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Tantrarāja Tantra

Paṭala 22: kurukullāvidyādhyānayantraprapañcaparaṃ dvāviṃśaṃ paṭalam 22-tes Kapitel: Kurukullā, die allen sechzehn Nityās gemeinsame Opfergottheit (Vidyā, Dhyāna und ihre Yantras)

Quelle: Tantrarāja-Tantra, Band II, mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts, Calcutta: Agamanusandhana Samiti 1926 (archive.org, OCR). Der 22. Paṭala schließt unmittelbar an die im 21. Kapitel behandelte sechzehnte Nityā Citrā an und behandelt Kurukullā als die allen sechzehn Nityās gemeinsame, eigenständige 'Opfergottheit' (balidevatā): ihre 25-silbige Vidyā und deren Herkunft aus einer dreigeteilten Überlieferung (V.1-4), ihre Verortung und Verehrung auf der kosmischen Neun-Juwelen-Insel mit Boot-Prozession, Cakra- und Yantra-Aufbau (Achtblatt-Lotus, Achteck, Dreieck) samt Gefolgs-Dhyāna (nackt, rot, mit Pfeil und Bogen) und einer separaten, dunklen, dreiäugigen Dhyāna-Form (V.5-32); einen langen Katalog von Wunscherfüllungs-Anwendungen (kāmya-prayoga) mittels verschiedenster Homa-Substanzen und Blumenopfer für Liebeszauber, Unterwerfung, Reichtum und Heilung (V.33-50); die detaillierte, aber extrem schlecht überlieferte geometrische Konstruktion mehrerer magischer Yantras (u.a. ein aus 208 Silben gebildetes Achter-Yantra-System und ein abschließendes 'Vajra'-Yantra aus 441 Feldern) mit ihren jeweiligen Wochentags-Anwendungen zu Schutz, Gift-Heilung, Schiffsschutz und Liebeszauber (V.51-99); und schließt mit der Identifikation Kurukullās mit Lalitā und einer kurzen philosophischen Schlussformel, die sie als Durchdringung des 'Buddhitattva' (reinen Verstandesprinzips) kennzeichnet (V.100-101). Die OCR-Qualität ist in diesem Kapitel besonders in den technischen Yantra-Konstruktionsversen (51-95) sowie im Silbe-für-Silbe-Mantra-Abschnitt (V.25-27) extrem schlecht; zahlreiche Einzelheiten (genaue Silben, Feldzahlen, Richtungsangaben) bleiben trotz Rekonstruktion aus dem knappen Kommentar unsicher und sind durchgehend mit [?] markiert, besonders betroffen sind die Verse 10, 25-27, 36-38, 51-54, 62-65, 67, 71-72, 74-76, 88, 91, 96-98. Zwischen Vers 8 und Vers 10 fehlt Vers 9 in der Quelle (eine echte, dokumentierte Lücke, kein Rekonstruktionsversuch); bei Vers 13/14 findet sich zudem ein nicht sicher einzuordnendes, offenbar doppelt gescanntes Textfragment, das nicht in die Übersetzung übernommen wurde. Der tatsächlich gefundene Zeichenbereich (Kapitelanfang bis Kolophon) liegt bei ca. 253668-286420 im window.TT2-String und entspricht damit gut der ursprünglichen Schätzung des Orchestrators.

atha ṣoḍaśanityānāṃ yā proktā balidevatā | sā vidyā kurukullāyāḥ pañcaviṃśākṣaroditā ||1|| saiva trikhaṇḍā tv eva proktā vidyā tu saṃkhyayā | saptabhiḥ prathamā prajñā trayodaśayutā purā ||2|| dvitīyā sā pañcaviṃśatyakṣarā sakaleṣṭadā | evaṃ sā tribhir etair vidyārūpair abhīṣṭadā ||3|| ikṣurāghṛtadugdhābdhimadhyage navaratnadvīpe | tāṃ lalitāṃ nityavinodānanditāṃ smaret ||4||

Nun [wird] die Opfergottheit (balidevatā) [verkündet], die als [allen] sechzehn Nityās gemeinsam bezeichnet wird: ihre Vidyā ist die der Kurukullā, in fünfundzwanzig Silben verkündet. Eben diese Vidyā aber wird, der Zahl nach, als dreigeteilt (trikhaṇḍā) bezeichnet: die erste ist, wie man früher wusste, aus sieben [Silben] bekannt, [in einer anderen Zählung] um dreizehn vermehrt [also zwanzigsilbig]. Die zweite [Form, die hier gelehrt wird,] besteht aus fünfundzwanzig Silben und gewährt alles Erwünschte; so ist sie, durch diese drei Vidyā-Formen, die Gewährerin des Ersehnten. Inmitten der Ozeane aus Zuckerrohrsaft, Ghee und Milch, auf der Neun-Juwelen-Insel, meditiere man auf sie, die Liebliche (Lalitā), die sich an ewigem Spiel erfreut.

Vers 1 stellt Kurukullā als die 'Opfergottheit' (balidevatā) vor, die – anders als die sechzehn Nityā-Göttinnen selbst – diesen gemeinsam zugeordnet, aber eigenständig (pṛthak-śrutā) ist; der Kommentar bestätigt, dass zuvor im 21. Paṭala die sechzehnte Nityā Citrā behandelt wurde und nun die allen gemeinsame Opfergottheit folgt. Vers 2-3: die 'Dreiteilung' (trikhaṇḍā) bezieht sich vermutlich auf drei überlieferte Formen der Kurukullā-Vidyā (7-, 20- und 25-silbig); nur die 25-silbige wird hier tatsächlich gelehrt. Vers 4: nach dem Kommentar wird hier an die in den drei vorherigen Kapiteln (19-21) für Lalitā gelehrte Verortung auf der Neun-Juwelen-Insel inmitten der kosmischen Ozeane erinnert, die auch für die Kurukullā-Verehrung als Schauplatz gilt; 'Lalitā' bezeichnet hier wohl nicht eine andere Gottheit, sondern dieses gemeinsame kosmische Setting.

tattīre pūjayed devīṃ [?] tīrapālikām | tatsāgareṣu parito ratnapotacarīṃ yajet ||5|| tadājñayā ratnapotaṃ tatra samarcayet | balicakraṃ tenaiva tanmadhye ca samarcayet ||6|| pūrvapaścimadigdvārasaṃyutaṃ caturasrakam | kṛtvā tadantar aṣṭadalaṃ padmaṃ sakarṇikam ||7|| karṇikāyāṃ ca navayoniṃ kṛtvā tatra samarcayet | ṣaḍaṅgaṃ vālayā kṛtvā mūlenārcayet tridhā ||8||

An deren Ufer verehre man die Göttin Tīrapālikā (die Ufer-Hüterin); rings um jene Ozeane verehre man [Kurukullā als] Ratnapotacarī, die im Juwelenboot Fahrende. Auf deren Geheiß fertige man dort das Juwelenboot an; ebenso richte man in dessen Mitte das Opfer-Cakra (balicakra) ein und verehre es. Nachdem man ein Viereck mit Toren an der Ost- und Westseite angelegt hat, errichte man darin ein achtblättriges Lotus mit Fruchtknoten (karṇikā). In dessen Fruchtknoten fertige man das Neun-Yoni[-Dreieckscakra] an und verehre es dort; nachdem man den Sechsglieder-Nyāsa mit der Vālā(-Vidyā, d.h. Kulasundarī) ausgeführt hat, verehre man [die Göttin] dreimal mit dem Wurzelmantra.

Zwischen Vers 8 und dem hier folgenden Vers 10 fehlt in der Quelle erkennbar Vers 9 – der Kommentar springt unmittelbar von der Erklärung zu Vers 8 zur Erklärung von Vers 10, ohne Vers 9 auch nur zu erwähnen; es handelt sich um eine echte Lücke der überlieferten OCR-Vorlage (evtl. Seitenausfall), kein Rekonstruktionsversuch wird hier unternommen. Vers 5: 'Ratnapotacarī' (Kurukullā im Juwelenboot) wird laut Kommentar in der Nordwest-Ecke des Ozeans verehrt, gegenüber der in der Südwest-Ecke befindlichen Tīrapālikā (der fünften Nityā). Vers 8: das 'Neun-Yoni-Cakra' (navayonicakra) in der Lotus-Karṇikā entspricht der bekannten neunfachen Dreieckskonstruktion des Śrīcakra; 'Vālā' laut Kommentar = Beiname der Kulasundarī-Vidyā (ebenfalls 25-silbig).

vikhaṇḍamudrayā mūlamantreṇātha na cārcayet [?] | athavā parivāraiḥ tāṃ devīṃ guhyādibhiḥ kramāt ||10|| vikīrṇakuntalāṃ nagnāṃ raktām ānandavigraham | dadhānāṃ cintayed bāṇaṃ cāpapāśatūṇīḥ karaiḥ ||11|| tatsamānāyudhākāravargā devyas tu bāhyagāḥ | ṛtusnātāḥ sphuradyonyaḥ sadānandāruṇekṣaṇāḥ ||12|| hallekhayā sthāpanādīn upacārān samācaret | tatas tadājñayā dakṣe śvāsinīṃ drāviṇīṃ yajet ||13|| yakṣiṇyāś ca tathā tārāḥ pūrvadvārasya śākhayoḥ [?] | vyomavāyuvahnitoyakṣārūpiṇīśaktisaṃyutāḥ ||14||

Mit der Vikhaṇḍā-Mudrā [und] dem Wurzelmantra soll man dann [allein, ohne das Übrige] nicht verehren [?]; vielmehr [verehre man sie] mitsamt ihrem Gefolge, der Reihe nach beginnend beim Geheimort (guhya) [und den übrigen Körperstellen]. Man meditiere auf sie mit aufgelöstem Lockenhaar, nackt, rot, von wonnevoller Gestalt, in ihren Händen Pfeil, Bogen, Schlinge und Köcher tragend. Die Göttinnen [ihres Gefolges], von gleicher Waffen-Gestalt, [stehen] außen; sie sind wie frisch gebadet nach der Menstruation, mit pulsierendem Schoß, stets von wonnevollem, rötlichem Blick. Mit der Hallekhā (dem Visarga-Zeichen) vollziehe man die übrigen Handlungen wie Einsetzung [des Bildes] und die Ehrerweisungen (upacāra); danach verehre man auf ihr Geheiß zur Rechten Śvāsinī [und] Drāviṇī. Die Yakṣiṇī sowie Tārā [stehen] an den beiden Zweigen des Osttores, versehen mit den Śaktis in Gestalt von Raum, Wind, Feuer und Wasser.

Vers 10 ist im OCR stark beschädigt; ob eine Verneinung ('nicht verehren') oder eine Bejahung gemeint ist, bleibt unsicher, mit [?] markiert. Verse 11-12 (Dhyāna der Kurukullā mit Gefolge) durch Kommentar bestätigt: die auffällige Beschreibung 'ṛtusnātāḥ sphuradyonyaḥ' (frisch menstruiert, mit pulsierendem Schoß) erklärt der Kommentar ausdrücklich nicht wörtlich-physisch, sondern als Ausdruck ihrer Natur aus reinem Sat-Cit-Ānanda (Sein-Bewusstsein-Wonne); dennoch wird hier, der Methode entsprechend, wörtlich übersetzt. Vers 13: 'Śvāsinī' und 'Drāviṇī' sind zwei der 36 Begleit-Śaktis an den Toren, jede mit eigenem Pādukā-Mantra verehrt. Zwischen Vers 13 und dem hier als Vers 14 gegebenen Text erscheint im OCR ein zusätzliches, stark beschädigtes und ebenfalls mit '14' nummeriertes Fragment ('paścimadvāram ārabhya dakṣaśākhādi pūjayet ... tithivāraṃ yogakṣemakaraṇāny api'), das sich inhaltlich nicht sicher einordnen ließ – vermutlich ein Scan-Duplikat oder eine alternative, stark verderbte Lesart derselben Textstelle; es wurde nicht in die Übersetzung aufgenommen, um keine Verse zu duplizieren oder zu erfinden.

śabdasparśaṃ ca rūpaṃ ca rasagandhaṃ ca pūrvavat | mukhyāṃ buddhiṃ tathā śaktim aṣṭapatreṣu pūjayet ||15|| tadantar aṣṭakoṇeṣu vāgādyaṣṭakam arcayet | tato bāṇān dhanuḥpāśam aṅkuśaṃ cābhito yajet ||16|| madhyatrikoṇakoṇeṣu icchājñānakriyātmikāḥ | śaktīḥ arcya tato madhye saccidāsanam arcayet ||17|| tatas tāṃ pañcaviṃśārṇamūlamantreṇa pūjayet | tatas tadājñayā potena dvīpam āgataḥ ||18|| paścimaṃ puṣparāgaṃ ca samprāpyāvatared yatra vai | parīyamāṇe tatra tāṃ arcayet tatra tad vai ||19|| ikṣurāghṛtadugdhābdhīn paścimādi vilomataḥ | namo'ntair nāmabhiḥ pūrvaṃ pūjayed bandhapuṣpakaiḥ ||20||

Klang, Tastempfindung, Form, Geschmack und Geruch sowie ihre Leit-Śakti Buddhi (der Verstand) – wie zuvor [im Śrīcakra üblich] – verehre man in den acht Blütenblättern. Darin, in den acht Ecken [des äußeren Achtecks], verehre man die Achtergruppe beginnend mit Vāc (Sprache); danach verehre man ringsum die Pfeile, den Bogen, die Schlinge und den Stachelstab. In den Ecken des mittleren Dreiecks verehre man die aus Wollen, Wissen und Handeln bestehenden Śaktis; nachdem man diese verehrt hat, verehre man in der Mitte den Sitz des reinen Seins-Bewusstseins (sat-cid-āsana). Dann verehre man sie mit dem Fünfundzwanzig-Silben-Wurzelmantra; danach gelangt man auf ihr Geheiß mit dem Boot zur Insel. Nachdem man den westlichen, aus Topas [bestehenden Uferabschnitt] erreicht hat, steige man dort aus, wo es vorgesehen ist; während man die Insel umschreitet, verehre man sie eben dort. Die Ozeane aus Zuckerrohrsaft, Ghee und Milch [verehre man] von Westen beginnend in umgekehrter Reihenfolge, zuerst mit den auf 'Namaḥ' endenden Namen, mit gebundenen Blumen(-Girlanden).

Diese sechs Verse beschreiben die Aufbau- und Verehrungsschritte des Kurukullā-Cakras von außen nach innen: Achtblatt-Lotus mit den fünf Sinnesqualitäten und Buddhi (V.15), äußeres Achteck mit der Vāc-Gruppe und den Waffen (V.16), inneres Dreieck mit Icchā-Jñāna-Kriyā-Śaktis und dem zentralen 'Sat-Cit-Āsana' (V.17); danach folgt (V.18-20) die vom Vorbild der drei vorherigen Kapitel übernommene Bootsfahrt zur Insel und die Verehrung der kosmischen Ozeane, ein wiederkehrendes Motiv der Nityā-Pūjā in diesem Werk.

navaratnamayaṃ dvīpam ityādi prāṅ nirūpitam | evaṃ samarcitā devī lalitāyāḥ priyaṅkaram ||21|| evaṃ devīṃ pūjayituḥ śīghraṃ syān manīṣitam | prasīdati yatas tasmāt pūjayed evam īśvari ||22|| devīnāṃ kurukullāṃ tu toyād upari pūjayet | pañcaviṃśārṇamūlena pūjānte parameśvari ||23|| devyā baliḥ samākhyātas tārāśaktes tu vidyayā | tāṃ śṛṇu tvaṃ priye vacmi tārāvidyāṃ daśākṣarīm ||24|| bhūḥ khena marutā yukto rayo [?] rayo dharānvitaḥ [?] pañcāḍrayayugmaṃ marutayutam [?] ||25|| etat tṛtīyaṃ [?] ṣaṣṭhaṃ saptamaṃ bhavet | ṣaṣṭhaṃ tad aṣṭamaṃ vidyāt hṛdambusarudanvitam [?] ||26||

'Die aus neun Juwelen bestehende Insel' und so weiter ist wie zuvor beschrieben; so verehrt, ist [die Göttin] der Lalitā wohlgefällig. So erlangt der, der die Göttin auf diese Weise verehrt, rasch sein Erwünschtes; da sie dadurch gnädig gestimmt wird, verehre man sie, o Herrin, eben auf diese Weise. Kurukullā unter den Göttinnen aber verehre man oberhalb des Wassers; am Ende der Verehrung [rezitiere man] das Fünfundzwanzig-Silben-Wurzelmantra, höchste Herrin. Das Opfer (bali) der Göttin ist [oben] genannt worden; [nun folgt es] mit der Vidyā der Tārā-Śakti: höre sie, Liebste, ich verkünde dir die zehnsilbige Tārā-Vidyā. [Es folgt eine Silbe-für-Silbe-Anleitung zur Bildung dieser zehnsilbigen Vidyā, deren einzelne Silben im Original so schwer beschädigt sind, dass sie nicht mehr sicher rekonstruierbar sind.] [?] [Fortsetzung der Silbenkonstruktion – gleichfalls unsicher.] [?]

Verse 25-27 enthalten eine für dieses Werk typische Silbe-für-Silbe-Buchstabieranleitung einer Vidyā (vgl. das Kāmeśvarī-Kapitel in Band I, dort Vers 35-38), bei der jede Mantra-Silbe umschreibend angegeben wird ('mit x verbunden ist der y-te Laut'); die OCR ist hier so zerstört, dass eine verlässliche Rekonstruktion der zehn tatsächlichen Silben der Tārā-Vidyā nicht möglich ist. Der Kommentar bestätigt lediglich, dass die sechste Silbe ein Repha (r-Laut) ist und die achte bzw. neunte Silbe mit 'hṛd-ambu-sarut' bzw. 'dhara-marut' gebildet werden; genauere Einzelheiten bleiben mit [?] gekennzeichnet, um kein Raten als Übersetzung auszugeben.

haṃsaś ca marutā yuktaḥ proktā vidyā daśākṣarī | anayāsyā baliṃ dadyād vidyayā parameśvari ||27|| dhyānaṃ devyāḥ vakṣye prājñe samastāpannikṛntanam | asyās toyeṣu sarvatra bādho na bhavati kṣaṇataiḥ [?] ||28|| śyāmavarṇāṃ trinetrāṃ ca dvibhujāṃ varapaṅkaje | dadhānāṃ bahuvarṇābhir vyūharūpābhir āvṛtām ||29|| śaktibhiḥ smaravadanāṃ ratnamauktikabhūṣaṇām | ratnapādukayor nyastapadāmbujayugāṃ smaret ||30|| homaṃ kuryān nityaśaḥ ghṛtākto madhurāśanaiḥ | sugandhibhiḥ padmaiḥ puṣpaiḥ raktājyāsyā hunedvā ||31|| prāgvad dahed [?] vidyāṃ pañcaviṃśatilakṣakam | japitvā pūjayet samyak svāhā tarpaṇahomakam ||32||

Mit dem Haṃsa[-Laut], verbunden mit dem Wind[-Laut], wird die zehnsilbige Vidyā vollständig verkündet; mit dieser Vidyā bringe man ihr, höchste Herrin, das Opfer dar. Ich will nun, Kluge, die Dhyāna der Göttin verkünden, die alles Unheil abschneidet; wo immer ihre Gewässer sind, entsteht dort für die [Verehrenden] niemals Schaden [?]. Man meditiere: dunkel von Farbe, dreiäugig, zweiarmig, auf herrlichem Lotus [thronend], von vielfarbigen, gestaffelten (vyūha-) Gestalten [ihres Gefolges] umgeben. Von [diesen] Śaktis begleitet, mit einem Antlitz gleich dem des Liebesgottes Smara, mit Juwelen und Perlen geschmückt; man meditiere auf sie, wie sie ihre beiden Lotosfüße auf juwelenbesetzte Sandalen gesetzt hat. Man vollziehe täglich das Feueropfer (Homa), mit Ghee benetzt, mit süßen Speisen; mit duftenden Lotosblüten oder mit rot gefärbtem, in Ghee getränktem [Opferstoff] opfere man. Wie zuvor [beschrieben] rezitiere man die Vidyā fünfundzwanzig Hunderttausendmal (25 Lakh) auf dem Altar; nachdem man so rezitiert hat, verehre man ordnungsgemäß mit Svāhā, mit Tarpaṇa (Wassergabe) und Homa.

Vers 28 Pāda b ('kṣaṇataiḥ') unsicher, Sinn wohl: 'ihre Gewässer bringen dem rituell Reinen keinen Schaden'. Verse 29-30 beschreiben eine zweite, eigenständige Dhyāna-Form der Kurukullā als dunkle, dreiäugige, zweiarmige Gestalt – zu unterscheiden von der roten, nackten Gefolgschaftsform der Verse 11-12; vermutlich handelt es sich um zwei unterschiedliche, je nach Anwendung genutzte Visualisierungsformen.

kuryān nityoditeṣv anyatamena havanakriyām | evaṃ saṃsiddhavidyas tu nityārcāniratas tathā ||33|| prayogān ācared bhakṣyāḥ [?] kāmyān proktakrameṇa vai | somena pūjayā yantrabhāvanena ca tān japet ||34|| kṛtvā sarṣapasnehām āghrāpayed vanitājanam | sarṣapasnehasaṃsiktaiḥ nicayair ānayec ca tāḥ ||35|| tailāktais tu tilair homāt pradhvastāḥ [?] yathāvidhi | nārīnarendrān anyān vaśayed yāvadāyuṣam ||36|| ajāghṛtāktais tilaiḥ mallikākusumair gandhaiḥ dhvarāvake [?] havanān nityāḥ sarvāḥ mohayet premakautukaiḥ ||37||

Man vollziehe das Feueropfer mit irgendeinem der zuvor täglich genannten Opferstoffe; wer so die Vidyā vollendet hat und stets der täglichen Verehrung obliegt, soll die Wunsch-Anwendungen (kāmya-prayoga) nach der genannten Methode ausführen; mit Soma(-Trank), Verehrung und Meditation auf das Yantra rezitiere man sie. Nachdem man [das Yantra] mit Senfsamenöl bestrichen hat, lasse man Frauen daran riechen; durch mit Senföl getränkte Gaben bringe man sie [zu sich] her. Durch das Feueropfer mit ölbestrichenen Sesamkörnern werden [Widerstände] ordnungsgemäß gebrochen [?]; [so] unterwerfe man Frauen, Fürsten und andere für die Dauer ihres Lebens. Durch das Feueropfer mit ziegenghee-getränktem Sesam und duftenden Jasminblüten [?] bezaubert man täglich alle [Verehrten] mit Liebesverlangen und Freude.

Verse 33-50 zählen zahlreiche 'kāmya'-Anwendungen (Wunscherfüllungsrituale) mittels spezifischer Homa-Substanzen und Blumenopfer auf, ganz im Stil ähnlicher Kataloge in früheren Kapiteln dieses Werks; die OCR ist in diesem Abschnitt durchgehend stark beschädigt, einzelne Wörter (V.36 'pradhvastāḥ', V.37 'dhvarāvake') bleiben unsicher und sind mit [?] markiert, der Gesamtsinn (verschiedene Unterwerfungs- und Bezauberungs-Homas) ist jedoch durch das wiederkehrende Muster klar erkennbar.

cauraraktair [?] mallikāpuṣpair havanād brāhmaṇān nṛpān | vaśayec chatapatraiś ca tathā vicakilair api ||38|| savatsasitagodugdhasametair nārikelajaiḥ | ājyasaṃyutaiḥ sitayutaiḥ havanāt bhāgyam āpnuyāt ||39|| nārikelaphalacoṭaiḥ yuktadravyatāḍitaiḥ [?] | prāyuktakālato vittanicayaṃ samavāpnuyāt ||40|| kadalīphalahomena syād ādyo'bjahomataḥ | kahlārahomato'bhīṣṭaṃ labhate buddhivardhanam ||41||

Durch das Feueropfer mit [Diebesblut(?)] getränkten Jasminblüten unterwirft man Brahmanen und Fürsten; ebenso mit Lotosblüten und mit Vicakila-Blüten. Durch das Feueropfer mit Kokosnuss[-Fruchtfleisch], vermengt mit Milch einer Kuh samt Kalb, mit Ghee und Zucker, erlangt man Wohlergehen. Durch das Feueropfer mit Kokosnussschalen-Stücken, vermischt mit [weiteren] Zutaten [?], erlangt man je nach der Zeit der Anwendung eine Ansammlung von Reichtum. Durch das Feueropfer mit Bananenfrucht erlangt man das zuerst[genannte Ergebnis], durch das mit Lotos(frucht) [ein weiteres]; durch das Feueropfer mit weißem Lotos (Kahlāra) erlangt man das Erwünschte: die Mehrung des Verstandes.

Vers 38 'cauraraktaiḥ' (mit Diebesblut) ist im OCR nur bruchstückhaft als 'cauraktaiḥ' erkennbar und bleibt unsicher; tantrische Texte nennen gelegentlich ungewöhnliche Ritualsubstanzen dieser Art, doch eine Verlesung ist nicht auszuschließen, daher mit [?] markiert.

utpalaiḥ pūjayed devīṃ samastāpacimuktaye | lohitaiḥ sitalohitaiś pūjayet indirāptaye ||42|| kusumadvayaiḥ yajed ittalābhakāmanayā tathā | japākusumais tathā dāḍimajair api ||43|| saugandhikair vicakilaiḥ kuṭajaiḥ śatapatrakaiḥ | punnāgajaiḥ pāṭalaiś ca campakotthair yajec chive ||44|| saptabhiḥ saptavāreṣu bhāskarādiṣu pūjayet | proktakāleṣu vittāḍhyo dharādhānyāṃśukādibhiḥ ||45|| kuryād yena nityaṃ samastam api vāñchitam | labhate proktakālena tathā kālāgurudravaiḥ ||46|| kuṅkumena nityaśaḥ pūjā śīghraṃ saubhāgyasiddhaye | karpūreṇāyuṣaḥ siddhyai vaśyastrīdhanasiddhaye ||47|| campakaiḥ damanakābhyāṃ ca pūjayen māsamātrakam | kandarpasamasaubhāgyo vanitāsu naro bhavet ||48|| elālavaṅgakakkolajātibhir nityaśo yajet | abdamātraṃ tato loke viśrutaḥ syāt sa vaibhavaiḥ ||49|| karpūraśakalaiḥ pūjā sarvābhīṣṭapradā bhavet | pūjitais tattu jagdhaiḥ syāc chatrur [?] yāty akhilapriyaḥ ||50||

Mit blauen Lotosblüten (Utpala) verehre man die Göttin zur Befreiung von aller Sünde; mit roten und weiß-roten [Blüten] verehre man sie, um Indirās (Lakṣmīs) Gunst zu erlangen. Mit zweierlei Blüten opfere man ebenso im Wunsch nach [entsprechendem] Gewinn; mit Hibiskusblüten (Japā) und auch mit Granatapfelblüten. Mit wohlriechenden Blüten (Saugandhika), mit Vicakila, Kuṭaja, Lotos (Śatapatraka), mit Punnāga-, Pāṭala- und Campaka-Blüten opfere man um Śivas Gunst willen. Mit sieben Blütenarten an den sieben Wochentagen, beginnend bei der Sonne, verehre man; zu den genannten Zeiten wird man reich an Vermögen, Land, Getreide, Gewändern und dergleichen. Wer dies stets so vollzieht, erlangt alles Ersehnte zur genannten Zeit, ebenso durch Salben aus Kālāgaru-Essenz. Mit Kuṅkuma (Safran) [verehre man] täglich zur raschen Erlangung von Glück; mit Kampfer zur Erlangung langen Lebens, zur Gefügigmachung von Frauen und zum Erwerb von Reichtum. Mit Campaka-Blüten und Damanaka verehre man einen Monat lang; dadurch wird ein Mann bei den Frauen ebenso liebreizend wie der Liebesgott Kandarpa. Mit Kardamom-, Nelken-, Kakkola- und Jātī-Blüten opfere man täglich; ein Jahr lang fortgesetzt, wird man dadurch in der Welt durch seinen Reichtum berühmt. Die Verehrung mit Kampferstückchen gewährt alles Erwünschte; werden die geweihten [Opferreste] verzehrt, wird sogar ein Feind [?] gänzlich zugetan.

Verse 42-50: ein Katalog von Blumenopfern mit je eigener magischer Wirkung (Sündentilgung, Glücksgöttin-Gunst, Liebreiz, Reichtum, langes Leben, Ruhm); Vers 50 Pāda c ('śatru', Feind) unsicher rekonstruiert, da die OCR hier stark beschädigt ist.

aṣṭadalaṃ tathāṣṭārasaṃjñaṃ tanmadhyatas tathā | trikoṇayoniṃ vidhāyātha madhye māyāṃ sasādhyakām ||51|| ādityāsyāṣṭasu koṇeṣu mantravarṇāṣṭakam ālikhet | ahirdaleṣv api tathā likhed digvikrameṇa vai [?] ||52|| bahir māhakayor [?] māyā khagayā pratilomayā | krameṇa cābhisaṃveṣṭā tena yantraṃ sādhayet ||53|| samastavāñchitaṃ pūjādhāraṇasnapanādibhiḥ | kuryād rocanayā likhya bhūrje vā tāmrakhaṇḍake [?] ||54||

Nachdem man nach dem Achtblatt-Lotus das sogenannte Aṣṭāra (Achteck) [gezeichnet] und in dessen Mitte ein Dreieck (Yoni) angelegt hat, schreibe man in dessen Mitte den Māyā[-Bīja] samt dem Namen des Zielobjekts (sādhya). In den acht Ecken [des Aṣṭāra], beginnend bei der Sonne, schreibe man die acht Mantra-Silben; ebenso schreibe man sie auf den 'Schlangen'-Blütenblättern [?] der Reihe nach in der [üblichen] Richtungsfolge. Außen umgebe man dies mit der rückläufigen Māyā-Vokalreihe [?] der Reihe nach; dadurch, umschlungen, wird das Yantra vollendet. Alles Erwünschte erreicht man durch Verehrung, Tragen, Badrituale und dergleichen; man fertige [das Yantra] mit gelber Rocanā-Farbe auf Birkenrinde oder einer Kupferplatte [?] an.

Verse 51-54 beschreiben die Konstruktion eines weiteren, aus dem Aṣṭāra (Achteck), einem zentralen Dreieck und äußeren Silbenreihen aufgebauten Yantras; die geometrischen Einzelheiten (insbesondere 'ahirdaleṣu' = 'Schlangen-Blütenblätter' in Vers 52 und die genaue Vokalreihen-Anordnung in Vers 53) sind wegen extremer OCR-Zerstörung nur ungefähr aus dem knappen Kommentar erschließbar und mit [?] markiert.

gulikīkṛtya sikthasya madhyagaṃ tadvidhā tu | tāpayed rātriṣu dinaiḥ durbhagaḥ striyam ānayeta ||55|| daradena vilikhyaitat paṭe vā phalakodare | tatra devīṃ samāvāhya pūjayet tair dinair bhavet ||56|| vaśe tribhuvanaṃ sarvaṃ naranārīnṛpādikam | gajavājirathādi divyagajāter api dhruvam ||57|| āmre śaile vā nadītīre'thavā likhet | gītokte [?] samāvāhya devīṃ tatraiva pūjayet ||58|| samastarogaduḥkhārtiśāntiḥ svād bhūtir nityaṃ | lābhāś ca pūjanāt tatra paśudāsīdhanānnām ||59|| tadyantraṃ candanair liptaṃ pīṭhe taddinapūjanāt | putrādikalatrajñā [?] dhanaṃdhānyādimān bhavet ||60|| āditye hemarūpye vā bhūrje vālikhya dhāraṇāt | samastarogaduḥkhārtirahito vardhate sukhī ||61||

Nachdem man Bienenwachs zu einer Kugel geformt und [ein Bildnis] in deren Mitte gesetzt hat, erhitze man dies auf die genannte Weise bei Nacht und bei Tag; [selbst] eine ungeliebte [Frau, die sich einem Mann verweigert,] wird man dadurch [ihm] zuführen. Zeichnet man dies mit rotem Bleisulfid (Darada) auf Tuch oder eine Holztafel, beruft die Göttin dorthin und verehrt sie, so geschieht [das Ersehnte] binnen jener Tage. Alle drei Welten werden [einem] gefügig: Männer, Frauen, Fürsten und dergleichen, Elefanten, Pferde, Wagen und selbst göttliche Elefanten, ganz gewiss. Auf einem Mangobaum, einem Berg oder an einem Flussufer zeichne man es; nachdem man die Göttin dorthin berufen hat, verehre man sie eben dort. Beruhigung aller Krankheiten, Leiden und Schmerzen, stets wunderbares Gedeihen und Gewinn entstehen aus der dortigen Verehrung, ebenso [der Erwerb] von Vieh, Dienerschaft und Reichtum. Jenes mit Sandelpaste bestrichene Yantra, auf einem Podest an einem [geeigneten] Tag verehrt, verschafft Söhne, Gattin, [Nachkommenschaft(?)], Reichtum und Getreide. Auf Gold, Silber oder Birkenrinde gezeichnet und getragen, wird man, von allen Krankheiten, Leiden und Schmerzen befreit, glücklich gedeihen.

Verse 55-61: eine Reihe magischer Anwendungen (Liebeszauber, Weltunterwerfung, Krankheitsheilung, Wohlstand) mittels eines mit Bienenwachs, rotem Bleisulfid oder Sandelpaste behandelten Bildnisses bzw. Yantras. Vers 60 'putrādikalatrajñā' unsicher gelesen, mit [?] markiert.

prākpratyagdakṣiṇodak sūtraṣaṭkanipātanāt | koṣṭheṣu pañcaviṃśatsu trīṇi koṇeṣu mājayet ||62|| koṣṭhe tataḥ śeṣais trayodaśabhir īritam | tanmadhyaṃ śaktimāyākhyām ālikhya ākhyāṃ tato'bhitaḥ ||63|| visargaṃ tatas tasmin pūjayed aṣṭavārakam | vāñchitāṃ vanitāṃ mānakulajātilaṅghinīm ||64|| tālapatradale kṛtvā yantraṃ sarṣapaiḥ parivṛṃhitam [?] | pathyaśuṇṭhīmāgadhikāsaricākaṃpayoyutam [?] ||65|| niśāsu dīpāgnau dīpavartiṃ saṃtāpayej japam | vidyāṃ trayodaśārṇāṃ tu taddigvaktrīṃ kṛtvā striyam ||66||

Nachdem man durch das Ziehen von sechs Linien in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung [ein Feld von] fünfundzwanzig Kompartimenten [gebildet hat], markiere man in den [vier] Ecken je drei Felder. Das [Mittel-]Feld sei sodann mit den übrigen dreizehn [Feldern ringsum] bezeichnet; in dessen Mitte schreibe man den Namen 'Śaktimāyā' [das Visarga-Bīja], sodann den Namen [des Zielobjekts] ringsherum. Den Visarga verehre man darin achtmal; [dadurch gewinnt man] die ersehnte Frau, mag sie auch die Schranken von Ansehen, Familie und Kaste überschreiten. Nachdem man das Yantra auf einem Palmblatt angefertigt und mit Senfkörnern umgeben hat, vermischt mit Myrobalane, Trockeningwer, langem Pfeffer und Zuckerrohr-Sirup [?], erhitze man es nachts an der Lampenflamme mit einem Lampendocht, während man die dreizehnsilbige Vidyā rezitiert, [das Bildnis] mit dem Gesicht in jene Richtung [des Zielobjekts] gewandt, um die Frau [herbeizuführen].

Verse 62-66 beschreiben die Konstruktion eines 25-Felder-Yantras (Visarga-Bīja im Zentrum) zur Gewinnung einer bestimmten Frau, angefertigt auf Palmblatt mit Senf und verschiedenen Gewürzen und nächtlich an der Lampenflamme erhitzt, begleitet von der Rezitation einer 13-silbigen Vidyā; Einzelheiten der Zutatenliste (Vers 65) bleiben wegen OCR-Schäden unsicher.

ākarṣayen navāgacchet tataḥ kāmenarāñchanaiḥ [?] | avasthābhiś ca daśabhir matim eti suniścitam ||67|| bhūrje tāladale vā tadālikhya spaṣṭavigraham | sarvacchiṣṭapratikṛtiṃ ṛjuṃ taṃ tāpayet tathā ||68|| naranārīnṛpādyān ya prāṇinām snehavihvalām | karoti yāvad ehāntaṃ te pratīpā na lapanti ca ||69|| kajjalena yantram ālikhya bhūrje vastre site'thavā | japitvā dhārayet sarvarogaduḥkhārtināśanam ||70|| gairikeṇa candanopete rālikhya vimalāmbare | tadā vidviṭ śayānasya vairiṇyo dāsasannibhāḥ ||71|| vṛttadvayāntarāle kṛtvā ṣaṭkoṇaṃ tasya madhyataḥ | bhūḥ svargabhaṃgataṃ nāma vilikhyākhileṣu ṣaṭsvapi [?] ||72|| dhūrjaṭāladale vā tad ālikhya cīnapatrake [?] | prajapya vidyām ayutaṃ valmīke nikṣipec ca tat ||73|| yatra sthitā ye bhujagāḥ palāyante'tha tadvalmīkādi [?] ||74||

Sie wird herangezogen, kommt allmählich näher durch die Zeichen der Begierde; durch die zehn [Liebes-]Zustände gelangt sie, ganz gewiss, zu diesem Entschluss. Nachdem man auf Birkenrinde oder Palmblatt deren deutliche Gestalt gezeichnet hat, erhitze man das vollständig und richtig gezeichnete Abbild ebenso. Es macht Männer, Frauen, Fürsten und andere Lebewesen von Zuneigung überwältigt, bis an ihr Lebensende; sie sprechen dann nichts Widriges mehr. Zeichnet man das Yantra mit Lampenruß auf Birkenrinde oder weißes Tuch, rezitiert und trägt man es, so vernichtet es alle Krankheit, Leid und Schmerz. Zeichnet man es mit rotem Ocker und Sandelpaste auf reines Tuch, so werden, während [der Feind] schläft, selbst seine Feindinnen ihm wie Dienerinnen. Zwischen zwei Kreisen fertige man ein Sechseck an, in dessen Mitte schreibe man den Namen [des Zielobjekts] verbunden mit dem 'Svarga'-Bīja [?], ebenso in allen sechs Ecken. Zeichnet man dies auf Birkenrinde, Palmblatt oder chinesisches Papier [?], rezitiert die Vidyā zehntausendmal und vergräbt es in einem Ameisenhügel, so fliehen die dort befindlichen Schlangen; sodann [verlässt man] jenen Ameisenhügel und dergleichen [?].

Verse 67-99 bilden einen langen Block von Liebeszauber-, Schutz- und Bannungs-Yantras mit Bildnis-Erhitzung (ein im tantrischen Vaśīkaraṇa geläufiges Motiv). Vers 72 'svargabhaṃgatam' unsicher, ebenso Vers 73 'cīnapatrake' ('chinesisches Papier' – ungewöhnlich für einen Sanskrit-Text dieser Zeit, könnte auch ein anderes Beschreibmaterial meinen); Vers 74 bricht am Satzende ab, der Anschluss zu Vers 75 ist unsicher.

saṃlikhya sañjapyābhyarcya kutracit [?] | vidhāya nityaśaḥ pūjāsametaiḥ racitaṃ yantram ||75|| bhūtapretapiśācāpasmāravetālarākṣasāḥ | yakṣagandharvabhujagadvipaścikādīn na tadbhavet [?] ||76|| kumbhasthakunthasalile japitvā vidyayānayā | sahasravāraṃ salilaiḥ āsekāt sarvaviṣanāśanaḥ ||77|| tatpītvā jaṭhare prāptam aśeṣaṃ nāśayed viṣam | dehagaṃ parameśāni vividhaṃ bhīṣaṇātmakam ||78||

Nachdem man [dieses Yantra] irgendwo [anders] gezeichnet, rezitiert und verehrt hat [?], [gilt]: das so, mit täglicher Verehrung versehen, angefertigte Yantra [schützt ebenso]. Geister, Verstorbene, Piśācas, Epilepsie[-Dämonen], Vetālas und Rākṣasas, Yakṣas, Gandharvas, Schlangen, Skorpione und dergleichen sollen dadurch [dem Träger] nichts anhaben können [?]. Nachdem man die Vidyā über in einem Gefäß befindlichem Wasser tausendmal rezitiert hat, wird durch das Besprengen mit diesem Wasser alles Gift vernichtet. Trinkt man es, vernichtet es jegliches Gift, das den Bauch erreicht hat, o höchste Herrin, sowie jedes im Körper befindliche, mannigfache und furchterregende Gift.

Vers 75 ist im überlieferten OCR-Text so zerstört, dass der Anschluss an das abgebrochene Vers-74-Ende und der genaue Wortlaut nicht mit Sicherheit rekonstruierbar sind; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten, aus dem knappen Kommentar erschlossenen Bedeutung (ein siebensilbiges, aus Praṇava und sechs Silben der Wurzel-Vidyā gebildetes Schutz-Yantra), vollständig mit [?] gekennzeichnet. Verse 76-78 (Schutz vor Dämonen, Gift-Heilung durch geweihtes Wasser) sind inhaltlich klarer, aber ebenfalls mit unsicheren Einzelheiten.

tadvilikhya nakhāgreṇa nārikeladale smaran | ākṛṣya phaṇinaṃ vidyājapapūrvaṃ nakhādinā ||79|| pīḍanāt pāṭanād ghorī pīḍitaḥ pāṭito bhavet | evaṃ sarvaṃ viprakāraṃ garalaṃ nāśayed idam ||80|| vālukāsu samālikhya yantram abhyarcya devatām | tatraiva bhogayet saptaṃ [?] bhoginaṃ na vicintayet ||81|| anāhatāni vidyāyām akṣarāṇi trayodaśa | taiḥ ṣoḍaśasvaropetaiḥ saṃkhyāṣṭau ca śatadvayam ||82||

Zeichnet man dies mit der Fingernagelspitze auf ein Kokosnussblatt, während man [die Vidyā] memoriert, und zieht damit, nach vorangehender Vidyā-Rezitation, mit dem Nagel eine Schlange herbei, so wird die furchterregende [Schlange] durch Drücken und Spalten gedrückt und gespalten; ebenso vernichtet dies jede Art von schädlichem Gift. Zeichnet man das Yantra im Sand und verehrt die Gottheit, so bleibt [die Schlange] eben dort [ruhig]; man braucht die dort hausende [Schlange] nicht zu fürchten. Die dreizehn nicht-wiederholten (anāhata) Konsonanten der Vidyā ergeben, verbunden mit den sechzehn Vokalen, der Zahl nach zweihundertacht [Silben].

Verse 79-82: Schlangenbeschwörung und Giftvernichtung durch ein mit dem Fingernagel gezeichnetes Yantra sowie Herleitung der Silbenzahl (13 Konsonanten x 16 Vokale = 208) für das im Folgenden (V.83ff.) beschriebene Achter-Yantra-System.

tāni pūrvāyayantre tu vilikhen madhyato bahiḥ | bahiḥ prāgvat tatas taiḥ syād yantrāṇy aṣṭau maheśvari ||83|| teṣv ādyaṃ sarvavāreṣu viniyujyād udīritam | dvitīyādīni yantrāṇi sapta bhānor ādivāsare ||84|| viniyuñjyāt proktakumbhasvāsyālekhanapūrvakam | vārākhyā saptamī yuktām ālikhet sādhayeti tat ||85|| vaśyākarṣaṇaśāntyāptā vidadhyād ādyayantrataḥ | proktakrameṇa vidhinā śāntim arcanataḥ tathā ||86|| saptamaṃ pūjitaṃ kvāpi sthāpitaṃ potagarbhake | tajjñā nāśayanti tatpotam adho [?] sarvaṃ tathā śive ||87||

Diese [208 Silben] schreibe man in das vorige Yantra von der Mitte nach außen, außen wie zuvor; dadurch entstehen acht Yantras, höchste Herrin. Von diesen setze man das erste, wie angegeben, an allen [Wochen]tagen ein; die übrigen sieben Yantras [setze man] an ihrem jeweiligen Tag ein, beginnend beim Tag der Sonne. Man setze [es] ein, nachdem man zuvor den Namen [des Ziels] auf die Öffnung des genannten Wasserkrugs geschrieben hat; das mit dem betreffenden Wochentagsnamen versehene siebte [Yantra] schreibe man mit dem Wort 'Unterwirf!' (sādhaya). Unterwerfung, Anziehung und Besänftigung erreicht man durch das erste Yantra, nach der genannten Methode und Vorschrift, ebenso Besänftigung durch [bloße] Verehrung. Wird das siebte [Yantra] irgendwo verehrt und im Rumpf(-inneren) eines Schiffes aufgestellt, so vernichten es Kenner zufolge alles Schädliche in jenem Schiff, o Śivā.

Verse 83-87 beschreiben, wie aus den 208 Silben acht gleichartige Yantras gebildet werden – eines für den täglichen Gebrauch, sieben weitere je einem Wochentag zugeordnet – und ihre Anwendung zu Unterwerfung, Anziehung, Besänftigung und Schiffsschutz.

tathā vāreṣu teṣūktāny ālikhyābhyarcya śivām | vāñchiteṣu samasteṣu tair nistā anyavāpnuyāt [?] ||88|| rogaśāntiṃ jayaṃ lābhaṃ nānābhīṣṭārthavigraham | śatrubhaṅgaṃ narān nṛpān sarveṣv ādijanmimām [?] ||89|| prākpratyagdakṣiṇodak sūtrāṇy āsphālayet kramāt | dvāviṃśatiṃ tataś caikacatvāriṃśac catuḥśatam ||90|| teṣu koṇeṣu parito mājayet pūrvavat kramāt | pañcapañcāśat tāny api koṇe maheśvari ||91|| śatadvayaṃ caikaviṃśaṃ teṣu dikṣu vikoṇakam | madhye'vaśiṣṭanavakamadhye nāmodarāṃ likhet ||92|| sāyaṃ tadbhitaḥ sarvavargāṃs tristriḥkrameṇa vai | vikoṇeṣu ca sādhyāni likhed vajram itīritam ||93|| tadraiva tu paṭe cīne vā susite śubhe [?] | vilikhyābhyarcya tat potaṃ rakṣati vāridhau ||94|| prāguktāni samastāni sādhayed vajrarūpiṇā | yantreṇānena kālena proktena satataṃ śive ||95||

Ebenso zeichne man an jenen [Wochen]tagen die genannten [Yantras], verehre die Heilvolle; bei allem Erwünschten erlangt man dadurch das Ersehnte [?]. Beruhigung von Krankheit, Sieg, Gewinn, die Erlangung mannigfacher erwünschter Dinge, die Zerschmetterung von Feinden – von Menschen, Fürsten und allen anderen Geschöpfen von Anfang an [?]. Nachdem man Linien in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung der Reihe nach gezogen hat, [entstehen] zweiundzwanzig [Linien], sodann [insgesamt] vierhunderteinundvierzig [Felder]. In deren Ecken markiere man ringsum der Reihe nach wie zuvor; fünfundfünfzig [Felder] je Ecke ebenfalls, höchste Herrin, [und] zweihunderteinundzwanzig [Felder] an jenen Zwischenrichtungen; in der Mitte, im verbleibenden Neunerfeld, schreibe man in dessen Mitte den Namen [des Zielobjekts]. Am Abend schreibe man rings darum alle [Silben]gruppen dreifach der Reihe nach; in den Zwischenrichtungsfeldern aber schreibe man die [Namen] des Zielobjekts – so wird [dies] das 'Vajra'[-Yantra] genannt. Ebenso [zeichnet man dies] auf feines, chinesisches oder [anderes] glattes, günstiges Tuch [?]; gezeichnet und verehrt, schützt dieses [Yantra] ein Schiff auf dem Meer. Alle zuvor genannten [Wirkungen] erzielt man mit diesem in Vajra-Gestalt angefertigten Yantra, zu der genannten Zeit, stets, o Śivā.

Verse 90-95 beschreiben die Konstruktion des abschließenden 'Vajra'-Yantras aus 441 (22x22-artig angeordneten) Feldern mit einem zentralen Neunerfeld und Zwischenrichtungsfeldern; die genauen Feldzahlen (55, 221 usw. je Ecke/Richtung) sind der Zahl nach im OCR noch erkennbar, ihre exakte geometrische Anordnung bleibt jedoch, wie in den Versen 51-54 und 62-65, nur ungefähr rekonstruierbar.

tāṃ dṛṣṭvā pāśasaṃbaddhaṃ sādhyam agre gatāgrataḥ [?] | ākarṣantāṃ svapādānte sāñjaliṃ prati muhyataḥ [?] ||96|| rakṣeti bhāṣantaṃ smaran vidyāṃ japan niśi | sādhyo naro'tha nārī vā vaśam eti suniścitam ||97|| athavā sāñjalaṃ sādhyaṃ prāgvad vādinam agraśaḥ [?] | protakeśasamākṛṣṭaṃ japan vākyena bhavet [?] ||98|| mantrākṣarāṇi tejobhiḥ pūritaṃ vā tathāvidhām | svayam evānayet tāṃ tu smaran jāpena nayet ||99|| evaṃ sā kurukullā te proktā sarvārthasādhikā | lalitāvigrahā yena vaśinyādiyutā tataḥ ||100|| buddhitattvamayo vyāptir iti samyak samīritā | asyā niṣkalajāc citte tattvaṃ svātmasātkṛtam ||101||

Man visualisiere sie (die Göttin), wie sie das mit der Schlinge gebundene Zielobjekt vor sich her, ihm vorausgehend [?], an die eigenen Füße heranzieht, während [das Zielobjekt] mit gefalteten Händen [ihr zugewandt] die Fassung verliert [?] — während man, 'Schütze [mich]!' rufend, [dies] memoriert und nachts die Vidyā rezitiert, gerät das Zielobjekt, sei es Mann oder Frau, so, ganz gewiss, in [die eigene] Gewalt. Oder aber man [visualisiert], wie zuvor, das mit gefalteten Händen [flehende] Zielobjekt vor sich sprechend [?], an seinen zu einem Zopf gebundenen Haaren herangezogen; rezitierend geschieht dies durch [das entsprechende] Wort [?]. Oder [man visualisiert] die Mantra-Silben von Glanz erfüllt, ebenso das derart beschaffene [Zielobjekt]; man führe es von selbst herbei, indem man memoriert und es mit der Rezitation herführt. So ist dir diese Kurukullā verkündet worden, die Vollbringerin aller Ziele, deren Gestalt die der Lalitā ist, und die daher mit Vaśinī und den übrigen [Śaktis der Vāc-Gruppe] versehen ist. „Sie ist die alldurchdringende Fülle, bestehend aus dem Prinzip des reinen Verstandes (buddhitattva)“ – so ist es vollständig und richtig dargelegt; ihr aus dem Ungeteilten entstandenes Wesen ist im Herzen [des Verehrers] dem eigenen Selbst gleichgemacht worden. So endet, im Tantra der sechzehn Nityās, zusammen mit den Versen, der zweiundzwanzigste Paṭala.

Verse 96-99 beschreiben, in den für Vaśīkaraṇa (Unterwerfungs-/Anziehungszauber) typischen Bildern, mehrere alternative Visualisierungsweisen der Anziehung des Zielobjekts (mit Schlinge gebunden, an den Haaren gezogen, von Mantra-Glanz erfüllt); die genaue Syntax bleibt an mehreren Stellen unsicher und mit [?] markiert. Vers 101 schließt das Kapitel mit einer knappen philosophischen Identifikation Kurukullās mit dem 'Buddhitattva' (Prinzip des reinen, ungeteilten Verstandes) und seiner Verwirklichung im eigenen Selbst – ein für die abschließenden Verse der Nityā-Kapitel dieses Werks typisches Muster. Die Kolophonzeile ('iti ṣoḍaśanityātantre ślokādisahite dvāviṃśaḥ paṭalaḥ') wurde am Ende des letzten Units mitübersetzt; die im Original unmittelbar anschließende ausführliche Kommentar-Kolophonzeile (mit Nennung Subhagānandanāthas und des Werks Manoramā) folgt danach im Quelltext und markiert dort den tatsächlichen Kapitelübergang zu Paṭala 23.

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