Quellen der Menschheit

Tantrarāja Tantra

Paṭala 27: Kālasvarūpa 27. Kapitel: Die Wesensform der Zeit (Kālasvarūpa)

Quelle: Tantrarāja-Tantra, Band II (Paṭala XIX-XXXVI) mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts, Calcutta 1926 (archive.org), OCR-Digitalisat (window.TT2), gelesener Bereich ca. Zeichen 477500-513500. Kapitelanfang "saptaviṃśapaṭalam" und Kapitelende (Kolophon "...saptaviṃśaḥ paṭalaḥ ||27||") sind beide im Quelltext eindeutig verifiziert; die Kapitellänge (ca. 34.000 Zeichen, 100 Verse) entspricht in etwa der Schätzung des Orchestrators. Inhalt: Das Kapitel setzt die Nityā-Vidyā-Lehre aus Paṭala 26 fort und behandelt die zeithafte (kāla-)Natur des Prāṇa der sechzehn Nityās: zunächst eine ausführliche, zahlenreiche Korrelation von Atemzügen (21.600 pro Tag), Nasenlochseite (Svara-Lehre: Mond-/Sonnenatem), Elementen, Planeten, Tierkreiszeichen und Śrīcakra-Kräften, verbunden mit Praśna-Divination (vv.1-32); danach eine Darstellung des Nāḍī-Systems mit vierzehn Hauptkanälen und 350.000 Adern insgesamt, der 28 Marman-Punkte und der zehn Prāṇa-Vāyus (vv.33-52); anschließend eine Lehre vom achtgliedrigen Yoga (Yama, Niyama, Āsana, Prāṇāyāma, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna, Samādhi) mit Einzelheiten zu Sitzhaltungen und Atemtechnik (vv.53-72); dann die Siddhi-Lehren des willentlichen Körperverlassens (svecchotkrānti) und des Eindringens in einen fremden Körper (parakāyapraveśa) samt acht Kennzeichen des Vollendeten (vv.73-84); und schließlich ein ausführlicher Katalog von Vorzeichen des nahenden Todes, teils physiologisch (Pulsschlag, Atem, Spiegelbilder), teils ethisch-religiös gedeutet (vv.85-100). Die OCR-Qualität ist – wie im gesamten Band – sehr schlecht; besonders die zahlenreiche Passage vv.9-32 sowie einzelne Verse in vv.62-91 sind im Wurzeltext stark beschädigt (Ziffern- und Wortverwechslungen, vereinzelte lateinische Buchstabenfragmente als Scan-Datenmüll) und wurden mit Hilfe des Manoramā-Kommentars rekonstruiert; unsichere Einzelstellen sind mit [?] gekennzeichnet. Die Verszählung des Originals zeigt an mehreren Stellen offensichtliche OCR-Ziffernverwechslungen (v.9, v.30/31, v.36/37, v.62, v.69/70, v.77/79, v.89, v.95, v.97/98), die anhand der fortlaufenden Zählung und der Metrik korrigiert wurden.

atha ṣoḍaśanityānāṃ kālena prāṇanocyate | mātṛkā-bhūta-nāthādyaiḥ śrīcakreṇa ca śaktibhiḥ ||1|| lavādīnāṃ tu kālasya durlakṣyatvāt tad īritam | śvāsam ārabhya tat-saṃkhyābhiḥ krameṇa vai ||2|| ahorātrasya tad-vyāptir uktā tenānyad ūhayet | viśeṣāṃś cāntarād bāhyāt tattat-siddhi-prapādakān ||3||

Nun wird verkündet, wie die sechzehn Nityās durch die Zeit belebt (prāṇana) werden – durch die Buchstaben (mātṛkā), die Elemente, die Nāthas und dergleichen sowie durch das Śrīcakra und seine Kräfte (śakti). Weil die kleinsten Zeitmaße (lava usw.) der Zeit schwer wahrnehmbar sind, wird sie stattdessen, ausgehend vom Atemzug (śvāsa), der Reihe nach durch dessen Anzahl ausgedrückt. Nachdem so die Durchdringung von Tag und Nacht durch den Atem dargelegt wurde, möge man daraus auf das Übrige schließen – auf die besonderen Erscheinungen, sowohl die inneren als auch die äußeren, die dieses oder jenes Gelingen (siddhi) bewirken.

Der Wurzeltext ist hier durch OCR stark beschädigt; Rekonstruktion von lavādi, śvāsam ārabhya usw. folgt dem Sinn des Manoramā-Kommentars.

mūlādhāroddbhavo vāyuḥ prāṇādy-ākhyāṃ samagrate | sa tu pañcavidho bhūtabhedād udbhavadeśataḥ ||4|| nāsāyāḥ puṭayoḥ pārśvādho-madhyordhva-deśataḥ | prāṇāgni-lāmbu-khātmānaḥ pavanāḥ syur yathākramam ||5|| [?] krameṇa catuṣu bhūteṣu vyoma sarvātmakaṃ bhavet ||6|| ubhayastho bhaved rāhuś candra-sūryau puṭakramāt | tathā tayos tasya praveśo nirgamas tathā ||7|| jīvaś candro raviḥ śūnyo [?] khapuruṣau tathā | pṛthivī salilaṃ [?] anyac cayaṃ bhavet ||8||

Der im Mūlādhāra entstehende Lebenshauch (vāyu) trägt insgesamt die Namen Prāṇa und so fort; er ist, dem Entstehungsort nach den Elementen entsprechend, fünffach. In den beiden Nasenlöchern erscheinen, der Reihe nach von der Seite, von unten, aus der Mitte und von oben, die Winde in der Wesensart von Prāṇa (Luft), Feuer, Erde, Wasser und Äther. [Text unsicher] – der Reihe nach sind den vier Elementen [gewisse Planeten] zugeordnet; der Äther (vyoma) aber ist allen gemeinsam. Rāhu ist in beiden Nasenlöchern zugleich gegenwärtig, Mond und Sonne dagegen je nach der Reihenfolge der Nasenlöcher; ebenso verhält es sich mit deren Eintreten und Austreten. Der Mond ist der lebenspendende (jīva-)Atem, die Sonne der „leere“ (śūnya, unheilvolle) Atem; ebenso gehören [Äther und] Puruṣa hierher; Erde und Wasser entsprechen [dem Mond], die übrige Häufung [den anderen Elementen].

Vv. 6 und 8 (Zuordnung von Planeten und Elementen zu den Nasenlöchern) sind im Original so beschädigt, dass einzelne Wörter mit [?] markiert sind; es handelt sich erkennbar um die klassische Svara-Lehre (Zuordnung von Mond-/Sonnenatem und den fünf Elementen zu den Nasenlöchern), wie sie auch in Svarodaya-Texten begegnet.

[?] jīvaś candraḥ [?] bhāskaraḥ pare [?] | mātṛkāṃ [?] ca tathā vidyāṃ svara-vyañjana-bhedataḥ ||9|| adhaḥ pṛṣṭhaṃ ca candraḥ [?] śarīre'pi ghaṭe rugṇaṃ candrād dho ravir īritaḥ ||10|| astīti vākyaṃ candraḥ syān nāstīti [?] raviḥ [?] | śuklakṛṣṇau tathā pakṣāv iti candrād daśāntarāḥ ||11|| evaṃ sūryā daśa proktā bāhyābhyāṃ ca yaśasvini | ekādaśavidhau candra-bhāskarau samyag īritau ||12|| tayoś candraḥ prītikaraḥ bhāskaraḥ kleśakāriṇaḥ | rāhuḥ śūnyaṃ ca sarvatra nāśāya bhavati kṣaṇāt ||13|| śastaḥ sarvatra suṣṭhu-bhojana-maithunaiḥ | saṃgrahaś cānyad akhilaṃ candre sidhyaty ayatnataḥ ||14||

[Diese Auftakt-Verse zur „Verkündung der Wirkungen der Gestirne“ (grahaphala) sind stark beschädigt.] Der Mond gilt als lebenspendend, die Sonne als das Gegenteil; ebenso unterscheide man die Buchstabenreihe und die in einer Frage enthaltene Silbe nach Vokal- und Konsonantenart. Unten und hinten [entspricht] dem Mond [ein Zustand], im Körper auch Krankheit; unterhalb des Mondes wird die Sonne genannt. Das Wort „es ist“ entspricht dem Mond, „es ist nicht“ [eher] der Sonne; ebenso die helle und die dunkle Monatshälfte – so gibt es zehn Arten der Unterscheidung ausgehend vom Mond. So werden zehn Arten der Sonne genannt, zusammen mit den beiden äußeren [Zuständen], o Ruhmreiche; Mond und Sonne zusammen ergeben recht eigentlich elf Arten. Von beiden bringt der Mond Freude, die Sonne verursacht Leid; Rāhu und die „Leere“ (śūnya) führen überall augenblicklich zum Untergang. [Der Mondatem] gilt überall als gut für Speise, Trank und Beischlaf; auch alles andere Vorhaben gelingt beim Mondatem mühelos.

Vv. 9 und die Zuordnungen in vv.10-11 sind im Original schwer beschädigt (Wortfetzen, teils lateinische OCR-Störzeichen); Übersetzung folgt so weit möglich dem erkennbaren Wortlaut und dem allgemeinen Sinn der Svara-Praśna-Lehre (Deutung von Fragen nach dem fließenden Nasenloch).

jīve tu kathitaṃ tathyam [?] siddhyati | niścitya bhavatīty ukte 'nyathā cet tad anyathā ||15|| aniścite vidhau kanyā [?] sūte pumān | śūnye garbhavipattiḥ syād ity ādyūhāḥ [?] ||16|| śūnye nabhasi rāhau ca śubhāny evāśubhāny api | śubhāni tāni sarvāṇi naśyanti parameśvari ||17|| vāme vahati vāyau tu deśikaśiṣyayoḥ | tatsthāne sthāpayitvā tat karaṇe kathayen manum ||18|| athavā jīvagasthāne tat-karṇe mantram ādiśet | anyathā śūnya-rāhos tu nāśāya guru-śiṣyayoḥ ||19||

Beim Mondatem (jīva) gilt das Gesagte als wahr [und tritt ein]; wird [ein Sachverhalt] als sicher bezeichnet, so tritt er ein, andernfalls das Gegenteil. Ist die Sache unentschieden, so wird ein Mädchen [geboren, im anderen Fall] ein Knabe; bei der „Leere“ (śūnya) droht Fehlgeburt – so lauten diese und ähnliche Schlussfolgerungen. Bei Leere, bei „Himmel“ und bei Rāhu [im Atem] werden selbst günstige [Anzeichen] ungünstig; alle sonst günstigen Dinge gehen zunichte, o höchste Herrin. Wenn der Atem links (beim Guru wie beim Schüler) fließt, soll man [den Schüler] auf dieser Seite aufstellen und ihm dabei die Mantra-Einweihung erteilen. Oder man erteile das Mantra in das Ohr auf der Seite des lebenspendenden (linken) Atems; andernfalls, bei Leere oder Rāhu, gereicht es Guru und Schüler zum Verderben.

Vv.15-16 im Original stark beschädigt; Sinn (Prognose von Gelingen/Geschlecht/Fehlgeburt nach dem fließenden Nasenloch, sowie Vorschrift zur Mantra-Einweihung je nach Atemseite) folgt dem Kommentar.

ṣaṣṭyā yutais tu viṃśatyā niśvāsair nāḍikā smṛtā | tāsāṃ ṣaṣṭyā dinaṃ pūrṇaṃ tad dinaṃ syāt punaḥ punaḥ ||20|| ekasmiṃs tu dine śvāsaiḥ sahasrāṇy ekaviṃśatiḥ | ṣaṭśataṃ ca tataḥ teṣāṃ svarūpaṃ śṛṇu sundari ||21|| ārabhyākhaṇḍyaṃ prātaḥ saptatyā daśa-śataṃ kramāt | prāṇāgni-lāmbu-khāni syur navatyā nātra sa kramaḥ ||22|| tathāpy evam ato'py evaṃ ca daśama-kramāt | dvi-guṇaṃ evaṃ vrajed ādau darśa-pratipadaṃ prati ||23||

Achtzig Atemzüge (60+20) ergeben, wie überliefert, eine Nāḍikā (Zeiteinheit); sechzig solcher Nāḍikās machen einen vollen Tag aus, und dieser Tag wiederholt sich immer wieder. An einem einzigen Tag gibt es 21.600 Atemzüge; höre nun, du Schöne, ihre nähere Beschaffenheit. Vom frühen Morgen an [wechseln], der Reihe nach, mit siebzig, [dann mit] hundertzehn(?) [Atemzügen die Elemente] Prāṇa, Feuer, Wasser, Äther, mit neunzig – hier ist keine feste Ordnung. Ebenso verhält es sich weiterhin nach einer zehnfachen Abfolge; auf diese Weise verdoppelt es sich, beginnend am Neu- und Vollmondtag.

Die genauen Teilzahlen dieses Abschnitts (Umlaufzahlen der Elemente im Atem) sind im OCR-Text der Kommentierung teils unleserlich; die Gesamtzahl 21.600 Atemzüge pro Tag ist jedoch klar belegt und deckt sich mit der bekannten Haṭhayoga-/Svarodaya-Zählung.

evaṃ krameṇa savyaṃ [?] prāṇodayaḥ smṛtaḥ | etat-krama-viparyāsād abhavyāni bhavanti hi ||24|| balādhikāś carā vāme balino dakṣiṇe sthirāḥ | ubhayato'bhayātmānaḥ śubhāśubha-parīkṣaṇe ||25|| sārdhāṣṭāviṃśati-śvāsa-kramād dvādaśa rāśayaḥ | tatra sārdha-catuṣkeṇa bhūtāni syur iti kramāt ||26|| ghaṭikārṇāḥ [?] sarve vāyv-ādya-kāntarodaye | tat-tad-arṇa-bhavāḥ śvāsāḥ [?] triṃśac ca īritam ||27||

So gilt der Reihe nach: links [beginnt] regelmäßig das Aufsteigen des Lebenshauches; kehrt sich diese Ordnung um, so treten Unheil bringende [Zeichen] ein. Im linken [Nasenloch fließende Atemzüge] sind kraftvoll bei beweglichen [Unternehmungen], im rechten kraftvoll bei feststehenden; beide zusammen [dienen] bei der Prüfung von Günstigem und Ungünstigem. Aus der Abfolge von je 28½ Atemzügen [ergeben sich] die zwölf Tierkreiszeichen; darin entstehen, jeweils nach 4½ [Atemzügen], der Reihe nach die Elemente. [Die den Buchstaben zugeordneten Zeiteinheiten (ghaṭikā)] entstehen alle beim Aufgang von Wind (Luft) und den übrigen [Elementen]; die aus den jeweiligen Buchstaben entstehenden Atemzüge werden mit [einer bestimmten Zahl, etwa] dreißig angegeben.

Diese numerologisch dichte Passage (Zuordnung von Atemzügen zu Tierkreiszeichen, Elementen und Buchstaben) ist im Original teils schwer lesbar; einzelne Zahlenangaben bleiben unsicher ([?]).

teṣu daśa-varṇānāṃ daśānām ādito daśa | [?] tataḥ śeṣāḥ prāṇāgni-lāmbu-khāni ||28|| saṃkhyābhir vāsanā-vyāptiṃ śvāsānāṃ śṛṇu sundari | yayā vihitayā santo sadā darśanavān bhavet ||29||

Unter diesen [Atemzügen entsprechen] den zehn Buchstaben [je] zehn [Atemzüge] von Anfang an; die übrigen [gehören] dann [den Elementen] Prāṇa, Feuer, Wasser und Äther [zugeteilt]. Höre nun, du Schöne, wie durch [diese] Zahlen die Durchdringung der Atemzüge mit [den einzelnen] Anlagen (vāsanā) [geschieht] – wodurch der Übende stets Erkenntnis (darśana) erlangt.

Der Kommentar erläutert dies mit umfangreichen, im Original teils unklaren Zahlenangaben (z.B. Gruppen von 350, 1440, 1350 Atemzügen); die einzelnen Summen bleiben deshalb ohne Zahl im Fließtext.

nityā-vidyā-prāpti-tattvānāṃ saṃkhyāḥ syuḥ [?] | tato dina-arṇāḥ saṃkhyāḥ syus tataś ca ghaṭikārṇakāḥ ||30|| rāśayo dvādaśa tato grahā bhūtāni pañca vai | mātṛkāś cāpi pañcāśac chrīcakra-sthāś ca śaktayaḥ ||31|| tāsāṃ navatayaḥ proktā devī sarvātmanā sthitā | evaṃ vidyāṃ vāsanāṃ yo bhāvayet parameśvari ||32||

Es gebe [zunächst] die Zahlen der Wesenheiten von Erlangung und Nityā-Vidyā; danach die Zahlen der Tagesbuchstaben, danach die der Zeiteinheiten (ghaṭikā). [Dann] die zwölf Tierkreiszeichen, dann die Planeten, die fünf Elemente, ferner die fünfzig Buchstaben (mātṛkā) und die im Śrīcakra befindlichen Kräfte (śakti). Von diesen werden neunzig [bzw. einundneunzig Kräfte] genannt; die Göttin ist mit ihrem ganzen Wesen darin gegenwärtig. So [erlangt Erkenntnis], wer Vidyā und Anlage (vāsanā) auf diese Weise meditativ verwirklicht, o höchste Herrin.

Es handelt sich um ein additives Abzugsschema: von der Gesamtzahl 21.600 Atemzügen werden nacheinander die Anteile von Kāla-Nityā, Tagesbuchstaben, Zeiteinheiten, Tierkreiszeichen, Planeten, Elementen, Mātṛkā-Silben und Śrīcakra-Kräften (zuletzt 91) abgezogen; die genauen Teilsummen sind im Kommentartext OCR-bedingt nicht sicher rekonstruierbar.

nāḍī-cakraṃ ca marmāṇi deha-antar-marutāṃ kriyām | yogābhyāsaṃ tathā svecchotkrānti-vidhānakam ||33|| parakāya-praveśaṃ ca yoga-siddhasya lakṣaṇam | āsanna-mṛtyu-cihnāni kathayāmi yathākramam ||34|| prāk proktasya mūlādhārasya madhyagā bāhu-madhyataḥ | suṣumṇā pṛṣṭha-vaṃśākhya-vīṇā-daṇḍasya madhyagā ||35|| mūlād ā brahmarandhrāntā nāsāgrād dvādaśāṅgule [śeṣaḥ] | tadgrāt pāyugā proktā lambā-ākhyā tu nāḍikā ||36||

Das Nāḍī-Rad (nāḍīcakra) und die Verwundbarkeitspunkte (marman), die Bewegung der Lebenswinde im Körperinneren, die Übung des Yoga sowie die Vorschrift des willentlichen Verlassens des Körpers (svecchotkrānti), das Eindringen in einen fremden Körper (parakāyapraveśa) und die Kennzeichen des im Yoga Vollendeten, sowie die Vorzeichen des nahenden Todes – dies verkünde ich nun der Reihe nach. Vom zuvor genannten Mūlādhāra ausgehend, mittig zwischen den Armen gelegen, verläuft die Suṣumṇā mittig durch den als Wirbelsäule bekannten „Vīṇā-Stab“ (Rückgrat). Vom Mūlādhāra bis zum Brahmarandhra [reicht sie], zwölf Fingerbreiten von der Nasenspitze [entfernt endend]; von eben diesem [Punkt] zum After hin verläuft die als Lambā bekannte Nāḍī.

vāma-jātā tv iyaṃ nāḍī kuhūr nāma dhvajāntikā | tad-vāma-dakṣiṇa-pārśvābhyāṃ saṃviśvodara-vāraṇā ||37|| jaṭharāntā sarvagā ca proktā tad-anantare | strī-jid-vāyu [?] tat-tad-aṅguṣṭha-ge padoḥ ||38|| tathaivaiḍā-piṅgale ca nāsā-randhra-udaya-antage | [?] ca tayā [?] netra-dvaya-gate kramāt ||39|| tathā karṇa-gate śaṅkha-paryāsann iva [?] | sarasvatī tu yā nāḍī sā tu jihvāgra-gāminī ||40|| evaṃ dve dve ca nāḍyo dehe pradhānakāḥ | tāsāṃ sandhiṣu tat-sandhiṣv eva nāḍyaḥ sthitās tanau ||41||

Von dort aus entsteht [zunächst] diese Nāḍī, Kuhū genannt, die bis zur Eichel reicht; zu ihrer Linken und Rechten [verlaufen] die Viśvodarā und die Vāraṇā. Die eine endet im Bauchraum, die andere durchzieht den ganzen Körper; unmittelbar danach [verlaufen zwei weitere Nāḍīs], die jeweils an den großen Zehen beider Füße enden. Ebenso enden Iḍā und Piṅgalā im Bereich der beiden Nasenöffnungen; zwei weitere enden der Reihe nach in den beiden Augen. Ebenso enden zwei im Ohrbereich, gleichsam bei der Ohrmuschel; und die Nāḍī namens Sarasvatī endet an der Zungenspitze. So gibt es je zwei und zwei Hauptnāḍīs im Körper; an ihren Kreuzungspunkten (sandhi) sitzen eben dort [weitere, feinere] Nāḍīs im Leib.

Beschreibung der vierzehn Haupt-Nāḍīs (Kuhū, Viśvodarā, Vāraṇā, Iḍā, Piṅgalā, zu Augen/Ohren/Zunge/Zehen führende Kanäle, Sarasvatī u.a.), wie sie auch der Kommentar mit drei Merkversen (saṃgraha-śloka) zusammenfasst; einzelne Namen und Verlaufsangaben im Wurzeltext sind OCR-bedingt unsicher ([?]).

tāsāṃ pradhāna-nāḍīnāṃ saṃkhyā sārdha-trilakṣakam | apradhānāḥ śirā dehe tv asaṃkhyā yābhir eva vai ||42|| veṣṭitāsy anaraiḥ sarvaiḥ svakīyair racitā niśam | nāḍyaḥ suṣirā rakta-maruta-pūrṇāś ca sarva-gāḥ ||43|| suṣumṇā-madhyagā vajrā nāḍī tan-madhyagā parā | citrābhidhānā tan-madhye sthitā sā kuṇḍalī parā ||44||

Die Zahl dieser Haupt-Nāḍīs beträgt dreieinhalb Lakh (350.000); die untergeordneten Adern (śirā) im Körper sind unzählig, und durch sie [wird der Körper durchzogen]. Sie alle sind, jede auf ihre Weise, von ihren eigenen [feineren Kanälen] umschlungen und durchweg gebildet; die Nāḍīs sind hohl, mit Blut und Lebenswind gefüllt und durchziehen den ganzen [Körper]. Inmitten der Suṣumṇā verläuft die Vajrā-Nāḍī, in deren Mitte wiederum eine andere; Citrā genannt, sitzt sie in deren Mitte, und in ihr wiederum die überragende Kuṇḍalī.

sarva-marma-aṅguṣṭha-gulpha-jaṅghā-jānu- [?] | ūru-svanikā-mukha-medhra-nābhiṣu pārśvayoḥ ||45|| hṛdaya-stana-kaṇṭhāṃsa-krakāṭī-karṇa-mūlasu | śaṅkhayoḥ phāla-nāsādi-madhyānta-āsya-kapolataḥ ||46|| aṣṭāviṃśatiḥ proktāny eṣu vāyos tu dhāraṇāt | parakāya-praveśaś ca svecchotkrāntiś ca sidhyati ||47|| daśānām api vāyūnāṃ dehasthānāṃ kriyāḥ śṛṇu | ūrdhvādho-gamana-āsaktau prāṇāpānau sadā tanau ||48|| nāga udgārakṛt proktaḥ kūrma unmeṣakṛt tathā | devadatto jṛmbhaṇa-kṛt kṛkaraś ca dhanañjayaḥ ||49|| kūrma unmeṣakṛt proktaḥ udāno'pi tathā jṛmbhakṛt | samāna-vāyuḥ kāyāgniṃ sandhukṣayati pācitum ||50|| vyānākhyo rasam ādāya vyāpayed akhilāṃ tanum | eṣāṃ daśānām aṃśās tu marutāṃ syur anantakāḥ ||51||

An allen Verwundbarkeitspunkten (marman): Zehen, Fußgelenke, Waden, Knie, Oberschenkel, Weiche, Mund, Glied, Nabel, beiden Flanken, Herz, Brust, Kehle, Schulter, Nackenwirbel, Ohrwurzeln, den Schläfen, Stirn, Nase und deren Umgebung, Mund und Wangen – achtundzwanzig [Punkte] werden so genannt; durch Zurückhalten des Lebenswindes (vāyu-dhāraṇā) an diesen gelingen das Eindringen in einen fremden Körper und das willentliche Verlassen des eigenen. Höre nun auch die Wirkweisen der zehn im Körper wohnenden Lebenswinde: Prāṇa und Apāna sind stets im Körper mit Aufwärts- und Abwärtsbewegung befasst. Nāga heißt der für das Aufstoßen zuständige [Wind], Kūrma der für das Blinzeln (Lidschlag), Devadatta der für das Gähnen, Kṛkara [für Hunger und Niesen], Dhanañjaya [bleibt auch nach dem Tod im Leichnam]. Kūrma bewirkt, wie gesagt, das Blinzeln, ebenso Udāna das Gähnen(?); der Samāna-Wind entfacht das Körperfeuer, um die Nahrung zu verdauen. Der Vyāna genannte [Wind] nimmt den [verdauten] Saft (rasa) auf und durchdringt damit den ganzen Körper; von diesen zehn Winden gibt es unendlich viele Teilströme.

Kataloge von 28 Marman-Punkten und den zehn Prāṇa-Vāyus (Prāṇa, Apāna, Nāga, Kūrma, Devadatta, Kṛkara, Dhanañjaya, Udāna, Samāna, Vyāna) nach klassischer Haṭhayoga-Physiologie; v.50 wiederholt im OCR-Text ungewöhnlich die Kūrma-Zuordnung aus v.49, evtl. Verschreibung im Original für Udāna.

teṣāṃ prasārād dehasya samocīnā sthitir bhavet | vailakṣye vikṛtatvān na tv eka-nāśāya kalpate ||52|| jīvātma-abheda-rūpeṇa manasā paramātmanaḥ | yogo yogas tu vijñeyas tasyāṅgāni tathāṣṭau vai ||53|| yamo niyamaḥ paścād āsanaṃ tad-anantaram | prāṇāyāmas tathā pratyāhāras tad-anu dhāraṇam ||54|| dhyānaṃ samādhir ity etāny aṣṭāṅgāni yathākramāt | kathayāmi guṇān prājñe yair jñātvā mat-samo bhavet ||55||

Durch deren [gleichmäßige] Ausbreitung stellt sich die richtige Ordnung des Körpers ein; bei Ungleichmäßigkeit hingegen, durch Störung [verursacht], führt dies – wenn auch nicht sogleich zum Tod – [zu Krankheit]. Als Vereinigung des individuellen Selbst (jīvātman) mit dem höchsten Selbst (paramātman) vermittels des Geistes ist der Yoga zu verstehen; seine Glieder sind bekanntlich acht. Yama, danach Niyama, dann Āsana; ferner Prāṇāyāma, danach Pratyāhāra, danach Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi – dies sind, der Reihe nach, die acht Glieder. Ich will nun ihre Eigenschaften darlegen, o Weise, durch deren Kenntnis man mir gleich wird.

tat-pratyūhāḥ ṣaḍ ākhyātāḥ kāma-krodhau tataḥ tathā | lobha-mohau [?] vahnivat sadā nāśakāḥ ||56|| ātma-aparokṣa-pratyūha-karmaṇas tu yamo yamaḥ | tasyaikādaśa-rūpaḥ syān niyamaḥ parikīrtitaḥ ||57|| ahiṃsā satyam āstikyam ārjavaṃ samatā dhṛtiḥ | kṣamā dayā tridhā śaucaṃ santoṣo guru-sevanam ||58|| padma-svastika-vīrākhya-bhadrāṇy uktāni vai kramāt | āsanāni manaḥ-svāsthya-karaṇe sādhakāni vai ||59|| ūrvor upari vinyasya vyatyāsāt pādayos tale | bāhya-pārśva-dvaya-sparśāt tat padmāsanam īritam ||60|| tathā tayor adho-bhāgas tad-antaḥ-pārśva-saṅgamāt | svastikākāra-taḥ proktaṃ tad bhadrāsanam īśvari ||61||

Sechs Hindernisse (pratyūha) werden genannt: Begierde und Zorn, ferner Gier und Verblendung, [Stolz und Neid,] die wie Feuer stets zerstörerisch sind. Yama nun ist das Zurückhalten (yamana) der Tätigkeiten, die der unmittelbaren Erkenntnis des Selbst entgegenwirken; Niyama wird als elffach überliefert. Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Gottgläubigkeit, Aufrichtigkeit, Gleichmut, Standhaftigkeit, Geduld, Mitgefühl, dreifache Reinheit (Geist, Rede, Körper), Zufriedenheit und Dienst am Guru. Padma-, Svastika-, Vīra- und Bhadra-Āsana werden der Reihe nach als die Sitzhaltungen genannt, die zur Beruhigung des Geistes im Rahmen der Yoga-Übung dienlich sind. Indem man [die Füße] gekreuzt auf die Oberschenkel legt, sodass ihre Sohlen die beiden äußeren Seiten [des jeweils anderen Oberschenkels] berühren, entsteht das Padmāsana. Wenn hingegen deren Unterteil [die Füße] innerhalb, seitlich zusammentreffend [unter den Oberschenkeln] liegt, entsteht die als Svastika-Form bezeichnete Haltung, das Bhadrāsana, o Herrin.

v.61 benennt hier offenbar (in vom Kommentar leicht abweichender Zuordnung) Svastika-Form und Bhadrāsana zusammen; die genaue Abgrenzung der vier Āsanas bleibt an dieser Stelle des Kommentars etwas uneindeutig.

tala-antaḥ pārśvagaṃ kuryād ekam anyat tu bāhyagam | ūrvor adhas tathorddhvaṃ ca dvidhā bhadrāsanaṃ smṛtam ||62|| vyatyasta-talayor ūru-saṃsparśād ūru-jaṅghayoḥ | pādyor jānu-deśe vai vīrākhyaṃ yoga-vid-vṛtam ||63|| prāṇāyāmas tridhā proktaḥ uttamādhama-madhyamāḥ | lāghavaṃ bhū-tala-tyāgaḥ uttame citta-nirvṛtiḥ ||64|| sarvāṅge sveda-vṛddhir adhame madhyame tathā | sarvāṅga-kampanaṃ proktam abhyāsāt kāla-saṃyutāt ||65|| te apy uttama-guṇā bhūyur abhyāsāt kālayogataḥ | ambu samabhyaset prātaḥ sāyaṃ ca niyamena vai ||66|| vāmena nāsārandhreṇa pūrayed amṛtātmanā | dhārayet svaṃ [?] paścād dakṣiṇenāpasārayet ||67||

Man lege eine Sohle innen an den [Oberschenkel], die andere außen; unterhalb und oberhalb der Oberschenkel [ausgeführt], gilt so das Bhadrāsana in zweifacher Form. Wenn die gekreuzten Fußsohlen die Oberschenkel berühren, an Oberschenkel und Wade, bei den Füßen in Höhe der Knie – das kennen Yogakundige als Vīrāsana. Der Prāṇāyāma wird als dreifach bezeichnet: höchster, niederer und mittlerer; Leichtigkeit [des Körpers bis zum] Verlassen des Erdbodens [d.h. Levitation] sowie Herzensruhe [kennzeichnen] den höchsten. Vermehrtes Schwitzen am ganzen Körper [kennzeichnet] den niederen, Erzittern des ganzen Körpers den mittleren – so wird es bei anhaltender, zeitlich ausgedehnter Übung [beschrieben]. Auch diese [Zeichen] werden durch fortgesetzte, zeitlich geregelte Übung zu höchsten Eigenschaften; man übe [den Prāṇāyāma] morgens und abends regelmäßig, [begleitet vom maßvollen Genuss von] Wasser. Durch das linke Nasenloch fülle man [sich] mit dem unsterblichkeitshaften [Atem], halte ihn zurück, und lasse ihn danach durch das rechte [Nasenloch] wieder entweichen.

evaṃ susādhite prāṇe caturviṃśan-mātrayāharet | dhārayet tac catuḥ-ṣaṣṭyā recayet tat tridhā yataḥ ||68|| kampaḥ pulakānandau vaimalya-sthairya-lāghavāḥ | tathā kānti-prakāśau ca yoga-siddhasya lakṣaṇam ||69|| mūlādhāre manaḥ kṛtvā vāyunāpūrya mūlataḥ | nāḍī-cakrāntaraṃ nītvā sarvāṅgāni ca cārayet ||70|| evaṃ saṃsādhite vāyāv aṣṭāviṃśatsu marmasu | dhārayan vārayed icchā-vaśenāṅgāni svataḥ ||71|| tathā dhāraṇa-gataṃ kṛtvā vahniḥ pavana-saṃyutam | tāpena dāha-vyāptatvaiḥ sahasā vyāpayet tanum ||72||

So halte man, wenn der Atem gut beherrscht ist, ihn mit vierundzwanzig Zeiteinheiten (mātrā) an, verweile damit vierundzwanzig(?)... vierundsechzig [Einheiten] und lasse ihn dann in dreifacher Weise wieder aus. Zittern, Haarsträuben und Wonnegefühl, Reinheit, Standhaftigkeit, Leichtigkeit, ebenso Glanz und Strahlen [der Haut] – das sind die Kennzeichen des im Yoga Vollendeten. Indem man den Geist im Mūlādhāra fixiert, [den Körper] von der Wurzel her mit Atem erfüllt, ihn durch das Innere des Nāḍī-Rades führt, lasse man ihn durch alle Glieder wandern. Ist so der Atem an den achtundzwanzig Verwundbarkeitspunkten gemeistert, so kann man ihn festhaltend die Glieder von selbst nach Belieben lenken oder zurückhalten. Ebenso bringe man, den Atem so festgehalten, das [innere] Feuer mit dem Lebenswind vereint zum Lodern, und durchdringe durch die Hitze der Verbrennung plötzlich den ganzen Körper.

Die genauen Zählmaße (mātrā) für Einatmung/Anhalten/Ausatmung in v.68 sind im Original zahlenmäßig unsicher überliefert; Grundschema (längeres Anhalten als Ein- und Ausatmen) folgt der klassischen Prāṇāyāma-Lehre.

evaṃ tair akṣarair dehe vāyunā tanmayī-kṛte | trikāla-jño viśuddhātmā sukhī jīved ciraṃ bhuvi ||73|| svecchācāro vyomagaś ca [?] saṅgamam | svecchayā deham adhyāsthaḥ kuhara-saṃsthagato yathā ||74|| evaṃ saṃsiddha-yogas tu svecchayā deham ātmanaḥ | prāṇān ākṛṣya madhyastha-suṣumnā-randhrataḥ tathā ||75|| brahma-randhrād vinirgatya bhūyāt sarvātmanātmavān | athavottara-saṃprokta-cūrṇāsvādanato vaśī ||76|| virakta-cittaḥ svaṃ dehaṃ tenopāyena tyajet | svecchotkrāntir iti proktā yoga-yukta-ātmanāṃ priye ||77||

So wird, wenn der Körper durch diese Silben mittels des Lebenswindes ganz davon durchdrungen ist, [der Yogin] zum Kenner der drei Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), reinen Wesens, und lebt glückselig lange auf Erden. [Er erlangt] freie Bewegung nach Belieben, auch durch den Luftraum, [und] die Vereinigung [mit dem Höchsten]; nach eigenem Willen weilt er im Körper, so wie einer in einer Höhle wohnt [ohne von ihr eingeengt zu sein]. So im Yoga vollendet, zieht er nach eigenem Willen die Lebenswinde seines Körpers durch die Öffnung der mittig gelegenen Suṣumṇā zusammen, tritt durch das Brahmarandhra aus und wird ganz und gar selbstbeherrscht und alldurchdringend; oder aber, durch das Kosten des später (im 34. Kapitel) genannten Pulvers gebändigt, verlässt er, mit gelöstem Geist, auf diesem Wege seinen eigenen Körper – dies wird, o Liebste, als das willentliche Scheiden (svecchotkrānti) der im Yoga geeinten Seelen bezeichnet.

Verweis in v.76 auf ein im 34. Kapitel beschriebenes Pulver (cūrṇa) als alternative Methode; die genaue Wortfolge in v.74 ist OCR-bedingt unsicher.

parakāya-praveśaṃ tu vadāmi devi mahādbhutam | kalau duḥśādhyaṃ prāyo bhavati siddhir apy īśvari ||78|| akleśataḥ parityajya prāṇān svaka-tanuṃ tathā | paripūrṇāṅga-saṃyuktām agrato vīkṣya yogataḥ ||79|| praviśet tat-tanuṃ prāṇa-pratiṣṭhokta-vidhānataḥ | svāṃ tanuṃ gopayet svīyais tatas tāṃ ca tathā vrajet ||80|| siddhasya lakṣaṇāny aṣṭau [?] sarvadā | guṇais tair jāyate guṇaḥ ||81|| [indriyāṇāṃ hāniḥ?] sukhāvāptir ārogyaṃ vaśya-vṛttitā | jitendriyatvam akrodhaḥ kṛpayā jana-gopitā ||82||

Nun verkünde ich, o Göttin, das Eindringen in einen fremden Körper (parakāyapraveśa), ein großes Wunder; im Kaliyuga ist es meist nur schwer zu erlangen, doch auch diese Vollkommenheit gibt es, o Herrin. Ohne Qual verlässt man den Lebenshauch im eigenen Körper und erblickt zuvor, kraft des Yoga, [einen fremden] Körper, der noch vollständig mit allen Gliedern versehen ist; in diesen Körper trete man dann ein, gemäß der zuvor genannten Vorschrift der Lebenseinhauchung (prāṇapratiṣṭhā); den eigenen Körper aber lasse man durch die Seinen verwahren, und begebe sich dann [in den neuen]. Acht Kennzeichen des Vollendeten (siddha) [gibt es], die stets [durch solche Übung entstehen]; durch diese Eigenschaften entsteht [die betreffende] Eigenschaft. [Nachlassen der Sinnesnot(?)], Erlangung von Glück, Gesundheit, Herrschaft über den eigenen Zustand, Bezwingung der Sinne, Freiheit von Zorn, aus Mitgefühl geborener Schutz für die Menschen.

v.81 ist im Original stark verkürzt/beschädigt; die acht Siddha-Merkmale werden hier aus v.82 (das offenbar deren Aufzählung fortsetzt) rekonstruiert.

āsanna-mṛtyoś cihnāni kathayāmi tava priye | yaiḥ sādhya-sādhakau jñātvā deha-tyāgam atandritau ||83|| devatā-ātma-bhajana-parau syātāṃ tatas tu tau | sugatiṃ prāpya siddhiṃ tu bhavato jāta-mātrataḥ ||84||

Nun verkünde ich dir, Liebste, die Vorzeichen des nahenden Todes, durch deren Kenntnis der [Guru als] zu Führende und der Übende, unermüdlich, sich fortan ganz der Verehrung der Gottheit und des Selbst hingeben; so erlangen beide sogleich nach dem Eintritt [des Todes] einen guten Zustand (sugati) und Vollendung (siddhi).

akāraṇaṃ nijāṃ pūrvāṃ visṛjya prakṛtiṃ naraḥ | samāśrayet tataḥ tv abdān muktis tasya suniścitam ||85|| aruṇaṃ dhruvaṃ na paśyati [?] dṛṣṭyā ca vāme [?] | dṛṣṭir nāsāntikākrāntā candrake yoga-netreṇa cet ||86|| na vilokayati tasya ṣaḍbhir māsair muktim eti suniścitam | gulphayoḥ sphuraṇaṃ hīnaṃ [?] na jāyete ||87|| tasyāśu nāśo bhavati bhānau muṇḍaṃ ca paśyataḥ | niruddha-karṇa-randhrasya na cet kuṇḍalinī-dhvaniḥ ||88|| dhūmo vā dṛśyate nāgnau gṛhādi vātirikto vā | dṛṣṭi-gā vihagā līnāḥ parāsuṃ taṃ na ko vadet ||89|| pañcāṅgulī-kṛtāñjaliyor gaṇḍūṣe na paśyec chakracāpakam | sadyaḥ parāsum ātmānaṃ jānīyāt sarvathā naraḥ ||90|| sva-mastakaṃ kare paśyet prakoṣṭhe sthūlam ātmanaḥ | ā-gulpha-ūru-antara-ābhāṃ paśyann āśu vinaśyati ||91||

Wenn ein Mensch ohne ersichtlichen Grund sein früheres, gewohntes Wesen (prakṛti) aufgibt und sich fortan [einem entgegengesetzten] zuwendet, dann ist seine Befreiung [vom Leben, d.h. sein Tod] innerhalb weniger Jahre gewiss. Wenn man mit festem Blick die Morgenröte(?) nicht mehr sieht, [und] wenn der zur Nasenspitze gerichtete Blick, mit dem yogischen Auge betrachtet, den Mondschein (candraka) nicht mehr erblickt – wer dies nicht mehr wahrnimmt, dessen Tod ist binnen sechs Monaten gewiss. Wenn das Pulsieren an beiden Fußgelenken ausbleibt und [gewisse Anzeichen] sich nicht mehr zeigen, so tritt sein Tod bald ein; ebenso wenn einer, dessen Ohren verschlossen sind, den inneren Klang der Kuṇḍalinī nicht mehr vernimmt, während er in die Sonne blickt und dabei einen [kopflosen] Rumpf sieht, oder wenn er Rauch sieht, wo kein Feuer ist, oder ein Haus und dergleichen, wo keines ist, oder wenn er Vögel aus seinem Blickfeld verschwinden sieht – von einem solchen kann niemand anders sagen, als dass sein Leben zu Ende geht. Wenn einer, die Hand zur Schale geformt [mit Wasser gefüllt], darin kein regenbogenfarbenes Licht (śakracāpa) erblickt, so soll er unweigerlich wissen, dass sein Leben sogleich zu Ende geht. Sieht einer sein eigenes Haupt [gespiegelt] in der Hand, oder den Unterarm auffallend verdickt, oder einen ungewöhnlichen Glanz im Bereich zwischen Fußgelenk und Oberschenkel – wer dies sieht, geht rasch zugrunde.

Klassischer Katalog von Todesvorzeichen (āsanna-mṛtyu-lakṣaṇa), wie er ähnlich auch in Svarodaya-Texten (z.B. Śivasvarodaya) belegt ist; zahlreiche Einzelheiten (v.86-87, 89-90) sind im Original OCR-bedingt nur bruchstückhaft lesbar und mit [?] markiert; Grundsinn (Ausbleiben bestimmter Wahrnehmungen/Reflexe als Todeszeichen) ist jedoch aus dem Kontext klar.

keśa-śukra-malāni sva-nimagnāni jale yadā | nimagne prayāty eva yamaṃ santyajya jīvitam ||92|| śvāsa-hīnāṃ pratimāṃ paśyan dhruvaṃ yāti yamālayam | bhāskaraṃ bhagaṇair hīnaṃ paśyann api yāti yamālayam ||93|| jalādiṣu tanucchāyāṃ vikṛtāṃ vīkṣya māsataḥ | prāpnoti nidhanaṃ chidraṃ paśyan bhānoś ca maṇḍale ||94|| prātar anulipta-gātrasya puraḥ śuṣyati ced uraḥ | sa pakṣād yāti nidhanaṃ sarvair api surakṣitaḥ ||95|| gurum mātṛgaṇān viprān candra-sūryau ca devatāḥ | āstikān satataṃ nindan akāraṇata eva ca ||96|| vedānta-ādi-dalane parityāge sva-roṣataḥ | guru-mantra-parityāge apy acirāj jāyate kṣayaḥ ||97|| guruṃ vidyāṃ ca janakaṃ jananīṃ svadevatāḥ | sadā adhikṣepa-śāpābhyāṃ nyakkurvann āśu naśyati ||98|| pustakaṃ nija-gehaṃ vā viṣṭaraṃ śayanaṃ tu vā | niṣkāraṇaṃ nirākurvann āśu naśyati mānavaḥ ||99|| dṛṣṭe cakravālānāṃ vaivarṇye māsato mṛtiḥ | dhyāte svadeva-vairūpye māsato nidhanaṃ bhavet ||100||

Wenn Haare, Same und Ausscheidungen von selbst im Wasser untersinken, so scheidet er, sobald sie untergehen, aus dem Leben und geht zu Yama ein. Wer sein Spiegelbild ohne [wahrnehmbaren] Atem sieht, geht mit Sicherheit zu Yamas Reich ein; wer die Sonne ohne ihren Strahlenkranz sieht, geht ebenfalls zu Yamas Reich ein. Wer im Wasser und dergleichen den eigenen Körperschatten verzerrt erblickt, erleidet binnen eines Monats den Tod; ebenso, wer einen Riss in der Sonnenscheibe sieht. Wenn bei einem am Morgen [mit Öl] Gesalbten die Brust vorne austrocknet, so geht er binnen einer halben Monatshälfte zugrunde, mag er auch von allen [Mitteln] beschützt sein. Wer beständig, ohne jeden Grund, den Guru, die Muttergottheiten, die Brahmanen, Mond und Sonne, die Gottheiten sowie die Rechtgläubigen (āstika) schmäht, wer aus eigenem Zorn heraus Veda und Vedānta und dergleichen zunichtemacht oder verwirft, oder auch den Guru-Mantra aufgibt – dem widerfährt binnen kurzem der Untergang. Wer Guru, [heilige] Wissenschaft (vidyā), Vater, Mutter und die eigenen Gottheiten beständig durch Schmähung und Verwünschung geringschätzt, geht rasch zugrunde. Wer sein [heiliges] Buch, sein eigenes Haus, seinen Sitz oder sein Lager ohne Grund verwirft, dieser Mensch geht rasch zugrunde. Sieht man eine Verfärbung am Horizont ringsum, so folgt binnen eines Monats der Tod; sieht man im [inneren] Anschauen die eigene Gottheit entstellt, so tritt binnen eines Monats der Tod ein.

Fortsetzung des Todesvorzeichen-Katalogs; ab v.96 werden auch ethisch-religiöse Verfehlungen (Schmähung von Guru, Veden, Eltern) als todesankündigende Vorzeichen gedeutet – ein in dieser Form ungewöhnlicher, aber im Kommentar klar bestätigter Zug dieses Kapitels.

kāla-tattvamayī vyāptir iti samyak samīritā | asyā nirūpaṇāc cittaṃ bhavet svātmasāt tava ||101|| (Kolophon:) iti ṣoḍaśanityātantre kālasvarūpaṃ nāma saptaviṃśaḥ paṭalaḥ.

So wurde die aus dem Wesen der Zeit (kāla-tattva) bestehende Durchdringung [der sechzehn Nityās] vollständig und richtig dargelegt; durch das Erfassen (nirūpaṇa) dieser [Lehre] werde dein Geist deinem eigenen Selbst gleich [d.h. mit ihm geeint]. So [endet] im Tantra der sechzehn Nityās das siebenundzwanzigste Kapitel, betitelt „Die Wesensform der Zeit“ (Kālasvarūpa).

Root-Kolophon (Wurzeltext-Kolophon): der genaue Kapiteltitel ist im OCR-Text stark entstellt (unleserliche Buchstabenfolge statt des Titelworts); aus dem inhaltlichen Zusammenhang des Kapitels (Zeit/kāla als Prāṇa-Grundlage der 16 Nityās, vgl. v.1 und den ausführlichen Kommentar-Kolophon, der das Kapitel als „kālātmaka-prāṇa-vyāpti-ādi-vidhāna-prakāśanaparam“ zusammenfasst) sowie aus den erkennbaren Resten wird der Titel als Kālasvarūpa („Die Wesensform der Zeit“) rekonstruiert. Der lange Kommentar-Kolophon nennt wie gewohnt Subhagānandanātha als Verfasser des Manoramā-Kommentars zum Prapañcasāra-siṃharāja-prakāśa (Tantrarāja) und beschreibt dieses Kapitel als Darlegung der zeithaften Wesensart des Prāṇa der 16 Nityās.

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