athāto mūrcchāpratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Behandlung der *mūrcchā* (Bewusstlosigkeit) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das Kapitel über mūrcchā, die Bewusstlosigkeit, unterscheidet sechs Formen: die drei doṣa-bedingten sowie eine durch Blut, eine durch Wein (madya) und eine durch Gift (viṣa) verursachte, wobei stets Pitta als vorherrschend gilt. Charakteristisch ist die Erklärung über verschlossene Bewusstseinskanäle (nāḍī), durch die Lust und Schmerz gleichermaßen erlöschen, sowie die differentialdiagnostische Beschreibung – erstarrte Glieder bei Blut-mūrcchā, wirres Reden bei Wein-mūrcchā, Zittern bei Gift-mūrcchā. Behandelt wird vor allem kühlend: Begießungen, Edelsteine, Perlenketten, süße Getränke aus Drākṣā, Dattel und Zuckerrohrsaft sowie lebenskräftigende ghṛta-Zubereitungen. Für tiefe, kaum erweckbare Bewusstlosigkeit werden drastischere Maßnahmen wie Nagelstiche, scharfe Augensalben und Musik beschrieben, während ein Vergleich mit einer im Wasser zerfallenden ungebrannten Erdscholle die Dringlichkeit des ärztlichen Eingreifens veranschaulicht. Bei Gift-bedingter mūrcchā wird stets ein Gegengift gefordert.
| Form | Kennzeichen |
|---|---|
| vāta-, pitta-, kapha-mūrcchā | Kennzeichen wie bei apasmāra (Epilepsie) beschrieben (dort nachzulesen) |
| rakta-mūrcchā | durch Blut(-geruch): starre Glieder, starrer Blick, kaum wahrnehmbarer Atem |
| madya-mūrcchā | durch Wein: schwatzend, Geist verloren und verwirrt, wirft die Glieder umher |
| viṣa-mūrcchā | durch Gift: Zittern, Schläfrigkeit, Durst, Erstarrung |
athāto mūrcchāpratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Behandlung der *mūrcchā* (Bewusstlosigkeit) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So, wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.
kṣīṇasya bahudoṣasya viruddhāhārasevinaḥ vegāghātādabhīghātāddhīnasattvasya vā punaḥ
Bei einem geschwächten Menschen, bei einem, dessen *doṣas* (Körpersäfte: Vāta, Pitta und Kapha) stark vermehrt sind, bei einem, der widersprüchliche Speisen zu sich nimmt, bei einem, der natürliche Dranggefühle unterdrückt hat, bei einem, der eine Verletzung erlitten hat, oder auch bei einem, dessen *sattva* (Lebenskraft, seelische Widerstandskraft) geschwächt ist —
karaṇāyataneṣūgrā bāhyeṣvābhyantareṣu ca niviśante yadā doṣāstadā mūrcchanti mānavāḥ
— wenn sich bei solchen Menschen die *doṣas* heftig in den Sitzen der Sinnesorgane festsetzen, den äußeren wie den inneren, dann verfallen die Menschen der *mūrcchā*.
hṛtpīḍā jṛmbhaṇaṃ glāniḥ saṃjñānāśo balasya ca sarvāsāṃ pūrvarūpāṇi yathāsvaṃ tā vibhāvayet
Ein Druckgefühl im Herzen, Gähnen, Mattigkeit sowie der Verlust von Bewusstsein und Kraft — dies sind, je nach Art, die Vorzeichen aller Formen der *mūrcchā*; man erkenne sie entsprechend.
saṃjñāvahāsu nāḍīṣu pihitāsvanilādibhiḥ tamo'bhyupaiti sahasā sukhaduḥkhavyapohakṛt
Wenn die bewusstseinsleitenden Kanäle (*nāḍī*) von *vāta* und den anderen *doṣas* verschlossen werden, überkommt den Menschen plötzlich eine Finsternis, die Lust und Schmerz gleichermaßen auslöscht.
sukhaduḥkhavyapohācca naraḥ patati kāṣṭhavat moho mūrccheti tāṃ prāhuḥ ṣaḍvidhā sā prakīrtitā
Weil Lust und Schmerz erlöschen, fällt der Mensch nieder wie ein Holzscheit; diese Verwirrung nennt man *mūrcchā*, und sie wird als sechsfach beschrieben.
vātādibhiḥ śoṇitena madyena ca viṣeṇa ca ṣaṭsvapyetāsu pittaṃ hi prabhutvenāvatiṣṭhate
Sie entsteht durch *vāta* und die übrigen *doṣas*, durch Blut, durch *madya* (Wein) und durch *viṣa* (Gift); doch in allen sechs Formen ist es das *pitta*, das die Vorherrschaft innehat.
apasmāroktaliṅgāni tāsāmuktāni tattvataḥ pṛthivyambhastamorūpaṃ raktagandhaśca tanmayaḥ
Die bei *apasmāra* (Epilepsie) genannten Kennzeichen gelten der Wahrheit nach auch für diese Formen der *mūrcchā*. Die durch Blut verursachte *mūrcchā* besteht in ihrem Wesen aus Erde, Wasser und Finsternis, und der Geruch des Blutes gehört zu ihrer Natur.
tasmādra ktasya gandhena mūrcchanti bhuvi mānavāḥ dra vyasvabhāva ityeke dṛṣṭvā yadabhimuhyati
Deshalb verfallen die Menschen auf Erden durch den Geruch von Blut der *mūrcchā*; manche sagen, es sei die Eigenart des Stoffes selbst, wenn jemand schon beim bloßen Anblick die Besinnung verliert.
guṇāstīvrataratvena sthitāstu viṣamadyayoḥ ta eva tasmājjāyeta mohastābhyāṃ yatheritaḥ
Die gleichen Eigenschaften, nur in gesteigerter Schärfe, liegen in *viṣa* und *madya* vor; daher entsteht durch beide auf die genannte Weise die Verwirrung.
stabdhāṅgadṛṣṭistvasṛjā gūḍhocchvāsaśca mūrcchitaḥ madyena vilapaṃśchete naṣṭavibhrāntamānasaḥ gātrāṇi vikṣipan bhūmau jarāṃ yāvanna yāti tat
Wer durch Blut in *mūrcchā* fällt, hat starre Glieder und einen starren Blick sowie einen kaum wahrnehmbaren Atem; wer durch *madya* bewusstlos wird, liegt schwatzend da, den Geist verloren und verwirrt, und wirft die Glieder auf dem Boden umher, bis dieser Zustand abklingt.
vepathusvapnatṛṣṇāḥ syuḥ stambhaśca viṣamūrcchite veditavyaṃ tīvrataraṃ yathāsvaṃ viṣalakṣaṇaiḥ
Bei der durch *viṣa* verursachten *mūrcchā* treten Zittern, Schläfrigkeit, Durst und Erstarrung auf; ihre jeweils stärkere Ausprägung erkenne man an den Kennzeichen der jeweiligen Giftart.
sekāvagāhau maṇayaḥ sahārāḥ śītāḥ pradehā vyajanānilāśca śītāni pānāni ca gandhavanti sarvāsu mūrcchāsvanivāritāni
Begießungen und Bäder, Edelsteine und Perlenketten, kühlende Salbenauflagen, das Fächeln kühler Luft sowie kühle, wohlriechende Getränke sind bei allen Formen der *mūrcchā* ohne Einschränkung anzuwenden.
sitāpriyālekṣurasaplutāni drā kṣāmadhūkasvarasānvitāni kharjūrakāśmaryarasaiḥ śṛtāni pānāni sarpīṃṣi ca jīvanāni
Getränke, die mit Zucker, *priyāla*-Samen (einer Mandelfrucht) und Zuckerrohrsaft angereichert sind, die den Saft von *drākṣā* (Weintrauben) und *madhūka* (Mahua-Baum) enthalten, die mit dem Saft von *kharjūra* (Dattel) und *kāśmarya* gekocht sind, sowie lebenskräftigende *ghṛta*-Zubereitungen (geklärte Butter) sind zu geben.
siddhāni varge madhure payāṃsi sadāḍimā jāṅgalajā rasāśca tathā yavā lohitaśālayaśca mūrcchāsu pathyāśca sadā satīnāḥ
Milch, gekocht mit Kräutern der süßen Gruppe, dazu *dāḍima* (Granatapfel), Fleischsäfte von Wildtieren (*jāṅgala*), ferner *yava* (Gerste) und roter *śāli*-Reis sind bei *mūrcchā* stets als bekömmlich anzusehen, ebenso *satīnā*-Hülsenfrüchte.
bhujaṅgapuṣpaṃ maricānyuśīraṃ kolasya madhyaṃ ca pibet samāni śītena toyena bisaṃ mṛṇālaṃ kṣaudre ṇa kṛṣṇāṃ sitayā ca pathyām
Man trinke *bhujaṅgapuṣpa* (Gewürznelke), *marica* (Pfeffer), *uśīra* (Vetiver) und den Kern der *kola*-Frucht (Brustbeere) zu gleichen Teilen mit kühlem Wasser, dazu *bisa* und *mṛṇāla* (Lotuswurzel und -stängel) mit Honig, sowie *kṛṣṇā* (Langpfeffer) und *pathyā* (Myrobalane) mit Zucker.
kuryācca nāsāvadanāvarodhaṃ kṣīraṃ pibedvā'pyatha mānuṣīṇām mūrcchāṃ prasaktāṃ tu śirovirekairjayedabhīkṣṇaṃ vamanaiśca tīkṣṇaiḥ
Auch verschließe man Nase und Mund, oder man lasse Frauenmilch trinken; anhaltende *mūrcchā* aber bezwinge man wiederholt durch *śirovireka* (Kopf- bzw. Nasenreinigung) und durch scharfe *vamana*-Mittel (Brechmittel).
harītakīkvāthaśṛtaṃ ghṛtaṃ vā dhātrīphalānāṃ svarasaiḥ kṛtaṃ vā drā kṣāsitādāḍimalājavanti śītāni nīlotpalapadmavanti
Man gebe *ghṛta*, gekocht mit einem *kvātha* (Absud) von *harītakī* (Myrobalane), oder mit dem frischen Saft von *dhātrī*-Früchten (Amla) bereitet, sowie kühlende Getränke mit *drākṣā*, Zucker, *dāḍima* und geröstetem Getreide (*lāja*), versetzt mit blauem Lotus (*nīlotpala*) und Lotusblüten (*padma*).
pibet kaṣāyāṇi ca gandhavanti pittajvaraṃ yāni śamaṃ nayanti prabhūtadoṣastamaso'tirekāt saṃmūrcchito naiva vibudhyate yaḥ
Man trinke wohlriechende *kaṣāya* (Absude), die auch das *pitta*-Fieber zur Ruhe bringen. Wer aber, von einem Übermaß an *doṣas* und Finsternis überwältigt, so tief in *mūrcchā* versunken ist, dass er sich gar nicht mehr erweckt —
saṃnyastasaṃjño bhṛśaduścikitsyo jñeyastadā buddhimatā manuṣyaḥ yathā''maloṣṭaṃ salile niṣiktaṃ samuddharedāśvavilīnameva
— wer also alles Bewusstsein abgelegt hat, den erkenne der kluge Arzt als sehr schwer zu behandeln; er gleicht einer ungebrannten Erdscholle, die man aus dem Wasser, in das sie geworfen wurde, herausholen muss, ehe sie sich vollends auflöst.
tadvaccikitsettvarayā bhiṣaktamasvedanaṃ mṛtyuvaśaṃ prayātam tīkṣṇāñjanābhyañjanadhūmayogaistathā nakhābhyantaratotrapātaiḥ
Ebenso behandle der Arzt eilends den, der ohne Schweißausbruch der Macht des Todes bereits anheimgefallen ist — mit scharfen *añjana*-Salben (Augensalben), Einreibungen, Räucherungen sowie mit Stichen unter die Nägel.
vāditragītānunayairapūrvairvighaṭṭanairguptaphalāvagharṣaiḥ ābhiḥ kriyābhiśca na labdhasaṃjñaḥ sānāhalālāśvasanaśca varjyaḥ
Man versuche, ihn mit Musik, Gesang und freundlichem Zureden, mit ungewohnten Reizen sowie durch das Reiben mit *gupta*-Frucht (Juckbohne) zu erwecken; wer durch diese Maßnahmen das Bewusstsein nicht wiedererlangt und bei dem sich Aufblähung, Speichelfluss und rasselnder Atem einstellen, ist aufzugeben.
prabuddhasaṃjñaṃ vamanānulomyaistīkṣṇairviśuddhaṃ laghupathyabhuktam phalatrikaiścitrakanāgarāḍhyaistathā'śmajātājjatunaḥ prayogaiḥ saśarkarairmāsamupakrameta viśeṣato jīrṇaghṛtaṃ sa pāyyaḥ
Wer aber das Bewusstsein wiedererlangt hat, den reinige man mit scharfen *vamana*- und Abführmitteln und lasse ihn leichte, bekömmliche Kost zu sich nehmen; einen Monat lang behandle man ihn mit Zubereitungen aus den drei Myrobalanen (*phalatrika*), reich an *citraka* und *nāgara* (Ingwer), sowie mit *śilājatu* (Mineralharz), jeweils mit Zucker versetzt; besonders zu geben ist ihm gereiftes *ghṛta*.
yathāsvaṃ ca jvaraghnāni kaṣāyāṇyupayojayet sarvamūrcchāparītānāṃ viṣajāyāṃ viṣāpaham
Ferner wende man je nach Fall fiebersenkende *kaṣāya* an; bei allen von *mūrcchā* Befallenen gilt: in der durch *viṣa* entstandenen Form ist stets ein Gegengift zu geben.