabhya tadāyattaṃ ghanādibhiḥ [?] ||57||

Gelehrt ist [nun] jenes wahre Wesen des Guru [gegenüber] dem Schüler, der mit rechtem Verhalten geschmückt und durch fünf oder sechs Kūṭa-Vidyās, durch viele Tage [der Prüfung], geläutert ist. Man besprenge [ihn] alsbald mit den [geweihten] Wasserkrügen, nachdem man ihn im Śrīcakra plaziert hat; im Mūlādhāra und im Herzen stelle man sich die Gestalt vor, das Cakra in der Mitte betrachtend, und nachdem man [die Gottheit] im eigenen Innern herbeigerufen, aufgestellt und, mit den Berührungsriten (nyāsa) versehen, verehrt hat, spreche der Meister, o Erhabener, selbst zum Wesen der Devī geworden, mit ergebenem Sinn die Vidyā ins Ohr [des Schülers]. Wer die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra betrachtet [?], der rezitiere hundertmal, vor ihm sitzend, und weile drei Tage in [dessen] Nähe. [Geschieht dies nicht, kehrt] die wandernde [wirksame] Kraft ohne Zweifel zum Guru zurück; darum lasse man in dessen Nähe die Verehrung, Unterweisung und Ähnliches vollziehen. Da die Wesenseinheit des eigenen Selbst mit dem Mantra-Wesen des Guru erlangt ist, ist von da an alles von ihm abhängig, durch [weitere Stufen] wie Verdichtung [?] u.a.

Vers 52: Öffnung 'uktaṃ tadgurusadbhāvaṃ' unsicher rekonstruiert. Vers 56: die Vershälfte 'no cet saṃcāriṇī śaktir gurum eti na saṃśayaḥ' ist aus dem stark verderbten OCR erschlossen, mit [] als Rekonstruktionskennzeichnung im sa-Feld belassen. Vers 57: 'ghanādibhiḥ' (durch Verdichtung u.a.) unsicher; gemeint ist wohl eine Abfolge weiterer Einweihungsstufen, die im Kommentar nicht klar erläutert wird.

athābhiṣekaṃ dvividhaṃ samavāpya tadājñayā | anugrahādi kurvīta siddhyarthaṃ nānyathā bhavet ||58|| vidhāya cakraṃ tanmadhye yonyāṃ kusumaṃ nidhāya tu | karāmbhodakaiḥ saṃmṛjya [?] abhiṣiñcābhivadya [?] ||59|| kramāgatasamācāraniratam śaktiśālini | dvitīyam abhiṣekaṃ tu kuryād vā ātmasiddhaye ||60|| viracya vipulaṃ cakraṃ pratiyoniṃ ca ṣoḍaśa | trikoṇāni vidhāya madhye kumbhaṃ tu vinyaset ||61|| saiva rājataṃ tāmraṃ kācaṃ mārtikam eva vā | pūritaṃ kṣāratoyena kvathitenākṣarauṣadhaiḥ [?] ||62|| nikṣipya navaratnāni dhānyāni vividhāni ca | hiraṇyāni satāmrāṇi vāsobhirāmabhir veṣṭayet [?] ||63|| raktābhaṃ candanaiś ca tapanasāpatyapallavaiḥ [?] | śatakatulatāvaddhaṃ mātuluṅgaphalānvitaiḥ [?] ||64|| sārdhaṃ sahasraṃ ṣaḍviṃśat pañcasaṃkhyāḥ kramoditāḥ | vidhāya kalaśān anyān anyeṣv aṃkaṃ [?] kaṃ nyaset ||65||

Nachdem man nun die zweifache Weihe (abhiṣeka) nach dessen [des Guru] Geheiß erlangt hat, vollziehe man Gnadenerweisung (anugraha) und dergleichen; um der Vollendung willen [geschehe es] nicht anders. Nachdem man das Cakra gezeichnet und in dessen Mitte, im Yoni-Feld, eine Blüte niedergelegt hat, reinige man [alles] mit Wasser aus der hohlen Hand und besprenge unter Anrufung [der Formel]. [?] Bei einem, der der überkommenen Ordnung treu ergeben ist, o Kraftbegabte, vollziehe man auch die zweite Weihe, zur eigenen Vollendung. Nachdem man ein großes Cakra gestaltet hat, mit je sechzehn [Dreiecken] auf jede Yoni, [in Form von] Dreiecken, stelle man in der Mitte den Weihekrug (kumbha) auf. [Der Krug bestehe] aus Silber, Kupfer, Glas oder auch Ton; er sei gefüllt mit Lauge-Wasser, das mit den [genannten] Kräutern gekocht wurde, nachdem man die neun Edelsteine, mancherlei Getreidekörner, Goldstücke samt Kupfer hineingelegt hat; man umhülle [ihn] mit schönen Gewändern, rötlich schimmernd durch Sandelholz und Zweige der Sonnenpflanze (Arka); mit hundertfach [gedrehtem] Faden umwunden, versehen mit Zitronenfrüchten (mātuluṅga). Anderthalbtausendsechsundzwanzig[und]fünf [Krüge] sind der Reihe nach genannt; nachdem man die [übrigen] Krüge aufgestellt hat, setze man in jeden ein Zeichen.

Dieser Abschnitt (Krug-Konstruktion für den Abhiṣeka) ist besonders stark durch OCR-Fehler entstellt; zahlreiche Einzelheiten (genaue Materialien, Zahlenangaben in Vers 65) sind unsicher und mit [?] versehen. Die im Kommentar genannte Zahl von 95 Śakti-Krügen (aus dem nicht übersetzten Einschub nach Vers 51) steht in Zusammenhang mit den hier genannten großen Krugzahlen.

madhye cakreṣu toyādi kṛtvāvāhyābhipūjya ca | kālātmanityāmantrāṃś ca japitvā pūrvavāsare ||66|| janmarkṣaṃ prātaḥsaṃdhyāyāṃ svanityāṃ tatra pūjayet | sahasraṃ prajapet paścād utsavaṃ kṛtvā samantataḥ ||67|| śṛṅgakāhalamṛdaṅgādivādyasaṃgītanartanaiḥ | muditair yoginīvṛndair ekaikaṃ devatātmabhiḥ ||68|| [?] saṃpūjitaḥ sānnaṃ [?] abhiṣiñced guruḥ svayam | svakramaṃ tasya kathayet tadā prati so 'pi tam ||69|| anutiṣṭhed avicchinnaṃ paryāyaṃ tasya [?] | sahasraṃ prajaped abde yām abhiṣekasamanvitam ||70|| athavā ṣaṇṇavatyas tu kalaśās tatra vinyaset | teṣu śaktīḥ samāvāhya saṃpūjyābhiṣecayet ||71|| ekaṃ vā kalaśaṃ janmadine kṛtvābhiṣecayet | evaṃ naimittikaṃ nityam avicchinnaṃ samācaret ||72||

Nachdem man in der Mitte, in den Cakren, Wasser usw. bereitet, [die Gottheit] herbeigerufen und verehrt hat und die Mantras der zeitgemäßen Nityā rezitiert hat, am Vortag, verehre man am Geburtsstern-Tag in der Morgendämmerung dort die eigene Nityā; danach rezitiere man tausendmal, nachdem man ringsum ein Fest veranstaltet hat, mit Horn, Trompete, Trommel und anderen Instrumenten, mit Gesang und Tanz, durch die frohen Scharen der Yoginīs, [dargestellt] je einzeln in Gestalt der [entsprechenden] Gottheit. Nachdem [der Schüler] verehrt worden ist [?], besprenge der Guru [ihn] selbst mit [geweihtem Wasser] samt Speise [?]; dann verkünde er ihm dessen [zukünftige] eigene Nachfolge-Ordnung, und auch jener [bestätige] dies ihm gegenüber. Man vollziehe ununterbrochen dessen [Nachfolge-]Reihenfolge [?]; [an dem Tag,] der die Jahres-Weihe begleitet, rezitiere man tausendmal. Oder man stelle dort sechsundneunzig Weihekrüge auf; nachdem man in ihnen die Kräfte (śakti) herbeigerufen und verehrt hat, vollziehe man die Besprengung. Oder man bereite [nur] einen Krug am Geburtstag und vollziehe die Besprengung; so vollziehe man beständig und ununterbrochen den gelegentlichen wie auch den täglichen [Ritus].

Vers 69-70: stark beschädigt, insbesondere die genaue Bedeutung der 'Nachfolge-Reihenfolge' (paryāya), die wohl auf die künftige Guru-Nachfolgeschaft des Schülers anspielt, bleibt unsicher.

nāthais tattvaiś ca nityābhiḥ kālanityāṃ tu vidyayā | ādhāraṃ hṛdayaṃ śīrṣaṃ vahniṃ sūryaṃ niśākaram ||73|| dhyāyaṃs trisaṃdhyaṃ prajapet sarvaṃ vyañjanasvaram | nyasec ca mātṛkāsthānaṃ tadā tadehasiddhaye ||74|| grahāṇāṃ viparīteṣu janmarkṣe grahaṇe dvayoḥ | kumbhaprāptau ripukṣetre kuryād vābhiṣecanam ||75|| tena doṣāḥ spṛśante na na kadācana tadbalāt | caṇḍāni krūrakarmāṇi kulyāś ca ripukalpitāḥ ||76|| balaṃ kathaṃ bhavet tasya sekasya parameśvara | brūhi me tad balaṃ yena kṣaṇān naśyanty aghas tataḥ ||77|| somasūryāgnirūpeṇa jalena sparśamātrataḥ | naśyanty aśeṣato doṣās tasmāt sekasamo na hi ||78|| somasūryāgnirūpatvaṃ jalasyopari kīrtitam | tasmād aśeṣaduḥkhārtiśāntaye syād abhiṣecanam ||79||

Mit den Nāthas, den Tattvas und den Nityās, mit der Vidyā der jeweiligen Zeit-Nityā [berühre man] die Grundstütze (ādhāra), das Herz, den Scheitel, [die Bereiche von] Feuer, Sonne und Mond, und rezitiere, zu den drei Sandhyās meditierend, alle Konsonanten und Vokale; man vollziehe die Berührung (nyāsa) an den Stellen der Mātṛkā, damit sich dann jene Vollendung des Leibes einstelle. Bei widrigen Stellungen der Planeten, am Geburtsstern, bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis, beim Eintritt [der Sonne] in den Kumbha, oder im Bereich eines Feindes, vollziehe man die Besprengung. Dadurch berühren einen die Übel niemals, kraft jener [Weihe] – seien es heftige, grausame Wirkungen oder von Feinden ersonnene Zauberkünste. „Wie [entsteht] die Kraft jener Besprengung, o höchster Herr? Sage mir jene [ihre] Kraft, durch die die Sünden im Augenblick vergehen.“ Durch das Wasser, das die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer [zugleich] hat, vergehen schon durch bloße Berührung alle Übel restlos; darum gibt es nichts, was der Besprengung gleichkäme. Dass das Wasser die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer hat, ist [anderswo] verkündet worden; darum dient die Besprengung dazu, alle Qual des Leidens gänzlich zu beruhigen.

Vers 77 ist als Frage der Devī zu verstehen (Sprecherwechsel im Text nicht eigens markiert), Vers 78-79 als Antwort Sadāśivas. Vers 79: OCR-Ziffer doppelt '78' statt '79', nach Zählung (bestätigt durch die Kommentarangabe 'fünf Verse 75-79') korrigiert.

saptasūryeṣu kāleṣu puṇyeṣv anyeṣu cādarāt | kuryāt sadakṣiṇāṃ pūjāṃ guroḥ pratyabdam eva vā ||80|| uktotpātajāteṣu pūjayet svarṇapuṣpakaiḥ | abhiṣiktas tu vidhinā pradadyād dakṣiṇāṃ guroḥ ||81|| guruṃ tadagrataḥ prāptavidyaṃ tadanujaṃ tathā | guror guruṃ tadagruṃ [?] ca svāgrato labdhavidyakāt ||82|| praṇāmasaṃpūjāstavanasevādibhir upāsanaiḥ | toṣayed anyathā śaktiḥ svīyā tadgāminī bhavet ||83|| candracandanakāśmīralaghukastūrikāyutaiḥ | paṅkaṃ vidadhyāt sarvaṃ gurumaṇḍalakalpanam ||84|| pūjāntaṃ mārjayitvā tadvāle cāru [?] cāṃsayoḥ | dhārayet sarvadā lakṣmīṃ rasasyāt parameśvarī ||85|| pūrvoktamaṇḍaleṣv eva yāni sthānāni pūjane | proktāni tāni sarvāṇi padmāni parikalpayet ||86|| pūjādāv avasāne ca pañcaślokān japet tataḥ | devyātmalabdhvā guror labdhvā ślokadvādaśakaṃ japet ||87||

An den „Sieben-Sonnen“-Zeiten und an anderen heiligen [Tagen] vollziehe man mit Sorgfalt die Verehrung des Guru samt Gabe (dakṣiṇā), oder [wenigstens] Jahr für Jahr. Bei den genannten Vorzeichen (utpāta) verehre man mit goldenen Blüten; wer nach der Vorschrift geweiht ist, gebe dem Guru die Gabe. Den Guru, und vor ihm den, der [vor einem selbst] die Vidyā erlangt hat, den [älteren Mit-]Schüler, ebenso den Guru des Guru und dessen Vorgänger – [alle diese verehre man], ausgehend von dem, von dem man selbst die Vidyā empfangen hat. Durch Verneigung, Verehrung, Lobpreis, Dienst und andere Formen der Hingabe stimme man [sie] zufrieden; sonst kehrt die eigene [einem verliehene] Kraft zu jenem [Guru] zurück. Mit Kampfer, Sandelholz, Safran, Aloeholz und Moschus bereite man die ganze Paste; [so geschehe] die Gestaltung des Guru-Maṇḍala. Am Ende der Verehrung, nachdem man [den Ort] gereinigt hat, trage man an dessen Haarscheitel und an den Schultern schönes [Zinnober?]; so möge die höchste Herrin allzeit Glanz (lakṣmī) verleihen. Eben in den zuvor genannten Maṇḍalas, an den für die Verehrung genannten Stellen – all diese gestalte man als Lotusblüten. Zu Beginn und am Ende der Verehrung rezitiere man fünf Verse; nachdem man [die Ermächtigung] durch die Devī und durch den Guru erlangt hat, rezitiere man den Zwölf-Vers-Hymnus (ślokadvādaśaka).

Vers 84: OCR-Ziffer '85' statt '84' (Dublette mit dem folgenden Vers), nach Zählung und Kommentarangabe ('durch zwei Verse') korrigiert. Vers 85: 'cāru [?] cāṃsayoḥ' – das aufzutragende Substanz-Wort (vermutlich Zinnober, sindūra) ist im OCR nicht lesbar. Vers 87: Verhältnis von 'fünf Versen' und dem 'Zwölf-Vers-Hymnus' bleibt unklar (evtl. verschiedene Rezitationsanlässe).

gaṇeśagrahanakṣatrayoginā rāśirūpiṇīm | devīṃ mantramayīṃ naumi mātṛkāṃ pīṭharūpiṇīm ||88|| praṇamāmi mahādevīṃ mātṛkāṃ parameśvarīm | kāladaityaughadalanīṃ kalanāśamakāriṇīm ||89|| yad akṣaraikabhāve 'pi saṃsiddhaṃ jāyate naraḥ | ravitārācandrakandarpaśaṃkarānalaviṣṇubhiḥ ||90|| yad akṣarajyotsnābhir āmaṇḍitaṃ bhuvanatrayam | vande sarvapravarāṃ tāṃ mahāśriyaṃ siddhamātṛkām ||91|| yad akṣaramahāsūtraprotam etaj jagattrayam | brahmāṇḍādikaṭāhāntaṃ tāṃ vande siddhamātṛkām ||92|| yad ekādaśam ādhāraṃ bījaṃ koṇatrayodbhavam | brahmāṇḍādikaṭāhāntaṃ jagad etad api dṛśyate ||93||

Sie, die die Gestalt der Tierkreiszeichen der Gaṇeśas, Planeten, Mondhäuser und Yoginīs ist – die Göttin, die aus Mantra besteht, die Mātṛkā, die Gestalt des [alles tragenden] Sitzes (pīṭha), besinge ich. Ich verneige mich vor der großen Göttin, der Mātṛkā, der höchsten Herrin, die die Scharen der Kāla-Dämonen zerschmettert, die das Werk der Zeit vernichtet. Durch deren einzige Silbe schon wird der Mensch vollendet – [gleich] durch Sonne, Sterne, Mond, den Liebesgott, Śaṅkara, Feuer und Viṣṇu [zugleich]. Durch deren Silben-Mondlicht die drei Welten geschmückt sind – sie, die vor allen Vorzügliche, die große Glanzvolle, verehre ich, die vollendete Mātṛkā. Durch deren Silben, wie an einem großen Faden aufgereiht, [besteht] diese Dreiwelt, vom Weltenei (brahmāṇḍa) bis zum untersten Kessel [der Unterwelt] – sie verehre ich, die vollendete Mātṛkā. Deren elfter [Laut] die Grundlage, den aus dem Dreieck (Trikoṇa) hervorgegangenen Keim [bildet] – auf ihm beruhend erscheint auch diese ganze Welt, vom Weltenei bis zum untersten Kessel.

Dieser Hymnus (der 'Zwölf-Vers-Lobpreis' aus Vers 87, hier Verse 88-99) preist die Mātṛkā, die Göttin der Buchstabenreihe (die Devī als Trägerin des Sanskrit-Alphabets); die Kommentierung dieser zwölf Verse wird laut Kommentar hier ausgelassen, da bereits an anderer Stelle ('von kaschmirischen Gelehrten') erläutert. Die Übersetzung folgt daher überwiegend dem Wortsinn ohne Kommentarstütze.

akacāditadādyantapayasyakṣaravargiṇīm | jyeṣṭhāṅgavāhahṛtpṛṣṭhakaṭipādanivāsinīm ||94|| tām oṃkārākṣarodvāhāṃ sārātsārāṃ parātparām | praṇamāmi mahādevīṃ paramānandarūpiṇīm ||95|| adyāpi yasyāḥ jānanti na manāg api devatāḥ | keyaṃ kasmāt kutaḥ keneti svarūpārūpabhāvanām ||96|| vande tām aham avyayāṃ mātṛkākṣararūpiṇīm | devīṃ kulakalollolaprollasantīṃ parāṃ śivām ||97|| vargānukramayogena yasyā mātarāṣṭakaṃ sthitam | vande tām aṣṭavargākhyamahāsiddhyaṣṭakeśvarīm ||98|| kāmapīṭhajakārāyagrīpīṭhāntarnivāsinīm | caturājñākośabhūtāṃ naumi śrītripurām aham ||99||

Sie, die in den Lautgruppen wohnt – beginnend mit a, ka usw. bis hin zum p-Laut, an deren Anfang und Ende [stehend] –, die im Arm, im Rumpf, in Herz, Rücken, Hüfte und Fuß des ‚ältesten Gliedes‘ wohnt, sie, die vom Silbenlaut Oṃ getragen wird, das Wesentlichste des Wesentlichen, das Höchste über dem Höchsten – ich verneige mich vor der großen Göttin, die die Gestalt der höchsten Wonne ist. Deren [Wesen] auch heute noch die Götter nicht im Geringsten kennen – wer sie sei, woher, wo, durch wen – [diese] Betrachtung ihrer Gestalt-mit-Form und Gestalt-ohne-Form: sie verehre ich, die Unvergängliche, die die Gestalt der Mātṛkā-Silben hat, die Göttin, die in der Woge des Kula-Wirkens aufleuchtet, die höchste Śivā. Deren Achterschar der Mütter (mātṛ-aṣṭaka) nach der Ordnung der Lautgruppen besteht – sie verehre ich, die Herrin der acht großen, nach den acht Lautgruppen benannten Vollendungen (siddhi). Ich besinge Śrī Tripurā, die im Kāma-Pīṭha, im Ja-kāra-Pīṭha und im [Uḍḍiyāna-]Pīṭha wohnt, die aus den vier Ājñā-Hüllen besteht.

Vers 94, 99: einzelne technische Ausdrücke des Śrīvidyā-Systems (Pīṭha-Namen, Ājñā-Hüllen) bleiben ohne begleitenden Kommentar unsicher in ihrer genauen Bezugnahme; wörtlich, aber ohne Deutungsanspruch wiedergegeben.

iti dvādaśabhiḥ ślokaiḥ stavanaṃ sarvasiddhikṛt | devyās tv akhaṇḍarūpāyāḥ stavanaṃ tava tato 'taḥ ||100|| tādātmyamayī vyāptir iti samyak pradarśitā | asyā niḥkalaṃ cittaṃ tattve svātmasātkṛtam ||101|| iti śrīṣoḍaśanityātantreṣu yogakādimatākhyasya paripūrṇasya tantrasya prapañcasārasiṃharājaprakāśābhidhānena subhagānandanāthena viracitāyāṃ manoramāyāṃ vyākhyāyāṃ navanāthavaibhavapūjābhidhānādiprakāśanaparaṃ dvitīyaṃ paṭalaṃ paripūrṇaṃ parāṣṭam. (2)

So ist durch diese zwölf Verse der Lobpreis [gegeben], der alle Vollendung bewirkt; dies ist dir, o [Devī], das Lobpreis-Lied auf die Devī in ihrer ungeteilten Gestalt. So ist die auf Wesenseinheit beruhende Durchdringung [von allem] recht aufgezeigt worden; dadurch wird der von aller Teilung freie Geist in seinem [wahren] Wesen zum eigenen Selbst gemacht. So endet, im vollständigen Tantra der sechzehn Nityās, genannt „Yogakādimata“ (auch: Tantrarāja), in der von Subhagānandanātha – der auch den Beinamen ‚Prapañcasārasiṃharājaprakāśa‘ trägt – verfassten, „Manoramā“ genannten Auslegung, die der Erklärung der Herrlichkeit und Verehrung der neun Nāthas gewidmet ist, das zweite, vollständige Kapitel (paṭala).

Kolophon in zwei Teilen (kurzer Wurzeltext-Kolophon vor dem hier weggelassenen 'iti ṣoḍaśanityātantre yogakādimate dvitīyaṃ paṭalam' und langer Kommentar-Kolophon) wie am Ende jedes Paṭala dieser Ausgabe; beide wurden hier zu einer Übersetzung zusammengefasst, der Kommentator-Name Subhagānandanātha und die abschließende Ordnungszahl '2' sind im OCR klar erkennbar und dienten als Bestätigung der Kapitelgrenze.

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