Paṭala 28: lokatādātmyādikathanaṃ nāma aṣṭāviṃśaṃ paṭalam
28-tes Kapitel: Die Darlegung der Wesenseinheit der sechzehn Nityās mit Zeit und Welt (nebst ihrer Schutz-Rüstung und den Planeten-Maṇḍalas)
Quelle: Tantrarāja-tantra mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts, Calcutta: Agamanusandhana Samiti 1926 (Band II, Paṭala XIX-XXXVI; archive.org, OCR). Übersetzt wurde nur der Wurzeltext (Verse 1-101), nicht der ausführliche Sanskrit-Prosakommentar; dieser wurde nur an einzelnen, in den Notes vermerkten Stellen zur Klärung einer OCR-Lesung herangezogen (insbesondere zur Auflösung der wiederkehrenden OCR-Fehllesung des Wortes 'mātṛkā', der Buchstaben-Matrix, die im Rohtext durchweg als unmögliche Lautfolge erscheint). Inhalt: Das Kapitel setzt die Nityā-Lehre fort und behandelt die Wesenseinheit (tādātmya) der sechzehn Nityās mit Zeit (kāla) und Welt (loka): die Durchdringung von Zeit, Mātṛkā (Lautreihe) und Welt (V.1-4); die kosmische Geographie um den Berg Meru mit den sieben Ozeanen und das vom Wind der höchsten Śakti angetriebene, im Uhrzeigersinn rotierende Zeitrad (kālacakra) mit dem Tierkreis und den sieben Planeten (V.5-13); die Verteilung der sechzehn Nityās – mit Lalitā/Mahānityā in der Mitte am Meru und Citrā im äußersten Leerraum (parama-vyoman) – über ein komplexes, jahres- und inselweises (dvīpa-weises) Rotationsschema durch die Weltzeitalter (V.13-22); eine Anleitung zur ortsbezogenen und zeitbezogenen Verehrung der jeweils 'zuständigen' Nityā nach Wohnort, Jahrestag und Tithi mit entsprechendem Frucht-Versprechen (V.23-30); eine visionäre Beschreibung eines Juwelen-Eilands im äußeren Ozean mit Kurukullā, Vārāhī (?) und der auf einem Juwelenthron inmitten singender Śaktis residierenden Lalitā, umgeben von Weltenbaum, göttlichen Leichnamen und unzähligen Śaktis (V.31-45); die Frucht dieser Meditation (Reinheit im Umkreis eines Yojana, Jīvanmukti) und ein Verweis auf Kapitel 35 für weitere Kennzeichen des zu Lebzeiten Befreiten (V.46-52); die vollständige Nityā-Kavaca (Schutz-Rüstung), in der die sechzehn Nityās, teils reittierweise (Elefant, Pferd, Löwe, Wagen, Woge, Luft, Erde) angerufen, den Leib, die Himmelsrichtungen, das Denken und den Sadhaka vor Gefahren, Krankheit, Lastern und bösen Geistern schützen (V.53-71); und schließlich eine sehr technische, geometrisch detaillierte Anleitung zur Konstruktion der neun Planeten-Maṇḍalas (Navagraha) aus den Buchstaben der Mātṛkā, einschließlich eigener, aufwendigerer Sonder-Maṇḍalas für Sonne und Mond, mit den zugehörigen Namen-Mantras, Materialien und Opfergaben (V.72-100), abgeschlossen durch einen zusammenfassenden Schlussvers (V.101) und das doppelte Kolophon. Die OCR-Qualität dieser Ausgabe ist durchgehend sehr schlecht; besonders in den geometrischen Konstruktionsanweisungen (V.76-100) und in der Nityā-Kavaca (V.53-70) sind einzelne Wörter, Zahlen und die genaue Zuordnung von Himmelsrichtungen zu einzelnen Nityā-Namen wegen Wortverstellung und Seitenumbrüchen im Original nur ungefähr rekonstruierbar; Vers 5 fehlt im OCR offenbar die erste Vershälfte (Seitenumbruch). Alle unsicheren Stellen sind mit [?] gekennzeichnet. Der tatsächlich gefundene Zeichenbereich (ca. 512645-549050 in window.TT2, Kapitelanfang 'aṣṭāviṃśapaṭalam' und Kolophon 'aṣṭāviṃśaṃ paṭalam, 28' beide eindeutig verifiziert) entspricht der Schätzung des Orchestrators; die Kapitellänge (101 Verse, ca. 36000 Zeichen brutto inkl. Kommentar) ist unauffällig, nicht ungewöhnlich kurz.
atha ṣoḍaśanityānāṃ lokātmatvaṃ vadāmi te | yanmayaṃ viśvam akhilaṃ vartate sacarācaram ||1||
kālamātṛkayor vyāptiḥ prāgevoktā mayā tava | vācyavācakayogena mātṛkālokayor api ||2||
vyāptim [adyāhaṃ?] pravakṣyāmi samyak te kālalokayoḥ | yadāyattam idaṃ viśvaṃ nityās tatkālavigrahāḥ ||3||
kālasya ṣoḍaśākāro rūpo dṛśyata eva hi | vṛddhikṣayābhyāṃ candrasya ādyayā kalayā tathā ||4||
Nun verkünde ich dir die Welthaftigkeit (loka-ātmatva) der sechzehn Nityās: von deren Wesen das gesamte Universum samt allem Beweglichen und Unbeweglichen erfüllt ist.
Die Durchdringung (vyāpti) zwischen Zeit (kāla) und der Mātṛkā (der Lautmatrix, der Reihe der Sanskrit-Laute) wurde dir von mir bereits früher verkündet; ebenso [die Durchdringung] zwischen der Mātṛkā und der Welt (loka), vermittelt durch die Beziehung von Bezeichnetem und Bezeichnendem (vācya-vācaka).
Die Durchdringung zwischen Zeit und Welt will ich [nun] wohlgeordnet verkünden: da dieses Universum davon abhängig ist, sind die Nityās eben die Verkörperungen dieser Zeit.
Die sechzehnfache Gestalt der Zeit ist ja wahrhaftig sichtbar: durch das Wachsen und Schwinden [der fünfzehn Digitationen] des Mondes sowie ebenso durch dessen erste, [beständige, sechzehnte] Kalā (Mondphase).
Die OCR gibt für 'mātṛkā' (Buchstaben-Matrix, die Reihe der Sanskrit-Laute a-kṣa) durchweg eine unmögliche, verlesene Lautfolge; die Lesung 'mātṛkā' wird durch den Kommentar gesichert, der ausdrücklich auf die in den Kapiteln 25 (kāla-mātṛkā) und 26 (mātṛkā-loka) dieses Bandes bereits gelehrte Durchdringung verweist ('prāgeva pañcaviṃśe paṭale... ṣaḍviṃśe paṭale mayā tavoktā'). Vers 3 Pāda a im OCR als 'vyāptisadā' überliefert, metrisch und syntaktisch unvollständig; probeweise zu 'vyāptim adyāhaṃ' emendiert, mit [?] markiert. Vers 4 zweite Hälfte durch Kommentar gestützt: die fünfzehn wechselnden Mond-Kalās entsprechen den fünfzehn übrigen Nityās, die 'erste' bzw. unveränderliche sechzehnte Kalā der Mahānityā (Lalitā), vgl. V.13-16.
[?erste Vershälfte im Original verloren?] | tayor anyonyanityatvavyāptiṃ tadvat sthitiṃ tayoḥ ||5||
nityālokasthitiṃ mānaṃ tāsāṃ kavacavigraham | grahāṇāṃ mātṛkārūpaṃ śṛṇu proktaṃ krameṇa vai ||6||
hemarūpo bhuvo madhye merus tiṣṭhati parvataḥ | tasyābhito mahopārśve pañcāśacchatayojanāḥ ||7||
lavaṇekṣusurāsarpirdadhikṣīrajalātmabhiḥ | sindhubhiḥ saptabhir dvīpais tais tair dviguṇottaraiḥ ||8||
āhatā bāhyasalilajaladhir bāhyapārśvayoḥ | madhye vistāramānāt tu bahir āhṛtya tat punaḥ ||9||
kālacakraṃ parāśaktimārutena sadaiva tu | nūnaṃ paribhramaty eva paścimādhaḥ pasavyataḥ ||10||
[Die erste Vershälfte fehlt im überlieferten Text] ... die gegenseitige Ewigkeits-Durchdringung (nityatva-vyāpti) der beiden [Zeit und Welt, bzw. Mahānityā und der übrigen Nityās], und ebenso ihr [wechselseitiges] Bestehen.
Höre der Reihe nach, was verkündet wird: das Bestehen und Maß von Nityā und Welt, deren Kavaca-Gestalt (Schutz-Rüstungsform), und die Mātṛkā-Gestalt der Planeten (graha).
In der Mitte der Erde erhebt sich der goldene Berg Meru; rings um ihn, an seinen mächtigen Flanken, [erstreckt sich ein Gebiet von] fünftausend Yojanas.
[Er ist umgeben] von den sieben Ozeanen, die aus Salzwasser, Zuckerrohrsaft, Wein, Ghee, Dickmilch, Milch und [süßem] Wasser bestehen, und von jenen [entsprechenden] Inseln (dvīpa), diese jeweils mit doppelter Ausdehnung [gegenüber der vorherigen].
Der äußere Salzwasser-Ozean reicht an [beide] äußeren Seiten [des Systems]; von der Mitte aus wird, nach dem Maß der Ausdehnung, [dieses Maß] wiederum nach außen fortgesetzt.
Das Zeitrad (kālacakra) dreht sich, durch den Wind der höchsten Śakti [angetrieben], stets und fürwahr im Uhrzeigersinn, mit der [Sonnen-]Spitze westwärts gewandt, von unten [aufsteigend].
Vers 5: Im OCR ist unmittelbar nach einem Seitenumbruch (mit Wasserzeichen) nur eine einzelne Verszeile ('tayor anyonyanityatvavyāptim...') mit der Nummer 5 erhalten; die vorausgehende erste Vershälfte fehlt in der Quelle vollständig – eine dokumentierte Lücke, kein Rateversuch. Laut Kommentar zu Vers 4 ging es dort um die ungeteilte Zeitnatur der Mahānityā gegenüber der durch Teilung bestehenden Kalā-Natur der anderen Nityās. Verse 7-10 beschreiben die klassische purāṇische Kosmographie (Meru, sieben konzentrische Inseln und Ozeane), die hier als räumliches Substrat für die Verteilung der sechzehn Nityās dient (vgl. V.13ff.); Vers 9 stark verderbt, mit [?] zu lesen.
Und jenes [Zeitrad ist], nach seinem [eigenen] Maß erkannt, mit acht Gliedern [?] versehen, [sowie] mit den zwölf Speichen aus Licht, verbunden mit den Gestalten [der Tierkreiszeichen], beginnend mit dem Widder.
In jenen Bahnen (vīthi) stehen, mit dem Gesicht nach Osten gewandt, die sieben Planeten, [geordnet] nach der genannten, den Tierkreiszeichen entsprechenden Zeit, sowohl oben als auch unten.
Durch deren Lauf entsteht das Bestehen der Welten; inmitten des Meru weilt Lalitā, von großem Glanz, stets [unveränderlich].
Um sie herum, bis zu den wasserumgrenzten [vierzehn] Bereichen, [weilen] die übrigen [Nityās], beginnend mit Kāmeśī [?]; außerhalb davon aber, im höchsten Leerraum (parama-vyoman), weilt Citrā.
Vom Kṛta[yuga]-Jahr an beginnend, Jahr für Jahr in dieser Weise verweilend, wandern sie in den folgenden Jahren der Reihe nach durch [ihre] Umläufe.
Im sechzehnten Jahr [des Zyklus, wechselt es]: [dann ist] Lalitā im höchsten Leerraum, [und, an anderer Stelle des Zyklus, ist sie] im Wasser-Ozean, und Citrā wird [dann jeweils die andere]; so vollziehen sie den Umlauf [reihum].
Verse 11-12 (Aufbau des Zeitrades mit zwölf Tierkreiszeichen-Speichen und den sieben Planeten in ihren Bahnen) sind im OCR extrem korrupt; nur der Grundsinn (zwölfspeichiges, tierkreisförmiges, planetenbesetztes Zeitrad) ist gesichert. Verse 13-16 beschreiben laut Kommentar ein komplexes 16-Jahres-Rotationsschema: die sechzehn Nityās wechseln reihum zwischen acht kosmischen 'Stationen' vom Meru (Jambudvīpa) bis zum äußersten Leerraum jenseits des Salzozeans; Lalitā (Mahānityā) und die äußerste, Citrā, tauschen im Verlauf der Zyklen ihre Plätze. Die genaue Ortsfolge ist wegen starker OCR-Korruption nur in Umrissen, nicht Wort für Wort, rekonstruierbar; Vers 14 'kāmeśyādayaḥ' (Kāmeśī u.a., d.h. die vierzehn übrigen Nityās von Kāmeśvarī bis Jvālāmālinī) ist eine kontextuell gestützte Ergänzung, im OCR selbst kaum lesbar.
evaṃ yugeṣu cānyeṣu vartate proktarūpataḥ | kāleṣv api ca madhyādi paravyomāntam avaraiḥ [?] ||17||
parivṛttiṃ bhajante tā madhyasthā svāṃśataś caret [?] | anyāḥ sarvās tu tatra caranti svayam eva vai ||18||
tathā kālakramāt tās tu bhajanta parivartanam | kālato deśataś cakrād aikyaṃ saṃjāyate yadā ||19||
tadā bhavanti bhūpālā dhārmikāḥ kālavarṣataḥ | prajāś ca sukhino bhūyū arogāḥ [?] ||20||
kālacakrasya bāhyasthavīthyāṃ tiṣṭhanti tārakāḥ | tadbahiḥ paramavyoma sthitis tasyāḥ tadantikā [?] ||21||
tāsām api ca nityānāṃ ṣoḍaśānāñ ca tat kramāt | evaṃ deśe ca kāle ca tanmayaṃ samudīritam ||22||
So verhält es sich, in der genannten Weise, auch in den anderen Weltzeitaltern (yuga); auch bezüglich der Zeiten [erstreckt sich dies] von der Mitte an bis zum äußersten Leerraum, mit den [jeweils zuständigen] niederen [Nityās] [?].
Sie vollziehen den Umlauf; die in der Mitte [weilende Lalitā] bewegt sich [dabei nur] um ihren eigenen Anteil [?]; alle anderen aber wandern dort von selbst, eigenständig.
Ebenso vollziehen sie, gemäß dem Zeitverlauf, [ihren] Umlauf; wenn durch Zeit, Ort und Kreislauf (cakra) Einheit (aikya) entsteht,
dann werden die Herrscher rechtschaffen, entsprechend dem Zeit-Jahr, und die Untertanen mehr und mehr glücklich [und] krankheitsfrei [?].
An der äußeren Bahn des Zeitrades stehen die Sterne (nakṣatra); außerhalb davon [erstreckt sich] der höchste Leerraum – dort, in seiner Nähe, ist ihre [Citrās] Stellung [?].
Und so wurde, der Reihe nach, für alle diese sechzehn Nityās, sowohl hinsichtlich Ort als auch Zeit, deren Wesenseinheit [mit Ort und Zeit] verkündet.
Der Kommentar liefert zu Vers 22 eine ausführliche Tabelle, welche Insel (dvīpa) und welches Jahrespaar (im 16-Jahres-Zyklus) welcher Nityā zugeordnet ist (z.B. Jambudvīpa/Jahr 1 u. 9 = Kāmeśvarī u. Kulasundarī; Lavaṇasamudra/Jahr 2 u. 10 = Bhagamālinī u. Nityaklinnā; usw. bis Parama-vyoman/Jahr 8 u. 16 = Tvaritā u. Lalitā); diese Kommentar-Tabelle wird hier nur zusammenfassend referiert, nicht als Wurzeltext übersetzt. Vers 21 'tasyāḥ' statt OCR 'tava' (dein) konjiziert, da grammatisch sinnvoller (Bezug auf Citrā); mit [?] markiert.
deśavarṣatithīnāñ ca saṃjñātaikyam āgatām | pūjayet saviśeṣaṃ tāṃ pra japec cākhilāptaye ||23||
teṣu vidyopadeśāt tu tasyās tat sannidhir bhavet | mahāśaktiś ca jāyeta trayāṇām aikyavaibhavāt ||24||
kālaprāptāṃ yajet svābdajanmavāsare tu tām | deśaprāptāṃ tu tanmāsapūrṇāyāṃ pūjayec chive ||25||
pratyabdam evaṃ kurvāṇaṃ na muñcati ramā yaśaḥ | kadācid api dīrghāyur arogo jñānavān sukhī ||26||
rājabhir manujaiḥ strībhir anyaiḥ prāṇibhir apy asau | mānyate sarvamantrāṇāṃ siddhas tatpūjanāt ||27||
jambūś ca śālmalau ca krauñcaś ca yathākramam | śākañ ca puṣkaraś ceti saptadvīpeṣu bhūruhāḥ [?] ||28||
Diejenige [Nityā], die als mit Ort, Jahr und [Mond-]Tithi übereinstimmend erkannt wird, verehre man in besonderer Weise und rezitiere [ihr Mantra], um alles Erwünschte zu erlangen.
Durch die Belehrung in der Vidyā (dem Mantra) bei jenen [Gelegenheiten] entsteht die Gegenwart eben dieser [Gottheit]; und aus der Herrlichkeit der Einheit der drei [Faktoren Ort, Zeit, Tithi] entsteht große Macht (mahāśakti).
Die durch die Zeit [zuständige Nityā] verehre man am Jahrestag der eigenen Geburt; die durch den Ort [zuständige] aber verehre man, Śivā, am Vollmondtag des betreffenden [Geburts-]Monats.
Wer dies Jahr für Jahr so vollzieht, den verlässt Wohlstand und Ruhm niemals; [er wird] stets langlebig, krankheitsfrei, weise und glücklich.
Von Königen, Menschen, Frauen und anderen Lebewesen wird er geachtet; durch jene Verehrung wird er in allen Mantras vollendet (siddha).
Jambū, Śālmali, Krauñca der Reihe nach, sowie Śāka und Puṣkara – [dies sind, mit den übrigen,] die [namensgebenden] Bäume auf den sieben Inseln (dvīpa) [?].
Vers 28 nennt im überlieferten Text nur fünf der sieben Dvīpa-Baumnamen (Jambū, Śālmali, Krauñca, Śāka, Puṣkara – es fehlen Plakṣa und Kuśa); ob dies eine echte Lücke der Quelle oder ein bloßer OCR-Verlust ist, bleibt offen, daher mit [?] markiert. Die sieben Inseln (dvīpas) sind traditionell nach ihrem jeweils namensgebenden Baum benannt (Jambū = Rosenapfelbaum usw.), ein Standardmotiv der purāṇischen Kosmographie, das hier mit dem Nityā-Verehrungsschema verknüpft wird.
teṣāṃ nāmabhir eva suras tattannāmāni tanmukhāt | tattannāmabhir abhyarcya taddvīpaṃ tava pūjayet ||29||
tāṃ tāṃ nityāṃ tatra tatra kāle kāle tu sādhakaḥ | evaṃ pūjayitur loke na samo 'sti na cādhikaḥ ||30||
madhye bhūmiṃ tām abhitaḥ kālacakraṃ tato bahiḥ | mahāvyoma ca niḥsīmaṃ tatraitadvayasaṃsthitiḥ ||31||
susthirāyā bhuvo madhye cakrasya bhramaṇāgatiḥ | grahāṇāṃ tatra saṃvāsapracāraniyatātmanām ||32||
kāraṇaṃ parameśāni tavecchaiva tu kevalam | na tv anyad avalambāya tayoḥ kutrāpi vidyate ||33||
tayor bahiḥ pare sindhau kvacid abjicatuṣṭayam [?] | madhye tattīre kolavaktrā tu pañcamī [?] ||34||
Mit eben diesen [Baum-]Namen [ist] der Gott [des jeweiligen Eilands benannt]; mit jenen Namen aus ihrem [des Baumes] 'Mund' [d.h. mit diesen Namen] sollst du, [sie] verehrend, jene Insel (dvīpa) verehren.
Jene [jeweilige] Nityā verehre der Sādhaka dort und dort, zu jener und jener Zeit; für einen Verehrer, der so [vorgeht], gibt es in der Welt keinen Gleichen und keinen Höheren.
In der Mitte [befindet sich] die Erde; um sie herum das Zeitrad; danach, außen, der grenzenlose große Leerraum (mahāvyoman); dort besteht diese Zweiheit [von Erde-und-Zeitrad einerseits und großem Leerraum andererseits].
Inmitten der fest ruhenden Erde [vollzieht sich] die Umlaufbewegung des Rades, in welchem die Planeten, deren Wesen an feste Aufenthalts- und Wandelbahnen gebunden ist, [ihre Bahn ziehen].
Die Ursache dafür, höchste Herrin, ist einzig und allein dein Wille; ein anderer Halt für diese beiden [Erde-und-Zeitrad sowie den großen Leerraum] gibt es nirgends.
Außerhalb dieser beiden, im äußersten Ozean, [befinden sich] irgendwo vier Lotusteiche [?]; in der Mitte, an deren Ufer, [ist] der fünfte, [gekennzeichnet durch] die Eberschnauze (kola-vaktra, d.h. Vārāhī) [?].
Verse 32-33 formulieren die für den Tantrarāja charakteristische Lehre, dass allein der Wille (icchā) der höchsten Śakti (Parāśakti) Grund und Halt von Erde, Zeitrad und Kosmos ist. Vers 34 stark verderbt; 'kolavaktrā' (die Eberschnäuzige) ist ein gängiges Epitheton der Vārāhī, hier als Übergang zur folgenden Vision des Juwelen-Eilands mit Kurukullā (V.35) gedeutet; die genaue geographische Anordnung ('vier Lotusteiche plus ein fünfter') bleibt unsicher.
salile kurukullāñ ca potārūḍhāṃ śucismitām | tanmadhye navaratnāni mahādvīpañ ca tatra vai ||35||
kalpakadrumagandharvaiḥ ṣaḍbhiḥ sevitavigraham | tanmadhye 'saṃkhyarūpābhir vṛtāṃ saṅgītaśaktibhiḥ ||36||
gītavādyanṛtyādisaṃsaktābhir anāratam | vinodyamānāṃ vilasatsadmany aravilocanām ||37||
ratnamaṇḍapamadhyastharatnasiṃhāsanopari | śucismitāṃ śaśibindugītākarṣaṇananditām ||38||
Im Wasser [meditiere man auf] Kurukullā, auf einem Boot fahrend, mit reinem Lächeln; inmitten davon [befinden sich] neun Juwelen, und dort auch die große, [aus ihnen bestehende] Insel (mahādvīpa).
[Diese Insel ist] von sechs Wunschbäumen und Gandharvas bedient; in ihrer Mitte [thront die Göttin], von unzähligen Gestalten, den Gesangs-Śaktis, umgeben,
[von jenen Śaktis,] die unaufhörlich mit Gesang, Musik, Tanz und dergleichen beschäftigt sind, wird sie ununterbrochen erfreut; sie, mit lotosgleichen Augen, in einem strahlenden Wohnsitz [thronend].
Auf einem Juwelen-Löwenthron inmitten eines Juwelen-Pavillons [sitzend], rein lächelnd, erfreut durch den hinreißenden Gesang der Śaśibindu(-Śakti) [oder: durch den vom Mond-Punkt (śaśibindu) ausgehenden, hinreißenden Gesang].
Diese Verse setzen die kosmologische Vision fort in eine Dhyāna-artige Schilderung eines Juwelen-Eilands im äußersten Ozean, auf dem Lalitā inmitten singender Śaktis thront – ein Motiv, das die Śrīcakra-Kosmologie der früheren Kapitel (Band I) aufgreift. 'ṣaḍbhiḥ ... gandharvaiḥ' (sechs Gandharva-Wunschbäume) und 'śaśibindu' (Name einer Śakti oder Bezeichnung des Mondpunkts) bleiben in ihrer genauen Bedeutung unsicher; der Gesamtsinn (paradiesische, von Musik erfüllte Insel als Thronsitz der Göttin) ist jedoch klar.
[Sie ist es,] deren Gestalt aus der Wonne (ānanda) entstanden ist, die durch den Genuss des selbstentstandenen Nektars (sahaja-āsava) [erlangt wird]; die den guten Sādhaka mit einem von Mitleid feuchten und doch strengen Seitenblick anschaut.
Ringsum, mit bunten Schmuckstücken, goldenen Wedeln (cāmara) und dergleichen erstrahlend, sieht sie auch die ebenso [geschmückten] göttlichen Leichen (śava) [als Sitzunterlagen].
[Sie sieht jene,] vorn mit [ihren] Śaktis gerüstet, in endloser Festesfreude; und wird ebenso ringsum von den ihr wesensgleichen Nityās verehrt.
Wer sie so verehrt, erlangt allmählich deren Gestaltgleichheit; jenes Wohlgefallen und den Aufenthalt in ihrer Nähe wird er ganz gewiss erlangen.
Die überaus wunderbare, aus neun Juwelen bestehende Insel, zehn Millionen Yojana breit und ebenso lang, ist von Ozeanen desselben Ausmaßes umgeben.
[Man meditiere sie] im Pavillon inmitten eines Drittels der Juwelen-Insel, [einem Bereich] von einem Drittel jenes Ausmaßes, strahlend wie tausend Sonnen.
Wer sie, ringsum an den Rändern mit dem Glanz von zehn Millionen Sonnen erstrahlend, von unzähligen Śaktis begleitet, so meditiert, der wird mir [Śiva] gleich.
Verse 39-45 schildern in stark erotisch-tantrischer Bildsprache die Dhyāna-Vision der Göttin auf dem Juwelen-Eiland: 'sahajāsava' (der selbstentstandene, innere Nektar) und die Leichen (śava) als Sitzunterlage sind Standardmotive der Śrīvidyā-Ikonographie (Lalitā/Tripurasundarī thronend über Śiva-als-Leichnam bzw. über den fünf Leichen-Pīṭhas). Diese anstößig erscheinenden bzw. ritualistischen Bildelemente wurden, der Methode entsprechend, sachlich und wörtlich wiedergegeben.
evaṃ dhyātvārcayed devīṃ bhaktyā paramayoktayā | naro nirastasaṃsāramūlājñāno jitendriyaḥ ||46||
nipuṇaś ca kalādakṣaḥ sukhibhiḥ samavittavān | aprāpaḥ puṇyaśīlaś ca satyārjavasamanvitaḥ [?] ||47||
deśikaḥ svakulottaṃgaḥ sarvaiḥ sambhāvitātmavān | jāyate tasya parito yojanaṃ pāvanaṃ bhavet ||48||
tadālokanasaṃlāpasaṃsparśādikṛtāṃ nṛṇām | pāpakarmacayāt tena rahitāḥ syus tatsamāḥ ||49||
kālacakrasya nityāyāḥ lokasya ca bahiḥsthitiḥ | vyomarūpam anādāntaṃ yat tac cinmayam āvayoḥ ||50||
yo veda vayaśeṣan tu nityāvaibhavam īritam | sa jīvanmukta evaiti proktaṃ tallakṣaṇañ ca te ||51||
samastāpadi muktyarthe sarvasampadvāptaye | bhūtapretapiśācādipīḍāśāntaye sukhāptaye ||52||
Wer so meditierend die Göttin mit höchster, rechter Hingabe verehrt, [wird zu] einem Menschen, dessen Unwissenheit, die Wurzel des Weltenkreislaufs, beseitigt ist, und der seine Sinne bezwungen hat;
der geschickt und kundig in den Künsten wird, an Vermögen den Glücklichen gleich, unerreicht [von Widrigkeiten], von tugendhaftem Wesen, mit Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit ausgestattet [?];
der zu einem Lehrer (deśika) wird, der sein eigenes Geschlecht überragt, von allen Geachteten; um ihn herum wird [alles] im Umkreis eines Yojana rein.
Die Menschen, die ihn nur anblicken, mit ihm sprechen, ihn berühren und dergleichen, werden dadurch von der Anhäufung ihrer sündigen Taten befreit und werden ihm gleich.
Was außerhalb des Zeitrades, der Nityā und der Welt besteht – jene anfang- und endlose Leerraum-Gestalt – das ist unser beider [Śiva-Śakti] aus reinem Bewusstsein bestehendes [Wesen].
Wer diesen Rest von uns beiden kennt, [nämlich] die verkündete Herrlichkeit der Nityā, der wird eben ein zu Lebzeiten Befreiter (jīvanmukta); und dessen Kennzeichen wird dir [im 35. Kapitel] verkündet.
Zur Befreiung aus jeder Not, zur Erlangung allen Wohlstands, zur Besänftigung von Plagen durch Bhūtas, Pretas, Piśācas und dergleichen, zur Erlangung von Glück [dient das Folgende]:
Vers 50-51 formulieren die philosophische Spitze des Kapitels: das Jenseits von Zeitrad, Nityā und Welt ist mit dem gemeinsamen reinen Bewusstsein (cit) von Śiva und Śakti identisch; wer dies erkennt, wird zum Lebzeiten-Befreiten (jīvanmukta). Der Kommentar bestätigt den ausdrücklichen Verweis auf Kapitel 35 ('pañcatriṃśat paṭale vakṣyate') für die nähere Kennzeichnung des Jīvanmukta – ein Beleg für die innere Verweisstruktur des Werks. Vers 52 leitet, noch unvollständig, zur folgenden Nityā-Kavaca über.
Zur Vernichtung aller Krankheiten, zum Sieg in der Schlacht, in Schrecken erregenden [Situationen durch] Diebe, Löwen, Panther, Elefanten, wilde Rinder und dergleichen,
im Wald, im Bergdickicht, auf dem Weg, ebenso bei Hungersnot, bei Bedrängnis des Geistes durch Wasser und dergleichen, in der Bedrängnis eines Schiffes und dergleichen –
wer die Nityā-Kavaca [auch nur] einmal rezitiert, der übersteht [alle Gefahren]; er lebt glücklich, frei von Gegensatzpaaren, ohne Rivalen, mit gebändigten Sinnen.
Höre jene Kavaca, Göttin, ich will sie dir verkünden, sie, die von ebendiesem [meinem eigenen] Wesen ist; durch welche auch ich in den Kämpfen stets Sieger über Götter und Dämonen bin.
Von allen Seiten, zu jeder Zeit, möge Lalitā, die Allgegenwärtige, [mein] Selbst schützen. Kāmeśvarī möge von vorn (Osten) schützen, Bhagamālā aber in der nächstfolgenden [Richtung, Südosten].
[Sie] möge ebenso die Südost-Richtung [vollends] schützen, mich stets schützen; und Nityaklinnā und Bheruṇḍā mögen [je] eine [weitere] Richtung stets für mich schützen [?].
Ebenso möge Vahnivāsinī den westlichen Bereich beschützen; Mahāvajreśvarī möge stets die nächstfolgende Richtung (Nordwesten) beschützen.
An meiner linken Seite (Norden) mögen stets Śivadūtī [und] danach Tvaritā [mich] schützen; jene weitere Richtung möge Kulasundarī behüten und beschützen.
Die Nityā-Kavaca (V.53-71) ordnet die sechzehn Nityās den acht Haupt-Himmelsrichtungen, den Zwischenräumen sowie Körper, Denken u.a. zu, nach dem Muster: Kāmeśvarī (O), Bhagamālā (SO), Nityaklinnā (S), Bheruṇḍā (SW), Vahnivāsinī (W), Mahāvajreśvarī (NW), Śivadūtī (N), Tvaritā (NO), Kulasundarī (weitere Richtung). Die genaue Zuordnung einzelner Richtungen zu einzelnen Namen ist in Vers 58 wegen starker OCR-Korruption und möglicher Wortverstellung über die Versgrenze hinweg nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren (mit [?] markiert); die Gesamtstruktur (ein Schutzkreis aus den sechzehn Nityās um den Rezitierenden) ist jedoch durch Vers 56 und den Kommentar klar bezeugt.
nityā mā ūrdhvataḥ pātu sādhvī me pātu sarvadā | nityā nīlapatākākhyā vijayā sarvataś ca mām ||61||
karotu me maṅgalāni sarvadā sarvamaṅgalā | dehendriyamanaḥprāṇān jvālāmāliniḥ [?] ||62||
pālayed aniśaṃ citrā cittaṃ me pātu sarvadā | kāmāt krodhāt tathā lobhān mohān mānān madād api ||63||
pāpān matsarataḥ śokāt saṃśayāt sarvataḥ sadā | staimityāc ca samudyogād aśubheṣu tu karmasu ||64||
asatyakrūracintāto hiṃsātaś cāpi tathā | rakṣantu māṃ sarvadā tāḥ śubhaiṣaṇāḥ śubheṣu ca ||65||
nityāḥ ṣoḍaśa māṃ pāntu gajārūḍhāḥ svaśaktibhiḥ | tathā hayasamārūḍhāḥ pāntu māṃ sarvataḥ sadā ||66||
siṃhārūḍhās tathā pāntu māṃ taraṅgagatā api | rathārūḍhāś ca māṃ pāntu sarvataḥ sarvadā raṇe ||67||
Nityā möge mich von oben schützen, die Tugendhafte möge mich stets schützen; die Nityā namens Nīlapatākā [und] Vijayā [mögen mich] von allen Seiten [schützen].
Sarvamaṅgalā möge mir stets Heilvolles bewirken; Jvālāmālinī [möge] Körper, Sinne, Denkvermögen und Lebenshauch [schützen] [?].
Citrā möge unaufhörlich [mich] behüten, sie möge stets mein Denken (citta) schützen – vor Begierde, Zorn, ebenso vor Gier, Verblendung, Stolz und Rausch,
vor Sünde, Missgunst, Kummer, Zweifel – von allem, jederzeit; vor Erstarrung und [übereiltem] Unternehmen bei unheilvollen Handlungen,
vor unwahrem, grausamem Denken sowie ebenso vor Gewalt – mögen jene [Nityās], die auf das Heilvolle bedacht sind, mich stets beschützen und [mich leiten] zu heilvollen [Taten].
Die sechzehn Nityās, auf Elefanten reitend, mit ihren [jeweiligen] Śaktis, mögen mich schützen; ebenso mögen sie, auf Pferden reitend, mich von allen Seiten stets schützen.
Auf Löwen reitend mögen sie mich ebenso schützen, auch auf Wellen (taraṅga) fahrend; auf Wagen fahrend mögen sie mich von allen Seiten, allzeit, in der Schlacht beschützen.
Verse 61-65 schließen die Zuordnung der restlichen Nityās (Nityā, Nīlapatākā, Vijayā, Sarvamaṅgalā, Jvālāmālinī, Citrā) zu Oben/Unten, Körper und Geist ab und wenden sich dann von räumlichem zu ethischem Schutz (vor Begierde, Zorn, Gier usw.); Verse 66-67 fügen eine Reihe von Reittier-Anrufungen (Elefant, Pferd, Löwe, Woge, Wagen) hinzu, wie sie für Kavaca-Texte typisch sind. Einzelne Zuordnungen (v62) bleiben wegen OCR-Lücken unsicher.
[vyāghrārūḍhāñ? ] ca māṃ pāntu tathā vyomagatās tathā | bhūgatāḥ sarvadā pāntu māñ ca sarvataḥ sarvadā ||68||
bhūtapretapiśācāpasmārakṛtyādikān gadān | nāśayantu svaśaktīnāṃ bhīṣaṇair āyudhair mama ||69||
gajāśvadvīpimahiṣavyāghrārūḍhākhilāyudhāḥ | asaṃkhyāḥ śaktayo devyāḥ pāntu māṃ sarvataḥ sadā ||70||
sāyaṃ prātar japan nityākavacaṃ sarvarakṣakam | kadācin nāśubhaṃ paśyen na śṛṇoti ca durjanaḥ ||71||
[Auf Tigern (?) reitend] mögen sie mich schützen, ebenso im Leerraum wandelnd; auf der Erde befindlich mögen sie mich stets, von allen Seiten, allzeit schützen.
Die Krankheiten (gada), verursacht durch Bhūtas, Pretas, Piśācas, die Fallsucht, Kṛtyā-Zauber und dergleichen, mögen sie mit den furchterregenden Waffen ihrer eigenen Śaktis vernichten.
Auf Elefanten, Pferden, Panthern, Büffeln und Tigern reitend, mit allen [Arten von] Waffen versehen, mögen die unzähligen Śaktis der Göttin mich von allen Seiten, stets, beschützen.
Wer diese, alles beschützende Nityā-Kavaca abends und morgens rezitiert, wird niemals Unheilvolles sehen, noch [Unheilvolles] von einem üblen Menschen hören.
Vers 68 Anfang im OCR unlesbar ('tāḍyārūḍhāñ'); nach dem Kontext von Vers 70 (Tiger unter den Reittieren) probeweise als 'vyāghrārūḍhān' (auf Tigern reitend) gedeutet, mit [?] markiert. Damit schließt die Nityā-Kavaca; Vers 71 nennt ihren Frucht-Nutzen (Schutz vor Unheil und Verleumdung).
grahāṇāṃ mātṛkāvidyāvigrahaṃ vigrahaṃ yataḥ | tena teṣāṃ tu pūjārthaṃ vakṣye taddhāmamaṇḍalam ||72||
sudhākare bhaved indor maṇḍalaṃ bhāskarasya tu | sudhāvyañjanarūpaṃ hy etat tanmayaṃ yataḥ [?] ||73||
tena teṣāṃ maṇḍalāni teṣu teṣu vadāmi te | teṣāṃ navānāṃ pūjāsu svatantraṃ navamaṇḍalam ||74||
candrārkayoḥ pṛthakpūjāsv abhyarcyaṃ maṇḍalaṃ tayoḥ | krameṇa śṛṇu deveśi sarvaśreyaskarātmakam ||75||
Weil die Gestalt der Planeten das Wesen der Mātṛkā-Vidyā [d.h. der Lautreihe] zur Gestalt hat, deshalb will ich, zum Zweck ihrer Verehrung, deren Wohnstätten-Maṇḍala verkünden.
Im Nektarspender (der Mond) besteht das Maṇḍala des Mondes; das der Sonne aber ist von der Form eines mit Nektar-Buchstaben versehenen [Maṇḍalas], da es eben aus jenem [Nektar] besteht [?].
Deshalb werde ich dir deren Maṇḍalas, für jeden [der neun Planeten] einzeln, verkünden; für die Verehrung dieser neun [Planeten] gibt es neun eigenständige Maṇḍalas.
Für die gesonderte Verehrung von Mond und Sonne [gibt es] ein eigens für sie zu verehrendes Maṇḍala; höre der Reihe nach, Göttin der Götter, [seine Beschreibung], das allerheilbringend ist.
Übergang zum letzten großen Abschnitt des Kapitels: da die neun Planeten (Navagraha) als aus der Mātṛkā (Lautreihe) gebildet gelten, folgt eine detaillierte Anleitung zur Konstruktion ihrer Verehrungs-Maṇḍalas. Vers 73 bleibt in der genauen Aussage über das Verhältnis von Mond- und Sonnenmaṇḍala unsicher, mit [?] markiert.
prākpratyagdakṣiṇodakcatuḥsūtranipātanāt | trihastamātre janayen nava koṣṭhāni teṣu vai ||76||
madhye prakoṣṭhayoḥ kṛtvā vṛttatrayaṃ sphuṭam | tanmadhye vilikhet tatra sūtradvayanipātanāt ||77||
vidhāya navadhā madhyam īśādi vilikhet kramāt | vātād aṣṭasvarān madhye praṇavaṃ nabhasā yutam ||78||
[a]svaropetaṃ nabhasā mātṛkāṃ likhet | tadarkamaṇḍalaṃ tasya nāmamantrair dvādaśoditaiḥ ||79||
praṇavādyenamontaiś ca bhānoḥ sarvaṃ ca sarvadā | somasyādyaṃ bindu-yutaṃ kṛtvā tena tathārcayet ||80||
madhyakoṣṭhe tatra vilikhed indvādyañ ca svarāṣṭakam | ṣoḍaśasvarayuktañ ca ha mātṛkāñ ca svayogataḥ ||81||
Durch das Ziehen von vier Fäden [Linien] in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung lasse man in einem Feld von drei Hasta [Maß] neun Felder (koṣṭha) entstehen.
Nachdem man in der Mitte der [beiden] mittleren Felder deutlich drei [konzentrische] Kreise gezogen hat, zeichne man in deren Mitte, durch das Ziehen zweier [weiterer] Fäden, [ein Kreuzmuster].
Nachdem man die Mitte neunfach unterteilt hat, zeichne man der Reihe nach, vom Nordosten an, [die Silben]: von 'a' an die acht Vokale, in der Mitte die Praṇava-Silbe (Oṃ) verbunden mit dem Nasallaut (Anusvāra).
[Diese], versehen mit den Vokalen und dem Anusvāra, schreibe man als Mātṛkā; jenes ist das Sonnen-Maṇḍala, [zu verehren] mit dessen zwölf genannten Namen-Mantras.
Mit [den Anrufungen], die mit der Praṇava-Silbe beginnen und auf 'namaḥ' enden, [verehre man] stets alles, was der Sonne [zugehört]; nachdem man den ersten Laut des Wortes 'Soma' (Mond) mit dem Anusvāra versehen hat, verehre man ebenso mit diesem [Mantra, 'Soṃ'].
Im mittleren Feld zeichne man dort den ersten Laut des Mondes (Indu) sowie die acht Vokale, den mit sechzehn Vokalen versehenen Laut 'ha' sowie die Mātṛkā, jeweils mit ihrer eigenen Verbindung [dem Anusvāra].
Beginn der sehr technischen geometrischen Konstruktionsanleitung für die Planeten-Maṇḍalas (Quadrat mit neun Feldern, konzentrische Kreise, Einschreiben der Mātṛkā-Silben). Die Maßangaben (drei Hasta) und die Grundfigur sind gesichert, einzelne Silbenfolgen (insbesondere in Vers 79 der Versanfang) bleiben wegen OCR-Verlust unsicher.
vṛttadvaye madhyakoṣṭhe 'pi taṃ likhet | rāhu-bindusvarasahitaṃ [hrīṃ] tatra nāmamantraiḥ [arcayet] ||82||
somoktakrameṇaiva prokte kāleṣu sarvadā | nivedya śarkarādagdhapāyasaiś copacārakaiḥ ||83||
saptasaṃkhyeṣu koṣṭheṣu pūrvavat tadvayaṃ tathā | tattadvargādvigañ ca svarais tāṃ mātṛkām api ||84||
vilikhya madhyañ ca tathā kṛtvā teṣu ca tatkramāt | tattadvargākṣarāṇy ākhyāvācyakṣarair ālikhed api ||85||
madhye praṇavagarbhasthavargādyakṣaram ālikhet | evaṃ kṛteṣu navasu pūjayec ca navagrahān ||86||
agnīśānāntam abhito likhen nāmāny anukramāt | praṇavādyaṃ caturthyantaṃ vadet taiś ca tāni pūjayet ||87||
bhaumaṃ budhaṃ tathā sauriṃ guruṃ rāhuṃ ca śukrakam | ketum etais tu vai mantrān nutvā ca pūjanam ||88||
evaṃ navagrahāṇāntu maṇḍalāny uditāni vai | teṣv eva teṣām arcātas te kuryus tadanugraham ||89||
In den beiden Kreisen, auch im mittleren Feld, schreibe man jenen [Laut]: 'hrīṃ' (den mit 'ra', Bindu und Vokal versehenen Laut), und verehre dort mit den Namen-Mantras.
Genau nach dem für den Mond genannten Verfahren, zu den genannten Zeiten, stets, indem man mit Zucker gesüßten, gekochten Milchreis (pāyasa) und [anderen] Opfergaben darbringt, [verehre man ebenso die übrigen Planeten].
In den sieben [übrigen] Feldern [zeichne man] wie zuvor jenes Zweiergespann [Kreis und Silbe], sowie die beiden Buchstaben der jeweiligen [Konsonanten-]Gruppe zusammen mit den Vokalen, und ebenso die Mātṛkā.
Nachdem man [dies] gezeichnet und ebenso die Mitte [markiert] hat, schreibe man dort der Reihe nach die Buchstaben der jeweiligen Gruppe, ergänzt durch die dem Namen [des Planeten] entsprechenden [Anfangs-]Buchstaben.
In der Mitte schreibe man den im Innern der Praṇava-Silbe stehenden ersten Buchstaben der [betreffenden Konsonanten-]Gruppe; nachdem man so die neun [Maṇḍalas] angefertigt hat, verehre man die neun Planeten.
Ringsum, von Südosten bis Nordosten, schreibe man der Reihe nach die [sieben] Namen; man spreche sie mit vorangestellter Praṇava-Silbe und endend auf den Dativ ('namaḥ'), und verehre mit diesen [Mantras] jene [Maṇḍalas].
Mars (Bhauma), Merkur (Budha), ebenso Saturn (Sauri), Jupiter (Guru), Rāhu und Venus (Śukra), Ketu – mit diesen Mantras huldige man und vollziehe die Verehrung.
So wurden die Maṇḍalas der neun Planeten verkündet; durch die Verehrung eben in diesen [Maṇḍalas] werden sie ihre Gnade erweisen.
Fortsetzung der Konstruktionsanleitung: Einschreiben der Silben 'hrīṃ' (Māyā-Bīja) für den Mond, Übertragung des Verfahrens auf die übrigen sieben Planeten mit ihren jeweiligen Konsonantengruppen (varga) und Namensinitialen, abschließende Aufzählung der neun Planeten-Namen-Mantras. Zahlreiche Einzelheiten der Silbenanordnung (V.82, 84-85) bleiben wegen der extrem schlechten OCR nur sinngemäß, nicht buchstabengetreu rekonstruierbar.
bhāskarendoś ca ravidine daśamyāṃ ca pūrṇikāyām | svoccayoḥ sthitapūjāñ ca maṇḍalaṃ tu pārvati ||90||
vilikhya vṛttayugalaṃ tanmadhye tiryagvṛddhataḥ | rekhābhir aṣṭabhir madhye tv ekāśītipadaṃ likhet ||91||
īśakoṣṭhādiparitaḥ praveśinā varṇān | māyāntāśītisaṃkhyātān madhye dvādaśagatañ ca tat ||92||
vṛttayor antarā hallāṃ mātṛkāṃ grathitāñ ca taiḥ | pañcabhiś ca likhet tatra visve somaṃ samarcayet ||93||
karpūracandanābhyāṃ tadālikhed indubimbakām | raktacandanasindūragairikair ikto ravaiḥ ||94||
kṛtvā vṛttaṃ tatra tatra pūjayet proktarūpataḥ | dvitrivṛttāntas tiryagvṛddhāḥ, aṣṭau rekhāḥ samāntaram ||95||
ekonaviṃśaṃ tanmadhye tv ālikhet prāgvad īritān | prāṇādikān nabho'ntāṃś ca khair upetān svarair yutān ||96||
Für Sonne und Mond, am Sonntag [bzw. Montag] sowie am zehnten [Tag] und am Vollmondtag, [wenn sie] in ihrer [jeweiligen] Exaltation (ucca) stehen, [gibt es] eine [eigene] Verehrung und ein [eigenes] Maṇḍala, Pārvatī.
Nachdem man zwei [konzentrische] Kreise gezeichnet hat, zeichne man in deren Mitte, quer verlaufend, mit acht Linien ein Feld von einundachtzig Feldern.
Ringsum, beginnend beim Nordost-Feld, [im Uhrzeigersinn] eintretend, [schreibe man] die auf den Visarga endenden, achtzig an der Zahl gezählten Buchstaben; in der Mitte aber jenes zwölfteilige [Zeichen].
Zwischen den [beiden] Kreisen [schreibe man] die mit jenen fünf [Endlauten] verbundene, verwobene Konsonanten-Mātṛkā; und dort, in der Gesamtheit, verehre man den Mond.
Mit Kampfer und Sandelholz zeichne man dann die Mondscheibe; [für die Sonne] mit rotem Sandel, Zinnober und rotem Ocker, entsprechend den Sonnenstrahlen [in Rot ausgeführt].
Nachdem man dort überall den Kreis gezeichnet hat, verehre man in der genannten Weise; innerhalb von zwei bis drei Kreisen ziehe man, quer verlaufend, acht gleichmäßig verteilte Linien.
In deren Mitte zeichne man neunzehn [Linien]; darin, wie zuvor, die genannten [fünfundzwanzig Buchstaben] von 'ka' bis 'ma', versehen mit dem Anusvāra und den Vokalen.
Dieser Abschnitt beschreibt ein aufwendigeres Sonder-Maṇḍala für Sonne und Mond an bestimmten astrologisch ausgezeichneten Tagen (Exaltationsstellung). Die genauen Zahlenangaben (81 Felder, 80 Buchstaben, 19 Linien) sind im OCR an mehreren Stellen unsicher übermittelt und wurden, wo möglich, nach dem inneren Zahlenschema (25 Konsonanten × 16 Vokale = 400 Silben, vgl. V.84 des vorigen Abschnitts sowie V.97) plausibilisiert; verbleibende Unsicherheiten sind mit [?] in den Notes vermerkt, nicht im Wurzeltext selbst, da die Grundzahlen im Original klar lesbar waren.
Zwischen den [beiden äußeren] Kreisen [schreibe man] die aus jenen fünfundzwanzig Buchstaben gebildete, mit den Vokalen und dem 'bha'-Endlaut versehene, mit den zehn Feuer-Silben verwobene Schrift (Mātṛkā).
Nachdem man [dieses Maṇḍala] in klarer Gestalt, drei Hasta lang und breit, gezeichnet hat, rufe man in seiner Mitte die Sonne herbei und verehre sie, o Herrin, wie zuvor.
Auf Gold oder mit Kalk, oder auf dem Erdboden oder auf einer Steinplatte, nachdem man mit gleichmäßigem [Maß] die Achtergruppe [der Planetenscheiben] angefertigt hat, verehre man die genannten Scheiben (bimba).
So wurde dir hierin die gesamte Verehrung der Planeten verkündet; wo keine besondere Anweisung [gegeben ist], verehre man dort nach dieser [allgemeinen] Ordnung.
So wurde dir, Göttin, die Zeit- und Ortnatur der Vidyā verkündet; mit ganzem Selbst und allezeit ist sie, die alle Gestalten [in sich vereint], zu verehren und aufzusuchen.
|| Also endet, in dem den sechzehn Nityās gewidmeten Tantra ('Ślokādimata'), das den Namen 'Darlegung der Wesenseinheit mit der Welt' (loka-tādātmya) tragende achtundzwanzigste Kapitel. || 28 ||
Vers 101 ist der Wurzeltext-Schlussvers des Kapitels; danach folgt im Original zunächst das kurze Wurzeltext-Kolophon 'iti ṣoḍaśanityātantreṣu ślokādimate lokatādātmyādikathanaṃ nāma aṣṭāviṃśaṃ paṭalam, 28' (hier am Ende der deutschen Übersetzung mit übersetzt) und anschließend das lange, hier nicht übersetzte Kommentar-Kolophon, das Subhagānandanātha und sein Werk Manoramā nennt sowie eine Verszählungsnotiz ('aṣṭāviṃśe tu yantrāṇi proktāny ekādaśāt tu...', d.h. elf im Kapitel genannte Yantras und ca. 280¼ Kommentar-Granthas), bevor mit 'ekonatriṃśapaṭalam' (im OCR verlesen als 'ekonaviṃśapaṭalam') das 29. Kapitel beginnt.