Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 27: navagrahākṛtivijñānīyo Die Gestalten der neun Kindergreifgeister (Navagraha)

Das siebenundzwanzigste Kapitel eröffnet den kinderheilkundlich-dämonologischen Abschnitt des Uttaratantra mit der Lehre von den neun bālagraha, kindbefallenden Greifgeistern: skandagraha, skandāpasmāra (ein krampfartiger Zustand), śakunī, revatī, pūtanā, andhapūtanā, śītapūtanā, mukhamaṇḍikā und naigameṣa (auch pitṛgraha genannt). Als Ursachen gelten Verfehlungen gegenüber Amme oder Mutter, mangelnde rituelle Reinheit sowie das Erschrecken oder Schlagen des Kindes; die unsichtbaren, gestaltwandelnden Geister suchen dabei Verehrung. Für jeden der neun graha werden charakteristische körperliche Zeichen beschrieben – etwa Bewusstlosigkeit und Schaum vor dem Mund bei skandāpasmāra, nässende Bläschen bei śakunī, ein krähenartiger Geruch bei pūtanā oder anhaltendes Fieber mit Mundfäule bei revatī –, verbunden mit einer klaren Prognose zwischen heilbaren und tödlich verlaufenden Fällen. Die vorgeschlagene Behandlung ist rituell: Einölung mit altem Ghee, das Verstreuen von Senfkörnern, eine Feueropferung an Agni und die Kṛttikās sowie ein Gebet an den Gott Skanda, den Herrn der graha. Das Kapitel zeigt damit, wie die klassische Ayurveda-Kinderheilkunde bestimmte, medizinisch nicht eindeutig fassbare Säuglingskrankheiten in ein dämonologisch-religiöses Deutungs- und Behandlungssystem einordnet.

Die neun Kindergreifgeister (bālagraha) (Vers 4–17)
GrahaKennzeichen
Skandagrahageschwollene Augen, Blutgeruch, verzerrtes Gesicht, zuckende Wimpern, wenig Weinen, harter Stuhlgang
SkandāpasmāraBewusstlosigkeit mit Krampfanfall, Schreien, Schaum vor dem Mund, unwillkürlicher Kot- und Harnabgang
Śakunīschlaffe Glieder, ängstliches Zittern, Vogelgeruch, nässende, brennende und eiternde Bläschen
Revatīrotes Gesicht, grünlicher Stuhl, Fieber, schmerzhafte Mundfäule
Pūtanādünnflüssiger, krähenartig riechender Stuhl, Erbrechen, gesträubte Körperhaare, starker Durst
AndhapūtanāVerweigerung der Brust, fieberbegleiteter Durchfall, Husten, Schluckauf, Erbrechen, säuerlicher Geruch
ŚītapūtanāUnruhe, heftiges Zittern, vieles Weinen, kollernder Bauch, starker Durchfall
Mukhamaṇḍikāmatte Glieder, glänzende Hände/Füße/Gesicht, großer Appetit, Uringeruch
NaigameṣaSchaumerbrechen, Krümmen der Körpermitte, anhaltendes Fieber, Geruch nach Fett und Blut, Bewusstlosigkeit
Zur Abwehrbehandlung des jeweiligen graha siehe die folgenden neun Kapitel (28–36).

athāto navagrahākṛtivijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Erkenntnis der Gestalten der neun *graha* (Kindergreifgeister, dämonische Krankheitsverursacher) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

bālagrahāṇāṃ vijñānaṃ sādhanaṃ cāpyanantaram utpattiṃ kāraṇaṃ caiva suśrutaikamanāḥ śṛṇu

Höre, Suśruta, aufmerksamen Geistes, sogleich die Erkenntnis der *bālagraha* (Kindergreifgeister), ihre Behandlung, ihre Entstehung und ihre Ursache.

skandagrahastu prathamaḥ skandāpasmāra eva ca śakunī revatī caiva pūtanā cāndhapūtanā

Der erste ist der *skandagraha*, sodann der *skandāpasmāra* (der Gefährte Skandas, ein anfallartiger, krampfähnlicher Zustand), *śakunī*, *revatī*, *pūtanā* und *andhapūtanā*,

pūtanā śītanāmā ca tathaiva mukhamaṇḍikā navamo naigameṣaśca yaḥ pitṛgrahasaṃjñitaḥ

— die als *śītapūtanā* benannte *pūtanā*, ebenso *mukhamaṇḍikā*, und als neunter *naigameṣa*, der auch *pitṛgraha* genannt wird.

dhātrīmātroḥ prākpradiṣṭāpacārācchaucabhraṣṭānmaṅgalācārahīnān trastān hṛṣṭāṃstarjitān tāḍitān vā pūjāhetorhiṃsyurete kumārān

Wegen früherer Verfehlungen gegenüber Amme und Mutter, wegen mangelnder Reinheit, wegen Unterlassung heilbringender Riten, sowie erschreckte, übermütige, gescholtene oder geschlagene Kinder befallen diese *graha*, um Verehrung zu erlangen, mit Schaden.

eśvaryasthāste na śakyā viśanto dehaṃ dra ṣṭuṃ mānuṣairviśvarūpāḥ āptaṃ vākyaṃ tatsamīkṣyābhidhāsye liṅgānyeṣāṃ yāni dehe bhavanti

Diese, in göttlicher Machtstellung befindlich, sind, während sie in den Körper eindringen, von Menschen nicht wahrzunehmen, da sie beliebige Gestalt annehmen. Nachdem ich die überlieferte Lehre geprüft habe, werde ich nun die Zeichen darlegen, die sich an ihrem Körper zeigen.

śūnākṣaḥ kṣatajasagandhikaḥ stanadviḍ vakrāsyo hatacalitaikapakṣmanetraḥ udvignaḥ sululitacakṣuralparodī skandārto bhavati ca gāḍhamuṣṭivarcāḥ

Geschwollene Augen, ein Geruch wie von Blut, Abneigung gegen die Brust, ein verzerrtes Gesicht, ein Auge mit gelähmten, zuckenden Wimpern, Unruhe, ein anmutig-unstetes Augenspiel, wenig Weinen und fest geballte Fäuste sowie harter Stuhlgang — so ist das Kind, das von *skanda* befallen ist.

niḥsaṃjño bhavati punarbhavetsasaṃjñaḥ saṃrabdhaḥ karacaraṇaiśca nṛtyatīva viṇmūtre sṛjati vinadya jṛmbhamāṇaḥ phenaṃ ca prasṛjati tatsakhābhipannaḥ

Es wird bewusstlos und kommt dann wieder zu Bewusstsein, ist erregt und scheint mit Händen und Füßen zu tanzen; es lässt Kot und Harn ab, schreit dabei laut, gähnt und schäumt vor dem Mund — so ist das Kind, das vom Gefährten des *skanda* (*skandāpasmāra*) befallen ist.

srastāṅgo bhayacakito vihaṅgagandhiḥ saṃsrāvivraṇaparipīḍitaḥ samantāt sphoṭaiśca pracitatanuḥ sadāhapākairvijñeyo bhavati śiśuḥ kṣataḥ śakunyā

Schlaffe Glieder, ängstliches Zittern, ein Geruch wie von einem Vogel, von nässenden Wunden ringsum geplagt, der Körper übersät mit Bläschen, die brennen und eitern — so erkenne man das von *śakunī* verletzte Kind.

raktāsyo haritamalo'tipāṇḍudehaḥ śyāvo vā jvaramukhapākavedanārtaḥ revatyā vyathitatanuśca karṇanāsaṃ mṛdnāti dhruvamabhipīḍitaḥ kumāraḥ

Ein rotes Gesicht, grünlicher Stuhl, ein überaus blasser oder bräunlicher Körper, gequält von Fieber und schmerzhafter Mundfäule — das von *revatī* gepeinigte Kind reibt sich sicher unentwegt gequält an Ohr und Nase.

srastāṅgaḥ svapiti sukhaṃ divā na rātrau viḍ bhinnaṃ sṛjati ca kākatulyagandhiḥ chardyā'to hṛṣitatanūruhaḥ kumārastṛṣṇālurbhavati ca pūtanāgṛhītaḥ

Mit schlaffen Gliedern schläft es angenehm tagsüber, nicht aber nachts; es hat dünnflüssigen Stuhl und riecht wie eine Krähe; durch Erbrechen sträuben sich seine Körperhaare, und das von *pūtanā* ergriffene Kind wird von starkem Durst geplagt.

yo dveṣṭi stanamatisārakāsahikkacchardībhirjvarasahitābhirardyamānaḥ durvarṇaḥ satatamadhaḥśayo'mlagandhistaṃ brūyurbhiṣaja ihāndhapūtanārtam

Wer die Brust verweigert, von fieberbegleitetem Durchfall, Husten, Schluckauf und Erbrechen gequält wird, eine schlechte Hautfarbe hat, ständig nach unten gebeugt liegt und säuerlich riecht — den, so sagen hier die Ärzte, hat *andhapūtanā* befallen.

udvigno bhṛśamativepate prarudyāt saṃlīnaḥ svapiti ca yasya cāntrakūjaḥ visrāṅgo bhṛśamatisāryate ca yastaṃ jānīyādbhiṣagiha śītapūtanārtam

Wer unruhig ist, heftig zittert, viel weint, in sich zusammengekauert schläft, dessen Bauch laut kollert und der übermäßig an Durchfall leidet, mit ausgestreckten Gliedern — den erkenne der Arzt hier als von *śītapūtanā* befallen.

mlānāṅgaḥ surucirapāṇipādavaktro bahvāśī kaluṣasirāvṛtodaro yaḥ sodvego bhavati ca mūtratulyagandhiḥ sa jñeyaḥ śiśuriha vaktramaṇḍikārtaḥ

Ein Kind mit matten Gliedern, aber glänzenden Händen, Füßen und Gesicht, das viel isst, dessen Bauch von trüben Adern durchzogen ist, das unruhig ist und wie Urin riecht — dieses gilt hier als von *mukhamaṇḍikā* befallen.

yaḥ phenaṃ vamati vinamyate ca madhye sodvegaṃ vilapati cordhvamīkṣamāṇaḥ jvaryeta pratatamatho vasāsagandhirniḥsaṃjño bhavati hi naigameṣajuṣṭaḥ

Wer Schaum erbricht, sich in der Körpermitte krümmt, unruhig wehklagt, dabei nach oben starrt, anhaltend fiebert, nach Fett und Blut riecht und bewusstlos wird — so ist das von *naigameṣa* befallene Kind.

prastabdho yaḥ stanadveṣī muhyate cāviśanmuhuḥ taṃ bālamacirāddhanti grahaḥ saṃpūrṇalakṣaṇaḥ

Wer erstarrt ist, die Brust verweigert und wiederholt in Ohnmacht fällt — dieses Kind tötet der *graha*, wenn all seine Zeichen vollständig ausgeprägt sind, in kurzer Zeit.

viparītamataḥ sādhyaṃ cikitsedacirārditam gṛhe purāṇahaviṣā'bhyajya bālaṃ śucau śuciḥ

Zeigt sich das Gegenteil, so ist der Fall heilbar; man behandle das noch nicht lange gequälte Kind. Im Haus salbe man das Kind mit altem Ghee ein, wobei man selbst rein sei und der Ort rein;

sarṣapān prakiretteṣāṃ tailairdīpaṃ ca kārayet sadā sannihitaṃ cāpi juhuyāddhavyavāhanam

— man streue Senfkörner umher, mache mit deren Öl eine Lampe, und opfere fortwährend in ein stets bereitstehendes Feuer.

sarvagandhauṣadhībījairgandhamālyairalaṅkṛtam agnaye kṛttikābhyaśca svāhā svāheti saṃtatam

Mit allen duftenden Kräutersamen, mit Duftstoffen und Blumengirlanden geschmückt, opfere man fortwährend dem Feuergott Agni und den Kṛttikās mit den Worten 'svāhā, svāhā'.

namaḥ skandāya devāya grahādhipataye namaḥ śirasā tvā'bhivande'ha pratigṛhṇīṣva me balim nīrujo nirvikāraśca śiśurme jāyatāṃ drutam

'Verehrung dem Gott Skanda, Verehrung dem Herrn der *graha*! Mit gesenktem Haupt verneige ich mich vor dir hier — nimm mein Opfer an! Möge mein Kind rasch gesund und frei von Störung werden.'

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