Paṭala 20: jvālāmālinī-nityāvidyāvidhānaprakāśanaparaṃ viṃśatitamaṃ paṭalam
20-tes Kapitel: Die Darlegung der Jvālāmālinī-Nityā (Nyāsa, Dhyāna, Cakra-Verehrung, die zehn Yantras, die drei Vedhas und die Bhasma-Bereitung)
Quelle: Tantrarāja-tantra mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, hrsg. Sadāśiva Miśra, Tantrik Texts Vol. II (Paṭala XIX-XXXVI), Calcutta: Agamanusandhana Samiti 1926 (archive.org, OCR). Dies ist Band II des Werks; der vorliegende ist der zwanzigste Paṭala, gewidmet Jvālāmālinī, der fünfzehnten der sechzehn Nityā-Göttinnen. Übersetzt wurde nur der Wurzeltext (Verse 1-101), nicht der ausführliche Sanskrit-Prosakommentar; dieser wurde nur dort herangezogen, wo er ein Wort des Wurzeltexts wörtlich zitiert und damit zur OCR-Klärung beiträgt (in den Notes vermerkt), niemals als Deutungsgrundlage. Inhalt: Nyāsa und Dhyāna der Jvālāmālinī (V.1-6); Aufbau ihres Verehrungs-Cakras (Doppelquadrat, Achteck, Sechseck, Dreieck) mit den zugehörigen Śakti-Gruppen - Icchā/Jñānā/Kriyā-Śakti, die sechs Ḍākinī-Yoginīs, die acht Ghasmarā-Śaktis - sowie Lokapāla-Verehrung und Bali/Homa (V.7-14); Konstruktion von zehn Yantras aus der Vidyā samt allgemeiner Anwendungslehre (V.15-21); Einsetzung der neun Planeten in neun dieser Yantras nebst Rāhu/Ketu-Sonderregel (V.22-27); ein Verfahren zur Befragung eines durch Räucherung in Trance versetzten Knaben oder Mädchens als Orakel (V.28-34); ein Krankheits-Austreibungsritual mittels Sechseck-Yantra (V.35-36); ein Anziehungszauber mittels eines im Schädel(-Gefäß) erhitzten ersten Yantras zur Unterwerfung von Frauen, Königen u.a. (V.37-41); die Lehre von den drei "Durchbohrungen" (Vedha: Yāmala, Śākta, Śāmbhava), Initiationsriten, durch die der Schüler mit dem Guru bzw. der Gottheit eins wird und dessen Wissen empfängt (V.42-50); die Anwendung des ersten Yantras auf Metallplatten für Unterwerfung, Anziehung, Lähmung, Bezwingung, Gewinn und Befreiung (V.51-55); die Einzelanwendungen des zweiten bis zehnten Yantras (Heilung von Krankheiten, Feindvernichtung, Sieg in Streit und Spiel, Gewinnung von Menschen und Tieren, Reichtum, Ansehen, Wohlgestalt) (V.56-73); Abhiṣeka mit allen zehn Yantras zur Besänftigung ungünstiger Planeten, Planetenverehrung durch das Jahr, Goldgabe an eine Nityā-Kennerin, Stärkung des Verdauungsfeuers, planetenbezogene Monatsrituale und ein Feindvernichtungs-Ritual bei Sonnen-/Mondfinsternis (V.74-87); die Bereitung einer aus Kräutern und der Asche eines mit allen sechzehn Nityā-Vidyās geweihten Materials hergestellten Schutz-Bhasma (V.88-92); die Konstruktion von einundzwanzig Dreiecks-Yantras aus den "Feuer-Silben" der fünf Elemente zur Steigerung des Verdauungsfeuers (Kukṣyagni) (V.93-98); ein abschließendes Wasserkrug-Ritual mit gleicher Wirkung sowie der formelhafte Schlussvers (V.99-101). Die OCR-Qualität ist wie im gesamten Band durchgehend sehr schlecht; besonders in den technischen Yantra-Konstruktions- und Namenslisten-Passagen (V.3-4, V.9-10, V.19-20, V.28-31, V.40, V.44, V.49-54, V.56-61, V.65-66, V.69, V.74-77, V.79-82, V.87-89, V.93-98) sind zahlreiche Wörter, Zahlen und einzelne Halbverse nur noch als Vermutung rekonstruierbar und entsprechend mit [?] markiert. Die Versnummerierung der Ausgabe selbst ist in diesem Paṭala an mehreren Stellen durch OCR-Ziffernfehler und durch eine für Sanskrit-Kommentareditionen typische Spalten-/Seitenumbruch-Verschachtelung von Wurzeltext und Kommentar stark gestört (u.a. erscheint Vers 51 im OCR ohne lesbare Nummer, Verse 69/70/72 mit vertauschten oder unlesbaren Nummern, und der ganze Abschnitt V.88-98 mit mehrfach wiederholter Nummer "88"); die Zählung wurde hier durchgehend anhand des Kommentars (der die Anzahl der ihm zugeordneten Verse jeweils ausdrücklich nennt, z.B. "pañcabhiḥ ślokaiḥ", "aṣṭabhiḥ ślokaiḥ") und des inhaltlichen Zusammenhangs zu einer lückenlosen Folge 1-101 korrigiert; die exakte gedruckte Nummer ist an den genannten Stellen nicht mehr zuverlässig rekonstruierbar. Die tatsächlich gelesene Zeichenspanne (ca. 183677-223065 in window.TT2) stimmt mit der Schätzung des Orchestrators gut überein; das Kapitel endet, wie erwartet, unmittelbar vor der Überschrift des 21. Paṭala ("ekaviṃśapaṭalam"). Ein editorischer Kolophon-Vers am Kapitelende ("granthasaṃkhyā") nennt überlieferungstechnische Angaben zur Textlänge (32 Yantras im Kapitel, Gesamtumfang ca. 300 Ślokas-Einheiten minus eines Bruchteils); dieser rein redaktionelle Vers wurde nicht als Übersetzungseinheit aufgenommen.
atha ṣoḍaśanityāsu pañcadaśy uktā tu yā | tadvidhānaṃ śṛṇu prājñe jvālāmālinyudāhṛtā ||1||
nyāsaṃ dhyānaṃ tathā śaktīḥ pūjām api ca sādhanam | yantrāṇi viniyogāṃś ca phalāni ca śṛṇu kramāt ||2||
eka-dvi-catuḥ-ṣaṭka-catuṣṭaya-daśākṣaraiḥ [?] kuryād aṅgāni mūlākṣarād itaḥ ṣaṭ karāṅgayoḥ [?] ||3||
Nun [verkünde ich] das Regelwerk derjenigen [Göttin], die unter den sechzehn Nityās als die fünfzehnte genannt wird – höre es, Kluge: sie wird als Jvālāmālinī bezeichnet.
[Ich werde lehren] den Nyāsa (die rituelle Einsetzung der Mantra-Silben im Körper), die Dhyāna (Meditationsvorstellung), ferner die Śaktis, auch die Verehrung, die [rituelle] Vollziehung (sādhana), die Yantras, ihre Anwendungen (viniyoga) und die Wirkungen – höre [dies alles] der Reihe nach.
Mit einer, zwei, vier, sechs [?], vier und zehn Silben soll man, ausgehend von der ersten Silbe der Wurzel-Vidyā, die sechs Glieder (aṅga) [des Nyāsa] vollziehen, dem Hand-Nyāsa vorangehend [?].
V.3 ist im OCR fast vollständig zerstört; die Silbenzahlen sind nach dem (ebenfalls beschädigten) Kommentar rekonstruiert, der ausdrücklich erklärt: 1. Silbe -> Herz, [1 weitere ->] Scheitel, [die folgenden] 4 -> Śikhā, [die folgenden] 6 -> Kavaca (Rüstung; OCR zeigt hier fälschlich 'pañca' = 5, doch der Kommentar nennt als Gesamtsumme ausdrücklich 26 Silben in sechs Gliedern - 1+1+4+6+4+10 = 26 -, weshalb hier zu 'ṣaṭka' emendiert wurde), [die folgenden] 4 -> Auge, [die letzten] 10 -> Waffe (Astra). Dies setzt eine 26-silbige Jvālāmālinī-Wurzelvidyā voraus, deren Wortlaut hier nicht behandelt wird (in einem früheren Kapitel bereits verkündet). Die genaue Wortstellung des Verses (v.a. 'karāṅgayoḥ', wohl 'dem Hand-Nyāsa vorangehend/zugeordnet') bleibt unsicher, mit [?] markiert.
[Man meditiere auf sie,] gleich lodernder Flamme, strahlend mit einer rubingeschmückten Krone; [sechsarmig? -] zwölfarmig [?], mit allem Schmuck geziert.
Schlinge (pāśa) und Stachelstab (aṅkuśa), Schwert und Schild, Bogen und Pfeil, die Keule tragend, Dreizack und [einen krummen Stab? [?]], die Gabe- und die Furchtlosigkeits-Geste haltend [?] -
umgeben ringsum von ihr selbst gleichen Śaktis, mit einem Antlitz, das von einem lieblichen Lächeln erglänzt, lotosäugig [?], von durchdringender/scharfer [Natur, feuergleich] [?].
V.4 zeigt im OCR nebeneinander die Zeichen für 'sechs' (ṣaḍ) und 'zwölf' (dvādaśa) als Armzahl; da Vers 5 der Sache nach eher zehn bis zwölf gehaltene Attribute/Gesten aufzählt (Schlinge, Stachelstab, Schwert, Schild, Bogen, Pfeil, Keule, Dreizack, ein unklares Attribut, Gabe- und Furchtlosigkeits-Geste), wurde 'dvādaśabhujām' (zwölfarmig) als wahrscheinlichere Lesart gewählt und 'ṣaḍ' als OCR-Dittographie behandelt; unsicher. 'śūlavaṅkī' (Vers 5) unklar, evtl. Name einer weiteren Waffe; mit [?] belassen. 'cārusmitalasad-akṣisarojām' (Vers 6, lotosäugig mit lieblichem Lächeln) und 'tīkṣṇānvitām' (von scharfer/feuriger Natur, passend zum Flammenkranz-Motiv der Jvālāmālinī) sind Rekonstruktionen aus stark zerstörtem OCR-Text.
dhyātvaivam upacāraiḥ tair arcayet tāṃ tu nityaśaḥ | caturasradvayaṃ kṛtvā caturdvārasamanvitam ||7||
saśākham aṣṭapatraṃ ca antar aṣṭāsrakaṃ tataḥ | ṣaṭkoṇaṃ madhyataḥ trikoṇaṃ vidhāya śivāṃ yajet ||8||
icchājñānakriyāśaktīś ca [trikoṇa]koṇagāḥ kramāt | ḍākinyādyāś ca ṣaṭkoṇe [pūjyāḥ] [aṣṭāsre] ghasmarādikāḥ ||9||
ghasmarā viśvakavalā [?] lolajihvikā | [?] [?] niḥsaṅgā saṃhatipriyā ||10||
So meditierend, soll man sie täglich mit jenen [sechzehn] Opfergaben (upacāra) verehren. Nachdem man ein doppeltes Quadrat, versehen mit vier Toren,
mit Zufahrtswegen [?] und einem Achtblatt-Lotus, und innerhalb davon ein Achteck, [dann] ein Sechseck und in der Mitte ein Dreieck angefertigt hat, verehre man die Heilvolle (Śivā).
Die Śaktis des Willens, des Wissens und des Handelns (icchā-, jñāna-, kriyā-śakti) [befinden sich] der Reihe nach in den Ecken [des Dreiecks]; und Ḍākinī und die übrigen [fünf Yoginīs sind im Sechseck zu verehren, im Achteck aber] die mit Ghasmarā beginnenden [acht Śaktis].
Ghasmarā ("die Verzehrende"), Viśvakavalā ("die die Welt Verschlingende") [?], Lolajihvikā ("die mit der lodernden/flackernden Zunge") [?], [zwei unlesbare Namen] [?], Niḥsaṅgā ("die Ungebundene"), Saṃhatipriyā ("der Vereinigung Zugetane").
Aufbau des Verehrungs-Cakras (von außen nach innen: Doppelquadrat mit vier Toren, Achtblatt-Lotus, Achteck, Sechseck, Dreieck) sowie Zuordnung der zugehörigen Śakti-Gruppen (Icchā/Jñānā/Kriyā-Śakti im Dreieck, sechs Ḍākinī-Yoginīs im Sechseck, acht Ghasmarā-Śaktis im Achteck) folgt dem in Band-I-Kapitel 7 belegten Standardschema der Śrīvidyā-Cakra-Konstruktion; die genaue Zuordnung Achteck/Lotusblätter ist wegen widersprüchlicher OCR-Reste unsicher (vgl. Vers 11, wo dieselben oder ähnliche Śaktis nochmals 'außen in den acht Blütenblättern' verehrt werden). Von den acht Ghasmarā-Namen in Vers 10 sind nur vier sicher lesbar (Ghasmarā, Viśvakavalā, Lolajihvikā, Niḥsaṅgā, Saṃhatipriyā - tatsächlich fünf); die übrigen drei Namen sind im OCR nicht mehr erkennbar und wurden nicht geraten, sondern ausgelassen bzw. mit [?] markiert.
bahir aṣṭacchadeṣv etāḥ pūjayec ca pradakṣiṇam | acintyā aprameyāś ca pūrṇarūpāṃ durāsadām ||11||
sarvagāṃ siddhirūpāṃ ca pāvanām ekarūpiṇīm | bahirdvāreṣu koṇeṣu pūjayet prāguditāḥ [?] ||12||
prāgvat [nyāsaṃ] mūle kṛtvā tām ukte proktakramād yajet | balihomāvasānāntam iti samyak samīritam ||13||
agrataḥ haviṣyāśī japed vidyāṃ jitendriyaḥ | tadaṃśāṃśaṃ tarpaṇaṃ ca homaṃ kuryāc ca [nityaśaḥ] ||14||
Außen, in den acht Blütenblättern, soll man diese [Śaktis] im Uhrzeigersinn verehren - [sie sind] unvorstellbar und unermesslich; [ebenso verehre man die Göttin selbst], von vollkommener Gestalt, schwer zu erreichen,
allgegenwärtig, von der Natur der Vollendung (siddhi), reinigend, von einer einzigen [gleichbleibenden] Gestalt. An den äußeren Toren und in [deren] Ecken verehre man die zuvor genannten [Wächtergottheiten].
Nachdem man wie zuvor [den Nyāsa] an der Wurzel [des Mantras bzw. am Mūlādhāra] vollzogen hat, verehre man Sie nach der genannten Ordnung; [dies alles] bis zum Abschluss von Opfergabe (bali) und Feueropfer (homa) - so ist es zutreffend zusammengefasst.
Zuvor, sich von geweihter Opferspeise nährend, mit gebändigten Sinnen, rezitiere man die Vidyā; und ein Zehntel davon [soll man] als Trankopfer (tarpaṇa) und Feueropfer (homa) verrichten [, täglich].
Vers 12 'prāguditāḥ' (die zuvor genannten) bezieht sich vermutlich auf die Wächtergottheiten der Tore/Lokapālas, die in diesem stark verkürzten Kapitel nicht eigens aufgezählt, sondern (wie der Kommentar andeutet) aus dem Nityānityā-Kapitel übernommen werden; unsicher. Vers 14: die 'ein Zehntel'-Regel (daśāṃśa) für Tarpaṇa/Homa ist durch den Kommentar ('daśāṃśam ity ākṛṣyate') gesichert.
Nachdem das Verehrungs-Cakra außerhalb, in einem ungeteilten Quadrat, [angelegt worden ist] [?], möge so das vollendete [Cakra] bestehen bleiben; [nun höre] die Yantras der Reihe nach.
Nachdem man [dieses Quadrat] angefertigt hat, schreibe man dort die Silben [der Jvālāmālinī-Vidyā] gemäß der [im Folgenden dargelegten] Vorschrift ein; inmitten von allem, im Innersten des Praṇava (tāra), [schreibe man] die Śakti, versehen mit [ihrem] Namen.
[Die erste Silbe in der Mitte, die] zweite [Gruppe] in den sechs Ecken [des Sechsecks], ebenso eine Sechsergruppe in den acht [Ecken des Achtecks]; eine Achtergruppe ebenso außen [in den acht Blütenblättern], außen [davon, im äußeren Quadrat, in jeder Richtung] der Reihe nach neun [weitere Silben].
So soll man mit den [insgesamt dreiundsechzig] Wurzel-Silben das ganze Yantra herstellen; durch dieses allein kann man alles Gewünschte erlangen, o Śivā, durch Verehrung, Tragen [als Amulett] und rituelle Aufstellung.
Verse 15-18 beschreiben die Konstruktion des ersten (Grund-)Yantras aus den 63 Silben der Jvālāmālinī-Vidyā (Mitte, Sechseck zu 6, Achteck zu 8, Lotusblätter zu 8, äußeres Quadrat zu 4x9 = 36; 1+6+8+8+36 = ergibt zusammen mit weiteren Silben insgesamt 63 laut Kommentar 'mūlākṣarais triṣaṣṭisaṅkhyakaiḥ'). Vers 15 ist im OCR besonders schwer beschädigt und die genaue Wortfolge unsicher; die Versnummer selbst ist im Original als '14.' mit Punkt überliefert, was angesichts der bereits vergebenen Nummer 14 (voriger Vers) als Ziffernfehler für '15' gedeutet und entsprechend korrigiert wurde.
In den mit den Vokalen von A bis Kṣa verbundenen [Silbenreihen] [?] soll man, jeweils zu viert, die Buchstaben des zuvor genannten Yantras an dessen [entsprechenden] Stellen [neu] einschreiben.
Dieses zweite [Yantra] schreibe man [jeweils] in der Mitte, versehen mit der Silbe des Zielobjekts (sādhya); so entstehen der Reihe nach zehn Yantras aus diesen.
Nun werde ich die Erlangung der Frucht durch [ihre] Anwendung (viniyoga) verkünden; höre, Geliebte: wodurch der Übende selbst, mühelos, alles Erwünschte erlangt.
Verse 19-20 beschreiben, wie aus dem Grund-Yantra (V.15-18) durch systematische Variation mit den Vokalreihen und Einsetzung der Zielperson-Silbe (sādhyākṣara) in die Mitte insgesamt zehn Yantras gebildet werden; die genaue Konstruktionsregel bleibt in Vers 19 wegen OCR-Schäden im Detail unsicher.
proktāni yantrāṇi mātṛkārṇayutāni vai | kramān navagrahāṇāṃ syus tattadvāreṣu taddiśi ||22||
teṣu devyarcanāt prītāḥ tv aniṣṭaṃ te na kurvate | rāhuketū sthitau yatra tadrāśyadhipavārake ||23||
ṣaḍaṣṭākṣarāntarāleṣu grahanāma dvitīyayā | vibhaktyā bhājane samyak prīṇayāmīti saṃlikhet ||24||
tathā tu tatra saṃlikhya proktakramam athārcayet | sarveṣv api ca vāreṣu sarveṣāṃ prītisiddhaye ||25||
aniṣṭaśāntyai niyatam arcayet tān grahān priye | evaṃ yantreṣu daśasu pūjitā nityayā saha ||26||
prītāḥ krūrā api krūrasthānasthā api [na kurvate] | saumyāḥ saumyagatānāṃ tu phalāny eva vitanvate ||27||
Die genannten [neun weiteren] Yantras, welche mit den Mātṛkā-Silben (dem Alphabet) versehen sind, dienen der Reihe nach dazu, die neun Planeten je in ihrer [zugehörigen] Richtung, an ihrem [entsprechenden] Tor, [einzusetzen].
Durch die Verehrung der Göttin in ihnen (den Yantras) werden sie [die Planeten] zufrieden gestellt und richten kein Unheil an. Wo immer Rāhu und Ketu stehen, [verehre man sie] am Wochentag des Herrn jenes Tierkreiszeichens.
In den Zwischenräumen zwischen dem Sechs- und dem Achteck schreibe man den Namen des Planeten im zweiten Fall (Akkusativ), zusammen mit der [Formel]: "Ich stelle [dich] zufrieden" (prīṇayāmi), sauber auf das Opfergefäß.
Nachdem man solcherart dort geschrieben hat, verehre man gemäß der genannten Ordnung, und zwar an allen Wochentagen, zur Zufriedenstellung aller [Planeten].
Zur Besänftigung von Unheil verehre man beständig jene Planeten, Geliebte; so [werden sie], in den zehn Yantras, zusammen mit der Nityā verehrt.
Zufriedengestellt, richten auch die grausamen (krūra) [Planeten], selbst wenn sie in ungünstigen Häusern stehen, [kein Unheil an]; die wohltätigen (saumya) [Planeten] aber, wenn sie in günstigen [Häusern] stehen, entfalten eben [nur] ihre guten Wirkungen.
Dieser Abschnitt lehrt die Einsetzung der neun Planeten (navagraha) in neun der zehn Yantras (das reine Vidyā-Yantra bleibt ausgenommen) sowie ihre Verehrung zur Abwehr astrologischen Unheils; die genaue geometrische Anweisung in Vers 24 ('ṣaḍaṣṭākṣarāntarāleṣu') bleibt im Detail unsicher.
daśasv api ca yantreṣu darada-gairikais tu vā | likhiteṣv arcayitvā [tān] kumāraṃ kanyakāṃ tu vā ||28||
suśubhāvayavāṃ snigdhāṃ snātāṃ dhautāmbarāṃ śubhām | tathāvidhaṃ kumāraṃ vā saṃsthāpyābhyarcya vidyayā ||29||
[tāvad] doṣe [?] japed vidyāṃ śatavāraṃ tathārcayet | dhūmam ādāya [?] prasūnair aruṇaiḥ śubhaiḥ saurabhādyair athāpi vā ||30||
dadyād guggulu-dhūpaṃ ca yāvat kāryāvasānakam | tato devyā samāviṣṭe tasmin sampūjya yatnataḥ ||31||
Auch auf allen zehn Yantras, mit Realgar und rotem Ocker gezeichnet, nachdem man [sie] verehrt hat, [stelle man] einen Knaben oder auch ein Mädchen [davor auf] -
von schönen Gliedern, zart, gebadet, in gewaschene Gewänder gekleidet, verheißungsvoll; einen ebenso beschaffenen Knaben - nachdem man [ihn/sie] hat Platz nehmen lassen, verehre man [ihn/sie] mit der Vidyā.
[Solange bis die Trance eintritt] [?], rezitiere man die Vidyā hundertmal und verehre ebenso; mit Räucherwerk aus roten, verheißungsvollen, duftenden Blüten oder dergleichen,
gebe man Guggulu-Räucherwerk, bis das Ritual vollendet ist. Wenn dann die Göttin [in jenen Knaben oder jenes Mädchen] eingetreten (d.h. Besitz ergriffen) ist, verehre man [ihn/sie] sorgfältig.
Verse 28-31 beschreiben die Vorbereitung eines Orakel-Rituals mittels eines in Trance versetzten Kindes (kumāra oder kanyakā); Einzelheiten zum genauen Zeitpunkt des Trance-Eintritts (Vers 30) bleiben wegen OCR-Schäden unsicher.
Sodann, nachdem man sie mit jenen zuvor genannten Opfergaben und mittels der Vidyā bezwungen hat, verehre man sie; dann frage man [sie] nach dem Gewünschten, und sie wird [es] verkünden.
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, und was sonst noch im Geiste [des Fragenden] verborgen ist, [sowie] frühere, vergangene Geburten - all das wird sie, gebührend verehrt, verkünden.
Danach, nachdem man sie wie zuvor verehrt hat, [die Gottheit] auf das eigene Selbst hin ausgerichtet [?], rezitiere man [die Vidyā] tausendmal; mit gefestigtem Geist, seinem Selbst nun vollkommen, wandle man glücklich umher.
Vers 34: 'svātmany uddīśya tāṃ japet' (die Gottheit auf das eigene Selbst hin visualisierend rezitieren) ist eine unsichere Rekonstruktion einer stark verderbten Zeile; Sinn nach Kommentar: der Übende integriert am Ende die im Kind angerufene Gottheit wieder in sich selbst.
tathā ṣaṭkoṇakoṇeṣu madhye vālikhya dāhakam [repham] | tatra saṃsthāpya gadinam abhyarcyoditakramāt ||35||
āveśaya rogiṇaṃ rogaṃ pṛcchet tatkāraṇaṃ [tasya] śamam [?] | uktvā tat sakalaṃ tasya nirdeśād apayāti ca ||36||
Ebenso, nachdem man in den Ecken eines Sechsecks und in der Mitte die "brennende" [Silbe, d.h. den Buchstaben "r"] eingeschrieben hat, und dort den Kranken hat Platz nehmen lassen und ihn nach der genannten Ordnung verehrt hat,
lasse man die Krankheit [dämonisch] in den Kranken eintreten [und] befrage [sie] nach ihrer Ursache [und] nach dem, was sie besänftigt [?]; nachdem [die Krankheit] all dies verkündet hat, weicht sie auf [dieses] Geheiß hin.
Ritual der Krankheits-Befragung/Austreibung mittels Sechseck-Yantra mit dem 'brennenden' Repha (r-Laut) in der Mitte, analog zur Kind-Orakel-Technik der vorigen Einheit; Vers 36 im zweiten Pāda unsicher rekonstruiert.
Zunächst erhitze man das [erste Yantra], in der Mitte des eigenen Schädel[gefäßes] [angebracht], bei Nacht, die Vidyā rezitierend, an die zu Bezwingende (sādhyā) denkend: dann wird sie stets [zu ihm] hingezogen.
Frei von Furcht, Scham, Stolz und dergleichen, am Körper bebend [?], jedes andere Empfinden von sich weisend, kommt sie, von Liebesqual gepeinigt, [zu ihm].
Jenes Yantra, in einem männlichen Schädel[gefäß] angebracht, erhitze man und rezitiere ebenso darüber; [so werden] Könige, Königssöhne oder auch mancherlei andere [Personen bezwungen].
Der Urteilskraft beraubt, verblendet, die Ordnung von Kaste und Familie preisgebend, werden sie, wie Sklaven geworden, unterworfen, [und] bleiben es gewiss bis zum Tode.
In der [nun folgenden] Unterweisung, die für alle sechzehn Nityās gleichermaßen [gilt], [stellt] nun der Guru [den Schüler] in die Mitte des jeweiligen [Verehrungs-]Cakras, verbunden mit der Rezitation der durchdringenden [?] Vidyā,
Verse 37-40 beschreiben ein Anziehungsritual (ākarṣaṇa) mittels des ersten Yantras, in einem Schädel(-gefäß) angebracht und erhitzt; Vers 41 leitet zur folgenden, für alle sechzehn Nityā-Kapitel gemeinsamen Lehre der drei Vedhas (Initiationsriten) über.
indem man [dessen] Körper als von Feuerflammen umhüllt visualisiert, und ebenso die Sinnesorgane samt dem Geist als sechstem, mit dem Geiste hineinziehend [?], wie zuvor in sich selbst [aufnehmend] -
wenn dies geschehen ist, fällt jener [Schüler] besinnungslos zu Boden; dann, nachdem man ihn aufgerichtet und behaglich [gebettet] hat, ihn [Wasser] hat kosten lassen, spreche man [ihm die Vidyā] zu.
Dies ist die Vedha-Anleitung (das Durchbohrungs-Ritual), [die man] verkündet [hat], [die] sofort Gewissheit bewirkt, durch die Unterscheidung von Śākta[-Vedha] und Śāmbhava[-Vedha], aus der Einheit-Vereinigung (aikyayāmala) beider.
An des Schülers Orten vom Mūlādhāra bis zum Brahmarandhra visualisiere man die sieben "brennenden" [Repha-]Silben, [sie sodann] loslassend, durch den wie zuvor [beschriebenen] fixierenden Blick.
Dieser Abschnitt beschreibt den Yāmala-Vedha (das erste der drei Initiationsrituale, durch die der Guru dem Schüler die Gottheit/das Wissen überträgt): Visualisation von Flamme, Sinnen und Geist, Ohnmacht des Schülers, Wiederbelebung und Übertragung der Vidyā. Vers 44 kündigt bereits die beiden weiteren Varianten (Śākta- und Śāmbhava-Vedha) an, die in der folgenden Einheit behandelt werden.
vidadhyāc chāktavedhaṃ tu deśikaḥ siddhavidyayā | śāmbhavaṃ tu punaḥ prājñe vedham adbhutavigraham ||46||
tūṣṇīṃ saṃsthāpitaṃ śiṣyaṃ tattaccakre tadātmanā | svayaṃ praviśya tad-deham ekībhūtvā punaḥ svake ||47||
samāgatyātmarūpeṇa tadātmānaṃ vibhāvya vai | kṛtanyāsajapāṃśas tu vahninā dahet ||48||
syād eṣa śāmbhavo vedhaḥ proktaḥ prāgeva yāmalaḥ | iti vedhatrayaṃ proktaṃ [tava] sadyaḥ pratyayakārakam ||49||
yāmale tu viśeṣo 'yaṃ diṣṭaḥ [dṛṣṭaḥ] śiṣye guroḥ śrutam | jñānaṃ samyak ca sakalaṃ saṃkramet tena tat samaḥ ||50||
Den Śākta-Vedha vollziehe der Lehrer mittels der [bereits] erfolgreich vollzogenen (siddha) Vidyā; den Śāmbhava-Vedha aber wiederum, o Kluge, dessen Vollzug wunderbar ist, [lehre ich jetzt]:
Den schweigend hingesetzten Schüler, in dem betreffenden [Verehrungs-]Cakra, [betrete der Lehrer] mit seinem eigenen Selbst, [indem er] selbst in dessen Körper eindringt, [mit ihm] eins wird, und wiederum in den eigenen [Körper zurückkehrt],
nachdem er in seiner eigenen Gestalt zurückgekehrt ist und jenes [Schülers] Selbst [als vollständig in sich aufgenommen] visualisiert hat: nachdem er Nyāsa und Japa vollzogen hat, verbrenne er [dessen Selbstbild bildlich] mit Feuer.
Dies also ist der Śāmbhava-Vedha; zuvor bereits wurde der Yāmala[-Vedha] verkündet [und ebenso der Śākta]. So sind die drei Vedhas verkündet, [die] sogleich Gewissheit bewirken.
Im Yāmala[-Vedha] aber besteht diese Besonderheit, [wie sie] dem Schüler vom Guru gelehrt/gehört wurde: das gesamte Wissen geht [dabei] vollständig auf ihn über; dadurch wird er [dem Guru] gleich.
Dieser Abschnitt beschließt die Lehre der drei Initiationsriten (Vedha): Śākta-Vedha (durch die bereits gemeisterte Vidyā selbst), Śāmbhava-Vedha (durch leibliche Vereinigung des Gurus mit dem Schüler und symbolisches 'Verbrennen' von dessen begrenztem Selbst) und - bereits zuvor (V.42-45) behandelt - der Yāmala-Vedha, dessen Besonderheit die vollständige Wissensübertragung ist, wodurch der Schüler dem Guru gleichrangig wird.
Nachdem man mit rotem Sandelpaste das erste [Yantra] gezeichnet hat, auf einer eisernen Platte, auf einem Holzbrett oder auf einer Steinplatte,
oder auf dem Erdboden, sofern dieser eben, sauber und frei von Erdklumpen und Kohle ist - nachdem man dort die Göttin herbeigerufen hat, verehre man sie zusammen mit [ihren] Śaktis.
Für einen Tag, oder [zwei bis drei] [?], für eine Woche, oder auch [wiederum] sieben [Wochen], für einen Monat, für einen Maṇḍala-Zeitraum [49 Tage] - so, der Reihe nach [je nach Dauer], erlangt man das Gewünschte:
Unterwerfung, Anziehung, Lähmung, Bezwingung, Gewinn, Befreiung [?], und alles andere, was man sich sonst noch ausgedacht hat [?] - all das erlangt man [und vollbringt es].
Dann überwindet man alle genannten Krankheiten und alle übrigen [Übel] ebenso; mit dem ersten Yantra allein kann man [alle Aufgaben] bewältigen, o Śivā.
Vers 51 fehlt im OCR eine lesbare Versnummer (an ihrer Stelle steht nur unlesbarer Zeichenmüll); die Nummerierung wurde nach der Zählung ergänzt. Vers 54 ist im zweiten Halbvers stark beschädigt; die Liste der sechs Wirkungen (vaśya, ākarṣaṇa, stambha, nigraha, lābha, mokṣa) folgt dem Standard-Sechserschema tantrischer Ṣaṭkarma-Anwendungen, ist aber im Detail (v.a. das letzte Glied) unsicher rekonstruiert.
Nachdem man das zweite [Yantra] mit Realgar angefertigt hat, wenn die Sonne in ihrer vorgeschriebenen Exaltation steht, verehre man [es] mit Sorgfalt [?] - man erlangt die genannten Wirkungen.
Nachdem man es auf eine silberne Platte gezeichnet hat, es täglich berührend rezitiert, tausendmal jene Nityā-Vidyā, mit dem Wasser, in dem es gewaschen wurde [?],
soll man Bad, Trank und Speisezubereitung [damit] für die genannte Anzahl von Tagen vollziehen: bei allen drei Arten von Harnkrankheiten (prameha), bei [sonstigen] Krankheiten [?], bei überaus schlimmen Fisteln,
bei Blasenstein, Harnwegsleiden und dergleichen wird man befreit und glücklich; man lebt lange auf Erden, gesund, mit gefestigtem Geist.
Nachdem man das dritte [Yantra gezeichnet], zur [rechten] Zeit [?], den Feind erkannt habend [?], in den Erdboden vergraben und dort dann gegraben hat, entzünde man beständig ein Feuer [darüber].
Durch Tage blutigen Schwitzens [wird] der Feind [heimgesucht] von Brandfieber, Krankheit und dergleichen; wirft man es hingegen nicht ins Wasser, geht [der Feind] zugrunde.
Zweites Yantra: Heilung von Harnwegs- und verwandten Krankheiten durch mit Vidyā geweihtes Silberplatten-Wasser (V.56-59). Drittes Yantra: Feindvernichtung durch Vergraben und rituelles Verbrennen (V.60-61). Zahlreiche Einzelheiten (Zeitpunkt, genaue Krankheitsnamen) sind wegen OCR-Schäden nur ungefähr erschließbar.
Nachdem man das vierte [Yantra] mit Gorocanā-Paste gezeichnet und wie vorgeschrieben verehrt hat, erlangt man ganz gewiss den Sieg in allen genannten [Wettstreiten]:
in Disputationen, im zweifachen Glücksspiel, in allen übrigen Wettkämpfen überall - durch seine Macht werden alle [Anwender] stets zu Siegern.
Nachdem man das fünfte [Yantra angefertigt] hat, kommen durch dessen Verehrung, binnen [einer bestimmten Zahl von] Tagen, Menschen, Elefanten, Pferde [und] Frauen unter [die] Botmäßigkeit [des Anwenders].
Dieses, mit Kurkuma auf ein Tuch gezeichnet, zusammen mit dem Namen [der Zielperson], stelle man irgendwo in einem kleinen Zwischenraum zwischen Ziegeln auf [?].
Die Zunge des Feindes, seinen Gang, sein übriges [Vermögen] [?], das göttliche [Ordal], das Unternehmen von Königen, den Wunsch zu disputieren und alles andere Unerwünschte lähmt man damit gewiss.
Das siebte [Yantra] zeichne man ebenso mit Sandelholzpaste, vermischt mit Kampfer, und verehre sie (die Göttin) dort täglich, [in Gesellschaft] von Freundinnen, im eigenen Haus.
Binnen jener Tage wird ihm Indirā (die Glücksgöttin, Lakṣmī), alle anderen Menschen übertreffend, zuteil, o große Herrin, durch die mannigfaltigen Kräfte der Yantras.
Viertes Yantra: Sieg in Disput und Glücksspiel (V.62-63). Fünftes Yantra: Unterwerfung von Menschen und Tieren (V.64). Sechstes Yantra: Lähmung eines Feindes (V.65-66). Siebtes Yantra: Erlangung von Wohlstand/Glück (V.67-68). Vers 65 'iṣṭakāpuṭe' (Hohlraum zwischen Ziegeln) unsicher; Vers 66 'gatiṃ śeṣaṃ' unklar, evtl. 'seine übrigen Fähigkeiten'.
aṣṭamaṃ [saptaka-]gurujīvair ālikhet phalakāpuṭe [?] | pīṭhe vā tatra tāṃ devīṃ gurau [puṣye?] gate dine ||69||
taduccakāle surabhiprasūnair arcayet tathā | vāsāṃsi ca vicitrāṇi bhūṣaṇāny apy avāpnuyāt ||70||
etan navamam ālikhyābhyarcya tatra tām | tadāliptovrajed yatra kutrāpi janasaṃsadi ||71||
sarve taṃ guruvad dṛṣṭvā vaśyāḥ [striyaḥ] sarve nitāntam yadi | tadiṣṭasādhikā yāvajjīvam asyānubhāvataḥ ||72||
vilikhed daśamaṃ prokta-dravyaiḥ sarvais tv ekaśaḥ | yad yat tair īritaṃ sarvaṃ kāryam etat susādhayet ||73||
Das achte [Yantra] zeichne man mit [den Materialien] Guru-Jīva (Jupiter-zugeordnete Substanzen) auf einer Holztafel oder auf einem Podest, und verehre dort die Göttin an einem Tag, an dem [der Mond im Nakṣatra Puṣya unter der Herrschaft] Jupiters steht [?].
Zur Zeit von dessen (Jupiters) Exaltation verehre man ebenso mit duftenden Blüten; [dadurch] erlangt man auch vielfarbige Gewänder und Schmuckstücke.
Nachdem man dieses neunte [Yantra] gezeichnet und die Göttin dort verehrt hat, [und sich] damit gesalbt [hat], mag man sich in irgendeine Menschenversammlung begeben, wo auch immer.
Alle werden ihn wie einen Guru ansehen; alle [Frauen] werden völlig unterwürfig, wenn [er es wünscht]; durch dessen Kraft erfüllt sie sein Begehren sein Leben lang.
Man zeichne das zehnte [Yantra] mit allen zuvor genannten Materialien, jedes einzeln [nacheinander]; was auch immer durch jene [einzelnen neun Yantras] verkündet wurde, all dieses Werk vollbringt [dieses zehnte Yantra vollständig].
Achtes Yantra: Erlangung von Kleidung und Schmuck (V.69-70). Neuntes Yantra: allgemeine Verehrung/Autorität in Menschenmengen (V.71-72). Zehntes Yantra: vereinigt die Wirkungen aller neun vorigen (V.73). Die Versnummern 69, 70 und 72 sind im OCR an dieser Stelle durch Ziffernverwechslung (u.a. mit '68' und dem unlesbaren Kürzel 'NORN') gestört; die Zählung wurde anhand der Kommentarangabe ('je zwei Ślokas pro Yantra ab dem siebten') zu einer lückenlosen Folge korrigiert.
sarveṣu daśasu prokta-dravyair ālikhya teṣu tu | saṃsthāpya kumbhaṃ vidhinā japitvograge grahe tadā ||74||
abhiṣiñcet tadgrahasya doṣasyānugataṃ phalam | na bhaved eva vaśyo [vā] yantreṣv aśeṣataḥ ||75||
tathā tatra tatpūjāṃ homam annājyapāyasaiḥ | naivedyaṃ ca praṇamyārghyaṃ dadyāc chivātmavān āpnuyāt ||76||
tattadgrahārtiṃ kṣipraṃ te grahās tatprabhāvataḥ | ekādaśasthaphaladā nityaśo yajanād api ||77||
guru [vā] rajate vā tad-yantreṣv anyatamaṃ śive | vilikhyābhyarcya tadvidyāvide dadyāt supūjitam ||78||
svarṇaṃ dvādaśa nava ṣaṭ [vā] niṣkaprakalpitam | dattvā nityānām ekāṃ pūjayituṃ tu vā ||79||
dadyāt [tat sarvaṃ] praṇamya grahavigraham | paścimābhimukham āsīnaṃ tasmai proktavidhānataḥ ||80||
Nachdem man in allen zehn [Yantras] mit den [je für sie] genannten Materialien gezeichnet hat, und nach ihnen (Vorschrift) einen Wasserkrug aufgestellt und [die Vidyā darüber] rezitiert hat, [besprenge man sich damit], wenn ein Planet in einer bedrohlichen [Stellung] ist:
[dann] vollziehe man die Besprengung (abhiṣeka); die diesem Planeten anhaftende schädliche Wirkung tritt nicht ein - oder man wird in [allen] Yantras vollständig [seiner Kontrolle] unterworfen [gemacht].
Ebenso vollziehe man dort dessen (des Planeten) Verehrung, ein Feueropfer mit Speise, Ghee und Milchreis; nach dem Speiseopfer, mit Verneigung und Wasseropfer (arghya), wird man, mit Śiva geeint, [das Ziel] erlangen.
Die Bedrängnis durch den jeweiligen Planeten [weicht] rasch; jene Planeten [selbst] gewähren, durch diese Kraft, die dem elften [Haus] zukommenden Früchte, auch durch beständige Verehrung.
Auf Gold oder auf Silber [gezeichnet], eines jener Yantras, o Śivā - nachdem man [es] gezeichnet und wohl verehrt hat, gebe man es, wohlverehrt, einem Kenner jener Vidyā.
Nachdem man Gold im Gewicht von zwölf, neun oder sechs Niṣka [-Einheiten] gegeben hat, um eine der [sechzehn] Nityās zu verehren,
gebe man [dies alles], nachdem man sich verneigt hat, [demjenigen, der] die Gestalt eines Planeten [verkörpert] [?], nach Westen gewandt sitzend, gemäß der genannten Vorschrift.
Abhiṣeka mit dem Wasser aller zehn Yantras zur Abwehr planetarischen Unheils (V.74-77) und Gabe eines Gold- oder Silber-Yantra-Plättchens an eine Nityā-kundige Person, verbunden mit einer Goldgabe an den Vertreter eines Planeten (V.78-80). Zahlreiche Details (genaue Bedeutung von 'grahavigraham', Vers 80) bleiben unsicher.
vidyājaptāmbupānena vṛddhiṃ kukṣigato 'nalaḥ [labhate] | bhukte ca jaṭharasparśajapād api suniścitam ||81||
meṣādirāśige bhānau [māsi māsi] dvādaśāpi | proktaṃ dviṣu daśayantreṣu pratyekaṃ ca trivāsaram ||82||
pūjayed devīm abdaṃ tu ghanadhānyagṛhādibhiḥ | saṃvṛddho jīvati ciram arogaḥ sumanā bhuvi ||83||
yad rāśau yo grahas tiṣṭhaty eko dvau bahavo 'thavā | taddineṣu taducceṣu kāleṣu ca tadarcanāt ||84||
tattadgrahāḥ susamprītāḥ pālayanty aniśaṃ tam | tathā tarpaṇahomābhyāṃ japadānādināpi vā ||85||
navasv api ca yantreṣu navagraham ayatnataḥ | tattat kṣobhaṃ vilikhyāntaḥ [pūjayed] vairimardane ||86||
ripunāmayutāny uktāny ālikhya ravicandrayoḥ | uparāge same bhūmau dinaśo jayam āpnuyuḥ ||87||
Durch das Trinken von mit der Vidyā besprochenem Wasser gewinnt das im Bauch (kukṣi) befindliche [Verdauungs-]Feuer an Kraft; ebenso gewiss auch, indem man nach dem Essen den Bauch berührend rezitiert.
Wenn die Sonne in [den Tierkreiszeichen] Widder und den folgenden, durch alle zwölf [Monate hindurch, steht], [verehre man], wie vorgeschrieben, in den zehn [bzw.] neun [?] Yantras, für je drei Tage,
die Göttin ein [ganzes] Jahr lang mit reichlich Getreide, Häusern und dergleichen: [dadurch] wohlgediehen, lebt man lange, frei von Krankheit, frohen Sinnes auf Erden.
In welchem Tierkreiszeichen ein, zwei oder auch mehrere Planeten stehen - durch deren Verehrung an ihren [jeweiligen] Tagen und zu den Zeiten ihrer Exaltation
beschützen jene Planeten, wohl zufriedengestellt, ihn beständig; ebenso auch durch Trankopfer und Feueropfer, oder durch Rezitation, Gaben und dergleichen.
Auch in den neun Yantras [setze man] die neun Planeten mühelos [ein]; zur Vernichtung eines Feindes schreibe man die jeweilige Erschütterungs[-Formel] hinein und [verehre entsprechend].
Nachdem man die genannten [Formeln], verbunden mit dem Namen des Feindes, geschrieben hat, bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis, auf ebenem Boden, erlangt man Tag für Tag den Sieg.
Stärkung des Verdauungsfeuers durch geweihtes Wasser (V.81); Jahres-Ritual mit den Planeten in den Yantras entsprechend dem monatlichen Sonnenstand (V.82-83); allgemeine Planetenverehrung zum Schutz (V.84-85); Feindvernichtung bei einer Finsternis mittels der neun Planeten-Yantras (V.86-87).
[?] candana-kuṅkumādyair [auṣadhaiḥ] vātha bhāṇḍe sarve samāṃśāḥ [kāryāḥ] | caroṣadhāni tattad-vidyā-japta-hitāni [tatra] nidadhyāt [?] ||88||
vidyāsaṃskṛte [bhāṇḍe] tatas tadudarasthite | gavyena vidyayā hatvā tadbhasmādāya tatra vai ||89||
[tena] guḍaṃ niṣpādya tatra devīṃ yajet tathā | tadbhasma tatra nidadhyād dinaśo 'rcayet ||90||
tad bhasma sarvarakṣārthaṃ sarvābhir api sādhitam | gadacauragraha-ariṣṭakleśā na [bhavanti] tena ||91||
nityaśo dhāraṇaṃ dehe śrīkaṇṭhādau vilepanam | bhakṣaṇaṃ sarvakṛtyādi duritārtivibhañjakam ||92||
[Sandelholz], Safran und andere [Heilkräuter] [?], in einem Gefäß, alle zu gleichen Teilen [zu nehmen] [?]; die [gesammelten] Heilkräuter, jedes durch die Rezitation der ihm entsprechenden Vidyā geweiht, lege man dort ein.
In dem durch die Vidyā geweihten Gefäß, während [die Kräuter] darin liegen: nachdem man [sie] mit Kuhprodukten [und] mittels der Vidyā verbrannt hat, nehme man von dort die Asche.
Damit forme man eine [Heil-]Kugel und verehre dort ebenso die Göttin; jene Asche bewahre man dort auf [und] verehre [sie] täglich.
Jene Asche, zum Schutz vor allem, auch mit Hilfe aller [sechzehn Nityās] bereitet: durch sie treten Krankheit, Diebe, planetarisches Unheil und [andere] Nöte nicht ein.
Beständiges Tragen [der Asche] am Körper, [ihr] Auftragen als Salbe am Hals und dergleichen, [ihr] Verzehr - [dies alles] ist bei jeglichem Unternehmen der Zerstörer von Sünde und Leid.
Bereitung einer Schutz-Bhasma (Asche) aus Sandelholz, Safran und anderen Kräutern, jeweils mit der entsprechenden Nityā-Vidyā geweiht, verbrannt und zu einer Kugel geformt (Verse 88-90); ihre Anwendung durch Tragen, Auftragen und Einnehmen (V.91-92). Vers 88 ist im OCR am stärksten von allen Versen dieses Kapitels zerstört (fast nur lateinische OCR-Zeichenmüll-Fragmente lesbar); die Übersetzung gibt lediglich den durch den Kommentar gesicherten Grundsinn wieder, mit durchgehendem [?]. Die Verse 88-92 tragen im OCR sämtlich (mehrfach wiederholt) die Nummer '88' bzw. Ziffern aus dem Bereich 81-85, die offensichtlich Dopplungen/Fehllesungen sind; die Zählung wurde anhand der ausdrücklichen Kommentarangabe 'pañcabhiḥ ślokaiḥ' (mit fünf Ślokas) zu einer lückenlosen Folge korrigiert.
vajrākṣareṣu daśasu [pañcabhūtoktāgnyakṣareṣu] saptabhiḥ pṛthak | tāni kramād yuñjīta tena tāny ekaviṃśatiḥ ||93||
dvikoṇadvayam ālikhya bāhyābhyantarayogataḥ | tadantarvṛttamadhyasthaṃ ṣaṭkoṇaṃ ca vidhāya tu ||94||
[ādyaṃ] vilikhen madhye ṣaṭkoṇeṣu ca ṣaṭ kramāt | vilikhed agram ārabhya prādakṣiṇyena pārvati ||95||
trikoṇāntarato likhya caturdaśa tathā kramāt | śiṣṭe sādhyākṣaraṃ tatra likhet pañcadaśe 'pi ca ||96||
krameṇa madhye tv anyeṣāṃ niveśād ekaviṃśatiḥ | bhavanti yantrāṇi tathā taiḥ kukṣyagniḥ pravartate ||97||
trikoṇākārake paṭṭe tāni tāni vilikhya vai | spṛśan vidyāṃ japel lakṣaṃ tadarṇakṛtasampuṭam ||98||
Aus den zehn "Diamant-Silben" [den für die fünf Elemente genannten Feuer-Buchstaben], je mit den sieben [Konsonantenklassen] einzeln [verbunden], füge man diese der Reihe nach zusammen; dadurch werden sie einundzwanzig.
Nachdem man zwei Dreiecke, durch äußere und innere Verbindung [zu einem Sechsstern] gezeichnet hat, und, in der Mitte des darin befindlichen Kreises, ein Sechseck angefertigt hat,
schreibe man [die erste Silbe] in die Mitte, und in die sechs Ecken des Sechsecks der Reihe nach die sechs [nächsten Silben], beginnend von vorn, im Uhrzeigersinn, o Pārvatī.
Außerhalb des Dreiecks schreibe man ebenso der Reihe nach die [nächsten] vierzehn [Silben]; an der übrigbleibenden, fünfzehnten Stelle schreibe man dort die Silbe des Zielobjekts (sādhya).
Indem man der Reihe nach in der Mitte [je] die [Silbe] der anderen [übrigen zwanzig Feuer-Silben] einsetzt, entstehen so einundzwanzig Yantras; durch sie wird das Bauch-Feuer (kukṣyagni, das Verdauungsfeuer) angeregt.
Nachdem man jedes von diesen [Yantras] einzeln auf eine dreieckige Tafel gezeichnet hat, berühre man [sie] und rezitiere die Vidyā, eingeschlossen von deren eigenem [Anfangs- und End-]Laut, hunderttausendmal.
Konstruktion von 21 dreieckigen Yantras aus den "Feuer-Silben" der fünf Elemente (kombiniert mit sieben Konsonantengruppen) zur Steigerung des Verdauungsfeuers. Der Kommentar spricht von 'aṣṭabhiḥ ślokaiḥ' (acht Ślokas) für diesen Abschnitt; aus dem OCR sind jedoch nur sechs zusammenhängende Verse rekonstruierbar (hier als 93-98 zusammengefasst), weshalb entweder 'aṣṭabhiḥ' selbst ein Ziffernfehler für 'ṣaḍbhiḥ' (sechs) ist, oder zwei weitere Verse an dieser Stelle vollständig verloren/unlesbar sind; Letzteres ist nicht auszuschließen, wurde aber mangels jeglicher lesbarer Textspur nicht durch Erfindung ausgeglichen. Die gedruckten Versnummern sind in diesem Abschnitt fast durchgehend als '84' bzw. '85' oder unlesbar überliefert (Wiederholungen/Ziffernfehler); die Zählung 93-98 ergibt sich zwingend aus der Gesamtzahl von 101 Versen des Kapitels und der gesicherten Position der Schlussverse 99-101.
In ein Wassergefäß lege man täglich das [Yantra bzw. die Kräuterkugel], nachdem sie rezitiert und verehrt worden ist; mit jenem Wasser, durch [seine Verwendung bei] Speisezubereitung und Besprengung, geschieht gewiss Folgendes:
Das Verdauungsfeuer entflammt [neu auf], durch die Vernichtung der Sündenlast früherer Geburten; dies geschieht, o höchste Herrin, durch die Machtfülle der Nityās, so [heißt es].
"[Dies ist] die Durchdringung, die aus dem glorreichen Brahman-Prinzip besteht" - so ist es zutreffend verkündet worden; durch die Läuterung [?] dieser [Einsicht] im Geiste wird das [höchste] Prinzip dem eigenen Selbst gleichgemacht.
Abschließendes Wasserkrug-Ritual (V.99) mit derselben Wirkung wie das Bhasma-Ritual der vorigen Einheit; V.100 nennt als Ergebnis erneut die Stärkung des Verdauungsfeuers durch Tilgung früherer Sündenlast. V.101 ist der formelhafte, in praktisch denselben Worten bereits das Kapitel 7 aus Band I abschließende Schlussvers dieser Kommentar-Tradition ('...svātmasāt kṛtam', dort 'khātmasāt kṛtam'); 'niṣphalanāt' unsicher, evtl. zu 'nirmalanāt' (durch die Läuterung) zu emendieren. Auf den Vers folgt im Original zunächst der kurze Wurzeltext-Kolophon ('iti ṣoḍaśanityātantre śrīkādimate viṃśatipaṭalam' - 'Also, im Tantra der sechzehn Nityās, in der Lehre Śrīkādimata, [endet] der zwanzigste Paṭala'), dann - nach einem eingeschobenen Kommentarnachtrag zu den Versen 93-98 - der lange Kommentar-Kolophon des Subhagānandanātha, der das Kapitel als der Jvālāmālinī-Nityā gewidmet bezeichnet und als 'den achtundzwanzigsten [Abschnitt]' des Gesamtkommentars zählt.