athāto lekhyarogapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Behandlung der *lekhya*-Augenkrankheiten (der Lidbindehautleiden, die ein Abschaben erfordern) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das dreizehnte Kapitel beschreibt detailliert das chirurgische Verfahren des Schabens (lekhya) bei den neun zuvor genannten Lidkrankheiten. Nach Ölung, Erbrechen und Abführung wird das nach außen gewendete Lid fixiert, angewärmt und mit dem Messer (śastra) sorgfältig geschabt, bis es glatt und „nagelglänzend“ erscheint; anschließend erfolgen Bähung, eine Bestreichung mit Realgar, Vitriol und Gewürzen sowie eine Wundbehandlung. Ausführlich werden die Zeichen für richtiges, unzureichendes und übermäßiges Schaben (atisrāvita) beschrieben, verbunden mit entsprechenden Korrekturmaßnahmen. Für einzelne Krankheitsbilder – etwa pothakī-Bläschen, das sandkornartige oder das lotoswurzelartige Lid – werden zusätzliche Techniken wie vorheriges Anritzen genannt, während frische, wenig entzündete Pusteln zunächst konservativ mit Schwitzung und Salbenauflage besänftigt werden sollen. Das Kapitel bietet damit eine anschauliche Anleitung zur handwerklichen Ausführung eines der zentralen kleinchirurgischen Verfahren der Augenheilkunde.
athāto lekhyarogapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Behandlung der *lekhya*-Augenkrankheiten (der Lidbindehautleiden, die ein Abschaben erfordern) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat:
nava ye'bhihitā lekhyāḥ sāmānyasteṣvayaṃ vidhiḥ snigdhavāntaviriktasya nivātātapasadmani
Für die neun genannten *lekhya*-Erkrankungen gilt gemeinsam folgendes Vorgehen: Der Patient, der geölt, zum Erbrechen und zur Abführung gebracht wurde, begebe sich in einen windgeschützten, nicht der Sonne ausgesetzten Raum.
āptairdṛḍhaṃ gṛhītasya veśmanyuttānaśāyinaḥ sukhodakaprataptena vāsasā susamāhitaḥ svedayedvartma nirbhujya vāmāṅguṣṭhāṅgulisthitam
Während er, von zuverlässigen Helfern fest gehalten, rücklings in diesem Raum liegt, erwärme man aufmerksam mit einem in angenehm warmem Wasser getränkten Tuch das nach außen gewendete Lid (*vartma*), das man mit Daumen und Fingern der linken Hand fixiert hält.
aṅgulyaṅguṣṭhakābhyāṃ tu nirbhugnaṃ vartma yatnataḥ plotāntarābhyāṃ na yathā calati sraṃsate'pi vā
Mit Finger und Daumen wende man das Lid sorgfältig nach außen, gehalten zwischen zwei Tuchlagen, so dass es sich weder verschiebt noch zurückgleitet.
tataḥ pramṛjya plotena vartma śastrapadāṅkitam likhecchastreṇa patrairvā tato rakte sthite punaḥ
Danach wische man mit dem Tuch das Lid ab, das nun die Ansatzstelle für das Messer trägt, und schabe es mit dem *śastra* (dem chirurgischen Messer) oder mit blattförmigen Instrumenten; ist danach das Blut zur Ruhe gekommen —
svinnaṃ manohvākāsīsavyoṣārdrāñjanasaindhavaiḥ ślakṣṇapiṣṭaiḥ samākṣīkaiḥ pratisāryoṣṇavāriṇā
– so bähe man es und bestreiche es mit einer fein verriebenen Mischung aus Manaḥśilā, Kāsīsa, Vyoṣa (den drei Scharfstoffen), frischem Ingwer, Rajanā und Saindhava, versetzt mit Mākṣika, aufgetragen mit warmem Wasser.
prakṣālya haviṣā siktaṃ vraṇavat samupācaret svedāvapīḍaprabhṛtīṃstryahādūrdhvaṃ prayojayet
Nachdem man die Stelle gewaschen und mit Ghṛta benetzt hat, behandle man sie wie eine gewöhnliche Wunde; Schwitzbehandlung, *avapīḍa* und dergleichen wende man erst ab dem dritten Tag an.
vyāsataste samuddiṣṭaṃ vidhānaṃ lekhyakarmaṇi asṛgāsrāvarahitaṃ kaṇḍūśophavivarjitam
Damit ist ausführlich das Verfahren für die *lekhya*-Behandlung dargelegt; ein gut geschabtes Lid ist frei von Blutausfluss sowie ohne Juckreiz und Schwellung.
samaṃ nakhanibhaṃ vartma likhitaṃ samyagiṣyate raktamakṣi sravet skannaṃ kṣatācchastrakṛtāddhruvam
Als richtig geschabt gilt ein Lid, das glatt und nagelglänzend geworden ist; aus der vom Messer gesetzten Wunde soll gewiss Blut fließen und dann gerinnen.
rāgaśophaparisrāvāstimiraṃ vyādhyanirjayaḥ vartma śyāvaṃ guru stabdhaṃ kaṇḍūharṣopadehavat
Rötung, Schwellung, übermäßiger Ausfluss, *timira* (Augentrübung) sowie das Fortbestehen der Krankheit sind Zeichen mangelhaften Schabens; ebenso ein bräunlich verfärbtes, schweres, starres Lid mit Juckreiz, Prickeln und Belag.
netrapākamudīrṇaṃ vā kurvītāpratikāriṇaḥ etaddurlikhitaṃ jñeyaṃ snehayitvā punarlikhet
– oder ein Lid, das bei einem unbehandelt gebliebenen Patienten eine Augeneiterung (*netrapāka*) hervorruft: All dies erkenne man als Zeichen ungenügenden Schabens; man öle es erneut und schabe es nochmals.
vyāvartate yadā vartma pakṣma cāpi vimuhyati syāt saruk srāvabahulaṃ tadatisrāvitaṃ viduḥ
Wenn sich das Lid nach außen umstülpt und auch die Wimpern sich lockern, wenn Schmerz besteht und reichlich Ausfluss auftritt, so gilt dies als Zeichen des Übermaßes beim Schaben (*atisrāvita*).
snehasvedādiriṣṭaḥ syāt kramastatrānilāpahaḥ vartmāvabandhaṃ kliṣṭaṃ ca bahalaṃ yacca kīrtitam
Hier ist das mit Ölung und Schwitzbehandlung beginnende, den *vāta* beseitigende Verfahren angezeigt; ebenso bei dem, was als *vartmāvabandha* (Verklebung des Lides), als leidvoll oder als verdickt bezeichnet wird.
pothakīścāpyavalikhet pracchayitvā'grataḥ śanaiḥ samaṃ likhettu medhāvī śyāvakardamavartmanī
Auch die *pothakī*-Bläschen schabe man ab, nachdem man sie zuvor sanft angeritzt hat; bei bräunlichem, schlammfarbenem Lid schabe der Kundige gleichmäßig.
kumbhīkinīṃ śarkarāṃ ca tathaivotsaṅginīmapi kalpayitvā tu śastreṇa likhet paścādatandri taḥ
Auch *kumbhīkinī*, *śarkarā* (körnige Verhärtung) und ebenso *utsaṅginī* (überhängende Wucherung) bereite man durch Anritzen vor und schabe sie danach unermüdlich mit dem Messer.
bhaveyurvartmasu ca yāḥ piḍakāḥ kaṭhinā bhṛśam hrasvāstāmrāśca tāḥ pakvā bhindyādbhinnā likhedapi
Die an den Lidern auftretenden Pusteln, die sehr hart, klein und kupferfarben sind, öffne man, sobald sie gereift sind, und schabe sie nach der Öffnung nach.
taruṇīścālpasaṃrambhā piḍakā bāhyavartmajāḥ viditvaitāḥ praśamayet svedālepanaśodhanaiḥ
Erkennt man dagegen frische, wenig entzündete Pusteln, die am äußeren Lidrand entstanden sind, so besänftige man sie mit Schwitzbehandlung, Salbenauflage und reinigenden Mitteln.