Paṭala 29: iti ṣoḍaśanityātantreṣu ślokādimate lokakālatādātmyādikathanaṃ nāma ekonatriṃśaṃ paṭalam
29-tes Kapitel: Bau von Pavillon und Feuergruben (Kuṇḍas) sowie das Homa-Ritual für die sechzehn Nityās
Quelle: Tantrarāja-tantra Band II mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts, Calcutta: Agamanusandhana Samiti 1926 (archive.org, OCR). Anders als vom Orchestrator geschätzt (549003-568363 Zeichen) erstreckt sich Paṭala 29 tatsächlich über einen erheblich größeren Bereich, von ca. Zeichen 549150 (Kapitelüberschrift 'ekonaviṃśapaṭalam', OCR-verderbt für 'ekonatriṃśapaṭalam' = 29.) bis ca. 595850 (Kolophon '...ekonatriṃśaṃ paṭalam ||29||', danach beginnt bei 'atha ṣoḍaśanityānāṃ sāmānyā vāstudevatāḥ' unmittelbar Paṭala 30 mit dem eindeutigen Seitenkopf '30śa paṭale'); das Kapitel ist also mit ca. 46700 statt der geschätzten 19360 Zeichen etwa 2,5-mal so lang wie angenommen. Die Zuordnung zu Paṭala 29 (statt 19) ist durch den unmittelbar vorausgehenden, im Text fett hervorgehobenen Kolophon von Paṭala 28 ('...aṣṭāviṃśaṃ paṭalam ||28||') sowie durch die Seitenköpfe '29śa paṭale' und die explizite Ziffer '29' im End-Kolophon zweifelsfrei gesichert. Inhalt: Nach einer kurzen Ankündigung (V.1-4) und der Methode zur Bestimmung der Himmelsrichtungen mittels Schattenstab/Gnomon (śaṅku-chāya, V.5-9) folgt die Konstruktion eines neun-Hasta-Pavillons (maṇḍapa) mit sechzehn Säulen (V.10-13); danach eine ausführliche, an die Śulba-Sūtra-Tradition erinnernde Geometrie von neun verschiedenen Kuṇḍa-Formen (Feuergruben: rund, quadratisch, yoniförmig, halbmondförmig, dreieckig, fünf-, sechs-, sieben- und achteckig), die den zwölf Tierkreiszeichen und verschiedenen Zwecken (günstig/unheilvoll) zugeordnet werden, samt Maßeinheiten-System (Aṅgula, Muṣṭi, Vitasti, Aratni) und detaillierten Konstruktionsanleitungen mittels Schnur, Pflöcken und 'Gänsefuß'-Kreuzungspunkten (haṃsapada) (V.14-53); es folgen Angaben zur Koṭi-Homa-Feuergrube (Zehn-Millionen-Opfer) mit Priesterlohn (dakṣiṇā) und Anwendungsanlässen (V.54-58), zu den Randwülsten (mekhalā) und dem Yoni-Vorbau der Kuṇḍas (V.59-65), zum Nabellotos (nābhipadma) in der Kuṇḍa-Mitte (V.66-69), zur schrecklichen (raudra) Dhyāna-Gestalt Agnis mit sieben benannten Zungen (jihvā) für unterschiedliche Opferzwecke (V.70-81), zum eigentlichen Vollzug des Homa mit Reinigung, Ājya- und anderen Opfersubstanzen, Mantren und Kohlenritus (V.82-93) sowie einer abschließenden Zusammenfassung mit Verweis auf grobes (sthūla) und feines (sūkṣma) Homa und allgemeiner Phalaśruti (V.94-100). Die OCR-Qualität ist durchgehend sehr schlecht, bei den hochtechnischen geometrischen Konstruktionsversen (V.6-9, 23-53, 62-65) mit ihren spezifischen Fachbegriffen (sūtra, haṃsapada, brahmasūtra, vikāśana) sogar außergewöhnlich schlecht; die Rekonstruktion dieser Passagen stützt sich, wie schon in Kapitel 7 von Band I, in erheblichem Maße auf den ausführlichen Prosakommentar, soweit dieser die im Wurzeltext verwendeten Fachtermini wörtlich aufgreift bzw. bestätigt (in den notes vermerkt); dennoch bleiben zahlreiche Einzelheiten (genaue Schnurlängen, Bezeichnungen einzelner Konstruktionsschritte) unsicher und mit [?] gekennzeichnet. Die im gedruckten Text selbst fehlerhafte Verszählung (u.a. doppelte '28', '48', '58', '70', '88' sowie Ziffernverwechslungen 4/5 und 8/9 bei ca. Vers 50, 52, 77, 84, 93, 94, 98) wurde nach fortlaufender Zählung 1-100 korrigiert (bestätigt durch die letzte Verszahl '100' unmittelbar vor dem Kolophon). Auffällig ist zudem, dass der Kolophontitel dieses Kapitels ('lokakālatādātmyādikathanam', 'Darlegung der Wesenseinheit mit Welt und Zeit u.a.') nahezu wortgleich mit dem des vorausgehenden Kapitels 28 ist, obwohl der tatsächliche Inhalt (Pavillon-, Kuṇḍa- und Homa-Bau) ein gänzlich anderer ist; dies dürfte auf einen Editions- bzw. Druckfehler der Quelle zurückgehen und wurde nicht stillschweigend korrigiert, sondern hier dokumentiert.
atha ṣoḍaśanityānāṃ homāya vidhivac chive | prācyādidigvibhāgaṃ ca maṇḍapādes tu lakṣaṇam ||1||
kuṇḍānāṃ sthānanirmāṇaṃ nābhiyony-ādilakṣaṇam | mānāni teṣām agneḥ tu dhyānaṃ jihvās tadarcanam ||2||
homadravyāṇi sāmānyaviśeṣāṇi hutakriyām | upakramopasaṃhārau phalāni ca yathākramam ||3||
kathayāmi śṛṇu prājñe yaiḥ siddhim āpnuyān naraḥ | yady anyathā kṛtaṃ [?] tad vipanno nirayaṃ vrajet ||4||
Nun [verkünde ich] vorschriftsgemäß, Śivā, [alles,] was zum Homa (Feueropfer) der sechzehn Nityās [gehört]: die Einteilung der Himmelsrichtungen, beginnend im Osten, und die Merkmale des Pavillons (maṇḍapa) und dergleichen;
die Errichtung des Standorts der Feuergruben (kuṇḍa), die Merkmale von deren Nabel(-Lotos), Yoni und dergleichen, ihre Maße, ferner die Meditationsgestalt (dhyāna) des Feuers (Agni), seine Zungen (jihvā) und deren Verehrung;
die Opfersubstanzen, allgemeine und besondere, den Vollzug der Opferhandlung, Anfang und Abschluss [des Ritus] sowie die Früchte – der Reihe nach
will ich verkünden; höre, du Kluge, [dies,] wodurch man Erfolg (siddhi) erlangt; würde man es anders [als gelehrt] vollziehen, geriete man, dessen beraubt, ins Unheil (in das Missfallen der Gottheit).
Vers 4 zweite Halbzeile stark OCR-verderbt; Gesamtsinn (Androhung des Misslingens bei Abweichung von der Vorschrift) durch Kommentar gesichert ('yathādṛṣṭaṃ prokta-guṇavidhānavat', 'nirayaṃ = narakaṃ = devatāprātikūlyam', d.h. 'Verderben' = 'Missfallen der Gottheit').
Nachdem der Kundige (deśika) die Himmelsrichtungen durch den Lauf der Sonne erkannt hat, soll er die [Bau-]Handlungen vollziehen; höre, wie ich, vorschriftsgemäß, die Bestimmung der Richtungen aus jenem [Sonnen-]Lauf verkünden werde.
Auf ebenem, geglättetem Boden ziehe man einen Kreis von zwölf Aṅgula [Radius] und stelle in dessen Mitte, am Mittelpunkt, einen Schattenstab (śaṅku, Gnomon) auf;
je nachdem, wohin dessen Schattenspitze fällt, [markiere man] an den beiden Stellen West und Ost: dort, wo die Schattenspitze am Vormittag [den Kreis berührt, im Westen], und dort, wo sie am Nachmittag [ihn berührt, im Osten], setze man ringsum zwei Merkzeichen;
mit demselben Radius ziehe man sodann [um jedes dieser beiden Zeichen] zwei [weitere] Kreise; deren Schnittpunkt, der in der Mitte, nördlich und südlich [vom ursprünglichen Zentrum] entsteht, [ergibt die Nord-Süd-Linie];
und die Ost-West-Schnur lege man durch die Mitte des [ursprünglichen] Kreises; die Schnur beider [Schnittpunkte] aber, mit ihren Enden, richte man nach Osten usw. aus [als Nord-Süd-Linie].
Verse 6-9 beschreiben die klassische, aus der Śulba-Sūtra-Tradition bekannte Gnomon-Schatten-Methode (śaṅku-chāyā-prakriyā) zur Bestimmung der Himmelsrichtungen: Kreis um einen Mittelpunkt, Schattenstab im Zentrum, Markierung der vormittäglichen und nachmittäglichen Schattenspitzen-Berührungspunkte am Kreisrand, Ziehen zweier Hilfskreise um diese Markierungen zur Gewinnung der Nord-Süd-Linie aus deren Schnittpunkten. Die genaue Wortfolge ist wegen extremer OCR-Zerstörung in weiten Teilen nur ungefähr rekonstruierbar (zahlreiche [?]); die Gesamtabfolge des Verfahrens ist jedoch durch den ausführlichen Kommentar, der dieselben Fachbegriffe (vṛtta, śaṅku, bindu, cihna, pūrvāpara-/dakṣiṇottara-sūtra) wörtlich verwendet, hinreichend gesichert. Kommentar bestätigt zudem die genauen Maße des Gnomons (Grundkreisumfang 6 Aṅgula, nadelspitz zulaufend, Gesamthöhe mit Schatten 12 Aṅgula) sowie des umgebenden Kreises (Radius 12 Aṅgula), die im Wurzeltext selbst kaum noch lesbar sind.
rājñāṃ homābhiṣekādiprayogārthaṃ tu maṇḍapam | vidadhyān navahastena vistārāyāmasaṃyutam ||10||
ṣoḍaśastambhasaṃyuktaṃ caturdvāraṃ sutoraṇam | udumbaravaṭāśvatthanyagrodhaiś channamālayā [?] ||11||
pihitāśeṣakoṇaṃ tu tatra bhāgaikabhāgataḥ | vidadhyān madhyato vedīṃ kramād unnatām [?] ||12||
darpaṇodarasaṅkāśamadhyāṃ tadabhitas tathā | prāgādidikṣu koṇeṣu vahnyādiṣu ca kalpayet ||13||
Für die Anwendung bei der Weihbadung (abhiṣeka) von Königen und dergleichen soll man einen Pavillon (maṇḍapa) errichten, neun Hasta breit und ebenso lang,
versehen mit sechzehn Säulen, mit vier Türen und schönen Bogentoren (toraṇa), [bekränzt] mit einer Girlande aus den Blättern der Feigenbäume Udumbara, Vaṭa, Aśvattha und Nyagrodha;
alle Ecken damit bedeckt; dort, nach einer Dritteilung [des Pavillons], errichte man in der Mitte eine stufenweise erhöhte Altarplattform (vedī),
die in ihrer Mitte wie das Innere eines Spiegels [glatt und eben] ist; und rings um sie, in den Himmelsrichtungen beginnend im Osten sowie in den Zwischenrichtungen (beginnend bei Agni, Südosten), ordne man [die Feuergruben] an.
Die vier heiligen Feigenbaum-Arten (Udumbara, Vaṭa/Banyan, Aśvattha/Pippala, Nyagrodha) im OCR nur bruchstückhaft erhalten, durch Standardvokabular ergänzt. 'Sechzehn Säulen' und 'vier Türen' durch Kommentar bestätigt (vier parallel gespannte Schnüre in beiden Richtungen erzeugen sechzehn Kreuzungspunkte für die Säulen).
kuṇḍāny aṣṭau catuṣkaṃ ca teṣāṃ rūpaṃ ca nāmakam [?] | vidhiṃ sakalaṃ vakṣye yathāvidhi tavānaghe ||14||
tulākarkaṭayor meṣasya makarasya ca deśataḥ | vidadhyād vṛttakuṇḍāni cararāśicatuṣṭaye ||15||
vṛṣe siṃhe hi vṛścike ca kumbhe ca sthirarāśiṣu | vidadhyāc caturasrāṇi tataḥ kuṇḍāny anukramāt ||16||
mithune kanyakāyāṃ ca cāpe mīne krameṇa vai | ubhayātmasu rāśiṣu yonikuṇḍāni maṅgale ||17||
amaṅgaleṣu kāryeṣu careṣv ardhaśaśāṅkakam | sthireṣv api trikoṇāni pareṣu tu catuṣṭaye [?] ||18||
pañcāsraṃ ca ṣaḍasraṃ ca cāṣṭakoṇe sakarṇikam | evaṃ navānāṃ kuṇḍānāṃ vakṣye mānādilakṣaṇam ||19||
Zwölf Kuṇḍas (Feuergruben, wörtlich 'acht und vier'), ihre Form und ihre Bezeichnung – die ganze Anweisung darüber will ich dir, Makellose, vorschriftsgemäß verkünden.
In den Bereichen von Tulā (Waage) und Karkaṭa (Krebs), von Meṣa (Widder) und von Makara (Steinbock) – den vier beweglichen (cara) Tierkreiszeichen – errichte man runde Kuṇḍas;
in Vṛṣa (Stier), in Siṃha (Löwe), ebenso in Vṛścika (Skorpion) und in Kumbha (Wassermann) – den festen (sthira) Zeichen – errichte man dementsprechend quadratische Kuṇḍas;
in Mithuna (Zwillinge), in Kanyā (Jungfrau), in Cāpa (Schütze) und in Mīna (Fische) errichte man der Reihe nach – in den doppelgestaltigen (ubhaya) Zeichen – yoniförmige Kuṇḍas, für heilvolle (maṅgala) Zwecke.
Für unheilvolle Unternehmungen [dagegen errichte man]: in den beweglichen [Zeichen] ein halbmondförmiges, ebenso in den festen [Zeichen] dreieckige, in den übrigen vieren [den doppelgestaltigen] aber [entsprechend andere Formen];
[nämlich] ein fünfeckiges und ein sechseckiges sowie, mit einer Spitze (Kern) versehen, ein achteckiges. So will ich von den neun [Arten von] Kuṇḍas Maß und sonstige Merkmale verkünden.
Die zwölf Grund-Kuṇḍas entsprechen den zwölf Tierkreiszeichen (rāśi), eingeteilt in vier bewegliche (cara: Widder/Meṣa, Krebs/Karkaṭa, Waage/Tulā, Steinbock/Makara → rund), vier feste (sthira: Stier/Vṛṣa, Löwe/Siṃha, Skorpion/Vṛścika, Wassermann/Kumbha → quadratisch) und vier doppelgestaltige (ubhaya: Zwillinge/Mithuna, Jungfrau/Kanyā, Schütze/Cāpa, Fische/Mīna → yoniförmig für günstige, in unheilvollen Fällen andere Formen). 'Vṛścike' (Skorpion) im OCR als 'hastvike' entstellt, aber durch die Standard-Einteilung der festen Tierkreiszeichen und den ausdrücklich zitierten Kommentarwortlaut gesichert (OCR verwechselte fälschlich 'Tulā', das aber bereits den beweglichen Zeichen zugeordnet ist). Vers 19 'evaṃ navānāṃ kuṇḍānāṃ' (neun Kuṇḍa-Arten) bestätigt die im weiteren Kapitel (V.23-48) tatsächlich neigenden neun Formen: rund, quadratisch, yoniförmig, halbmondförmig, dreieckig, fünf-, sechs-, sieben- und achteckig.
Ein Drittel des Umfangs des mittleren Gliedes des Mittelfingers – das ist hier, in diesem Werk, überall [das Maß des] Aṅgula (Fingerbreite).
Aus vier solchen [Aṅgula] entsteht die Muṣṭi (Faustmaß); die Vitasti (Spanne) [besteht] aus [zwölf Aṅgula]; die Aratni ist das Doppelte davon [24 Aṅgula, gleich zwei Vitasti]; der 'Doppel-Hasta' [ist] das Doppelte wiederum davon [48 Aṅgula], o Śivā;
der Vyāma (Armspann) aber, der zwei solcher [Doppel-]Hasta ausmacht [96 Aṅgula] – dieses Maß ist die 'Naronnati' (Menschenhöhe); dieses Maß ist die Bemessungsgrundlage für die Anlage der Kuṇḍas.
Verse 20-22 definieren das in diesem Text durchgängig verwendete Maßsystem: Aṅgula = 1/3 Umfang des mittleren Fingerglieds des Mittelfingers; 4 Aṅgula = 1 Muṣṭi; 12 Aṅgula = 1 Vitasti; 24 Aṅgula (= 2 Vitasti) = 1 Aratni; 48 Aṅgula (= 2 Aratni) = das hier ungewöhnlich als einfacher 'Hasta' bezeichnete Doppel-Hasta (dvihasta, vom gewöhnlichen Hasta zu 24 Aṅgula zu unterscheiden!); 96 Aṅgula (= 2 solcher Doppel-Hasta = 1 Vyāma/Armspann) = 'Naronnati' (Menschenhöhe), das Grundmaß für Länge und Breite aller Kuṇḍas (vgl. Kommentar zu V.22, der ausdrücklich '96 Aṅgula' als Seitenlänge bestätigt). Die genaue Silbenfolge von V.21-22 ist wegen schwerer OCR-Zerstörung unsicher; die Zahlenwerte selbst sind jedoch durch die ausführliche numerische Kommentarparaphrase gesichert und wurden zur Klärung herangezogen.
Nachdem man eine Ost-West-Schnur gespannt hat, markiere man deren Mitte; von dort aus, nach Osten und nach Westen, setze man je ein Zeichen im Abstand von zwölf Aṅgula;
darüber hinaus, mit einem weiteren Zusatzmaß, setze man ein zweites Zeichenpaar, im selben Ost-West-Abstand, von jenen [ersten Zeichen] aus abhängig aufgehängt [d.h. senkrecht darüber/darunter versetzt];
von diesen aus, nach Süden und Norden, [spanne man Schnüre zu] zwei 'Gänsefuß'-Kreuzungspunkten (haṃsapada); von diesen beiden aus spanne man wiederum eine Schnur und gleiche sie, mit demselben Maß, ringsum ab;
sodann, ausgehend von deren Enden, bilde man in gleicher Weise an den [übrigen] Ecken, mit demselben Maß, [je] einen Gänsefuß-Kreuzungspunkt; ringsum, an [allen vier] Ecken, setze man diese [Kreuzungspunkte];
die vier [so gewonnenen Eckpunkte] verbinde man mit einer Schnur, [und es] entsteht ein regelmäßiges (gleichseitiges) Quadrat; in diesem [Grundquadrat] werde ich dir nun, nach [jeweils eigenem] Maß, die übrigen [Arten von] Kuṇḍas [zu konstruieren] lehren.
Verse 23-27 beschreiben die aus der Śulba-Sūtra-Geometrie bekannte 'Gänsefuß'-Methode (haṃsapada) zur Konstruktion eines rechtwinkligen Quadrats mittels Schnur und Markierungspunkten. Die genaue Abfolge der Schnurspannungen ist wegen extremer OCR-Zerstörung nur näherungsweise rekonstruierbar (zahlreiche [?]); Grundprinzip und Fachterminologie (sūtra, cihna, haṃsapada, caturasra) sind durch den ausführlichen, dieselben Begriffe wörtlich wiederholenden Kommentar gesichert. Alle folgenden acht Kuṇḍa-Formen (V.28-48) werden laut Kommentar aus diesem Grundquadrat und seiner Mittelachse (brahmasūtra) heraus konstruiert.
tat prokta krameṇaiva carādiṣu tu rāśiṣu | mānanirmāṇayor vakṣye vidhānaṃ susphuṭaṃ śive ||28||
tanmadhyāṣṭādaśāṃśena prāksūtrāgraṃ vikāśayet | tiryaksūtrāt tena mānena bhramayet tathā [?] ||29||
madhyacihnāvalambena bhavet tad vṛttakuṇḍakam | caturasrābhitaḥ sā tu tyājyā bhūr anyatas tathā [?] ||30||
labhyate sarvakuṇḍeṣu tena sarvāṇi sarvataḥ | tatsamāny eva jāyante ṣaṇṇavatyaṅgulātmanā ||31||
tanmadhye daśamāṃśaṃ tu parityajyādha ūrdhvataḥ [?] | teṣāṃ śaśāṅkamānena tanmadhyād vāsayet tathā [?] ||32||
Dieses [Grundquadrat] ist, in eben dieser Reihenfolge, für die beweglichen usw. Tierkreiszeichen [bestimmt]; ich werde nun das Verfahren von Maß und Konstruktion [der übrigen Formen] deutlich verkünden, o Śivā.
Von dessen Mitte aus, um ein Achtzehntel [der Quadratseite], verlängere man das Ende der Ost-West-Schnur nach außen; mit diesem Maß lasse man [die Schnur], ausgehend von der Querschnur, [im Kreis] herumschwingen;
an der Mittelmarkierung [als Zentrum] aufgehängt, entsteht so das runde Kuṇḍa; der Boden außerhalb des [ursprünglichen] Quadrats, ringsum, ist [dabei jeweils] abzutragen bzw. freizulassen;
auf diese Weise gewinnt man bei allen Kuṇḍas [ihre Form]; alle [neun Kuṇḍa-Formen] entstehen [dabei] flächengleich, [ausgehend] von [einem Quadrat] von sechsundneunzig Aṅgula [Seitenlänge];
in dessen Mitte lasse man, oben wie unten, ein Zehntel [des Durchmessers] aus; mit dem Maß des [entsprechend verminderten] Halbmonds (śaśāṅka) lasse man von jener Mitte aus [die Aushöhlung] anlegen.
Verszählung im Original fehlerhaft (die Nummer '28' erscheint im Druck zweimal hintereinander, ebenso ist die Ziffer für '30' schwer lesbar); hier nach fortlaufender Zählung 28-32 korrigiert. Verse 28-32 beschreiben die Konstruktion des runden (vṛtta) Kuṇḍas aus dem Grundquadrat (durch Ausschwingen einer von der Quadratmitte um 1/18 der Seite verlängerten Schnur) und betonen, dass alle neun Kuṇḍa-Formen bei gleicher Grundmaß (96 Aṅgula) flächengleich konstruiert werden; Vers 32 leitet bereits zur Halbmond-Konstruktion über. Zahlreiche Konstruktionsdetails bleiben wegen starker OCR-Zerstörung unsicher (mit [?] markiert), Grundprinzip und Zahlenwerte (96 Aṅgula, 1/18-Anteil) durch Kommentar bestätigt.
Das Kuṇḍa, das die Gestalt eines Halbmonds hat, ist [hiermit] verkündet; es ist, der Reihe nach, für die beweglichen (cara) Tierkreiszeichen [bestimmt], o Śivā.
Von dessen Mitte aus verbreitere man an beiden Seiten je ein Sechstel [der Quadratseite]; die westliche Schnur, für jede der beiden [Seiten, ziehe man] mit diesem Maß, [wie vorher beschrieben];
durch Anlegen [dieser Schnur] bis zur Mittelachse (brahmasūtra), von deren [beider] Enden ausgehend – [so] entsteht das eckige (dreieckige) Kuṇḍa; [dieses ist bestimmt] für die beiden [übrigen Fälle in den] festen Tierkreiszeichen.
Verse 33-35 beschreiben die Konstruktion des halbmondförmigen (ardhacandra, für ungünstige Zwecke bei den beweglichen Zeichen, vgl. V.18) und des dreieckigen (trikoṇa, für die festen Zeichen) Kuṇḍas, beide aus dem Grundquadrat und dessen Mittelachse (brahmasūtra) heraus konstruiert. Konstruktionsdetails wegen OCR-Zerstörung unsicher; 'vikoṇam' (eckig/dreieckig) durch Kommentarbegriff 'trikoṇakuṇḍa' bestätigt.
Von dessen Mitte aus, um ein Fünftel, verlängere man die Mittelachse (brahmasūtra); [von dort, in den] beiden westlichen Feldern, aus der Mitte des [jeweiligen] Bereichs,
mit dem Maß von deren Eckabstand, schwinge man ebenso die westlichen Enden [der Schnur] herum, bis zum nördlichen Ende und ebenso bis zum südlichen Ende, o Geliebte;
durch Anlegen an die beiden Enden der mittleren Querschnur ebenso, bis zur verlängerten Mittelachse hin, entsteht die Yoni(-Form) [des Kuṇḍa];
dieses Yoni-Kuṇḍa, Heilvolle, ist für die vier doppelgestaltigen (ubhaya) Tierkreiszeichen [bestimmt]; es bewirkt, wie erwähnt, den Erfolg bei heilvollen Unternehmungen und den in [den einschlägigen Kapiteln] genannten Zielen.
Verse 36-39 beschreiben die Konstruktion des yoniförmigen Kuṇḍas (für die vier doppelgestaltigen Tierkreiszeichen, vgl. V.17) aus dem Grundquadrat mittels Verlängerung der Mittelachse (brahmasūtra) und seitlichen Schnurschwingungen; Einzelheiten der Konstruktion wegen OCR-Zerstörung unsicher, Gesamtform (Yoni, blattähnlich zulaufend) und Zweckbestimmung durch Kommentar gesichert.
tanmadhyasaptamāṃśena brahmasūtraṃ vikāśya tat | mānena parito bhrāntyā kṛtvā vṛttaṃ tathā tataḥ ||40||
tattadaṃśamānāt tadūrdhve ca cihnāni tatra ca [?] | pātayet pañcasūtrāṇi tat syāt pañcāsrakuṇḍakam ||41||
tanmadhyaṣoḍaśāṃśena vikāśya brahmasūtraṃ vai | tena mānena ca tathā kṛtvā vṛttam atisphuṭam ||42||
tad vai vṛttamadhyasya kuryān na cāṅkanam | tatra ṣaṭsūtrapātena bhavet ṣaḍasrakuṇḍakam [?] ||43||
Von dessen Mitte aus, um ein Siebtel, verlängere man die Mittelachse; mit diesem Maß, ringsum kreisend, ziehe man sodann einen Kreis;
an dessen [Umfang], nach jenem [Siebtel-]Maß aufwärts, setze man dort Zeichen; man lasse fünf Schnüre [zwischen ihnen] fallen – so entsteht das fünfeckige (pañcāsra) Kuṇḍa.
Von dessen Mitte aus, um ein Sechzehntel, verlängere man die Mittelachse; mit diesem Maß ebenso ziehe man einen sehr deutlichen Kreis;
an dessen Mitte darf man dabei keine [neue] Markierung anbringen; durch das Ziehen von sechs Schnüren [an dessen Umfang] entsteht das sechseckige (ṣaḍasra) Kuṇḍa.
Verse 40-43 beschreiben die Konstruktion des fünfeckigen (pañcāsra, auch 'padmāsra' genannt) und des sechseckigen (ṣaḍasra) Kuṇḍas: jeweils Verlängerung der Mittelachse um einen bestimmten Bruchteil (1/7 bzw. 1/16 der Quadratseite), Ziehen eines Hilfskreises und gleichmäßige Verteilung von fünf bzw. sechs Sehnen (Schnüren) an dessen Umfang. Zahlenbrüche und Grundprinzip durch Kommentar bestätigt, exakte Einzelschritte wegen OCR-Zerstörung mit Unsicherheit behaftet.
Von dessen Mitte aus, um ein Zehntel, verlängere man die Mittelachse; mit diesem Maß, ringsum kreisend, ziehe man sodann einen Kreis;
an dessen vierundsechzig Teilen, im Abstand von je einem Dreiunddreißigstel[-Teil], setze man am Kreisumfang Zeichen und lasse sieben Schnüre [zwischen ihnen] fallen;
so entsteht das siebeneckige (saptāsra) Kuṇḍa, das dem Tierkreiszeichen Cāpa (Schütze) [zugeordnet ist und] in der Windrichtung (Nordwesten) liegt; zur Vernichtung sämtlicher Feinde ist dieses Kuṇḍa bestimmt, o Śivā.
Von dessen Mitte aus, im Maß eines Vierundzwanzigstels, [errichte man] ebenso außen wie zuvor ein Quadrat, nach dem Maß des vorher [beschriebenen] Eck-Abstands;
von dessen Ecken aus, nach beiden Seiten, setze man acht Zeichen; an diesen acht Zeichen ziehe man ringsum acht Schnüre, o Śivā.
Verse 44-48 beschreiben die Konstruktion des siebeneckigen (saptāsra, zugeordnet dem Schützen/Cāpa und der Windrichtung Nordwesten, für Feindvernichtung) und des achteckigen (aṣṭāsra) Kuṇḍas, wiederum durch Verlängerung der Mittelachse, Hilfskreis und gleichmäßige Sehnenverteilung (hier: 7 bzw. 8 Schnüre). Die genauen Bruchzahlen (1/10, 1/33 von 64 Teilen, 1/24) sind im OCR nur bruchstückhaft erhalten und über den Kommentar rekonstruiert; einzelne Konstruktionsschritte bleiben unsicher.
Man errichte [so] das achteckige Kuṇḍa; deren Randwülste (mekhalā) und Weiteres will ich nun, du Kluge, der Reihe nach verkünden.
Den Durchmesser des Grundkreises, verdreifacht, teile man der Reihe nach [durch die gewünschte Eckenzahl]; nach dem so gewonnenen, selbstgewählten Maß entstehen [dann] die [jeweiligen] Vieleck-Seiten.
So gilt dieses Verfahren auch für die in den Yantra[-Kapiteln] genannten [Vielecke], etwa das sechsunddreißigeckige, und ebenso, ganz allgemein, für die [Feuergruben bei] Opfern mit sehr hoher Anzahl [wie dem Koṭi-Homa].
In einem der genannten [neun] Kuṇḍas, von neun Hasta Maß, soll man das Koṭi-Homa (Zehn-Millionen-Opfer) durchführen lassen, und zwar durch acht Männer,
die in den acht Haupt- und Zwischenrichtungen stehen, fünf Tage lang, der Reihe nach, zur eigenen Zielerreichung; und ihnen gebe man die Priestergabe (dakṣiṇā), vorausgehend Verehrung und Verneigung.
Verszählung im Original erneut fehlerhaft (u.a. doppelte '48', eine Ziffer für '40' statt '50', eine weitere für '42' statt '52'); hier nach fortlaufender Zählung 49-53 korrigiert. Vers 51 verweist laut Kommentar auf ein anderswo behandeltes 'Mātṛkā-Paṭala' mit sechsunddreißigeckigen Figuren; dieser Querverweis konnte nicht überprüft werden und ist mit [?] versehen. Verse 52-53 beschreiben die besondere, neun Hasta große Feuergrube für das Koṭi-Homa (das Zehn-Millionen-fache Opfer) mit acht Priestern in den acht Richtungen über fünf Tage.
gocarmadvayamātraṃ tu bhuvaṃ gāṃ prasavastanīm [?] | mahiṣīṃ saprajāṃ aśvadāsadāsīṃ vibhūṣaṇām ||54||
vāsāṃsi hemaniṣkāṇāṃ śataṃ teṣām ekaśaḥ [?] | tato guroś ca tāny eva taiḥ samānam udīritam ||55||
divyotpāteṣu rogārtau ghore ca ripunigrahe | tathā digvijaye 'nyasya parakalyāṇasambhave [?] ||56||
kārayet koṭihomaṃ tu vidyayā nityayādyayā | surūpaiś ca suśīlaiś ca nityābhaktais tathāstikaiḥ ||57||
proktānāṃ sarvakuṇḍānām aratnikhātamānakam | koṭihomasya kuṇḍasya dviguṇaṃ [?] tasya vai ||58||
Land im Ausmaß zweier Kuhhäute, eine Kuh, milchgebend, eine Büffelkuh samt Nachwuchs, ein Pferd, einen Diener und eine Dienerin, mit Schmuck versehen,
Gewänder, jeweils hundert goldene Niṣka(-Münzen) – so viel gebe man [den acht Priestern] jedem einzelnen; danach dem Guru ebensoviel, gleich dem, was jenen [gegeben wurde].
Bei himmlischen Vorzeichen, bei schwerer Krankheit, bei der schrecklichen Unterwerfung eines Feindes, ebenso beim Feldzug zur Eroberung der Weltgegenden oder wenn eines anderen Wohl (oder Unheil) auf dem Spiel steht,
soll man das Koṭi-Homa durchführen lassen, mit der ersten der Vidyās (Mantras), der Nityā-Vidyā, durch [Priester,] die wohlgestaltet, von gutem Charakter, den Nityās ergeben und rechtgläubig (āstika) sind.
Die Aushubtiefe aller genannten Kuṇḍas [beträgt] ein Aratni; die des Koṭi-Homa-Kuṇḍas das Doppelte davon.
Verse 54-58: Priesterlohn (dakṣiṇā) für das Koṭi-Homa (Land, Kuh, Büffelkuh, Pferd, Dienerpaar, Gewänder, Goldmünzen, ebenso viel dem Guru), Anlässe für das Koṭi-Homa (Vorzeichen, Krankheit, Feindbezwingung, Digvijaya u.a.) und Aushubtiefe der Feuergruben (ein Aratni = 24 Aṅgula, beim Koṭi-Homa-Kuṇḍa doppelt). Einzelne Ausdrücke (V.54 'prasavastanīm', V.56 'parakalyāṇasambhave') wegen OCR-Schäden unsicher.
sarveṣāṃ mekhalāmānaṃ dvādaśāṅgulakaiḥ kramāt [?] | vistārotsedhayoḥ kuryād yonihotrāsanāgrataḥ ||59||
mahākuṇḍasya tu proktā mekhalā hastamānataḥ | tisṛṇām api vistārāḥ pratyekaṃ ṣoḍaśāṅgulāḥ ||60||
teṣām utsedhasaṃkhyā ṣoḍaśaiva krameṇa vai | yoninirmāṇam adhunā vāsanāṃ ca śṛṇu priye ||61||
Bei allen [gewöhnlichen Kuṇḍas] beträgt das Maß der Randwülste (mekhalā), der Reihe nach, jeweils zwölf Aṅgula an Breite und Höhe; die Yoni (der Ausguss) bringe man vor dem Sitzplatz des Opferpriesters an.
Beim großen Kuṇḍa (dem des Koṭi-Homa) aber sind die Randwülste, wie erwähnt, nach dem Hasta-Maß [bemessen]; auch bei den drei [Randwülsten] beträgt die Breite jeweils sechzehn Aṅgula,
und ihre Höhe ist ebenso, der Reihe nach, sechzehn [Aṅgula]. Höre nun von der Konstruktion der Yoni und ihrer Bedeutung, Geliebte.
Verse 59-61 geben die Maße der Randwülste (mekhalā, meist drei konzentrische Stufenränder) der gewöhnlichen Kuṇḍas (12 Aṅgula) sowie des großen Koṭi-Homa-Kuṇḍas (16 Aṅgula, nach Hasta-Bruchteilen). Exakte Zahl der Randwülste (drei) durch Kommentar bestätigt.
Beginnend von der Mitte der äußersten Randwulst aus, [errichte man] ihren eigenen Kanal (nāla), eine spannenlange (vitasti) Aushöhlung, einem Aśvattha-Blatt ähnlich,
eine Spanne lang, halb so breit, mit einer Höhe von einem Aṅgula, überall oberhalb der Randwulst;
von der Basis zur Spitze hin sich leicht verjüngend, gestalte man die Yoni ringsum; die Yoni ist der große Sitz (Ort) des ursächlichen Prinzips (kāraṇatattva, der letzten Wirklichkeit).
Deshalb erfolgt durch sie die Darbringung aller Opfergaben, kraft ihrer Wesenseinheit mit jenem [Prinzip]; die Früchte [werden dadurch] rasch vollständig; anderes hingegen [bleibt unvollständig].
Verse 62-65 beschreiben den yoniförmigen Ausguss-Kanal (nāla) an der äußeren Randwulst jedes Kuṇḍas (blattförmig, spannenlang) und deuten ihn philosophisch als 'Sitz des ursächlichen Prinzips', durch dessen Vermittlung alle Opfergaben ihre volle Wirkung erlangen. Vers 65 zweite Hälfte im OCR stark beschädigt, Sinn (Kontrast zu einer unvollständigen anderen Art der Opferung) nur ungefähr erschließbar.
mahākuṇḍasya caivaitat kuryān mānaṃ samūhataḥ | nābhiṃ ca vidyāt sarvatra kuṇḍamadhye vidhānataḥ ||66||
aṣṭacchadaṃ sarojaṃ tu vidadhyāc cāruvigraham | caturbhir aṅgulaiḥ kuryāt karṇikāṃ dalam eva ca ||67||
vistārād api cotsedhaṃ ṣaḍbhiḥ ṣaḍbhir udīritam | prāgvan mahati kuṇḍe ca kuryād ūhena tat tathā [?] ||68||
dhyānam agner dvidhā proktaṃ saumyakraurayavibhāgataḥ | saumyaṃ nityāsamākāraṃ dhyānam anyac chṛṇu priye ||69||
Beim großen Kuṇḍa [des Koṭi-Homa] mache man dieses [Yoni-]Maß entsprechend vergrößert; und überall soll man in der Mitte des Kuṇḍas den Nabel(-Lotos, nābhipadma) vorschriftsgemäß anlegen.
Einen achtblättrigen Lotos von schöner Gestalt gestalte man; mit vier Aṅgula bemesse man den Fruchtboden (karṇikā) und ebenso [jedes] Blütenblatt,
auch hinsichtlich Breite und Höhe, [jeweils] mit sechs [Aṅgula] angegeben; ebenso verfahre man beim großen Kuṇḍa, nach entsprechender Verhältnisrechnung (ūha).
Die Meditationsgestalt (dhyāna) Agnis wird zweifach gelehrt, nach der Einteilung in die sanfte (saumya) und die schreckliche (raudra/kraura) [Form]; die sanfte hat dieselbe Gestalt wie die Nityā [selbst, bereits früher beschrieben]; höre nun die andere Dhyāna-Gestalt, Geliebte.
Verse 66-69 beschreiben die Anlage des Nabellotos (nābhipadma, achtblättrig) in der Mitte jedes Kuṇḍas (Maße: Fruchtboden und Blütenblätter je 4 Aṅgula, Breite/Höhe je 6 Aṅgula, beim großen Kuṇḍa proportional vergrößert) und leiten zur zweigeteilten Meditationsgestalt Agnis über (sanft = wie die Nityā selbst, bereits an früherer Stelle beschrieben; schrecklich = im Folgenden neu gelehrt).
Dreigesichtig, mit sieben Zungen versehen, dreifach in seiner Gestalt nach den [drei] Erscheinungsweisen (guṇa), schrecklich, rötlich, sechsarmig,
mit den vier rechten Händen [tragend] Speer (śakti), Diskus (cakra) und Schwert, ebenso [ein viertes]; mit den übrigen [linken Händen] einen Wurfspieß (tomara), [ein weiteres Attribut] [?] und ein mit Opferschmalz gefülltes Gefäß –
[so] meditiere man auf ihn, den Opferesser (Agni), mit weit aufgerissenem Maul, unablässig zum Vernichten [bereit]; dies ist die schreckliche (krūra) Dhyāna-Herrlichkeit, wie sie für [entsprechende] Opfer verkündet ist.
[Diesen Agni] am Haupt, am Körper oder in den Flammen [des jeweiligen Ziels] visualisierend, vernichte man dieses [Ziel] mit dessen [feindlichem] Anteil.
Dann verehre man gebührend die sieben Zungen an dessen [Fängen/Kiefern]; und wer opfert, erlangt vollständig alles Gewünschte.
Hiraṇyā ('Goldene'), Kanakā ('Goldfarbene'), Raktā ('Rote') [und] Kṛṣṇā ('Schwarze') – zutreffend benannte Zungen, vier [an der Zahl], befindlich am rechten Gesicht, gewähren durch [ihre] Verehrung jeglichen Erfolg.
Verse 70-75 beschreiben die schreckliche (raudra/krūra) Meditationsgestalt Agnis: dreigesichtig, sechsarmig, mit Waffen und Opferlöffel/-gefäß in den Händen, sieben Zungen (jihvā), von denen die ersten vier (Hiraṇyā, Kanakā, Raktā, Kṛṣṇā) am rechten Gesicht benannt werden. Zahlreiche Einzelheiten (Waffenbezeichnungen in V.71, die genaue Anwendung in V.73) sind wegen extremer OCR-Zerstörung nur ungefähr erschließbar und mit [?] markiert.
suprabhā cātiriktā ca bahurūpā ca vāmagā | bahurūpāyāṃ jihvāyāṃ homaḥ sarvārthasādhakaḥ ||76||
itarāsu hunet krūrakarmasv abhimateṣu tu | yasyāṃ juhoti tām ādyāṃ [?] samabhyarcyātha [?] ||77||
tato hutvā ca jihvāyām uktāyāṃ tava karmaṇi | sāmānyato nityahome dravyāṇi śṛṇu sundari ||78||
ājyam annaṃ pāyasaṃ ca tilataṇḍulam apy atha | madhu ceti samproktāny etāni nityake [?] ||79||
śubheṣu paristīryaṃ sarvatra śubhakarmasu [?] | abhicāreṣu vānyeṣu krūreṣv anyeṣv api priye ||80||
nakṣatrarkṣayoniraktena caruṇā tathā [?] | tanmāṃsais tatra tatra dravyaiḥ krūreṣu karmasu ||81||
Suprabhā ('Glänzende'), Atiriktā ('Überragende') und Bahurūpā ('Vielgestaltige') [sind] am linken [Gesicht]; in der Zunge Bahurūpā bewirkt das Opfer den Erfolg jedes Zieles.
In den übrigen [sechs Zungen] opfere man für die jeweils beabsichtigten schrecklichen (krūra) Riten; in welcher [Zunge] man opfert, diese verehre man zuvor eigens.
Hat man sodann in der für das jeweilige Vorhaben vorgeschriebenen Zunge geopfert – höre nun, Schöne, [von] den im täglichen (nitya) Opfer allgemein [verwendeten] Substanzen.
Opferschmalz (ājya), gekochten Reis, Milchreis (pāyasa), auch mit Sesam vermengten Reis sowie Honig – diese werden für das tägliche [Opfer] genannt.
Bei heilvollen [Riten] ist überall bei heilvollen Handlungen [ein bestimmtes Streugut, etwa Kuśa-Gras, unterzulegen]; bei den Riten der schwarzen Magie (abhicāra) sowie bei anderen schrecklichen Handlungen hingegen, Geliebte,
[verwende man] den mit dem Blut des dem [betreffenden] Nakṣatra zugeordneten Tieres [gefärbten] Opferbrei (caru), sowie mit dessen Fleisch – je nachdem, mit [diesen] Substanzen, bei schrecklichen Handlungen.
Verse 76-81: die restlichen drei Zungen am linken Gesicht (Suprabhā, Atiriktā, Bahurūpā – letztere für alle Zwecke wirksam), die übrigen sechs Zungen für spezifische schreckliche Riten, allgemeine tägliche Opfersubstanzen (Ghee, Reis, Milchreis, Sesam-Reis, Honig) sowie besondere, blutig-fleischliche Substanzen für Abhicāra- und andere schreckliche Riten unter Rückgriff auf die in den Kapiteln 21 und 25 genannten Nakṣatra-Tier-Zuordnungen (laut Kommentar). Verse 77 und 80-81 wegen starker OCR-Schäden nur ungefähr rekonstruierbar.
Blüten opfere man einzeln, ebenso Früchte; gekochten Reis, Ghee und dergleichen aber insgesamt, jeweils in Prastha-Maß, der Reihe nach.
Gebadet, in reine Gewänder gekleidet, mit Räucherwerk, Kränzen und Duft parfümiert, mit heiterem Geist und Antlitz soll der Praktizierende (sādhaka) das Opfer vollziehen.
Nach Osten gewandt, auf einem Sitz sitzend, nach vorausgehendem Prāṇāyāma und Nyāsa (der rituellen Gliedereinsetzung), besprenge man mit Argha-Wasser die Mitte des Kuṇḍas,
sowie die übrigen, dort befindlichen Substanzen allesamt, zu ihrer Reinigung; dann ziehe man in der Mitte des Kuṇḍas ein Kreuz aus vier Linien.
Verse 82-85: Mengenangaben für die Opfersubstanzen, rituelle Vorbereitung des Opferpriesters (Bad, reine Kleidung, Duftstoffe, innere Sammlung), Ausrichtung nach Osten, Prāṇāyāma, Nyāsa, Besprengung mit Argha-Wasser und Einzeichnen von vier Linien (zur Bildung von neun Feldern) in der Kuṇḍa-Mitte.
prākpratyagdakṣiṇodak ca tatra jihvāḥ samarcayet | prāgādiṣu tu saptāpi madhye vahniṃ tathā smaran ||86||
pūjayet sarpiṣā homaṃ dvir ekaikaṃ sapta krameṇa vai [?] | jihvānām agnir ekaikaṃ vai ca dvyakṣarādikam [?] ||87||
svāhāntamantram uditam aṣṭānāṃ kramataḥ śive | agniṃ sabhājanaṃ haste gṛhītvāṅgārakaṃ tataḥ [?] ||88||
kravyādebhyo nama iti proktāny anyat sabhājanam [?] | viparikramya kuṇḍaṃ [?] tanmadhye vinyaset tataḥ ||89||
prajvālya lalitādyābhir vidyābhiḥ pariṣecanam | kṛtvā darbhaiḥ paristīrya palāśāśvatthapatrakaiḥ ||90||
In Osten, Westen, Süden und Norden [sowie den Zwischenfeldern] verehre man dort gebührend die Zungen; in den [acht] Richtungen, beginnend im Osten, alle sieben, und in der Mitte ebenso das Feuer, während man [jeweils] gedenkt.
Man verehre mit Opferschmalz, [und vollziehe] das Opfer der Reihe nach, je einmal für jede der sieben [Zungen] des Feuers; [dabei rezitiere man] je [ihr eigenes] zwei- und mehrsilbiges [Mantra].
Das auf Svāhā endende Mantra wird, der Reihe nach, für die acht [Aspekte Agnis samt seinen Zungen] verkündet, o Śivā; dann nehme man das Feuer samt Gefäß in die Hand, [ebenso] die Kohle,
mit dem Spruch 'kravyādebhyo namaḥ' ('Verehrung den Fleischessern') [entsorge man] das andere, [übriggebliebene] Gefäß; nachdem man das Kuṇḍa umschritten hat, setze man es sodann in dessen Mitte [bzw. lege die Glut ab].
Nachdem man [das Feuer] entzündet und mit der Lalitā- und den anderen Vidyās die Besprengung vollzogen hat, bestreue man [das Kuṇḍa] ringsum mit Kuśa-Gras sowie mit Blättern von Palāśa oder Aśvattha.
Verse 86-90: Anordnung und Verehrung der sieben Zungen in den acht Himmelsrichtungen und der Mitte, Opfer mit Ghee und eigenen Mantras für jede Zunge, das 'kravyādebhyo namaḥ'-Mantra beim Entsorgen der Glutreste, Umschreitung des Kuṇḍas, Besprengung mit den Nityā-Vidyās (allen voran Lalitā) und Bestreuung mit Kuśa-Gras und Feigenblättern. Zahlreiche Einzelheiten wegen schwerer OCR-Schäden unsicher (V.87-89).
Ebenso vollziehe man Ghee-Opfergüsse; mit den Wurzel[-Mantras] der sechzehn Nityās opfere man je einmal, zusammen mit den [Mantras] der Nāthas, der Nityās, des Selbst und der Elemente;
und sodann, nachdem man [das Feuer] besprengt, das eigene Selbst als [mit ihm] eins visualisiert und es, im Sitz der Ājñā(-Cakra) befindlich, erkannt hat, mit vorausgehender Bestreuung,
und nachdem man [die Opfergaben] verbrannt hat, mache man mit der Asche [des Feuers] ein Stirnzeichen (tilaka), [seine Last] abgelegt; nach Abschluss der Verehrung gehe man glücklich umher, den Sinn auf jenes [Ziel] gerichtet.
Verse 91-93: abschließende Ghee-Opfergüsse mit den Mantras der sechzehn Nityās und weiterer Gottheitengruppen (Nāthas, Nityās, Selbst, Elemente), meditative Verschmelzung des eigenen Selbst mit dem Feuer im Ājñā-Cakra, Aschezeichen (Tilaka) und Abschluss der Verehrung. Einzelheiten in V.91 und 93 wegen OCR-Schäden unsicher.
Bei den schrecklichen (krūra) Opferhandlungen ist damit dieses Verfahren verkündet; bei ihnen ist die Vollziehung jenes Opfers, ebenso wie das tägliche, [hiermit] abgeschlossen.
Nach dem Opfer vollziehe man die eigene [rituelle] Waschung und ebenso die Verehrung; danach [verehre man] täglich die Nityā [des jeweiligen Tages] mit deren Tages-Vidyā.
Auch die fünfzig Götterpaare (mithuna) verehre man und verneige sich [vor ihnen, mit den Worten]: 'Beschütze [mich], wie zuvor verkündet, bewahre mich, Mutter der Welt!'
So ist dir alles, was über die Kuṇḍas usw. [zu sagen war], verkündet; das Opfer (homa) aber wird als zweifach gelehrt, nach der Unterscheidung von grob (sthūla) und fein (sūkṣma).
Das grobe [Opfer] ist hier oben vollständig dargelegt; die feine Form aber wird andernorts gelehrt; was bei deren Ausführung zu wissen ist, das [ist dort zu erfahren].
Wer alle diese genannten [Vorschriften] befolgt, erlangt durch das Opfer Wohlstand (Lakṣmī); und durch die Opfer vernichtet man die eigenen Verfehlungen.
Nichts ist durch das Opfer unerreichbar, nichts unerlangbar, Herrin; deshalb erreiche man durch das Opfer alles, jeden gewünschten [Zweck].
So ist die Durchdringung, die im Wesen der Vidyā (der Mantra-Göttin) besteht, recht dargelegt worden; durch das Erkennen dieser [Durchdringung] wird jene Wesenheit im Herzen zu eigen gemacht.
So endet im Tantra der sechzehn Nityās, in der [Lehre] genannt Ślokādimata, das neunundzwanzigste Kapitel, betitelt 'Die Darlegung der Wesenseinheit mit Welt und Zeit u.a.'
Verszählung im Original an mehreren Stellen fehlerhaft (Ziffernverwechslungen 4/5 und 8/9, u.a. bei den Versen 95, 96, 98); hier nach fortlaufender Zählung 94-100 korrigiert (Vers 100 durch die Nennung im Kolophon-Kontext gesichert). Nach Vers 100 folgt im Original ein unnummeriertes Schluss-Couplet ('vidyātattvamayī vyāptiḥ...'), das nahezu wortgleich (nur mit 'vidyā-' statt 'rāga-' als erstem Wortbestandteil) auch am Ende von Paṭala 28 erscheint und daher als formelhafter Kapitelschluss dieser Ausgabe erscheint; es wurde hier, wie erlaubt, als unnummeriertes Halbvers-Paar mit übersetzt. Der anschließende Kolophontitel ('lokakālatādātmyādikathanam') ist – wie im Kapitel-Kommentarfeld vermerkt – nahezu identisch mit dem Kolophontitel von Paṭala 28, obwohl der tatsächliche Inhalt beider Kapitel (dort Nityā-Doktrin, hier Pavillon-/Kuṇḍa-/Homa-Bau) völlig verschieden ist; dies wird als wahrscheinlicher Editions-/Druckfehler der Quelle dokumentiert, nicht stillschweigend korrigiert. V.98 Verweis auf das Kapitel mit der feinen (sūkṣma) Homa-Form ('coktam etat paṭale') im OCR unleserlich und daher nicht mit einer Kapitelnummer versehen.