Paṭala 36: devatādeśikaśiṣyaprapañcādīnāṃ paramārthasvarūpaprakāśanaparaṃ ṣaṭtriṃśatpaṭalam
36-tes Kapitel: Die Verkündung des eigenen Selbst (Svātmakathana) - das letzte Kapitel des Tantrarāja-Tantra
Quelle: Tantrarāja-Tantra Band II mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts, Calcutta: Agamanusandhana Samiti 1926 (archive.org, OCR). Dies ist Paṭala 36, das letzte Kapitel des gesamten Tantrarāja-Tantra (36 von 36). Der tatsächliche Kapitelanfang liegt bei ca. Zeichen 829300 in window.TT2 (nicht wie geschätzt bei ~815000-828374): das vorangehende Kapitel 35 erwies sich als deutlich länger als angenommen und reicht bis ca. Zeichen 829270. Das Kapitelende fällt mit dem Textende von Band II zusammen (872702); nach dem hier übersetzten Doppelkolophon von Paṭala 36 (Wurzeltext- und Kommentar-Kolophon, ca. Zeichen 869800-870400) folgen nur noch die Gesamtwerk-Kolophone (Vers-Zählungsangaben 'Grantha-Saṃkhyā' sowie ein kurzer Prosa-Bericht über die Entstehung von Subhagānandanāthas Kommentar und dessen Fortsetzung durch seinen Schüler Prakāśānandadeśika), die nicht mehr Teil des Wurzeltexts von Paṭala 36 sind und daher nicht übersetzt wurden.
Inhalt: Devī knüpft an Paṭala 35 an und bittet Śiva, ihr die wahre Natur (svarūpa) der sechzehn Nityās und aller anderen Gottheiten zu erklären; sie stellt ihm dazu insgesamt zwanzig Fragen nach Verdienst und Sünde, Geburt, Erlösung, Bindung, den Daseinsprinzipien (tattva), der Erkenntniskraft (dhī), den Sinnen, den Lebenshauchen (prāṇa), der individuellen Seele (jīva), dem Höchsten (para), der Zeit (kāla) und den Planeten (graha) (V.1-6). Śiva antwortet der Reihe nach (V.7-51): das Wesen aller Gottheiten ist letztlich das eine, reine Bewusstsein jenseits von Ich- und Dies-Erkenntnis (V.11), erreichbar durch rechte Gewöhnung (vāsanā) oder die im (real existierenden) Nityāhṛdaya-Tantra gelehrte Methode (V.12-13); es folgt eine lange, hymnenartige Aufzählung paradoxer, einander scheinbar widersprechender Eigenschaften der Erkenntniskraft (dhī/buddhi/manas/ahaṅkāra/citta) als Antwort auf die Frage 'was ist dhī?' (V.20-37, stellenweise extrem schlecht überliefert); es folgen Erläuterungen zu Sinnesorganen, Lebenshauchen, Jīva und dem Höchsten (V.38-39), zur Zeit als letztlich reinem, anfangs- und endlosem Bewusstsein jenseits ihrer relativen Unterteilungen (Tag/Nacht, Lava/Truṭi/Kalā/Kāṣṭhā/Nimeṣa/Mātrā, mit Verweis auf die früheren Kapitel 25 und 27) (V.40-47) und zu den Planeten als Bewirkern des Werdens und Vergehens der Erscheinungswelt (V.48-49). Da Devī sich noch nicht endgültig erleuchtet fühlt (V.50), stellt sie weitere Fragen zu Geburt, Tod, dem Verhältnis von individueller Seele, Zeit und höchstem Selbst sowie zum Aufenthalt der fünf Elemente in den Körpern (V.51-54); Śiva antwortet: Geburt und Tod entstehen allein durch Körper-Identifikation infolge früherer Werke (V.55-58, mit dem Gleichnis vom Siegelabdruck in Wachs für die individuierende Wirkung der Buddhi), erläutert die unterschiedliche, teils manifeste, teils latente Gegenwart der fünf Elemente im Körper (V.59-61) und erklärt, dass für den bereits zu Lebzeiten Erlösten (siddha) der leibliche Tod, anders als für gewöhnliche Menschen (für die günstige Sterbezeiten wie Uttarāyaṇa und Vollmondnähe gelten), jederzeit gleichgültig und dem Schlaf gleich ist (V.62-66). Auf die Frage nach der Ursache der Verschiedenheit der Lebewesen trotz gleicher Körperlichkeit (V.67) folgt die Lehre von der Unverzichtbarkeit des wahren Guru (sadguru) für die Selbsterkenntnis, mit den Gleichnissen vom verborgenen Feuer im trockenen Holz und vom durch Graben freigelegten Grundwasser (V.68-72). Es schließt sich eine lange, vom Kommentar auf 47 Kennzeichen bezifferte Liste von Merkmalen des Selbst-Erkennenden (ātmavat) an - ethische und charakterliche Tugenden wie Freiheit von Zweifel, Mitgefühl, Wahrhaftigkeit, Freiheit von Gier und Zorn usw. (V.73-81) -, gefolgt von einer weiteren Verhaltensschilderung des Vollendeten, der Kasten-, Orts- und Zeitregeln befolgt, seine Zeit mit Gottesdienst statt mit Würfelspiel, Frauen und Müßiggang verbringt und den Guru unablässig preist (V.82-90). Den Abschluss bildet eine knappe, kryptische Ritualvorschrift zur Verehrung der Göttin Lalitā und der sechzehn Nityās im Zwölf-Speichen-Cakra (unter Rückverweis auf Paṭala 19) mit festgelegter Japa-Anzahl, alternativ auch mittels der neunfachen Yoni-Figur und der Avasthā-Śaktis aus Paṭala 15 (V.91-96), eine abschließende Feststellung der Einheit von Devī und Śiva durch das im Tantra Gelehrte (V.97), eine strenge Geheimhaltungsvorschrift gegenüber Unwürdigen - Nicht-Devotees, Heuchlern, Ungläubigen, Gierigen etc. (V.98-99) - und die abschließende Verheißung, dass, wer das ganze Tantra samt den sechzehn Nityā-Vidyās versteht und verehrt, zum 'Herrn des reinen Bewusstseins' (cidīśvara) wird (V.100), gefolgt vom für dieses Werk charakteristischen zweifachen Kolophon (kurzes Wurzeltext-Kolophon mit dem Kapiteltitel 'Svātmakathana', danach das lange Kommentar-Kolophon des Subhagānandanātha).
Die OCR-Qualität ist wie im gesamten Band durchgehend schlecht bis sehr schlecht; besonders die lange Eigenschaftsliste der Erkenntniskraft (V.20-37) sowie Teile der Tugend- und Ritualverse (V.73-96) sind an vielen Stellen nur noch bruchstückhaft lesbar und wurden nach Metrum, den (nie wörtlich übernommenen, nur zur OCR-Klärung herangezogenen) Kommentarparaphrasen und dem Sinnzusammenhang rekonstruiert; unsichere Wörter und Wendungen sind durchgehend mit [?] markiert, besonders in den Versen 2, 21, 28-36, 40, 44-49, 66, 76, 83-85, 92 und 95-96. Verszählung: mehrere Devanāgarī-Ziffern waren im OCR verwechselt oder ungewöhnlich gedruckt (V.10 als '19', V.91 als '81', V.96 als '86', V.97 unklar, V.100 als '101') und wurden nach der fortlaufenden Zählung 1-100 korrigiert; die Kapitellänge von 100 Versen auf ca. 43400 Zeichen liegt im für dieses Werk üblichen Rahmen, sobald der korrigierte tatsächliche Kapitelanfang (statt der ursprünglichen Schätzung) zugrunde gelegt wird.
atha ṣoḍaśanityānāṃ vidhānāni tvayādhunā | kathitāni mayā tāni śrutāni ca maheśvara ||1||
tāsāṃ te [vidyānāṃ] mat tathānyeṣāṃ devatānāṃ yathārthataḥ | svarūpaṃ kiṃ kathaṃ viśvaṃ kimākāraṃ ca dṛśyate ||2||
„Nun sind die Vorschriften (vidhāna) der sechzehn Nityās soeben von dir verkündet und von mir vernommen worden, o Maheśvara.
Wie ist in Wahrheit die Wesensnatur (svarūpa) ihrer Vidyās, die dir gehören [?], sowie derjenigen der anderen Gottheiten? Wie, und in welcher Gestalt, erscheint sie?“
Devī spricht, in Fortsetzung des Frage-Antwort-Rahmens aus Paṭala 35. Vers 2 ist im OCR stark korrumpiert; die Rekonstruktion von 'te...mat' folgt einer knappen, eher grammatisch-allegorischen Kommentarglosse ('te = tava vidyānām', 'mat-śabdena śiṣyam upalakṣayati'); der genaue Wortlaut und Sinn dieser Stelle bleiben unsicher, mit [?] markiert.
prāṇinām puṇyapāpāni kiṃrūpāṇi ca kastathā | teṣāṃ janmāni kena syuḥ kā muktiḥ saṃsṛtiśca kā ||3||
kasya muktiḥ kathaṃ bandhaḥ kena tasya ca mocanam | kiṃ vā saṃsṛterasaṅgāḥ kāni tattvāni kā ca dhīḥ ||4||
kānīndriyāṇi ke prāṇāḥ ko jīvaḥ kaḥ parastathā | kaḥ kālaḥ ke grahāḥ sarve etatsarvaṃ vada prabho ||5||
yena śrutena śāstre ca purāṇairāgamairapi | kathyate tatsphuṭaṃ nāhi nātisaṅkocavistaram ||6||
Von welcher Art sind Verdienst (puṇya) und Sünde (pāpa) der Lebewesen, und wodurch entstehen sie? Wodurch geschehen ihre Geburten? Was ist Erlösung, und was ist der Weltenkreislauf (saṃsṛti)?
Wessen ist die Erlösung, wie entsteht die Bindung, und wodurch ihre Loslösung? Was sind die „Unverbundenheiten“ [?] des Weltenkreislaufs? Welches sind die wahren Prinzipien (tattva), und was ist die Erkenntniskraft (dhī)?
Welches sind die Sinnesorgane, was die Lebenshauche (prāṇa), was der Jīva (die verkörperte Seele) und was das Höchste (para)? Was ist die Zeit, was sind die Planeten – all dies, o Herr, verkünde mir!
[Verkünde es] so, dass, wodurch [einmal] gehört, das, was in den Lehrschriften, den Purāṇas wie auch den Āgamas [darüber] gesagt wird, klar wird, weder zu knapp noch zu weitschweifig.
Die zwanzig Fragen der Devī (vgl. V.7 und V.21: „yat tayā viṃśatividhaḥ praśnaḥ“) werden hier eingeleitet; V.4 „asaṅgāḥ“ unsicher rekonstruiert, mit [?] markiert.
Da du, o Śivā, diese zwanzigfache Frage gestellt hast, will ich sie dir der Reihe nach, wie sie gestellt wurde, beantworten.
Durch deren Antworten wird die eigene Wesensnatur (svarūpa) unmittelbar und wahrhaftig erkannt; alles andere, überall, ist demgegenüber [nur] als [relativ] zu erkennen.
Das, was „unmittelbar“ (añjasā) genannt wird, ist in Worten unzugänglich, nur durch Hinweise (nidarśana) andeutbar; nachdem man durch beide [Arten der Belehrung] die schwer zu überwindende schlechte Prägung (vāsanā) allmählich erkannt und überwunden hat,
wird man gewiss zu einem Wesen, das ganz und gar von wahrhaftigem, reinem, klarem Erstrahlen (sphuratta) ist. Dieses Geheimnis, dies höchste Mysterium, hüte man stets vor allen [Unwürdigen].
Verszählung an dieser Stelle im OCR verwechselt: der hier als V.10 übersetzte Vers war im Original mit '19' bezeichnet (Ziffernverwechslung 0/9), was der fortlaufenden Zählung nach unmöglich ist, da V.11 klar als '11' erscheint; korrigiert zu 10.
Jenes Bewusstsein (caitanya), wodurch das „Dies“ erkannt wird, und jenes, wodurch das „Ich“ erkannt wird – von beiden ist es dasselbe eine Erkennen: wisse, dass eben dieses meine [wahre] Gestalt (vapus) ist.
So ist, in Wahrheit, das von Bewusstsein durchdrungene Wesen sowohl deiner [Vidyās] als auch der anderen [Gottheiten]: erlangt durch die [rechte] Gewöhnung (vāsanā) in dieser Weise, [verborgen bleibend] in anderer Weise durch deren Fehlen.
Die Selbstleuchtkraft des eigenen Selbst wird [dann] fest, ewig, unbesiegbar und unermesslich; oder sie tritt ein durch die im [Werk] Nityāhṛdaya klar gelehrte Methode.
Wegen der Doppelgestalt von Wort und Erkenntnis (buddhi) erscheint auch die Doppelgestalt der Erscheinungswelt (prapañca); die Doppelgestalt dieser beiden [Wort und Erkenntnis, bzw. der Erscheinungswelt] wird durch ihre Verbindung sowohl mit dem Wirklichen als auch mit dem Unwirklichen erklärt.
V.11 beantwortet die Eingangsfrage nach der Wesensnatur der Gottheiten: sie ist letztlich identisch mit dem reinen, dem Ich- und Dies-Bewusstsein zugrundeliegenden Bewusstsein Śivas selbst. V.13 nennt das (real existierende) Nityāhṛdaya-Tantra als alternative Method-Quelle, vom Kommentar ausdrücklich bestätigt.
Eben dadurch [durch diese Doppelgestalt] vollzieht sich bei den Lebewesen das Handeln in verdienstvollen und sündhaften Taten: das Streben nach [wirklichen] Zielen, [ausgeübt] von einem, der die Dinge kennt, wie sie [wahrhaft] sind, heißt „Verdienst“ (puṇya).
Das Fassen von [scheinbaren] Zielen inmitten des Nicht-Zielhaften, im Geiste, wird ebenso „Sünde“ (pāpa) genannt; die vielfältigen Geburten [entstehen dadurch] als beständiges Gefäß des Leidens.
Die wahre Erkenntnis (yāthātmya-jñāna) der Dinge ist die Erlösung; deren Gegenteil ist die Wesensnatur des Weltenkreislaufs (saṃsṛti), [und diese Unwissenheit] wird deshalb „Bindung“ (bandha) genannt.
Es gibt niemanden, der dem wahren Guru gleichkäme; einzig durch das Erwägen seines Gnadenblicks und seiner Worte (kaṭākṣa, ukti) [wird] die Befreiung aller Lebewesen [möglich] – niemals durch andere [Mittel].
V.15-18 stark verkürzt und teils korrumpiert überliefert; Rekonstruktion nach dem paraphrasierenden Kommentar (nie nach fremden Übersetzungen). V.17 zweite Hälfte unsicher, mit [?] zu versehen wäre insbesondere 'ityucyate tataḥ'.
kandamuktamavivekaḥ paro mahān | yadāyattamidaṃ jīvabhuvanaṃ parivartate ||19||
tattvāni tattvānyuktāni sarve sarvatra sarvadā | jñātṛjñānajñeyamayānyanyathānyāni sarvadā ||20||
kā ca dhīriti tatra brūhi taddurvacamapi spṛhe | kathayāmi śṛṇu prājñe yadāyattā ca viṃśatiḥ ||21||
Das, was man die „Wurzel“ (kanda, d.h. die letzte Ursache) nennt, ist die Unterscheidungslosigkeit (aviveka) selbst – das Höchste, das Große –, in deren Abhängigkeit sich diese Welt der Lebewesen (jīvabhuvana) [im Kreislauf von Geburt, Alter und Tod] dreht.
Die wahren Prinzipien (tattva) sind, wie in allen [Schriften] überall und immer verkündet, einzig diejenigen, die aus Erkennendem, Erkennen und Erkanntem bestehen; alles andere, anders aufgefasst, ist [in diesem Sinne] jederzeit [nur scheinbar wirklich].
„Und was ist die Erkenntniskraft (dhī)?“ – sage mir dies, so schwer es auch auszudrücken ist; danach verlangt es mich [?]. [Śiva:] Ich werde es dir verkünden; höre, du Weise, denn [das Verständnis] aller zwanzig [Fragen] hängt davon ab.
V.21 zweite Vershälfte ('taddurvacamapi spṛhe') unsicher rekonstruiert, mit [?] markiert.
Unter Namen wie Manas (Denksinn), Buddhi (Verstand), Ahaṅkāra (Ichbewusstsein) und Citta (Bewusstseinsstrom) tritt sie, die Erkenntniskraft (dhī), auf; sie ist, je nach Verschiedenheit oder Nicht-Verschiedenheit der Gegenstände, stets von allerlei Gestalt.
Bewegt und unbewegt, grob und fein, schwer zu erkennen und doch überaus klar, ungleichmäßig und gleichmäßig, das All (viśva) und jenseits des Alls, frei von Makel,
gestaltlos und von jeder Gestalt zugleich, allen Kummer bereitend und zugleich beseitigend, alles Verlangen erzeugend und zugleich tilgend – dies ist sie für alle Wesen, überall und immer.
Von der Natur des Sattva, von der Natur des Rajas, von der Natur des Tamas, und zugleich keinem von diesen gleich; von der Gestalt des Weltenkreislaufs (saṃsāra) und zugleich dessen entrücktes, wohlgegründetes Wesen,
frei von Sünde und zugleich von der Gestalt der Sünde, von der Gestalt des Jīva und zugleich von der Natur des Höchsten (para); jenseits der Sinne und doch den Sinnesorganen ganz nahe – sie ist jede Gottheit.
Von der Natur aller Erregung und zugleich von der Gestalt allen Friedens, erbarmungslos und zugleich erbarmungsvoll; von der Natur der Unterscheidungslosigkeit und zugleich der höchsten Wahrheit der Unterscheidung selbst.
Beginn einer langen, hymnenartigen Litanei paradoxer Eigenschaften der 'dhī' (Erkenntniskraft/Buddhi/Manas/Ahaṅkāra/Citta), analog zu ähnlichen Aufzählungen widersprüchlicher Gottesattribute in Upaniṣaden und Tantras; erstreckt sich bis V.37. Kommentar bestätigt für jeden Vers die genaue Anzahl der darin enthaltenen Gegensatzpaare (hier: 2, 2, 3, 3, 3, 3 Paare für V.22-27), was die Grobstruktur der Rekonstruktion stützt.
Die Emporhebende, die Fällende, von der Gestalt der Niederlage und zugleich des Sieges; von der Gestalt des Kummers und zugleich kummerlos, neugierig und zugleich gleichgültig gegenüber allem.
Erbarmungslos und ebenso erbarmungsvoll, hochmütig und zugleich frei von Hochmut; durch nichts zu erschüttern und doch durch alles zu erschüttern, zugleich Glück und Leid.
Von der Gestalt des Zorns, der Gier, des Rausches, der Feindseligkeit, der Missgunst und der Begierde zugleich [– weitere, im Original verlorene Eigenschaften; der Vers soll laut Kommentar insgesamt fünfzehn solcher Eigenschaften enthalten, von denen mehrere hier nicht mehr lesbar sind] –; zugleich ist sie Eunuch, Frau und ebenso Mann.
Unbewegt und bewegt, von klarer, durchsichtiger Gestalt und zugleich getrübt [?]; unergründlich, überaus tiefgründig, überaus ausgedehnt und ebenso dunkel.
Von der Gestalt des Glücks und zugleich des Unglücks, furchtlos und ebenso furchtsam; ohne Begehren und zugleich von der Gestalt des Begehrens, feige und zugleich von heldenhafter Gestalt.
Fehlerlos und zugleich von der Natur der drei Körpersäfte [d.h. leiblich], allwissend und zugleich von törichter Gestalt; für alle Wesen bald eingeschränkt/verborgen und ebenso bald voll erstrahlend.
Dieser Abschnitt (V.28-33) ist im OCR extrem stark beschädigt. Der Kommentar selbst gibt für jeden Vers eine genaue Anzahl der darin gezählten Gegensatz-Eigenschaften an (8, 8, 15, 8, 8, 8); diese Zahlen ließen sich aber nicht überall mit ebenso vielen tatsächlich lesbaren Wörtern in Übereinstimmung bringen, insbesondere in V.30 (nur ca. 9 von 15 rekonstruierbar) und V.33 (nur ca. 6 von 8). Die nicht rekonstruierbaren Eigenschaften sind mit [?] bzw. als Lücke gekennzeichnet; der Gesamtcharakter der Litanei (durchgehend gegensätzliche, alles umfassende Eigenschaftspaare) ist jedoch gesichert.
Von der Gestalt der Ehrlichkeit und zugleich von der Natur des Diebstahls, gefügig und ungefügig, unabhängig [?]; wohlschmeckend, geschmacklos, grausam, sanft – wovor also könnte, durch sie, noch Furcht bestehen?
Ein anderer [Aspekt] wird „Dhī“ genannt, im Denksinn (manas) gleichsam als reines Bewusstsein aufscheinend [?]; wer die Einheit beider [Buddhi und reines Bewusstsein] ohne Unterscheidung [erfährt], ist der Jīva; ein anderer, der eben diese Unterscheidung besitzt, [ist der Befreite].
Ob es sich dabei um ein Aufgeben der Buddhi handelt oder nicht [?] – soweit man dies auch wissen mag –, erkenne [zugleich] ihre Fähigkeit, ihre Nicht-Verschiedenheit vom eigenen Selbst, sowie die von ihr [scheinbar] erlangbaren Früchte.
Yogī, der Kenner (jña), der Kenner des Brahman, der Śiva-Yogī, ebenso der Selbstkenner (ātmavit) – [dies sind nur verschiedene Namen für denselben]; eben durch diese [wahre Erkenntnis der Buddhi] wird die ganze Erscheinungswelt (prapañca) als von einheitlicher Gestalt [mit dem Selbst] erkannt.
V.34-36 stark korrumpiert überliefert; die Abgrenzung von Dhī/Buddhi (als individuierendem Prinzip) gegenüber dem reinen Bewusstsein sowie die verschiedenen Bezeichnungen des Selbst-Erkennenden (V.37) sind durch den paraphrasierenden Kommentar (nicht wörtlich zitiert) inhaltlich gestützt, der genaue Wortlaut bleibt jedoch an mehreren Stellen unsicher, mit [?] markiert.
svātmanastu mano vṛttyā viṣayagrahaṇāya vai | sṛṣṭāni bhūtaśaktyātmavigrahāṇīndriyāṇi tu ||38||
bhūtātmabuddhisaṅghātaśakticaitanyavijṛmbhaṇam | prāṇāstatsākṣibhūto hi jīvastattadātmakaḥ paraḥ ||39||
Durch die Tätigkeit (vṛtti) des dem eigenen Selbst zugehörigen Denksinns (manas), zum Zweck des Erfassens der Sinnesobjekte, wurden die Sinnesorgane geschaffen, deren körperliche Natur aus den Kräften der fünf Elemente besteht.
Die Lebenshauche (prāṇa) sind die verschiedenen Entfaltungen des Bewusstseins in der aus den Elementen und dem Verstand gebildeten Kraft-Ansammlung; der Jīva ist eben deren Zeuge, der sich mit Körper und Sinnen identifiziert; das Höchste (para) ist dasselbe Bewusstsein, wenn es von dieser Identifikation frei geworden ist.
Die Zeit (kāla) nun, wie sie zuvor durch die Erkenntniskraft [beschrieben] wurde, besitzt alle [aufgezählten, widersprüchlichen] Eigenschaften; das Wort „kāla“ selbst, aus zwei Silben bestehend, ist [grammatisch] sächlichen Geschlechts [?].
Sie kann nicht unmittelbar in Worten ausgedrückt oder dir so unmittelbar gezeigt werden; dennoch werde ich dir, soweit es angeht, etwas davon in gebührender Weise erklären.
Die Unterteilung in Tag, Nacht und dergleichen entsteht durch den Zusammenhang mit dem Lauf von Mond, Sonne und so weiter; deshalb ist es nicht angemessen, die Zeit selbst in dieser bloß relativen Weise zu beschreiben.
Die „Lava“ und die anderen Zeiteinheiten, von denen gesagt wird, sie seien die Maßeinheiten des Weltalls – [dies gilt nur relativ]; die wahre Gestalt der Zeit ist jenes reine Bewusstsein, das ohne Anfang und Ende ist.
V.40 zweite Hälfte ('kāla ityakṣaradvandvāt...') im OCR stark beschädigt und grammatisch-etymologisierend; Rekonstruktion und Sinn unsicher, mit [?] markiert.
„Nenne mir die Zeiteinheiten, beginnend bei der Lava, durch die die Zeit von mir erkannt werden kann – etwa beim Durchstechen eines Haufens von Lotosblättern mit einer Nadel.“
Der Zustand, der verstreicht, bis man von einem Blütenblatt zum nächsten durchgestochen hat, wird „Lava“ genannt; dieser, verdreißigfacht, ergibt (wie der Kommentar näher erklärt: dreißig Lava eine Kalā, dreißig Kalā eine Kāṣṭhā, dreißig Kāṣṭhā einen Nimeṣa/Augenblick, acht Nimeṣa einen Atemzug/Mātrā) die „Truṭi“ und die übrigen, je größer werdenden, verkörperten Zeiteinheiten.
Was aber die wahre Wesensnatur dessen betrifft, was „Zeit“ genannt wird, wie sie beschaffen sei: obwohl danach gefragt wurde, kann sie von mir nicht völlig klar in Worten mitgeteilt werden.
Jenes reine Bewusstsein, welches ihre wahre Natur ist, wird einzig durch meditative Versenkung (bhāvanā) erlangt; das ist als ihre wahre Gestalt bezeichnet worden – einen anderen Zugang zu ihr gibt es wahrlich nicht.
Der Kommentar verweist ausdrücklich auf frühere, ausführlichere Behandlungen der Zeiteinheiten in Paṭala 25 und Paṭala 27 dieses Werks. Die genaue Silbenzahl-Kette (30 Lava = 1 Kalā usw.) ist eine Kommentarangabe zur Klärung, nicht Teil des hier übersetzten Wurzeltexts selbst.
Die Planeten (graha) aber, obwohl selbst aus reinem Bewusstsein bestehend, bewirken, immer wieder, durch das Kreisen ihres Rades irgendwann in der Zeit, mannigfache Umwandlungen in sämtlichen Elementen und dergleichen.
So entsteht beständig, in vielfältiger Weise und Gestalt, die Erscheinungswelt (prapañca); ihr Entstehen wie ihr Vergehen bewirken sie – wie der Wind das Feuer, den Verzehrer der Opferspende, anfacht und wieder erlöschen lässt.
„Die Antwort auf meine Fragen, o Gott, o Herr, wurde von dir gegeben; dennoch ist mir bis jetzt noch keine wirkliche Unterscheidung zwischen der Erscheinungswelt und dem Selbst zuteilgeworden.
Wessen, und wie, sind denn Geburt und Tod, dieses Paar? Wenn der Jīva mit jenem gestaltlosen, alldurchdringenden Höchsten identisch ist – wie ist dann überhaupt ein solcher [verkörperter] Zustand möglich?“
V.49 zweite Hälfte ('teṣāṃ codbhavaṃ nāśañca marud iva havirbhujaḥ') unsicher rekonstruiert; das Gleichnis (Wind facht Feuer an bzw. löscht es) ist sinngemäß aus dem Kontext erschlossen, der genaue Wortlaut bleibt mit [?] zu kennzeichnen.
kutaḥ sthitiḥ kathaṃ vā syāttatkālaparamātmanoḥ | mukto vā jāyate kiṃ tu pare vā sambhavanti kim ||52||
kathaṃ vā pañcabhūtānāṃ sthitirdeheṣu vānyataḥ | deheṣu jīvasamprāptiḥ kīdṛśyādi me vada ||53||
yena śrutena citte me śuśrūṣānyasya no bhavet | tathā me sarvasandehāṃśchindhi pūrṇopadeśataḥ ||54||
prāguktabuddhivaividhyādārabdhakarmavipākataḥ | jananaṃ maraṇañceti idaṃ dehaparigrahāt ||55||
Woher, und wie, besteht überhaupt jener Zustand von Zeit und höchstem Selbst [im Jīva]? Wird etwa ein bereits Befreiter wieder geboren, oder entstehen stets andere, neue [Seelen]?
Und wie ist der Aufenthalt der fünf Elemente in den Körpern, oder anderswo? Von welcher Art ist die Ankunft des Jīva in den Körpern, und dergleichen mehr – sage mir dies.
Erkläre es so, dass, nachdem ich es gehört habe, in meinem Herzen kein Verlangen entsteht, noch etwas anderes zu hören; so zerschneide durch eine vollständige Unterweisung alle meine Zweifel.
Aus der zuvor genannten Verschiedenheit der [angeborenen] Erkenntniskraft (buddhi) des Einzelnen, und aus der Reifung des je schon begonnenen Karmas – daraus entstehen, durch das Ergreifen eines Körpers, dieses Paar, Geburt und Tod.
Wie das Feuer in einem glühenden Eisenklumpen [verweilt], so ist der wechselseitige Zustand von Höchstem (para) und Weltall (viśva); das Wirken von Zeit und Höchstem geschieht einzig durch ihre scheinbare wechselseitige Identifikation (tādātmya) mit ihrem jeweiligen Träger.
Befreite Seelen (jīva) aber erscheinen niemals, aus irgendeinem Grund, wieder in der Geburt; ebenso wenig entstehen völlig neue Seelen – dies ist von den Weisen gänzlich so zu verstehen, ohne Ausnahme.
Wie ein Siegelabdruck (mudrā) die Gestalt eines Siegelrings in Wachs oder Lack annimmt, so differenziert die Erkenntniskraft (buddhi), in Gestalt von Jīva und dergleichen, jenes Höchste [scheinbar] in viele Einzelwesen aus.
Der Erde allein eignet ein unbestimmt-diffuser, aber stets fest gegründeter Ort irgendwo im Körper; von Wasser und Feuer hingegen ist der Zustand, dort wie anderswo, stets abwechselnd manifest und unmanifest.
vāyoḥ sarvatra satatamavasthānaṃ tvanekadhā | vyoma sarvagameva syātkālatādrūpyataḥ sadā ||60||
deheṣu sasphuṭaṃ teṣāmavasthānantu pañcadhā | jīvānāmāgatirdehe mātāpitrorata eva hi ||61||
tādātmyaṃ saṅgataṃ tatra jāyate sā cidātmanā | tatra prārabdhavirāmānmaraṇaṃ nidrayā samam ||62||
siddhānāṃ sarvadā dehatyāge bhedo na vidyate | prāgeva tasya dehātmavivekānmanasi svarge ||63||
Der Luft (vāyu) Aufenthalt hingegen ist überall und beständig, doch auf vielfache Weise wechselnd; der Raum (vyoma, Ākāśa) aber ist einfach allgegenwärtig, stets, kraft seiner Wesensgleichheit mit der Zeit.
In den Körpern ist der Aufenthalt dieser fünf Elemente deutlich fünffach unterschieden (als Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum); die Ankunft der Jīvas im Körper geschieht eben von der Vereinigung der Eltern an.
Dort entsteht die scheinbare Identifikation (tādātmya) des Bewusstseins mit dem Körper, eigenmächtig, durch das reine Bewusstsein selbst; und mit dem Ende des jeweils begonnenen Karmas tritt dort der Tod ein – er ist dem Schlaf gleich.
Für die Vollendeten (siddha) besteht beim Verlassen des Körpers zu keiner Zeit ein wesentlicher Unterschied zum Schlaf; denn bereits zuvor gelangte er, durch die Unterscheidung von Körper und Selbst, im Geiste in den „Himmel“ (d.h. die höchste Wirklichkeit).
netareṣāṃ sa sādhyānāṃ sādhakānāñca kālataḥ | puṣyādiṣu tu māseṣu ṣaṭsu rākopakaṇṭhataḥ ||64||
maraṇaṃ sugatitvasya jñāpakaṃ sugatisphuṭam | siddhastu pūrvato mukto dehendriyamanaḥsthiraḥ ||65||
yatastenāsya nidhanaṃ sarvadā sarvatastathā | siddhasya na vyajyata eva bhedastvayam ||66||
Für die anderen aber – die gewöhnlichen, an das Karma gebundenen „zu Vollendenden“ (sādhya) und die noch übenden Sādhakas – gilt dies nicht; für sie ist ein guter Tod zeitgebunden: in den sechs Monaten, beginnend mit Puṣya (d.h. während der Sonnenwende nach Norden, Uttarāyaṇa), und in der Nähe des Vollmonds (rākā).
Nur dann ist der Tod ein deutliches Zeichen für einen guten Übergang (sugati); der Vollendete (siddha) hingegen ist bereits zuvor befreit, auch während er noch fest in Körper, Sinnen und Geist verweilt.
Deshalb tritt für ihn der Tod zu jeder Zeit und auf jede Weise gleichermaßen ein; dies allein ist der Unterschied, der sich beim Vollendeten gegenüber den anderen überhaupt noch zeigt.
V.66 im OCR stark beschädigt; Rekonstruktion und Übersetzung folgen dem Kommentar, der diesen Vers ausdrücklich als zusammenfassende Schlussfolgerung zu V.64-65 paraphrasiert.
„Obgleich alle Lebewesen gleichermaßen mit einem Körper versehen sind – was, o Herr, ist die Ursache ihrer stets so mannigfaltigen Verschiedenheit?“
Wie bei scheinbar gleicher Zugehörigkeit zur Erde die Wasser dennoch verschiedenen Geschmack haben, so entsteht die Verschiedenheit der Lebewesen aus der Verschiedenheit der jeweiligen Veranlagung (āśaya), und diese wiederum eben aus den früheren Taten (karman).
So wie das im trockenen Holz verborgene Feuer, obwohl durch andere Mittel manchmal [scheinbar] zugänglich, nirgends wirklich erfasst werden kann außer durch die Tätigkeit des Reibens mit trockenem [Holz],
ebenso kann die Erlangung der Selbsterkenntnis, ohne die Erlangung eines wahren Gurus (sadguru), für niemanden geschehen – dies ist, für alle Welt und zu jeder Zeit, unumstößlich wahr.
Wie im Boden verborgenes Wasser durch Graben zutage gefördert wird, so erlangt man das eigene wahre Wesen (svasvarūpa), nachdem man sich in den Dienst des wahren Guru (sadguru) begeben hat.
Für den, der durch den Dienst an den Füßen des wahren Guru die eigene Wesensnatur erlangt hat – welcher Unterschied zu irgendetwas anderem könnte da noch bestehen? Er ist von unvergleichlicher, wahrhaftiger Gestalt.
Vollkommene Wesensfülle (ābhirūpya), Freisein von Zweifel, Zufriedenheit, restlose Erfülltheit; ein von Mitgefühl durchtränktes Herz, ein Geist, der nicht (mehr) Gegenstand von Zuneigung und Abneigung ist.
Leichte Zugänglichkeit [für andere], Freisein von Stolz, stete Beständigkeit des Charakters, Dankbarkeit, Wahrhaftigkeit und das Unterlassen des Nachsinnens über fremde Angelegenheiten.
Geradheit (ārjava) und Freisein von Gier nach Besitz, keine übermäßige Anhaftung an Sinnesobjekten; Freisein von Feindseligkeit und von Missgunst, ein Wesen, das nicht allzu unergründlich-hinterhältig ist [?].
Die Kraft, nutzloses Gerede zu unterlassen, und das Meiden nutzloser Betriebsamkeit; keine Unaufrichtigkeit, und kein Umgang mit Menschen von verschlagenem Sinn.
Beginn der vom Kommentar ausdrücklich als „siebenundvierzig Kennzeichen“ (saptacatvāriṃśallakṣaṇāni) des Selbst-Erkennenden (ātmavat) gezählten Tugendliste, die sich bis V.81 erstreckt; der Kommentar gibt für V.73 sieben, für V.74 vier Eigenschaften an, doch lässt sich die genaue Aufteilung wegen der OCR-Schäden nicht in jedem Einzelfall sicher nachvollziehen.
Freude am Erörtern, Nachdenken und Betreiben der [vier] Lebensziele (puruṣārtha); die Fähigkeit, sich des Diebstahls zu enthalten, Gottgläubigkeit (āstikya) und das beständige Nachsinnen über das Jenseits.
Die Neigung, von der Verehrung der Gottheit, ihrem Lobpreis und ihrer Herrlichkeit zu sprechen; das Meiden von Sünden und stete Freude am Vollbringen verdienstvoller Taten.
Zurückhaltung gegenüber dem Loben und Tadeln anderer, Freisein von Leidenschaft; Freisein von Begehren, Freisein von Wankelmut, Unangreifbarkeit und ein Wesen, das nicht träge ist.
Kein Verheimlichen gegenüber den eigenen Anhängern, aber Zurückhaltung gegenüber den Nicht-Anhängern; das Rühmen des Guru, der heiligen Wissenschaft (vidyā), der Āgamas und der rechten Sitte, sowie deren Förderung.
Dies sind die Kennzeichen der Vollendung (siddhi), die den Selbst-Erkennenden (ātmavat) stets eigen sind; den anderen aber eignen sie nicht – ihnen sind sie vielmehr versagt.
V.81 laut Kommentar Abschluss der Zählung: 'etāni proktāni saptacatvāriṃśallakṣaṇāni... tān na labhante ta ātmajñānarahitāḥ' ('dies sind die verkündeten siebenundvierzig Kennzeichen... wer sie nicht erlangt, dem fehlt die Selbsterkenntnis').
Höre nun dies, [Devī]: Ich werde dir denjenigen beschreiben, der die Herrlichkeit des eigenen Selbst erlangt hat, der allen Weltenkreislauf (saṃsāra), alle Torheit, Unwissenheit und Unterscheidungslosigkeit von sich geworfen hat.
Er, mit stets sanft lächelndem Gesicht, voller Freude an rechter Verehrung und rechtem Kult, hält die von Ort, Zeit, Familiensitte sowie [auch] von den Lebenskräften des Guru [?] festgesetzten Regeln ein.
Er meidet Unberührbares für den Körper ebenso wie unlauteres Wissen [?] und [nutzlose] Betätigungen, sowie das, was zeitlich, im Augenblick, verfallen [unrein geworden] ist, [und ebenso solches,] was aus Zuneigung zu Verwandten unumgänglich erscheint, [aber dennoch zu meiden ist] [?], sowie die feststehenden Ordnungen seiner eigenen [Kaste].
Er [kennt] das Vermögen seiner eigenen Sinne, seine eigenen vollbrachten Taten, und – im Besonderen gegenüber Freunden – ein Wesen, das frei von jeder Art von Unterschied [zwischen sich und ihnen] ist [?].
V.83-85 im OCR sehr stark beschädigt; mehrere Satzglieder (insbesondere 'guruprāṇairapi kalpitān' in V.83, 'tathājñānam' in V.84 und der Schluss von V.85) konnten nur sinngemäß angenähert und nicht sicher rekonstruiert werden, durchgehend mit [?] markiert. Der Gesamtsinn (Verhaltensregeln des Vollendeten hinsichtlich Kaste, Reinheit und Gleichmut) ist aus dem Kommentar erschließbar.
vṛthā na kālaṃ gamayeddyūtastrīsvāpavādataḥ | gamayeddevatāpūjājapayogastavādinā ||86||
guroḥ kṛpālāpakathāstotrāgamavilokanaiḥ | gamayedaniśaṃ kālaṃ na vadetparadūṣaṇam ||87||
pratyakṣe ca parokṣe ca stuvīta praṇamedgurum | tadgurostatkṛpādhikyaiḥ puṇyaiśvarye sa satyataḥ ||88||
rāgalobhamadakrodhapāpapaiśunyavarjanaiḥ | santoṣācāraniyamaśāntijñānādyaistathā ||89||
mitāhāro mitālāpo viviktasadvṛttitā | nityācintā svātmaśuddhiḥ kṛtyamātmavatāṃ sadā ||90||
Er vergeude keine Zeit mit Würfelspiel, [ausschweifendem Umgang mit] Frauen, Schlaf oder [müßigem] Streitgespräch; seine Zeit verbringe er vielmehr mit Gottesverehrung, Japa (Mantra-Wiederholung), Yoga-Übung, Lobpreis und dergleichen.
Mit Erzählungen über die Gnade des Guru, mit Gesprächen über ihn, mit Hymnen und dem Betrachten der heiligen Schriften (āgama) verbringe er unablässig die Zeit; er spreche keine Verunglimpfung eines anderen aus.
In seiner Gegenwart wie in seiner Abwesenheit lobpreise und verehre er den Guru; durch das Übermaß von dessen Gnade gelangt er wahrhaftig zu heilvoller Erhabenheit.
Durch das Meiden von Leidenschaft, Gier, Rausch, Zorn, Bosheit und Verleumdung, sowie ebenso durch Zufriedenheit, rechten Wandel, Selbstbeherrschung (niyama), Friedfertigkeit, Erkenntnis und dergleichen zeichnet er sich aus.
Maßvolle Nahrung, maßvolle Rede, ein zurückgezogenes, rechtschaffenes Verhalten, beständiges Nachsinnen [über die Nityās] und die Reinigung des eigenen Selbst – dies ist die stete Aufgabe der Selbst-Erkennenden.
Nachdem man vorschriftsgemäß, inmitten des zuvor genannten Zwölf-Speichen-Cakras [aus Paṭala 19], das Argha dargebracht hat, verehre man in dessen Mitte die Göttin Lalitā und, dahinter, die Guru[-Reihe].
In den [beiden] vorderen [Winkeln entlang der Pāśa-Linien die] acht Waffen[-Śaktis], ringsum in den [drei] Ecken [des Dreiecks], der Reihe nach, Kāmeśvarī und die übrigen [beiden Śaktis ihrer Gruppe]; ebenso, außerhalb davon, wiederum zwölf weitere [Nityās] [?].
Die zwölf anderen [Nityās] verehre man entweder mit der jeweils eigenen Nityā-Vidyā oder mit ihren Namens-Mantras; man verehre sie nach der vorgeschriebenen Anordnung samt den zugehörigen Ritualelementen.
Mit der Vidyā des jeweiligen [Mond-]Tages rezitiere man das Mantra gezählt sechzigmal; keine andere Verrichtung – weder die tägliche noch die gelegentliche Pflicht – ist für ihn dann weiter nötig.
V.92 im OCR stark beschädigt; die genaue geometrische Zuordnung der Waffen- und Śakti-Reihen zu den einzelnen Punkten des in Paṭala 19 beschriebenen Zwölf-Speichen-Cakras (dvādaśāra-cakra) bleibt im Detail unsicher, mit [?] markiert. 'Pṛṣṭhato gurūn' (V.91) und der Bezug auf Paṭala 19 durch den Kommentar ausdrücklich bestätigt.
Hier kann man stattdessen auch die neunfache Yoni-Figur anlegen und sie mit den [in Paṭala 15 genannten] Avasthā-Śaktis verehren, nach einer der beiden zuvor genannten Weisen, in einem einzigen zusammengefassten Ritus.
Dieses Verfahren führt von selbst stets zur Vollendung (siddhi) – jener Vollendung, durch die er, unter allen Vollendeten, zu einem Kenner seines eigenen Selbst wird.
All dies wurde, o höchste Herrin, in [diesem] Tantra verkündet – jene Lehre, durch deren Erwägung der wahre Wesenszustand für uns beide zur Einheit gelangt.
V.96 im Original knapp und möglicherweise unvollständig überliefert (nur ein halber Vers erkennbar); sinngemäß ergänzt.
tadguhyāttantrametattu nābhaktāya kadācana | nāśiṣyāya na dambhāya pracchannānayaśīline ||98||
nāyācate nāstikāya na lubdhāya na mānine | na pāpāya na vittāya nādakṣāya ca bhedine ||99||
yastantrametatsakalaṃ nityāvidyāśca ṣoḍaśa | bhāvaṃ saṅgṛhya vidhivadbhajate sa cidīśvaraḥ ||100||
śivatattvamayī vyāptiriti samyaksamīritā | asyā nirūpaṇāccitte tattvaṃ svātmasātkṛtam |
Dieses geheime Tantra übergebe man daher niemals einem Nicht-Verehrer, keinem Nicht-Schüler, keinem Heuchler, keinem, der sein übles Verhalten verbirgt.
Auch nicht einem bloßen Bittsteller, keinem Ungläubigen, keinem Gierigen, keinem Hochmütigen; keinem Sünder, keinem, der [nur] nach Reichtum [strebt], keinem Unfähigen und keinem Zwieträchtigen.
Wer dieses gesamte Tantra samt den sechzehn Nityā-Vidyās, nachdem er dessen wahren Sinn erfasst hat, vorschriftsgemäß verehrt – der wird zum Herrn des reinen Bewusstseins (cidīśvara).
„Dies ist die Durchdringung, die aus dem Wesen Śivas besteht“ – so ist es rechtens verkündet worden; durch deren Erwägung ist im Herzen das letzte Prinzip (tattva) dem eigenen Selbst gleichgemacht worden.
[Hier endet, im Original mit dem Kolophon 'iti ṣoḍaśanityātantreṣu ślokādimate tantrarāje svātmakathanaṃ nāma ṣaṭtriṃśatpaṭalaṃ paripūrṇam ||36|| oṃ tatsat', das sechsunddreißigste und letzte Kapitel des Tantrarāja-Tantra, genannt „Die Verkündung des eigenen Selbst“ (Svātmakathana). Oṃ tat sat.]
Wurzeltext-Kolophon des letzten Kapitels des gesamten Tantrarāja-Tantra. Der abschließende Segensvers („śivatattvamayī vyāptiḥ...“) folgt einer in diesem Werk wiederkehrenden Formel, die am Ende jedes Kapitels mit einem auf das jeweilige Kapitelthema abgestimmten Kompositum variiert wird (vgl. Paṭala 35: „sadāśivamayī vyāptiḥ“). Verszählung: '100' war im Original als '101' gedruckt (Ziffernverwechslung 0/1) und wurde nach der fortlaufenden Zählung korrigiert. Auf dieses Wurzeltext-Kolophon folgt im Quelltext unmittelbar das lange Kommentar-Kolophon des Subhagānandanātha (bestätigt u.a. den Kapiteltitel 'devatādeśikaśiṣyaprapañcādīnāṃ paramārthasvarūpaprakāśanaparaṃ ṣaṭtriṃśatpaṭalam'), danach die Grantha-Saṃkhyā (Verszählungs-)Angaben und schließlich, ganz am Ende des gesamten Bandes, ein kurzer Prosa-Bericht über die Entstehung von Subhagānandanāthas Kommentar Manoramā (auf Bitten eines Königs von Kaśmīra) und dessen Fortsetzung durch seinen Schüler Prakāśānandadeśika ab Paṭala 23; diese Passagen gehören nicht mehr zum Wurzeltext von Paṭala 36 und wurden daher, dem Auftrag entsprechend, nicht übersetzt.