Quellen der Menschheit

Tantrarāja Tantra

Paṭala 4: iti śrīṣoḍaśanityātantre kādimate lalitārcanaṃ nāma caturthaṃ paṭalam 4-tes Kapitel: Die Verehrung Lalitās, der Ersten der Nityās

Quelle: Tantrarāja-Tantra mit dem Kommentar Manoramā des Subhagānandanātha, Tantrik Texts Vol. 8 (Hrsg. Sadāśiva Miśra, Calcutta 1918), archive.org, OCR. Das Kapitel eröffnet mit einer Ankündigung (V.1-5), dass über drei Paṭalas (4-6) hinweg die tägliche (nitya), anlassbezogene (naimittika) und wunscherfüllende (kāmya) Verehrung Lalitās, der "Ersten" (ādyā) der sechzehn Nityā-Göttinnen, gelehrt werde. Danach folgt eine sehr dichte technische Anleitung zur Mantra-Gewinnung (mantroddhāra) für den Ritualapparat der Śrīcakra-Verehrung: ein Handreinigungs-Mantra, die sechsgliedrige Körperbelegung (ṣaḍaṅga-nyāsa), vier Sitz-Mantras (āsana), die Kūṭākṣara-Mantras der acht Vāgdevīs/Wortgottheiten (Vaśinī, Kāmeśvarī, Modinī, Vimalā, Aruṇā, Jayinī, Sarveśvarī, Kaulinī), die Silben für Pfeil, Bogen, Schlinge und Haken, und die Konstruktion von zwanzig rituellen Handgesten (mudrā). Es folgen Verse zum Meditationsbild (dhyāna) Lalitās für die tägliche und die anlassbezogene Verehrung, und schließlich eine ausführliche Beschreibung der Verehrung der neun Umhüllungen (navāvaraṇa) des Śrīcakra von außen (Quadrat) bis zum Zentrum (Punkt) mit den Namen und Mantras der jeweiligen Gottheiten-Scharen. Das Kapitel endet, wie andere Kapitel dieses Textteils, mit der formelhaften Meditation über die Wesenseinheit von Guru, Mantra und Gottheit. OCR-Qualität sehr schlecht, besonders in den Buchstabe-für-Buchstabe-Bīja-Konstruktionsversen (etwa V.6, V.10-25, V.40-53, V.66-95); viele der dort genannten resultierenden Bīja-Silben sind nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren und daher mit [?] markiert; die grammatische Struktur der Anweisungen (welche Phoneme worin zusammengefügt werden) ist dagegen meist klar erkennbar.

atha ṣoḍaśanityānām ādyāyāḥ pūjanaṃ priye | kathayāmi krameṇaiva nityaṃ sarvārthasiddhidam ||1|| naimittikaṃ tathā kāmyaṃ śṛṇu tat paṭalais tribhiḥ | yenātipāpayukto 'pi siddhim eti suniścitam ||2|| nyāsatrayasya mantrāṃś ca āsanānāṃ catuṣṭayam | āvāhanamanuṃ paścāt samastārcāmanuṃ tathā ||3|| mudrāyudhānāṃ bījāni mudrāracanavāsane | dhyānaṃ saparivārāya nityapūjāvidhikramam ||4|| navāvaraṇaśaktīnāṃ nāmāny arcākramaṃ tathā | mantrātmayogam arcāyā upacārān japakramam ||5|| vātaḥ svasaṃyutas tv ādyaṃ marutsvena dvitīyakam | hṛdanena samāyena tṛtīyaḥ prathamā tv asau [?] ||6||

Nun, Geliebte, [höre] die Verehrung der Ādyā (der "Ersten"), [d.h. Lalitās,] unter den sechzehn Nityā-Göttinnen; ich werde sie der Reihe nach darlegen, [die Verehrung,] die beständig alle Ziele erfüllt. Höre auch die anlassbezogene (naimittika) und die wunscherfüllende (kāmya) [Verehrung], [die ich] in drei Kapiteln (paṭala) [darlegen werde]; durch sie erlangt selbst einer, der mit schwerster Sünde behaftet ist, gewiss die Vollendung (siddhi). [Ich werde lehren:] die Mantras der dreifachen Körperbelegung (nyāsa), und die vier Sitz-(āsana-)Mantras; danach das Anrufungs-(āvāhana-)Mantra sowie das Mantra für die vollständige (gemeinsame) Verehrung (samastārcā). [Ferner] die Keimsilben (bīja) der Waffen-Handgesten (mudrā), das [rechte] Verständnis für die Bildung der Handgesten, das Meditationsbild (dhyāna) [der Göttin] samt ihrem Gefolge, und den Ablauf der Vorschrift der täglichen (nitya) Verehrung. [Weiter] die Namen der Gottheiten-Scharen der neun Umhüllungen (āvaraṇa) [des Śrīcakra] und die Reihenfolge ihrer Verehrung, die Verbindung von Mantra und [verehrtem] Selbst bei der Verehrung, die Opfergaben (upacāra) und den Ablauf der Rezitation (japa). "Vāta", mit sich selbst verbunden, ist [darin] das erste [Bīja]; mit "marut" [verbunden] das zweite; mit "hṛdana", zusammen mit "samāya", das dritte – dies ist die erste [Vidyā, das Handreinigungs-Mantra] [?].

Vers 1: 'ādyāyāḥ' (der Ersten) bezieht sich auf Lalitā als erste der 16 Nityās, vgl. den Kolophon-Titel 'lalitārcanam'. Vers 2: OCR 'śṛṇu ... paṭalais tribhiḥ' stark verderbt (Rest lautet etwa 'śṛṇu tat paṭalais tribhiḥ' in stark entstellter OCR-Form); der Kommentar bestätigt, dass Nitya-, Naimittika- und Kāmya-Verehrung über drei Kapitel (vermutlich Paṭala 4-6) verteilt gelehrt werden ('pratyekaṃ ślokaśatarūpaiḥ' - je etwa hundertversig). Vers 6: Diese Buchstabe-für-Buchstabe-Bīja-Konstruktion (kara-śuddhi-vidyā, Handreinigungsmantra) ist im OCR extrem entstellt; die Silbennamen 'vāta', 'marut', 'hṛdana', 'samāya' sind vermutlich Chiffren für bestimmte Phoneme (nach dem Kommentar u.a. für ein oṃ-artiges Bīja), doch lässt sich das resultierende Mantra aus dem korrupten OCR nicht sicher rekonstruieren; mit [?] markiert. Die Verszählung 6 folgt der Quelle (nach den fünf Ankündigungsversen).

anayoḥ karayoḥ śuddhiṃ kuryād anyonyamārjanāt | hṛcchiraśca śikhā varma netramastaṃ ṣaḍaṅgakam ||7|| dvitīyayā sā vidyayā yā nityā kulasundarī | tṛtīyā saiva śaktyādyā devyātmāsanam etayā [?] ||8|| [caturthaṃ] haṃsasamāyogāc cakrāsanam udīritam | haṃsahṛdbhyāṃ pañcamas tu sarvamantrāsanaṃ tathā [?] ||9|| tato 'mbu ca rasopetaṃ carakhasahitaṃ ca tat | tasya śakteśca madhyasthā yā sā ṣaṣṭhī samīritā [?] ||10|| sādhyasiddhāsanaṃ dadyāt tayā devyai samarcanāt | saptamyā āvāhanaṃ kuryād uktakhaṇḍayā [?] ||11|| haṃsahṛdāhasaṃyuktā saiva syāt saptamī matā | madhyame dāhayogastu vyañjanānte samīritaḥ [?] ||12|| viyat sadāhavahnisvaṃ khyādyaṃ syāt svayaṃ bhavet | taddvyādikāḥ sarvaśaktīśca cakrasthā nāmabhir japet [?] ||13||

Die Reinigung dieser beiden Hände vollziehe man durch gegenseitiges Berühren (Abreiben). Herz, Haupt, Haarschopf (śikhā), Rüstung (varma), Auge und Waffe (astra) [-Silben] bilden das Sechsglied (ṣaḍaṅga) [der Körperbelegung, nyāsa]. Durch die zweite Vidyā – das ist die ewige (nitya) Kulasundarī [-Vidyā, dieselbe, die schon beim Sechsglied-Nyāsa genannt wurde] – [entsteht das zweite Sitz-Mantra]; die dritte ist eben diese [Vidyā], nun mit dem Śakti-Bīja versehen; dadurch [entsteht] der "Devyātman"-Sitz (Sitz aus dem Wesen der Göttin) [?]. [Das vierte Sitz-Mantra], aus der Verbindung mit dem Haṃsa-[Bīja hervorgegangen], wird "Cakrāsana" (Rad-Sitz) genannt; aus Haṃsa und Hṛd (Herz-Silbe) [gebildet] ist das fünfte der "Allmantra-Sitz" (sarvamantrāsana) [?]. Darauf [folgt ein Bīja aus] "ambu" (Wasser-Laut, va), verbunden mit "rasa" (la), zusammen mit "cara" und "kha" (Bindu); dessen mittlere Kraft (śakti) ist es, die als sechste [Silbe] genannt wird [?]. Mit dieser gewähre man der Göttin durch Verehrung den "Sādhyasiddha"-Sitz; mit der siebten [Silbenreihe], versehen mit der zuvor genannten Teil-Handgeste, vollziehe man die Anrufung (āvāhana) [?]. Verbunden mit Haṃsa und der Feuer-Silbe gilt eben diese als die siebte [Bīja-Reihe]; in der Mitte aber ist die Verbindung mit dem Feuer(-Laut) an das Ende des Konsonanten gestellt [?]. "Viyat" (Raum-Laut, sa), mit dem Feuer-, Blitz- und Himmels-Laut (dahavahnisva-kha) verbunden, ergibt von selbst das erste [Bīja der Verehrungsmantras]; mit diesen beiden [Bīja-Silben] am Anfang rezitiere man die Namen aller im [Śrī-]Cakra befindlichen Kraft-Gottheiten (śakti) [?].

Verse 7-13 sind hochtechnische Bīja-/Mantra-Konstruktionsverse (Mantroddhāra) zur Bildung der Sitz- (āsana-), Anrufungs- (āvāhana-) und Verehrungs-Mantras; die Umschreibung der Silben erfolgt durchweg über Decknamen einzelner Phoneme (z.B. 'ambu' = va, 'rasa' = la, 'viyat' = sa, 'vahni' = ra, 'kha'/'nabhas' = Bindu), wie es der Kommentar bestätigt, doch ist die genaue Buchstabenfolge im OCR an vielen Stellen zerstört; die eingeklammerten und mit [?] versehenen Ergänzungen (u.a. der Versanfang von V.9 'caturtham') sind sinngemäße Rekonstruktionen nach dem Kommentar, nicht sicher belegt. V.3 hatte 'vier Sitz-Mantras' angekündigt; V.8-11 nennen jedoch mindestens fünf Sitz-Bezeichnungen (Kulasundarī-, Devyātman-, Cakra-, Sarvamantra- und Sādhyasiddha-Āsana) - der Kommentar zu V.10/11 bestätigt ausdrücklich 'āsanacatuṣṭaye 'py anveti' ('[dies] bezieht sich auch auf alle vier Sitze'), ohne den scheinbaren Widerspruch aufzulösen; die genaue Anwendung der Mantra-Verknüpfung wird laut Kommentar erst in Paṭala 5 gelehrt. Die Verszählung 7-13 folgt der Quelle.

dāhabhūmī rasātmā svaiva vaśinī bījam īritam | prāṇo rasāśaktiyutaḥ kāmeśvaryāstu [?] mahat ||14|| śūnyam ambarasāvahnisvayogān modinī manuḥ | vyāptaṃ rasātmāsvayutaṃ vimalābījam īritam ||15|| jyā nabho vahnidāhasvayogaiḥ syād aruṇā manuḥ | haṃsaḥ saha sāmbunā syād vyāptarasātmāsvair yuto manuḥ [?] ||16|| jayinyāstu samudiṣṭaḥ sarvatra jayadāyakaḥ | vādeṣu vyavahāreṣu samareṣu ca niścitam ||17|| kaṃ nabhodāhasahitaṃ vyāptarasātmāsvayutaṃ manuḥ | sarveśvaryāḥ samākhyātaḥ sarvasiddhikaraḥ sadā ||18|| grāso nabhodāhavahnisaṃyuktaḥ kaulinī manuḥ | ete manubhir aṣṭābhiḥ śaktibhir vargasaṃyutaiḥ ||19|| vāgdevatāntair nyāsaḥ syād yena devyātmako bhavet | martyo 'pi pūjyate devaiḥ sarvaḥ sarvatra sarvadā ||20||

Aus "dāha", "bhūmi" (Erd-Laut), "rasa" (Geschmack-Laut) und dem Selbst-(sva-)Laut [zusammen mit dem Bindu] wird das Bīja der Vaśinī gebildet; verbunden mit "prāṇa", "rasa" und "śakti" [ist] das große [Bīja] der Kāmeśvarī [?]. "Śūnya" (Leere, na), verbunden mit Wasser-, Geschmack- und Feuer-Laut, [ergibt] das Mantra der Modinī; "vyāpta" (ya), verbunden mit Geschmack, Selbst- und Sva-Laut, [ergibt] das genannte Bīja der Vimalā. "Jyā" (ja), verbunden mit Himmels-, Feuer- und Sva-Laut, [ergibt] das Mantra der Aruṇā; "haṃsa" zusammen mit dem Wasser-Laut [und] verbunden mit "vyāpta", "rasa" und dem Selbst-Laut [ergibt das Mantra der Jayinī] [?]. Das der Jayinī [zugehörige Mantra] verleiht überall Sieg – in Streitgesprächen, in Rechtshändeln und ganz gewiss in Kämpfen. "Ka" (ka), verbunden mit Himmels- und Feuer-Laut [und] versehen mit "vyāpta", "rasa" und dem Selbst-Laut, ist das Mantra, das als [Mantra] der Sarveśvarī bekannt und das stets alle Vollendung (siddhi) bewirkt. "Grāsa" (kṣa), verbunden mit Himmels-, Feuer- und Blitz-Laut, [ist] das Mantra der Kaulinī. Mit diesen acht Mantras, versehen mit den [ihnen zugeordneten] Kräften (śakti) [und den Lauten] der [Konsonanten-]Gruppen, geschieht, bis hin zu den [acht] Wortgottheiten (vāgdevatā), die Körperbelegung (nyāsa), durch die man vom Wesen der Göttin durchdrungen wird; [dadurch] wird auch ein Sterblicher überall und allezeit von allen Göttern verehrt.

Verse 14-20 lehren die Kūṭākṣara-(Chiffre-)Mantras der acht Vāgdevīs (Wortgottheiten) Vaśinī, Kāmeśvarī, Modinī, Vimalā, Aruṇā, Jayinī, Sarveśvarī und Kaulinī (vgl. Kapitelüberschriften der Ausgabe, die genau diese Abfolge nennen). Die Silben wie 'dāha', 'bhūmi', 'rasa', 'vyāpta', 'jyā', 'kaṃ', 'grāsa' sind traditionelle Decknamen einzelner Sanskrit-Phoneme (ein gängiges Verschlüsselungsverfahren solcher Kūṭākṣara-Vidyās), wie auch der Kommentar bestätigt (z.B. 'dāha' = ra-kāra, 'bhūmi'/'bhū' = la-kāra, 'rasa' = la-kāra, 'ambu' = va-kāra, 'vyāpta' = ya-kāra, 'nabhas'/'śūnya' = Bindu bzw. na-kāra, 'grāsa' = kṣa-kāra); die tatsächlich resultierenden Bīja-Silben selbst sind im OCR jedoch so stark zerstört, dass eine sichere Rekonstruktion nicht möglich ist ([?] durchgehend). V.16 (Jayinī-Bīja) ist im OCR besonders lückenhaft; die Ergänzung ist eine sinngemäße Vermutung nach dem Muster der Nachbarverse. Die Wendung 'vargasaṃyutaiḥ' (V.19) bezieht sich laut Kommentar auf die Verbindung der acht Mantras mit den Lauten der Konsonantenklassen (ka-, ca-, ṭa-, ta-, pa-varga) bei der vollständigen Vāgdevatā-Nyāsa-Formel.

randhre bhāle tathā jñāyāṃ gale hṛdi tathā nyaset | nābhau vādhārake pādadvaye mūlāgrakāvadhi [?] ||21|| gotrā dahamarutsvaiḥ syād ādyo 'nyo vyatyayād asau | prāṇarasāvahniswaiḥ syāt tṛtīyaḥ [?] ||22|| bhūmī rasātmasvayutā caturthaḥ śaktidhṛtparaḥ | prāṇena dahabhūtena nānantaraḥ saptamaḥ punaḥ ||23|| haṃso hṛdā tejasā ca dyutyā dāhacarasyuktaḥ | aṣṭamo haṃsahṛtprāpvanabhaiḥ samudīritaḥ [?] ||24|| śuciḥ khena yutas tadanyo navamaḥ parikīrtitaḥ | ete ekākṣarā mantrā mudrārūpā maheśvari ||25||

Am Scheitelpunkt (brahmarandhra), an der Stirn, ebenso an den Augenbrauen, am Hals, am Herzen, ebenso am Nabel, an der Unterstützung (Wurzelstütze), und an den beiden Füßen, von der Wurzel bis zur Spitze, lege man [die neun folgenden Ein-Silben-Mantras] nieder [?]. "Gotra" (da), verbunden mit den Silben "daha" und "marut", ist das erste [dieser neun Mantras]; ein anderes entsteht durch Vertauschung; das dritte [entsteht] durch "prāṇa", "rasa" und den Feuer-, Selbst-Laut [?]. "Bhūmi", verbunden mit Geschmack- und Selbst-Laut, [ist] das vierte, versehen mit der [je eigenen] Kraft (śakti) [als Endlaut]; durch "prāṇa" mit dem Feuer-Element [verbunden ist] ohne Unterbrechung das siebte, wiederum [ähnlich gebildet]. "Haṃsa", verbunden mit "hṛd" (Herz), "tejas" (Glanz) und "dyuti" (Schein) sowie dem Feuer- und E-Laut, wird als das achte genannt, [verbunden] mit Haṃsa, Herz und dem "prāpvana"[?]-Himmelslaut [?]. "Śuci" (die Reine, śa), verbunden mit dem Kha-(Raum-)Laut, wird als das neunte weitere [Mantra] verkündet. Diese Ein-Silben-Mantras, große Herrin, haben die Gestalt von Handgesten (mudrā).

V.21 nennt die neun Körperstellen für eine (in V.22-25 gegebene) Reihe von neun einsilbigen (ekākṣara) Mantras, die zugleich als 'mudrā' (Handgesten) gelten; die Zuordnung der einzelnen Silben-Decknamen zu Phonemen folgt erneut dem Kūṭākṣara-Verfahren, ist aber im OCR so beschädigt, dass die genauen resultierenden Silben nicht sicher rekonstruierbar sind (durchgehend [?]). Diese Verse setzen die in V.14-20 begonnene, im Kommentar unter der Überschrift 'aṣṭamūrtimudrānāmamudrāvirachanam' fortgesetzte Aufzählung fort. Das Wort 'mūlāgrakāvadhi' (V.21) ist unsicher rekonstruiert (OCR stark entstellt).

vāgakṣarāṇi deveśi śṛṇu saubhāgyadāni vai | vyāghraṃ dāho rasātvambu hantprāṇavātakhayutaṃ pṛthak [?] ||26|| mudrākṣarāṇi pañcādau bāṇāḥ syuḥ sarvajṛmbhagāḥ | śarāktāḥ śaivāśca vijñeyāḥ pañcapañca samīritāḥ ||27|| śikhi toye khasaṃyuktaṃ dhanuṣī sarvamohane | haṃsager dahavahnisvaiḥ svena marutā tathā [?] ||28|| pāśau tayoḥ samudiṣṭau tathā sarvavaśaṅkarau | sarvastambhakaras tvaṅko mudrā ṣaṣṭho 'ṅkuśas tayoḥ ||29|| āvāhanaṃ sthāpanaṃ ca sannirodho 'vaguṇṭhanam | sannidhāpanasaṃjñā ca iti mudrāḥ pañca priye [?] ||30|| saṃkṣobhadrāvaṇākarṣavaśyonmādamahāṅkuśāḥ | khecarī bījayony ākhyā śaktisthāpanam ity api ||31|| mudrā viṃśatir uddiṣṭās tāsāṃ viracanaṃ śṛṇu | yābhir viracitābhis tu mantrāḥ sidhyanti yatnataḥ ||32|| kṛtāñjalau karau kṛtvā vyatyasyet tannāmike | tannakhe tarjanī grastaṃ trikhaṇḍā lalitāvahā ||33||

Höre, Herrin der Götter, die Silben der [magischen] Rede (vāgakṣara), die wahrhaft Glück verleihen: "vyāghra" (Tiger-Laut), "dāha" (Feuer-Laut), "rasa" (Geschmack-Laut), "ambu" (Wasser-Laut), [und der Laut] "hantṛ" – mit Prāṇa, Wind und Kha (Raum) je gesondert verbunden [ergeben sich fünf Silben] [?]. Am Anfang stehen fünf Mudrā-Silben: die Pfeile (bāṇa), die alle [Wesen] betören; sodann sind, mit dem Endlaut "śara" versehen, ebenso fünf dem Śiva[-Aspekt zugehörige Silben] zu erkennen, wie [zuvor] genannt. "Śikhin" (Feuer-Laut), im Wasser mit Kha verbunden, [bilden] die beiden Bögen (dhanus), die alles bezaubern; mit Haṃsa, dem Feuer- und Ga-Laut, mit sich selbst und ebenso mit dem Windlaut [verbunden entstehen die Schlingen-Silben] [?]. Diese beiden werden als die [beiden] Schlingen (pāśa) verkündet, die ebenso alles bezwingen; der Haken (aṅkuśa), der alles lähmt, ist die sechste Handgeste, aus jenen beiden [Silben gebildet]. Anrufung (āvāhana), Einsetzung (sthāpana), Bannung (sannirodha), Verhüllung (avaguṇṭhana) und die mit Namen "Vergegenwärtigung" (sannidhāpana) [bezeichnete Geste] – dies sind, Geliebte, fünf Handgesten [?]. Erschütterung (saṃkṣobha), Vertreibung (drāvaṇa), Anziehung (ākarṣa), Bezwingung (vaśya), Verzückung (unmāda), der große Haken (mahāṅkuśa), die Himmelswandlerin (khecarī), die mit Namen "Same-und-Schoß" (bīja-yoni) [bezeichnete Geste], sowie die "Krafteinsetzung" (śaktisthāpana). Zwanzig Handgesten sind [damit] aufgezählt; höre [nun] ihre Bildung: durch deren [rechte] Ausführung gelangen die Mantras mit Mühe zur Vollendung (siddhi). Nachdem man die Hände zur Añjali (Grußgeste, gefaltete Hände) vereint hat, kreuze man deren beide Ringfinger; erfasse sie an ihren Nägeln mit den Zeigefingern: [dies ist] die "Dreigeteilte" (Trikhaṇḍā) [Handgeste], die Lalitā herbeiruft.

Verse 26-29 sind erneut Bīja-Chiffrierverse (für die Silben von Pfeil, Bogen, Schlinge und Haken der Göttin); die einzelnen resultierenden Silben sind wegen der schlechten OCR nicht sicher rekonstruierbar ([?]). Verse 30-32 zählen dagegen klar lesbar die Namen von zwanzig rituellen Handgesten (mudrā) auf (die Kommentarüberschrift bestätigt 'mudrāviṃśatināma'); V.30 endet im OCR unklar (etwa 'namastriyā'), hier sinngemäß zu 'iti mudrāḥ pañca priye' emendiert, da der Kommentar ausdrücklich von 'drei Versen für zwanzig Namen' spricht und Vers 30 nur fünf Namen enthält. V.33 beschreibt konkret die Handhaltung der ersten (Trikhaṇḍā-)Mudrā; die folgenden Verse (34ff.) beschreiben die übrigen 19 Handgesten in gleicher Weise.

adhomukhau karau kṛtvā prakṛtāṅgulisaṃyutau | vidadhyāt sthāpanī mudrā sarvāsaṃsthāpanī matā ||34|| aṅguṣṭhāgranakhāśliṣṭakaniṣṭhāmadhyamuṣṭikī | vārī suśliṣṭanakharī mudreyaṃ sannirodhinī [?] ||35|| ṛjutarjanimuṣṭibhyāṃ karābhyāṃ pārśvabhūmitaḥ | vyatyasyopakramābhyāṃ tayor upakrame niveśayet [?] ||36|| eṣāvaguṇṭhanī mudrā sarvavighnakarī punaḥ | mudrāñjalis tu vijñeyā prasṛtā mukulāpi vā ||37|| [bāṇamudrā syād] aṅguṣṭhanamitena [?] | pāśamudrā tu tenaiva tarjanyaṅguṣṭhayogataḥ ||38|| kaniṣṭhānāmikayoḥ pṛṣṭhaṃ syād aṅguṣṭhas tu tarjanī | kuṭilā ṛjumadhyasthā mudrāsāv aṅkuśābhidhā ||39||

Beide Hände nach unten gewandt, mit gestreckten, aneinandergelegten Fingern, forme man die "Sthāpanī"-Handgeste; sie gilt als die, die alles einsetzt/festigt (saṃsthāpanī). Die Nagelspitze des Daumens an den kleinen Finger gelegt, die mittleren [Finger] zur Faust geballt, der Ringfinger gut anliegend mit seinem Nagel [ebenfalls angelegt] – diese Handgeste ist die "Sannirodhinī" (Bannende) [?]. Mit beiden zu Fäusten geballten Händen, die Zeigefinger gerade [gestreckt], von der Seite her überkreuze man [beide Hände] am Ansatz und lege sie ineinander [?]. Dies ist die "Avaguṇṭhanī"-Handgeste (die Verhüllende), die wiederum alle [nötigen] Verrichtungen bewirkt; die "Añjali"-Handgeste (gefaltete Hände, zur Vergegenwärtigung) hingegen ist zu verstehen entweder als ausgebreitet oder auch knospenförmig [geschlossen]. [Die Pfeil-Handgeste entsteht] durch das Beugen des Daumens [?]; die Schlingen-Handgeste (pāśa) aber auf eben dieselbe Weise, durch die Verbindung von Zeigefinger und Daumen. Auf dem Rücken von kleinem Finger und Ringfinger [liege] der Daumen, der Zeigefinger sei gekrümmt, der Mittelfinger gerade dazwischen aufgerichtet: diese Handgeste trägt den Namen "Aṅkuśā" (die Hakengeste).

Verse 34-39 beschreiben die konkrete Fingerhaltung mehrerer der zwanzig in V.30-32 aufgezählten Mudrās (Sthāpanī, Sannirodhinī, Avaguṇṭhanī, Añjali/Sannidhāpanī, Bāṇa-, Pāśa- und Aṅkuśa-Mudrā). Die Handhaltungsbeschreibungen sind im OCR uneinheitlich beschädigt; V.35-36 und der Versanfang von V.38 sind nur sinngemäß rekonstruierbar ([?]). Der Kommentar zu V.38 bestätigt ausdrücklich, dass hier die Bāṇa- (Pfeil-) und die Pāśa- (Schlingen-)Mudrā gelehrt werden, obwohl das OCR am Versanfang eher 'vāgakodaṇḍamudrā' (Bogen-Geste) nahelegt; diese Lesart wurde daher zugunsten des Kommentars verworfen und der Versanfang mit [?] offengelassen.

khecaryā vandyamānāyāṃ madhyame karapṛṣṭhake | tarjanyau ṛjusaṃsthe tu mudreyaṃ proktā namaskṛtiḥ [?] ||40|| kaniṣṭhānāmikāmadhyā nakhair anyonyasaṅgatā | [kṛtvāṅgulī] kaniṣṭhāsthau ṛjū varjyāṃśca tarjanī [?] ||41|| sarvasaṃkṣobhaṇī mudrā trailokyakṣobhakāriṇī | etasyā madhyame devi tarjanyor ṛjutāṃ gate sati ||42|| sarvavidrāvaṇī mudrā sarvāsām api yoṣitām | tābhyām aṅkuśarūpābhyāṃ saṃśliṣṭā ākarṣaṇī matā ||43|| paridattāṅgulau kṛtvā nakhāśliṣṭatalau karau | aṅguṣṭhau tarjanīśliṣṭau nakhair āveśakāriṇau ||44|| karāgraṃ prasṛtaṃ kṛtvā vyatyasyet tatkaniṣṭhike | tadagraśleṣato bhugne madhyame 'nāmike ṛju ||45|| tannakhasthaṃ tu tarjanyāv aṅguṣṭhau madhyamopari | iyam unmādinī mudrā sarvonmādanakāriṇī ||46|| asyāstv anāmike bhugne tarjanyāv aṅkuśākṛtī | eṣā mahāṅkuśā mudrā stambhanākarṣakāriṇī ||47||

Bei der zu verehrenden Khecarī [-Handgeste ruhe] der Rücken der mittleren Hand [?]; die Zeigefinger gerade gehalten: diese Handgeste heißt "Namaskṛti" (Verehrungsgeste) [?]. Kleiner Finger, Ringfinger und Mittelfinger sind mit ihren Nägeln aneinander gefügt; [die Finger geformt,] die kleinen [Finger] aufgerichtet, davon ausgenommen die Zeigefinger [?]. Die "Sarvasaṃkṣobhaṇī"-Handgeste (die alles Erschütternde) versetzt die drei Welten in Aufruhr; wenn bei dieser [Geste], Göttin, die Zeigefinger gerade gerichtet sind [dann ist sie recht ausgeführt]. Die "Sarvavidrāvaṇī"-Handgeste (die alles Vertreibende, wirkt) auf alle Frauen; mit denselben beiden hakenförmig gebogenen [Fingern], jedoch eng aneinandergeschmiegt, gilt sie als die "Ākarṣaṇī" (Anziehende). Nachdem man die Finger ineinander verschränkt hat, beide Hände mit den Nägeln an den Innenflächen anliegend, die Daumen an die Zeigefinger mit ihren Nägeln angelegt: [dies] bewirkt Besessenheit/Ergriffenheit (āveśa). Nachdem man die Handspitze ausgebreitet hat, kreuze man die beiden kleinen Finger; durch deren Berühren mit den Spitzen seien die Mittelfinger gebeugt, die Ringfinger gerade. Auf deren Nagelstelle [ruhen] Zeigefinger und Daumen, über dem Mittelfinger: dies ist die "Unmādinī"-Handgeste (die Verzückende), die bei allen Ekstase bewirkt. Bei dieser [Geste] aber seien die Ringfinger gebeugt, die Zeigefinger hakenförmig geformt: dies ist die "Mahāṅkuśā"-Handgeste (der große Haken), die lähmt und anzieht.

Verse 40-47 beschreiben weitere der zwanzig Handgesten (Namaskṛti/Namaskāra-, Saṃkṣobhaṇī-, Sarvavidrāvaṇī-/Ākarṣaṇī-, Āveśa-, Unmādinī- und Mahāṅkuśā-Mudrā). Die genauen Fingerstellungen in V.40-41 sind im OCR so beschädigt, dass die Rekonstruktion unsicher bleibt ([?]); ab V.43 wird der Text (gestützt durch die knappen Kommentarparaphrasen) wieder deutlicher lesbar. V.41 ist nur bruchstückhaft rekonstruierbar; der eingeklammerte Versanfang ist eine sinngemäße Ergänzung.

vidhāya bhugne tarjanyāv aṅguṣṭhau kārayed ṛju | kaniṣṭhānāmike kuryād vyatyastau karapṛṣṭhage ||48|| iyaṃ sā khecarī mudrā lalitāprītikāriṇī | asyā viracanenaiva sarvāḥ sidhyanti devatāḥ ||50|| madhyamā madhyapārśvādhaḥ kaniṣṭhāgraṃ viparyayāt | anāmike 'dho vyatyaste tarjanyāv aṅkuśākṛtī [?] ||51|| itare tannakhāgrāgre bījamudrā yamīritā [?] | kaniṣṭhāṅguṣṭhasaṃśleṣā mahāyonir vikhaṇḍikā ||52|| kaniṣṭhānāmikāmadhyā vyatyastāḥ pṛṣṭhataḥ kramāt | brahmāvṛddhiyogena ṛjutarjanikī karau [?] ||53||

Nachdem man die Zeigefinger gebeugt hat, richte man die Daumen gerade auf; kleiner Finger und Ringfinger seien überkreuzt auf dem Handrücken gehalten. Dies ist eben jene "Khecarī"-Handgeste, die Lalitā erfreut; allein durch deren Ausführung gelangen alle Gottheiten zur Vollendung. Die Mittelfinger [seien] zur mittleren Seite hin nach unten [gerichtet], die Spitzen der kleinen Finger umgekehrt dazu; die Ringfinger nach unten überkreuzt, die Zeigefinger hakenförmig geformt [?]. Die übrigen [Finger] an eben jener Nagelspitze [zusammengeführt] – so wird die "Bīja"- (Samen-)Handgeste genannt; mit kleinem Finger und Daumen verschlungen [entsteht] die "Mahāyoni" (großer Schoß), die "Geteilte" (vikhaṇḍikā) [?]. Kleiner Finger, Ringfinger und Mittelfinger seien der Reihe nach auf dem Rücken [der Hand] überkreuzt; durch Verbindung mit dem Zuwachs des "Brahma"[-Fingers, d.h. des Daumens] [seien] beide Hände mit geradem Zeigefinger [geformt] [?].

Verse 48-53 beschreiben die Handhaltungen der Khecarī-, Bīja- und Mahāyoni-Mudrā sowie den Beginn der Śaktisthāpana-Mudrā (Fortsetzung in 4.54). Verszählung: Zwischen Vers 48 und dem mit '50' bezifferten Khecarī-Vers fehlt im Original eine Versnummer 49; da der Text selbst keinen inhaltlichen Bruch zeigt (der Khecarī-Vers schließt syntaktisch unmittelbar an V.48 an) und keine passende Zeile für einen eigenständigen Vers 49 auffindbar ist, wird dies als eine im Original bereits vorhandene Zähllücke (Drucker- oder Redaktionsversehen der Ausgabe) dokumentiert, nicht als OCR-Fehler korrigiert. V.51-53 sind wegen starker OCR-Schäden nur mit erheblicher Unsicherheit rekonstruiert ([?]).

śaktisthāpanamudrāṃ tu japapūjāsamādhiṣu | mūrtīkaraṇam etasyā racanena samīritam ||54|| mudrāḥ syus tridhā devi racanāmantratattvataḥ | sthūlasūkṣmaparākhyātās tacca vidhyaṃ śṛṇu priye [?] ||55|| racanāmantrayor rūpaṃ kathitaṃ tava sāmprataṃ | tattvarūpāṇyaṅgulayo bhūtāny aṅgaśataḥ kramāt [?] ||56|| tattadvyatyāsaracanā darśanena tu kathyate | tanmāyābahirbhūtatvāt tatprasādād ahamiti [?] ||57|| mudaṃ rātīti mudrā syād anyenaikā muṣṭir eva tu | alpabhedāt kopaharṣau prāṇināṃ janayaty ataḥ ||58|| teneiva sarvadevānāṃ mudrā harṣapradā matā | pūjākāle darśanīyā mudrāstāḥ sarvadā śive ||59||

Die "Śaktisthāpanā"-Handgeste aber [dient] bei Rezitation (japa), Verehrung (pūjā) und Versenkung (samādhi); durch ihre Ausführung wird, wie gesagt, die Vergegenwärtigung/Verkörperung (mūrtīkaraṇa) [der Gottheit] bewirkt. Die Handgesten (mudrā), o Göttin, sind ihrer Bildung und ihrem mantrischen Wesen nach dreifach: als "grob" (sthūla), "fein" (sūkṣma) und "höchste" (para) bekannt; höre, Geliebte, auch deren [jeweilige] Beschaffenheit. Die Gestalt von Bildung und Mantra ist dir soeben dargelegt worden; die Finger [entsprechen] den Wesenheiten (tattva), [nämlich] den Elementen, der Reihe nach, jeweils gemäß ihrem [Körper-]Glied [?]. Die jeweilige Überkreuzungs-Anordnung [der Finger] wird durch ihr [sichtbares] Erscheinen mitgeteilt; weil dies jenseits der [kosmischen] Täuschung (māyā) liegt, [entsteht] durch [die] Gnade [der Göttin das Bewusstsein]: "Ich [bin dies]" [?]. "Mudrā" [bedeutet] "die, die Freude gewährt" (mudaṃ rāti); eine andere [Art von Mudrā] ist einzig die bloße Faust; durch einen geringen Unterschied [in der Handhaltung] erzeugt sie bei den Lebewesen Zorn oder Freude. Ebendadurch gilt die Handgeste als das, was allen Göttern Freude bereitet; zur Zeit der Verehrung sollen diese Handgesten stets gezeigt werden, o Śivā (Göttin).

Verse 54 schließt die Beschreibung der zwanzig Mudrās ab. Verse 55-59 sind allgemeine, besser lesbare Reflexionsverse über das Wesen der Mudrās (dreifache Einteilung sthūla/sūkṣma/para, Zuordnung der Finger zu den Elementen/tattvas, Etymologie von 'mudrā' als 'die Freude Gewährende'). Einzelne Wortformen bleiben unsicher (V.56-58, [?]), doch der Gesamtsinn ist durch die Kommentarparaphrase gut gestützt.

trilohakāṃsyapātreṣv ekasminn arghyakalpanam | ṣaḍaṅganityāmantraistu vāram ekaikaṃ daśavārataḥ [?] ||60|| japena vidyārūpeṇa prokṣayed arghyavāriṇā | svātmapūjopakaraṇāny aśeṣaṃ vidyayā śive ||61|| lohitāṃ lalitāṃ bāṇacāpapāśāṅkuśaiḥ karaiḥ | dadhānāṃ kāmarājāṅke mantritāṃ muditāṃ smaret [?] ||62|| kāmyadhyānoktarūpeṇa sametāṃ śaktibhir vṛtām | nityārcaneṣu sarvatra proktaṃ naimittikārcane [?] ||63|| madhyapradhānadravyāstu samullāsātmakatvataḥ | navāvaraṇaśaktīnāṃ dhyānaṃ tv ekaṃ samaṃ bhavet [?] ||64|| kāmāṅgayantrād anyatra bhūṣāvarṇāyudhādikam | tatsamaṃ parameśāni cakrasthānām aśeṣataḥ ||65||

In einem Gefäß aus drei Metallen oder aus Bronze bereite man das Weihwasser (arghya); mit den sechs Nitya-Glieder-Mantras (ṣaḍaṅga-Nyāsa) [rezitiere man] je einzeln, insgesamt zehnfach [?]. Durch Rezitation in Gestalt der Vidyā besprenge man mit dem Weihwasser; damit [weihe man] durch die Vidyā vollständig alle Requisiten der eigenen [Leibes-]Verehrung, o Śivā. Man gedenke der rötlichen (lohitā) Lalitā, die in ihren Händen Pfeil, Bogen, Schlinge und Haken hält, im Schoß des Kāmarāja [sitzend], mit dem Mantra versehen, freudvoll [?]. In der im Kāmya-Dhyāna (Meditationsbild für die Wunsch-Verehrung) genannten Gestalt, umgeben von ihren Kräften (śakti): [dieses Bild] ist überall bei der täglichen Verehrung vorgeschrieben, [ebenso] bei der anlassbezogenen Verehrung [?]. Die in der Mitte vorherrschenden Ingredienzien aber sind, da sie von der Natur reiner Entfaltung/Wonne sind, [einander gleichwertig]; das Meditationsbild der Kräfte der neun Umhüllungen (āvaraṇa) sei eines und dasselbe [wie das der Hauptgöttin] [?]. Abgesehen vom Kāma-Aṅga-Yantra ([der Zentralfigur mit ihrer Liebessymbolik]) sind Schmuck, Farbe, Waffen und dergleichen bei sämtlichen im [Śrī-]Cakra befindlichen [Gottheiten], große Herrin, ebendieselben [wie bei der Hauptgöttin].

Verse 60-65 behandeln die Zubereitung des Weihwassers (arghya) und das Meditationsbild (dhyāna) Lalitās für die tägliche und anlassbezogene Verehrung sowie die Übertragung dieses Bildes auf die Gottheiten der neun Umhüllungen. Verszählung: Im OCR tragen zwei aufeinanderfolgende Verse ('madhyapradhānadravyāḥ...' und 'kāmāṅgayantrād...') beide die Nummer '65' (65); da unmittelbar zuvor Vers 63 sicher identifiziert ist, wurde der erste der beiden Doppel-65 hier als 64 gezählt (offensichtlicher OCR-Ziffernfehler, keine echte Lücke). V.60, 62-64 bleiben in Details unsicher ([?]).

aṇimā laghimā paścān mahimā tadanantaram | tathā īśatvaṃ vaśitvaṃ ca prākāmyaṃ bhuktisaṃyutā ||66|| icchā rasayutāḥ sarvāḥ kāmāḥ syuḥ siddhayo daśa | bījadvayasya siddhāntāḥ saptākṣaryā ca saṃyutāḥ [?] ||67|| brāhmī māheśvarī paścāt kaumārī vaiṣṇavī tathā | vārāhī ca tathendrāṇī cāmuṇḍā tadanantaram ||68|| [– verse 69 fehlt, s. Anmerkung –] mahālakṣmīti kathitāḥ śaktayaścaturasragāḥ | etāścāṣṭau tathā jñeyāḥ saptākṣaryantagāḥ kramāt [?] ||70|| dvārakoṇadigāsīnā adha ūrdhvaṃ ca saṃsthitāḥ | prādakṣiṇyena tāḥ sarvāḥ pūjayet prathamāvṛtau [?] ||71|| kāmaṃ buddhim ahaṃkāraṃ śabdaṃ sparśaṃ tataḥ param | rūpaṃ rasaṃ tathā gandhaṃ cittaṃ dhairyaṃ smṛtiṃ tathā [?] ||72|| nāma bījaṃ tathātmā ca amṛtaṃ saśarīrakam [?] | bījadvayasvarādyāśca ākarṣiṇyantakāḥ kramāt [?] ||73||

Aṇimā (Winzigkeit werden), Laghimā (Leichtigkeit), danach Mahimā (Größe), sowie Īśitva (Herrschaft), Vaśitva (Bezwingungsmacht) und Prākāmya (ungehinderter Wille), verbunden mit Bhukti (Genussvermögen) – [und] Icchā (Willenskraft), verbunden mit dem [zugehörigen] Antrieb (rasa) – all diese Ziele/Kräfte (kāma) sind die zehn Vollendungen (siddhi); [ihnen entsprechen die Mantras, gebildet aus] den Lehrsilben der beiden Bīja, verbunden mit dem siebensilbigen [Grundmantra] [?]. Brāhmī, danach Māheśvarī, Kaumārī, ebenso Vaiṣṇavī, Vārāhī, sowie Indrāṇī, danach Cāmuṇḍā [– dies sind sieben der Mütter (mātṛ)] – [im Original fehlt hier eine Versnummer, s. Anmerkung] und, Mahālakṣmī genannt [die achte]: dies sind die im Quadrat [der ersten Umhüllung des Śrīcakra] befindlichen Kräfte; diese acht sind, wie zu wissen ist, der Reihe nach mit dem siebensilbigen [Mantra] endend [zu verehren] [?]. An den Türen, Ecken und Himmelsrichtungen sitzend, sowie unten und oben befindlich, verehre man sie alle im Uhrzeigersinn in der ersten Umhüllung (āvaraṇa) [?]. Kāma (Begehren), Buddhi (Erkenntnisvermögen), Ahaṃkāra (Ichbewusstsein), Śabda (Ton), Sparśa (Tastsinn), ferner Rūpa (Form), Rasa (Geschmack), Gandha (Geruch), Citta (Denkvermögen), Dhairya (Standhaftigkeit) und Smṛti (Erinnerung) ebenso [?] – Nāma (Name), Bīja (Same/Keim), ebenso Ātman (Selbst) und Amṛta (Unsterblichkeitstrank), zusammen mit Śarīra (Leib) [?]: [diese sechzehn Objekte], mit den beiden Bīja und den Anfangsvokalen [versehen], [ergeben] der Reihe nach die mit '-ākarṣiṇī' (die ... Anziehende) endenden [Namen der Kräfte der zweiten Umhüllung] [?].

Verse 66-67 zählen die zehn klassischen yogischen Vollkommenheiten (siddhi: aṇimā, laghimā, mahimā, īśitva, vaśitva, prākāmya, bhukti, icchā u.a.) als Kräfte der ersten Umhüllung (āvaraṇa, Quadrat) auf; Vers 68 (+ ein im Original fehlender Vers 69, s.u.) nennt die acht Mütter (aṣṭamātṛkā: Brāhmī, Māheśvarī, Kaumārī, Vaiṣṇavī, Vārāhī, Indrāṇī, Cāmuṇḍā, Mahālakṣmī) als weitere Kräfte desselben Kreises. V.72-73 zählen die sechzehn Objekte (kāma, buddhi, ahaṃkāra, śabda, sparśa, rūpa, rasa, gandha, citta, dhairya, smṛti, nāma, bīja, ātman, amṛta, śarīra) auf, aus denen sich die Namen der sechzehn '-ākarṣiṇī'-Kräfte (kāmākarṣiṇī usw.) der zweiten Umhüllung (16-blättriger Lotus) bilden – eine in der Śrīvidyā-Tradition bekannte Standardliste, nach der hier die im OCR verlorenen Glieder 'dhairya', 'smṛti' und 'amṛta' sinngemäß ergänzt wurden ([?]). Verszählung: Zwischen dem als 68 gezählten Vers (aṣṭamātṛkā-Beginn) und dem im Original mit '70' bezifferten Mahālakṣmī-Vers fehlt die Nummer 69; da kein plausibler eigenständiger Versinhalt für eine Lücke an dieser Stelle erkennbar ist (der Aufzählungs-Vers wirkt inhaltlich fortlaufend), wird dies als ungeklärte Zähllücke der Quelle vermerkt, nicht künstlich aufgefüllt.

nityākalā iti ca tataḥ saptākṣaryā 'rcayet kramāt | paścāddalaṃ samārabhya vāmāvartena sundari [?] ||74|| kusumā mekhalā paścān madanā sadanāturā | rekhā ca veginī paścād aṅkuśā mālinīti ca [?] ||75|| dvayor anaṅgādikāḥ sarvāḥ saptākṣaryantagā api | prācyādidikṣu svāgrādikoṇeṣvavyayāḥ pradakṣiṇam [?] ||76|| aṣṭāv api ca pūrvasmiṃs tṛtīyāvaraṇe sthitāḥ | antaścaturdaśārāṇām ādyāḥ paścimādapradakṣiṇam [?] ||77|| saṃkṣobhiṇī tu prathamā vidrāviṇyathānantarā | ākarṣiṇyāndolinikā tataḥ sammohinīti ca | stambhinī jṛmbhiṇī paścād vaśaṅkarī ca rañjanī | unmādinī tato 'nyā tataḥ syād arthasādhanī [?] ||78|| sampattipūraṇī mantramayī dvandvakṣayaṅkarī | ityādisarvādikāḥ sarvāḥ śaktisaptākṣarair vṛtāḥ [?] ||79|| pūjyāḥ krameṇa devi sarvās tv anvarthasaṃjñikāḥ | antardaśārayugmaṃ tu devī saptākṣarātmikā [?] ||80||

[Die dem "Nityākalā"-Typus zugehörigen Namen], versehen mit dem siebensilbigen [Grundmantra], verehre man der Reihe nach, beginnend beim westlichen Blütenblatt, im Gegenuhrzeigersinn, du Schöne [?]. Kusumā (Blüte), Mekhalā (Gürtel), danach Madanā (Liebesrausch), Madanāturā (von Liebe Ergriffene), Rekhā (Strich), Veginī (die Schnelle), danach Aṅkuśā (Hakenträgerin) und Mālinī (Kranzträgerin) [?]. Beide [Namensgruppen ergeben] zusammen alle mit "Anaṅga-" beginnenden [Namen], endend mit dem siebensilbigen [Mantra]; [zu verehren] in den Himmelsrichtungen beginnend im Osten sowie an den Zwischenecken, unveränderlich, im Uhrzeigersinn [?]. Diese acht befinden sich [somit] in der zuvor [genannten] dritten Umhüllung; [nun folgen] innen die ersten [Kräfte] der vierzehn Dreiecke, von Westen her gegen den Uhrzeigersinn [zu verehren] [?]. Saṃkṣobhiṇī (die Erschütternde) ist die erste, danach Vidrāviṇī (die Vertreibende), Ākarṣiṇī (die Anziehende), Āndolinikā (die Schaukelnde), sodann Sammohinī (die völlig Betörende); Stambhinī (die Lähmende), Jṛmbhiṇī (die Gähnen-Machende), danach Vaśaṅkarī (die Bezwingende) und Rañjanī (die Erfreuende), Unmādinī (die Verzückende) als weitere, danach Arthasādhanī (die Ziele-Erfüllende) [?]. Sampattipūraṇī (die mit Reichtum Erfüllende), die Mantra-gestaltige, Dvandvakṣayaṅkarī (die Gegensätze-Vernichtende) und die übrigen [Kräfte] – all diese sind vom siebensilbigen [Mantra der jeweiligen] Kraft umgeben [?]. Diese alle sind, o Göttin, der Reihe nach zu verehren, [Namen,] die ihrer Bedeutung gemäß benannt sind; die inneren zwei Zehnerreihen von Dreiecken (antardaśārayugma) aber [gehören] der Göttin, die von siebensilbiger Wesensart ist [?].

Verse 74-76 zählen die acht Kräfte der dritten Umhüllung (aṣṭadala, 8-blättriger Lotus) auf, deren Namen laut V.76 sämtlich mit dem Präfix 'Anaṅga-' zu bilden sind (Anaṅgakusumā usw. - bekannte Śrīvidyā-Standardliste, zur Absicherung der Lesung herangezogen). Verse 77-80 beginnen die vierte Umhüllung (caturdaśāra, 14 Dreiecke) mit ihren vierzehn Kräften (Saṃkṣobhiṇī, Vidrāviṇī, Ākarṣiṇī, Āndolinikā, Sammohinī, Stambhinī, Jṛmbhiṇī, Vaśaṅkarī, Rañjanī, Unmādinī, Arthasādhanī, Sampattipūraṇī, [Sarva-]Mantramayī [?], Dvandvakṣayaṅkarī). Verszählung: Vers 78 ist im Original ungewöhnlich lang (zwei Ślokas/acht Pādas statt der üblichen vier) und listet allein sechs bis elf Namen; dies wurde anhand der Kommentar-Zitate, die die Verse 77 und 79 jeweils eindeutig benennen, absehbar rekonstruiert (der Kommentar zu diesem Abschnitt ist im OCR stark durch Seitenzahlen und Fußnotenziffern überlagert, die leicht mit Versziffern verwechselt werden können; eine sorgfältige Gegenprüfung ergab, dass zwischen den gesicherten Versen 77 und 79 nur die Nummer 78 vergeben ist).

siddhisampatpradā paścāt tṛtīyā tu priyaṅkarī | caturthī śaktir ākhyātā tathā maṅgalakāriṇī ||81|| kāmapradā tato duḥkhāt paratasca vimocanī | mṛtyupraśamanī paścāt tayā vighnanivāriṇī [?] ||82|| aṅkasundarikā paścāt tathā saubhāgyadāyinī | etāstāḥ śaktayaḥ pūjyā dvayasarvādikāḥ kramāt [?] ||83|| jñānaśaktis tat sarvepsitapradā jñānamayī matā | proktā sā pañcamī śaktis tathā vyādhivināśinī ||84|| prāktādhārasvarūpānyā tathā pāpaharāparā | uktaivam ānandamayī tathā raktāsvarūpiṇī [?] ||85|| daśamī śaktir uditā syād āśritaphalapradā | dvayasarvādikāśca tāḥ ṣaṣṭhāvaraṇe yajet ||86|| antar aṣṭāv api tayā paścimād apradakṣiṇam | vaśinyādīn yajet prāgvat saptākṣaryā namaḥ padam [?] ||87|| madhyaṃ vikoṇam abhitaḥ śarāṃścāpamayaṃ cayet | pāśam aṅkuśam ity etac catuṣkaṃ tadagrāntikam | bījānyaktāni nāmāni namāntāni maheśvari | nāghānyaṣṭau pūjitā devyā jayinīvimalāntare [?] ||88||

Die "Vollendung-und-Wohlstand-Gewährende" (Siddhisampatpradā) [ist die erste und zweite Kraft], danach die dritte, die "Liebreizende" (Priyaṅkarī); als vierte Kraft wird die "Segensbringende" (Maṅgalakāriṇī) genannt. Die "Wünsche-Gewährende" (Kāmapradā), sodann die "vom Leid und [Tod] Befreiende", die "vom Tod Bewahrende" [?], danach die "Hindernisse-Abwehrende" (Vighnanivāriṇī) mit ihr. Danach die "Schön-Gliedrige" (Aṅkasundarikā), sowie die "Glück-Verleihende" (Saubhāgyadāyinī): diese Kräfte sind, mit "dvaya" [-Präfix] und den anderen [Zusätzen versehen], der Reihe nach zu verehren [?]. Die Erkenntniskraft (Jñānaśakti), die alles Erwünschte gewährt, gilt als die "Wissensvolle" (Jñānamayī); als fünfte Kraft wird sie genannt, sowie die "Krankheit-Vernichtende" (Vyādhivināśinī). Die vorher [genannte, sechste] ist eine andere, von der Natur der "Grundlage" (Ādhārasvarūpā), sowie eine weitere, die "Sünde-Tilgende" (Pāpaharā); ebenso genannt die "Wonnevolle" (Ānandamayī), sowie die von "roter Gestalt" (Raktāsvarūpiṇī) [?]. Als zehnte Kraft wird die genannt, die "dem sich Anvertrauenden Frucht gewährt" (Āśritaphalapradā); diese und die anderen mit dem "dvaya"[-Präfix Versehenen] verehre man in der sechsten Umhüllung. Innen [folgen] auch die acht [Vāgdevīs] mit ihr [zusammen], von Westen her gegen den Uhrzeigersinn; man verehre Vaśinī und die übrigen wie zuvor, mit dem siebensilbigen [Mantra und] dem Wort "namaḥ" [?]. In der Mitte, rings um das [Zentral-]Dreieck, ordne man Pfeile und das aus dem Bogen Bestehende [zusammen mit] Schlinge und Haken an – dieses Vierergespann, [platziert] nahe an dessen Spitzen. Die Keimsilben, die ungeschriebenen Namen, endend auf "namaḥ", große Herrin – so sind die neun "Nāgha"[-Namen] verehrt, zwischen Jayinī und Vimalā [platziert] [?].

Verse 81-86 zählen die zehn Kräfte der fünften Umhüllung (erstes Zehner-Dreiecksfeld, antardaśāra) und beginnen die zehn Kräfte der sechsten Umhüllung (zweites Zehner-Dreiecksfeld); die Namen entsprechen erkennbar der in der Śrīvidyā-Tradition bekannten Standardliste (Sarvasiddhipradā, Sarvasampatpradā, Sarvapriyaṅkarī, Sarvamaṅgalakāriṇī, Sarvakāmapradā, Sarvaduḥkhavimocanī, Sarvamṛtyupraśamanī, Sarvavighnanivāriṇī, Sarvāṅgasundarī, Sarvasaubhāgyadāyinī bzw. Sarvajñā, Sarvaśaktā, Sarvaiśvaryapradāyinī, Sarvajñānamayī, Sarvavyādhivināśinī, Sarvādhārasvarūpā, Sarvapāpaharā, Sarvānandamayī, Sarvarakṣāsvarūpiṇī, Sarvepsitaphalapradā), die zur Kontrolle der stark verderbten OCR-Lesung herangezogen wurde (u.a. 'satyapraṇamanī' zu 'mṛtyupraśamanī' und 'raktāsvarūpiṇī' zu 'rakṣāsvarūpiṇī' emendiert, [?] markiert). Vers 87 behandelt die achte Umhüllung (Vāgdevī-Dreieck), Vers 88 die Waffen-Verehrung und die Platzierung neun weiterer Namen; V.88 ist im Original ungewöhnlich lang (Kommentar spricht von 'anderthalb Versen' für den ersten Teil), so dass die genaue Pāda-Aufteilung unsicher bleibt. Zwischen dem gesicherten Vers 88 und dem gesicherten Vers 90 (nächste Einheit) fehlt im Original UND im zugehörigen Kommentar jede Spur eines Verses 89 – dies wird hier als echte Zähllücke der Quelle dokumentiert (keine OCR-Korrektur).

[– Vers 89 fehlt, s. Anmerkung zu 4.81 –] madhyasthā devī tv ekaiva ṣoḍaśākārataḥ sthitā | yat tatsvarūpāntā tasyā anyāḥ pañcadaśārcayet [?] ||90|| madhyatrikoṇakoṇeṣu paścimādapradakṣiṇam | kāmeśvarī sarvajñā tathā ca bhagamālinīm ||91|| pūrvadvayaṃ tato vidyā tv ekaikaṃ pīṭhanāma ca | tato nāmāni śaktīnāṃ devīsaptākṣaryutam ||92|| tais tāḥ samarcayet paścān madhye devīṃ tathārcayet | dvayaṃ samastāṃ vidyāṃ ca pīṭhadevyabhidhāyutām ||93|| devīsaptākṣaropetam ity uktaṃ tava pūjanam | praticakraṃ ca madhyasthāṃ vidyayā navanāmabhiḥ [?] ||94|| saptākṣaryā sametaṃ tat pūjayecca tathārcayet | dvayam etā iti proktā guṇān yoginya ity api ||95|| abhidhāmāhṛter uktā pūjāṃ svalpāntitikramāt | devyāḥ kāntyā bhavet tacca vidhyaṃ śṛṇu priye [?] ||96||

Die in der Mitte befindliche Göttin ist zwar nur eine einzige, [doch] sechzehnfach gestaltet; ... man verehre die anderen fünfzehn [Gestalten] von ihr [?]. An den Ecken des mittleren Dreiecks, von Westen her gegen den Uhrzeigersinn, [verehre man] Kāmeśvarī, Sarvajñā ("die Allwissende", d.i. Vajreśvarī) sowie Bhagamālinī. Die ersten beiden [von ihnen tragen] sodann je eine [eigene] Vidyā und einen Pīṭha-Namen; danach [folgen] die Namen der [drei] Kräfte, versehen mit dem siebensilbigen Devī-Mantra. Mit diesen verehre man sie [die drei Eck-Göttinnen], danach verehre man ebenso die Göttin in der Mitte, mit dem Doppelnamen, der gesamten Vidyā und dem mit dem Pīṭha-Göttinnen-Namen versehenen [Titel]. So ist dir die mit dem siebensilbigen Devī-Mantra versehene Verehrung dargelegt; [ebenso] die in jedem [der neun Umhüllungs-]Kreise mittig befindliche [Göttin], mittels der Vidyā, mit [ihren jeweils] neun Namen [?]. Diese, versehen mit dem siebensilbigen [Mantra], verehre und huldige man ebenso; diese beiden [Namensreihen] werden genannt: die "Eigenschaften" (guṇa) [der Kraftscharen] sowie auch die "Yoginīs". Durch das Anführen der [jeweiligen] Benennung ist die Verehrung, nach kurzer, abschließender Ordnung, dargelegt worden; durch den Liebreiz (kānti) der Göttin geschehe dies; höre, Geliebte, auch diese Vorschrift [?].

Verse 90-96 behandeln die neunte (mittlere) Umhüllung: die Ecken des Zentraldreiecks mit Kāmeśvarī, Vajreśvarī/Sarvajñā und Bhagamālinī (V.91), deren Pīṭha- und Vidyā-Namen (V.92-93), sowie die generelle Regel, dass die Gottheit jedes der neun Kreise (cakra) mit je neun eigenen Namen verehrt wird, wobei diese Namenreihen als 'guṇa' bzw. 'Yoginī' bezeichnet werden (V.94-95, vgl. bereits die Namen 'Prakaṭayoginī' usw. der einzelnen Umhüllungen weiter oben im Kapitel). Verszählung: Zwischen dem konfirmiert doppelt bezeugten Vers 92 (Kommentar zitiert diese Nummer zweimal für zwei inhaltlich verschiedene Verse) wurde der zweite Beleg als Vers 93 identifiziert (die Ziffer '93' ist im OCR sowohl im Wurzeltext als auch im Kommentarzitat zu '92' entstellt - eine im OCR dieser Passage wiederkehrende Verwechslung von 9 und 8 bzw. 3 und 2); die übrige Zählung (94-96) folgt wieder unmittelbar und ohne Bruch. Mehrere Einzelheiten (V.90, 94, 96) bleiben unsicher ([?]).

sthūlaṃ samastayā nāmnā sūkṣmaṃ mantratanus tathā | pararūpaṃ tvarpaṇena viditaṃ pūjanaṃ śive ||97|| vidyā bījatrayaṃ devi turīyasvaraśekharam | tatturīyasvarūpaṃ tu bindutrayavad īritam ||98|| tadātmakatvaṃ devyāstaṃ sādhakasya ca yadvadet | tadbhāvanāṃ sva prājña mahodayakarīṃ śubhām ||99|| ūrdhvaṃ bindvātmakaṃ cakram adho bindudvayātmakam | kucarūpaṃ ca taccheṣaiḥ ṣaḍaṅgāni ca bhāvayet ||100|| vāyutattvamayī vyāptir iti samyak samīritā | asyā niṣphālanāc citte tattvaṃ svātmasātkṛtam ||101|| iti śrīṣoḍaśanityātantre kādimate lalitārcanaṃ nāma caturthaṃ paṭalam ||

Die grobe [Gestalt der Göttin verehre man] mit dem "Gesamt"-Namen (der vierten, turīya-Vidyā); die feine mit dem aus Buchstaben bestehenden [Mantra-]Leib; die höchste Gestalt aber durch [reine, wortlose] Hingabe (arpaṇa) – so ist, o Śivā, diese Verehrung bekannt. Die Vidyā, o Göttin, [besteht aus] den drei Keimsilben (bīja), mit dem vierten [pluta-]Laut als Scheitelkrone; die Eigengestalt eben dieses vierten [Lautes] aber wird als einer dreifachen Bindu-Gestalt gleich bezeichnet. Wer die Wesenseinheit dieser [Bindu-Dreiheit] mit der Göttin und ebenso mit dem [eigenen] Selbst des Sādhaka (Übenden) erkennt und ausspricht – [der pflege] diese seine eigene, heilvolle Meditation (bhāvanā), die großen Aufstieg bewirkt, o Weiser. Oben [visualisiere man] ein aus einem Punkt bestehendes Rad, unten ein aus zwei Punkten bestehendes; die Gestalt der beiden Brüste, und mit dem, was davon übrig bleibt, meditiere man die sechs Glieder (ṣaḍaṅga). Dies ist, wie richtig gesagt wird, eine vom Wesen des Windelements erfüllte Durchdringung; durch deren [meditatives] Erwecken im Herzen/Bewusstsein wird jenes Wesen (tattva) dem eigenen Selbst einverleibt. So endet im ehrwürdigen Ṣoḍaśanityā-Tantra, [überliefert] nach der Kādi-Schule, das mit "Die Verehrung Lalitās" (Lalitārcana) betitelte vierte Kapitel.

Verse 97-101 bilden den formelhaften Abschluss, der auch andere Kapitel dieses Textteils beschließt (nahezu wortgleich mit dem Ende von Paṭala 3): die Meditation über die drei Erscheinungsweisen der Göttin (grob/sthūla, fein/sūkṣma, höchste/para) und die abschließende Bhāvanā über die Wesenseinheit von Guru, Mantra und Gottheit anhand der Bindu-Symbolik des Pluta-Ekāra (ein rautenförmiges Zeichen aus einem oberen und zwei unteren Punkten samt Resten, das als 'Brüste' und 'sechs Glieder' gedeutet wird). Diese Schlussverse sind deutlich besser erhalten als die vorangehenden Mantra-Kapitel. Nach Vers 101 folgt im Original zunächst das kurze Wurzeltext-Kolophon (hier übersetzt), danach - hier nicht mehr als eigener Vers erfasst - ein weiterer Kommentarabschnitt zu den Versen 100-101 und der lange Kommentar-Kolophon des Subhagānandanātha, der das Kapitel als 'lalitānityārcanasaparyākramaprakāśanaparam' (die Darlegung des Ablaufs der Verehrung der Nityā Lalitā) bezeichnet und eine Verszahl-Angabe der Ausgabe für dieses Kapitel nennt (im OCR nicht mehr sicher lesbar).

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks